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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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31.10.2013
 

Das „bilaterale Zeichen“
Bemerkungen über Saussures schweres Erbe

Es gibt kaum eine Einführung in die Sprachwissenschaft, die nicht zu Beginn unter Berufung auf Ferdinand de Saussure den „bilateralen Zeichenbegriff“ als semiotische Grundlage vorstellte. (Die kleine sprachliche Härte – statt „Begriff des bilateralen Zeichens“ – ist wohl hinnehmbar.)
Dieser Begriff und die damit verbundene Lehre sollen hier kritisch betrachtet werden. Dabei geht es nicht um die wissenschaftsgeschichtliche Frage, was Saussure wirklich gesagt und gemeint hat (Saussure-Exegese ist eine Wissenschaft für sich), sondern um die heute weithin herrschenden Ansichten und Redeweisen; sie stützen sich auf die postume Kompilation der Vorlesungsnachschriften, im Deutschen in der Übersetzung Hermann Lommels.
Ich skizziere vorweg den Zeichenbegriff einer naturalistischen Zeichen- und Sprachtheorie.
Zeichenmodelle versuchen der Tatsache gerecht zu werden, daß ein Zeichen sich nicht in seiner physischen Beschaffenheit erschöpft, sondern etwas bedeutet oder bezeichnet oder auf etwas anderes verweist. Aus naturalistischer Sicht erklärt sich diese Tatsache als Folge der Zeichenentstehung. Ein morphologisches Merkmal oder ein Verhalten eines Lebewesens löst bei einem anderen Lebewesen - das nicht derselben Art angehören muß - ein Verhalten aus, das sich arterhaltend auf ersteres auswirkt. Wenn die Bienen „lernen“, daß bestimmte Blütenformen und -gerüche auf Nektar hinführen, geraten die Blüten, deren Bestäubung dadurch wahrscheinlicher wird, unter Selektionsdruck (wie man mit einer harmlosen Metapher sagt). Sie werden prägnanter, auffälliger, unverwechselbarer. Handelt es sich um das Verhalten, so spricht man von „Ritualisierung“.
Auch in der ontogenetischen, lerngeschichtlichen Dimension können Zeichen durch solche „empfangsseitige Semantisierung“ (Wolfgang Wickler) entstehen. An die Stelle der natürlichen Selektion tritt die Konditionierung. Eine Taube lernt in kurzer Zeit, daß sie durch Picken auf eine Scheibe zu Futter gelangen kann. Die Scheibe bekommt einen Signalwert, den sie zuvor nicht hatte, hört aber deshalb nicht auf, ein Reiz wie jeder andere zu sein. Die Reaktion kann von weiteren diskriminierenden Reizen abhängig gemacht werden. Der etwas andersartige Ablauf beim klassischen (Pawlowschen) Konditionieren ist bekannt. Skinners „Verbal Behavior“ stellt die Entwicklung des Sprachverhaltens nach diesem Muster dar. Wenn wir aus Gründen der Vereinfachung zunächst von schriftlichen Texten und anderen Hinterlassenschaften absehen, sind sprachliche Zeichen Verhaltensabschnitte, denen durch die Reaktion eines Partners eine bestimmte Funktion zugewachsen ist. Skinner faßt zusammen:
„Meaning or content is not a current property of a speaker's behavior. It is a surrogate of the history of reinforcement which has led to the occurrence of that behavior, and that history is physical.“ (B. F. Skinner in A. Charles Catania/Stevan R. Harnad (Hg.): The selection of behavior. The operant behaviorism of B. F. Skinner: Comments and consequences. Cambridge u.a. 1988:238)
Die phänomenologische Sicht der traditionellen Semiotik, zu der sich auch Saussure rechnen läßt, verzichtet auf diesen „genetischen“ oder „historischen“ Aspekt, versucht die Bedeutung als gegenwärtige Eigenschaft des Zeichens zu begreifen und steht daher vor der „Bedeutung“ der Zeichen als einem Rätsel, dem „Wunder des Bedeutens“ (Hans Lenk: Von Deutungen zu Wertungen. Frankfurt 1994:40). Der bilaterale Zeichenbegriff ist ein Versuch, dieses Rätsel zu lösen. Nach Saussure besteht das sprachliche Zeichen aus zwei Komponenten, einer Lautvorstellung (dem Bezeichnenden, signifiant) und einer Gegenstandsvorstellung (dem Bezeichneten, signifié), die – als Vorstellungen – beide psychischer Natur sind. Mit seinen eigenen Worten:
„Wir haben beim Kreislauf des Sprechens gesehen, daß die im sprachlichen Zeichen enthaltenen Bestandteile alle beide psychisch sind, und daß sie in unserem Gehirn durch das Band der Assoziation verknüpft sind. (...) Das sprachliche Zeichen vereinigt in sich nicht einen Namen und eine Sache, sondern eine Vorstellung und ein Lautbild.“ (Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin 1967:77)
„Stellen wir uns vor, daß eine gegebene Vorstellung im Gehirn ein Lautbild auslöst: das ist ein durchaus psychischer Vorgang, dem seinerseits ein physiologischer Prozeß folgt: das Gehirn übermittelt den Sprechorganen einen Impuls, der dem Lautbild entspricht“ usw. (ebd. 14)
(Zwischenbemerkung: Manche sprechen auch von „trilateralen“ Zeichenmodellen, etwa bei Peirce, Ogden/Richards oder Morris – die aber auch für ein „monolaterales“ Modell in Anspruch genommen werden – und Bühler, schließlich von „monolateralen“ wie dem behavioristischen Skinners, aber das ist wenig sinnvoll und soll hier nicht weiter berücksichtigt werden.)
Wie man sieht, bewegt sich Saussure innerhalb einer Psychologie, wie sie damals allgemein üblich war („Band der Assoziation“), und ersetzt auch das Psychische umstandslos durch das „Gehirn“. Diese psychologische oder gar neurologische Deutung des bilateralen Zeichens ist aber nicht zwingend mit der Zweiseitigkeit verbunden, und nicht alle Nachfolger sind Saussure in diesem Punkt gefolgt. Louis Hjelmslev zum Beispiel, der die verbreitete Terminologie von Ausdrucks- und Inhaltsseite eingeführt hat, enthält sich psychologischer Spekulationen.
Die Formulierungen des bilateralen Modells wechseln gerade in dieser Hinsicht. Manche kommen – jedenfalls stellenweise – ohne psychologisches Vokabular aus:
„(...) the link between sound and meaning that language provides“ (Wallace Chafe: Meaning and the Structure of Language. Chicago 1970:3)
„Sprache als System, das Ausdrücke und Inhalte einander zuordnet“ (Edda Weigand: Die Zuordnung von Ausdruck und Inhalt bei den grammatischen Kategorien des Deutschen. Tübingen 1978:1)
„It is generally assumed by linguists that the function of a grammar is to link meaning with sound.“ (Renate Bartsch/Theo Vennemann: Semantic structures: a study in the relation between semantics and syntax. Frankfurt 1972:3)
„(...) daß die Grammatik das System der Zuordnungen zwischen Lauten und Bedeutungen modelliert, daß die Grammatik (ebenso wie die Lexik) Form und Bedeutung, Ausdrucks- und Inhaltsebene miteinander verbindet.“ (Gerhard Helbig: Studien zur deutschen Syntax I. Leipzig 1983:9)
„Eine Sprache beschreiben heißt, eine Grammatik angeben, die in der Syntax die wohlgeformten Ausdrücke dieser Sprache definiert und in der Semantik diesen Ausdrücken bestimmte Entitäten, genannt Bedeutungen, zuordnet.“ (Dietmar Zaefferer in Grewendorf (Hg.): Sprechakttheorie und Semantik. Frankfurt 1979:387)
„Jedes Wort hat eine Formseite und eine Inhaltsseite (Bedeutung). (...) Die Grammatik legt dar, welchen Regularitäten der Bau der Formen und der Bau der Bedeutungen folgt.“ (Dudengrammatik 2005:19)
„Seit geraumer Zeit ist es allgemein gültiges Wissen, dass Sprachzeichen aus zwei Hauptkomponenten bestehen: aus einer Laut- und einer Bedeutungsseite.“ (Christine Römer: Morphologie der deutschen Sprache. Tübingen 2006:3)
„Durch ein Zeichen wird eine Form mit einer Bedeutung, oder anders gesagt: eine Bedeutung mit einer bestimmten Form in Beziehung gesetzt.“ (Ralf Pörings/Ulrich Schmitz [Hg.]: Sprache und Sprachwissenschaft. Eine kognitiv orientierte Einführung. 2. Aufl. Tübingen 2003:2)
„Die Sprache ist ein Zeichensystem, d. h. ein symbolisches System, in dem Formen und Bedeutungen sowohl auf lexikalischer Ebene als auch auf der Ebene grammatischer Konstruktionen konventionell gepaart sind.“ (Deutsche Gesellschaft für Kognitive Linguistik)
„Sprache ist eine Verbindung von Form und Inhalt.“ (Wolfgang Meid: Germanische Sprachwissenschaft III: Wortbildungslehre. Berlin 1967:9)
„Approaches to language in the Cognitive Linguistics tradition take linguistic units to be pairings between form and meaning (e.g. Langacker 1991).“ (http://www1.icsi.berkeley.edu/ ~nchang/research/pubs/MaiaChang01.pdf)
„Eine menschliche Sprache ist ein Zeichensystem, bei dem - etwas vereinfacht gesagt - Schall mit Bedeutung verknüpft wird.“ (Henning Wode: Psycholinguistik. Eine Einführung in die Lehr- und Lernbarkeit von Sprachen. München 1993:36)

Andere übernehmen die psychologische Deutung:
„Das Sprachsystem kann seine gesellschaftlich-kommunikative Funktion nur erfüllen, wenn es sich darstellt als System von Zuordnungen zwischen Bewußtseinsinhalten und materiellen Signalen.“ (Gerhard Helbig: Sprachwissenschaft – Konfrontation – Fremdsprachenunterricht. Leipzig 1981:83)
„Die Verwendung von Sprache in der Kommunikation erfordert sowohl auf der Seite des Sprechers als auch auf der Seite des Hörers die Zuordnung einer Menge von Ausdrucksstrukturen zu einer Menge von Inhalts- oder Bedeutungsstrukturen.“ (Thomas Kotschi: Probleme der Beschreibung lexikalischer Strukturen. Tübingen 1974:1)
„In the minimal case, a word is an arbitrary association of a chunk of phonology and a chunk of conceptual structure, stored in speakers’ long-term memory (the lexicon).” (Steven Pinker/Ray Jackendoff: „The Faculty of Language: What’s Special about it?“ Cognition 95, 2005:201-36.)
„Die Grundstruktur des lexikalischen Wissens besteht (...) in einer Zuordnung zwischen zwei Mengen: der Menge von Wortformen (dem physikalischen Aspekt der Wörter) und der Menge von Wortbedeutungen.“ (George A. Miller: Wörter. Heidelberg 1993:33)
„Ein sprachlicher Ausdruck ist eine Verbindung eines Ausdrucksträgers und einer Bedeutung, die einander konventionell zugeordnet sind.“ (...) „Grundsätzlich ist eine solche Bedeutung (...) immer eine abstrakte Entität, die irgendwo im Gehirn gespeichert ist, die sich auf Dinge der Außenwelt beziehen kann, aber nicht muss, und die sich mit bestimmten Methoden beschreiben lässt.“ (Angelika Becker/Wolfgang Klein: Recht verstehen. Berlin 2008:8)

In einigen Theorien wird das Modell als Beschreibung des Erzeugens und Verstehens von Sprache durch den Sprecher oder Hörer gedeutet:
„Language enables a speaker to transform configurations of ideas into configurations of sounds.“ (Wallace Chafe: Meaning and the Structure of Language. Chicago 1970:3)
„The act of speaking consists of a chain of events which links physiological and logical operations.“ (Frieda Goldman-Eisler: Psycholinguistics. Experiments in spontaneous speech. New York 1968:6)
„A speaker’s ability to use a language requires a systematic mapping between an unlimited number of thoughts or meanings and an unlimited number of sound sequences (or, in the case of signed languages, gesture sequences).“ (Ray Jackendoff: What is the human language faculty? Two views)
„Was tut ein sprachfähiger mensch, der seine sprache benutzt? Er setzt bedeutungen zum zweck der kommunikation - mit anderen oder mit sich selbst - in laut oder schrift um.“ (Theo Vennemann: „Warum gibt es syntax?“. ZGL 1/1973:257-283; S. 257)
Die Beziehung zwischen Ausdruck und Inhalt wird teilweise als Übersetzung oder als Transformation gedeutet:
„A language is a system for translating meanings into signals.“ (James R. Hurford: The Origins of Meaning. Oxford 2007:3)
„(...) that sound and meaning are related transformationally“ (George A. Miller/Philip N. Johnson-Laird: Language and perception. Cambridge 1976:186)
Solche Unterschiede zwischen den verschiedenen Darstellungen sind aber wohl nicht besonders ernst zu nehmen, da es sich meistens nur um undurchdachte Variationen des Wortlauts handelt.

1. Begriffliche Schwierigkeiten

Das Verständnis scheitert oft schon an der Unklarheit der Ausdrucksweise. In einem vielbenutzten Fachlexikon heißt es:
„Jedes Zeichen besteht aus der Zuordnung von zwei Aspekten, dem materiellen (lautlich oder graphisch realisierten) Zeichen-Körper (= Bezeichnendes) sowie einem begrifflichen Konzept (= Bezeichnetes)“ (Bußmann)
Diese „Zuordnung“ ist aber nicht wahrnehmbar. Und wieso sind Körper und Konzepte „Aspekte“? Konzept heißt Begriff, ein begriffliches Konzept wäre also ein begrifflicher Begriff.
Damit Form und Bedeutung einander zugeordnet werden können, müßten sie zunächst unabhängig voneinander existieren. „Form“ und „Bedeutung“ sind aber relationale Begriffe, Form ist immer Form von etwas, Bedeutung immer Bedeutung von etwas. Dieses Problem wird kaum erkannt, erst recht nicht gelöst.
Die Rede von der „Inhaltsseite“ ist außerdem eine Kontamination zweier Metaphern: Das Zeichen könnte ein Gegenstand mit Vorder- und Rückseite sein oder aber aus Verpackung und Inhalt bestehen. Das macht das Verständnis nicht einfacher.
Nicht nachvollziehbar sind Aussagen wie die von Goldman-Eisler: „The act of speaking consists of a chain of events which links physiological and logical operations.“ Es gibt ja nicht physiologische und logische Operationen, die man miteinander verbinden könnte, sondern das Logische ist eine bestimmte Funktion des Physiologischen.

2. Immanentismus

Wenn die Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem innerhalb des Zeichens verbleibt, wie kann man dann mit einem solchen selbstgenügsamen „Zeichen“ noch etwas anderes bezeichnen, das außerhalb seiner selbst liegt? Für dieses herkömmlicherweise einfach so genannte Bezeichnen müßte ein anderer Begriff erfunden werden. Das wird meist gar nicht erörtert.

3. Psychologismus

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts herrschte ein Psychologismus, der in naiver Weise von „Vorstellungen“, deren „assoziativer“ Verknüpfung usw. redete und alsbald den Behaviorismus hervorriefe, dem solche Scheinerklärungen nicht genügten. Voll ausgebildet sehen wir den Psychologismus etwa bei Hermann Paul; als Beispiel sei seine Definition des Satzes erwähnt: „Der Satz ist der sprachliche Ausdruck, das Symbol dafür, dass sich die Verbindung mehrerer Vorstellungen oder Vorstellungsgruppen in der Seele des Sprechenden vollzogen hat, und das Mittel dazu, die nämliche Verbindung der nämlichen Vorstellungen in der Seele des Hörenden zu erzeugen.“ (Prinzipien § 85)

Saussures Psychologisierung des Zeichens geht über den eher harmlosen zeitgenössischen Psychologismus hinaus, gerade weil Saussure die unerhörte Behauptung aufstellt, seine Vorgänger und Zeitgenossen hätten den eigentlichen Gegenstand der Sprachwissenschaft, die Sprache und die Natur des Zeichens, bisher nicht erkannt. Ogden und Richards wenden ein:
Unfortunately this theory of signs, by neglecting entirely the things for which signs stand, was from the beginning cut off from any contact with scientific methods of verification. (Charles K. Ogden/Ivor A. Richards: The meaning of meaning. London 1953:6)
Das Psychische, Mentale, Seelische, der Geist – das sind allzu vertraute bildungssprachliche Bezeichnungen für ein Niemandsland, das sich einer wissenschaftlichen Objektivierung entzieht. Aus einer vielgelesenen Einführung in die Semantik lernen die Studenten:
„Die Sprache ist (...) rein psychischer Natur: sie setzt sich aus Eindrücken von Lauten, Wörtern und grammatischen Merkmalen zusammen, die wir im Gedächtnis gespeichert dauernd zur Verfügung haben.“ (Stephen Ullmann: Einführung in die Semantik, Frankfurt 1982:27)
Woher Sprachwissenschaftler das wissen, wäre auch noch zu fragen.

Der nächstliegende Einwand gegen einen Zeichenbegriff, der die beiden Seiten oder Komponenten des Zeichens vollständig ins Psychische verlegt, ist: Wie kann ein solches – in einem radikalen Sinn „privates“ - Gebilde noch zur Kommunikation zwischen Menschen benutzt werden? Hier wiederholt sich das Bedenken gegen den Immanentismus. Rein sprachlich fängt Saussure diesen Einwand auf, indem er das sprachliche Zeichen als gesellschaftlich (fait social) bezeichnet, aber wie das mit dem innerpsychischen Charakter zusammenpaßt, bleibt unklar – darauf weisen u. a. Gauger und Fehr hin.
Sieht man einfach hin, wie die Theoretiker verfahren, so erkennt man in vielen Fällen, daß die „Bedeutungen“ in Wirklichkeit wiederum Ausdrücke sind, Synonyme, Paraphrasen oder Definitionen der Wortformen, deren Bedeutungen sie sein sollen. Vorbild ist das Wörterbuch. Das wird gelegentlich auch offen ausgesprochen:
„Offensichtlich enthält das mentale Lexikon einen Speicher für Wortbedeutungen und einen Speicher für Wortformen.“ (Jürgen Dittmann/Claudia Schmidt (Hg.): Über Wörter. Freiburg 2002:286)
„Dass das Lexikon der Wortbedeutungen eine alphabetische Struktur haben könnte, erscheint schon heuristisch unplausibel.“ (Ebd. 290) Dann führt der Verfasser an, daß bedeutungsähnliche Wörter nicht alphabetisch aufeinander folgen müssen. Aber Bedeutungen haben keinen Anfangsbuchstaben, können also schon aus begrifflichen Gründen nicht alphabetisch geordnet werden. Das ist nicht heuristisch unplausibel, sondern begrifflich unmöglich. In Wirklichkeit ist wohl an Synonyme gedacht, also Ausrücke einer zweiten Sprache (Metasprache?).
Hierher gehört es, daß die naive Alltagspsychologie das sogenannte „Denken“, dessen Ausdruck die Sprache sein soll, seinerseits als ein Sprechen konzipiert. Das zeigt sich darin, daß das Denken in wörtlicher (oder auch in indirekter Rede) zitiert werden kann, also offenbar einen Wortlaut hat:
„Unter direkter Rede verstehe ich die Erscheinung, daß die Rede, der Gedanke eines Menschen genau in der Form und in dem Sinn wiedergegeben wird, wie er sie selbst ausspricht oder denkt.“ (Otto Behaghel: Deutsche Syntax III. Heidelberg 1928:695)
„Von Redewiedergabe spricht man dann, wenn in einem Sprachspiel ein anderes Sprachspiel als Referenz eingeblendet ist. 'Rede' wird dabei im weitesten Sinne des Wortes verstanden und umfaßt nicht nur lautsprachliche Äußerungen, sondern auch Bewußtseinsinhalte aller Art.“ (Harald Weinrich: Textgrammatik der deutschen Sprache. Mannheim 1993: 895)
Daher:
„Wenn nur schon alles vorüber wäre“, dachte Petra. (Beispiel für Anführungszeichen nach Duden 1991, R. 10: „Anführungszeichen stehen vor und hinter einer wörtlich wiedergegebenen Äußerung (direkten Rede). (...) Dies gilt auch für wörtlich wiedergegebene Gedanken.“ [!] Vgl. Neuregelung der deutschen Rechtschreibung § 89: „Das war also Paris!“, dachte Frank.)
Nur diese Auffassung des Denkens als innere Rede erlaubt es, von „Übersetzung“ zu sprechen:
„Wenden wir uns nun dem Vorgang der Übersetzung gedanklicher in sprachliche Inhalte zu.“ (Hans-Georg Bosshardt: „Morpho-syntaktische Planungs- und Kodierprozesse“, in: Theo Herrmann/Joachim Grabowski, Hg.: Sprachproduktion. Göttingen 2003:449-482, hier 458)
Eine vielbenutzte Einführung in die Linguistik versteigt sich gar zu folgender Behauptung:
„Da auf die menschliche Sprechtätigkeit und Sprechfähigkeit zutrifft, daß sie in ihrem Ablauf nicht beobachtbar sind ...“ (Heidrun Pelz: Linguistik. Eine Einführung. Hamburg 1996:43)
Hier ist alles, sogar die „Sprechtätigkeit“, ins Psychische verlegt, in letzter Konsequenz der Saussureschen Überlieferung.

4. Sprachproduktionsmodell

Aus einigen Zitaten geht hervor, daß das Zeichenmodell auch als Modell der Aktualgenese des Sprechens gedeutet wird: Die „Zuordnung“ von Form und Inhalt soll etwas sein, was der Sprecher bzw. sein Gehirn oder Geist im Augenblick des Sprechens tatsächlich vornimmt. Er sucht aus zwei Speichern etwas zusammen und verbindet es miteinander. Verifizierbar ist ein solches Konstrukt nicht; man weiß gar nicht, wonach man suchen sollte. Konstrukte erweisen sich als mehr oder weniger nützlich; die nützlichen erklären etwas, aber was ist mit der Annahme einer Zuordnung von Form und Inhalt erklärt, was nicht ohne eine solche Fiktion einfacher erklärt werden könnte?
Eine gewisse Plausibilität gewinnt das Modell wohl durch die alltägliche Erfahrung, daß einem etwas „auf der Zunge liegt“: Man weiß, was man sagen will. Was in solchen Fällen eigentlich vorgeht, ist nicht besonders klar. Aus naturalistischer Sicht ist ein Verhalten in Gang gekommen, wird aber gehemmt, weil die steuernden Faktoren nicht ausreichen, um es zu Ende zu führen.

5. Sprachverstehensmodell

Beim Verstehen soll der Produktionsvorgang umgekehrt ablaufen:
„Jeder Hörer muß unbewußt eine komplexe syntaktische Analyse machen, um eine sprachliche Äußerung zu verstehen, d.h. er muß Lautketten zu Gruppen ordnen und diese mit semantischen Strukturen in Verbindung bringen.“ (Gaston van der Elst: Syntaktische Analyse. 5. Aufl. Erlangen 1994:9)
Sowohl Produktion wie Rezeption von Rede wird nach dem Muster des „kleinen Linguisten im Kopf“ erklärt. Tatsächlich sind viele dieser „kognitivistischen“ Ansichten einem Homunkulusmodell verpflichtet und unterliegen der entsprechenden Kritik an solchen Modellen. Homunkulusmodelle erklären Verhalten als Handeln, kehren also die naturalistische Perspektive um.

Den Homunkulus-Fehlschluß erklärt Geert Keil als „die Praxis, Prädikate, die wörtlich nur auf ganze Personen anwendbar sind, auf Teile von Personen oder auf physische Prozesse innerhalb unseres Körpers anzuwenden. Vorgänge im menschlichen Gehirn werden mit psychologischen Verben beschrieben, was nicht nur nichts erklärt, sondern (...) eine Menge von Begriffsverwirrungen und Pseudoproblemen nach sich zieht.“ (Geert Keil: Kritik des Naturalismus. Berlin, New York 1993:166; dieselbe Kritik läßt sich aber schon bei Skinner lesen!)

