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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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19.02.2013
 

Heilige Texte
Manche Funktionen der Sprachen sind unterbelichtet

Sprachwissenschaftler haben sich wohl noch kaum mit der Überschätzung von bestimmten Texten befaßt. Das grenzt an Wahnsinn und hat insofern Ähnlichkeit mit Verliebtheit.
Ich denke an religiöse Texte, die von manchen Menschen, auch ganzen Gruppen, mit göttlichen Ehren versehen werden. Man baut ihnen Tempel, kalligraphiert sie, kann sie natürlich auswendig und bestraft ihre „Schändung“. Das Gayatri-Mantra der Hindus kann man bei Youtube in vielerlei Form hören, auf allen Stufen der nach oben offenen Kitsch-Skala. Der begriffliche Inhalt ist bescheiden und hat, wie bei Mantras überhaupt, gar nichts mit der Funktion zu tun (wie bei Frits Staal nachzulesen). (Auf einer der Gayatri-Seiten wird der Nutzer gebeten, keine despektierlichen Kommentare einzutragen, bei Strafe der Löschung.) Die Worte des Großen Vorsitzenden waren auch so ein Fall, allerdings mehr von Furcht als von Liebe diktiert.
Gehaltvoller ist sicher die Bhagavadgita, zumal im Zusammenhang des Epos. Aber die traditionelle Verehrung ist auch wieder übertrieben.
Auf näherliegende Beispiele aus unserem (vorderorientalischen) Kulturkreis brauche ich nicht einzugehen.



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Kommentare zu »Heilige Texte«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.12.2017 um 05.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#37329

Die FAS widmet nicht nur ihren Titel der Vaterunser-Diskussion, sondern läßt auf der Meinungsseite auch wieder Eckhard Nordhofen zu Wort kommen. Er meint, man solle bei dieser Gelegenheit auch die Bitte um das "tägliche Brot" revidieren, epiousios = "überwesentlich" usw. - Er wiederholt also einfach, was er an gleicher Stelle schon vor zwei Jahren ausgebreitet hat: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#29008
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2017 um 10.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#37297

Vermutlich meint der Papst, daß der Teufel immer wieder in anderer Verkleidung mit ganz normalen Vor- und Nachnamen auftritt, z. B. als durchaus netter Kerl mit dem Namen Richard Dawkins usw.

Übrigens kenne ich gebildete Menschen, die sich weigern, heilige Texte anderer Religionen auch nur in die Hand zu nehmen. "Ich weiß nicht, was das mit mir machen würde." (So wörtlich gehört.) Den abgeschafften Index braucht man gar nicht mehr, er ist verinnerlicht.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 14.12.2017 um 08.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#37296

Davon, daß der Teufel einen Vor- und Nachnamen (und vielleicht noch dazu eine Sozialversicherungsnummer) habe, steht in der Bibel nichts, im katholischen Katechismus vermutlich auch nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2017 um 07.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#37295


Einige Leserbriefe in der FAZ wollen es besser wissen als Jürgen Kaube und andere, die den griechischen Text des Vaterunser gegen die päpstlichen Verbesserungsversuche retten wollen. Kardinal Kasper argumentiert, nicht erst Franzsiskus, sondern schon seine Vorgänger und andere Verfasser des KKK hätten die Neudeutung vollzogen – als ob sie damit weniger leichtfertig und zeitgeisthaft würde!
Ein anderer geht mit Pinchas Lapide auf die Bedeutung einer hebräischen Rückübersetzung zurück (die ebenfalls nicht greifbare aramäische Form wird beiläufig erwähnt). Aber so geht es natürlich auch nicht: Man stellt die vermeintliche Originalfassung ja bereits nach Maßgabe der gewünschten Neudeutung her und folgert dann aus ihr, was man gern lesen würde, was aber leider nicht dasteht.
Überhaupt: Ist es zulässig, hinter den Urtext auf einen Ururtext zurückzugehen? Philologisch interessant, aber theologisch? Dann könnte sich jeder ein eigenes Evangelium zurechtschneidern. Da sind mir die Proteste gegen einen „Kuschelgott“ usw. schon lieber. Die Bibel ist in beiden Teilen nicht kuschelig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2017 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#37289

Der Papst wiederholt nur, was jeder Katholik glauben muß. Die Existenz des Teufels als einer "Person" wird im Katechismus der Katholischen Kirche als Wahrheit gelehrt.
Viele Christen reagieren erstaunt oder unwillig, wenn sie mit der Lehre konfrontiert werden, deren Anhänger sie zu sein meinen. Das ist eine Erscheinung, die mich seit meinen Kindertagen beschäftigt und mein Menschenbild stark beeinflußt hat.
Die meisten weichen allzu bequem in die allegorische Deutung aus, aber davon will das Lehramt (mit Recht) nichts wissen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.12.2017 um 20.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#37287

Der Mann muß zum Neurologen. Aber ist ein MRT Teufelszeug?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.12.2017 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#37286

Franziskus warnt: "Der Teufel ist intelligenter als wir"
dpa 13.12.17
Rom - Papst Franziskus mahnt die Katholiken, sich vor der Macht des Bösen in Acht zu nehmen. Der Satan sei nicht "der Nebel von Mailand. Er ist keine diffuse Sache, er ist eine Person."
"Mit dem Teufel kann man nicht sprechen. Wenn du anfängst, mit ihm zu sprechen, bist du verloren, er ist intelligenter als wir, er lässt dich umfallen, er verdreht dir den Kopf", sagte der Pontifex in einem Interview des italienischen Senders Tv2000, das am Mittwochabend ausgestrahlt werden sollte.
Das Böse, der Teufel, habe einen Vor- und Nachnamen und trete bei uns Zuhause ein. "Er tut so, als sei er wohlerzogen. Mit uns Priestern, Bischöfen ist er wohlerzogen. Und dann geht es übel aus, wenn du es nicht rechtzeitig merkst", sagte der Papst.
Das Katholiken-Oberhaupt spricht immer wieder vom Satan. So sei bei Kindes-Missbrauch zum Beispiel klar, "dass da der Teufel am Werk ist". Auch bei Widerständen gegen seine Reformbemühungen der Kurie sah er die Handschrift des Satans. Auch vor einem Dialog mit dem Teufel warnte er bereits mehrfach.
Letzte Woche hatte er in der Interview-Serie mit Tv2000 die Vaterunser-Passage "Und führe uns nicht in Versuchung" als schlechte Übersetzung kritisiert. Ein Vater mache so etwas nicht, so Franziskus. "Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan."

