zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

Die neuesten Kommentare


Zur vorherigen / nächsten Nachricht

Zu den Kommentaren zu dieser Nachricht | einen Kommentar dazu schreiben


27.10.2004
 

„García Márquez se ha vuelto loco“
Eine Rechtschreibdebatte auf spanisch

Kein Geringerer als Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez war es, der einmal eine Vereinfachung der spanischen Orthographie forderte – 1997, beim ersten Congreso Internacional de la Lengua Española in Zacatecas (Mexiko).

Es war keine sonderlich gut überlegte Forderung. Nobelpreis hin oder her – es wandten sich todos contra García Márquez. Die spanischsprachige Welt war sich sofort darin einig, daß dirigistische Eingriffe in die Orthographie abzulehnen sind. Zum 3. Internationalen Kongreß für die spanische Sprache, der in drei Wochen in Rosario (Argentinien) stattfindet, wurde Marquéz (hier wenigstens mal ein Artikel auf englisch) jetzt nicht einmal mehr eingeladen.

Woran man wieder sieht: Spanisch ist eine Weltsprache (im Unterschied etwa zu Deutsch).


Link: http://www.elcastellano.org/gm.html


Diesen Beitrag drucken.


Kommentare zu »„García Márquez se ha vuelto loco“«
Kommentar schreiben | älteste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von Germanist, verfaßt am 25.10.2013 um 20.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#9645

Ich vermute, daß die Endbetonung von manchen mehrsilbigen spanischen Substantiven und Adjektiven daher kommt, daß im Altkastilischen die lateinischen Deklinationsendungen verlorengegangen sind. Ebenso ist die lateinische Infinitivendung "-e" verlorengegangen.
Vergleichbares ist nachweislich im Altfranzösischen geschehen.
Im Katalanischen und Okzitanischen ist der gleiche Effekt zu beobachten.


Kommentar von R. M., verfaßt am 23.10.2013 um 22.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#9642

Es handelt sich lediglich um eine orthographische Regel. Mit den Lautgesetzen der spanischen Sprache hat sie nicht viel zu tun, denn es gibt ja sehr viele Wörter, die mit einem n, s oder z (!) enden und (trotzdem) auf der letzten Silbe betont werden.


Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 23.10.2013 um 19.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#9641

Das sieht man mal wieder, wie verwickelt es wird, wenn man eine Regel richtig formulieren will. Mir ging es ja auch nur darum, daß der Spanischdozent etwas zu naßforsch an die Sache heranging. Wörter auf andere Konsonanten als -l, -n, -r oder -s (und dazu noch mehrsilbige) sind allerdings selten, mir fällt spontan keins ein.


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 23.10.2013 um 02.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#9640

Und die Südamerikaner sprechen manche Buchstaben anders aus als die Spanier und manchmal Endungen gar nicht, obwohl sie es ebenfalls Castellano nennen.

"Nosotros hablamos castellano." Das ist aber zumindest in Argentinien als Witz zu verstehen. Dort wird das Doppel-l in castellano nämlich als weiches "sch" gesprochen, nicht als "j" wie auf castellano.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.10.2013 um 02.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#9639

Die besonderen Konsonanten sind nicht l und r, sondern n und s. Die Regel:

Die Betonung liegt auf der vorletzten Silbe, wenn das Wort auf Vokal oder -n oder -s endet, sonst auf der letzten Silbe. In allen davon abweichenden Fällen zeigt der Akzent die Betonung an.


Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 22.10.2013 um 19.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#9638

Jaja, es ging ja nur darum, daß die angebotene "Regel" allzu verkürzt ist, ähnlich wie das berüchtigte pseudo-heysesche "nach Kurzvokal ss". Die Betonungsregel für das Spanische müßte zumindest lauten: Wörter auf -l oder -r sind endbetont, alle anderen auf der vorletzten Silbe, falls nicht ein Akzent etwas anderes anzeigt.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.10.2013 um 18.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#9637

Bevor es ans Schreiben geht, müssen immer erst die Ausspracheregeln gelernt werden. In den neulateinischen Sprachen gibt es unterschiedliche Lösungen, die Konsonantenerweichung vor hellen Vokalen unwirksam zu machen und gewollte Konsonantenerweichung vor dunklen Vokalen darzustellen. Manche Wörter sind mit und ohne Akzent unterschiedliche Wortarten mit unterschiedlichen Bedeutungen wie cómo wie? und como wie und más mehr und mas aber. Mit unseren eingedeutschten Schreibweisen werden wir im Ausland ausgelacht. Und die Südamerikaner sprechen manche Buchstaben anders aus als die Spanier und manchmal Endungen gar nicht, obwohl sie es ebenfalls Castellano nennen.


Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 21.10.2013 um 15.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#9636

"Erste Spanischstunde..." – sehr schön und motivierend, aber leider zu kurz gegriffen. Nach dieser Regel wird man schon an Wörtern wie especial, seguir, higuero scheitern, auch mit Ortsnamen wie Uxmal, Hellín oder Camagüey (nanü?) wird man Schwierigkeiten haben. Und warum schreibt man vigía (mit Akzent auf der vorletzten Silbe)? Schreibungen wie cómo oder más bedürfen ohnehin einer gesonderten Erklärung.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.10.2013 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#9635

In der ersten Spanisch-Stunde sagte der Dozent: "Man schreibt wie man spricht, alle Vokale sind kurz, Doppelkonsonanten sind selten, es gibt ein paar Sonderzeichen und wenn nicht die vorletzte Silbe betont wird, steht ein Akzent."


Kommentar von Sprachwissenschaftler, verfaßt am 28.12.2005 um 22.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#2611

Daß Spanisch eine phonologische Rechtschreibung hat, gilt streng nur für das Zentrum und den Norden Spaniens, aber schon nicht mehr für Andalusien und schon gar nicht für Süd- und Mittelamerika. Als anschaulicher Beweis kann der cubanische Kinofilm "Buena Vista Social Club" gelten, in dem das -s im Wort- oder Silbenauslaut als h oder gar nicht gesprochen wird. Weitere Stichworte für das amerikanische Spanisch und teilweise auch für das Andalusische: (Aussprache in eckigen Klammern)
Seseo: quince [kinse], corazón [korason], cielo [sjelo]; das Phonem [th] existiert im amerikanischen Spanisch nicht;
Yeismo: caballo [kabajo];
Zeismo, Seismo;
caja [caha], bajar [bahar];
libros [libroh], este [ehte], estas casas [ehtah kasah];
cuerpo [kwelpo], suerte [swelte];
algunos [argunoh], falta [farta].


Kommentar von Neue Zürcher Zeitung, verfaßt am 27.12.2005 um 11.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#2601

»Ein Laut, ein Buchstabe?
Einfach, doch inkonsequent - die spanische Orthographie


Unter den Weltsprachen distinguiert sich das Spanische durch seine unkomplizierte, weitgehend phonologische Rechtschreibung. Bestrebungen, diese der gesprochenen Sprache noch konsequenter anzupassen, werden indessen von der Real Academia Española seit fast zweihundert Jahren abgeblockt.

Um sich ein Bild spanischer Rechtschreibekünste bzw. -schwächen zu machen, genügt ein Blick auf Mauerkritzeleien und handschriftliche Anschläge. Selten einmal sind solch anonyme Inschriften ganz fehlerfrei: Hier wird ein stummes h vermisst, da steht ein z, wo ein c hingehört. Dabei muss Franzosen, Engländern, aber auch reformgeplagten Deutschen, die Spanisch lernen, dessen Orthographie verglichen mit ihrer Muttersprache als ein Kinderspiel erscheinen. Der Grund für die Patzer, die spanischsprachigen Schreibern unterlaufen, ist fast immer derselbe. Einerseits scheint ihnen das orthographische System zu sagen: Schreibe so, wie du sprichst. Dialektale und regionale Abweichungen liegen eher im Tonfall, im Timbre, als in der Lautfolge. Ob für einen bolivianischen Bauern oder für einen Professor aus Salamanca, die spanische Schrift kommt einem rein phonologisch begründeten Regelwerk verführerisch nahe. Anderseits jedoch vermochte sich die Real Academia Española, deren erstes Wörterbuch 1741 erschien, nie dazu durchzuringen, sämtliche Überreste etymologisch begründeter oder allein durch ihren Gebrauch gerechtfertigter Schreibweisen auszumerzen.