6. Gedankensprache?

„... there must be stages in production, during which concepts are 'translated' into structured speech." (Virginia Valian: „Talk, talk, talk. A selective critical review of theories of speech production“. In: Roy O. Freedle (Hg.): Discourse production and comprehension. Norwood 1977:107-139; S. 108)
Wie man etwas, was selbst nicht sprachlich ist, „übersetzen“ könnte, bleibt unklar. Manche ziehen daraus die Konsequenz, auch das „Begriffliche“ oder die „kognitiven Zustände“, die der eigentlichen Versprachlichung vorausgehen, als sprachlich aufzufassen, nämlich als Formulierungen in einer mentalen oder Gedankensprache (Mentalesisch, Language of thought). Das Problem des infiniten Regresses wird kaum gesehen: Für die Gedankensprache stellt sich ja wiederum die Aufgabe, das Zusammenspiel von Form und Inhalt zu erklären usw.
„The approach advocated here is similar to that taken by Fodor, Bever and Garrett (1974) and Garrett (1975). They view speech production as a translation process, in which a message in a mental computational 'language' is translated into speech (...)“ (ebd. 137)
„Knowing a language then is knowing how to translate mentalese into strings of words and vice versa. People without language would still have mentalese, and babies and non-human animals presumably have simpler dialects. Indeed if babies did not have a mentalese, to translate to and from English, it is not clear how learning English could take place, or even what learning English would mean.“ (Steven Pinker: The language instinct. New York 1994:82)
Auch das „Transformieren“ ist ein Übersetzen:
„(The present book) will consider the speaker as a highly complex information processor who can, in some still rather mysterious way, transform intentions, thoughts, feelings into fluently articulated speech.“ (Willem Levelt: Speaking. Cambridge (Mass.)/London 1989:1)

Bekanntester Vertreter der „Language-of-thought“-Hypothese ist Jerry Fodor, andere sind van Dijk/Kintsch, Pinker, Beckermann. Dazu gibt es eine ausgedehnte Diskussion, die erstaunlicherweise auch heute noch geführt wird, obwohl nicht nur Behavioristen, sondern auch andere Autoren wie Charles Osgood, Daniel Dennett, Peter Hacker, Geoffrey Sampson, Larry Hauser, William H. Calvin, Gerald Edelman u. a. durchschlagende Kritik daran geübt haben. Es fällt schwer, die Theorie ernst zu nehmen. Sprachen sind ja durch und durch historisch gewachsene und überlieferte Verhaltensweisen – wie sollten sie denn ins Gehirn oder gar ins Genom gelangen? Wer spricht da mit wem? Auch Hacker betont, daß Sprachen, wie wir sie kennen, normgesteuerte soziale Verhaltensweisen sind. Er erklärt Fodors Thesen daher für unverständlich. (Peter Hacker: „Languages, Minds and Brains“. In: Colin Blakemore/ Susan Greenfield, Susan (Hg.): Mindwaves. Thoughts on Intelligence, Identity and Consciousness. Oxford 1987:485-505.)
Was wird aus dem bilateralen Zeichen? Die Gedankensprache wäre ja wiederum aus Zeichen aufgebaut, deren Inhaltsseite dieselbe Erklärungsbedürftigkeit aufwiese wie die der wahrnehmbaren Zeichen. Die Annahme einer Gedankensprache kann die Sprachproduktion nicht erklären, weil sie das Problem nur eine Stufe weiterschiebt: von der hörbaren Sprache zu einer unhörbaren, deren Entstehung daher noch unklarer ist als die der hörbaren. Aber auch dieses Problem des infiniten Regresses wird kaum gesehen.



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Kommentare zu »Das „bilaterale Zeichen“«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2019 um 11.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41824

Die Verkehrszeichen sind anscheinend alle zusammengesetzt und analysierbar (Form, Farbe, Aufschrift bzw. Bild). Einige wenige sind redundant kodiert: Das rote Oktogon bedeutet schon STOP, die Aufschrift verdoppelt die Botschaft. Verkehrsampeln teilen dasselbe durch Farbe und Position der Lampen mit, ein Ampelmänchen kann als Verdreifachung hinzukommen. Es wirkt wie eine Synonymenschar.

Meistens ist aber ein hypotaktisches oder prädikatives Verhältnis gegeben. Das Abbild eines Pferdes mit Reiter nennt den Gegenstand, ein schräger roter Strich sagt, daß er nicht zugelassen ist. Das Durchstreichen ist eine konventionelle Annullierung. Im Gegensatz zum Ausradieren erkennt man aber noch, worum es geht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2019 um 03.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41702

Von der IDS-Website (https://grammis.ids-mannheim.de/progr@mm/5253):

"Wörter werden in der alltäglichen Kommunikation dazu verwendet, um auf die außersprachliche Realität Bezug zu nehmen."

Alle Wörter? Zum Beispiel die Artikel in diesem Satz?

"Das Wort selbst ist weiter segmentierbar in kleinere Zeichen, die Morpheme."

Jedes Wort? Auch die Präposition in diesem Satz?

"Die Morpheme – wenn man sie weiter segmentiert – bestehen aus bedeutungsunterscheidenden Einheiten, den Phonemen. Phoneme besitzen im Gegensatz zu den Wörtern und den Morphemen keine Bedeutung, tragen aber dazu bei, Bedeutungen zweier oder mehrerer Wörter zu unterscheiden."

Phoneme unterscheiden Morpheme, nicht Bedeutungen. Gleich darauf wird derselbe Sachverhalt in Saussureschen Begriffen ein zweitesmal dargestellt:

"Die Phoneme /r/, /z/, /k/, /m/, /f/, /d/ sind zum Beispiel verantwortlich für die Bedeutungsunterschiede zwischen rein, sein, kein, mein, fein, dein. Als einzelne Einheiten haben sie keine Inhaltsseite (kein Signifikat)."

Aber die Inhaltsseiten oder Signifikate unterscheiden sich nicht durch Phoneme; das paßt begrifflich nicht zusammen, schon weil die Bedeutungen auf ganz verschiedene Weise beschrieben werden können und an sich überhaupt keine phonologische Struktur haben. Sonst wären sie ja wieder Zeichen usw.

So ungefähr wird die herrschende Lehre tausendfach weitergegeben, beispielsweise in sämtlichen Einführungsbüchern und im linguistischen Grundkurs. Die fundamentale Störung wird nicht bemerkt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2019 um 04.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41691

„Unter einem umfassenden semiotischen (zeichentheoretischen) Aspekt, kann man mit einem anderen Semiotiker, Umberto Eco, so weit gehen, die komplette Welt als zeichenhaft zu betrachten. Bei dieser Annahme bestünde unsere Welt ausschließlich aus Zeichen, welche Bedeutung besitzen und dadurch interpretierbar wären.“ (https://grammis.ids-mannheim.de/progr@mm/5253)

Das ist die Formel des semiotischen Imperialismus. Aber „Bedeutung“ hat hier keinen unterscheidenden Sinn mehr. Jede Beschaffenheit läßt auf etwas anderes schließen, wenn jemand da ist, der genug darüber weiß. Das Spektrum ferner Sterne verrät dem Physiker etwas über die dort vorhandenen Elemente usw. Kohlenmonoxid läßt auch auf etwas schließen, außerdem tötet es uns, was auch noch zu beachten wäre – vermutlich ein semiotischer Vorgang wie alles andere. Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578

(Das IDS ist auf Saussures bilateralen Zeichenbegriff festgelegt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2019 um 07.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41688

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40404

Der bekannteste Vertreter des "semiotischen Imperialismus" (der Allzuständigkeit der Semotik) ist Umberto Eco. Weil alles Repräsentant eines anderen sein kann, kommt er zu dem Schluß:

"Hier wird allmählich klar, womit ein Buch über den Begriff des Zeichens sich beschäftigen muß: mit allem." (Umberto Eco: Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen. Leipzig 1990:11).

Zugrunde liegt die Auffassung, daß etwas schon dadurch zum Zeichen wird, daß jemand es für ein Zeichen hält (und eine Deutung versucht).

Für mich wird etwas nicht durch die Deutung zum Zeichen, sondern durch die Semantisierung. Das ist eine zweiseitige Angelegenheit.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.05.2019 um 14.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41463

Danke für die Möglichkeit, meinen Einwand gegen #41452 neu zu formulieren.
Der Vergleich des bilateren Zeichens mit Vorder- und Rückseite eines Gegenstands hinkt m. E. ein bißchen. Beide letzteren sind materiell, aber beim Zeichen gilt das nur für eine Seite, den Zeichenkörper, die andere, die Bedeutung, ist eine Idee. Das ist keine Beziehung zwischen gleichberechtigten Entitäten, sondern eine Abhängigkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2019 um 09.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41452

Der bilaterale Zeichenbegriff ist eine Sonderform der herkömmlichen Sprachauffassung, wonach ein Ausdruck, um zu funktionieren, eine Bedeutung „haben“ müsse. Diese Redeweise nimmt man wörtlich, als gehe es um zwei numerisch verschiedene „Entitäten“ (Etwasse), zwischen denen eine Beziehung bestehe, vergleichbar der Beziehung zwischen Vorder- und Rückseite eines Gegenstandes oder zwischen Behälter und Inhalt.
Den Individuenbezeichnungen, also Eigennamen, Kennzeichnungen und Pronomina entsprechen dann konkrete Gegenstände, den Appellativen abstrakte Gegenstände (oder Universalien, Ideen...). Schon ist man in der Metaphysik, statt sich an die Linguistik (einschließlich empirische Sprachverhaltenanalyse) zu halten und die Probleme zu lösen, wo sie noch lösbar sind, also das Funktionieren der Sprache aus seiner Geschichte zu erklären.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.05.2019 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41427

Man denkt: Um sagen zu können, daß das runde Quadrat nicht existiert, muß man annehmen, daß der Ausdruck rundes Quadrat sich auf etwas bezieht, sonst wäre er ein bedeutungsloses Geräusch und könnte nicht Subjekt einer Aussage sein. Folglich muß es das runde Quadrat doch irgendwie geben. Russell hat das Problem (mit dem sich Bolzano, Brentano, Husserl, Meinong u. a. herumschlugen) gelöst, soweit logische Bedürfnisse betroffen sind (On Denoting, Mind 1905). Aber die Logik ist nicht das Ganze:

We cannot move very far in the study of behavior apart from the circumstances under which it occurs. Bertrand Russell has tried to improve upon a merely formal analysis, but he has never been fully successful because the methods available to the logician are not appropriate to the study of behavior. Consider, for example, the following passage from An Inquiry into Meaning and Truth:

Thought, in so far as it is communicable, cannot have any greater complexity than is possessed by the various possible kinds of series to be made out of twenty-six kinds of shapes. Shakespeare’s mind may have been very wonderful, but our evidence of its merits is wholly derived from black shapes on a white ground.

Russell might have gone a step further and reduced all of Shakespeare’s “mind” to a series of dots and dashes, since the plays and poems could be sent or received in that form by a skilled telegraphist. It is true that evidence of the “merits of Shakespeare’s mind” is derived from black shapes on a white ground, but it does not follow that thought, communicable or not, has no greater “complexity.” Shakespeare’s thought was his behavior with respect to his extremely complex environment. We do not, of course, have an adequate record of it in that sense. We have almost no independent information about the environment and cannot infer much about it from the works themselves. In discussing Shakespeare’s thought, then, we merely guess at a plausible set of circumstances or deal with our own behavior in responding to the works. This is not very satisfactory, but we cannot improve the situation by identifying thought with mere form of behavior. (Skinner VB)

Das ist auch der entscheidende Einwand gegen jede strukturalistische, auf die Form beschränkte, unhistorische oder nicht-genetische Zeichentheorie.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.04.2019 um 00.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41375

"Gerade nicht" ist anscheinend eine Antwort auf meinen letzten Beitrag, aber ich verstehe leider nicht, was genau damit gemeint ist.

Das Argument der Zeicheninflation leuchtet mir immer noch nicht ein.

Ich bin nicht sicher, ob de Saussure sich auch mit ganz allgemeinen Zeichen beschäftigt hat, ich denke, es geht bei ihm vor allem um sprachliche Zeichen. Damit hat er aber bereits eine Grundmenge festgelegt, und zwar sprachliche Ausdrücke. Ist nicht tatsächlich jeder sinnvolle sprachliche Ausdruck ein sprachliches Zeichen? Eine Zeicheninflation ist da gar nicht möglich. Sobald ein Laut einen Sinn hat, also verstanden wird, ist er eben ein sprachliches Zeichen.

Will man nun den bilateralen Zeichenbegriff ganz allgemein definieren, kann man nicht einfach sagen, alles, was eine Bedeutung hat, ist ein Zeichen. Ich frage noch einmal (wie in 1240#41323), sagt de Saussure wirklich, oder wer sagt das, daß hinter jeder beliebigen Bedeutung ein Zeichen steckt? Falls es jemand so sagt, wäre das natürlich falsch, aber das wäre m. E. nicht das Ende des bilateralen Zeichenbegriffs, als das Sie es ausgeben, lieber Prof. Ickler. Man muß eben zuerst genau festlegen, was man unter einem Zeichen verstehen will. Das ist dann die Zeichendefinition. Die Eigenschaft, daß jedes Zeichen eine Form und eine Bedeutung hat, kann dann aus dieser Definition abgeleitet werden, aber es ist nicht die Definition, zumindest nicht allein.

Etwas ähnliches tun Sie ja auch, lieber Prof. Ickler, wenn Sie über das Verhalten bestimmen, welche Anzeichen wirkliche Zeichen sind. Vielleicht ist dieser Weg sogar der beste, nur, warum sollte man anschließend bestreiten, daß jedes so erkannte Zeichen eine Form- und eine Bedeutungsseite hat?

Jedes Zeichen kann man wahrnehmen, das ist seine Formseite, und man kann es im nachfolgenden Verhalten berücksichtigen, das ist seine Inhalts- oder Bedeutungsseite. Ist das nicht das logischste von der Welt?
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 28.04.2019 um 10.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41374

Franck Ribérys aufsehenerregendes Goldsteak war gewiß als Zeichen gedacht. Zugleich war es ein Anzeichen für unbekümmerte Einfalt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.04.2019 um 10.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41373

Gerade nicht! Anzeichen sind keine Zeichen (wg. Zeicheninflation, was ja nur die andere Seite der Medaille ist: Wenn Anzeichen Zeichen wären, dann wäre alles und nichts Zeichen, weil man aus allem etwas anderes erschließen kann, aber nicht muß).
Ich gebe zu, daß meine Ansicht etwas ungewohnt ist, und bemühe mich die ganze Zeit, mir selbst darüber klar zu werden. Außerdem habe ich die Sache noch kompliziert, weil ich einen Fall gebracht habe, bei dem ich durch mein üppiges Schmausen unbeabsichtigt eine Botschaft ausgesandt habe. Den armen Leuten ist trivialerweise klar, daß sie sich das teuere Steak nicht leisten können, aber sie könnten mein Essen auch noch so auffassen, als wollte ich ihnen den Unterschied hinreiben...
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.04.2019 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41372

Man kann also nie allgemein von einem Zeichen sprechen (nicht: Das Steak ist ein Zeichen), sondern immer nur in einem bestimmten Sinnzusammenhang (Das Steak ist für arme Leute ein Zeichen von Reichtum). Für andere bedeutet die Sache entweder gar nichts (ist kein Zeichen) oder es bezeichnet etwas anderes (anderes Zeichen).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.04.2019 um 05.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41371

Ich kann ein Steak essen, um satt zu werden. Ich kann aber damit gleichzeitig demonstrieren, daß ich reich genug bin, mir ein Steak zu leisten, zum Beispiel als Botschaft an die armen Schlucker, die sich am Restaurantfenster die Nasen plattdrücken und sich das Steak nicht einmal von einem Monatsgehalt leisten könnten. (Schon erlebt, wenn auch als unfreiwilliger Sender.)
Zahavi hat Veblens „conspicuous consumption“ als „handicap principle“ in die Evolutionsbiologie eingeführt: zeichenhafter Überbau über vitalen Funktionen. Pfauenrad usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.04.2019 um 05.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41324

Vor einigen Jahren berichtete Wolfgang Raible über ein Freiburger Symposium über “Information – Ein Schlüsselbegriff für Natur- und Kulturwissenschaften".

Das Symposion hat gezeigt, dass von den sieben Disziplinen, die beteiligt waren, im Grund nur die Jurisprudenz mit dem Informationsbegriff arbeitet, der sich in der Allgemeinsprache eingebürgert hat. Sowohl für die drei Disziplinen, die sich unmittelbar auf die Informationstheorie bezogen haben (Biologie, Physik und Informatik) wie auch für die Biochemie und die Physiologie, hat sich dagegen die Informationstheorie als entscheidend wichtig erwiesen: es geht um eine berechenbare, messbare Informationsmenge...

Weniger vornehm ausgedrückt: Die Teilnehmer haben großenteils aneinander vorbeigeredet. Das hätte man vorhersagen können, und es ist für Veranstaltungen unter solchen Sammelbegriffen nicht ungewöhnlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.03.2019 um 16.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41137

Mit dem Rorschachtest ist es wie mit der Psychoanalyse. Man kann sie nach dem gegenwärtigen Stand evaluieren (was beidesmal vernichtend ausfällt) oder sich mit ihrer Entstehungsgeschichte beschäftigen (was zwar nicht entscheidend ist, denn auch ein blindes Huhn könnte mal ein Korn gefunden haben, aber doch ziemlich erstaunliche Dinge zutage fördert).

Mit Religionen verhält es sich ähnlich.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.03.2019 um 16.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41136

Die Symmetrie ist wegen der Einschränkung auf symmetrische Gegenstände ziemlich störend. Ich frage mich, warum die Psychologen nicht einfach nach der Herstellung einer Klecksographie eine Hälfte abschneiden. Da könnten sich Deuter und Deutungsdeuter viel mehr austoben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.03.2019 um 07.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41133

Das stimmt, und in diesem Sinne könnte man offenlassen, daß einige Probanden die Gebilde wirklich für gegenständliche Malerei halten. Sehr wahrscheinlich ist es nicht und würde auch am Kern nichts ändern.

Übrigens haben die klappsymmetrischen Rorschach-Gebilde die erwartbare Folge, daß Probanden besonders häufig eine Fledermaus oder einen Schmetterling zu erkennen meinen.

(Der Rorschachtest genügt den üblichen Kriterien der Textgüte nicht im geringsten, aber die Psychologen sind immer sehr froh, wenn sie überhaupt einen Test in der Hand haben. Ihr Ärger, als die Rorschach-Bilder samt Standarddeutungen veröffentlicht wurden, läßt auch tief blicken. Seither behaupten sie, der Test sei erst dadurch unbrauchbar geworden.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.03.2019 um 20.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41131

Der Proband muß nicht notwendigerweise wissen, wie die Bilder zustandegekommen sind, ist also nicht unbedingt am Verstellungsspiel beteiligt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.03.2019 um 17.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41129

Klecksographien (Ausdruck von Justinus Kerner, auch ins Englische entlehnt) sind semiotische Grenzfälle. Durch gelenkten Zufall entstanden, werden sie zwar gedeutet, sind aber nicht auf Deutung hin angelegt, sondern grundsätzlich wie Kaffeesatz, Vogelflug, Sprünge in Schildkrötenpanzern usw. aufzufassen. Deutbare Gestalten werden in Vorlagen von hoher Unwahrscheinlichkeit hineinprojiziert.
Gemäß Aufforderung deutet der Proband oder Patient (im Rorschach-Test, der bezeichnenderweise „projektiv“ genannt wird) die Kleckse nicht als Botschaften (Mitteilungen), sondern als Bilder.
Bilder sind entweder gegenständlich (Abbildungen bzw. Darstellungen von etwas anderem) oder ornamental. Die Zeichnung eines Bisons an einer Höhlenwand ist eine Simulation. Sie ist gewissermaßen der Bison selbst, jedoch in diesem besonderen Modus der Simulation – zugleich defizient gegenüber dem Original (man kann darum nicht auf ihn schießen, braucht auch nicht vor ihm wegzulaufen) und um neue Möglichkeiten bereichert (man kann das Bild z. B. rituell nutzen oder sich ästhetisch daran erfreuen, wie es mit dem Original nicht möglich wäre).
Die Simulation ist an sich kein Zeichen, kann aber in zeichenhaftes Verhalten eingebaut werden. Die Muster im Koffer eines Handlungsreisenden sind Teil des Kaufangebots, also eines zeichenhaften Verhaltens.
Klecksographien sind spielerische Abbildungskandidaten; spielerisch deshalb, weil alle Beteiligten wissen, wie sie zustande gekommen sind, nämlich nicht wie wirkliche Abbildungen; Kandidaten deshalb, weil die Deutung als Abbildung nur in Gang kommt, wenn man vorweg annimmt oder spielerisch anzunehmen vorgibt, daß es überhaupt Abbildungen sind.

("Spielerisch" bedeutet also hier Verstellungsverhalten.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.03.2019 um 05.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40996

„Die präverbale Bedeutungsstruktur (...) muß alle Informationen enthalten, die eine Übersetzung in eine sprachliche Oberflächenstruktur erlauben.“ (Günther Görz (Hg.): Einführung in die künstliche Intelligenz. Bonn u.a. 1993:510)

Wieso „präverbal“ und dann „Übersetzung“? Es läuft dann auf eine angeblich nicht sprachliche, sondern „propositionale Repräsentation“ hinaus. Aber das „Übersetzen“ verrät den Trick.

Ebenso mysteriös, mit "Mapping" statt "Übersetzung":

„Sprachverstehen kann als der Prozeß oder die Funktion beschrieben werden, die die physikalische Form einer sprachlichen Äußerung auf die Repräsentation ihrer Bedeutung abbildet.“ (342)
„Die Funktion des Sprachverstehens ist die Abbildung einer sprachlichen Äußerung in physikalischer Form auf eine mentale Repräsentation ihrer Bedeutung.“ (350)

Diese Psychologie ist Prüfungsstoff, wie ich als Beisitzer erlebt habe. Obwohl mir dabei ganz kribbelig wurde, konnte ich natürlich meine grundsätzlichen Bedenken nicht anbringen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2019 um 06.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40970

Nach Elisabeth Leiss im Duden-Band „Grammatik wozu?“ sind Bedeutungen im Gehirn gespeichert.
Das ist die neurosophische Fassung von: „Sprecher wissen, wie man die Wörter verwendet.“ Und das haben wir uns schon gedacht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2019 um 06.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40714

Die Warntracht der Wespen könnte man zeichenhaft nennen. „Gelernt“ ist bei Freßfeinden das Muster, ähnlich einem Geruch, der anziehend oder abstoßend wirken kann. Mustererkennung ist fürs Überleben notwendig. Die gelbschwarze Warnfärbung der Wespe tut dem Feind gewissermaßen ebenso weh wie der Stachel; es ist aber für beide Seiten besser, wenn der Stachel gar nicht erst zum Einsatz kommt. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Warnfarbe)

Anders gesagt und an das Handlungsschema angeglichen (s. „Naturalisierung der Intentionalität“): Nicht die wirkliche Ungenießbarkeit oder die Gefahr durch den Stachel schreckt die Freßfeinde ab, sondern die vorgeschaltete Musterung. Die Wespe „rät ab“, wenn sich der Freßfeind nähert und seine „Absicht“ kundtut.

Die Äquivalenz von Warnfarbe und Stachel könnte dazu führen, auch den Stachel bzw. den Stich als Zeichen aufzufassen. Ebenso den bitteren Geschmack und das Gift, mit dem sich Pflanzen und Tiere wehren. Sie sind alle durch empfängerseitige Semantisierung entstanden (also durch ihre Wirkung selektiert bzw. konditioniert).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2019 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40687

Das Verhältnis zwischen einem Zeichen und dem Gegenstand, auf den es sich „bezieht“, wird hauptsächlich in zwei Weisen modelliert:
Entweder ist das Zeichen ein vom Gegenstand ausgehender Eindruck oder Abdruck; dann muß das Original irgendwie und irgendwo existieren.
Oder das Zeichen zielt gewissermaßen auf einen Gegenstand wie der Pfeil auf die Schießscheibe; auch dann muß das Ziel irgendwie und irgendwo existieren.
Bei Individuenbezeichnungen (Eigennamen, Kennzeichnungen) scheint der Fall klar, aber wie steht es mit Allgemeinbegriffen, Prädikaten?

Das ist das sogenannte Universalienproblem, das von Platons Ideenlehre über den scholastischen Universalienstreit (mit theologischen und daher auch machtpolitischen Implikationen) bis in die Gegenwart (vor allem Philosophie der Mathematik) die besten Köpfe beschäftigt hat. Aus naturalistischer Sicht ist es ein Scheinproblem, verursacht durch die naive referentielle Zeichentheorie. Entledigt man sich dieser Auffassung, läßt sich das Problem gar nicht mehr formulieren.

„Das Universalienproblem (...) betrifft die Frage, ob es ein Allgemeines wirklich gibt oder ob Allgemeinbegriffe menschliche Konstruktionen sind.“ (Wikipedia Universalienproblem)
Es gibt weder ein Allgemeines noch Allgemeinbegriffe (und Begriffe überhaupt), sondern nur eine verallgemeinernde Redeweise als besondere Verständigungstechnik.
„In metaphysics, a universal is what particular things have in common“ (...) (Wikipedia Universals)
Diese und ähnliche Formulierungen legen die Vorstellung nahe, daß es ein Etwas gebe, das die Gegenstände gemein haben. Mit dieser Vergegenständlichung ist man bereits in die Sackgasse geraten.
„Paradigmatically, universals are abstract (e.g. humanity), whereas particulars are concrete (e.g. the personhood of Socrates). However, universals are not necessarily abstract and particulars are not necessarily concrete. For example, one might hold that numbers are particular yet abstract objects. Likewise, some philosophers, such as D. M. Armstrong, consider universals to be concrete.“
Offensichtlich ein Streit um unklare herkömmliche Worte. Zur Definition des Abstrakten könnte die Sprachwissenschaft beitragen (s. „Namen für Satzinhalte“). Zahlen sind aus dieser Sicht nicht abstrakt. Das scheint nur aus der Sicht einer gewissen „Metaphysik“ anders, die das Abstrakte als irgendwie nicht-sinnlich auffaßt. Schon die Voraussetzung einer zweiten Welt (des „Intelligiblen“ o. ä.) ist als ein Mißverständnis aufzuklären.

Ein Abstraktum (Pl. Abstrakta; lateinisch nomen abstractum, von abstractus (-a, -um) „abgezogen“) ist in der Grammatik und Sprachwissenschaft ein Substantiv, mit dem etwas Nichtgegenständliches bezeichnet wird. Beispiele für Abstrakta sind der Glaube, die Liebe, die Hoffnung, der Stress, die Höflichkeit oder der Sozialstaat. Als Gegenbegriff gilt das Konkretum, etwas Dingliches. (Wikipedia)

Nein, das ist nicht der sprachwissenschaftliche Begriff von Abstraktheit, auch wenn viele Sprachwissenschaftler sich dieser metaphysischen Tradition anschließen, d. h. sich nicht um eine wirklich sprachwissenschaftliche Betrachtungsweise bemühen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.01.2019 um 22.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40682

Ich glaube schon die Einwände gegen meine Darstellung zu kennen: Was "bewegt" sich denn im Mentalen? Da gibt es ja nichts.

Aber irgendeine Art von geistiger Bewegung (die somit den Ausdruck "Geschicklichkeit" auch im Geiste rechtfertigt) muß doch stattfinden!? Was ist denn "denken", wenn sich nichts bewegt?

Natürlich ist es ein Kategorienproblem. Aber irgendeine Verbindung muß es einfach geben.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.01.2019 um 20.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40681

Keine Geschicklichkeit ist im Spiel?

Sie meinen die Geschicklichkeit in bezug auf physische Bewegungen. Ist das etwas prinzipiell anderes als die Geschicklichkeit in bezug auf geistige Bewegungen bzw. mentale Berechnungen?

Man nennt es wohl entweder Sport oder Denksport.

Na ja, vielleicht gibt es doch einen Unterschied. Jeder Gedanke ist so etwas wie eine Aussage, kann nur wahr oder falsch sein. Das kann man von physischen Bewegungen nicht sagen.

Also sind geistige Bewegungen sehr determiniert, aber physische Bewegungen sehr vom Zufall abhängig?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2019 um 10.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40679

Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Computerprogramme besser Schach und Go spielen würden als jeder Mensch. Schach und Go sind vollständig mathematisch, keine Geschicklichkeit ist im Spiel, keine Zufälle wie Bodenunebenheiten oder Luftströmungen. Die „Kreativität“ ist rein kombinatorisch.
Sprechen ist gemischt, daher teils simulierbar, teils unbestimmt-aleatorisch. (Teils wie Schach, teils wie Mikado oder Tischtennis...)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2019 um 03.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40574

Von Information ist die Rede, wenn man bei ähnlichen Makrostrukturen verschiedene Mikrostrukturen unterscheiden kann. Zum Beispiel ist mein Hausschlüssel dem deinen zum Verwechseln ähnlich, aber der meine öffnet meine Haustür, der deine nicht. Ich würde in diesem Fall nicht zögern, von Information zu reden, die in der Mikrostruktur (im „Bart“) des Schlüssels enthalten ist. Mein Schlüssel kann etwas, was der deine nicht kann, nicht etwa weil er „stärker“ wäre als der deine, sondern weil er eine bestimmte Information überträgt, die vom Schloss „verstanden“ wird. (Valentin Braitenberg: Das Bild der Welt im Kopf: Eine Naturgeschichte des Geistes. Stuttgart 2009:88)

Wenig später äußert Braitenberg Bedenken, ob man in der unbelebten Welt von Information sprechen kann, aber im Fall des Schlüssels scheint er solche Bedenken nicht zu haben, weil Schlüssel und Schloß künstlich hergestellt sind. (Er nennt diesen Grund allerdings nicht.)
Vielleicht bringt es in irgendeiner Hinsicht einen Vorteil, das Passen eines Schlüssels ins Schloß in informationstheoretischen Begriffen darzustellen. Begrifflich sparsamer ist die Auffassung als geometrisch-mechanisch. Das Kind lernt, daß bestimmte hölzerne Teile (Sterne, Dreiecke, Scheiben) nur in bestimmte Aussparungen passen. Es ist unnötig, von Informationen zu sprechen, die in den Teilen enthalten sind und an die Aussparungen übertragen werden. Auf einer waagerechten Tischplatte bleibt eine Kugel liegen, von einer schrägen rollt sie herunter. Information ist dabei nicht im Spiel. Erst bei einem gewissen Komplexitätsgrad scheint die Versuchung aufzutreten, von Information zu sprechen.
Braitenberg legt später dar, daß lebende Materie als informationshaltig dargestellt werden könne, offenbar wegen der Anpassung. Wieder einmal dient, wie Skinner sagen würde, Bedeutung als Surrogat für Geschichte. Weil die Geschichte (Evolution) phänomenal nicht greifbar ist, packt man ihren Ertrag, die Anpassung, in den Begriff Bedeutung bzw. Information.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.12.2018 um 09.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40423

Nach Russells Theorie der Namen, die auch heute noch vertreten wird, steht der Name Odysseus für nichts, weil Odysseus nicht existiert hat. Nun stehen Wörter sowieso nicht "für etwas", aber auch abgesehen von dieser archaischen Sprachauffassung gibt es semiotisch keinen Unterschied zwischen Odysseus und Sokrates. Beide sind nur durch Textketten ("intraverbal" im Sinne Skinners) überliefert. Daß Sokrates existert hat und Odysseus wohl nicht, ist eine zusätzliche Tatsache, die mit dem Funktionieren der Sprache nichts zu tun hat.
Ob ein gewisser Jesus aus Nazareth existiert hat, interessiert Theologen, nicht Linguisten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.12.2018 um 09.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40404

Eine Semiose ist dadurch gekennzeichnet, daß A einem Zeichen B die Bedeutung C zuordnet; eine Zoosemiose liegt dann vor, wenn A ein Tier ist. Sie kann in einer einfachen Reaktion auf einen Umweltreiz bestehen, etwa dann, wenn ein Regenwurm sich vom Licht abwendet.
(...)
Bei Semiosen von Tieren sprechen wir von einem „Anzeichen“, wenn es beim Zeichenempfänger zu einem Verhalten führt, das nicht als einfache Reizantwort anzusehen ist. Das Zappeln der Beute im Netz der Spinne ist für diese ein Anzeichen, auf dessen Botschaft („hier ist ein Insekt, das sich zu befreien sucht“) sie entsprechend ihrem jeweiligen Hungerzustand sowie je nach Art und Größe der Beute angemessen reagiert; sie handelt so, als ob das Anzeichen bei ihr zur Bildung einer Vorstellung geführt hätte.
(Werner Schuler in HSK Semiotik 1, S. 523)

Danach wäre jede Reaktion auf einen Reiz Zeichenverhalten. Es gibt keinen Grund, das auf Organismen zu beschränken. Man kann auch das „Verhalten“ eines Steins unter der Schwerkraft semiotisch deuten, wie in Schopenhauers Karikatur.

Was ist eine „einfache Reaktion“, eine „einfache Reizantwort“? Ein Reflex? Das Reden von Vorstellungen ist völlig überflüssig, auch wenn es nur ein „Als-ob“ sein sollte. Es gibt hier kein Zeichen, keine Botschaft usw.

Der große Umfang der Abteilung „Semiotik“ in den „Handbüchern zur Sprach- und Kommunikationsforschung“ (HSK) beruht auf dem „semiotischen Imperialismus“ der Richtung Eco, Sebeok, Posner usw., also auf einem unklaren Zeichenbegriff.
 
 

Kommentar von Theodor ickler, verfaßt am 22.12.2018 um 05.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40402

Laut dem Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857-1913) ist jedes sprachliche Zeichen bilateral. Es besteht aus zwei Aspekten, einer Ausdrucks- und einer Inhaltsseite. Die Ausdrucksseite ist der Signifikant, er spiegelt sich im Laut- oder Schriftbild wider. Die Inhaltsseite stellt das Signifikat dar, also das begriffliche Konzept eines Zeichens. (http://www.glottopedia.org/index.php/Signifikant_vs._Signifikat)

Der ganze Irrsinn in kürzester Form. Schon begrifflich unmöglich: Etwas kann nicht aus zwei Aspekten „bestehen“. Die Inhaltsmetapher verträgt sich nicht mit der Metaphorik der zwei „Seiten“, aber diese Bildmischung wird auch sonst gar nicht mehr bemerkt. Was Widerspiegelung hier bedeuten soll, ist völlig rätselhaft. Und dann wird noch das zwar doppelt gemoppelte, aber trotzdem unverständliche „begriffliche Konzept“ eingeführt, das in den meisten Fällen eine zweite Sprache hinter der Sprache zu sein scheint, aber ohne Klarheit über die Voraussetzungen einer solchen Annahme (Homunkulus usw.).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.12.2018 um 17.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40395

Ich greife aus dem Haupteintrag noch einmal auf:

„Wir haben beim Kreislauf des Sprechens gesehen, daß die im sprachlichen Zeichen enthaltenen Bestandteile alle beide psychisch sind, und daß sie in unserem Gehirn durch das Band der Assoziation verknüpft sind. (...) Das sprachliche Zeichen vereinigt in sich nicht einen Namen und eine Sache, sondern eine Vorstellung und ein Lautbild.“ (Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin 1967:77)
„Stellen wir uns vor, daß eine gegebene Vorstellung im Gehirn ein Lautbild auslöst: das ist ein durchaus psychischer Vorgang, dem seinerseits ein physiologischer Prozeß folgt: das Gehirn übermittelt den Sprechorganen einen Impuls, der dem Lautbild entspricht“ usw. (ebd. 14)

Was immer er wirklich gesagt hat – in dieser Form ist es rezipiert und nachgesprochen worden.

Wie man sieht, ist ein so definiertes Zeichen überhaupt nicht verwendbar, da alles rein psychisch sein soll. Es ist auch bewußtseinsfremd, d. h. der Sprecher weiß nichts von solchen theoretischen Konstrukten – wie kann er sie „benennen“? Vor allem aber: Es geht nicht um das Zeichen, sondern um eine spekulative (und sehr konventionelle) psychologische Theorie der Zeichenverarbeitung. Wie man das je verwechseln konnte, ist ziemlich rätselhaft.
 
 

Kommentar von ppc, verfaßt am 18.12.2018 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40375

>Auf der Rückseite eines Verkehrszeichens steht aber meistens gar nichts.

Doch: „Made in R.O.C.”
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2018 um 17.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40348

Anderswo habe ich schon aus der dummen Dummie-Grammatik von Matthias Wermke zitiert:

Wie jedes Verkehrszeichen, Hinweisschild oder Warnsignal haben auch die sprachlichen Zeichen zwei Seiten, nämlich eine Ausdrucksseite und eine Inhaltsseite. (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1044#29031)

Ist das nicht ein komischer Vergleich? Auf der Rückseite eines Verkehrszeichens steht aber meistens gar nichts.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.12.2018 um 23.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40314

Jetzt verstehe ich, und ich glaube nun auch den Widerspruch zwischen A. Assmann und Ihnen zu sehen. Sie verwenden jeweils den Ausdruck "verweisen auf" in einem anderen Zusammenhang. Assmann sagt, die Eingeweide verweisen auf Schicksale, sie verwendet "verweisen auf" ähnlich wie ich synonym zu "stehen für", nämlich zwischen den beiden Seiten des Zeichens.
Sie, lieber Prof. Ickler, verwenden jedoch "verweisen auf" ausschließlich innerhalb der Bedeutungsebene des Zeichens.

Man könnte die beiden Lesarten anhand Ihres Wegweiser-Beispiels so zusammenbringen:
Die Bedeutung ist: Spardorf ist dort, wohin der abstrakt dargestellte Pfeil zeigt/verweist (Ickler).
Das Zeichen Wegweiser steht für/verweist auf (Assmann) ebendiese Bedeutung, die Richtungsangabe.

Assmann hätte sicher nicht doppelt gemoppelt: "Das Zeichen verweist auf eine Richtungsweisung." Da würde "steht für" besser passen. Aber für ihr eigenes Beispiel mit den Eingeweiden paßt das Verweisen ganz gut. Sie meint ja damit nicht wörtlich-bildhaft die Zeigegeste, sondern nur in übertragenem Sinne die bilaterale Zusammengehörigkeit von Zeichen und (Be-)Deutung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2018 um 17.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40313

Laien sind wir auf diesem Gebiet alle, und es ist auch nicht so, daß es hier einen fachlich normierten Sprachgebrauch gäbe, in den Sie, lieber Her Riemer, nicht eingeweiht wären.

Ich habe nur (inzwischen an unzähligen verstreuten Stellen) deutlich zu machen versucht, daß es sinnvoll ist, beispielsweise zwischen "für etwas stehen" und "auf etwas verweisen" einen Unterschied zu machen, auch wenn er im alltäglichen Reden nicht oder nicht immer gemacht wird. Das Verweisen ist in vielen Fällen einem Zeigen ähnlich, darum habe ich auch den Wegweiser erwähnt. Die Zeiggeste ist sicherlich grundverschieden von einer Stellvertreterschaft, nicht wahr? Damit wären wir schon ein Stück weiter.

Mein nächster Punkt: Die Zeiggeste (und abgleitet der Wegweiser) ist ein Zeichen im strengen Sinn.
Stellvertreter sind keine Zeichen. Sie gehören in den Zusammenhang der Simulationspiele. Der Klotz, den das Kind mit "puffpuff" hinter sich herzieht, vertritt eine Lokomotive. Er ist aber kein Zeichen für eine Lokomotive, sondern bis zu einem gewissen Grade diese selbst.

(Das "bis zu einem gewissen Grade" ist entscheidend.)

Noch das vielerörterte Männchen auf der Klotür (s. meinen Aufsatz "Wirkliche Zeichen", zu Rudi Keller) ist ein Stellvertreter. Man sieht, daß die Toilettenanlage von einem Mann benutzt wird, wenn auch arg stilisiert. Der Fall zeigt auch, daß Stellvertreter konventionell in einen Zeichenverkehr eingebaut werden können, vgl. Wittgensteins "Boxer", der hier schon erörtert wurde. Das ist eine sekundäre Verwendung von Abbildern, Mustern, Repräsentanten, eben Simulationen im weitesten Sinn als Zeichen oder Teile von Zeichen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.12.2018 um 15.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40312

Mutter: Dieses Tier ist ein Schwein.
Kind: Was hat es denn getan?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.12.2018 um 11.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40311

Es könnte sein, daß ich sinngemäß von Repräsentation gesprochen habe, was natürlich an meiner naiven (laienhaften) Herangehensweise liegt. Es reicht aber in der Zeichentheorie offenbar nicht, Deutsch zu können, sondern Begriffe wie bedeuten, vertreten, stehen für/anstelle von, verweisen auf usw., die ich im Grunde alle synonym benutze, haben einen ganz streng definierten Anwendungsbereich. Da kann ich natürlich nicht mithalten. Ich glaube einfach (und nur deswegen wage ich überhaupt mitzudiskutieren), daß man auch mit dem ganz normalen sog. gesunden Menschenverstand ungefähr verstehen können muß, was ein Zeichen ist. Wenn ich also das Selbstverständliche weiß, nämlich daß das Wort "Fuchs" nicht der leibhaftige Fuchs ist, dann spielt es doch keine Rolle mehr, ob ich nun sage
"Fuchs" verweist auf einen Fuchs,
"Fuchs" vertritt den Fuchs,
"Fuchs" bedeutet das Tier Fuchs,
"Fuchs" steht/ertönt für einen Fuchs, ...
Für mich gibt es ein Zeichen "Fuchs", ich kenne dessen schriftliche und phonetische Form, und ich kenne die Bedeutung dieses Zeichens. Es kommt mir halt als Laie sehr wortklauberisch vor, darüber zu streiten, mit welchem Verb diese beide Seiten des Zeichens nun genau miteinander in Verbindung gebracht werden.

Ich versuche auch, den behavioristischen Standpunkt zu verstehen. Das Zeichen "Fuchs" wird erklärt als ein menschliches sprachliches Verhalten (was man wohl noch in Zeichengeben und Zeichenempfangen unterteilen muß). Soweit leuchtet mir das ohne weiteres ein. Aber negiert diese Sicht denn das bilaterale Verständnis? Es bleibt doch trotzdem dabei, daß jedes Zeichen, also jedes sprachliche Verhalten, eine inhaltliche Form und eine Bedeutung hat, oder?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2018 um 04.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40308

Das wäre in der Tat trivial, aber von Identität war ja auch nicht die Rede, damit verderben Sie die Pointe. Es geht um Stellvertretung. Zeichen als Stellvertreter – das ist eine uralte, geradezu ehrwürdige Sprachtheorie. Und hatten Sie sich nicht selbst für "Repräsentation" ausgesprochen? Da geht es doch auch nicht um Identität.

Stellvertreterschaft gibt es als magische Komponente der Zeichen. Nach viktorianischen Moralvorstellungen mußten Tische so verhängt werden, daß die B...e nicht sichtbar waren und anständige Damen an wirkliche B...e erinnern konnten; auch das Wort B... ließ die Menschen erschauern und wurde vermieden. Guilty by association (Metonymie) war dann auch Hose usw.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.12.2018 um 16.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40307

Ich bin verblüfft, wie viele Worte man doch für den absolut trivialen (dachte ich) Sachverhalt machen kann, daß das Bild eines geschriebenen oder der Ton eines gesprochenen Wortes, also ein Zeichen, nicht mit dem bezeichneten Gegenstand identisch ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2018 um 14.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40306

Mein Einwand betrifft die stillschweigende Ersetzung von "stehen für" durch "verweisen auf". Das sind völlig verschiedene Dinge. Die Stellvertreterschaft kann man vergessen, das ist von der sprachanalytischen Philosophie gründlich widerlegt. Und das Verweisen müßte anders erklärt werden; es wird aber gar nicht erklärt, als sei das mit dem naiven "stehen für" schon erledigt.

Für eine wirkliche Erklärung siehe meine Abhandlung "Naturalisierung der Intentionalität".

Vgl. auch Skinner:

John B. Watson meinte in diesem Sinne, daß „Wörter in derselben Weise Reaktionen hervorrufen wie die Gegenstände, für die sie stellvertretend eingesetzt werden.“1 Er zitiert Swifts Erzählung von dem Mann, der einen Sack voller Gegenstände trug, die er vorzeigte, anstatt in Wörtern zu sprechen. (87) „Der Mensch erwirbt früh für theoretisch jeden Gegenstand einen sprachlichen Stellvertreter in sich selbst. Danach trägt er die Welt in Gestalt dieses Apparates mit sich herum.“ Aber diese Welt ist natürlich einigermaßen nutzlos. Er kann Sandwich nicht essen und mit Klauenhammer keinen Nagel herausziehen. Es ist eine oberflächliche Analyse, die noch zu sehr der traditionellen Vorstellung verhaftet ist, die Wörter „stünden für“ Dinge.
Derselbe Einwand kann gegen die Deutung des Hörerverhaltens vorgebracht werden, die Bertrand Russell in seiner „Untersuchung über Bedeutung und Wahrheit“ gibt:

„Angenommen, jemand in Ihrer Begleitung sagt plötzlich Fuchs, weil er einen Fuchs sieht, und weiter angenommen, daß Sie ihn zwar hören, aber den Fuchs nicht sehen. Welche Wirkung hat es dann auf Sie, daß Sie das Wort Fuchs verstanden haben? Sie sehen sich um, aber das würden Sie auch getan haben, wenn er Wolf oder Zebra gesagt hätte. Vielleicht haben sie eine Vorstellung von einem Fuchs. Was aber vom Beobachterstandpunkt aus zeigt, daß Sie das Wort verstanden haben, ist, daß Sie sich (innerhalb gewisser Grenzen) so verhalten, als ob Sie selbst den Fuchs gesehen hätten. Allgemein gesagt: Wenn Sie ein Gegenstandswort hören und verstehen, ist Ihr Verhalten in gewissem Maße so, als wenn der Gegenstand selbst es verursacht hätte. Das kann ohne ´mentale´ Vermittlung geschehen, durch die normalen Regeln der konditionierten Reflexe, nachdem das Wort mit dem Gegenstand assoziiert worden ist.“

Aber wir verhalten uns gegenüber dem Wort Fuchs, außer in einem begrenzten Sinn, nicht so wie gegenüber Füchsen. Wenn wir Angst vor Füchsen haben, wird der sprachliche Reiz Fuchs, den wir in Gegenwart von wirklichen Füchsen gehört haben, eine emotionale Reaktion hervorrufen. Sind wir auf der Jagd, wird er einen Zustand erzeugen, den wir freudige Erregung nennen. Möglicherweise kann, wie wir später sehen werden, das Verhalten, „einen Fuchs zu sehen“, nach demselben Schema interpretiert werden. Aber der sprachliche Reiz Fuchs führt nicht aufgrund von einfacher Konditionierung zu irgendeinem praktischen Verhalten, wie es gegenüber Füchsen angemessen wäre. Es kann, wie Russell sagt, dazu führen, daß wir uns umsehen, ebenso wie es der Reiz Wolf oder Zebra getan hätte, aber wenn wir einen Fuchs erblicken, sehen wir uns nicht um, sondern blicken auf den Fuchs. Nur wenn man die Begriffe Reiz und Reaktion in einem sehr weiten Sinn verwendet, kann man das Prinzip der Konditionierung als biologische Grundform der Symbolisierung betrachten.
Das praktische Verhalten des Hörers in bezug auf den sprachlichen Reiz des Takts folgt derselben dreigliedrigen Beziehung, die wir schon bei der Untersuchung des Sprecherverhaltens verwendet haben. Wir können annehmen, daß in der Geschichte des von Russell beschriebenen Hörers der Reiz Fuchs eine Gelegenheit gewesen ist, umherzublicken und daraufhin einen Fuchs zu sehen. Wir können ferner annehmen, daß der Hörer ein aktuelles „Interesse“ daran hat, „einen Fuchs zu sehen“, daß also ein Verhalten, das vom Sehen eines Fuchses abhängt, stark ist und daß der Reiz, den das Erblicken eines Fuchses darstellt, bekräftigend wirkt. Der gehörte Reiz Fuchs ist der Anlaß, bei dem der Hörer sich oft umgedreht und umgeschaut hat und dafür durch das Sehen eines Fuchses bekräftigt worden ist. Technisch gesprochen, ist das Umdrehen und Umschauen eher ein diskriminativer Operant als ein bedingter Reflex. Der Unterschied ist wichtig. Der sprachliche Reiz Fuchs ist kein Ersatz für einen Fuchs, sondern eine Gelegenheit, bei der gewisse Reaktionen durch das Sehen eines Fuchses bekräftigt worden sind und wahrscheinlich weiterhin bekräftigt werden. Das Verhalten, das ein Fuchs hervorruft – Hinblicken oder Nachreiten – kann durch den sprachlichen Reiz nicht hervorgerufen werden, und es gibt daher keine Möglichkeit, Reize als Entsprechung von Zeichen oder Symbolen einzusetzen.
Betrachten wir ein weiteres Beispiel. Wenn eine Köchin mit der einfachen Ankündigung Das Essen! einen bestimmten Stand der Dinge taktet, schafft sie einen sprachlichen Anlaß, sich mit Erfolg am Tisch niederzulassen. Der Hörer setzt sich aber nicht zum sprachlichen Reiz nieder oder verzehrt ihn. Die Art von Reaktion, die sowohl auf das Essen als auch auf den sprachlichen Reiz Das Essen! erfolgen kann, wird durch die nach der Pawlowschen Formel konditionierte Absonderung von Speichel verkörpert. Das praktische Verhalten des Hörers (dessen Folgen letzten Endes für die Entwicklung der sprachlichen Reaktion am Anfang der Kette verantwortlich sind) muß als diskriminativer Operant verstanden werden, der aus drei Gliedern besteht, von denen keine zwei dem Begriff eines Symbols entsprechen.

 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.12.2018 um 13.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40305

Das Schicksal als (Be-)Deutung der Eingeweide im Sinne des bilateralen Zeichens finde ich schon in Ordnung. Mein Einwand gilt eigentlich nur für die beiden Beispiele, die ich dazu nicht für ganz adäquat halte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.12.2018 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40304

Gehen Sie da nicht einen Schritt zu weit? Es wird doch gar nicht behauptet, die Eingeweide seien oder vertreten die Schicksale, auch nicht, die Planetenkonstellation sei oder vertrete die Unternehmung, und auch nicht, der Wegweiser stünde anstelle von Spardorf.

Die Eingeweide sagen etwas ÜBER die Schicksale, die Planetenkonstellation etwas ÜBER den Verlauf der Unternehmung und der Wegweiser etwas ÜBER die Richtung und evtl. Entfernung nach Spardorf. In diesem Sinne sehe ich zur herkömmlichen Zeichendefinition den Widerspruch nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2018 um 09.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40303

Aleida Assmann geht von der bekannten Zeichendefinition aus: Aliquid stat pro aliquo. Gleich darauf sagt sie: „(...) auch konkrete Zeichen – wie z. B. die Eingeweide eines Opfertiers – können auf unsichtbare und noch nicht in die Wirklichkeit eingetretene Schicksale verweisen.“ (Aleida Assmann: „Zeichen – Allegorie – Symbol“ In: Jan Assmann (Hg.): Die Erfindung des inneren Menschen. Gütersloh 1992:28-50, S. 28)

Hier wird also die Stellvertreterschaft ohne weiteres als Verweisen gedeutet. Aber die Eingeweide des Opfertiers vertreten in keinem vernünftigen Sinn die künftigen Schicksale. Eine Planetenkonstellation kann den Geschäftsmann anweisen, eine Unternehmung an einem bestimmten Tag zu beginnen, aber sie steht nicht anstelle dieser Unternehmung und vertritt sie nicht (was immer das heißen könnte). Ein Wegweiser mit der Aufschrift „Spardorf“ steht nicht anstelle von Spardorf; der Autofahrer steigt z. B. nicht aus, als sei er bereits in Spardorf, sondern verhält sich in entscheidender Hinsicht gerade so, als sei er noch nicht in Spardorf. Dieser Widerspruch wird durchgehend nicht bemerkt.
Wie konnte das alles passieren?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2018 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40156

Saussure ist für mich abgehakt, aber sein Vergleich wird bis heute nachgesprochen, ohne daß der interessante sachliche Unterschied erkannt würde.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.11.2018 um 16.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40155

Auf den Einwand, daß man Schach auch mit Dame-Spielsteinen spielen könnte, mußte Saussure nicht gefaßt sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2018 um 13.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40154

Saussure vergleicht die Sprache mit dem Schachspiel. Es kommt nicht auf die Form der Figuren an, sondern nur darauf, welchen Regeln sie folgen und daß sie voneinander unterscheidbar sind.

Aber man könnte Schach auch mit lauter völlig gleichen Figuren spielen. Welche Züge jede einzelne machen darf, hängt davon ab, auf welchem Ausgangsfeld sie gestanden hat bzw. welche Züge sie bis zum jeweiligen Spielstand bereits ausgeführt hat (ihr „Schicksal“). Es erleichtert die Sache zwar für den menschlichen Schachspieler, für das Spiel selbst ist es irrelevant. (So könnte man auch menschliche Funktionsträger in unterscheidbare Uniformen stecken wie Soldaten, aber man könnte auch darauf verzichten.) (Wie verfolgt ein Schachcomputer die Identität der Spielfiguren?)

Für die Sprache gilt das nicht: aaa aaa aaaaaaa aaaa aaa aaaaa kann nicht bedeuten „Für die Sprache gilt das nicht“.

Schachfiguren sind Gegenstände mit einer Identität, darum können sie aus dem Spiel fliegen, wenn sie geschlagen sind. Man kann sie ersetzen, wenn sie beschädigt sind, aber gerade das beweist ihre Individualität. Verhaltensabschnitte vom Format eines Wortes kann man wiederholen, aber man kann sie nicht ersetzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.11.2018 um 05.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40128

Zum vorigen vgl. Angelika Storrer/Eva Lia Wyss: „Pfeilzeichen: Formen und Funktionen in alten und neuen Medien“ In: Ulrich Schmitz/Horst Wenzel (Hg.): Wissen und neue Medien. Bilder und Zeichen von 800 bis 2000. Berlin 200:159–196.

Die Abbildung eines Pfeils ist an sich noch kein Richtungsweiser, sondern eben das Bild einer Jagdwaffe.

Zwar können nur Menschen zeigen, aber das bedeutet nicht, daß das Zeigen angeboren ist. Es kann eine kulturelle, also historische Verhaltensweise sein, auf der Grundlage elementarer, nun wirklich biologischer Eigenschaften des Menschen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2018 um 05.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40079

Das heutige Google-Doodle gilt der Arecibo-Botschaft, die wie die schon erwähnte Pioneer-Plakette (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#28582) ein Denkanstoß für Semiotiker bleibt. Worauf könnte jedes "intelligente" (was ist das?) Wesen kommen, und was ist kulturspezifisch?

Zu jener Plakette habe ich noch gefunden:

One of the parts of the diagram that is among the easiest for humans to understand may be among the hardest for the extraterrestrial finders to understand: the arrow showing the trajectory of Pioneer. An article in Scientific American criticized the use of an arrow because arrows are an artifact of hunter-gatherer societies like those on Earth; finders with a different cultural heritage may find the arrow symbol meaningless.

Ich habe ja schon oft auf die Sinnlosigkeit der Rede von "gerichteten Gegenständen" (Searle, Dennett) hingewiesen. Für die Naturalisierung der Intentionalität ist es nötig, sogar einen Pfeil (oder dessen stilisierte Abbildung) nicht als gerichtet zu betrachten, sondern als einen Gegenstand wie jeden anderen. Man muß sozusagen den Handlungszusammenhang des Schießens oder Werfens aus ihm wegdenken, wie es im Zitat angedeutet ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2018 um 09.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#40062

Immer ältere gegenständliche Felszeichnungen werden entdeckt. Wir wissen nicht und werden nie eindeutig wissen, welche Funktion sie hatten. Darum können wir auch nicht sagen, ob es Zeichen waren. Zunächst ist jede figürliche Darstellung eine Simulation, ein Als-ob. Man könnte davor "in effigie" gewisse Riten ausgeführt haben, "als ob" es sich um die dargestellten Wesen handelte. Das wäre eine magische Praxis. So betet man vor Ahnen- oder Heiligenbildern.

Magisch ist auch das Sprachtabu und auf der anderen Seite das erwünschte Herbeirufen eines Wesens durch Aussprechen seines Namens. Überschneiden sich magische und Zeichenfunktion, oder ist die eine in der anderen enthalten? Verwandt ist die Mimikry, deren semiotische Einordnung auch noch umstritten ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.10.2018 um 04.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39934

Ich bestreite ja nicht, daß Zeichen eine Form und eine Funktion (Bedeutung) haben, sondern kritisiere nur die Mystifikation durch die Redeweise von zwei "Seiten", die außerdem noch beide "psychisch" sein sollen. Wie Skinner sagt: "Bedeutung ist ein Surrogat für Geschichte." Da weiß man wenigstens gleich, was man untersuchen muß.

Als Radfahrer brauche ich mich ja um Verkehrszeichen nicht zu kümmern, aber ich glaube, ein roter Kreis auf weißem Grund bedeutet "Durchfahrt verboten". Nun, wer käme darauf, dieses Zeichen als Verbindung zweier psychischer Einheiten anzusehen, von denen die eine auf die andere verweist?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.10.2018 um 14.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39930

Ich dachte, daß sich solche Gegenstände dadurch mit unter Verhalten einordnen lassen, daß man genaugenommen nicht sie selbst, sondern ihre Benutzung (Herstellung, Auswertung) als Verhalten betrachtet.

Wenn die dem Zeichen zugrundeliegende Sache "semantisiert" sein muß, haben wir dann nicht gerade wieder den bilateralen Begriff, auf der einen Seite die Sache (Gegenstand, Merkmal, Verhalten), auf der andern Seite das Ergebnis der Semantisierung, also die Bedeutung?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2018 um 12.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39928

Lieber Herr Riemer, eine endgültige Definition ist gerade das, wonach ich suche.
Zunächst einmal muß ich aber sagen, daß ich keineswegs nur Verhalten als Zeichen ansehe, sondern natürlich auch Gegenstände wie Verkehrszeichen, Schwanzfedern usw.
Der Kernpunkt ist, daß wirkliche Zeichen von anderen Mustern durch ihre Entstehung unterschieden werden müssen. Mein Zeichenbegriff ist also ein "historischer" oder "genetischer". Ein Gegenstand, ein Merkmal oder ein Verhalten muß "semantisiert" worden sein, was nicht heißt "gedeutet" (deuten kann man auch Fußspuren und Jahresringe), sondern durch diese Deutung in seiner Form oder seinem Auftreten (Frequenz) verändert und auf Dauer gestellt. Kurzum: es muß sein Dasein und Sosein gerade der Wirkung auf einen anderen Organismus verdanken.
Das ist aber nur notwendig, nicht hinreichend, weil sonst jede Form der Koevolution und Symbiose ebenfalls zeichenhaft wäre.
Zum Beispiel leben gewisse Ameisen mit Pilzkulturen zuasammen, die einen können nicht ohne die anderen. Dabei mögen auch (chemische, olfaktorische) Zeichen eine Rolle spielen, aber damit habe ich mich nicht beschäftigt. Die Symbiose selbst jedenfalls ist nicht zeichenhaft. Anders das Verhalten des Honiganzeigers: Davon hat der Honigdachs zunächst mal gar nichts, aber es führt ihn zum Bienennest, von dem er sich ernährt. Davon wiederum haben die Vögel zunächst auch nichts, aber wenn der plündernde Dachs abgezogen ist, können sie die Waben fressen, an die sie ohne den Dachs nicht herangekommen wären.

Die teils grotesken Balztänze der Vögel haben mit der Fortpflanzung direkt nichts zu tun, signalisieren aber dem Weibchen, worum es geht, und genau deshalb wird bis zum heutigen Tage getanzt und gerade so.

Die Übertragung auf die menschliche Rede dürfte leicht sein.

Man sieht hier die Zwischenschaltung einer Ebene, auf der sich das Zeichenhafte abspielt. Das müßte man noch hübsch formulieren...

Zur Zeicheninflation: Wenn alles dadurch, daß es gedeutet wird, zum Zeichen werden könnte, dann wäre es ein Funktionsbegriff wie "Hindernis". Alles kann zum Hindernis werden, es gibt aber gerade darum keine Klasse der Hindernisse.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.10.2018 um 11.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39927

Lieber Prof. Ickler,
Sie definieren das Zeichen m. W. ungefähr so: Ein Zeichen ist ein Verhalten.
Ich verstehe, daß jedes Zeichen, bzw. das Zeichengeben und das Zeichenerkennen, ein Verhalten ist. Aber nicht jedes Verhalten kann man wohl als Zeichen ansehen. Das heißt, die genaue Definition eines Zeichens müßte doch etwas komplexer ausfallen.

In "Wirkliche Zeichen" setzen Sie sich mit Rudi Keller auseinander und widerlegen ausführlich seinen Zeichenbegriff, d. h. aber, Sie schreiben eigentlich immer nur, was ein Zeichen nicht ist. Z. B. schreiben Sie, was Zeichen "den ikonischen Charakter gibt ... ist eine Zusatzqualität von anderweitig bereits konstituierten Zeichen". Ja, aber wodurch ist denn nun ein Zeichen konstituiert? Hier und in anderen Beiträgen geben Sie immer viele Beispiele für Zeichen und Nichtzeichen, aber ich vermisse eine genaue Definition. Was ist ein Zeichen? In dem genannten Aufsatz finde ich nur die Definition eines Zeichenkandidaten, nämlich als etwas Interpretierbarem. Aber was genau macht den Zeichenkandidaten, das Interpretierbare, denn nun ggf. zum "wirklichen Zeichen"?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2018 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39919

Das Zitieren (Vorführen) einer sprachlichen Form wird in der neueren Linguistik fast einhellig der "Metasprache" zugeordnet. Rudi Keller schreibt zum Beispiel:

Ein jedes sprachliche Zeichen kann dazu benutzt werden, als Zeichen seiner selbst zu dienen.

Das nennt er Metasprache. Aber das Vorführen steht zum Vorgeführten nicht in derselben Beziehung wie die Benennung. Es ist vielmehr dessen Simulation und daher allenfalls ikonisch.
Diesen Fehler wiederholt Keller an einer späteren Stelle, wo es um die Frage geht, ob man Symbole ihrerseits symbolisieren kann. Wieder erklärt er das Zitieren für eine den Symbolen angemessene Art der Symbolisierung und übersieht, daß es sich dabei um eine extrem enge ikonische Abbildung handelt, während die eigentliche Symbolisierung eine Benennung wäre, etwa wie wir einen bestimmten Text Dekalog nennen und einen anderen das Vaterunser oder auch (noch weiter vom Zitieren entfernt) das Gebet des Herrn. Das sind symbolische Bezeichnungen für symbolische Zeichenkomplexe. Das Geräusch, das Schweine hervorbringen, kann man nachmachen und zu Kommunikationszwecken vormachen oder vorführen; aber solche Hervorbringungen sind gerade keine „Symbole“, auch nicht in stilisierter Fassung (oink-oink oder so ähnlich). Symbol ist vielmehr die Bezeichnung Grunzen.

(Dies stammt im wesentlichen aus meinem Aufsatz "Wirkliche Zeichen".)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2018 um 12.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39917

Ein aufgeklärter Zeichenbegriff schließt die sogenannten ikonischen und indexikalischen Zeichen aus, weil weder Ähnlichkeit noch Kontiguität Zeichenhaftigkeit begründen können. (Das Argument der Zeicheninflation erledigt die Klassifikation von Peirce, Morris und ihren vielen Nachfolgern.)
Wie steht es mit Mimikry und mit Attrappen? (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39372)
Die Attrappe eines Polizisten am Straßenrand ist kein Zeichen eines Polizisten und „bedeutet“ keinen, sie verweist den verängstigten Autofahrer auch nicht auf einen solchen, sondern sie IST gewissermaßen ein Polizist. Der Autofahrer reagiert wie auf einen richtigen Polizisten und macht sich nicht etwa auf die Suche nach einem solchen (wie er auf eine abgebildete Kaffeetasse hin das Café aufsuchen würde).
Wenn ein Kind einen Holzklotz über den Tisch schiebt und dazu ein Motorengeräusch nachahmt, dann tut es in gewisser Hinsicht so, als halte es den Klotz für ein Auto (nicht in jeder Hinsicht, es läuft zum Beispiel nicht angstvoll davon, aber das ist gerade das Wesen des Verstellungsspiels im Gegensatz zu einer wirklichen Täuschung wie bei der Polizistenattrappe). Der Klotz ist aber kein Zeichen für oder von einem Auto, er IST bis zu einem gewissen Grade ein Auto.
Eine gefälschte Unterschrift ist kein Zeichen der echten. Falsifikate können alllerdings in den Dienst der Kommunikation gestellt werden („Muster ohne Wert“) und sind dann Zeichen, aber nicht durch die Ähnlichkeit an sich.
Eine Sexpuppe bedeutet keine Frau, sondern IST eine.
Simulation ist an sich nichts Kommunikatives.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.09.2018 um 17.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39641

"Referenz ist eine Relation zwischen dem Vorkommnis eines singulären Terms (einer Gegenstandsbezeichnung) und dem dadurch bezeichneten Objekt." (Albert Newen/Eike v. Savigny: Analytische Philosophie. München 1996:193)

Das ist tautologisch, weil im „Bezeichnen“ die Referenz noch einmal vorkommt. Die Relation ist eben das Bezeichnen. Ob "referieren" oder "bezeichnen" – beides gehört zur gleichen naiven Redeweise, nicht-naturalistisch (denn in der Natur gibt es so etwas nicht), und muß aufgeklärt werden (s. Intentionalität und Sprache).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.09.2018 um 04.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39563

Zur Mimikry (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39372)

Bienen haben, soweit ich weiß, keine Signaltracht; wenn die Bienenragwurz sie nachahmt, ist das einfach die Angleichung eines Musters, das seinerseits funktional begründet ist. Anders die Warntracht etwa bei den Schwebfliegen, die wie Wespen aussehen. Wespen warnen Freßfeinde durch ihre Warntracht. Bei den Schwebfliegen muß man zweimal hinsehen, bis man z. B. an ihrer Zweiflügligkeit erkennt, was für Betrüger sie sind. Hier handelt es sich also um die Nachahmung von zeichenhaften Mustern.

Dieser Unterschied zwischen einfacher Nachahmung und Signalfälschung steht quer zur Unterscheidung von Tarnung, Anlocken und Warnen (Batessche Mimikry).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.09.2018 um 09.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39503

Zu: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#38920

Sprache funktioniert über Zeichen. Einem Bedeutungsträger wird eine Bedeutung zugeordnet. Diese Zuordnung, das ist die große, immer noch nicht genügend gewürdigte Entdeckung von Ferdinand de Saussure, ist willkürlich. (Klaus P. Hansen:
http://www.klaus-p-hansen.de/fileadmin/downloads/sprache_und_kollektiv_klaus_p_hansen.pdf)

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man immer wieder diesen Unsinn liest. Ich zítiere noch einmal Friedrich Hebbel:

„Viel sind der Sprachen auf Erden; schon dieses sollte uns lehren,
Daß kein inneres Band Dinge und Zeichen verknüpft.“

(Damals war Saussure mit seinem Beispiel "arbre – Baum" noch nicht geboren.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.08.2018 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39372

Eine Fotografie ist ein Abbild (einem Schatten vergleichbar), aber an sich noch kein Zeichen. Eine solche Funktion kann ihr natürlich, wie jedem Gegenstand, irgendwann zuwachsen.

Die Ähnlichkeit wird häufig so behandelt, als sei sie praktisch dasselbe wie Abbildlichkeit:

„Ein Zeichen ist ein Ikon (griech.: Bild), wenn seine Beziehung zum Gegenstand auf einem Abbildverhältnis, d. h. auf Ähnlichkeiten, beruht.“ (Angelika Linke/Markus Nussbaumer/Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 2. Aufl. Tübingen 1994:19)

Tatsächlich wird statt der als Zeichenbegründung unzureichenden Ähnlichkeit meist die Abbildlichkeit unterstellt:

„Etwas sinnlich Wahrnehmbares wird zum ikonischen Zeichen dadurch, dass wir in ihm das Bezeichnete als Abgebildetes (wieder)erkennen.“ (Ebd. 21)

Die Herstellung von Abbildern ist aber oft in ein wirkliches Zeichenverhalten eingebettet, oder sie bereitet zumindest ein solches vor. Die Gegenstände im Musterkoffer eines Handlungsreisenden und die Abbildungen in einem Katalog sind ikonische Bestandteile eines zeichenhaften Verhaltens, aber nicht allein wegen ihrer Ähnlichkeit mit den Originalen, sondern weil sie in ihrer Umgebung – z. B. bei der Unterbreitung eines Angebots – eine bestimmte Mitteilungsfunktion auf den Betrachter ausüben. Eine bloße Beschreibung des angebotenen Objekts ohne jede Abbildlichkeit erfüllt denselben Zweck.
Die Abbildlichkeit wird dem Zeichen, das als solches bereits konstituiert sein muß, zusätzlich beigebracht. Dabei kann es übrigens durchaus sein, daß auch das Abbildverhältnis erst erkennbar wird, nachdem man es gelernt hat. Abbildlichkeit kann konventionellen Regeln unterworfen sein und ist es gewöhnlich auch. Das Lesen von Landkarten oder Stadtplänen muß gelernt werden. Ferner ist es kein Widerspruch, daß willkürlich produzierte Indices, z. B. Männlichkeitssignale in der Mode, sowohl konventionell als auch mimetisch sind.

Ähnlichkeit kann durch Nachahmung entstehen. Wenn jemand sich Flügel baut und den Vogelflug nachahmt, ist sein Verhalten dem der Vögel ähnlich. Es ist aber offensichtlich kein Zeichen, weder für den Vogelflug noch für etwas anderes. Zum Zeichen könnte es werden, wenn der Flieger die Nachahmung dazu benutzte, anderen Lebewesen als Vogel zu erscheinen.
Die zahlreichen Formen von Mimikry im Tier- und Pflanzenreich sind phylogenetische Fälle von „Nachahmung“. Sie haben sich jeweils unter dem Einfluß der Reaktion bestimmter anderer Organismen herausgebildet, ganz ebenso wie Merkmale, die nicht mimetischer Natur sind. Durch diesen Prozeß und nicht durch ihre Ähnlichkeit mit etwas anderem sind sie wirkliche Zeichen geworden, und die mimetische Qualität ist etwas Hinzukommendes. Sie beruht darauf, daß ein bereits vorhandenes Muster zufällig das Material abgab, an das sich die Zeichenentwicklung anschließen konnte. Ein Vogel z. B. mag kleine Zweige übersehen oder Wespen als Beutetiere meiden; Insekten, die wie Zweige oder wie Wespen aussehen, bleiben daher unbehelligt. Ihr Aussehen wird sich immer genauer an das von Zweigen oder Wespen anpassen. Die Blüten der Bienenragwurz sehen wie Bienen aus; richtige Bienen werden dadurch angelockt.

Daß auch das Vormachen eine Ähnlichkeit erzeugt, liegt auf der Hand. Die Herstellung von Mustern ist ein Sonderfall des Vormachens. Die Mitteilungsfunktion liegt auch hier bereits fest, wenn das vorgeführte Muster seinen Anteil beisteuert.
Kurz gesagt: Zeichen können zusätzlich bildhaft sein, Bilder können zusätzlich als Zeichen fungieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2018 um 16.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39124

Wie kann man vom „Verstehen“ und „Nicht verstehen“ eines Satzes reden; ist es nicht erst ein Satz wenn man es versteht? (Ludwig Wittgenstein: Philosophische Grammatik 1)

Dasselbe Sophisma wie bei jenem Zeichen, das erst durch seine Deutung zum Zeichen wird, das man aber nur deuten kann, wenn man schon weiß, daß es ein Zeichen ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2018 um 03.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39106

Ich hatte dieses Beispiel schon anderswo erwähnt (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1110#13946).

Die Fiktion der "Wahl" hängt mit dem strukturalistischen Zwei-Achsen-Modell zusammen, das vor allem Roman Jakobson dogmatisiert hat. Es liegt seiner Poetik ebenso wie seiner Theorie von Spracherwerb und Aphasie zugrunde.

"Die poetische Funktion überträgt das Prinzip der Äquivalenz von der Achse der Selektion auf die Achse der Kombination." (Roman Jakobson: Linguistik und Poetik, in: Jens Ihwe (Hg.): Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven, Frankfurt/M. 1971, S. 142-178. S. 153)

Alles, was sich ereignet, ist die Negation dessen, was sich nicht ereignet, und könnte als Ergebnis einer Wahl dargestellt werden. Man sieht, wohin es führt. Vgl. auch http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24443
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.07.2018 um 20.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39102

Laut "Vernäht und zugeflixt" vom Dudenverlag soll ein gebildeter Sprecher in jedem Augenblick aus einem Vorrat von ca. 94.000 Wörtern auswählen, die im Gehirn gespeichert sind.

Abgesehen von allem anderen: Woher weiß er, wonach er suchen muß?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.07.2018 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39096

Kinder lernen, nicht alles auszusprechen; so entsteht die nicht besonders gut erforschte stumme, innere Rede.
Alte Menschen neigen mehr und mehr dazu, dies wieder rückgängig zu machen. Zuerst begleiten sie manche Tätigkeiten mit geflüsterten Kommentaren, dann sprechen sie ständig vor sich hin, wie man es auf der Straße manchmal erlebt.
Nachlassen der sozialen Disziplinierung auch bei Tourette u. ä.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.07.2018 um 00.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39094

Ich habe mir das Du angeboten.
In Selbstgesprächen benutze ich für mich selbst nur Pronomen, meist 1. Person Einzahl, mitunter auch Mehrzahl, die 2. Person nur in der Einzahl. Das Pronomen kann höchstens ein Attribut haben (ich/du Idiot o.ä.).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.07.2018 um 18.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39093

Also wirklich hörbar rede ich nie mit mir selbst (hoffe ich wenigstens).

Aber das sind persönliche Merkmale (intro- vs. extravertiert?), und ich hatte auch ein bißchen den Wunsch, andere Stimmen einzuholen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 14.07.2018 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39092

(Aber das sind dann wohl eher Selbstgespräche.)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 14.07.2018 um 18.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39091

Sie haben sich noch nie selbst angeredet? Auch nicht laut, wenn Sie einen Fehler gemacht, sich beispielsweise mit dem Hammer auf den Daumen gehauen haben? Das scheint sonst sehr üblich zu sein. Ein Freund hat mich mal gefragt, ob meine Wahl in solchen Fällen auf den Vornamen oder Nachnamen falle; er selbst greife zum Nachnamen. Ich habe darauf geachtet: ich machs wie er. Um verärgerte Distanz auszudrücken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.07.2018 um 15.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39089

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#32123

Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal gesagt habe: Wir sprechen wohl die meiste Zeit unseres Wachseins stumm vor uns hin, aber das ist kein "Selbstgespräch", wenn man darunter ein Gespräch "mit" uns selbst (s. Wikipedia "Autokommunikation") versteht. Vielmehr bilden wir mehr oder weniger vollständige Sätze, die ausdrücken, was wir sagen wollen, sagen werden, gesagt haben oder hätten sagen können/sollen usw. Nie mit Anrede an uns selbst verbunden (wie der zitierte Odysseus sich ausnahmsweise selbst anredet). Ich glaube nicht, daß ich mich jemals selbst angeredet habe, das käme mir spaltungsirre vor. Ich nehme an, daß andere meine Erfahrung teilen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2018 um 03.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#39074

„Soweit Indizes nicht intendiert sind (z. B. Rauch) werden sie auch den echten Zeichen (Symbol, Ikon) gegenübergestellt und als unechte Zeichen bezeichnet bzw. nicht als Zeichen anerkannt. Für die Anerkennung als Zeichen wird angeführt, dass es im Bereich der Mode, des menschlichen Verhaltens/Sich-Gebens praktisch unmöglich sei, zwischen intendierten und nicht-intendierten Signalen zu unterscheiden. Insoweit indexikalische Zeichen nicht auf einer Kommunikationsabsicht beruhen, werden sie den kommunikativen Zeichen (Ikonen, Symbolen) entgegengesetzt. Jedes Verhalten kann indexikalisch interpretiert werden.“ (Wikipedia „Index“)

Das läuft auf Watzlawick hinaus: Man kann nicht nicht-kommunzieren. Es ist zwar schwierig, die zeichenhafte Überformung des Funktionalen zu erkennen, aber man sollte es nicht aufgeben. Mit mentalistischen, folkpsychologischen Begriffen wie „Absicht“, „intendieren“ (= wollen) wird man es nicht schaffen.

Der Mensch ist uns nur als Kulturwesen gegeben, der Naturzustand muß rekonstruiert werden. Die erwähnte Mode oder die Eßsitten sind Standardbeispiele. Wo gibt es Menschen, die sich „einfach“ etwas Wärmendes umhängen und „einfach“ mit den Händen zulangen, wenn sie hungrig sind? Manche Naturvölker kommen nahe heran, aber bei genauerem Hinsehen gibt es auch da Bräuche und Zwänge, auch „Techniken“, deren Beherrschung zeichenhaft überformt ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.06.2018 um 15.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#38920

Unsere Studenten sprechen ehrfurchtsvoll nach, Saussure habe zwischen langue und parole unterschieden und die "Arbitrarität" (so muß man es ausdrücken) des sprachlichen Zeichens entdeckt. Also Dinge, die seit langem Gemeingut und im 19. Jahrhundert vollends selbstverständlich waren. Bei Blatz z. B. ist es ebenfalls ausgesprochen. Saussure hat ja auch gar nicht den Anspruch erhoben, hier etwas Originelles zu sagen. Er hat die Dinge dann eher mystifiziert, jedenfalls in der allgemein verbreiteten Fassung seiner rekonstruierten Vorlesung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2018 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#38756

Karl Bühler in dieser Hinsicht besonders empfindlich, kritisierte an Saussure den Psychologismus. Dafür hatte man lange Zeit gar keinen Blick. Heute wird gerade diese naive sprachgeleitete Psychologie des 19. Jahrhundert als "Kognitionswissenschaft" für besonders modern gehalten. Saussure war also "auch schon" Kognitivist (wie jedermann seit 2.500 Jahren).
Manchmal ist es schwer, keine Satire zu schreiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.05.2018 um 15.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#38729

Learning a word involves mapping a form, such as the sound "dog", onto a meaning or concept, such as the concept of dogs.

Was könnte das bedeuten? Es muß irgendwie zwei Gegenstände geben, damit man den einen auf den anderen abbilden kann. Bei der Wortform ist es klar, aber was mag "meaning or concept" sein?

Ich verstehe das einfach nicht, halte den Satz und tausend ähnliche also für sinnlos.

(Welche der vielen Bedeutungen von mapping ist gemeint? Vielleicht eine Punkt-zu-Punkt-Zuordnung, eine Isomorphie oder was? Aber eigentlich spielt es keine Rolle, denn dieser zweite Gegenstand ist völlig mysteriös.)

Bei den meisten Theorien dieser Art läuft es darauf hinaus, eine zweite Sprache, eben die Language of Thought, anzunehmen, ohne daß man das genauer sagte oder sich gar der damit verbundenen Probeme bewußt wäre.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.04.2018 um 03.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#38624

„Ein gedrucktes Wörterbuch ist einfach eine Abbildung von Bedeutungen auf Formen.“ (...) „Jedes gedruckte Wörterbuch kann man als lexikalische Matrix darstellen: man muß nur eine eigene Spalte für jede Wortform und eine eigene Zeile für jede Wortbedeutung bilden.“ (George A. Miller: Wörter. Heidelberg 1993:51; vgl. das Zitat im Haupteintrag)

Dies stellt er auch als Schema dar, aber es sind natürlich keine Bedeutungen, sondern andere Wörter, die man eintragen muß. Skinner hat darauf hingewiesen, daß Wörterbücher keine Bedeutungen, sondern andere Wörter enthalten, entweder in einer anderen Sprache oder – verführerischerweise - in derselben (Synonyme).

Im naiven Speichermodell wird das Ganze psychologisiert:

„Im mentalen Lexikon gibt es jeweils ein eigenes Speichersystem für die Wortformen und die Wortbedeutungen.“ (Volker Harm: Einführung in die Lexikologie. Darmstadt 2015:111)

Wie speichert man Bedeutungen? Leeres Gerede.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2018 um 09.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#38121

Beim Menschen sind natürlich auch funktionale Verhaltensweisen oft symbolisch überdeterminiert, sonst braucht man keine Soziologie. Die anderswo erwähnten Nachbarn, die zugleich mit den Amseln und Spechten ihre Frühlingsaktivitäten wiederaufnehmen, geben mit dem lautstarken und ausdauernden Betrieb des Hochdruckreinigers zu verstehen, was für ordentliche Leute sie sind. Desgleichen die Reihenhausfamilie, die jeden Morgen um halb sechs ihre Betten ausklopft, anschließend bei offenen Fenstern die ganze Wohnung staubsaugt und nebenbei alles übertönend die Kinder zurechtweist. Distinktionsgewinn. Tischmanieren usw. braucht man gar nicht zu erwähnen. Manchmal kommen Zweifel auf. Ißt Frau X wirklich nur deshalb so hastig, weil sie Hunger hat, oder auch weil sie (unbewußt) demonstrieren will, daß sie vor lauter Pflichterfüllung eigentlich keine Zeit fürs Essen hat? Da ich ihre Herkunft kenne, halte ich dies für wahrscheinlich. Andere essen hastig, weil sie früher mal fast verhungert wären, das ist dann Symptom und kein Zeichen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.03.2018 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#38097

Seit einigen Tagen singen die Amselmännchen, etwa zehn Tage später als normal wegen der Kältewelle ("Putins Peitsche").

Das sind natürliche Zeichen, phylogenetisch zu erklären. Die Funktion scheint in der Abgrenzung des Reviers zu bestehen, während das Trommeln der Spechte (auch der Weibchen), das ungefähr gleichzeitig begonnen hat, in variierender Form auch verschiedene Funktionen haben soll.
Nun denn, wie soll man das bilaterale Zeichenmodell hier anwenden? Ordnet die Amsel oder der Specht Ausdrucks- und Inhaltsseite einander zu? Haben sie im Kopf einen Speicher für Bedeutungen?

Übrigens habe ich bisher immer beobachtet, daß das Singen und das Trommeln von weiter her eine Antwort bekommen, also dialogisch aufreten. Ob es aufhört, wenn kein anderer Vogel antwortet, habe ich nirgendwo nachschlagen können. Würde mich interessieren.

Wie kommen wir überhaupt darauf, daß Gesang und Getrommel Zeichen sind? Als Kind dachte ich zuerst, daß die Spechte mit ihrem Trommeln Insekten aus der Rinde holen, aber irgendwann habe ich beobachtet, daß es ein ganz anderer Funktionskreis ist als das kräftige Hacken und Spalten zwecks Nahrungssuche. Singen und Trommeln sind Verhaltensweisen von hoher Unwahrscheinlichkeit. Wir suchen also nach einer Funktion (Stadium der Annahme von "Zeichenkandidaten"). Mit der Ernährung kann es nicht zusammenhängen, dazu ist es zu ineffizient. Wir fragen also nach der Wirkung und finden, daß es nicht die mechanische ist ("Worte brechen keine Knochen", fällt uns ein). Dann fällt uns der dialogische Charakter auf usw. Und: "Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Licht der Evolution." So kommen wir dazu, wirkliche Zeichen zu identifizieren. Objektiv, nicht nur im Auge des Betrachters wie bei den Okkultisten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2018 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#38079

Im Anschluß an die berühmte Stelle vom "Käfer in der Schachtel" sagt Wittgenstein:

Wenn man die Grammatik des Ausdrucks der Empfindung nach dem Muster von "Gegenstand und Bezeichnung" konstruiert, dann fällt der Gegenstand als irrelevant aus der Betrachtung heraus. (PhU 1967:127)

Richtig, aber zu spät. Auch schon bei Ausdrücken, die sich nicht auf das (metaphorische, "transgressive") "Innere" beziehen, muß ebendies, das "Sich-Beziehen", die Referenz, Aboutness, Intentionalität gestrichen werden. Das Naturalisierungsprogramm kann mit solchen metaphysischen Begriffen nichts anfangen. Wörter beziehen sich nicht auf Gegenstände, sondern werden manchmal mehr oder weniger von Gegenständen gesteuert. Selbst diesen Fall überschätzen die Philosophen, weil sie sich berufsbedingt meistens mit Wörtern wie Tisch beschäftigen (den haben sie vor sich), allenfalls Katze, aber nicht mit Hochzeitsfeier, Schlußfolgerung usw. (Vgl. schon http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#31459) – Das Vorkommen solcher Verhaltensabschnitte im Redefluß wird von vielen ganz verschiedenen Faktoren gesteuert. Dem geht die Verhaltensanalyse nach (multiple causation), ein mühsames und ungewohntes Geschäft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2018 um 17.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37793

Mentalisten stellen die "Redeplanung" ungefähr so dar (hier Theo Hermannn):

1. Erzeugung der kognitiven Äußerungsbasis: Der Sprecher generiert eine Mitteilung bzw. eine Botschaft („message“), die den momentanen Sprecherabsichten und der soeben vorliegenden Kommunikationssituation möglichst adäquat ist. Diese Botschaft ist (von wenigen Ausnahmen abgesehen) kognitiv-nonverbal, d.h. sie stellt eine noch nicht in einer Einzelsprache formulierte „gedankliche Struktur“ dar.

Das ist unbegreiflich: Die Basis soll propositional, aber nichtsprachlich sein. Eine Struktur, aber unbenannt, von was eigentlich?

Dabei wählt er diejenigen kognitiven Inhalte aus, die er enkodieren wird (= Selektion) und bringt die für die Verbalisierung ausgewählten kognitiven Inhalte in eine bestimmte Reihenfolge (= Linearisierung).

Wie kann man Inhalte linearisieren? Die Übertragung auf nichtsprachliches Verhalten ist ebenfalls schwer vorzustellen. Und wer ist es eigentlich, der auswählt und linearisiert, und was bringt ihn zu diesem Verhalten? Es ist schon irreführend, vom Sprecher als Agens dieses Anfangsverhaltens zu sprechen. „Der Sprecher generiert eine Mitteilung“ – wer kann sich darunter etwas vorstellen? Um den infiniten Regreß zu vermeiden, muß man davon absehen, hierin ein weiteres Verhalten zu sehen. Auch soll die so generierte Botschaft den Sprecherabsichten adäquat sein, d. h. es gibt ein personales Subjekt mit Absichten, bevor überhaupt die Botschaft inhaltlich gebildet wird. Das alles ist unvorstellbar, modisches Gerede.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2018 um 15.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37741

Allein von der Empfängerseite betrachtet, lassen sich Anzeichen und wirkliche Zeichen nicht unterscheiden. Die Fliege wird durch Aasgeruch angezogen, aber dieser Geruch ist dem verrottenden Fleisch nicht um der Fliege willen zugewachsen, sondern eine reine Begleiterscheinung. Die Fliege wird auch von der Stinkmorchel angezogen, und deren Aasgeruch hat sich genau deshalb entwickelt, weil die Fliege auf diese Weise die Sporen von Phallus impudicus verbreitet (eine Art olfaktorische Mimikry). Hier ist der Geruch zeichenhaft. Der Unterschied ist nur für den Betrachter erkennbar, der einen Überblick über die Zeichenentstehung (Evolution) hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2018 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37733

Um Erkenntnisse auszudrücken und festzuhalten, brauchen wir eine Sprache. Sie muß die gewonnenen Begriffe bezeichnen. Die Wörter sind Zeichen für die Begriffe und damit auch Zeichen für die entsprechenden – durch die Begriffe bezeichneten – Gegenstände, für Tatbestände und Beziehungen zwischen Tatbeständen. (Hans Gradmann: Menschsein ohne Illusionen. München 1970:181)

Also immer noch Aristoteles, nur schlechter formuliert. Wenn die Begriffe auch wieder etwas bezeichnen, sind sie Zeichen, und wir stecken im unendlichen Regreß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2018 um 04.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37719

Die „Information“, die der Dendrochronologe den Jahresringen entnehmen kann, ist etwas ganz anderes als die „Information“ im Sinne der Informationstheorie. Anders gesagt: Die Ausbildung von Jahresringen ist kein Kommunikationsereignis. Sie ist eine Folge des Wachstums oder einfach ein Teil des Gesamtvorgangs. (Die Zerlegung in Ursache und Folge ist menschengemacht, wegen der Unvollständigkeit unseres Überblicks.) Jahresringe gibt es – anders als Blüten und Pfauenaugen (Determinativkompositum) auf Pfauenaugen (Possessivkompositum) – nicht deshalb, weil sie von einem Empfänger als Zeichen gedeutet worden sind.
Es bleibt dabei: Anzeichen oder Symptome sind keine Zeichen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.02.2018 um 05.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37712

Vielleicht kann ich Ihre Bedenken wenigstens zum Teil durch den Hinweis auf meinen älteren Aufsatz beheben:
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#31975
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.02.2018 um 21.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37711

Man sollte nicht das Zeichen oder das Wort, sondern das Sprechen/Schreiben/Zeichengeben bzw. das Hören/Lesen/Sehen ein Verhalten nennen.

Es ist wohl abkürzend auch so gemeint, aber es verwirrt. Als ob die Kartoffel eine Tätigkeit genannt würde statt das Essen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.02.2018 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37710

Ob Verhalten frei oder determiniert ist, halte ich für eine philosophische Frage. Aber ich könnte mich kaum damit abfinden, daß mein Verhalten völlig determiniert, ohne einen einzigen Freiheitsgrad ist. Deshalb sehe ich auch das Wort konditionieren (= abrichten? [wie ein Tier?]) sehr skeptisch.

Aber auf das gleiche Zeichen hin verhalten sich zwei Zeichenrezipienten oft unterschiedlich, und beide sowieso anders als der Zeichenproduzent.
Welches Verhalten "ist" nun das Zeichen?

Es gibt sicher ein erwünschtes Verhalten, das würde ich die Bedeutung des Zeichens nennen. Aber da bin ich schon wieder beim bilateralen Begriff.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2018 um 07.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37708

Wie unklar der Zeichenbegriff ist, erlebt man auf Schritt und Tritt.

Es gibt auch natürlich entstandene Funksignale, z. B. die von Quasaren abgestrahlten Impulsfolgen, deren Analyse zur Vermessung von Erde und fernem Weltall dienen kann; die wichtigsten ihrer Frequenzbereiche werden vor technischer Nutzung geschützt. Natürlichen Ursprungs sind auch die von Blitzen in Gewittern hervorgerufenen, stoßartigen Wellenfronten; sie haben den Funkwellen sogar ihren Namen gegeben. (Wikipedia Funksignal)

Aber anfangs sind auch Funksignale als Zeichen definiert worden:

Ein Funksignal ist ein durch Funkwellen ausgesandtes Zeichen oder eine kurze Zeichenfolge zur drahtlosen Übermittlung von Nachrichten.

Die Strahlung von Himmelskörpern ist nicht zeichenhaft. Vgl.:

Ein Signal (lateinisch signalis ‚dazu bestimmt‘, signum ‚ein Zeichen‘) ist ein Zeichen mit einer bestimmten Bedeutung, die das Signal durch Verabredung oder durch Vorschrift erhält. Eine Information kann durch ein Signal transportiert werden. Dazu benötigt man einen Sender und einen Empfänger (vgl. das Funksignal in der Nachrichtentechnik). Ohne technische Hilfsmittel kommt man bei der direkten menschlichen Kommunikation aus, dort können (oft nonverbale) Signale verschiedene Aufforderungen bedeuten. (Wikipedia Signal)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2018 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37705

Although interest in signs and the way they communicate has a long history (medieval philosophers, John Locke, and others have shown interest), modern semiotic analysis can be said to have begun with two men — Swiss linguist Ferdinand de Saussure (1857–1913) and American philosopher Charles Sanders Peirce (1839–1914). (Arthur Asa Berger)

Das ist die allgemeine Meinung. Ich teile sie nicht. Peirce und Saussure haben die Entwicklung einer modernen Semiotik verhindert wie niemand sonst. Sie haben Mystifikationen in die Welt gesetzt, an denen sich noch heute allzu viele abarbeiten. Das liegt hauptsächlich am archaischen Zeichenbegriff.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2018 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37704

Über die "freie Entscheidung" muß ich lächeln. Das eine Verhalten ist so determiniert wie das andere, der Verbrecher ist nicht freier als der Gesetzestreue. Das ändert aber sowieso nichts an meiner Argumentation, die nicht der Psychologie der Autofahrer galt, sondern der Begrifflichkeit, mit der wir Zeichen untersuchen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.02.2018 um 11.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37696

Das gefühlte Achtel bezieht sich natürlich nur auf die Situationen, in denen kein vorfahrtsberechtigtes Fahrzeug kommt, in denen man aber ungeachtet dessen aufgrund des Stopschildes trotzdem halten müßte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.02.2018 um 10.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37695

Lieber Prof. Ickler,
haben Sie schon einmal beobachtet, wie viele Autofahrer an einem Stopschild wirklich anhalten? Gefühlt ein Achtel, würde ich sagen.

Zwischen Stopschild und dem erwünschten Anhalten liegt also noch die freie Entscheidung des Fahrers.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.02.2018 um 10.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37694

Prof. Ickler erwähnt "Produktion wie Rezeption von Rede".
Gehören nicht zum verbalen Verhalten ebendiese zwei verschiedenen Aspekte? Zum Beispiel zum einen das durch ein Zeichen erwünschte, erwartete oder tatsächlich eingetretene Verhalten des Zeichenempfängers (was auch schon alles unterschiedlich sein kann), zum andern das Verhalten des Zeichengebers beim Erzeugen des Zeichens? Es ist jeweils ein ganz anderes Verhalten.

Relativiert das nicht den Anspruch des behavioristischen Zeichenmodells, nicht bi- oder mehrlateral zu sein? Die zwei Seiten entstehen nur in einem anderen Zusammenhang.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2018 um 10.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37693

„Die Deutung eines Zeichens geschieht in seiner Übersetzung in andere Zeichen. Seine Bedeutung ergibt sich aus seinen Übersetzungen.“ (Elmar Holenstein in ders., Hg.: Roman Jakobson: Semiotik. Frankfurt 1992:11)
In welche andere Zeichen (in welcher Sprache) übersetze ich ein deutsches Wort (z. B. doch), ein Stopschild, die Farbe einer Spielkarte? Und wenn ich es in eine Gedankensprache übersetzen sollte – wie verstehe ich die Übersetzung? (Usw.)
Der Autofahrer versteht das Stopschild durch Anhalten, nicht durch Übersetzen.

Die Übersetzung eines Ausdrucks in eine andere Sprache erzeugt einen zweiten Ausdruck, der dieselbe Bedeutung hat wie der erste. Er muß ebenfalls erst verstanden werden (usw.).
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 31.01.2018 um 14.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37687

Der "freie Wille" eines Menschen kann natürlich auch auf vielfältige Weise ausgeschaltet oder umgangen werden, z. B. durch Konditionierung (Erziehung) oder Hypnose. Googlen Sie diesbezüglich auch mal die Stichwörter "MK Ultra", "Mind Control", "trauma based mind control". Oder suchen Sie auf Youtube nach "Mark Passio The 14 Methods Of Manipulation".
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.01.2018 um 10.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37686

Lieber Herr Kohl,
wir schweifen aus? Ich dachte, wir sind immer noch bei den Grundlagen der Zeichentheorie. Ich hatte Sie nur gebeten, Ihre eigenen Halbsätze zu vervollständigen (Von welchem Fehler reden Sie? Welcher Sache ordnen Sie die Wahrscheinlichkeit eines Wortes oder Satzes zu und warum?). Wenn Sie das nicht klarstellen, dann schweifen wir nicht aus, sondern Sie weichen aus.

Sie fragen, was man mit der Zuordnung Wort-Bedeutung machen kann, sie führe zu nichts. Aber ich habe es doch ganz genau geschrieben, es zeigt, daß die 2-Seiten-Theorie der Zeichen zumindest nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, sondern eine sehr naheliegende Grundlage hat.

Mein Problem mit der behavioristischen Methode, die ich natürlich nicht ablehne, dazu müßte ich sie erst einmal besser verstanden haben, ist, daß da ständig von Konditionierung gesprochen wird. Man kann doch einen Menschen nicht wie ein Tier konditionieren, also abrichten. Zwischen dem Erkennen eines Zeichens und dem daraus resultierenden Verhalten steht beim Menschen ein Prozeß des Nachdenkens, die Bedeutung des Zeichens wird in bezug auf die aktuellen Umstände beurteilt, und daran schließt sich dieses oder jenes Verhalten an. Man kann beim Menschen auch nicht wie bei einer Zufallsmaschine die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten angeben. Ich gehe von einem freien Willen des Menschen aus. Ich sehe einfach nicht, wie man das Zeichen mit dem Verhalten gleichsetzen kann.
 
 

Kommentar von Alexander Kohl, verfaßt am 30.01.2018 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37681

Ich glaube, langsam schweifen wir hier zu weit aus.

Es geht ja nicht darum irgend etwas zuzuordnen, sondern um den funktionalen Zusammemhang zwischen Wahrscheinlichkeit und Umweltbedingungen. Das kann ich bei der hebeldrückenden Ratte machen wie beim sätzesprechenden Menschen.

Die Unwiderlegbarkeit ist genau das Problem. Sie können halt beliebig Bedeutungen zuordnen, aber was kann man damit dann letztlich machen? Es führt zu nichts und genau das macht Skinner so elegant, daß man diesen Ballast nicht mehr mit sich rumschleppen muß.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.01.2018 um 17.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37680

Was heißt "werden zugeordnet"? Wir können doch beliebige Dinge einander zuordnen. Die Frage ist nur, was wir jeweils mit dieser Zuordnung machen und daraus schlußfolgern.

Ich habe den Wörtern ihre jeweilige Bedeutung (nach Ihrer Definition) zugeordnet. Da beides existiert, kann ich beides einander zuordnen. Die Zuordnung ist eineindeutig (wenn man Homonyme als verschiedene Wörter ansieht). Das Ergebnis zeigt, daß aus dieser Sicht Wörter als sprachliche Zeichen tatsächlich im saussureschen Sinne 2 Seiten haben.

Meiner Ansicht nach ist dieser Punkt nicht widerlegbar. Oder was sollte an meinem Vorgehen falsch sein? Die Frage wäre aber, ob diese Sichtweise zweckmäßig zum gesamten Verständnis von Zeichen ist, oder ob es nicht z. B. nach Skinner Wege gibt, den Zeichenbegriff anders, logischer und vollständiger zu erklären.

Sie, lieber Herr Kohl, ordnen also die Wahrscheinlichkeit, daß ein Wort oder Satz gesagt wird, wem zu? Ebendiesem Wort oder Satz? Vielleicht ein paar Beispiele (die Zahlen sind nur ganz grob zur Illustration von mir geschätzt):
Brot -> 0,001
die -> 0,03
Wir gehen heute abend ins Kino. -> 0,0001
Gut, eine eindeutige Zuordnung, aber was soll das bringen?
 
 

Kommentar von Alexander Kohl, verfaßt am 30.01.2018 um 11.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37675

Nicht Wörter oder Sätze werden zugeordnet, sondern die Wahrscheinlichkeit, daß sie gesagt werden. Diese Wahrscheinlichkeit ist eine Funktion von Umweltvariablen (Kontexten) und meiner Lernerfahrung (Konditionierungsgeschichte).

Man kann mit Sätzen Aussagen modellieren. Wenn Sie aber im Alltag sprechen, kann ich das als Ereignis beobachten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.01.2018 um 10.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37674

zu Herrn Kohl:

Ordnen wir doch einmal die Sammlung aller Sätze und Kontexte, in denen das Wort X benutzt wird, dem Wort X zu. Das sollte wohl möglich sein. Dann tun wir das gleiche mit allen Wörtern, die wir kennen.
Wir erhalten damit eine vollständige Zuordnung aller Wörter zu ihrer Bedeutung, natürlich keine statische Zuordnung, eine veränderliche.

"Der Fehler entsteht ..." – welcher Fehler? Warum sollte man die Bedeutung nicht als "essentialistische Eigenschaft" des Wortes verstehen? Ohne die Bedeutung gibt es auch das Wort nicht.

Ich soll mir einen Satz als Ereignis vorstellen? Wie soll das gehen? Ein Satz ist eine Aussage, das ist etwas ganz anderes als ein Ereignis.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2018 um 06.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37672

Christian Lehmann:

„Diese Theorie hat F. de Saussure aufgegriffen und in einer Form kodifiziert, die noch heute für die Linguistik gültig ist. Nach ihm umfaßt das Sprachzeichen ein Significans, ein Bezeichnendes, und ein Significatum, ein Bezeichnetes. Die Relation, von der die Scholastiker sprachen, verbindet nicht das Zeichen mit etwas außerhalb des Zeichensystems, sondern das Significans mit dem Significatum, besteht also innerhalb des Sprachzeichens.“

So wird die Funktion des wahrnehmbaren Zeichens (seine Vor- und Nachgeschichte) zu einer geheimnisvollen nicht-wahrnehmbaren „Rückseite“.

„Sobald wir nicht mehr wissen, was ein Böttcher, eine Kemenate oder eine Tiefenstruktur ist, verlieren diese Zeichen für uns ihr Significatum. Aber dann gehen auch die zugehörigen Significantia verloren, das heißt, wir reden nicht mehr von Böttchern, Kemenaten und Tiefenstrukturen. Und wiederum existiert ein außersprachliches Objekt unabhängig davon, ob es von einem Zeichen denotiert wird. Ein Significatum dagegen existiert nur kraft seiner Beziehung zu einem Significans. Solange wir die Significantia Hippie, Ergänzungsabgabe und Theta-Rolle nicht hatten, hatten wir auch die zugehörigen Significata nicht. Bedeutungen sind nicht außerhalb von Sprache vorgegeben, sondern werden in der Sprachtätigkeit erst geschaffen (Morris 1938: 19f.).“

Das ist teils falsch, teils paradox. Man hypostasiert die Gebrauchsbedingungen. Die Bedeutung von etwas kann es ohne dieses Etwas nicht geben, was bei solchen relationalen Begriffen selbstverständlich ist. Ob es eine Kemenate gibt oder nicht, ist eine sachliche Frage. Wenn man nicht weiß, was Kemenate bedeutet, ist es nur ein Zeichenkandidat und kein Signifikant ohne Signifikat, denn diese Begriffe sind ja korrelativ.

„Die Bedeutung eines Sprachzeichens, sein Significatum, ist also etwas rein Sprachliches. Der reale Gegenstand, auf den ein Zeichen sich beziehen kann, sein Denotatum, ist dagegen etwas Außersprachliches.“ ... „Sprache ist in hohem Maße eine selbstgenügsame Tätigkeit, die nicht darauf angewiesen ist, daß sie mit irgend etwas außer ihr selbst zu tun hat.“

[Dies haben die postmodernen Modephilosophen verabsolutiert und ein geistreichelndes Spiel daraus gemacht.]

„Die Assoziation eines Significans mit einem Significatum ist nach dem zuvor Gesagten notwendig. Aber damit ist noch nicht gesagt, aufgrund wovon sie besteht. In der nicht-linguistischen Semiotik hat man diese Frage bezogen auf die Natur der Relation in dem Satz aliquid stat pro aliquo, also der Relation zwischen Zeichen und Denotatum, die man als für das Zeichen konstitutiv ansah. Diese Relation kann auf eine der folgenden drei Weisen begründet sein:
1. Sie kann durch Kontiguität zwischen Zeichen und Denotatum begründet sein.
2. Sie kann zweitens durch Ähnlichkeit zwischen Zeichen und Denotatum begründet sein.
3. Sie kann auf Konvention (Vereinbarung) beruhen.
Ch. S. Peirce (1940: 104) nannte ein Zeichen, für das das erste gilt, einen Index; ein Zeichen, für das das zweite gilt, ein Ikon (icon); und ein Zeichen, für das das dritte gilt, ein Symbol. Wir wollen diese Begriffe kurz auf ihren Nutzen für den Begriff des Sprachzeichens überprüfen.“

„De Saussure und besonders L. Hjelmslev gingen sogar so weit zu behaupten, es gebe in der Sprache überhaupt keine positiven Größen, sondern lediglich Relationen und Unterschiede. Die Identität eines Zeichens ist für Saussure sein Wert (valeur), das ist das Gesamt seiner Beziehungen zu den anderen Zeichen. In dieser extremen Weise ist das zwar logisch unmöglich. Denn ich kann zwar x durch seine Relation zu y definieren; aber dann kann ich nicht gleichzeitig y durch seine Relation zu x definieren, ohne zirkulär zu werden. Soviel aber ist richtig, daß an den Zeichen in erster Linie das für das Sprachsystem relevant ist, was distinktiv ist, das heißt, was ihre Stellung und Identität gegenüber anderen Sprachzeichen ausmacht.“

Das Ganze ist ein gutes Beispiel für die Orthodoxie der heutigen strukturalistischen Linguistik.
 
 

Kommentar von Alexander Kohl, verfaßt am 29.01.2018 um 22.08 Uhr   Mail an
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Ich würde mich gerne an einer kurzen Erklärung versuchen.

Skinners Sprachverhalten entspricht dem operanten Konditionieren, das heißt, die Wahrscheinlichkeit eines Verhalten steht in funktionalem Zusammenhang zur Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines darauffolgenden Verstärkers. Stellen Sie sich also jeden möglichen Satz oder sprachliche Einheit beliebiger Größe als ein Ereignis mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit vor. Diese Wahrscheinlichkeit hängt nun vor allem von ihrer persönlichen Vorgeschichte ab.

Wenn Sie diese Sätze miteinander vergleichen, stellen Sie fest, daß es sich wiederholende Muster gibt, Wörter, Wortgruppen, Phrasen o.ä. Das, was wir Bedeutung eines Wortes nennen, ist nichts anderes als die Sammlung aller Sätze und der Kontexte, in denen diese Wörter benutzt werden.

Der Fehler entsteht, wenn man die Bedeutung als eine essentialistische Eigenschaft des Wortes versteht, die ihm zugeordnet ist. Im schlimmsten Fall schließt man dann daraus, daß diese Bedeutung irgendwie im Geist (Gehirn) gespeichert sein müsse.

Im Prinzip ist es ein ähnliches Problem, wie man es in der Biologie vor Darwin hatte; vor Darwin hatte man in der Biologie einen essentialistischen Artbegriff, der versucht hat, jede Art als eine Sammlung bestimmter Eigenschaften zu definieren, deren Ursprung dann gottgegeben ist oder „intelligent designt“ wurde. Erst die Evolutionstheorie erklärt, daß aus einem gemeinsamen Vorfahren verschiedene Nachfolger herausdivergierten, die immer weniger in genetischem Austausch stehen, bis es aus rein pragmatischen Gründen sinnvoll ist, sie als Arten zu unterscheiden. Genau in dieser pragmatischen Weise sollte man auch den Bedeutungsbegriff anwenden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2018 um 17.53 Uhr  
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Menschen lernen auf verschiedene Weise, vor allem auch durch sprachliche Belehrung, Das ist aber keine Erklärung, sondern selbst erklärungsbedürftig. Skinner faßt es unter "intraverbales Verhalten" (Steuerung durch verbales Verhalten). Daß ich Sprache verstehe und aus Rede etwas lernen (mein eigenes Verhalten modifizieren) kann, geht letzten Endes auch auf Konditionierung zurück. An dieser Stelle kann ich nicht darauf eingehen. Skinner ist der einzige, der die ganze Komplexität dieser Vorgänge erfaßt hat, das ist der Grund für den Umfang des eigentlich ja sehr knapp formulierten Buchs "Verbal Behavior".
Richtig ist, daß meine eigene Konditionierung für mich selbst nicht beobachtbar ist ("bewußtseinsfremd"). Aber nehmen wir das Üben, ob Vokabeln, Schleifenbinden oder Klavierspielen (oder eben Halten an der roten Ampel). Es ist uns selbst unbegreiflich. Warum kann ich es jedesmal besser? Ich beobachte es einfach und nehme als selbstverständlich hin, daß es funktioniert.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.01.2018 um 16.51 Uhr  
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Die Erwartung ist die Bedeutung des Zeichens, die ich gelernt habe.

Die Überlegung, also das völlig andere, mündet dann in mein Verhalten.

Deswegen finde ich den Weg nicht zum behavioristischen Zeichenbegriff. Zeichen und Verhalten sind nicht das gleiche. Ein Zeichen kann sehr unterschiedliches Verhalten nach sich ziehen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 29.01.2018 um 16.41 Uhr  
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Andersherum: Welcher Erwachsene muß beim Anblick einer roten Ampel auch nur eine Millisekunde darüber nachdenken, was von ihm erwartet wird? (Die Überlegung, ob man das Signal ignoriert, ist natürlich etwas anderes.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.01.2018 um 16.33 Uhr  
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Vielleicht ist es ja naiv, aber ich muß bei Konditionierung immer an den Hund denken, dem beim Hören eines Glockentons unwillkürlich der Speichel fließt.

Wie paßt das damit zusammen, daß ich beim Anblick des Zeichens "rote Ampel" am Straßenrand stehenbleibe? Wurde ich etwa so konditioniert, daß ich, sobald ich eine rote Ampel sehe, unwillkürlich stehenbleiben muß?

Vielleicht habe ich es noch nicht richtig verstanden, jedenfalls sperrt sich etwas in mir gegen den Gedanken, daß ich irgendwie "konditioniert" bin. Ich habe wohl etwas gelernt, aber das ist doch nicht das gleiche Verhalten wie beim Reflex eines Hundes (oder auch wie bei meinen unwillkürlichen Reflexen). Ich handle auf ein Zeichen hin nicht reflexhaft, sondern so, wie ich es aufgrund meines erlernten Wissens für besser halte, ggf. auch unterschiedlich.

Daher habe ich mit dem Zeichenbegriff, der ein Zeichen mit einem bestimmten Verhalten gleichsetzt, noch Probleme. Das Zeichen hat wohl eine bestimmte Bedeutung, aber ob man sich auch entsprechend dieser Bedeutung verhält oder sie ignoriert, das steht doch wieder auf einem andern Blatt, oder?
Letztlich komme ich über die Bedeutung des Zeichens immer wieder auf seine zwei Seiten zurück.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2018 um 14.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37661

"Monolaterale" Zeichenmodelle (im Haupteintrag erwähnt) werden zwar postuliert, aber der Begriff hat keinen Sinn. Der behavioristische Zeichenbegriff operiert von vornherein nicht mit dem Bild von "Seiten", und schließlich ist eine Seite keine Seite.
Das Zeichen im behavioristischen Sinn ist ein Gegenstand oder ein Verhalten mit einer Geschichte, und diese Geschichte (Konditionierungsgeschichte) ist die realistische Entsprechung jener mysteriösen zweiten Seite des herkömmlichen (phänomenologischen) Zeichenbegriffs.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2018 um 06.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37654

Das Eichhörnchen wird durch die Nüsse nicht getäuscht. Sie sind keine Zeichen.
Der Haselstrauch "will" nur indirekt, daß die Nüsse gefressen werden. Sie sollen aber dem Eichhörnchen schmecken. Er "will", daß die Eichhörnchen vergessen, wo sie die Nüsse versteckt haben. Dafür opfert er viele. (Ich reiße jedes Jahr einige Dutzend Pflänzchen aus, die von dem einzigen Haselstrauch stammen.)
Der Gang durch den Verdauungstrakt erhöht die Keimfähigkeit mancher Samen fleischiger Früchte. Außerdem:
"Eine bedeutende Folge scheint zum einen die Entfernung von Pilzsporen zu sein. Man kann die Pilzbelastung der Samen messen, nachdem sie den Darm eines Vogels passiert haben, und das mit Samen vergleichen, die nicht verdaut wurden. Auf den Samen aus dem Darm sind viel weniger Pilze zu finden, was dazu führt, dass sich die Überlebensrate der Samen nahezu verdoppelt."

Evan Fricke stellte auch fest, dass die vorverdauten Samen keinen typischen Eigengeruch mehr verströmen. Dadurch werden weniger Fressfeinde wie beispielsweise Ameisen angelockt. (DLF 9.8.13)

Den Ameisen wird ein Teil des Musters entzogen, an dem sie die Samen erkennen. Der Eigengeruch ist aber nicht um der Ameisen willen entstanden und darum zwar Anzeichen, aber kein Zeichen.

Oft ist es nicht leicht, Zeichen von bloßen Mustern zu unterscheiden, Mimikry von Zufall. Hier muß etwas offen bleiben ("Zeichenkandidaten").
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2018 um 12.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37639

„Ein Zeichen ist ein Ding, das dazu dient, ein Wissen von einem anderen Ding zu vermitteln, das es, wie man sagt, vertritt oder darstellt. Dieses Ding nennt man das Objekt des Zeichens. Die vom Zeichen hervorgerufene Idee im Geist, die ein geistiges Zeichen desselben Objekts ist, nennt man den Interpretanten des Zeichens.“ (Peirce)

Hat jemand die leiseste Ahnung, was das alles bedeutet? Wissen, Idee, Geist, geistiges Zeichen... wer kann damit heute noch etwas anfangen? Auch das "Vertreten" und "Darstellen" trifft ja offensichtlich nicht zu. Das Wort Glück vertritt nicht das Glück und stellt es auch nicht dar.

Aber dieser Zeichenbegriff ist in verschiedenen Abwandlungen immer noch sehr beliebt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.12.2017 um 04.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#37359

Statt sich vernünftige (sprachhistorische) Kenntnisse anzueignen, haben unzählige Sprachwissenschaftler ihre besten Jahre damit verbracht, die formalen Eigenschaften vermeintlich angeborener Universalgrammatiken zu analysieren. Nachdem diese Hirngespinste verweht sind, bleibt ein Haufen wertloser Bücher zurück, der entsorgt werden muß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2017 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#34813

Die Zeichentheorien von Peirce, Morris usw. sind in meinen Augen reiner Unsinn (s. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#31975), aber ich möchte noch auf ein Problem hinweisen, das nicht nur hier auftritt. Sieht man sich zum Beispiel das Diagramm hier an: https://home.ph-freiburg.de/jaegerfr/Linguistik/texte/Morris%20Zeichentheorie.doc
- so sieht man geometrische Eigenschaften, die gewissermaßen überschießen, weil sie nicht interpretiert werden können und sollen. Ich glaube, an Klaus Hegers Modell hat man es vor vielen Jahren auch schon kritisiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2017 um 04.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#34783

„Zwei fundamentale Gegebenheiten sind die folgenden: Erstens, die Sprache tritt uns nicht selbst, sondern nur in Form der verschiedenen Sprachen entgegen. Zweitens, die Sprache dreht sich zwar wesentlich um Bedeutung, diese ist aber nicht selbst wahrnehmbar, sondern nur die Zeichen, welche sie übermitteln.“ (Christian Lehmann: Thomas von Erfurt. (http://www.christianlehmann.eu/publ/Thomas_von_Erfurt.pdf)

Ich versuche zu entmystifizieren:

1. Das Insekt tritt uns nicht selbst, sondern nur in Form verschiedener Insekten entgegen.

2. Eine Mausefalle hat eine Funktion; die sieht man aber nicht, man muß sie kennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.11.2016 um 10.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33959

Die Theorie vom bilateralen Zeichen ermöglicht erst die seltsame Redeweise der Dudengrammatik:

"Von Wortschöpfung spricht man dann, wenn eine Lautfolge erstmals Zeichencharakter erhält, indem ihr ein Inhalt zugewiesen wird." (2016:649)

Als ob die Lautfolgen schon irgendwo herumschwirrten, ohne Zeichen zu sein, bevor jemand sie dazu macht! Die Namenerfinder im Auftrag von Renault haben doch nicht nach einer Bedeutung für Twingo gesucht, sondern nach einem schicken Namen für ein neues Auto.

Ebenda wird der Firmenname Adidas als Wortschöpfung neben Twix und Twingo angeführt, kaum zu Recht, es steht ja auch die Ableitungsbasis Adi Dassler dahinter.

(Seit wann Adolf Dassler Adi genannt wurde konnte ich nicht feststellen, vielleicht paarweise mit Rudolf/Rudi; zur Entnazifizierung der fortan verfeindeten Brüder s. Wikipedia.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2016 um 03.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33571

Ich gebrauche ja den Begriff "Bedeutung" auch ständig, schon wegen meines Interesses an synonymischer Differenzierung, aber mir ist klar, daß ich ihn letzten Endes in Verhaltensbegriffe übersetzen müßte und auch könnte. Wie überhaupt die Eliminierung intentionaler Ausdrücke, die wir aus praktischen Gründen in der Alltagsrede beibehalten; Skinner selbst hat den Nutzen in nicht-theoretischer Kommunikation ausdrücklich anerkannt.

Man könnte die praktische Unentbehrlichkeit mentalistischer Sprache wohl sogar beweisen. Wenn ich mich mit jemandem abstimmen will, muß ich ihm meine "Absichten" kundgeben, auch wenn ich theoretisch diesen Begriff ablehne. Das liegt daran, daß ich im Augenblick des Handelns die mein Verhalten steuernden Variablen nicht überblicke (nicht überblicken kann). Das gelingt bestenfalls einem Beobachter oder mir selbst post actum.

Ich verweise nochmals auf Kap. 1 von "Verbal Behavior", wo all das, was man unter Bedeutung versteht, in Verhaltensbegrifflichkeit überführt wird. Natürlich zunächst nur grundsätzlich, die Ausfüllung kommt dann in dem ganzen Buch.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.10.2016 um 00.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33569

Mit Information meine ich eigentlich das gleiche wie mit Bedeutung, also nicht nur im mathematischen, sondern im allgemeinen Sinne. Information betont vielleicht besser das ideelle Wesen und die Rolle von Bedeutung. Letztlich ist sie eine bestimmte Ordnung bzw. Struktur der Materie.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 16.10.2016 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33553

Zeichen: grünes Licht an der Fußgänger-Ampel (und zusätzlich ein marschierendes Ampelmännchen). Bedeutung: Fußgänger dürfen jetzt die Straße überqueren. Ich finde es ungemein praktisch, ein Zeichen und seine Bedeutung zu unterscheiden.

Natürlich kann den Zusammenhang zwischen Zeichen und Verhalten auch ohne die "Bedeutung" des Zeichens erklären. Aber ist wirklich etwas gewonnen, wenn man die Angabe einer "Bedeutung" aus der Besprechung eliminiert? Genügt es nicht, einmal gezeigt zu haben, daß das Verhalten auch ohne eine sprachlich wiedergegebene "Bedeutung" des Zeichens erklärt werden kann? Wenn es irrig wäre, von der Bedeutung eines Zeichens zu reden, warum tun wir Normalbürger es dann? Die Rede von der Bedeutung eines Zeichens hat offensichtlich einen praktischen Wert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2016 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33552

"Information übermitteln" ist wieder eine andere Begrifflichkeit, die ich ja hier nicht gebraucht habe; man muß vorsichtig damit sein, von der einen in die andere zu wechseln. (Ganz abgesehen davon, daß "Information", wie Sie selbst am besten wissen, von Sprachwissenschaftlern und fast allen Gebildeten nicht im Sinne der mathematischen Informationstheorie gebraucht wird!)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.10.2016 um 22.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33550

Ich werde es endlich lesen.
Das wollte ich eigentlich schon seit längerem, aber daß ein Zeichen nichts bezeichnet und daß seine Funktion nicht darin besteht, eine Information zu übermitteln, macht mich endgültig neugierig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2016 um 05.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33541

Aus naturalistischer Sicht gibt es kein Bezeichnetes und keine Referenz, diese Begriffe haben dort keinen Sinn. Es gibt nur Verhalten und steuernde Variable.

Eine ausführliche Erklärung kann ich hier nicht geben. Ich verweise der Kürze halber auf Skinners "Verbal Behavior", das erste Kapitel genügt schon.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.10.2016 um 21.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33540

Dann ist also die Funktion das Bezeichnete?
Die Funktion (Zweck, Aufgabe) des Halteverbotsschildes ist, dem Betrachter die Information "Hier ist Halten verboten" zu übermitteln.
Haben wir nicht in dieser Information genau die ideelle Seite des Zeichens? Ob man sie nun in eine Funktion packt oder gleich als die eine Seite der Medaille ansieht, was macht das?

Ob man die Funktion lernt oder einfach, welche Information zum Halteverbotsschild gehört, kommt aufs gleiche heraus.
Und ob man die Funktion des Zeichens oder die zugehörige Information (Bedeutung) das Bezeichnete nennt, finde ich, obwohl ich begrifflich eher zu letzterem tendiere, eigentlich auch egal.
Kurz gesagt, ich sehe bisher gar keinen Unterschied zum bilateralen Zeichenbegriff.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2016 um 15.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33538

Halteverbotsschilder haben eine Funktion. Sie wird erlernt. Die Konditionierungsgeschichte liegt offen zutage. Wo ist da eine ideelle "Seite"? Die Dinge sind im Grunde einfach, Saussure hat sie so kompliziert, daß er sich selbst nicht mehr auskannte und aufgab.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.10.2016 um 14.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33537

Wenn man das Wort Inhalt so genau nimmt, als sei tatsächlich das Bezeichnete im Bezeichnenden physisch oder psychisch enthalten, dann ergeben sich wohl Widersprüche oder Mystisches. Ich meine aber, Inhalt, Wert, Bedeutung, Vorstellung sollte man in diesem Zusammenhang als Synonyme ansehen. Mit das Zeichen enthält das Bezeichnete ist doch einfach nur das gleiche gemeint wie mit das Zeichen hat die Bedeutung. Etwas anderes empfinde ich als Wortklauberei. Auch das Wort Seite (eines Zeichens) würde ich nicht physisch verstehen wie die Seite eines Gegenstands, sondern synonym zu Komponente. Warum sollen nicht materielle und ideelle Komponenten in einer Einheit verbunden sein, d. h. zusammengehören?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2016 um 13.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33536

Auf "mystisch" bin ich gekommen, weil entweder Saussure selbst oder seine Schüler das Bild von den beiden Seiten eines Blattes Papier gebrauchen, die so wenig voneinander trennbar seien wie eben die beiden Seiten des Zeichens, das Bezeichnende und das Bezeichnete.

Man könnte auch von einer Mystifikation sprechen. Naturalistisch gesehen, haben wir das Sprech- oder Schreib- oder sonstwie wahrnehmbare Verhalten (oder dessen Hinterlassenschaft) und andererseits die Faktoren, die es steuern. Beides "physisch", also nicht die Verbindung zwischen etwas Wahrnehmbaren und etwas "Geistigem". Bei Saussure sollen außerdem beide Seiten psychisch sein (Lautvorstellung und Gegenstandsvorstellung, im Geiste verbunden...), was die Sache zusätzlich kompliziert.
Mit einem Zeichen, das das Bezeichnete "enthält", kann man natürlich nichts mehr bezeichnen, das ist ja alles schon inhärent geschehen. Ich verstehe das alles nicht, kann es bloß nachstammeln und mich davon distanzieren.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.10.2016 um 11.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33534

Ich gebe zu, daß ich hier nicht alles verstehe, aber da ich mich damit offenbar in guter Gesellschaft mit so manchem bekannten Sprachwissenschaftler (z. B. Eisenberg) befinde, traue ich mir doch mal ein paar Fragen.

Was ist eigentlich am bilateralen Zeichenbegriff nach Saussure so mystisch? Ein Zeichen besteht im Zusammenhang zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem, das eine geht nicht ohne das andere. Soweit ist der Begriff des Zeichens für mich völlig klar, ich empfinde das geradezu als selbstverständlich, es ist beinahe in dem Wort Zeichen schon exakt so enthalten. Was ist falsch oder naiv daran? Das Mystische kommt für mich erst auf, wenn diese klare Definition zerredet wird, da gebe es Unterschiede zwischen den Termini Wert, Bedeutung, Inhalt, Vorstellung, was noch alles? Bedeutungen seien nicht alphabetisch sortierbar, verschiedene Zeichen (z. B. Wörter aus verschiedenen Sprachen) haben die gleiche oder leicht voneinander abweichende oder schwer metasprachlich beschreibbare Bedeutungen, und was nicht sonst noch alles an "Problematischem" genannt wird. Na und? Was hat das mit dem Grundbegriff zu tun?

Ich wüßte gern, was eigentlich an einem naturalistischen Zeichenbegriff anders ist. Wie lautet da die Zeichendefinition? Kann man sie ähnlich kurz und klar und leicht verständlich wie die Saussure'sche aufschreiben? (Falls es hier schon irgendwo steht, bitte um Entschuldigung, ich habe es nicht gefunden.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2016 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#33532

Aus der Dudengrammatik hatte ich schon Eisenberg zitiert:

„Jedes Wort hat eine Formseite und eine Inhaltsseite (Bedeutung).“ (auch in der Neubearbeitung 2016:19)

Dazu noch:

„Die Morpheme der Wortstämme weisen eine bestimmte Form und eine bestimmte Bedeutung (oder Bedeutungspalette) auf, sind also Verbindungen von Form und Bedeutung. Als Morpheme lassen sich aber auch Elemente mit grammatischer Funktion auffassen. Sie haben dann keine Bedeutung im landläufigen Sinn, das heißt, sie referieren nicht auf eine Vorstellung.“ (148, Gallmann)

Der mysteriöse bilaterale Zeichenbegriff Saussures wird fortgeführt, die Bedeutung hypostasiert. Bei einer Mausefalle würde man nicht sagen, sie sei eine „Verbindung“ von Form und Funktion. Gallmann geht von der Bedeutung ohne weiteres zum „Referieren“ über, von dort zur „Vorstellung“, einem folk-psychologischen Begriff.

Diese Mystifikationen bleiben allerdings folgenlos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2016 um 06.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#32858

Nachdem das Institut für deutsche Sprache sich zu Saussures mystischem Zeichenbegriff bekannt hat, fährt es fort:

Unter einem umfassenden semiotischen (zeichentheoretischen) Aspekt, kann man mit einem anderen Semiotiker, Umberto Eco, so weit gehen, die komplette Welt als zeichenhaft zu betrachten. Bei dieser Annahme bestünde unsere Welt ausschließlich aus Zeichen, welche Bedeutung besitzen und dadurch interpretierbar wären.

(statt "komplett" sollte es "ganz" heißen, statt "besitzen" "haben")

Wenn es nur Zeichen gibt, hat der Begriff nichts Unterscheidendes mehr. Ich habe schon erörtert, wohin das führt und wie man es verhindern kann. (Ist das Ableben Ecos auch nichts weiter als ein Zeichen? Wer will uns damit was zu verstehen geben?)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.05.2016 um 09.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#32721

„Ce n’est pas ‘Gäste’ qui exprime le pluriel, mais l’opposition ‚Gast : Gäste’.” (Saussure)

Dieses oft zitierte Beispiel soll die strukturalistische Denkweise erläutern. Aber man darf es nicht zu genau nehmen (und die Nachschrift von Saussures Vorlesung nicht auf die Goldwaage legen). Vom Glanz befreit, sagt der Satz nur, daß es keinen Plural gibt, wo es nicht auch den Singular gibt: Kein Numerus ohne Numerusunterscheidung. Die Opposition drückt keineswegs den Plural aus, sondern ist dessen Vorbedingung. Umwerfend wird man diese Einsicht nicht finden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.03.2016 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#32123

Die innere Rede ist schwer zu beobachten und wird daher in der psychologischen Literatur nur selten behandelt, von der Sprachwissenschaft fast gar nicht. Dabei sind wir wahrscheinlich sehr viel mehr mit innerem als mit äußerem Reden beschäftigt. Alle Untersuchungen deuten darauf hin, daß wir den größen Teil unserer wachen Zeit innerlich vor uns hin sprechen. Wir legen uns zurecht, was wir sagen wollen, rekapitulieren, was wir und andere gesagt haben, kommen immer wieder darauf zurück, was wir eigentlich hätten sagen sollen usw.; unsere Tagträume sind von Sprache begleitet. Mit dieser inneren Rede üben wir das Sprechen ein, auch fremdsprachliches (leider ohne Korrektur).
Die Realität dieses inneren Sprechens wird nicht bestritten, nicht einmal von strengen Behavioristen, die es als „covert verbal behavior“ bezeichnen. Auch wenn man Introspektion ablehnt, wird man kaum beweifeln, daß es so etwa wie stummes Sprechen gibt.
Seine Herkunft ist in gewisser Hinsicht klar: Es kann nur aus dem offenen Sprechen stammen, das der Sprecher ja von seinen Mitmenschen gelernt haben muß. (Dazu auch Sibylle Wahmhoff: Inneres Sprechen. Psycholinguistische Untersuchungen an aphasischen Patienten. Weinheim und Basel 1980; mit Bezug auf Wygotski). Kleine Kinder sprechen zunächst laut vor sich hin, bis man ihnen eine Grundregel der zivilsierten Gesellschaft beibringt: „No talking to oneself in public“.“ (Erving Goffman: „Response cries“. In: Language 54, 1978, S. 787-815, S. 793) „Our society places a taboo on self-talk.” (Ebd. S. 788). Auch Skinner kommt in „Verbal Behavior“ mehrmals darauf zurück: Children should be seen but not heard. Zunächst bewegen sie noch die Lippen, und auch später kann man etwa beim stummen Lesen Muskelinnervationen nachweisen. Auch Zungenbrecher können, wie berichtet wird, selbst bei stummem Sprechen schwierig bleiben und unangenehme Empfindungen auslösen.

A. Charles Catania spricht einige Probleme an:
Another candidate for a crucial human versus nonhuman difference is the capacity to discriminate one's own covert behavior, to which Horne and Lowe occasionally appeal (e.g., "As with the echoic, higher order naming may become increasingly covert and abbreviated in form and may indeed be learned at the covert level of responding, this being reinforced and maintained by a range of consequences," p. 203). But to what is one responding in discriminating one's covert vocalizations, which by definition produce no sound? Are the relevant stimuli akin to auditory hallucinations (Jaynes, 1977)? Are they like the abbreviated articulatory muscle movements of the motor theory of consciousness (Max, 1934)? In either case, what might the phylogenic origins of such discriminations of the covert be? Perhaps it does not matter whether we can identify receptors (although Skinner, 1988, p. 194, argued that we cannot introspect cognitive processes "because we do not have nerves going to the right places"). It would be gratuitous, however, to assume that one cannot help knowing that one is talking to oneself. After all, individuals sometimes talk to themselves overtly without knowing it, and the covert should be less discriminable by virtue of its lesser magnitude. Horne and Lowe allude to the implications their account has for the concept of verbal consciousness, but the problem of covert verbal behavior implies that the resolution lies with applying the analysis of the language of private events (as in Skinner, 1957, pp. 130-146) to the synthesis of naming. (A. Charles Catania: „Natural contingencies in the creation of naming as a higher order behavior class“. JEAB 65/1996:276-279; S. 278f.)
Nach einer Beobachtung Wackernagels (Vorl. I:109) stehen Selbstgespräche bei Homer immer in der ersten Person, nur jenes „τέτλαθι δή, κραδίη· καὶ κύντερον ἄλλο ποτ’ ἔτλης“ des Odysseus (υ 18) ist eine Ausnahme (eine halbe, denn Odysseus spricht ja sein Herz, nicht sich selbst an).
Die Gewohnheit des inneren Sprechens ist die Hauptursache der Auffassung, daß Denken überhaupt sprachlich sei. Das ist nicht nur eine philosophische Überzeugung, sondern tief in der Grammatik verankert. So werden Gedanken in der Form direkter und indirekter Rede angeführt.
Da „wir“ ja wissen, was wir sagen wollen, kann die innere Rede knapp und schnell sein. Vielleicht ist sie oft weitgehend fragmentarisch ausgearbeitet, ohne aber an Wirksamkeit auf „uns“ selbst einzubüßen: „Wir“ reagieren auch schon auf das nur Angedeutete. (Die Anführungszeichen sollen andeuten, daß nicht klar ist, wer hier wen beobachtet.) Wie kohärent sind die Texte der inneren Rede?
Die Erfahrung des inneren Sprechens und damit die Meinung, Denken sei überhaupt sprachlich, mag auch der Theorie von einer „Sprache des Geistes“ (Language of thought, Mentalesisch usw.) zugrunde liegen, das innere Sprechen ist aber nicht damit zu verwechseln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2016 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#32038

Learning a word includes the pairing of a phonological representation of its sound with a representation of its meaning. (Susan Carey in Eric Wanner/Lila R. Gleitman (Hg.): Language acquisition. The state of the art. Cambridge 1982:348)

Offenbar nach dem Vorbild eines Wörterbuchs, ganz naiv und bis heute die herrschende Lehre.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.03.2016 um 04.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#31932

Wohin die undurchschaute Metapher vom bilateralen Zeichen führt, sieht man an Christa Dürscheid, die behauptet, Phoneme hätten "nur eine Ausdrucksseite" (Einführung in die Schriftlinguistik).
Ausdruck ist ja immer Ausdruck von etwas. Sonst könnte man von beliebigen Gegenständen und Ereignissen sagen, sie wiesen nur eine Ausdrucksseite auf: Bäume, Schneeflocken...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2016 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#31717

Der gerade verstorbene Umberto Eco hat eine konventionelle, auch von der Scholastik beeinflußte Zeichentheorie vertreten, die meiner Auffassung von einem naturalistischen Zeichenbegriff entgegengesetzt ist. Ich bringe einige Zitate und anschließend ein paar ältere Aufzeichnungen von mir selbst.

„Eine Zeichen-Funktion liegt immer dann vor, wenn es eine Möglichkeit zum Lügen gibt: das heißt, wenn man etwas signifizieren (und dann kommunizieren) kann, dem kein realer Sachverhalt entspricht. Eine Theorie der Codes muß alles untersuchen, was man zum Lügen verwenden kann. Die Möglichkeit zum Lügen ist für die Semiose das proprium, so wie für die Scholastiker die Fähigkeit zum Lachen das proprium des Menschen als eines animal rationale war.
Wo Lüge ist, da ist auch Signifikation. Wo Signifikation ist, da ist auch die Möglichkeit zum Lügen. Wenn das stimmt (und es ist methodologisch notwendig, das zu behaupten), dann haben wir eine neue Grenze des semiotischen Bereichs gefunden: nämlich die zwischen Signifikationsbedingungen und Wahrheitsbedingungen, anders ausgedrückt: die Grenze zwischen einer intensionalen und einer extensionalen Semantik.
Eine Theorie der Codes befaßt sich mit einer intensionalen Semantik, während die Probleme, die mit der Extension eines Ausdrucks zusammenhängen, in den Bereich einer Theorie der Wahrheitswerte oder einer Theorie der Hinweisakte gehören. Doch handelt es sich hier um eine 'innere' Grenze, und sie muß nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft als eine methodologische Grenze gesehen werden.”
(Umberto Eco: Semiotik. Ein Entwurf einer Theorie der Zeichen. München 1991:89)

„Zeichen sind keine empirischen Objekte, die sich in der Welt vorfinden lassen wie etwa Bäume oder Häuser. Sie sind nicht «da» wie Fakten in der Welt, sondern sie lassen sich allenfalls an solchen aufweisen. Und sie existieren nur, soweit sie dabei als Hinweise für anderes genommen werden. Haarbüschel oder Markierungen im Schnee stellen von sich aus nichts vor, sondern werden erst zu deutbaren Spuren kraft einer Zuschreibung, die sie etwas ausdrücken lässt, was in ihnen nicht enthalten ist.
Insbesondere folgt daraus, dass als Zeichen nur erkannt wird, was als solches «gelesen» werden kann. Dieses wiederum setzt vorgängiges Sich-darauf-Verstehen, also auch Verständnis voraus: Die Fährten eines Tieres vermag nur zu finden, wer sich auskennt, denn ein Unverständiger wüsste vermutlich weder, worauf er zu achten hätte, noch ob das, was er gerade vor sich hat, überhaupt zu interpretieren ist oder nicht. Das gleiche gilt für Bodenwellen oder Erosionen, die dem Geologen vielleicht ein dramatisches Kapitel der Erdgeschichte offenbaren, wo der naive Betrachter bestenfalls ein ästhetisches Naturschauspiel wahrnimmt. Zeichen sind Funktionen; sie sprechen nicht für sich selbst, sondern für ein anderes, das sie nicht sind und das deshalb aus ihnen erst «herauszubringen» (dia-legere) ist. [...]
Oft ist es sogar gerade das in täuschender Absicht Verheimlichte, das für die kriminalistische Untersuchung ausschlaggebend wird. D.h. die Zeichen können trügen, sie können das, worauf sie zeigen, verbergen. Das gilt vor allem für die falschen Fährten, die gelegt werden, um von anderem abzulenken, oder für Spuren, die beim Versuch entstehen, sämtliche Spuren zu verwischen. [...]
Zeichen sind daher für Eco alles, «was man zum Lügen verwenden kann» (SZ 26, 89). Ihr Vorhandensein bedeutet nicht notwendig, etwas offenbar zu machen, sondern gleichermaßen, mit ihrer Hilfe etwas kaschieren oder vertuschen zu können. Daraus folgt die Notwendigkeit ihrer Interpretation. Zeichen sind nicht allein eine Frage der Erkenntnis, sie gehen nicht unmittelbar in dem auf, was sie repräsentieren. Entsprechend hat es der Detektiv mit Hinweisen zu tun, die regelmäßig etwas anderes bedeuten können als sie zu bezeugen scheinen. Wenn es für ihn also darauf ankommt, das Entscheidende hinter einer Tat und ihr Zustandekommen herauszufinden, die Lüge zu demaskieren und den «tatsächlichen» Hergang bloßzulegen, so darf er sich nicht allein auf die Referenz der Zeichen verlassen, sondern er muss auf die Differenz zwischen Bezeichnung und Bedeutung pochen. Er muss sozusagen die wesentliche Dreistelligkeit des Zeichens in Rechnung stellen. Erst sie markiert die eigentliche «Schwelle der Semiotik». Allein das Kriterium des Sinns erlaubt, «den gesamten Kreis der Semiose abzudecken» (SS, 73). [...]
Zeichen sind also immer nur im Hinblick auf einen vollständigen Text lesbar. Der Prozess der Semiose bildet ein komplexes Geschehen, das einzig im Verweis auf ein ganzes Netz anderer Zeichen abgerundet werden kann. Keinem Zeichen käme für sich alleine Bedeutung zu; vielmehr sind innerhalb eines Systems alle Zeichen ausschließlich in Beziehung zueinander deutbar. Das ist vor allem für die Rechtsprechung relevant.”
(Dieter Mersch: Umberto Eco zur Einführung. Hamburg 1993:56ff.)

„Wenn ein Code die Elemente eines übermittelnden Systems den Elementen eines übermittelten Systems zuordnet, so wird das erste zum Ausdruck des zweiten und das zweite zum Inhalt des ersten. Eine Zeichen-Funktion entsteht, wenn ein Ausdruck einem Inhalt korreliert wird, wobei die beiden korrelierten Elemente die Funktoren einer solchen Korrelation sind.
Wir sind jetzt in der Lage, den Unterschied zwischen einem Signal und einem Zeichen zu erkennen. Ein Signal ist eine relevante Einheit eines Systems, das ein einem Inhalt zugeordnetes Ausdruckssystem, aber ebenso auch ein (dann von der Informationstheorie in engerem Sinn als solches untersuchtes) rein physikalisches System ohne jeden semiotischen Zweck sein kann; ein Signal kann ein Reiz sein, der nichts bedeutet, aber etwas bewirkt; es kann aber, wenn es als erkanntes Vorgängiges zu einem vorhergesehenen Nachfolgendem benutzt wird, als Zeichen betrachtet werden, insofern es (für den Sender oder den Empfänger) für sein Nachfolgendes steht. Ein Zeichen korreliert immer Elemente einer Ausdrucksebene mit Elementen einer Inhaltsebene.
Immer wenn eine von einer menschlichen Gesellschaft anerkannte Korrelation dieser Art besteht, liegt ein Zeichen vor. Nur in diesem Sinn ist es möglich, Saussures Definition, wonach ein Zeichen die Entsprechung zwischen einem Signifikanten und einem Signifikat ist, zu akzeptieren. Aus diesem Ansatz ergeben sich einige Konsequenzen: (a) Ein Zeichen ist keine physische Entität, denn diese ist höchstens das konkrete Exemplar des relevanten Ausdruckselements; (b) ein Zeichen ist keine fixe semiotische Entität, sondern eher ein Treffpunkt unabhängiger Elemente (die aus zwei unterschiedlichen Systemen zweier verschiedener Ebenen kommen und aufgrund einer Codierungskorrelation assoziiert werden).
Genau genommen gibt es nicht Zeichen, sondern nur Zeichenfunktionen. Hjelmslev zufolge »scheint es aber angemessen zu sein, das Wort Zeichen zu verwenden als Name für die Einheit aus Inhaltsform und Ausdrucksform, die von der Solidarität, die wir die Zeichenfunktion genannt haben, etabliert wird« (1943 [1961: 58]; dt. 1974: 61). Eine Zeichenfunktion kommt zustande, wenn zwei Funktive (Ausdruck und Inhalt) in wechselseitige Korrelation zueinander treten; dasselbe Funktiv kann auch in eine andere Korrelation eintreten, wodurch es ein anderes Funktiv wird und eine neue Zeichenfunktion entstehen lässt. Zeichen sind also das vorläufige Ergebnis von Codierungsregeln, die transitorische Korrelationen von Elementen festsetzen, wobei jedes dieser Elemente - unter vom Code bestimmten Umständen - auch in andere Korrelationen eintreten und so ein neues  Zeichen bilden kann.
Man kann sogar sagen, es sei nicht richtig, dass ein Code Zeichen organisiere; richtiger sei es zu sagen, Codes stellten die Regeln bereit, die im kommunikativen Verkehr Zeichen als konkrete Gebilde generieren. Der klassische Begriff >Zeichen< löst sich also auf in ein hochkomplexes Netzwerk wechselnder Beziehungen. Die Semiotik sieht hier eine Art molekularer Landschaft, in der das, was wir als alltägliche Formen zu erkennen gewohnt sind, sich als Resultat vorübergehender chemischer Aggregationen erweist und die so genannten >Dinge< nur das Oberflächenbild eines zugrundellegenden Netzwerks elementarerer Einheiten sind. Oder, besser, die Semiotik gibt uns eine Art photomechanischer Erklärung der Semiose, indem sie uns enthüllt, dass da, wo wir Bilder zu sehen glaubten, sich nur strategisch angeordnete Aggregationen schwarzer und weißer Punkte befinden, Alternationen von Anwesenheit und Abwesenheit, die nicht‑signifizierenden, nach Gestalt, Position und Farbintensität verschiedenen Grundelemente eines Rasters. Wie die Musiktheorie stellt die Semiotik fest, dass da, wo wir bekannte Melodien erkennen, nur eine komplizierte Verflechtung von Intervallen und Noten vorliegt, und wo wir Noten wahrnehmen, nur Bündel von Formanten.”
(Umberto Eco: Semiotik. Ein Entwurf einer Theorie der Zeichen. 2., korrigierte Ausgabe. München 1991, S. 76ff.)

„Wir beschränken uns darauf, eine neue Version des Dreiecks zu geben, bei der wir an jede Spitze die von unterschiedlichen Klassifikatoren gebrauchten verschiedenen Kategorien eintragen: (...)
Wie man sieht, gibt es einen Konsensus des gesunden Menschenverstandes zwar über die Dreiteilung, aber nicht über die Namen, mit denen man die drei Pole bezeichnen soll. Ja man hat sogar das, was wir als Gegenstand bezeichneten, als /Signifikat/, und das, was wir /Signifikat/ nannten als /Sinn/ bezeichnet. In manchen Fällen handelt es sich um bloße terminologische Divergenzen, in anderen verbergen sich unter den terminologischen Divergenzen tiefgehende Unterschiede im Denken. Eine Untersuchung dieser klassifkatorischen Alternativen müsste zu einer umfassenden und polemischen Geschichte der Semantik geraten.“
(Umberto Eco: Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt 1977:30f.)


Aus meinen Bemerkungen zu Eco:

Wenig klärend ist die Behauptung Ecos, jedes Werkzeug oder Bauwerk sei Zeichen, weil es nur dann benutzt werden könne, wenn es den Benutzer auf seine Funktion verweise. Kein Gegenstand kann benutzt werden, wenn man nicht gelernt hat, mit ihm umzugehen. Was soll es darüber hinaus heißen, daß ein Stuhl oder eine Treppe auf ihre Funktion „verweisen“? Ein Laserstrahl, so Eco, schneide so gut wie ein Messer, teile aber dem Laien, der den „Code“ nicht besitzt, diese Funktion nicht mit. Kein Gegenstand teilt seine Funktion mit. Bei Eco wird diese sonderbare Lehre anscheinend dadurch erzwungen, daß er auf jeden Fall die semiotische Lehre von „signifié“ und „signifiant“ beibehalten will. Der angenommene Zeichenträger Treppe muß um der Theorie willen auf etwas verweisen; also verweist er auf seine Funktion, das Hinaufsteigen. Wahrscheinlich spielt auch eine Rolle, daß wir eine Beziehung, deren Entstehung uns phänomenal unzugänglich ist, subjektiv als eigentümliche Anmutung erleben; man denke an das über sich Hinausweisende eines ausgestreckten Fingers oder eines Pfeiles, das gleichsam Einladende eines Henkels, das Auffordernde eines Türgriffs (Wilhelm Schapps „Wozu-Dinge“). Die Betrachtung und sogar schon die anschauliche Vorstellung einer Treppe kann die instrumentell nachweisbaren Muskelinnervationen der Steigbewegung auslösen (ideomotorisches Prinzip, Carpenter-Effekt), und dies ist vielleicht die physiologische Grundlage jenes Erlebens, selbstverständlich nur unter dem Einfluß vorausgegangener Erfahrung, die aber bewußtseinsfremd geworden ist. Raffiniertere „Instrumente“ wie der Laserstrahl entbehren dieser unmittelbaren Anmutung, weil sie weiter von der alltäglichen Praxis entfernt sind; diesen Unterschied mag Eco im Auge gehabt haben. Es ist aber kein semiotisch bedeutsamer.
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Ein Fliehkraftregler kann physikalisch oder kybernetisch-informationstheoretisch beschrieben werden. Daniel Dennett hat keine Bedenken, auch solche einfachen Apparate als intentionale Systeme zu bezeichnen. Wenn Eco (1972:47f.) das verhältnismäßig aufwendige Beispiel eines homöostatischen Apparates zur Wasserstandsregelung vorstellt, so liegt es natürlich nahe, darauf die Begriffe der Nachrichtenübertragung anzuwenden. Aber grundsätzlich sind auch der Fliehkraftregler, der Thermostat am Heizkörper oder der einfache Füllmechanismus eines Toilettenspülkastens solche homöostatischen Apparate (mit negativer Rückkoppelung, also teleologische Maschinen im Sinne Norbert Wieners), und da fällt es schon schwerer, von Nachrichten, Code usw. zu sprechen. Im Organischen wäre die Gamma-Schleife des Muskelspindel-Apparates ein anschauliches Beispiel für positive Rückkoppelung im Sinne eines Servomechanismus. (Solche Fälle sind selten, weil positive Rückkoppelung in der Regel zur Zerstörung eines Systems führt.) Die Informationstheorie ist kein Zweig der Semiotik. Ihre Begriffe wie Information, Redundanz, Entropie, Signal, Steuerung usw. haben mit Zeichen im eigentlichen Sinne gar nichts zu tun. Anders gesagt: Die Informationstheorie sieht nicht nur vom Inhalt der Signale ab und beschränkt sich auf die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens, sondern die „Signale“ der Informationstheorie haben als solche gar keinen „Inhalt“. Es gibt keinen Grund, hier überhaupt von „Botschaften“ zu sprechen (Eco 1972:54f.). Eine solche Deutung ist erst im Zusammenhang mit dem gesteuerten Apparat sinnvoll.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2016 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#31653

„Die Grammatik befaßt sich mit der Laut-Bedeutungs-Zuordnung in sprachlichen Äußerungen.“ (Karl Erich Heidolph in: Ludger Hoffmann (Hg.): Deutsche Syntax. Ansichten und Aussichten. Berlin, New York 1992:397)

Heidolph sagt ausdrücklich, daß diese Auffassung in die „Grundzüge“ eingegangen sei, also die lange Zeit einflußreiche Akademiegrammatik. Es ist aber auch sonst die weithin herrschende Auffassung.

Ein fatales Erbe Saussures. Als wenn es sozusagen zwei Reihen von Gegenständen gäbe, die Lautgebilde und die Bedeutungen. Daher dann auch im "mentalen Lexikon" ein Speicher für Bedeutungen. "Was bedeutet x?" ist harmlos, aber "Was ist die Bedeutung von x?" verführt zur Hypostasierung. Man könnte es für bloße Redeweisen halten, aber die Psycho- und Neurolinguistik machen sich auf die Suche nach dem Sitz dieser Bedeutungen im Kopf, und das ist nicht mehr harmlos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.01.2016 um 05.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#31459

Die Abbildung oder Repräsentation der Wortbedeutung sollte man nicht immer nur an Konkreta festmachen, sondern auch an Wörtern wie Rest oder Gliederung. Wie kann das „Konzept“ Gliederung gespeichert sein? Hier entfällt die sonst so verführerische Vorstellung von „Bildern“. Die Menschheit hat bestimmt 100.000 Jahre gebraucht, bis sie solche abstrakten, zusammenfassenden Wörter gefunden hat, die auf anderen, komplizierten Redeweisen aufbauen. Die angemessene Definition solcher Begriffe wäre von der Form: „Gliederung ist, wenn man...“, und dann folgt eine längere Geschichte über typische Erfahrungen. Aber wie „repräsentiert“ man das in einem „mentalen Lexikon“?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2015 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#29700

Dazu:

de.wikipedia.org/wiki/E._M._Forster
www.amazon.de/T-Shirt-Fun-Shirt-Woher-wissen-denke/dp/B00OTNIAME

Der Klassiker ist natürlich Kleists Aufsatz über die allmähliche Verfertigung der Gedanken.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 10.08.2015 um 19.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#29682

Zu #29651: Einer meiner Freunde hat es so auf den Punkt gebracht:

»Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?«

Das hat er so von seinem Großvater gehört, wobei er aber nicht weiß, ob der das selber geprägt oder von woanders her hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2015 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#29673

Um noch einmal den Grundgedanken zu formulieren: Die Entstehung der Rede im Kopf ("Aktualgenese") wird von den meisten heutigen Linguisten und Sprachpsychologen so aufgefaßt: Am Anfang steht der Inhalt der zu formulierenden Sätze. Er scheint in irgendeiner Gedankensprache (Language of thought) abgefaßt sein zu müssen. Er wird dann sukzessive in die jeweilige Sprache übersetzt. Die Fehlerpsychologie (Versprecherforschung usw.) versucht die Abfolge der Bearbeitungsstadien herauszufinden, also die syntaktische, morphologische, phonetische "Enkodierung".

Nach behavioristischer Auffassung ist es andersherum. Am Anfang steht ein diffuser Impuls, der auf eine Reaktion hinauslaufen wird, aber auf diesem Weg wird er durch verschiedene Faktoren (multiple causation, wie bei Skinner breit dargestellt) so geformt, daß er am Schluß situationsangemessen ist (bestimmte Reaktionen des Partners steuert). Die Bedeutung, also die Situationsangemessenheit, steht am Ende, nicht am Anfang der Aktualgenese. Das meinte offenbar auch Joubert mit seiner hier zitierten Bemerkung.

Jenes kognitivistische Gegenmodell ist uralt und naiv. Es bringt die Neurolinguistik auf eine falsche Spur, denn die Gedankensprache und die vorab formulierten Inhalte bzw. deren neuronale Korrelate wird man nie finden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.08.2015 um 07.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#29651

Hierzu auch:

„En composant, on ne sait bien ce qu’on voulait dire que lorsqu’on l’a dit. Le mot en effet est ce qui achève l'idée et lui donne l'existence. C'est par lui qu'elle vient au jour, in lucem prodit.“ (Joubert: Pensées 101)

Fritz Schalk übersetzt:

„Beim Dichten weiß man erst, was man sagen wollte, wenn man es gesagt hat. Das Wort erst vollendet die Idee und gibt ihr das Leben. Durch das Wort kommt sie zutage, in lucem prodit.“

Gilt aber nicht nur für das Dichten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2015 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#29449

„Die Auswahl, die auf Grund des gemeinten Sinnes der Sprechende unter den bereitliegenden Worten trifft, ist das eigentliche Grundphänomen des natürlichen Sprechens. In einer vollständig beherrschten Sprache z. B. der Muttersprache ist dieses Wählen am geheimnisvollsten. In einer halbbeherrschten fremden Sprache ist es leichter zu verstehen; entweder gehe ich den gedächtnismäßig bewahrten Vorrat von Synonyma durch oder ich benutze ein Nachschlagewerk und stelle so den Satz nach den mir bekannten syntaktischen Regeln der Wortordnung und Flexion zusammen.“ (Julius Stenzel: Philosophie der Sprache. München, Berlin 1934:45)

Stenzel problematisiert dann das Modell von vorausgehendem Sinn und Wortwahl. Aber der naive Mensch wird immer dabei bleiben: Erst weiß ich, was ich sagen will, und dann sage ich es. Die meisten Linguisten denken auch so. Das zeigen selbst die ausgefeiltesten Modelle der "Sprachproduktion", besonders kraß Willem Levelt.

Anderswo hatte ich schon folgendes Zitat gebracht:

„Von all dem (sc. wie es beim Sprechen in uns zugeht) hat der unbefangen sprechende Mensch selbstverständlich keine Ahnung. Er braucht Wörter, die zu Sätzen gefügt sind. Beide braucht er nicht zu suchen: sie bieten sich ihm 'von selbst' dar. Und das ist gut, denn wie sollte er sie suchen? Er kennt sie ja gar nicht abgelöst von der Situation, in der er sie gebraucht. Wir sagen zwar, daß der Sprecher 'seine Worte wählt'. Aber das stimmt gar nicht. Niemand kann den Wortschatz angeben, über den er im Bedarfsfalle verfügt, und nur mit Mühe und unvollständig bringt er wenigstens die Wörter für ein bestimmtes begrenztes Sachgebiet zusammen.“ (Walter Porzig: Das Wunder der Sprache. Stuttgart 1993:166 [=1950])
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.06.2015 um 04.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#29241

„Sprache nennen wir die Wiedergabe und Mitteilung der Vorstellungen unseres Denkens durch die geregelten Lautgebilde unserer Sprachwerkzeuge.“ (Ludwig Sütterlin: Die deutsche Sprache der Gegenwart, S. 1)

„Wörter nennt man die kürzesten selbständigen Lautzusammensetzungen, die eine Empfindung oder einfache Vorstellung wiederspiegeln, wie pst, an, Hund lieblich.“ (ebd. S. 87)

Denselben Psychologismus finden wir bei anderen Grammatikern um 1900, wie bei Hermann Paul schon gezeigt. Es ist die harmlose Form, denn was Sütterlin anschließend und im ganzen Buch immer wieder mal als "gedanklich" oder "begrifflich" anführt, also Mehrzahl, Geschlecht usw., läßt sich rein funktional ausdrücken ohne Bezugnahme auf Psychisches.

Der Strukturalismus hätte die Gelegenheit gehabt, das psychologistische Erbe ganz abzuwerfen, aber Saussure hat im Gegenteil eine radikale, wenn auch kaum verständliche Psychologisierung vorgenommen. (Auch Baker/Hacker zeigen das in ihrem großartigen Werk "Language, sense and nonsense".) Die nächste Etappe war Chomsky, für den die Linguistik ein Zweig der Psychologie (natürlich der spekulativen, rationalistischen, unwissenschaftlichen) ist.
Nur der Behaviorismus hat sich vom Psychologismus befreit, also ausgerechnet eine psychologische Wissenschaft vom menschlichen Verhalten.
Die heutigen deutschen Grammatiken sind ausnahmslos psychologistisch, ihre Verfasser jedoch keine Psychologen...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.04.2015 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#28582

Die naive Zeichentheorie (Semiotik) hat zwei komische Höhepunkte zu bieten: die Pioneer-Plakette von 1972 und die "Atomsemiotik".
Wie lustig die ganze Diskussion um jene Weltraumbotschaft war, kann man überall nachlesen. Die ernstere Seite betrifft den unbemerkten Anthropozentrismus, also die Voraussetzung, daß sich Zeichensysteme anderswo in grundsätzlich ähnlicher Weise wie bei uns entwickeln würden.
Die Atomsemiotik nimmt sich vor, für Zehntausende von Jahren vorzusorgen und die Menschen der Zukunft vor den Gefahren unserer Atommüll-"Endlager" zu warnen. In diese Phantasien platzten dann die Nachrichten über die Asse usw., die uns zeigten, daß schon 30 Jahre zuviel für eine Gattung von Geschäftemachern sind.

Sehr witzig auch der Untertitel dieses Buches: Roland Posner: "Warnungen an die ferne Zukunft. Atommüll als Kommunikationsproblem". Raben Verlag 1990.
Die Semiotiker und Rhetoriker haben ja auch schon Kriege als mißlungene Kommunikation erklären wollen, im kleinen auch Eheprobleme.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2014 um 04.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#27504

Zum Thema dieses Eintrags gibt es einen kurzen und guten Aufsatz von Calvin Normore: http://hplinguistics.pbworks.com/f/%28Optional%29+Normore+2009+end+of+ML.pdf

Übrigens bin ich zufällig auf die Einschätzung dieses nicht sehr bekannten Philosophieprofessors gestoßen: http://www.ratemyprofessors.com/ShowRatings.jsp?tid=111450
Normore wird die geradezu schwärmerischen Beurteilungen gern lesen, aber selbst dort findet jemand ein Haar in der Suppe; man kann es eben nicht allen recht machen. Wittgenstein würde bei Studenten wahrscheinlich durchfallen. Interessant ist noch, daß wie auch sonst oft rühmend hervorgehoben wird, der Professor benutze kein PowerPoint!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2014 um 14.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#26956

„People have things to talk about only by virtue of having represented them.“ (Ray Jackendoff)

Ich habe schon mehrere ähnliche Stellen verschiedener Autoren zitiert. Zugrunde liegt ein bilaterales Zeichenmodell nach dem Muster: Hier ist das Wort - dort ist der Gegenstand, auf den es sich bezieht oder für den es steht. Also eine Existenzpräsupposition, die mit der Aboutness in herkömmlichem Verständnis verbunden ist. (Brentanos "Inexistenz") Man könnte es auch das eleatische Modell nennen, denn bei Parmenides und seiner Schule wird es vorausgesetzt. Platon hat sich damit herumgeschlagen, vor allem im "Sophistes", aber eigentlich zeitlebens. Wie kann man über Nichtseiendes sprechen? Wie kann man überhaupt etwas verneinen (= Nichtsein aussagen)?

Die Lösung besteht darin, dieses Zeichenmodell aufzugeben. Damit entfällt auch das scheinbar Zwingende in der Ansetzung von "Repräsentationen". Aus behavioristischer Sicht kann ein solches Modell gar nicht erst aufkommen, das macht Skinners "Verbal Behavior" für Naturalisten so anziehend.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 16.11.2013 um 00.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#24395

Man sollte eigentlich von »Saussure« oder Pseudo-Saussure sprechen, da die unter seinem Namen veröffentlichten Vorlesungen nachweislich nicht authentisch sind. Die eingangs gemachte Bemerkung trägt dem zwar Rechnung, bleibt dann aber ausdrücklich folgenlos. Daß es sich um eine (bloß) wissenschaftsgeschichtliche Frage handele, besagt auch nicht viel, denn was motiviert denn schon die Beschäftigung mit »Saussure«, wenn nicht dessen Bedeutung für die Geschichte der neueren Sprachwissenschaft?
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 15.11.2013 um 21.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#24393

Ein schöner Text! (Vielleicht sollten Sie Ihr "Rechtschreibtagebuch" aber doch einmal umbenennen ...)

Einige eigene Gedanken/Ergänzungen dazu:

Beim Lesen von Saussure ist mir auch immer wieder aufgefallen, wie vage und unausgereift seine Begriffe oft bleiben (auch wenn viele Überlegungen und Ausführungen durchaus lesenswert sind). Die langue soll zugleich eine soziale Institution und rein psychisch sein – folgerichtig muss Saussure von einem "Kollektivbewußtsein" (S. 119) sprechen. Das klingt sehr nach Durkheim und ist hier wie dort gleichermaßen problematisch. Wissenschaftlicher Überprüfung ist ein solches Konstrukt nicht besonders zugänglich, worauf ja auch Ogden/Richards verweisen. (Allerdings scheinen sie individuelle geistige Vorgänge nicht problematisch zu finden, sonst würden sie wohl nicht am Thought in ihrem Zeichenmodell festhalten – wobei sie unter Thought auch schon Aufmerksamkeit auf etwas verstehen).
Man kann natürlich – gegen Saussure – sagen, es gebe nichts als Einzelsprachen (und womöglich nicht einmal die, zumindest nicht als konsistentes "System"). Das wäre zwar deutlich näher an der Wirklichkeit, aber "das Deutsche", "das Französische" usw. sind doch oft nützliche Abstraktionen, die sich aufdrängen und über die man sprechen möchte. Das Problem an Saussures langue scheint mir weniger zu sein, dass sie abstrakt, über den einzelnen Individuen ist, als dass ihr die empirische Basis fehlt. Es spricht ja grundsätzlich nichts dagegen, die Sprachgewohnheiten großer Gruppen zu untersuchen und dabei etwa zu beobachten, unter welchen Bedingungen bestimmte Äußerungen typischerweise hervorgebracht werden – das ist aber etwas ganz anderes, als Lautvorstellungen mit Vorstellungen verknüpft als Zeichen eines Systems zu betrachten (z.B., weil die gleiche lautliche Äußerung unter ganz verschiedenen Bedingungen auftreten kann und sich deshalb nicht einer Vorstellung oder Bedeutung zuordnen lässt, was auch immer das sein soll).


Vorstellung, Inhaltsseite, signifié

Saussure führt zwar mehrmals Beispiele wie au! oder nein an, geht aber bedauerlicherweise nicht recht darauf ein, was für eine Vorstellung denn eigentlich mit solchen Zeichen verbunden sei – die Vorstellung oder Inhaltsseite bei seinem berühmten Baum-Beispiel lässt sich mit einem Bildchen veranschaulichen, bei zahllosen anderen Wörtern (z.B. Abstrakta, Partikeln, Artikel, Konjunktionen) geht das offensichtlich nicht. (Und worin besteht eigentlich die Inhaltsseite eines Schriftzeichens? Saussure nennt die Schrift ja ausdrücklich als anderes, vergleichbares Zeichensystem, z.B. auf S. 142. Ist das berühmte bilaterale Zeichenmodell aus Ausdrucks- und Inhaltsseite nur ein Modell für einen bestimmten Bereich sprachlicher Zeichen?)


Bedeutung und Wert (valeur)

Bedeutung und Wert sind nicht synonym. "Geltung oder Wert, von der Seite des Vorstellungsinhaltes genommen, ist ohne Zweifel ein Bestandteil der Bedeutung, und es ist schwer, anzugeben, wodurch sich beides unterscheidet, obwohl doch die Bedeutung vom Wert abhängig ist." (S. 136)
Diese Abgrenzung ist in der Tat schwierig, und ich bin mir nicht sicher, ob ich Saussure ganz folgen kann (oder ob er das selbst überhaupt ganz durchdacht hat). Um den Unterschied zwischen Wert und Bedeutung (vorher noch alternativ zu Vorstellung gebraucht) zu veranschaulichen, gibt Saussure u.a. das bekannte Schaf-Beispiel: franz. mouton kann die gleiche Bedeutung haben wie engl. sheep (womit er wohl meint, dass mit beiden Lautgestalten die gleiche Vorstellung verbunden sei), die beiden Wörter haben im Sprachsystem aber unterschiedliche Werte, weil sheep noch mutton neben sich hat, womit nur das zubereitete Fleisch bezeichnet wird, während im Französischen mouton auf Tier und Fleisch gleichermaßen anwendbar ist. Man könnte hier also auch vom Verwendungsbereich von Wörtern sprechen, aber das wäre Saussure vielleicht zu nah an der parole – also wohl eher etwas wie Begriffsumfang (aber was ist damit schon gewonnen?). Wie gesagt, ich bin mir nicht sicher, wie Saussure das eigentlich meint: Ist die Bedeutung das, woran man kontextunabhängig zuerst denkt, wenn man ein Wort hört (oder, meinetwegen, an dessen Lautgestalt denkt)? Dann hat er zumindest ignoriert, dass es Kontextunabhängigkeit eigentlich nie wirklich gibt – ein Franzose, der vernimmt, dass es zum Abendessen mouton gebe, wird dabei kaum an ein quicklebendiges Schaf denken (sofern er sich überhaupt irgendetwas bildliches vorstellt). Entspricht die Bedeutung der statistisch häufigsten Gebrauchsweise?
Wie ist zu verstehen, dass die Bedeutung vom Wert abhängig sei? In manchen Einführungen wird einfach geschrieben, die Bedeutung eines Zeichens ergebe sich aus dem Sprachsystem, sei negativ bestimmt usw. – Bedeutung und Wert werden also gleichgesetzt. Ein Wort hat nach Saussure aber "nicht nur eine Bedeutung, sondern zugleich und hauptsächlich einen Wert, und das ist etwas ganz anderes" (S. 138). Diese Begriffsdifferenzierung scheint nicht nur mich etwas verwirrt zu haben, und sie wird auch nicht klarer, wenn Saussure auf S. 140 schreibt, "daß im Deutschen eine Vorstellung „urteilen“ mit einem Lautbild urteilen verbunden ist, mit einem Wort: es stellt die Bedeutung dar; aber diese Vorstellung ist, wohlverstanden, nichts Primäres, sondern nur ein Wert, der durch seine Verhältnisse zu andern ähnlichen Werten bestimmt ist, und ohne diese Verhältnisse würde die Bedeutung nicht existieren."
Überhaupt erscheint mir das ganze Konstrukt der negativen Bestimmung von Zeichen ziemlich abenteuerlich. Die Idee, dass sich die Geltungsbereiche von Wörtern gegenseitig einschränken, ist im Grunde nicht schlecht. Wo man üblicherweise das eine Wort gebraucht, ist ein anderes schlechter oder gar nicht mehr anwendbar – und solche Verhältnisse können sich mit der Zeit verschieben, wenn etwa neue Wörter hinzukommen und die alten gewissermaßen von ihren Plätzen verdrängen.
Praktisch lernen einzelne Sprecher Wörter aber gleich im Kontext kennen und verwenden sie selbst ähnlich – vom Einfluss anderer Wörter kann da eigentlich nicht die Rede sein. Gewiss lässt sich der Sprachgebrauch vieler Sprecher irgendwie so abstrahieren, dass einzelnen Wörtern gewisse Gebrauchsräume – Werte – zugewiesen werden, aber Saussures Ausdrucksweise lässt m.E. den Schluss zu, dass der Gebrauchsraum eines Wortes durch den der anderen bestimmt sei, und das ist eine Kausalität, die mir nicht einleuchten will.

Kontext ist überhaupt etwas, was Saussure bei der negativen Bestimmung des Wertes von Zeichen zu ignorieren scheint. Auf S. 143 heißt es etwa, wesentlich sei bei der handschriftlichen Schreibweise des Buchstabens t nur, dass es von anderen Zeichen unterscheidbar sei – das trifft bei vielen Handschriften (und z.T. auch bei gedruckten Texten, wie ich aus Erfahrung mit OCR-Programmen weiß) im Einzelfall allerdings gar nicht zu, dank Kontext werden die Zeichen aber trotzdem richtig gedeutet.


Assoziative Beziehungen

Saussure spricht interessanterweise selbst noch nicht von syntagmatischen und paradigmatischen Beziehungen zwischen Zeichen (was ihm oft zugeschrieben wird), sondern von syntagmatischen und assoziativen. Syntagmatische Beziehungen bestehen zwischen Zeichen in einer Kette, assoziative – zunächst ganz allgemein und nicht etwa in Verbindung mit einem Syntagma – zwischen Wörtern, die etwas gemein haben. Diese Beziehungen sind also assoziationspsychologisch begründet und sollen im Gedächtnis bzw. im Gehirn (vgl. S. 147f.) bestehen. Weil sie aber der langue angehören sollen, müsste man wohl besser vom Kollektivgehirn o.ä. sprechen ...
Nicht ganz klar wird bei Saussure, was er alles als assoziative Beziehungen auffasst. Seine Beispiele (auf S. 150f.) beziehen sich auf Ähnlichkeiten der Form (schmerzlich, lieblich, friedlich; Belehrung, belehren) und Ähnlichkeiten des Bezeichneten (Belehrung, Unterricht, Erziehung, Ausbildung), und er schreibt: "Jedes beliebige Wort kann jederzeit alles, was ihm auf die eine oder andere Weise assoziierbar ist, anklingen lassen." (S. 151)
Wenn ich nun an ein Wort wie verirren denke, kann ich tatsächlich auf andere wie vertun, versetzen oder verschönern kommen, davor fällt mir aber verlaufen ein, das sowohl mit demselben Präfix beginnt als auch sehr ähnlich gebraucht werden kann. Davon ausgehend, komme ich allerdings schnell weiter zu Wörtern wie Labyrinth oder Wald, also zu Wörtern, die etwas bezeichnen, worin man sich leicht verirren oder verlaufen kann, und die häufig in denselben Syntagmen vorkommen wie die Verben. Typische Assoziationen sind das sicherlich, aber Saussure geht leider nicht darauf ein.

In der Verbindung von syntagmatischen und assoziativen Beziehungen schließlich scheinen letztere den paradigmatischen, wie sie später genannt wurden, mehr oder weniger zu entsprechen. Es geht dann um die Austauschbarkeit von Elementen innerhalb von Syntagmen – Saussure selbst schreibt dazu nur wenig, insbesondere gibt er kein Beispiel zur Austauschbarkeit von Wörtern im Satz. Zweifelhaft ist, ob es wirklich in seinem Sinne war, bei der Austauschbarkeit nur von kategorialen Beschränkungen auszugehen, die viel zu abstrakt sind.

Natürlich: Was bereits gesagt wurde, schränkt ein, was noch folgen kann. Wenn etwas nicht verstanden wurde (etwa aufgrund von Störgeräuschen), schränken das, was vorangegangen, und das, was gefolgt ist, ein, was es gewesen sein könnte. Doch die Rede von syntagmatischen und paradigmatischen Beziehungen ist dem Verständnis hier nicht wirklich zuträglich. Sprachliche Elemente lassen sich nicht beliebig substituieren, sondern werden von konkreten Kontexten und Situationen hervorgerufen.


(Seitenangaben beziehen sich auf: Saussure, Ferdinand de: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Hrsg. von Charles Bally und Albert Sechehaye. Unter Mitw. von Albert Riedlinger. Übers. von Herman Lommel. 3. Aufl. Berlin [etc.]: de Gruyter, 2001.)
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 06.11.2013 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#24339

Wenn die Sonne dereinst zum Weißen Zwerg geschrumpft und alles Leben auf der Erde erloschen ist, dann wird auch das Wissen über das Universum verschwunden sein (sofern nicht irgendwo anders intelligentes Leben existiert). Das Universum wird dennoch ungerührt so weiterfunktionieren, wie es das schon getan hat, als es noch keine Menschen gab.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.11.2013 um 16.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#24337

Nach dem Lexikon der Sprachwissenschaft von Hadumod Bußmann „trägt eine vereiste Fensterscheibe die Information, daß es friert.“ (3. Aufl. Stuttgart 2002:305). Daniel Dennett behauptet: „There is information about the climatic history of a tree in its growth rings – the information is present, but not usable by the tree.“ (Things about things)
Das ist alles Unsinn, den Peter Hacker richtigstellt:
„A great deal of information is amassed in the Encyclopedia Britannica. In that sense, there is none at all in the brain. Much information can be derived from a slice through a tree trunk, or from a geological specimen. And no doubt too from a dissection of a brain. But that is not information which the brain has. Nor is it written in the brain, let alone in 'the language of the brain', any more than the information 'in' the tree trunk about the severity of winters in the 1930s is written in arboreal patois.“
(Peter Hacker: „Languages, Minds and Brains“ In: Blakemore, Colin/Greenfield, Susan (Hg.): Mindwaves. Thoughts on Intelligence, Identity and Consciousness. Oxford 1987: 485-505, S.492f.)

Aus allen Dingen kann man unbestimmt viel erschließen. Das heißt aber nicht, daß diese Informationen alle schon irgendwie in den Dingen vorhanden waren. Die Dinge enthalten keine Aussagen „über“ etwas, sondern allenfalls Spuren „von“ etwas. Ein Fingerabdruck „enthält“ keine Information. Er ist die Spur der Anwesenheit eines Menschen, und der Ermittler schließt daraus auf seine Täterschaft, aber diese Täterschaft ist nicht im Fingerabdruck irgendwie enthalten oder gar ausgedrückt.
 
 

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