(Stuttgarter Nachrichten 12.12.17)

Nur wenige Medien verbreiten diese Nachricht, die doch sehr wichtig ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2017 um 08.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#37232

Auch Jürgen Kaube kritisiert mit deutlichen Worten die törichten Äußerungen des Papstes zum Vaterunser, erwähnt dieselben Beispiele (Adam/Eva, Abraham/Isaak), das Theodizeeproblem und schließlich:
Man hört, er habe seinen Sohn geopfert. Müssen wir uns darauf einstellen, dass dies aus Rom demnächst genauso kommentiert wird wie jetzt das In-Versuchung-Führen: „Ein Vater“ teilt der Papst mit, „mache so etwas nicht.“ Dieser schon. (FAZ 9.12.17)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2017 um 17.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#37216

Papst Franziskus hat die Fassung der Vaterunser-Bitte "führe uns nicht in Versuchung" kritisiert. Dies sei "keine gute Übersetzung", sagte er laut Kathpress in einem Interview des italienischen Senders TV2000, das am Mittwochabend ausgestrahlt wird. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um zu sehen, wie er falle. "Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan", meinte der Papst. (Kurier 7.12.17)

Ein rechter Witzbold. Aber es steht genau so im griechischen Text, da gibt es nichts zu deuteln:
καὶ μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν.
Allerdings sprach Jesus aramäisch, aber die Mitschrift haben wir nicht.

Übrigens deutet der Papst auch das "in Versuchung führen" ganz einseitig. Gemeint ist eine Prüfung, ein Test, und davon gibt es in der Bibel eine ganze Reihe, angefangen im Paradies über Abraham/Isaak, Hiob usw., z. T. empörende Geschichten mit jeweils anhängender Theodizee-Frage. Das kann man nicht alles weichspülen. Der Satan spielt in der Bibel auch nicht die große Rolle wie in der katholischen Kirche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.11.2017 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#37032

Manche Kulturen haben heilige Schriften, von denen sie behaupten, mehr brauche man nicht, etwas energischer: „Boko haram“. Bei Konrad Adam klingt das so: „Im Zuge des Fortschritts sind die neuzeitlichen Wissenschaften aus dem Zusammenhang mit der Kultur, der sie entstammen, die sie getragen und großgezogen hatte, herausgefallen. Sie arbeiten mit Begriffen, entwickeln Vorstellungen und verlieren sich in Abstraktionen, die von dem Wissen, das man braucht, um dem Leben Ziel und Richtung zu geben, himmelweit entfernt sind.“ (Kampf gegen die Natur: 212)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.10.2017 um 15.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#36829

Die ZEIT erklärt "Luther für Atheisten". Zur "Gnade" führt sie aus:

Mit Geld kannst du dich nicht freikaufen, so lassen sich Luthers 95 Thesen in einem Satz zusammenraffen. Diese Erkenntnis – so trivial sie uns heute erscheinen mag – hat die Reformation ausgelöst. Für die Herrschenden war diese Kritik an ihrer Autorität Grund genug, Europa in Schutt und Asche zu legen und Millionen Menschenleben zu opfern. Bis hierhin können selbst die meisten Atheisten wohl mitgehen, doch bei der zentralen Botschaft der Reformation dürfte für sie dann doch Schluss sein: Denn allein das Vertrauen darauf, dass Gott nicht käuflich ist, sondern gnädig, macht laut Luther "gewiss und froh". Aber selbst die Gnade hat sich bis heute im pluralen Rechtsstaat als Prinzip erhalten: In Einzelfällen kann der Bundespräsident Menschen von ihrer Schuld vorzeitig freisprechen.

Hier ist ja wohl jeder Satz falsch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.10.2017 um 15.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#36828

Heutige Bibelausgaben enthalten nicht mehr den Vers "Wißt ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid?" usw. (Lukas 9) – das scheint die Bibelphilologie als spätere Zutat ausgeschieden zu haben. Nun sehe ich aber unzählige Predigttexte, die davon überhaupt nicht Kenntnis nehmen. Es bestätigt meinen Eindruck, daß die Praxis in den Gemeinden immun gegen die akademische Theologie ist.
 
 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 30.10.2017 um 09.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#36813

Lieber Herr Professor Ickler, nur zur Richtigstellung: An diesen Thesen haben mehrere Personen gearbeitet. Die zitierten Verse stammen - anders als hier angedeutet - nicht von mir. Ich würde den Text auch nicht auf die Reime oder auf die "Kinderinnen" reduzieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.10.2017 um 03.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#36794

Die Deutsche Sprachwelt zitiert in ihren 7 Thesen Göring-Eckarts „Liebe Kinderinnen und Kinder“. Diese sagt dazu:

Es habe sich um „Selbstironie“ gehandelt – wohl weil sie selbst weiß, dass sie mit dem ein oder anderen Gender-Vorschlag übers Ziel bereits hinausgeschossen ist.

Konkret bezog sich die Grünen-Politikerin aber auf eine Formulierung der DDR-Kinderliedermacher Circus Lila, deren Lieder auch Thema auf dem Kirchentag gewesen seien.
So hieß es auf einer Platte von Circus Lila: „Liebe Kinderinnen und Kinder! Liebe Watte in den Ohren, liebe Tomaten auf den Augen, liebes Feuer unter den Sohlen! Die Platte aus der Hülle, die Nadel in die Rille, Circus Lila singt seine Lieder!“
Zur Aufregung um den Anfang ihrer Rede sagt Göring-Eckardt zur ARD: „Dass die AfD dieses Zitat aus dem Kontext löst und dafür nutzt, gegen mich zu hetzen, sagt viel über diese Partei aus. Wer inhaltlich blank ist, fängt an mit Dreck zu werfen.“


Sonderbar sind die selbstgemachten Verse, mit denen die Deutsche Sprachwelt (Thomas Paulwitz) jede These abschließt:

Der Pfaffe des Teufels Liedlein pfeift, wenn er zu fremder Sprache greift.
Amen, Amen, das sei wahr: Es siegt das Wort, wenn rein und klar.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2017 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#36590

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1194#32690

Die übliche Herleitung von Hokuspokus aus der lateinischen Messe scheint mir immer noch am einleuchtendsten, trotz Bedenken (s. Wikipedia). Interessant auch, daß es gerade um die "Wandlung" geht, den heiligsten Augenblick sozusagen.

Magische Formeln müssen unverständlich sein (Rühmkorf: Agar agar zaurzaurim). In "Harry Potter" wird das hübsch vorgeführt, mit einem Augenzwinkern für Lateinkundige.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2017 um 11.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#36411

Die "Bibel in gerechter Sprache" ist rührend altmodisch. Mir schwebt etwas wirklich Modernes und Ökumenisches vor:

Gott suchte nach Investitionsmöglichkeiten und schuf Himmel und Erde usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2017 um 03.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#36379

Das ist zwar nett ausgedrückt, entspricht aber nicht dem Begriff von "Staat", der einer Verfassung und auch dem GG zugrunde liegt.

Kurz gesagt: Die "Pflichten" des Staates sind nicht Pflichten jedes einzelnen Bürgers gegen jeden anderen.

Es gibt allerdings eine Neigung, das GG mit Wünschbarem aller Art anzureichern. Das würde ihm aber nicht gut bekommen.

(Wenn man die Artikel durchgeht, findet man doch auch gar keinen Ansatzpunkt für solche Pflichten der Bürger gegeneinander.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.09.2017 um 00.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#36378

zu #35749: "Bürgerpflichten gehören so wenig in die Verfassung wie ..."

Kann man denn eigentlich so genau zwischen Pflichten und Rechten unterscheiden? Sind nicht die Pflichten des einen die Rechte des anderen und umgekehrt?