Im Vorwort zur vorläufig letzten, einundzwanzigsten Ausgabe ihres Wörterbuchs gibt die Königliche Akademie dafür eine nicht recht einleuchtende Erklärung. Der Elan, mit dem sie selbst in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens manche Vereinfachungen durchsetzte - schon mit der ersten Ausgabe des Diccionario fiel etwa das ph -, erlahmte nach der achten Ausgabe (1815) und kam 1844 fast vollständig zum Erliegen. Das Vorpreschen einer Gruppe von Madrider Lehrern, die eine radikal dem Lautstand der Sprache angepasste Orthographie zu unterrichten begonnen hatten, veranlasste damals das Königshaus, die Normen der Akademie für allein verbindlich zu erklären. Unklar bleibt hingegen, weshalb deren Mitglieder sich hinfort und bis auf den heutigen Tag jenen Neuerungen verschlossen haben, zu denen sie laut dem besagten Vorwort damals, vor 160 Jahren, selbst neigten.

Einheit und Dissidenz

Hätten sie sich durchgesetzt, so verfügte Spanisch heute über eine Orthographie, in der jedem Laut exakt ein Buchstabe entspräche: eine kaum von einer andern Sprache erreichte Übereinstimmung von mündlicher und schriftlicher Diktion. Spanisch wäre so leicht zu schreiben, wie es jetzt schon für jeden, der die Grundregeln der Aussprache kennt, zu lesen ist. An die Stelle des gutturalen g (wie in «gente») wäre durchweg das gleich lautende j getreten: «jente». Der Buchstabe g wäre so dem stimmlosen g vorbehalten geblieben und das stumme u (wie in «guerra») weggefallen: «gerra», während die Diärese von «vergüenza» auch als «verguenza» ausser Zweifel stünde. Wo y als Vokal gebraucht wird, wäre es durch i ersetzt worden: «lei» statt «ley». Als Konsonant hätte y hingegen das ll überflüssig gemacht: «yama» statt «llama». Das durchweg stumme h wäre getilgt worden («acer» statt «hacer»), ebenso v, das längst von allen Spanischsprachigen genau wie b ausgesprochen wird: «banguardia», «bida» und «rrebólber» wären wohl anfangs etwas gewöhnungsbedürftig gewesen. Bliebe die Frage der Buchstaben c, s und z: z könnte das gelispelte c (wie in «cerveza») ohne weiteres ersetzen: «zerveza». Wobei zu bedenken ist, dass neun von zehn Spanischsprachigen, nämlich sämtliche Lateinamerikaner, ohnehin «servesa» sagen - für sie ist im Grunde auch das z ein überflüssiger Luxus. Die genannten Neuerungsvorschläge wurden erstmals um 1835 von dem in Venezuela geborenen, später in Chile tätigen Gelehrten Andrés Bello formuliert. Sie führten - im schon erwähnten Jahr 1844 - zur ersten und einzigen orthographischen Aufspaltung des Spanischen. Chile hielt an Bellos radikaler Rechtschreibereform zwar nur wenige Jahre fest, an einer gemässigten Variante indessen bis 1928. Heute scheint die orthographische Einheit der von über 400 Millionen Menschen in rund zwanzig Ländern gesprochenen Sprache gesichert. Gefahr droht ihr allenfalls durch den Einfallsreichtum von SMS-Kürzeln und - dies freilich mehr in lexikalischer Hinsicht - durch das in den USA sich verbreitende Spanglish, wo Spanisch seinerseits die Hegemonie des Englischen bedroht.

Was wurde aus dem «güisqui»?

