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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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19.02.2014
 

Grammatische Exerzitien 3
Das Passiv

Kurze Übersicht über die Hauptverwendungen
1.Das Passiv ist eine Diathese, bei der die Erwähnung des Agens fakultativ bleibt; es wird daher passend als „täterabgewandte Diathese“ bezeichnet. Die Funktion des Subjekts fällt einem anderen Handlungsbeteiligten zu; bei unpersönlichem Passiv fehlt das Subjekt überhaupt.
Vorgangspassiv
2.Das Passiv wird hauptsächlich durch das Hilfsverb werden und das Partizip II eines Vollverbs gebildet; alle anderen Formen des Passivs sind mehr oder weniger umstritten. Im Perfekt und Plusquamperfekt wird worden statt geworden verwendet.
Japan wurde von einer Katastrophe heimgesucht, die nicht von Menschen gemacht wurde und nicht von Menschen zu verhindern ist. (SZ 19.1.95)
Die Frau ist leicht verletzt worden.
Aber (als prädikative Konstruktion mit Adjektiv):
Die schwedische Hilfe für Vietnam ist umstritten geworden. (Tagesspiegel 11.1.79)
3.Transitive Handlungsverben bilden ein persönliches Passiv; dabei tritt das Akkusativobjekt des entsprechenden Aktivsatzes in den Nominativ:
Das Haus wird gebaut.
Die Wohnungen werden vermietet.

Unpersönlich:
Im Lesesaal wird weder gegessen noch geraucht.
4.Intransitive Handlungsverben bilden ein unpersönliches Passiv:
Es wird in der Dritten Welt heute dreimal so viel geboren wie gestorben. (Universitas 1990:356)
Am Freitag und Sonnabend wird tanzen gegangen. (Neues Deutschland 8.11.85)
5.Beim sogenannten Dativ- oder Rezipientenpassiv tritt das Dativobjekt des entsprechenden Aktivsatzes in den Nominativ; als Hilfsverb dienen kriegen, bekommen und erhalten:
Eine interessante Funktion hat das Deutsche im Laufe der letzten Jahrzehnte im Mittleren Osten zugeteilt bekommen. (Jb. DaF 10, 1984:200)
Sie erhalten den korrigierten Text an die angegebene E-Mail-Adresse gesendet. (Duden-Website 2001)
Diese Konstruktion muß allerdings nicht auf ein dativregierendes Verb zurückgeführt werden, vgl.
Der Autor freut sich, obwohl er meistens ganz schön geschimpft kriegt. (...) Der liebe Gott hat vermutlich auch ganz schön geschimpft gekriegt. (BR Kalenderblatt 18.4.2002)
Eigentlich müßten wir den Preis erhöhen, aber das kriegen wir am Markt nicht durchgesetzt. (FAZ 17.7.02)
Zustandspassiv
6.Ein Passiv kann auch mit dem Hilfsverb sein gebildet werden, wie es im mittelalterlichen Deutsch üblich war und noch im heutigen Englischen ist. Das Ergebnis ist ein Zustandspassiv („Stativ“), das allerdings formal nicht von Kopulakonstruktionen mit prädikativem Adjektiv unterschieden werden kann:
Die Geschichte der Sprachkritik ist nicht geschrieben. (Hans-Jürgen Heringer: Holzfeuer im hölzernen Ofen. Tübingen 1982:4)
Auf die Bedenken gegen diese Lehre war oben aufmerksam gemacht. (Jürgen Baumann: Strafrecht. Allg. Teil, 5. Aufl.:160)
7.Aber auch das werden-Passiv muß nicht in jedem Fall einen Vorgang, sondern kann auch einen Zustand darstellen, wenn das Verb nicht-transformativ ist:
Umgeben wird der Federkern von einem Feinpolster aus ausgewählten Polstermaterialien (www.raumausstattung.de 2003)
1989 wurde die DDR von 16.3 Millionen Menschen bewohnt. (SZ 2.7.1990)
8.Ein Zustands-Rezipientenpassiv wird mit haben gebildet. Dadurch entsteht eine Zweideutigkeit, da auch das Perfekt des Aktivs mit haben und Partizip II gebildet wird:
Wenn wir eine Sprache gegeben haben, welche wir interpretieren wollen ... (Conceptus 25, 1991:9)
Unter „face“ versteht man das positive Gesamtbild einer Person, welches diese von anderen anerkannt haben will. (Jürgen Dittmann/Claudia Schmidt (Hg.): Über Wörter. Freiburg 2002:265)
Fernpassiv
Von einem Fernpassiv oder „langen Passiv“ spricht man, wenn das übergeordnete Verb einer kohärenten Infinitivkonstruktion ins persönliche Passiv gesetzt wird:
...wenn auch diese Veröffentlichungen in einer gesonderten Untersuchung zu bewerten versucht werden müssen (Hubertus Knabe: Der diskrete Charme der DDR. Berlin, München 2001:236)
Dagegen können die folgenden Beispiele auch als verschränkte Konstruktionen mit einem vorgezogenen Akkusativobjekt gelesen werden:
Dieses Ziel muß auf verschiedenen Wegen zu erreichen versucht werden. (Wortschatzforschung heute. Berlin (1983:151)
Das wird oft vergessen zu sagen. (FAZ 9.8.02)
Eindeutig ist die Verschiebung ins persönliche Passiv bei attributivem Gebrauch:
Es wäre ein Wegfall des § 3 FLAG zu prüfen und das dort zu lösen versuchte Problem eher über Bestimmungen bezüglich Wohnsitz zu regeln. http://www.parlament.gv.at/PG/DE/XXI/ME/ME_00202_14/fname_000000.pdf
Er ersuchte seine Mutter in diesem Schreiben, seinen Vater zu veranlassen, Fräulein von Oderkranz die rückständige, von ihm zu zahlen unterlassene Vierteljahrsrate zuzusenden. (Hermann Heiberg: Charaktere und Schicksale. Berlin 1901:131)


