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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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13.05.2006
Umfragen
Wie man Ergebnisse manipuliert

"ZEIT Wissen" befragte voriges Jahr die Deutschen, ob sie diesem Satz zustimmen: "Eltern sollten mit ihren Kindern normal sprechen und nicht in 'Babysprache'."
95,2 % stimmten zu. Hätte man formuliert: "Erwachsene sollten sich, wenn sie mit Kindern sprechen, deren Verständnisfähigkeit anpassen" - dann hätten dieselben Leute wahrscheinlich ebenso entschieden zugestimmt, obwohl es das genaue Gegenteil ist.
Zur Zeit herrscht immer noch ein bißchen die Mode, die "Ammensprache" (Baby talk, Mutterisch) herablassend zu behandeln, wobei sich alte Vorurteile (auch Schamgefühle) mit theoretischem Bodensatz der Chomsky-Linguistik verbinden mögen. In Wirklichkeit scheitert jeder Versuch, mit Kindern in Erwachsenensprache zu reden, nach wenigen Sekunden, überall auf der Welt. Jeder benutzt Ammensprache, keiner gibt es zu. ("Schweigespirale")
So ähnlich lief auch die Befragung ab, als die Süddeutsche Zeitung von ihren Redakteuren wissen wollte, was sie von der "Rückkehr" zur "alten" Rechtschreibung hielten.



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Kommentare zu »Umfragen«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2011 um 08.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=502#19052

In Erlangen endet demnächst die Foto-Ausstellung "Idole". Zuvor war sie in Speyer, wo man sie auch geplant hat. "Idole" sind hier Prominente, darüber kann man natürlich streiten, aber mir geht es um etwas anderes. Auf einem Computer kann man abstimmen, wen man für das größte Idol hält. Das geht auch im Internet, bisher haben sich über 100.000 Leute betätigt. Gesamtsieger ist Elvis Presley, wogegen z. B. meine Frau bestimmt nichts einwenden wird. Aber nun: In der Altersgruppe der 50- bis 65jährigen ist Castro mit Abstand der Spitzenreiter, gefolgt von seinem Kumpel Che Guevara. Mit Verlaub: das kann nicht stimmen. Sowohl an den Computern in der Ausstellung als auch zu Hause kann man übrigens so oft abstimmen, wie man will ...
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.05.2006 um 11.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=502#4056

Stern/Stern haben schon gezeigt, daß der Übergang meist durch Verbindungen wie Piepvogel oder Wauwauhund hergestellt wird.

Auf einen Versuch der Erläuterung des Unterschieds zwischen Ameise und Meise reagierte meine Nichte (2 J.) mit dem Neologismus Ameisevogel.
 
 

Kommentar von Mit Kind, verfaßt am 15.05.2006 um 09.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=502#4055

an T. P.

Das Kind hört, sofern es Eltern hat, die mit ihm sprechen, immer wieder dieselben Wörter. Der sich entwickelnde kindliche Verstand vergleicht jedes erkannte Wort unbewußt mit der Situation, in der es aufgetaucht ist. Dadurch wird die Bedeutung, die diesem Wort zugeordnet wird, solange modifiziert, bis der Begriff gefestigt ist.

"Kalt" ist z. B. ein völlig abstraktes Wort, das zunächst nichts bedeutet. Dann kommt mal eine Milch, und die ist kalt. Dann ist ein Spaziergang kalt usw. Gestern gab es ein Eis und ich sagte unserem Sohn: "Vorsicht, das ist heiß, wir müssen erst pusten!"

Antwort: "kalt!"
 
 

Kommentar von Mit Kind, verfaßt am 15.05.2006 um 09.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=502#4054

Sehr interessant ist die jetzige Tendenz unseres Kindes (2 1/4), selbsttätig Partizipformen zu entwickeln:

wegworft (weggeworfen)

wegnommt (weggenommen)

weggangt (weggegangen)

trunkt (getrunken)

geßt (gegessen),

teilweise mit doppelt ausgesprochenem Schluß-t.

Wir sprechen ganz normal mit ihm und bringen ihm keine Babywörter bei, aber wir bekämpfen sie auch nicht. Wie es sich jetzt das Sprachvermögen und -verständnis aneignet, ist sehr faszinierend (sofern man aufmerksam zuhört und es nicht als kindliches Gebrabbel abtut).
 