Hier die Rechte des Bürgers, da die Pflichten des Staates? In einem demokratischen Gemeinwesen gelten bestimmte Gesetze, und je nach der Perspektive handelt es sich dabei um Rechte oder Pflichten.

Jede Pflicht des Staates, z. B. alle Bürger gleich zu behandeln, unabhängig von Geschlecht, Religion, Rasse usw., ist das nicht letztlich auch eine Pflicht für jeden einzelnen Bürger? Außerdem hat jeder natürlich auch das Recht, gleichbehandelt zu werden.

Ich denke immer noch, für eine Demokratie gilt: "Der Staat, das sind wir."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2017 um 16.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35960

Jesus hat keine abstrakte Gotteslehre vorgetragen, sondern die Menschen in eine neue Begegnung mit Gott hineingestellt. (Wörterbuch des Christentums s. v. Gott)

Typisch theologisch ist der "Hyperkonkretismus": jdn. in eine Begegnung hineinstellen. Man weiß nicht genau, was damit gemeint ist, und vielleicht glaubt der Verfasser ja, daß man es nicht genau wissen kann – aber er spricht trotzdem darüber. Wer sich nicht mit bloßen Ahnungen zufrieden geben mag, wird bei der Lektüre solcher Texte kribbelig.

Im Lutherjahr fällt mir auf, daß dieses umfangreiche Lexikon kein Stichwort "Hölle" enthält (weswegen ich eigentlich nachgeschlagen hatte) und im Register nur ein halbes Dutzend belanglose Verweise.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 08.08.2017 um 19.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35931

Da der Thesenanschlag (so er je stattgefunden hat) eine Art Gründungsmythos der Protestantischen Kirche ist, soll wohl auch den Thesen selbst eine Art höhere Weihe verliehen werden, obwohl Luther sie vermutlich immer nur tagesaktuell verstanden hat.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 06.08.2017 um 10.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35917

Gefühlt 90 von 95 Thesen handeln vom Ablaßhandel. Kein Thema, das die Welt heute noch bewegt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.08.2017 um 17.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35909

Ist es nicht überhaupt abwegig, die "Thesen", die ein Beitrag zu einer ganz bestimmten theologischen (und politischen) Diskussion waren, heute in dieser Weise zu aktualisieren, als wären es Weisheitssprüche von überzeitlicher Geltung? Es geht mich ja nichts an, aber der Umgang mit Texten überhaupt ist ja unser Thema hier.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 05.08.2017 um 15.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35907

In der Deutschlandfunksendung "Tag für Tag" wird jeden Tag (morgens zwischen 9.35 und 10.00) bis zum heiligen Datum eine der 95 Thesen "neu gelesen". Sowohl die Thesen als auch die Kommentare dazu sind eine beachtliche Ansammlung von Belanglosigkeiten (abgesehen vielleicht von Frieder Otto Wolf, dem Vorsitzenden des Humanistischen Verbandes, der sich nicht dem Käßmannschen Geschwurbel hingibt).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2017 um 08.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35894

Zufällig stoße ich auf die Website, auf der Christenmenschen wie Margot Käßmann die Lutherschen Thesen kommentieren:

http://www.deutschlandfunk.de/reformation-in-serie-luthers-thesen-neu-gelesen-32.886.de.html?dram:article_id=392203

These 32: "In Ewigkeit werden mit ihren Lehrern jene verdammt werden, die glauben, sich durch Ablassbriefe ihres Heils versichert zu haben."

Bei Luther, Augustin, Thomas und schon im NT geht es wieder und wieder um die Drohung mit ewiger Verdammnis. Das sagt sich leicht, aber die Leute haben es buchstäblich und bitter ernst gemeint: ewige Qualen in der Hölle. Das ist immer die Letztbegründung der angeblich so überlegenen christlichen Moral: Wenn du nicht nach dem Gesetz bzw. nach der Frohen Botschaft handelst, wirst du mit dieser unvorstellbar schweren Folter bestraft, und wenn hundert Milliarden Jahre vorbei sind, wird es nur eine Sekunde der Ewigkeit sein usw. (wir haben das schon anderswo besprochen). Die irdische Gerechtigkeit kennt außer mildernden Umständen, Verbotsirrtum usw. auch die Verhältnismäßigkeit der Strafen, aber davon ist hier nie die Rede.

Die liebreichen modernen Ausleger gehen eigentlich nicht darauf ein. Ich würde es aber gern genauer wissen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 31.07.2017 um 09.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35847

Im Zusammenhang mit dem jüngsten palästinensischen „Tag des Zorns“ ist wieder viel von der "drittheiligsten Stätte" der islamischen Welt die Rede.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2017 um 07.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35749

Auf einer ganzen Seite der FAZ bemüht sich Christof Gramm, Präsident des MAD, aus dem Grundgesetz auch Grundpflichten abzuleiten, obwohl er zugibt, daß nur zwei Pflichten genannt sind: die Pflicht der Eltern zur Erziehung ihrer Kinder und die Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Er gewinnt darüber hinaus die Pflicht zur Befolgung der Gesetze und die Pflicht, die Freiheit der Mitbürger zu respektieren. Ich halte das nicht für richtig, weil diese Pflichten sich aus anderen Quellen ergeben. Gesetze, die nicht zugleich ihre Befolgung verlangen, sind keine; und es gibt auch noch das Strafrecht. Bürgerpflichten gehören so wenig in die Verfassung wie jener wunderliche Artikel, der an prominenter Stelle den Religionsunterricht (!) regelt. Aber das mag dahingestellt sein, mit der allgemeinen Tendenz bin ich einverstanden, auch mit der Ablehnung einer Pflicht, deutsch zu sprechen. (Böckenförde wird natürlich auch wieder erwähnt). Nur im Untertitel wird die Trennung von Staat und Kirche genannt, die bei uns ja gerade nicht besteht – zugunsten der "bewährten Zusammenarbeit".

Gramm zitiert den Grundsatz "We agree that we disagree". Kann man so überhaupt sagen? Ich kenne nur "We agree to disagree".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2017 um 07.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35721

Einer dieser indischen Gurus, die im Westen besonders erfolgreich waren, Yogananda, hatte den Ehrentitel Paramahamsa, was merkwürdigerweise "höchster Schwan" bedeutet. Das Stichwort bei Wikipedia gibt eine Erklärung. Dabei unterläuft ein komischer Irrtum:

Im Rigveda gilt der Schwan als das einzige Tier, das Soma (Körper) von Wasser zu trennen vermag, wenn diese vermischt wurden (in späterer Literatur: Milch und Wasser).

Das griechische soma "Körper" hat aber nichts mit dem altindischen soma zu tun, dessen Bedeutung unter "Soma" bei Wikipedia richtig erklärt wird. Es kommt von der Wurzel su, die "pressen, keltern" bedeutet. Es ist hauptsächlich Indra, der durch das Trinken von Soma die Kraft bekommt, den Vrtra zu töten.