Anmerkungen:
1.Adverbiale Akkusative (der Erstreckung oder Dauer) bleiben im Passiv erhalten:
Es wurde einen Kilometer gelaufen.
2.Ist die Strecke oder Dauer jedoch ein zu bewältigender Gegenstand, der durch ein Akkusativobjekt bezeichnet wird, kann dieses zum Subjekt werden:
Der Kilometer wurde in zwei Minuten gelaufen.
Hügel werden rauf- und runtergestolpert (NN 25.7.92)
3.Inkorporierte Objekte bleiben im Akkusativ:
Es wurde Karten gespielt. Darauf wird großen Wert gelegt.
Aber auch mit persönlichem Passiv: Darauf wird großer Wert gelegt.
4.Die Angabe des Täters kann versteckt sein, v. a. in Bezugsadjektiven: amtlich geprüft u. ä.
5.Mit dem Verb gehören läßt sich eine modal angereicherte Passivform bilden; sie drückt die Notwendigkeit aus:
Jetzt gehört alles verbrannt. (Thomas Bernhard: Watten. Frankfurt 1964:64)
6.Der modale Infinitiv mit zu hat die Bedeutung „muß oder kann getan werden“:
Der Betrag ist zu zahlen, oder die Pleite ist nicht zu verhindern.
Dazu gehört das attributiv verwendete Adjektiv (Gerundiv): der zu zahlende Betrag. (s. Partizip, modaler Infinitiv)
7.Das unpersönliche Passiv wird, wenn nichts anderes erwähnt ist, personenbezogen verstanden:
Hier wird geraucht. (Man versteht: von Menschen, nicht etwa von Schornsteinen)
In bestimmten Kontexten kommen auch nichtpersönliche Agentien in Betracht (s. Anm. 14):
Gebrütet wird etwa zweieinhalb Wochen. (Grzimeks Tierleben 8:237)
8.Anstelle von sein kann das Zustandspassiv auch mit bleiben gebildet werden, wobei aber kaum noch die Zugehörigkeit zu einem eigenen Passivparadigma erkennbar ist:
Das Auge bleibt geöffnet. (= Das Auge bleibt offen.)
9.Das Zustandspassiv kann nicht immer als Verkürzung eines Perfekts des Vorgangspassivs gedeutet werden:
Die Autobahn Kassel-Frankfurt war wegen mehrerer Unfälle vorübergehend total blockiert. (SZ 8.1.96)
10.Die Unterscheidung von Vorgang und Zustand kann aufgehoben werden:
Ich will die Haare kurz geschnitten haben/vom Chef geschnitten haben (IDS-Grammatik 1997:1852)
Hier ist haben gleichbedeutend mit bekommen. Es wird gewissermaßen das Resultat vorweggenommen, ganz deutlich auch in folgendem Beispiel:
Wir wollen das nächste Mal von der Cutterin Monika Zeindler erklärt bekommen haben, wo sie den Schnitt angesetzt hat. (SZ 24.8.87)
11. Bei
Er hatte das Gesicht von Falten durchzogen. (IDS-Grammatik 1997:1853)
muß man wohl auf Falten durchzogen sein Gesicht zurückgreifen, wenn man nicht überhaupt auf eine Herleitung verzichten und einfach eine Sekundärprädikation (mit Adjektiv als Objektsprädikativ) annehmen will. (Die Konstruktion scheint den semantischen Einschränkungen der Pertinenz zu unterliegen [Bahuvrihi-Bedingung: Körperteil oder Kleidungsstück].)
12. Je nach der Aktionsart des Verbs wird das Partizip II, das im wesentlichen einen resultative Bedeutung hat, unterschiedlich verstanden:
die eroberte Stadt (perfektives Verb  resultatives Partizip): „Stadt, die erobert worden ist“
die belagerte Stadt (imperfektives Verb zweideutiges Partizip): „Stadt, die belagert wird/ist oder belagert worden ist“
13. Ein Rezipientenpassiv kann zwar auch bei Verben vorkommen, die eigentlich kein Dativobjekt regieren, doch muß die schwankende Rektion mancher Verben berücksichtigt werden:
So kann das Kind gelehrt bekommen, daß ein Pfeifen mit den Lippen oder eine Handbewegung das Kreischen ersetzen kann. (G. Böhme: Stimm-, Sprech- und Sprachstörungen. Stuttgart 1974:76)
Wie sich an demselben Werk zeigt, verwendet der Verfasser das Verb lehren, das normgerecht den doppelten Akkusativ regiert, durchaus mit dem Dativ der Person: Dem Kind wird gelehrt, im Angstzustand nicht dysphorisch zu reagieren. (ebd.:76) Auch das Verb schimpfen, das als Argument gegen das „Dativpassiv“ angeführt worden ist, kommt mit dem Dativ vor.
14. Besonders in Fachtexten ist auch ein wirklich täterfreies Passiv zu beobachten:
Mit dem Eintritt der älteren Hominiden in das offene Land erfolgte die volle Aufrichtung des Körpers lange vor der Vergrößerung des Gehirns, das nicht mehr als 300 g wog. Die Fortbewegung wurde den Beinen überlassen, die Arme wurden von dieser Aufgabe entlastet, für das Ergreifen und die Zubereitung der Nahrung freigemacht sowie für andere Formen des Handelns, besonders für den Gebrauch und die Erzeugung von Werkzeugen. In Verbindung damit wurden Mund und Gesicht von der Freßfunktion entlastet und für Ausdrucksbewegungen und schließlich für die kommunikative Funktion der Sprache verfügbar gemacht. Von dieser Erschließung neuer Aktionsgebiete für die Hand und den Mund wurde offenbar ein enormer selektiver Druck auf die Lebewesen ausgeübt, die riesige Anzahl von Möglichkeiten der Selbsterhaltung und der Vermehrung der Art zu nutzen, die in der Betätigung dieser Körperteile virtuell vorhanden waren. So erhöhte sich in der im Vergleich mit anderen evolutionären Veränderungen relativ kurzen Zeit der letzten 4 Millionen Jahre das Gehirngewicht der Hominiden auf das Vierfache. (Konrad Lorenz/Franz Wuketits [Hg.]: Die Evolution des Denkens. München 1984:173f.)
Der unpersönliche Charakter der Vorgänge wird zunächst durch ein Funktionsverb (erfolgen), am Schluß durch eine Reflexivkonstruktion (sich erhöhen) ausgedrückt; dazwischen stehen täterfreie oder mit einem Pseudoagens (Erschließung) versehene Passivformen.


Kommentar:
Die IDS-Grammatik reiht Vorgangs-, Zustands- und Rezipientenpassiv (1997:1791) als die drei Passivkonstruktionen aneinander; nach unserer Einteilung liegen verschiedene Dimensionen vor, so daß sich ein viergliedriges Schema ergibt.

Als Konversen faßt die IDS-Grammatik nur solche Passivsätze auf, denen wahrheitswertgleiche aktive Sätze gegenüberstehen, daher fällt das modale Passiv heraus (mit gehören oder modalem Infinitiv).

Laut IDS-Grammatik 1997:1806 gibt es kein Eintakt-Passiv (unpersönliches Passiv) von Verben der „belieben“-Gruppe, darunter schaden. Das trifft aber nicht zu, vgl.

Allen wurde geschadet. (www.pocket-nachrichten.at)
wie der Bewegung durch die Presse geschadet wurde (F. Engels)

„Ebenso sind einwertige haben-Verben mit personalem oder nicht-personalem LZT in einer anderen Rolle als AGENS nicht passivierbar, wie etwa abnehmen ...“ Aber hier gibt es gar nicht wenige Gegenbeispiele:
Je mehr Übergewicht vorhanden war, desto mehr wurde abgenommen. (www.vegetarismus.ch)
Die Bedenken der IDS-Grammatik (S. 1797) gegen die Passivierbarkeit von glauben, wissen, kennen u. a. sind unberechtigt (1797); es kommt allerdings wohl nur selten vor, weil es aus sachlichen Gründen nicht plausibel ist, bei glauben den Glaubenden nicht zu nennen. Diesen Gedanken könnte man bei kennen und wissen noch konsequenter anwenden. Es hat wenig Sinn, von etwas zu sagen, daß es gekannt sei, weil das eben kein Zustand eigener Art ist, kein Betroffensein.

„Koordinationen aus werden-Passiv und Kopulakonstruktionen wirken zeugmatisch.“ (IDS-Grammatik 1997:1823) Dennoch kommen sie vor:
Die Mauer wurde voller Wut besichtigt und zur Attraktion für Touristen. (Härtling, Peter: Leben lernen. Erinnerungen. Köln 2003:261)
Das zeigt nebenbei, daß die beiden Strukturen nicht allzu weit auseinanderliegen.



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Kommentare zu »Grammatische Exerzitien 3«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2017 um 09.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#34861

Junge Flüchtlinge sehen sich zur Prostitution gezwungen (Welt 9.4.17, Überschrift)

(Es handelt sich um abgelehnte Asylbewerber, die abgeschoben werden müßten.)

Agitation durch Grammatik.

Immer mehr junge Flüchtlinge in Berlin rutschen in die Prostitution (Focus 10.4.17)

Focus weiß auch, warum sie rutschen: „um Geld zu verdienen“. Als Hauptursache sehen die Hilfsorganisationen mangelnde Unterstützungsangebote. Diana Henniges („Moabit hilft“) ist auch wieder dabei.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.03.2017 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#34721

Zu der Regel, daß beim Passiv die Angabe des Agens optional sei, sagt Peter Schlobinski:

„Dies gilt zwar für das Deutsche, aber nicht notwendigerweise für andere Sprachen. Bereits im Englischen gibt es
Passivparaphrasen, in denen die Agensangabe obligatorisch ist:

a. At her death, Elizabeth I. was succeeded by the sun (!) of „Bloody Mary“.
b. *At her death, Elizabeth I. was succeeded.