 

Kommentar von T.P., verfaßt am 15.05.2006 um 09.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=502#4052

Dank an Theodor Ickler für diese beruhigende Information. Das Piep-Piep und Wau-Wau ist wohl - verkürzt beschrieben - so entstanden: "Schau, da sitzt ein Vogel, der macht piep-piep." - "Piep-piep?" - "Ja, der macht piep-piep!" - "Piep-Piep!" (immer wieder freudig wiederholend, auch später, wenn ein Vogel auftaucht, der nicht "piept", verbunden mit Deuten; auch als Frage formuliert, um eine Bestätigung zu hören). Also entsteht der Name über die Beschreibung einer unüberhörbaren Eigenschaft, wird aber dann von der Wahrnehmung der Eigenschaft unabhängig (hat das etwas mit Pawlow zu tun?).
 
 

Kommentar von Yutaka Nakayama, verfaßt am 14.05.2006 um 18.14 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=502#4047

Meine Tochter - ich habe leider schon vergessen, wann das war - fühlte sich beleidigt, als ich für sie ein Auto als "buh-buh" in der japanischen Babysprache bezeichnete. Ich war froh, daß sie ihre Babyzeit hinter sich hatte. Alles hat seine Zeit, leider außer der Rechtschreibreform. Es stimmt mich traurig, mit ansehen zu müssen, wie die deutsche Sprachgemeinschaft immer noch von der Babyschreibung an der Nase herumgeführt wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.05.2006 um 18.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=502#4042

Wenn die Eltern ausschließlich Vogel und Hund gesagt hätten, müßte der Kleine sein Pieppiep und Wauwau anderswoher bezogen haben. Beide Wörter entsprechen optimal den kindlichen Möglichkeiten. Zunächst die Beteiligung der Lippen, dann die Reduplikation, die mit Unterstützung identischer Vokale die genaue Erfassung der Konsonanten erleichtert (vgl. Roman Jakobson: "Why mama and papa?"). Die Eltern geben dem Kind zurück, was dieses produziert, und ermöglichen ihm so ein genaueres Wahrnehmungs- und Bewegungsbild ("biologischer Spiegel"). Auf Vogel und Hund kann man noch lange warten! Stern/Stern haben schon gezeigt, daß der Übergang meist durch Verbindungen wie Piepvogel oder Wauwauhund hergestellt wird. Die Angst davor, daß Kinder nicht motiviert werden könnten, die Erwachsenensprache zu lernen, ist offensichtlich unbegründet, denn wir alle haben sie ja so gelernt.
 
 

Kommentar von T. P., verfaßt am 13.05.2006 um 15.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=502#4040

Unser Kleiner (1 1/2 Jahre) versteht unter Vogel und Piep-Piep dasselbe, spricht aber nur von "Piep-Piep". Dasselbe gilt für Hund/Wau-Wau. Wir bemühen uns aber, lieber die "richtigen" Wörter Vogel und Hund zu verwenden. Er weiß ja, was damit gemeint ist. Wenn wir nur "Wau-Wau" oder "Piep-Piep" sagen würden, hätte er wohl weniger Ansporn, das "richtige" Wort sprechen zu lernen.
 
 

Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 13.05.2006 um 14.06 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=502#4039

Ich kann mir nicht vorstellen, daß die "Zeit" etwas gegen Babysprache hat, wo sie doch ganz freiwillig in "Ammendeutsch" schreibt.
 
 

Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 13.05.2006 um 11.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=502#4038

Die Frage der "ZEIT" ist einfach nur (absichtlich?) unpräzise formuliert, zum Alter der betreffenden Kinder sagt sie ja nichts.

Ich nehme doch fest an, daß Sie mit ihren Kindern nicht in Babysprache spechen, egal, wie sie grundsätzlich zum Thema stehen.

Eine gut bekanntes Ehepaar kommuniziert mit seiner Tochter (erste Klasse) per Babysprache und auch untereinander flöten diese Leute mindestens eine Quint über der nochmalen Sprechfrequenz. Ich kann mir nicht immer ein Schmunzeln verkneifen, wenn ich das höre.

Ja, wenn man seine Frage nur geeignet stellt, bekommt man leicht das Ergebnis heraus, das man gern haben möchte.

 
 

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