Es gibt viele Theorien, aus welcher Pflanze dieser Rauschtrank eigentlich gekeltert wurde. Wahrscheinlich aus einer, die es am späteren Sitz der Hindus gar nicht gibt, was die Sache nicht einfacher macht.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.07.2017 um 15.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35619

Kurz einfach Zersetzungsgesetz.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.07.2017 um 10.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35618

Wie betont man das eigentlich richtig:
Netzwerkdúrchsetzungsgesetz oder Netzwerkdurchsétzungsgesetz?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2017 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35613

Ist das Hauptproblem nicht, wie ich schon gesagt habe, die Einführung eines neuen Straftatbestands Haß/Haßäußerung? Bisher gab es Volksverhetzung oder so ähnlich. Hetzen ist kausativ zu hassen.

Ich zum Beispiel hasse gewisse Leute (wenn sie andere die Treppe hinunterstoßen oder bei illegalen Autorennen totfahren). Soll ich das nicht sagen dürfen?
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 06.07.2017 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35612

Die Frage ist doch, was Haßpostings, Hetze und gefälschte Meldungen sind. Wenn der Mainstream als "normal" definiert wird, dann ist alles andere entweder Haß, Hetze oder gefälscht, selbst wenn es die Wahrheit ist.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 06.07.2017 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35611

Wenn ich es recht verstanden habe, Herr Mahlmann, soll das Netzwerkdurchsetzungsgesetz Haßpostings, Hetze und gefälschte Meldungen im Internet unterbinden, indem es die Netzwerkbetreiber (nicht Privatleute, sondern maßgeblich kommerzielle Unternehmen) zur Löschung bedenklicher Kommentare zwingt. Sie haben völlig recht: Es ist kein Versuch, der grassierenden Kriminalität im Internet Herr zu werden. Das war noch nie das Anliegen der Politik, wie ich gezeigt habe. Das Gesetz richtet sich nur gegen mehr oder weniger strafbare Meinungs- und Gefühlsäußerungen – und das gerade jetzt, da sich auch Politiker getroffen fühlen und um Wählerstimmen bangen müssen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 06.07.2017 um 15.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35607

Herr Virch, mir scheint, Sie haben sich nicht weiter mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz auseinandergesetzt. Darin geht es nicht um die Bekämpfung strafbarer Inhalte im Netz bzw. um die effektivere strafrechtliche Verfolgung, auch nicht um irgendeinen Schutz der Politiker vor Kritik, sei es auch schmähende, sondern um das Verbot bestimmter Meinungen und die Erlangung der Kontrolle des Staates über öffentliche Verlautbarungen.
Ihre Annahme, das Netz sei ein rechtsfreier Raum, stimmt de jure natürlich nicht, de facto mag sie zutreffen; das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ist jedoch kein Versuch, das zu ändern. Netzwerkbetreiber werden verpflichtet, für die Meinungsäußerung anderer mit bis zu 50 Millionen Euro geradezustehen oder die Meinungsäußerung zu löschen. Das mag de jure keine Zensur sein; und de facto?

Nein, bei diesem Gesetz geht es nicht um Kriminalität. Das behauptet ja noch nicht einmal Maas. Es geht um "rechtswidrige Inhalte". Und was rechtswidrig ist, definiert nicht das Gesetz, das Gesetz verweist auch nicht auf das StGB, sondern das stellt das Gesetz Privatleuten zur Entscheidung anheim.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.07.2017 um 10.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35604

Bei der "Ehe für alle" geht es um Semantik (auch wenn wir allerlei anderes mitbesprochen haben), über Zensur haben wir z. B. hier geredet: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1322#30939

Die Frage ist aber: was können wir beisteuern?
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 06.07.2017 um 09.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35603

Mich wundert das nicht. Die Kriminalität im Internet stört ja selbst Politiker erst, seit sie selbst davon betroffen sind. Das Gesetz dient denn auch keinem anderen Zweck als ihrem eigenen Schutz.

https://virchblog.wordpress.com/2016/12/15/legal-illegal-scheissegal/
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 06.07.2017 um 08.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35602

Ich finde es bemerkenswert, daß hier lang und breit das Thema Homo-Ehe diskutiert wird, das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das die Meinungsfreiheit betrifft, das die Sprache regelt, das Sprachstil zum juristischen Begriff macht, das Zensur im engen Sinne ist, hier jedoch gar nicht zur Sprache kommt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.07.2017 um 08.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35600

In zwei umfangreichen Artikeln der FAZ, Nachhutgefechten, wird deutlich, daß es sich bei "Ehe für alle" tatsächlich nur noch um eine semantische Frage handelt. Ein Jurist weist messerscharf nach, daß der Ehebegriff des BGB nun nicht mehr mit dem des GG übereinstimmt, während ein Journalist auf den Volksmund hinweist, der die Lebenspartnerschaft gleich zur "Homo-Ehe" umgetauft habe und damit beweise, daß Analoges auch analog benannt werden sollte. Es ist ja auch in der Sache selbst nur eine Kleinigkeit bereinigt worden.
Das Thema dürfte nun bald verschwinden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.07.2017 um 16.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35594

Ich habe dem Satz als Tatsachenbehauptung widersprochen, aber eine solche ist er im Zusammenhang der WRV natürlich nicht.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 05.07.2017 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35593

Das mag man so sehen, aber der Satz war in dieser Form geltendes Recht von 1919 bis 1948.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.07.2017 um 14.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35592

Die Ehe beruht nicht auf der Gleichberechtigung der Geschlechter. Sie ist viel älter als alle Ideen von Gleichberechtigung. Das zeigt auch die Sprache, etwa die Terminologie der alten Römer. Bekanntlich waren Ehepartner auch nach 1949 nicht gleichberechtigt.

Übrigens ist Ehe eine künstliche Verlängerung, eigentlich wäre E die lautgesetzliche Form (mhd. ê). Schuberts die Mutter gar von Eh ist also ganz richtig.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 05.07.2017 um 12.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35591

Hugo Preuß schrieb: »Die Ehe steht als Grundlage des Familienlebens und der Erhaltung und Vermehrung der Nation unter dem besonderen Schutz der Verfassung. Sie beruht auf der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter.« Im GG ist dieser Passus lediglich zusammengekürzt worden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.07.2017 um 11.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35590

Mir wird in der gegenwärtigen Diskussion zuviel allein die "Ehe" strapaziert. Das Grundgesetz sagt "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz ...".

Für mich ist Ehe eindeutig, nur auf die Verbindung von Mann und Frau bezogen. Dagegen scheint mir Familie viel offener zu sein, nicht so klar sprachlich festgelegt. Auch ein einzelner Erwachsener mit Kindern oder zwei nichteheliche Partner, egal welchen Geschlechts, mit oder ohne Kinder, können eine Familie bilden.