Im Umgang mit Fremdwörtern bleibt die Königliche Akademie im Übrigen eher vage. Die gebräuchlichsten empfiehlt sie weiterhin zu hispanisieren, entsprechend dem Beispiel «fútbol»: «escáner» für Scanner. Der Trend geht aber eher in die umgekehrte Richtung, und aus dem berüchtigten «güisqui» ist gemeinhin längst wieder ein Whisky geworden, der allerdings - ebenso wie «light» und ähnliche Anglizismen - korrekterweise kursiv zu setzen ist. Selbstverständlich spricht sich die Real Academia Española heute mit ihren Schwesterorganisationen in Lateinamerika ab. Das hindert nicht, dass ihre Arbeit dies- wie jenseits des Atlantiks auf Kritik stösst, die sich jedoch meist an den minimalen Neuerungen jeder Ausgabe reibt: bestimmten Akzentsetzungen oder -weglassungen, Gross- oder Kleinschreibungen. Einige zentralamerikanische Länder können offenbar die 1994 beschlossene - von andern Wörterbüchern längst vollzogene - Aufgabe von ch und ll als eigenständigen Buchstaben des spanischen Alphabets nicht verschmerzen. Nach radikalen Reformen aber scheint heute kaum mehr jemandem der Sinn zu stehen. Das zeigte sich, als Gabriel García Márquez vor einigen Jahren an einer jener Tagungen, an denen sich Hispanisten aller Länder treffen, in einer eher launigen Rede forderte, die Orthographie, «diesen Graus des Menschen von der Wiege bis zum Grab», in den Ruhestand zu versetzen. Die Madrider Presse schnappte den Happen begierig auf, und während einiger Wochen war die spanische Orthographie, so wie sie ist - ein Schriftbild von fast formelhafter Klarheit, Wort für Wort abgesetzt, und doch nicht von allen geschichtlichen Schlacken gereinigt -, das Liebkind des Feuilletons. Alles blieb beim Alten, mehr oder weniger. Die Utopie einer Rechtschreibung, die jedes Wort mit mathematischer Präzision in Übereinstimmung mit seinem phonetischen Pendant bringt, mutet die meisten als Schreckbild an. Markus Jakob«


( Neue Zürcher Zeitung, 20. August 2004, 02:11 )


Kommentar von F.A.Z., verfaßt am 23.11.2004 um 21.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=120#59

»Viel Lärm
Sogar der König muß warten: Das Spanische feiert sich selbst


MADRID, 23. November

Soeben ist in der argentinischen Stadt Rosario der dritte Internationale Kongreß der spanischen Sprache zu Ende gegangen. Den Presseberichten nach zu urteilen, kann es in den letzten Jahren in der gesamten spanischsprachigen Welt kein wichtigeres Ereignis gegeben haben. Fast eine Woche lang haben uns die Madrider Zeitungen mit drei bis sechs Seiten täglich gefüttert, und selbst wenn man das kleinere Seitenformat in Rechnung stellt, war der Effekt dröhnend, betäubend, niederschmetternd. Nicht nur, weil kaum ein neuer Gedanke geäußert wurde, am allerwenigsten in der schaumigen Rede eines makellos angezogenen Konferenzhabitués wie Carlos Fuentes. Sondern weil die ganze Show fatal an den zweiten Kongreß der spanischen Sprache 2001 in Valladolid erinnerte, als der inzwischen verstorbene Nobelpreisträger Camilo José Cela eine Festansprache hielt, die er schon zweimal zuvor gehalten hatte, darunter beim ersten Kongreß der spanischen Sprache 1997 in Zacatecas - allerdings ohne daß es irgend jemandem aufgefallen wäre außer dem Journalisten einer Lokalzeitung. Dieser Journalist, der Celas Selbstplagiat öffentlich machen konnte, weil er auf das hörte, was gesagt wurde, statt sich feierlich nickend einlullen zu lassen, war alles, was die hochtönenden internationalen Kongresse der spanischen Sprache nicht sind.

Und nun, in Rosario? Auch Rosario hatte seine bemerkenswerte Eröffnungspeinlichkeit. Denn der argentinische Staatspräsident Néstor Kirchner, also der Gastgeber, tauchte zur festgesetzten Stunde nicht auf und ließ nicht nur die zahlreichen Schriftsteller und Schriftgelehrten, sondern auch das spanische Königspaar fast zwei Stunden warten. Der Kongreß von Rosario hatte ferner seine Abschlußpeinlichkeiten. Zum einen hieß es, am letzten Tag würden "Schlußfolgerungen" des intensiven Tagungsgeschehens präsentiert, was jedoch nicht geschah, weil sich offenbar niemand imstande sah, aus irgend etwas eine Schlußfolgerung zu ziehen, und das mehrere Stunden lang nicht. Was ja begreiflich ist, weil sich aus Schaum nicht gut etwas von Substanz oder Gewicht formen läßt. Und zum anderen wurde ruchbar, daß die argentinische Regierung den spanischen Sponsoren des Kongresses, etwa Telefónica oder dem Schaumweinfabrikanten Freixenet, überaus rüde Geld abgefordert hatte, als wäre es ein besonderes Privileg, es in Rosario ausgeben zu dürfen.