Nun, das ist im Deutschen nicht anders:

Nach Elisabeths Tod wurde die Herrschaft übernommen.
Oder auch:
Elisabeth wurde nach ihrem Tod gefolgt. (Sogar mit direktem Passiv beim Dativverb üblich.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.12.2016 um 03.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#34101

Zum Haupteintrag:

Man findet Tausende von Belegen dieser Art:

Auf die künstlerische Ausgestaltung der Details wurde großen Wert gelegt. (http://www.aschaffenburg.de/wDeutsch/verwaltung/rathaus/rathaus_01.php)

Steht das Objekt am Anfang, ist die persönliche Konstruktion häufiger:

Großer Wert wurde ... gelegt.

Mir ist inzwischen aufgefallen, daß man den Wörterbüchern nichts über die erste Möglichkeit entnehmen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2015 um 09.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#30824

Meinem Eindruck nach – ich habe aber keine Statistik – wurde das Zustandspassiv im 19. Jahrhundert häufiger verwendet, wenn auch nicht von jedem so konsequent wie vom König der Altphilologen:

Simonides ist von Platon unter die Sophisten gerechnet. (Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Reden und Vorträge I. Berlin 1925:151)
(Hunderte von ähnlichen Belegen!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2015 um 10.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#29477

Die im Haupteintrag erwähnte "belagerte Stadt" und die "eroberte Stadt" sind zwar ein alter Hut, aber immer noch interessant. Normalerweise versteht man unter einer belagerten Stadt ein Stadt, die belagert wird, unter einer eroberten eine, die erobert worden ist. Das hängt mit etwas zusammen, das man wohl die Aktionsart der Verben nennen muß. Gewöhnlich wird das Durative vom Punktuellen unterschieden, und man stellt sich dabei eine nennenswerte Dauer im Gegensatz zu einem plötzlichen Geschehen vor.
Aber eigentlich ist das Erobern gar kein Ereignis in der Zeit, auch kein plötzliches oder momentanes. Zugrunde liegt die gesellschaftliche Ordnung des "Besitzes" oder "Eigentums". Der Besitzwechsel geht nun zwar nicht ohne irgendwelche physischen Ereignisse vonstatten, aber er besteht nicht darin. Die gesellschaftliche Konstruktion, in der man etwas besitzt, ist nichts Physisches, sondern eine abstrakte Interpretation der Wirklichkeit.

"Intentional" sind beide Verben, so daß man naturalistisch erst rekonstruieren müßte, was wirklich vorgeht. Dabei wird man darauf stoßen, daß das Belagern eine Vorgeschichte einschließt, das Erobern eine Nachgeschichte. (Jedenfalls überwiegend; es gibt diese Rekonstruktion noch nicht, aber wir arbeiten dran, auch für andere Verben natürlich, s. auch Exerzitien zu "Tempus".)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2015 um 05.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#29046

Zu Punkt 5 im Haupteintrag:

Tsipras müsste eine entsprechende Vereinbarung im griechischen Parlament gebilligt bekommen. (FAZ 3.6.15)

Auch hier liegt kein Dativobjekt im entsprechenden Aktivsatz zugrunde:
? Das Parlament billigt ihm eine Vereinbarung.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 17.01.2015 um 16.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#27826

Diesen Stilratgebern ist eben nur die Schulübung im Kopf, nicht der wirkliche Sprachgebrauch. Der große Vorteil des Passivs für die Mitteilung ist, daß es die Aktion betont und der Agent sogar ausgelassen werden kann. Für Englischlehrer auch etwas weg von den "Stilratgebern": nicht nur *be + perfect participle + by*, sondern auch statt *That other college beat us* einfach "We got beat". Also richtig für den Stil: Das Aktiv ist richtig, wenn das Aktiv richtig ist; und das Passiv ist richtig, wenn das Passiv richtig ist. - Ich sage hier natürlich dasselbe, was auch #27824 sagt, aber mit meinen eigenen Worten aus meinem Unterricht und einprägsam für Deutschstudenten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.01.2015 um 06.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#27824

Kein Stilratgeber versäumt es, vor dem Passiv zu warnen. So auch Reden-Ratschläge unter „Beruf und Chance“ in der FAZ (17.1.15) Die Versuche, aus denen die Schwerverständlichkeit des Passivs abgeleitet wird, haben den Mangel, daß man denselben Sachverhalt kontextfrei einmal aktiv, einmal passiv formuliert: Der Junge tritt den Ball ist leichter zu verstehen als Der Ball wird von dem Jungen getreten. Hier gibt es keinen Grund, das ohnehin seltenere Passiv zu verwenden; noch einmal viel seltener ist das Passiv mit Angabe des Täters. Unter geeigneten Umständen kann aber das Passiv sogar einfacher sein. Sein Formenbestand ist geringer. In neuindischen Sprachen ist das Passiv zur unmarkierten Form geworden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2014 um 06.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#27484

Zwei Tage vor seiner projektierten Ankunft wurde es vor der Küste von Neufundland von einem Eisberg gerammt und sank. (Gertrud Fussenegger: Ein Spiegelbild mit Feuersäule. Stuttgart 1994:8)

Die Titanic rammte einen Eisberg, der friedlich im Wasser trieb, während sie sich vorwärts bewegte.

projektiert ist auch nicht gerade schön.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2014 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#27084

Wulf Oesterreicher kritisiert eine Wendung aus der Kundus-Rede de Maizières:

„Hier wurde aufgebaut und gekämpft, geweint und getröstet, getötet und gefallen.“
http://www.deutscheakademie.de/sprachkritik/2013/12/02/kundus-rede-von-thomas-de-maiziere/

Obwohl er sieht, daß die Reihung das unpersönliche Passiv von „fallen“ erträglicher macht, verurteilt er es als falsch. Dem kann nicht gefolgt werden. „sterben“ wird oft so gebraucht, warum nicht auch das speziellere „fallen“?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.04.2014 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25527

Obwohl das Passiv von reflexiven Konstruktionen schon im Mittelhochdeutschen belegt ist, gilt es als grammatisch falsch - wahrscheinlich ein von Grammatikern ersonnenes und durchgesetztes Verbot, denn aus systematischer Sicht läßt sich nichts dagegen einwenden. Hier noch einige Beispiele:

Wie bei vielen Gehörlosentreffen wird sich hier in der deutschen Gebärdensprache unterhalten. (FAZ 21.5.02)

Beiden Positionen soll sich in diesem Buch gewidmet werden. (Hans-Werner Eroms: Syntax der deutschen Sprache. Berlin, New York 2000:12) (Dort noch mehr dieser Art.)

Etwas anders:

Gleichwohl wird der Säugling bei den Naturvölkern von der Mutter bei der Arbeit mit sich getragen. (Bernhard Hassenstein: Instinkt ... München 1980:172)

-

Problematisch auch:

Es hieß, der Genuß der günstigen Stunde sei sich zu gönnen, da das Jahr nicht viele solcher Tage mehr brächte. (G. Keller: Kleider machen Leute)

 
 

Kommentar von Theosebeios, verfaßt am 01.04.2014 um 17.02 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25526

Bei den zahlreichen Angeboten von Herrn Ickler weiß ich nicht, ob ich gerade hier mit meiner Frage an der richtigen Stelle bin. Gleichwohl –- Es geht um einen Satz wie diesen: "Im Folgenden wird sich den Stadionverboten auf polizeirechtlicher Basis gewidmet."

Ich habe beruflich u.a. mit der Korrektur von Datenbankeinträgen zu tun. Meist ist diese inhaltlicher Natur, häufig aber (leider) auch sprachlicher. In den Kurzreferaten dominiert die indirekte Redeweise mit "Es wird ...", "Es zeigt sich ..."(Beispiel: Es wird diskutiert, ob und inwieweit Meldeauflagen für Hooligans zur Eindämmung von Gewalt in Fußballstadien beitragen können.)