Deshalb meine ich, daß alle registrierten Partnerschaften ohne Widerspruch zum GG rechtlich mit Ehen gleichgestellt werden könnten, ohne daß deswegen der Ehebegriff geändert werden müßte. Ich sehe das aber als rein sprachliches Problem. Wenn aufgrund der Praxis immer öfter auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften "Ehe" genannt würden, ohne daß dies gesetzlich direkt vorgeschrieben würde, dann mag das so sein. Im Moment sehe ich das aber wieder mal als unberechtigten Eingriff "von oben" in die Sprache.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.07.2017 um 09.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35589

Ja, das beunruhigt auch die Gläubigen, die auf das Paradies hoffen. Um es genießen zu können, müßte man ein anderer Mensch sein – aber was bedeutet die Verheißung dann für den heutigen Menschen?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 05.07.2017 um 08.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35588

»Dieselben Leute unter den heutigen Bedingungen« sind nicht mehr dieselben Leute.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.07.2017 um 07.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35587

Die FAZ hat wohl gemerkt, daß sie es bei den verknöcherten Kommentaren zur "Ehe für alle" nicht belassen kann, und läßt – erwartungsgemäß – Christian Geyer auch eine indirekte Antwort auf den pseudonymen Gastbeitrag anworten, der den Homosexuellen die finstersten Absichten unterstellte. (Zum Ausgleich läßt die Zeitung noch einmal die Leserbriefe aus allen Rohren ballern. Für morgen ist schon die nächste Breitseite angekündigt.)
Von allgemeinem Interesse ist das "Hermeneutische", also der Umgang mit mehr oder weniger alten Texten, denen gegenwärtige Verbindlichkeit zugeschrieben wird, obwohl der Geist der Zeiten sich gewandelt hat. Mit Recht sagt Geyer, daß es etwas "Gesuchtes" hat, GG Art. 6 so auszulegen, als gelte er seit je auch für homosexuelle "Ehen", die Verfasser hätten es nur damals nicht bemerkt. Das ist natürlich Quatsch, sie haben es sich damals einfach nicht vorstellen können. Aber der Geist des GG läßt es als wahrscheinlich erscheinen, daß dieselben Leute unter den heutigen Bedingungen auch die Ehe für alle einbezogen hätten.
Wie dem auch sei – fromme Menschen, die stolz darauf sind, dem Zeitgeist nicht nachzugeben, sollten sich an die von ihnen so geschätzte Bibel erinnern. Jesus ist, woran Flasch kürzlich erinnerte, hauptsächlich mit Teufelsaustreibungen beschäftigt. Was sagt uns das heute?
Man kann nicht nach Bedarf mal die wörtliche Interpretation, mal eine der anderen bevorzugen. Kein Text ist an sich eindeutig.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 11.05.2017 um 18.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35096

Dafür liefert die deutsche Presse täglich Beispiele.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.05.2017 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#35095

Auch in Weltbildruinen lässt sich lange überwintern. (Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. München 2007:17)

Gut gesagt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.03.2017 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#34647

Im 19. Jahrhundert gab es eine lebhafte Diskussion darüber, ob die Götter Personifizierungen von Abstrakta oder umgekehrt die Abstrakta aus den Götternamen "appellativisiert" seien. Ich erwähne nur Usener und Max Müller.

Bernfried Schlerath hat in einem Vortrag über die Religion der Indogermanen gezeigt, daß die Unterscheidung nicht der Mentalität unserer Vorfahren entspricht. Die Römer konnten ebenso gut "unter dem Himmel" wie "unter Jupiter" sagen, das war für sie kein Unterschied.

War das "primitiv"? Je nun, wir haben hier schon viele Beispiele moderner Geistesverwirrung besprochen, z. B. Homöopathie und andere Arten des Wunderglaubens. Zwar verläßt sich im Auto jeder auf die Physik, aber er nimmt leichthin auch Ausnahmen von den Naturgesetzen an und behauptet zum Beispiel entgegen allem, was er gelernt hat, im Lösungsmittel möge zwar kein Molekül der (vermeintlichen) Arzneisubstanz mehr sein, wohl aber ein "Gedächtnis" daran usw.

So irregeleitetes Denken wird weniger anstößig gefunden als irgendein Fauxpas (braune Schuhe zum schwarzen Anzug, Fisch mit dem Messer).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.12.2016 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#34172

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28232

Viele Journalisten schreiben zu Weihnachten wie zu anderen Kirchenfesten Leitartikel, die als Predigten von der Kanzel verlesen werden könnten. Man wartet dann einfach auf die nächste säkulare Ausgabe.

Die unkritische Verbreitung fernöstlichen Unsinns ist vom selben Schlag. Zum Beispiel wieder mal im General-Anzeiger (http://www.general-anzeiger-bonn.de/besser-leben/Das-Chi-muss-flie%C3%9Fen-article3433670.html).
Nicht daß die Einrichtung der Wohnung nach "Feng shui" irgendeinen Schaden anrichtete; aber die Unterspülung des bißchen Aufklärung, das von der Schule allenfalls zurückbleibt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Im Haus geht es magisch zu:

Ein Spiegel hat nichts in einem Schlafzimmer zu suchen, denn er stört die Energiefelder der Schlafenden. Usw.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 16.12.2016 um 23.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#34129

Hier scheint ein Mißverständnis des Begriffs Kult vorzuliegen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.12.2016 um 22.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#34128

Ja, sie bilden sich wohl oft ein, um mehr zu streiten, aber nach ihrer eigenen Logik kann es ja nur einen Gott geben. Also haben sie eigentlich außer dem Kult gar nichts Strittiges.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2016 um 20.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#34127

Daß die Monotheisten sich nur um den Kult streiten, kommt ihnen selbst wohl nicht so vor.

Aber die Sache mit den Eigennamen und den Kennzeichnungen ist auch nicht so einfach.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.12.2016 um 18.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#34126

Wenn jeder an einen Gott glaubt
und jeder meint, sein Gott sei der einzige,
und wenn jeder mit seinem Glauben recht hat,
dann sind alle Götter ein und derselbe.

Gläubige Monotheisten streiten sich also sowieso nur um die Einzelheiten ihres Kults.

Für Atheisten ist die Frage, ob die nichtexistierenden Götter ein einziger oder mehrere sind, sinnlos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2016 um 18.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#34125

Noch einmal:

"Was haben Protestanten und Muslime gemeinsam? Sie glauben an den gleichen Gott, der nur einen anderen Namen trägt."

Gemeint ist "derselbe". Glaubten Griechen und Römer an dieselben Götter, nur unter anderem Namen (z. T. nur infolge des Lautwandels vom Indogermanischen her)? Das war aus einer bestimmten Sicht die Interpretatio romana. Die germanischen Götter wurden auch so gedeutet, daher noch heute manche unserer Wochentagsbezeichnungen. Indra läßt sich auch noch unterbringen.

Und wenn alle diese Götter überhaupt nicht existierten, wie wir doch heute annehmen – was wird dann aus ihrer Identität?

Und ist der Gott, an den mein Freund glaubt, derjenige, an den ich nicht glaube?