Hier ist es ratsam, einen kurzen Blick zurückzuwerfen in eine Zeit, als das Studium der spanischen Sprache noch eine exotische Angelegenheit war, Hispanistikprofessoren in Deutschland eine winzige Minderheit darstellten und nichts auf die Popularität schließen ließ, die das Spanische wenige Jahrzehnte später genießen würde. Damals verteidigten engagierte deutsche Gelehrte ihr Fach, weil sie die Sprache schätzten, Spanien oder Mexiko liebten und Cervantes, Quevedo, Lorca, Borges oder Rulfo zu den größten Literaten überhaupt zählten. Sie taten es mit Kenntnis und Leidenschaft, aber ohne Dröhnen. Sie wußten ja, wofür sie kämpften. Die heutigen Planstellen, die hier und dort neugeschaffenen Professuren für spanische Literatur und Landeskunde und sogar die steigende Zahl der Spanischlernenden in Deutschland verdanken sich auch dieser frühen Hispanistik, die sich nicht davon abschrecken ließ, daß Diktaturen in Spanien oder Argentinien den ungehinderten Austausch von Ideen behinderten. Diese Hispanistik hat das kulturelle Einheitsmoment des castellano - daß nämlich aus der Sprache der spanischen Kolonisatoren des sechzehnten Jahrhunderts die Identität der modernen lateinamerikanischen Wachstumsländer hervorging - schon vertreten, lange bevor es zur preiswerten Floskel in Tagungsreden verkam.

Heute sind die Bedingungen ganz andere. Spanien ist nicht nur eine moderne, sondern auch eine immer wohlhabendere Demokratie. Seit 1991 steht mit dem Cervantes-Institut eine zentrale Schaltstelle für die Sprach- und Kulturvermittlung zur Verfügung, die ausdrücklich nach dem Vorbild des British Council oder des Goethe-Instituts gegründet wurde. Zwar kann sich das Jahresbudget von sechzig Millionen Euro noch längst nicht mit den Mitteln des englischen, deutschen oder französischen Pendants messen, doch die Zahlen zeigen nach oben: mehr Sprachschüler, mehr Cervantes-Institute (darunter das im vergangenen Jahr gegründete Institut in Berlin-Mitte), eine unaufhaltsam steigende Bedeutung des Spanischen in den Vereinigten Staaten, wo die hispanics die Schwarzen als stärkste Minderheit abgelöst haben; schon zur Jahrhundertmitte wird annähernd die Hälfte des nordamerikanischen Kontinents Spanisch sprechen. Dafür muß das ehemalige Mutterland zur Kenntnis nehmen, daß nur ein gutes Zehntel der rund 350 Millionen "hispanohablantes" in Spanien wohnt.

Es ist den Tagungsideologen aber nicht genug. Statt mit den Zahlen nüchtern an die Arbeit zu gehen, stecken sie Geld, Zeit und Energien in hohle Rhetorik und ungehemmte Selbstdarstellung. Und mit dem panhispanischen Appell an die kulturellen Instinkte aller Spanischsprechenden dieser Welt kaschieren sie ihre Gier nach Diskurshoheit und neuen Absatzmärkten. Den Antiamerikanismus gibt es gratis dazu. Wo intellektuell so wenig hinzukommt, ist ein vierter Internationaler Kongreß der spanischen Sprache, selbst wenn er 2007 in Cartagena de Indias stattfindet, der Heimat von Gabriel García Márquez, eine ziemlich bedrückende Aussicht. PAUL INGENDAAY«


( Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2004, Nr. 275 / Seite 35 )



nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail: (Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz:   Hier bitte die Zahl einhundertvierundfünfzig (in Ziffern) eintragen.
 


Zurück zur vorherigen Seite | zur Startseite


© 2004–2017: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM