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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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26.05.2014
 

"Bildungssprache"
Ein Fall von Marketing

Vor einigen Jahren kamen Sprachdidaktiker im Umkreis von "Deutsch als Zweitsprache" auf die Idee, im Anschluß an einen älteren Vortrag von Jürgen Habermas den Begriff "Bildungssprache" zum Programm zu erheben.
Die mehr oder weniger ungeschickten Definitionsversuche ("Das Register der Bildungssprache ist kommunikativ auf vorwiegend schriftliche Situationen bezogen, auch wenn es zugleich medial mündlich im Gebrauch ist") zeigen, daß es sich einfach um die Standard- oder Schriftsprache handelt. Wer es schafft, mit seinem Namen einen solchen Begriff zu verbinden, wird als Experte eingeladen und herumgereicht - ein sich selbst verstärkender Effekt, es werden Tagungen zu dem scheinbar neuen Thema veranstaltet usw. (Man denke an Ulrich Beck und die "Risikogesellschaft".)
Das dünne Angebot wird etwas dauerhafter gemacht, wenn man es mit dem Begriff der "durchgängigen Sprachbildung" verbindet, womit gemeint ist, daß die Lehrer verschiedener Fächer ihren Unterricht aufeinander abstimmen sollen. Auch nicht umwerfend neu, aber beides zusammen kann eine ganze Weile funktionieren und bis in höchste Kreise (Kultusministerien) hinaufführen.
Von der Banalität des Ganzen unter dem bombastischen Wortschwall kann man sich kaum eine Vorstellung machen - googeln Sie mal!



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Kommentare zu »"Bildungssprache"«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2017 um 18.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1613#37186

(Ich habe einige Einträge zur "Bildungssprache", die unter "Pädagogik vom Tage" eingereiht waren, hierher überführt:)

Man besetzt eine Nische, indem man zum Beispiel den Begriff „durchgängige Sprachbildung“ wie ein Markenzeichen ununterbrochen benutzt und den Begriff „Bildungssprache“ in angeblich neuer Bedeutung für sich reklamiert. Es geht um die (schriftnahe) Standardsprache. Dieser Ausdruck wird bei Ingrid Gogolin und Helmuth Feilke geflissentlich gemieden, ebenso im Wikipedia-Eintrag aus derselben Quelle. So merkt man weniger leicht, daß es nichts Neues ist. Und das „Prinzip durchgängiger Sprachbildung“ nannten unsere Altvorderen: „Jede Stunde eine Deutschstunde“. Hier eine Textprobe zum Beweis:

Für die Zwecke der Förderung geht es darum, die sprachliche Verfasstheit des Lernens selbst anzuschauen, zu reflektieren, zu erproben und sich die bildungssprachlichen Potentiale auf diese Weise verfügbar zu machen. Das ist für alle Fächer und auch für den Deutschunterricht Neuland. Hierfür sind Ideen, Konzepte und Modelle erst zu entwickeln. Das Ziel wird mit teils bekannten Leitideen verknüpft. Hierzu gehört etwa das Prinzip einer „durchgängigen Sprachbildung“ (vgl. Gogolin/Lange 2011). Es bezeichnet das Ziel der Permanenz und Nachhaltigkeit der Sprachförderung durch fächerübergreifende (horizontale) und schulstufenübergreifende (vertikale) Kooperationen. Vor allem für die nichtsprachlichen Fächer kommt die Forderung nach einem „content and language integrated learning“ (CLIL) hinzu. (Helmuth Feilke in Praxis Deutsch 233/2012)
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Das Grüppchen, das mit dem Habermasschen Begriff "Bildungssprache" und einem Verschnitt von Koch/Oesterreicher (Konzeptionelle Schriftlichkeit usw.) und Agel (Sprache der Distanz usw.) durch die Lande zieht, hat nicht viel zu bieten. Beispiel:

„Morgen machen wir einen Ausflug.“ Bildungssprachlich müsste es heißen: „Morgen werden wir einen Ausflug machen.“ (Ingrid Gogolin)

Das ist natürlich Unsinn. Bildungssprache in diesem Sinn ist am Lateinischen und anderen Fremdsprachen ausgerichtet, auf deutsch wird seit je auch in den besten Standardtexten das Praesens pro futuro verwendet. Und dieses steife hyperkorrekte Deutsch soll nun Ausländerkindern vermittelt werden!

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Aus demselben Interview:

Gogolin: Alltagssprache ist „Sprache der Nähe“, wie wir es nennen. Sie folgt den Regeln des Mündlichen, hat die Möglichkeit, Wörter mit Gesten und Mimik zu ergänzen. Etwa: „Tu mal das da hier rein.“ Bildungssprachlich muss man sich präziser ausdrücken. In dem Fall: „Fülle die Flüssigkeit bitte in den Kolben.“

In Labors wird durchaus elliptisch und deiktisch gesprochen, das hat mit dem vermeintlichen Niveau einer Sprache, "womit man sich in der Schule Wissen aneignen kann" (Gogolin nach Habermas), gar nichts zu tun. C. F. von Weizsäcker hat es ausdrücklich bestätigt. „Fülle die Flüssigkeit bitte in den Kolben" wäre unter gewissen Umständen vollkommen unnatürlich – wie jene Mahnung in der Grundschule, immer in "ganzen Sätzen" zu antworten.

Von falschen Maßstäben ging schon die frühe Erforschung des Gastarbeiterdeutschs aus, aber darüber sollte man nach 40 Jahren doch hinaus sein. (Damals galt "Meine Kleine muß zur Schule" als defektiv, weil das Verb fehlt!)
 
 

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