Gestern las ich, daß in Indonesien jeder zu einer von sechs Religionsgesellschaften gehören muß, nur Atheismus ist nicht erlaubt. Man sollte eher meinen, daß der Atheismus eine ganz und gar ungefährliche Haltung ist, verglichen mit den erbitterten Kämpfen der Rechtgläubigen untereinander. Ein bißchen ist es bei uns ja auch so: 16% glauben nicht an Gott, aber nur ein Viertel davon nennt sich "atheistisch". Entweder wissen sie nicht, was das Wort bedeutet, oder – wahrscheinlicher – sie scheuen den garstigen Beigeschmack.
(Für die Prozentzahlen kann ich mich nicht verbürgen, das ist auch nicht wesentlich.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2016 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32930

Indische Forscher haben festgestellt, daß auch in "hoch potenzierten" homöopathischen Zubereitungen noch "Nanopartikel" der Ausgangssubstanz vorhanden sind.
Nano ist ja sehr modern, das muß hoch wirksam sein. Aber mal im Ernst: Was soll man sich unter Nanopartikeln von Kochsalz in wäßriger Lösung vorstellen oder Nanopartikeln von Bärlappsporen?

Pardon, ich hätte natürlich Natrium muriaticum und Lykopodium sagen müssen, das ist unentbehrlicher Teil der Sprachmagie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.07.2016 um 08.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32916

In der FAZ (27.7.16) verteidigt eine Homöopathin ihr Fach mit dem Hinweis, in Indien gebe es sogar ein Minsterium für Homöopathie. Das scheint aber nicht zu stimmen, es gibt wohl nur eine Behörde im Gesundheitsministerium. Allerdings fördert der Hindunationalismus viel Unsinn. Indien ist nun mal das Land des Aberglaubens und der Quacksalber, sehr zum Leidwesen aufgeklärter Inder.

In Oberbayern werden neue Kornkreise gefeiert. Obwohl längst klar ist, wie man sie macht, finden sich immer wieder ein paar Esoteriker ein. Die Presse verhält sich "neutral", wie bei der Homöopathie. Diese Abstinenz ist wahrscheinlich schädlicher als die Irrlehre selbst. Wissenschaftliche Bildung hat es ohnehin schwer.

Es wird versichert, daß Mythen, wenn sie schon nicht buchstäblich wahr sind, doch einen symbolischen Wert haben und daher auch uns noch etwas bedeuten. Aber warum eigentlich? Warum sollten wir uns nicht darüber lustig machen?
„Sie nahen, sie kommen, die Himmlischen alle,
Mit Göttern erfüllt sich die irdische Halle.“
Das Ganze auch gemalt und gemeißelt. Was soll der Unsinn?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2016 um 07.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32889

Der "Gottesbezug" in S-H ist knapp gescheitert. Die FAZ bedauert es und hofft auf Volksentscheid.

Der Ausdruck Gottesbezug ist so formelhaft geworden, daß er wie Grunderwerbssteuer usw. hin und her geschoben wird. Man sollte wieder deutlicher machen, worum es geht: nicht um das Vorkommen einer bestimmten Vokabel im Verfassungstext, sondern um die Anrufung von Göttern in einem weltlichen Staat. Darf der sich über die "Antiklerikalen und Atheisten" (FAZ) so einfach hinwegsetzen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2016 um 04.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32845

Gott ist durch seine Nähe zu den Menschen gewissermaßen geschmeidig geworden, kann selbst mit speziellen Diensten auf die eingehen, die ihren Situationen angemessen sind. Um es mit einem recht modernen Bild auszudrücken: Der eine und einzige Gott ist in dieser Hinsicht wie ein Dienstleistungsunternehmen, dass [!] seine Dienste flexibel und sensibel genau den Notwendigkeiten und Situationen der Adressaten (Kunden) anpasst. (Klaus Berger: Ist Gott Person? Gütersloh 2004, zitiert in Berliner Zeitung 22.11.04)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2016 um 04.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32844

In Grammatiken wird immer noch gelehrt, sein komme auch als Vollverb in Existenzaussagen vor: Gott ist. Außerhalb theologischer Sondersprache ist das aber nicht möglich. Vgl. *Ich bin, bist du auch? *Wie viele Jupitermonde sind?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2016 um 03.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32842

In Bayern gilt ein Kreuz im Gerichtssaal oder Klassenzimmer als Wandschmuck (bei Fronleichnamsprozessionen tragen Kirchenmänner solche Dekorationen durch die Straßen), während ein Kopftuch die Trägerin unfähig macht, Recht zu sprechen. Ein OLG wollte das ändern, aber die Staatsregierung gibt nicht nach.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.05.2016 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32612

“That most of the [kosher] laws are divine ordinances without reason given is 100 per cent the point. It is very easy not to murder people. Very easy. It is a little bit harder not to steal because one is tempted occasionally. So that is no great proof that I believe in God or am fulfilling His will. But, if He tells me not to have a cup of coffee with milk in it with my mincemeat and pes at lunchtime, that is a test. The only reason I am doing that is because I have been told to so do. It is something difficult.”
(Das sagt ein Rabbi nach Dawkins, zitiert auch bei Dennett.)

Wenn ich Jesus recht verstanden habe, wandte er sich gegen die ultraorthodoxe Befolgung von moralisch irrelevanten Geboten (Sabbat usw.).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2016 um 08.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32488

Reinhard Müller erklärt den Gottesbezug der Präambel des GG wie so viele andere: „Die Präambel ist ein Hinweis auf die Fehlbarkeit des Menschen, Mahnung gegen absolute Staatsgewalt.“ (FAZ 4.5.16)
Aber warum haben die Verfasser dann nicht gesagt: „Im Bewußtsein seiner Fehlbarkeit (...) hat sich das Deutsche Volk...“
Wie dem Kruzifix, so soll auch dem Wort Gott seine religiöse Bedeutung ausgetrieben werden, damit es für alle annehmbar erscheint, „Wandschmuck“ auch hier.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 03.05.2016 um 09.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32478

Kauder kennt den Unterschied zwischen Staat und Gesetz nicht. Nicht erstaunlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2016 um 07.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32477

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30833

Wir leben in einem säkularen Staat, in dem die Religion nicht über dem Staat steht, sondern umgekehrt. (Volker Kauder im Interview fr.online 29.4.16)

Ein bißchen erstaunlich bei einem so entschieden christlichen Menschen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2016 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32476

Wie ich jetzt sehe, könnte die Präambel der polnischen Verfassung von 1997 Vorbild des Kompromißvorschlags gewesen sein:
... beschließen wir, das Polnische Volk – alle Staatsbürger der Republik, sowohl diejenigen, die an Gott als die Quelle der Wahrheit, Gerechtigkeit, des Guten und des Schönen glauben, als auch diejenigen, die diesen Glauben nicht teilen, sondern diese universellen Werte aus anderen Quellen ableiten ...“

Auch hier wäre natürlich zu fragen, was die edlen Wörter zur Qualität einer Verfassung beitragen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.04.2016 um 10.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32453

Dasselbe Parlament, das unseren schönen Volksentscheid gekippt hat, läßt nun nicht locker: Ein "Gottesbezug" muß in die Verfassung von Schleswig-Holstein (vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26304). Die Kompromißformel lautet nun:

In Achtung der Verantwortung, die sich aus dem Glauben an Gott oder aus anderen universellen Quellen gemeinsamer Werte ergibt, hat der Landtag in Vertretung der schleswig-holsteinischen Bürgerinnen und Bürger ... diese Verfassung beschlossen“.