Man kann sagen, in den letzten drei Jahren - und vorher nach meiner Erinnerung nicht - stoße ich immer wieder auf Satzmuster mit "Es wird sich ..." + Partizip II. Ich erlaube mir hier eigentlich kein Partizip II, sondern erwarte einen Infinitiv.
Wer kann mir helfen? Habe ich eine neue Syntaxregel verpasst oder eine alte vergessen?
Immerhin brüllte vor vielen Jahren einmal der Unteroffizier: "Es wird sich hier gewaschen, meine Herren!" (Nach dem Sport nämlich.)

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2014 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25257

Ich habe gerade mal eine Übersicht über den Gebrauch von es zusammengeschrieben und stelle sie unter "Grammatische Exerzitien 5" vor. Über den Vorgreifer hatten wir hier schon mal diskutiert: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1516
Ich glaube auch, daß Herr Markner recht hat: Wo das Vorgreifer-es wegbleiben kann, geschieht dies um so eher, je fülliger der Matrixsatz ist. Aber wirklich geklärt ist die Frage trotz vieler Untersuchungen wohl noch nicht. Vor allem kann noch gefragt werden, ob Vorerwähntheit bewirkt, daß der Vorgreifer gleichsam in beide Richtungen blickt, also zugleich auch anaphorisch wirkt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2014 um 06.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25252

Herr Strowitzki schreibt:

2. Gewöhnliche Subjektsätze:
Es klappert die Mühle am rauschenden Bach.
Hier haben wir das klassische Vorgreifer-es, das zunächst die Subjektstelle einnimmt.


Mein Kommentar:
Einige Grammatiker sehen das so (z. B. Christa Dürscheid: Syntax. Göttingen 2012:96), aber ich halte es für falsch. "Vorgreifer" ist ein anderes Wort für Korrelat. Das haben wir z. B. in Ich halte es für falsch, von Vorgreifern zu sprechen. Hier wird auf den Infinitivsatz vorgegriffen, der Vorgreifer (das Korrelat) steht genau dort, wo ein Akkusativobjekt stehen muß, das dann aber erst durch den Infinitiv ausgefüllt wird.
In Es klappert die Mühle wird nur das Vorfeld gefüllt. Das Vorfeld ist keine Subjektstelle, weil im Deutschen die Reihenfolge SVO eben gerade nicht gilt, sonder XVY, also bloß das finite Verb an zweiter Stelle, alles andere beliebig.
Darum machen auch solche Sätze im Plural keine Schwierigkeiten: Es klappern die Mühlen.
Man könnte statt des Vorfeld-es auch irgendwelche Partikeln setzen - Hauptsache, das Vorfeld ist gefüllt: Jetzt klappern die Mühlen.

Als Vorgreifer auf einen Akkusativobjektsatz kann es aus allgemeineren Gründen nicht im Vorfeld stehen (*es halte ich für falsch ...), aber als Vorgreifer auf einen Subjektsatz sehr wohl, und dann kommt es zu einer Zweideutigkeit, die man durch Umstellungsproben auflösen kann: Es liegt ihm nicht, pünktlich zu sein. > Ihm liegt es nicht, pünktlich zu sein. Das es bleibt also bei Umstellung innerhalb desselben Teilsatzes erhalten, daher Vorgreifer. Vertauscht man beide Teilsätze: Pünktlich zu sein liegt ihm nicht, so gibt es nichts vorzugreifen, das es fällt zwingend weg, also ein weiterer Beweis für den Vorgreifer-Status.

 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.02.2014 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25251

Sätze ganz ohne Objekt sind noch nicht unbedingt die Nullstufe:
Heute wird gefeiert.
Aber gut, wenn man Adverbiale auch noch ausschließt und was sonst noch vorfeldfähig ist, z. B. Verbzusätze:
Hin wird geschaut.,
dann kommt man bald zu einer Form, die nur noch mit es gebildet werden kann:
Es wird gearbeitet.
Ja, die könnte man z. B. Minimalpassiv nennen, wenn man so etwas bräuchte.

Interessant finde ich aber die Beobachtung, daß beim unpersönlichen Passiv das Verb immer in der 3. Person Einzahl steht. Warum eigentlich? Wo kein Subjekt ist, gibt es auch keine Kongruenz in Person und Numerus. Das wird sich halt so entwickelt haben.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 25.02.2014 um 19.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25250

Also zurück zur Ausgangsfrage. Wir lassen die diversen Sonderformen (Rezipientenpassiv, Zustandspassiv, ...) beiseite und reden sozusagen über den Kernbereich, das eigentliche Passiv, und fragen: Welche verschiedenen Formen der Passivkonstruktion gibt es? Ich sag' jetzt mal ganz böse: gar keine! Es gibt nur das eine, einheitliche Passiv:
Den Schlüssel gibt sie. –> Der Schlüssel wird gegeben.
Ihm gibt sie den Schlüssel. –> Ihm wird der Schlüssel gegeben.
Ihm gibt sie. –> Ihm wird gegeben.
Sie gibt. –> Es wird gegeben.
Alle Sätze folgen natürlich den allgemeinen Satzbauregeln. Die Umwandlung vom Aktiv ins Passiv erfolgt nach einem einheitlichen, für alle gleichen Regelkomplex, ohne Ansehen des konkreten Verbs.
[Fußnote: Vorausgesetzt, das Verb ist überhaupt passivfähig. Bei Der Mantel kostet mich einen Haufen Geld. helfen natürlich alle Akkusative nichts. Aber das ist eine andere Geschichte, eine Frage der Semantik.]
Die Morphologie des Verbs ist immer gleich. Ansonsten gilt: Ein eventuelles (direktes) Akkusativobjekt wird zum Subjekt des Passivsatzes. Wenn es keins gibt, bleibt er eben ohne Subjekt. Usw. für die anderen Satzglieder.
Trotzdem wird üblicherweise ein Schnitt zwischen den ersten beiden und den hinteren beiden Formen gemacht. Als ein Grund wird genannt, daß ohne Akkusativobjekt nur ein Passiv der dritten Person Singular, also das berüchtigte unpersönliche Passiv, gebildet werden kann. Aber subjektlose Sätze treten immer nur in der dritten Person Singular auf, ganz egal ob Aktiv oder Passiv:
*Uns grauen vor dir.
*Ihnen wurden kalt.
[Fußnote: Jetzt keine Feinheiten und Spitzfindigkeiten wie Weglassen des Personalpronomens (implizites Subjekt) – komme gerne; kannst gerne kommen – oder Imperativ in der zweiten Person.]
Auch hier also keine besondere Passivregel! Wir haben nur die allgemeinen Regeln einerseits und ihre konkreten, sehr unterschiedlichen Ergebnisse andererseits. Es bleibt dabei doch nur die Frage des Subjekts.
Eigentlich aber sticht doch die letzte Form besonders ab, die Sätze ganz ohne Objekt, gewissermaßen die Nullstufe. Nur hier muß ein inhaltsloses, führendes es eingeführt werden, der einzige Fall, wo nicht nur im Aktivsatz vorhandene Elemente genügen. In den anderen Fällen kann man ein solches Element hinzufügen. (Wie auch immer man das darstellt, wie schon gesagt, gehört das mehr zu Exerzitium 4.) Hier hingegen kann es nur verschwinden, wenn weitere, fakultative, Satzglieder hinzukommen. Zudem haben wir die inhaltliche Besonderheit, daß es sich um rein abstrakte Vorgänge, eben wirklich unpersönliche handelt. Ansonsten ist durch das Objekt ein Personenbezug vorhanden. ("Person" im allgemeinsten Sinne.)
Sind diese Eigenschaften weniger gewichtig als die Frage "Subjekt oder nicht"? Können wir hier jetzt plötzlich sagen "Ja, das ergibt sich doch aus den Regeln, ist also unwesentlich"?

 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.02.2014 um 18.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25245

Der erste Satz ist aktiv, der zweite Passiv.
Den zweiten kann man ins Aktiv umwandeln, den ersten nicht ins Passiv.
Der erste hat ein (formales) Subjekt, der zweite hat kein Subjekt.

Sind das die Unterschiede, die Sie meinen? Dann könnten wir ja weiterdiskutieren. Es ging doch zuletzt darum, was das es mit dem Passiv zu tun hat. Sätze, die man nicht ins Passiv umwandeln kann, gibt es viele, auch ohne unpersönliches es, z.B. Der Mantel kostet 100 Euro. Sätze im unpersönlichen Passiv haben kein Subjekt, ob nun mit oder ohne Vorfeld-es. Sätze mit einem Dativobjekt haben ein Vorfeld-es, wenn sie eins haben müssen, oder auch nicht, wenn sie keins brauchen. Beides kommt im Aktiv wie im Passiv vor. Ich hatte mich nur gewundert, daß Sie mit dem es anscheinend verschiedene Arten des Passiv begründen möchten, und meine, es hat mit dem Passiv an sich nichts zu tun. Es gibt weder ein Passiv-es noch einen es-Passiv.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 24.02.2014 um 17.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25242

Tut mir furchtbar leid, Herr Riemer, aber wenn Sie zwischen den Sätzen
Es schneit hier viel.
und
Es wird hier viel geredet.
keinen Unterschied erkennen können, dann sollten wir tatsächlich die Diskussion beenden. Ich kann meine Zeit auch woanders verschwenden.


 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.02.2014 um 19.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25223

Lieber Herr Strowitzki,
ich weiß nicht, was Sie mit dieser Liste erreichen möchten. Es sind Beispiele mit es, aber was sagt das es in bezug auf das Passiv aus?
Wenn in einem Satz, egal ob im Aktiv oder Passiv, das Vorfeld nicht besetzt ist, wird ein Vorfeld-es eingesetzt. (In 2. und 3. haben wir weder ein Vorgreifer-es noch ein Pseudo-Subjekt, sondern Vorfeld-es.)

 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 22.02.2014 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25221

"Und wozu die ständige Erwähnung des Platzhalter-es? Das steht im Aktiv wie im Passiv nach genau den gleichen Regeln, das hat doch mit dem Passiv nichts zu tun."
Dem kann ich nicht folgen. Es gibt eine Reihe von Regularien, und ich sehe kaum eine Gemeinsamkeit außer der trivialen Regel, daß die Zweitstellung der finiten Verbform erhalten bleiben muß. Betrachten wir doch einmal die Möglichkeiten, daß es als Subjekt auftaucht (Ist eigentlich schon das nächste Exerzitium):

0. (Fast) ganz absehen können wir von den Fällen, wo es sich um einen echten Zeiger handelt, also auf einen anderen Ausdruck – nicht notwendigerweise ein Neutrum – verweist,
gegen den es {–> das Wort es} ausgetauscht werden kann.
Es {–> die Aufführung, der Ausflug} hat mir gefallen.
Es {–> das Unwetter} zerstörte die Mühle am Rauschbach.
Es {–> das Ventil} klemmt.
Es {–> das Buch} wird viel gelesen.
Zum letzten Satz läßt sich kaum ein entsprechender Aktivsatz formulieren, ansonsten gibt es hier tatsächlich keinen Unterschied zwischen Aktiv und Passiv.

1. Ganz anders unpersönliche Sätze:
Es klappert.
Es rappelt in der Kiste.
Es regnet.
Es gibt (hier) (kein) Wasser.
Diese gibt es nur im Aktiv. Das es kann auf keine Weise beseitigt werden. Es ist ein ganz inhaltsloser Lückenfüller, der durch bestimmte Satzstrukturregeln erzwungen wird. Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht, daß man noch im Althochdeutschen ganz einfach ohne solche Sperenzchen sagen konnte: reganôt.

2. Gewöhnliche Subjektsätze:
Es klappert die Mühle am rauschenden Bach.
Hier haben wir das klassische Vorgreifer-es, das zunächst die Subjektstelle einnimmt. Dadurch wird der Klangeindruck in den Vordergrund geschoben (hier noch verstärkt durch das nachfolgende Bachrauschen), und der Verursacher wird erst danach eher beiläufig genannt. Der Witz dieses Kunstgriffs ist also, durch Subjektverdoppelung die Satzgliedfolge zu vertauschen: Das Verb rückt an den Satzanfang, mit einem formal notwendigen Vorschlag.
Grundsätzlich kann man das auch im Passiv machen, aber der Trick funktioniert hier so nicht:
Es werden die Glocken geläutet. ~ Die Glocken werden geläutet.
Die Reihenfolge der sinntragenden Elemente: Glocken – läuten bleibt gleich. Zweck kann hier – neben salbungsvollerem Klang oder rhythmischen Gründen – eine Entpersonalisierung des Vorgangs sein: Es geschieht etwas, einfach so. Diese Verabsolutierung macht die es-Sätze auch so geeignet für Dienstanweisungen:
Es putzt jeder seinen Arbeitsbereich.
Es wird jeden Abend der Boden gefegt.

3. An sich subjektlose Sätze:
Es wird mir geholfen. ~ Mir wird geholfen.
Es graut mir vor dir. ~ Mir graut vor dir.
Es gilt fast dasselbe wie in der vorigen Gruppe, nur daß es hier nichts gibt, worauf das es vorgreifen könnte. Es wird stattdessen ein redundantes Pseudo-Subjekt eingeführt, um eine Satzstruktur ähnlich der Gruppe 1 zu erreichen. Der Begriff des unpersönlichen Passivs paßt bei solchen Sätzen nicht gut, weil sie faktisch alle Personen durchlaufen können:
Uns wurde übel mitgespielt.
Wir wurden betrogen.
Zwei fast inhaltsgleiche Sätze, und der eine kommt nicht weniger persönlich daher als der andere. Allerdings gibt es beim zweiten keine es-Umschreibung:
Es wurde uns übel mitgespielt.
*Es wurden wir betrogen.

4. Schließendlich das klassische unpersönliche Passiv der objektlosen Sätze:
Es wurde herzlich gelacht.
Es wird viel gelesen. (= Die Leute lesen viel.)
Letzteres etwas völlig anderes als der gleichlautende Satz aus Gruppe 0! Man sieht hier auch, daß die bloße Unterscheidung transitive/intransitive Verben zu kurz greift. Es kommt auf das tatsächliche Vorkommen eines Objektes an.
Nur in dieser Gruppe kann das es durch einen deiktisch verschiedenen Ausdruck ersetzt (oder verdrängt) werden:
Es wird hier viel gelesen. ~ Hier wird es viel gelesen. ~ Das Buch wird hier viel gelesen.
Es wird hier viel gelesen. ~ Hier wird viel gelesen.
Zudem gibt es, wie schon im früheren Beitrag angedeutet, feine Sinnunterschiede:
Es wird drinnen gearbeitet. ist Antwort auf die Frage "Wo wird gearbeitet?"
Drinnen wird gearbeitet. hingegen antwortet auf die Frage "Was geschieht drinnen?"

And now for something (not so) completely different:
Herr Markner wies dankenswerterweise auf den interessanten Aufsatz von Geoffrey Pullum hin. (Im Vergleich dazu, was bei selbsternannten Sprach- und Stilkritikern im angelsächsischen Raum üblich zu sein scheint, ist Bastian Sick ja hochkompetent!) Pullum erwähnt, daß Negationen, Quantoren etc. die Äquvalenz von Aktiv- und Passivsatz beeinträchtigen können. Er nennt als ein Beispiel
"Many Americans did not support Obama[/] is true, but [i]Obama was not supported by many Americans is not."
Im Deutschen mit der beweglichen Satzstellung haben wir dieses Problem so nicht:
Viele Amerikaner unterstützten Obama nicht. und
Obama wurde von vielen Amerikanern nicht unterstützt.
sind vollkommen äquivalent und deutlich unterschieden von
Obama wurde nicht von vielen Amerikanern unterstützt.
Obama wurde von nicht vielen Amerikanern unterstützt.
Ein allerletztes: Wohltuend (etwa im Hinblick auf Schmachthagen) ist auch Pullums Bemerkung [i]This strange locution "receives the action" is found solely in the thousands of mutually plagiarizing bad descriptions of the passive construction.[i]

Schönes Wochenende!

 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.02.2014 um 18.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25209

Lieber Herr Höher,
ein kurzes, komplettes Beispiel finde ich immer am besten:

Aktiv (mit transitivem Verb):
Paul schenkt mir einen Euro.
Wer schenkt mir einen Euro? - Paul.

normales (Werden-)Passiv (persönlich):
Ein Euro wird mir von Paul geschenkt.
Von wem wird mir ein Euro geschenkt? - Von Paul.

Rezipientenpassiv:
Ich bekomme einen Euro von Paul geschenkt.
Von wem bekomme ich einen Euro geschenkt? - Von Paul.

Direkt als schief empfinde ich nichts, aber bei der Frage nach dem Agens sieht das Rezipientenpassiv interessanterweise natürlicher als das normale Passiv aus. Das wird aber gleich anders, wenn man ein anderes Verb benutzt, z. B. geben statt schenken. Da würde man nach dem Agens wohl am ehesten im Aktiv fragen, selbst direkt im Anschluß an einen der Passivsätze.

Den Hinweis auf das fehlende Agens bei Indefinitpronomina verstehe ich nicht. Wo soll kein Agens möglich sein? Der Handlungsträger wird zwar im Passiv sowieso oft weggelassen, aber möglich ist er doch genau wie bei anderen Wortarten:

Jeder/Niemand schenkt mir einen Euro.
Ein Euro wird mir von jedem/niemandem geschenkt.
Ich bekomme von jedem/niemandem einen Euro geschenkt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2014 um 12.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25208

Das sogenannte "lange Passiv" (vom Modalverb statt vom Hauptverb) gab es interessanterweise auch im Sanskrit, in Ermangelung eines passivischen Infinitivs:

purushasya svabhavo nopadeshena shakyate kartum anyatha = "das Wesen des Menschen kann nicht durch Unterweisung geändert werden"; eigentlich: "wird nicht anders machen gekonnt".

 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 21.02.2014 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25207

Lieber Herr Riemer,

einverstanden, dann konzentrieren wir uns auf das „Rezipientenpassiv“.

Nur was ist der Unterschied zum von Ihnen genannten „Dativpassiv“? Stellt nicht der Dativ den Empfänger (Rezipienten) in den Vordergrund? Ich kann daher gut ohne das Rezipientenpassiv auskommen, wenn ich weiß, daß manche Verben den Dativ regieren (Ich helfe Ihnen. –> Ihnen wird von mir geholfen.).

Wie Herr Ickler in 1603#25190 und 1603#25196 bereits ausführte, ist das nichts Neues. Meiner Meinung nach wird das durch die Bedeutung des Dativs hinreichend erklärt. Auch was Wikipedia zum „Rezipientenpassiv“ ausführt, überzeugt mich nicht (dort unter „Grammatikalisierung“):

Da Sprache ständig im Wandel begriffen ist und Grammatikalisierung Schritt für Schritt stattfindet, gibt es viele Fälle, in denen schwer entschieden werden kann, ob ein Element nun schon „grammatisch“ oder noch „lexikalisch“ ist, da die Reanalyse im vollen Gange ist. Dies ist beim sogenannten Rezipientenpassiv im Deutschen der Fall.

Er bekommt das Auto von mir geliehen

= Ich leihe ihm das Auto oder
= Er bekommt das Auto von mir im geliehenen Zustand
(leihweise)

Dass solche „in der Schwebe“ befindlichen Fälle formal nicht entscheidbar sind, stellt die Korrektheit der theoretischen Voraussetzungen des Begriffs der Grammatikalisierung infrage. Lexikalisch = produktiv-offen und grammatisch = abgeschlossen-konventionalisiert sind polare Gegensätze. Mit ihnen allein kann man nur bereits abgeschlossenen Sprachwandel erfassen.

Entscheidbar wird der obige Fall erst durch Rückgriff auf das metasprachliche Bewusstsein der Sprecher einer Sprache, die damit einschätzen können, ob eine solche Konstruktion als noch metaphorisch-lebendig oder bereits als formal-erstarrt „empfunden“ wird.

Die Einleitung und die beiden letzten Absätze sind Gelaber, die den Text „aufplustern“. Deshalb können wir sie hier ignorieren. Aber wenn ich den Beispielsatz aufgreifen darf, dann müßte ich zunächst Ich leihe ihm das Auto. ins Passiv umformen als Das Auto wird ihm von mir geliehen. (Ich gewinne übrigens mehr und mehr den Eindruck, daß das sogenannte Rezipientenpassiv einfach konstruiert wird, indem man das normale Passiv im Dativ verschweigt.) Und das soll nun Er bekommt das Auto von mir geliehen. entsprechen. Was ja auch stimmt. Trotzdem kommen wir ohne eine „Rezipientenpassiv“ aus, denn geben, schenken, überreichen, leihen und all die anderen vergleichbaren Verben haben nun mal zwei Seiten. Eine Person A gibt einer anderen Person B eine Sache C (Ich leihe ihm das Auto = A leiht B C). Ob für immer als Geschenk oder nur vorübergehend als Leihgabe ist dabei unwichtig. Die soeben aufgezählten Verben stellen den Vorgang aus der Perspektive von A dar, die hier so vermeintlich wichtigen Verben bekommen, kriegen, erhalten (und wie sie alle heißen) aus der Perspektive von B, also aus der Sicht des Empfängers oder Rezipienten. Wir alle kennen vor allem die Sache mit dem Schenken noch aus Kindertagen. Wir bekommen ein Geschenk und sitzen dann mit leuchtenden Augen mit dem Geschenk da, bis uns ein Verwandter, der eigentlich nur höflich ein bißchen Konversation machen möchte, fragt „Von wem hast du das denn bekommen?“ Sehr oft haben wir nun nicht direkt, sondern ausweichend geantwortet „Das habe ich geschenkt bekommen“, um erst danach vielleicht zu präzisieren „Das habe ich von Onkel Paul geschenkt bekommen“. Eigentlich fragt „von wem“ nach dem Agens, also nach dem Täter in einem passiven Vorgang. Das „geschenkt bekommen“ konzentriert sich aber auf den – hier doch wichtigeren – Vorgang des Schenkens. Dadurch hängt nun die grammatisch zu erwartende Passivkonstruktion Das wurde mir von Onkel Paul geschenkt schief. Es mag verführerisch erscheinen, für die Sicht von B ein „Rezipientenpassiv“ anzunehmen, während das normale Passiv – vielleicht aus der Sicht von D – etwas Anderes sein soll. Den Unterschied machen aber doch eigentlich nur die Verben, die den Akkusativ oder hier eben den Dativ regieren.

Das Erststellen-es hatte ich schließlich nur erwähnt, um Unsicherheiten bei der Singular- oder Pluralzuschreibung zu klären. Natürlich folgt es im Aktiv und im Passiv den gleichen Regeln. Und auf eine weitere Unterteilung – etwa nach Kasus oder Angaben – kann ich auch gut verzichten. Deshalb wollte ich j auch schon die beiden Kategorien B) und C) bei Herrn Strowitzki zusammenfassen. Ergänzt nur durch den Hinweis auf das fehlende Agens bei Indefinitpronomina als Subjekt im Aktivsatz.

 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.02.2014 um 01.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25204

Herr Höher: "Wozu brauche ich da ein kriegen? Wie Herr Strowitzki (1603#25201) möchte ich den Satz Ich helfe Ihnen. umformen in Ihnen wird von mir geholfen."

Aber das ist doch gar kein Problem, das darf man natürlich. Nur ist es dann eben ein ganz normales Passiv, kein Dativpassiv! Gerade darum geht es ja hier, um die Kategorie.

Aktiv: Ich helfe Ihnen.
normales Passiv (unpersönlich): Ihnen wird von mir geholfen.
Dativ- oder Rezipientenpassiv: Sie kriegen von mir geholfen.

Wem letzteres mit kriegen/bekommen/erhalten nicht gefällt, der muß es ja nicht verwenden. Nennen wir es für den Moment mal nur Rezipientenpassiv und lassen den Begriff Dativpassiv frei, nur für den Fall, um den es Herrn Strowitzki wohl geht, daß wir das normale Passiv noch weiter unterteilen wollen. Herr Strowitzki deutete schon ein "Genitivpassiv" an:

"Genitivpassiv": Der Toten wurde gedacht.
"Dativpassiv": Ihm wird geholfen.
"präpositionales Passiv": Mit Messer und Gabel wird gegessen.
"adverbiales Passiv": Freitags wird gebadet.
"Nullpassiv": Es wird geholfen.

Und so weiter (das adverbiale läßt sich ja noch weiter unterteilen: lokal, temporal, ...), aber was soll das alles? Was hat es mit dem Passiv an sich zu tun, welche Ergänzungen oder Angaben sonst noch zum Verb passen?

Und wozu die ständige Erwähnung des Platzhalter-es? Das steht im Aktiv wie im Passiv nach genau den gleichen Regeln, das hat doch mit dem Passiv nichts zu tun.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 21.02.2014 um 00.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25203

Zu 1603#25190:

»[U]nter Dativ- oder Rezipientenpassiv verstehen die Germanisten eine Konstruktion bei der das Subjekt (also der Nominativ) die Rolle vertritt, die in einem „entsprechenden“ Aktivsatz das Dativobjekt spielt. (Diese Entsprechung ist aber schon mal fraglich.) Dabei muß eine Art neues Hilfsverb eingesetzt werden, eben „kriegen“ usw. Also: Ich helfe Ihnen. > Sie kriegen von mir geholfen. In diesen „Passivsätzen“ steht dann also kein Dativ mehr (außer zufällig aus anderen Gründen).«

Das leuchtet mir nicht ein. Warum sollte der Nominativ die Rolle des Dativobjekts vertreten? Das Verb helfen regiert den Dativ. Wozu brauche ich da ein kriegen? Wie Herr Strowitzki (1603#25201) möchte ich den Satz Ich helfe Ihnen. umformen in Ihnen wird von mir geholfen.

Anders als Herr Strowitzki halte ich den Ausdruck „unpersönliches Passiv“ für durchaus geeignet, auf jeden Fall nicht schlechter als das ‚Empfängerpassiv‘. Bei dem Satz Ich helfe Ihnen. ist durch die Großschreibung von Ihnen noch klar, daß der Empfänger im Singular steht und lediglich höflich angeredet wird. Bei der Umformung in Ihnen wird von mir geholfen. ändert sich daran nichts. Nicht auf den ersten Blick klar ist das jedoch bei Der Staat hilft den Arbeitslosen. –> Den Arbeitslosen wird vom Staat geholfen. Erst wenn man das „unpersönliche“ Erststellen-es einsetzt, leuchtet der Singular des Hilfsverbs werden ein: Es wird den Arbeitslosen vom Staat geholfen.

Ähnlich wie bei Herrn Strowitzki finden sich die Ausführungen schon bei Blatz (II, 488), der jedoch die Kategorien B) und C) von Herrn Strowitzki in einer Kategorie zusammenfaßt (Sperrdruck im Frakturdruck des Originals erscheint im folgenden kursiv):

5. Ein vollständiges Passiv kommt in unserer Sprache nur von transitiv gebräuchlichen Verben vor. Die intransitiven (die gar kein Objekt, oder nur ein Genitiv-, Dativ- oder Vorwortobjekt gestattenden) Verba können nur ein unpersönliches Passiv bilden, nämlich die dritte Person des Singulars mit dem Subjekte es, das jedoch ausfällt, wenn ein anderes Wort an die Spitze des Satzes tritt, z.B. [die Beispiele erscheinen in Schwabacher Lettern] Ich werde unterrichtet. Es wird mir geholfen. Mir wird geholfen. Es wird heute getanzt. Heute wird getanzt.

Aber ist der Unterschied zwischen den Kategorien B) und C) wirklich so groß? Bei „Jemand arbeitet. <–> Es wird gearbeitet.“ ist das Erststellen-es doch eigentlich nur wegen der Kürze notwendig. Ersetzt man nun das Indefinitpronomen jemand durch man und fügt man weitere Angaben hinzu, braucht man das Erststellen-es nicht mehr unbedingt: Man arbeitet in der Fabrik in drei Schichten. –> Es wird in der Fabrik in drei Schichten gearbeitet. = In der Fabrik wird in drei Schichten gearbeitet. Womöglich „plustert“ das es diesen Satz auch nur „auf“. Etwas netter ausgedrückt kann es aber bei der Frage helfen, warum das Hilfsverb werden im Singular oder Plural steht.

Viel wichtiger fände ich den Hinweis, daß Sätze mit Indefinitpronomen im Aktiv keine Täterangabe im Passiv haben. So könnte man einiges von B) und C) zusammenfassen.



 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 20.02.2014 um 20.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25201

Ach, wenn man auf die Schnelle einen Begriff benutzt, der einem gerade im Kopf herumschwirrt...
Nein, ich meinte nicht das Rezipientenpassiv (ein viel besserer Ausdruck), sondern das ganz normale Passiv:
Ich helfe Ihnen. –> Ihnen wird (von mir) geholfen.
das mir mit dem pauschalen "unpersönliches Passiv" nicht hinreichend dargestellt scheint. Ich versuche mal zu sortieren, worum es mir ging:
A) Aktivsätze mit einem Akkusativobjekt werden im Passiv zu normalen Subjekt-Verb-Sonstwas-Sätzen.
Zusatzbemerkung: Bei Sätzen mit zwei Akkusativobjekten muß man noch Feinheiten beachten:
Lasker schalt ihn einen Narren. <–> Er wurde (von Lasker) ein Narr gescholten.
Das nennt man einen Glücksfall. <–> Das wird ein Glücksfall genannt.
Im Gegensatz zu
Er gibt ihr den Schlüssel. <–> Der Schlüssel wird ihr (von ihm) gegeben.
Man beschuldigt ihn des Diebstahls. <–> Er wird des Diebstahls beschuldigt.
ohne Kasustransformation.
(Man könnte jetzt sagen, ich betreibe Transformationsgrammatik, aber das wäre auch wieder der falsche Begriff.)

B) Aktivsätze ohne Objekt transformieren zu unpersönlichem Passiv mit einem Platzhalter-es:
Jemand arbeitet. <–> Es wird gearbeitet.
ganz ähnlich Sätzen des Typs
Es regnet.
Im Unterschied dazu kann das es aber verschwinden, wenn ein Adverbial (oder irgendein geeignetes Satzglied) eintritt:
Es regnet heftig.
Morgen wird es schneien.
Es wird hart gearbeitet.
Drinnen wird gearbeitet. ~ Es wird drinnen gearbeitet.
(kein stilistischer, sondern ein inhaltlicher Unterschied! Die es-Sätze haben oft imperativischen Charakter.)
Jetzt wird gearbeitet.
Bei schlechtem Wetter wird drinnen gearbeitet.

C) Aktivsätze mit einem Genitiv- oder Dativ-Objekt hingegen transformieren von vornherein zu subjektlosen Sätzen, die allenfalls durch ein zusätzliches Platzhalter-es (Vorgreifer oder nicht) aufgeplustert werden können:
Man hilft mir. <–> Mir wird geholfen. ~ Es wird mir geholfen.
also zu Sätzen des Typs
Mir wird kalt.
Mich fröstelt.
Mir graut vor dir.
Der Unterschied zwischen B) und C) scheint mir doch nicht ganz unbedeutend.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2014 um 18.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25198

Zu unserer leidenschaftlichen Diskussion des Passivs auch noch einmal eine Erinnerung an den interessanten Fall, der hier besprochen (worden) ist:

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1566#23691
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.02.2014 um 16.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25197

Ebenfalls neu an den verschiedenen Passiv-Erscheinungsformen ist mir das "Passiv bei attributivem Gebrauch":
"das dort zu lösen versuchte Problem".

Ähnlich wie beim "Zustandspassiv („Stativ“), das allerdings formal nicht von Kopulakonstruktionen mit prädikativem Adjektiv unterschieden werden kann", kann dieses attributive Passiv formal nicht von einem einfachen attributiven Adjektiv unterschieden werden:
- das wiedergefundene Kleid (welches wiedergefunden wurde)
- das gestreifte Kleid ((?) welches gestreift wurde)
- das bunte Kleid
Nur das erste Beispiel läßt sich sinnvollerweise als Passiv deuten, es ist aber formal den anderen gleich.

Sollte ein Passiv nicht mindestens aus einem Partizip II und einem Hilfsverb bestehen? Letzteres fehlt bei attributivem Gebrauch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2014 um 15.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25196

Das Fragliche am Rezipientenpassiv beruht darauf, daß es die Ausdrucksweise schon lange gibt, ohne daß man sie ins Passivparadigma und überhaupt in die Konjugation hineinziehen müßte. Daran hat auch zum Beispiel Behaghel nicht gedacht, der das Dativpassiv nicht als solches erwähnt, sondern die Erscheinung beiläufig unter den Gebrauchsweisen des Partizips II behandelt (Dt. Syntax II:415f.: geschenkt bekommen, bezahlt kriegen, er bekommt die Augen zugebunden, er kriegt eine heruntergehauen; aber auch gefangen nehmen/halten usw., beschäftigt halten.

Sütterlin behandelt die Konstruktion ausführlicher, auch mit interessanten Dialektformen (Nhd. Grammatik).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2014 um 15.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25195

Ich hatte ja das Rezpientenpassiv vor einigen Monaten schon mal dargestellt, zum Teil mit demselben, aber auch mit weiterem Material:
http://sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1566

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2014 um 14.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25193

Der Spruch spielt mit der Durchbrechung der Norm, das ist gerade der Witz und der einzige Grund seiner Bekanntheit - er bestätigt also gerade die Norm. (Wie Österreich ist wanderbar eine Wortbildungsregel verletzt.) werden kann eben gerade nicht als Hilfsverb für die Bildung des Dativpassivs verwendet werden. Allerdings gibt es ... wird gefolgt von, obwohl folgen den Dativ regiert. Und, wie erwähnt: kriegt geschimpft, obwohl schimpfen den Akkusativ regiert. Aber solche Einzelfälle schrecken natürlich den Grammatiker nicht, er setzt höchstens hier und da ein Fragezeichen in seine Regeln.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.02.2014 um 14.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25192

"als Hilfsverb [beim Rezipientenpassiv] dienen kriegen, bekommen und erhalten":

Wohin gehört eigentlich der vielbelächelte Werbespruch von Verona F.: "Da werden Sie geholfen"?
Er unterscheidet sich ja kaum von Da kriegen Sie geholfen, also wird der Rezipientenpassiv u. U. auch mit werden gebildet.

"alle anderen Formen des Passivs [also auch der Rezipientenpassiv] sind mehr oder weniger umstritten":

Wie soll man also diesen Werbespruch beurteilen? Erhält er die Weihen der deutschen Grammatik (Rezipientenpassiv) oder ist er "ungrammatisch"? Was ist eigentlich ungrammatisch, wenn es doch für solche ungrammatischen Fälle sehr oft einen schönen grammatischen Begriff gibt?


 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2014 um 13.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25190

Hoffentlich verstehen wir uns nicht miß?

Also unter Dativ- oder Rezipientenpassiv verstehen die Germanisten eine Konstruktion bei der das Subjekt (also der Nominativ) die Rolle vertritt, die in einem "entsprechenden" Aktivsatz das Dativobjekt spielt. (Diese Entsprechung ist aber schon mal fraglich.) Dabei muß eine Art neues Hilfsverb eingesetzt werden, eben "kriegen" usw. Also: Ich helfe Ihnen. > Sie kriegen von mir geholfen. In diesen "Passivsätzen" steht dann also kein Dativ mehr (außer zufällig aus anderen Gründen).
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.02.2014 um 01.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25189

Zu Vergleichszwecken hier ein aktueller Text von Geoffrey Pullum über das englische Passiv und dessen schlechte Presse:
http://www.lel.ed.ac.uk/~gpullum/passive_loathing.pdf
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.02.2014 um 20.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25185

Das ganze gilt übrigens auch für modale Erweiterungen:
Dem Manne kann geholfen werden.
Der Verstorbenen soll ehrend gedacht werden.
Trotz der aktivischen Modalverben wird der Satz durch die Passivkonstruktion bestimmt.

 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.02.2014 um 16.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25181

So einfach ist es, glaube ich, nicht. Der Beispielsatz trifft es auch nicht ganz, weil hier im Aktiv ein Akkusativobjekt vorliegt, das im Passiv zum Subjekt wird. Bei den von mir angeführten Beispielen kann ja nichts weggelassen werden. Man kann umgekehrt ein Platzhalter-es (kein Vorgreifer[?]) hinzufügen, um die unpersönliche Passivkonstruktion zu erreichen. Das ist aber nicht nötig und oft auch holprig und gestelzt:
Dem Antrage wird stattgegeben. <–> Es wird dem Antrage stattgegeben.
Es handelt sich hier um subjektlose Sätze, bei denen der Dativ Subjektsfunktionen übernimmt:
Ihm wird gefolgt. <–> Er wird verfolgt.
Dem Vorschlage wird gefolgt. <–> Der Vorschlag wird angenommen.
Mir wurde gesagt, daß ... <–> Ich wurde informiert, daß ...
Der Zeugin wird geglaubt. <–> Die Zeugin ist glaubwürdig.
Gleiches gilt auch für die (selteneren) Genitivobjekte:
Der Toten wurde mit einer bewegenden Trauerfeier gedacht. <–> Die Toten wurden ... geehrt.

 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.02.2014 um 15.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25178

Dieser Dativ steht aber unveränderlich sowohl im passiven wie im entsprechenden aktiven Satz, er besetzt einfach eine freie Objektstelle und ist teils auch weglaßbar:
Die Tat wird (euch) verziehen werden.
Deshalb denke ich, er hat mit der Passivkonstruktion an sich nichts zu tun.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.02.2014 um 14.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1603#25177

Ich bin mir nicht sicher, ob ich was übersehen habe, aber ich vermisse die nicht ganz unwichtige Gruppe des Dativ-Passivs (die bei Punkt 4 oder 5 zu erwarten wäre):
Allen wurde geschadet. (www.pocket-nachrichten.at) (Einziges, eher beiläufiges Beispiel im Text)
Ihm wird nachgesagt, ...
Mir wurde nicht geantwortet.
Euch wird verziehen werden.
usw.
Mit dem Begriff "unpersönliches Passiv" ist das Phänoimen m.E. nicht abgedeckt.

 
 

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