Wäre ich religiös, würde ich das frivol nennen. Es klingt wie eine Parodie auf "jenes höhere Wesen". Natürlich folgt weiter nichts daraus, insofern kann sich jeder damit abfinden. Die Verfassung wird weder besser noch verbindlicher, wenn man ihr diesen Schnörkel hinzufügt. Aber man muß sich die sprachliche Verbarrikadierung schon auf der Zunge zergehen lassen: Achtung der Verantwortung aus Quellen von Werten!

Warum muß das gerade jetzt sein? Vielleicht weil den Kirchen jedes Jahr ein halbe Million Mitglieder wegläuft? Ich bin versucht, eine mir eigentlich verhaßte Frage zu stellen: Gibt es nichts Wichtigeres?

Ausgrenzend war die Forderung nach einem Gottesbezug schon immer, aber jetzt ist die Verwässerung durch Gremienprosa so weit getrieben, daß fast niemand mehr ausgeschlossen ist – außer Menschen, die ihren eigenen Verstand gebrauchen und nicht an jene Quellen und Werte glauben, sondern die Landesverfassung für Menschenwerk halten.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 28.04.2016 um 19.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32443

Wobei Erdo^gans Allüren allerdings eher osmanischem Größenwahn zuzuschreiben sein dürften.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.04.2016 um 19.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32442

In der ZEIT (28.4.16) versucht ein türkischstämmiger Erlanger Physikstudent nachzuweisen, daß der Islam nicht mit Demokratie, Menschenrechten usw. zu vereinbaren ist, weil sich der Koran als Gottes Wort nicht so uminterpretieren lasse, ohne daß man ihn aufgibt. Ufuk Özbe begeht den Fehler, die ganze Frage nur theologiebezogen zu diskutieren. Aber was bedeutet Theologie, sei es islamische, jüdische oder christliche, für die Lebenspraxis? Auch die Bibel enthält unzählige Stellen, die ebenso unmenschlich anmuten wie manches im Koran, und von einer Verträgllichkeit mit Demokratie, Gleichberechtigung der Frau, Anerkennung von Homosexualität usw. sind alle weit entfernt. Aber alle haben schon gezeigt, daß sie unter günstigen Umständen auch mit modernen Lebenseinstellungen zurechtkommen.

Anders gesagt: Ich werde mich hüten, meine christlichen Freunde zu ermahnen, es doch mit ihrer heiligen Schrift bitte etwas ernster zu nehmen...
Dabei wissen sie wahrscheinlich sehr wenig von den Auslegungskünsten der Theologen. Sie lassen das Grausige einfach auf sich beruhen und halten sich an das Schöne.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 28.04.2016 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32438

Eh klar. Ich hatte aber mehr an die heutige Türkei gedacht.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 28.04.2016 um 14.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32437

Auch wahr: Viele Länder sind nur so demokratisch, wie die christlichen Kirchen (gleich welcher Konfession) es gerade zulassen.
Italien war Ende des 19. Jahrhunderts und bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts vergleichsweise (nach den Zeitumständen) demokratisch und sehr liberal, weil der Papst Katholiken verboten hatte, an Wahlen teilzunehmen oder sonstwie staatliche Ämter zu bekleiden. Dann kamen die Faschisten, das Konkordat (Katholizismus als Staatsreligion) und die Lateranverträge...
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 28.04.2016 um 09.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32432

Auch wahr: Viele Länder sind nur so demokratisch, wie ihre Muslime es gerade zulassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.04.2016 um 08.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32431

In der FAZ (28.4.16) legt Rainer Hermann dar, daß der Islam mit jeder politischen Ordnung vereinbar ist. Er stützt sich u. a. auf Arbeiten des Arabisten Thomas Bauer (Münster, früher Erlangen).
Dasselbe gilt vom Christentum und wohl allen Religionen. Sie sind mit der Demokratie sowohl vereinbar als auch unvereinbar, wegen der unendlichen Auslegbarkeit der heiligen Schriften nach theologischer Methode. Religionen haben einen absoluten Geltungsanspruch, den man als solchen ernst nehmen kann oder auch nicht. Das Christentum hat seinen Frieden mit Demokratie und Menschenrechten gemacht, die ein Papst vor 100 Jahren noch als Wahnsinn bezeichnete.
Hermann schließt: "Die meisten Muslime sind so demokratisch wie die Länder, in denen sie leben." Das ist wahr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2016 um 19.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32237

Auch der Papst ist nicht davor gefeit, das Gerede von Narzißmus, Autismus usw. im übertragenen, diffamierenden Sinn mitzumachen, wie "Amoris laetitia" zeigt:

283. Häufig konzentriert sich die Sexualerziehung auf die Einladung, sich zu „hüten“, und für einen „sicheren Sex“ zu sorgen. Diese Ausdrücke vermitteln eine negative Haltung gegenüber dem natürlichen Zeugungszweck der Geschlechtlichkeit, als sei ein eventuelles Kind ein Feind, vor dem man sich schützen muss. So wird anstatt einer Annahme die narzisstische Aggressivität gefördert. (...)

Ich behaupte, daß das alles nicht stimmt. Es ist von derselben spekulativen und weltfremden Art wie seinerzeit die Behauptung, Selbstbefriedigung führe zu Siechtum und frühem Tod. Auch ehe- und kinderlose alte Männer könnten sich besser informieren. Weiter geht's:

Es ist schön, wenn Mütter ihre kleinen Kinder anleiten, Jesus oder der Gottesmutter einen Kuss zu senden. Wie viel Zärtlichkeit liegt darin!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.04.2016 um 05.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32130

Wolfgang Huber berichtet aus seiner Kindheit: „Durch den Qualm hindurch konnte man noch die 13 weißen Bände von Karl Barths Kirchlicher Dogmatik sehen. Es war für uns unfassbar, dass ein Mensch über den christlichen Glauben so viel schreiben konnte.“ (Philipp Gessler: Wolfgang Huber. Freiburg 2012:42)

Dabei ist es offensichtlich nicht geblieben. Für einen Theologen ist so etwas nicht unfaßbar.

Hier könnte man ebenfalls die Frage nach der Wahrheit aufwerfen: Wenn es, wie man doch für möglich halten muß, keine Götter gibt – was ist dann von all den theologischen Schriften zu halten?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2016 um 06.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#32031

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26304

„Ich behaupte: Dieser eine Gott, der in ganz intoleranter Weise keine anderen Götzen neben sich duldet, ist die Grundlage der Toleranz.“ Usw. (http://www1.ekir.de/lutherkonvent/Archiv/2015_Das_1_Gebot.html)
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 20.01.2016 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31394

Wenn die von Prof. Ickler immer wieder zitierten Formulierungen Teil von Vorlesungen wären, könnte man so einem Verständnis folgen.
Ist es aber so?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.01.2016 um 11.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31392

In den Vorlesungen der Theologen sitzen angehende Priester, keine normalen »Laien«. Das ist in Eichstätt genauso wie in Kairo, und es ist auch kein Geheimnis.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 20.01.2016 um 11.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31391

„Theologen suchen ihr Publikum nicht in erster Linie unter den einzelnen Gläubigen, sondern unter den Vermittlern der jeweiligen Religion.“
Das klingt für mich fast schon geheimbundartig. An wen sollen die z. B. von Prof. Ickler schon mehrfach zitierten „verstiegenen“ Formulierungen denn gerichtet sein als an die Gläubigen?

Wenn religiöse Riten überwiegend aus soziologischer Sicht zu beurteilen sind und nicht aus religiöser, erhebt sich natürlich die Frage, welche Rolle spielt dann eigentlich noch die jeweilige Religion?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.01.2016 um 10.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31326

Die »dogmatische Tünche« kann sehr erhebliche Auswirkungen auf die Lebensumstände der Menschen haben, was z. B. die älteren Einwohner Teherans aus eigener Erfahrung bezeugen können.

Die Vorstellung, daß von 5,3 Milliarden Gläubigen »wohl jeder« die eigene Religion kritisch hinterfragt und zu diesem Behufe die Schriften führender Theologen herangezogen hätte, ist reichlich weltfremd. Theologen suchen ihr Publikum nicht in erster Linie unter den einzelnen Gläubigen, sondern unter den Vermittlern der jeweiligen Religion. Deshalb vertrauen sie auch darauf, daß ihre eigene Verstiegenheit dann wieder in verständliche Sprache heruntergebrochen wird. Die Vulgarisierung der eigenen Lehrmeinung ist also immer schon einkalkuliert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2016 um 10.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31324

Ich nehme an, Herr Markner hat das schon richtig verstanden.

Was die Sache selbst betrifft, so gibt es eine Unzahl religionssoziologischer Erhebungen, auch zur Unterscheidung von formaler Zugehörigkeit zu Religionsgesellschaften (soweit überhaupt organisiert) und Gläubigkeit einerseits, Ritualen andererseits. Die Soziologie ist hier auch in erster Linie zuständig.
Die prekäre Lage der Theologie ergibt sich daraus, daß sie gewissermaßen die Verfachlingung (Expertisierung) einer bestimmten Lebenspraxis ist. In Indien zum Beispiel haben wir die vedischen Riten oder Rituale (Opferpraxis und Übergangsriten für alle Lebenslagen, auch alltägliche Magie zur Sicherung der Fruchtbarkeit von Acker, Vieh und Mensch usw.) und dann eben die Brahmanenkaste, die das Ganze nicht nur privilegiert lenkt, sondern auch philosophierend ausdeutet und eine ungeheure Zahl von Lehrtexten hervorgebracht hat. An einer so fernen Welt erkennt man vielleicht auch die eigene besser, ohne sich gleich in die Haare zu kriegen.
Jeder kennt wohl die kitschigen Götterbilder, die man in indischen Restaurants sieht, in Indien hängt an jedem Lastwagen ein Bild des elefantenköpfigen Ganesh usw., aber auch in Intellektuellen-Haushalten sieht man sie an der Wand und wundert sich zuerst, bis man an Entsprechungen in christlichen Familien denkt. Ist das ein und dieselbe Religion bei einfachen Bauer oder Lastwagenfahrern und Professoren? Ja doch, es ist für jeden nach seinen Möglichkeiten etwas dabei. Das sind zunächst soziale Tatsachen, die dogmatische Tünche ist Nebensache und austauschbar.
 
 

Kommentar von stefan strasser zu 1544#31309, verfaßt am 15.01.2016 um 09.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31323

Ich unterscheide zwischen Religion, in die man „hineingeboren“ wird und den rituellen Handlungen dieser Religion. Wo man hineingeboren wird, kann man sich nicht aussuchen, aber irgendwann im Leben beginnt wohl jeder, sich über die Riten der „eigenen“ Religion Gedanken zu machen und sie ggfs. mit Riten anderer Religionen zu vergleichen.

In dieser Phase spielen dann auch Aussagen und Formulierungen der zughörigen Theologen eine Rolle, die entweder verständlich und überzeugend sein könnten, oder aber unklar und zum Widerspruch reizend. Über das Ergebnis dieser Auseinandersetzung mit der eigenen Religion gibt es wohl keine zuverlässigen Auswertungen, es gibt nur die Statistik, daß ca. 5,3 Mrd. Menschen einer der Weltreligionen zuzurechnen sind.

Insofern ist meine Aussage symbolisch zu verstehen. Eine Bekehrung durch deutsche Theologieprofessoren hab ich nicht unterstellt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.01.2016 um 16.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31310

Ich frage mich bei Texten immer: Wie könnte ich den Thesen, soweit welche erkennbar sind, widersprechen? Das ist nicht Popper, sondern weit diesseits eine Frage der Verständlichkeit. (Ich habe immer wieder mal Beispiele gebracht.)
Gute Theologen sind wenigsten gute Philologen, aber von ihrem wirklichen Wissen, etwa der historisch-kritischen Bibelforschung, dürfen sie den Gläubigen nichts sagen. Neulich las ich z. B. eine Predigt der evangelischen Theologin Petra Bahr, die auch übertragen wurde. Sie fing mit dem neuesten James Bond an, kam dann mehr oder weniger assoziativ auf Jesus und zum Schluß wieder auf James Bond.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 14.01.2016 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31309

Was soll das jetzt heißen, 5,3 Mrd. Menschen können nicht irren? Wie viele von denen sind denn von deutschen Theologieprofessoren bekehrt worden?
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 14.01.2016 um 15.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31308

Immerhin halten ca. 5,3 Mrd. Menschen die rituellen Handlungen der Weltreligionen nicht für Aberglaube, sondern für integrierte Bestandteile ihrer jeweiligen Religion. Das wird wohl auch Resultat der Einschätzung dieser theologisch „verstiegenen Sprache“ sein, weil wo soll das sonst herkommen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.01.2016 um 09.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31303

Das führt nicht weiter, weil ja schon Nordhofen die auf aramäische Gebetsformeln gestützte metaphysische ("eschatologische") Deutung des epiousios bei Hieronymus wiederbelebt hatte, von der gerade fraglich ist, ob sie berechtigt war.

Ich wollte eigentlich nur die verstiegene Sprache exemplifizieren.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.01.2016 um 16.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31298

Möglicherweise paßt auch der Hinweis auf das Buch von Franz Alt "Was Jesus wirklich gesagt hat" (Der Theologieprofessor Günther Schwarz hat die griechisch überlieferten Aussprüche Jesu in die Originalsprache Aramäisch zurück und von da ins Deutsche übersetzt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.01.2016 um 16.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31297

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#29008

Im Wissenschaftsteil (!) der FAZ setzt der Theologe Neuhaus die von Nordhofen begonnene Diskussion um das Vaterunser fort. Leseprobe:

So kann einerseits die vertikale Inkarnation des göttlichen Logos nicht im Modus der Schrift, sondern nur in seiner horizontalen Gestalt als erneute Inkarnation bezeugt werden, in welcher der Geist Christi zu unserem Geist wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2016 um 07.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31157

Und noch einmal aus gegebenem Anlaß:

Christian Geyer (FAZ 5.1.16) kritisiert ein ZEIT-Gespräch mit dem Glaubenspräfekten Müller, geht aber nicht auf die sprachlich-logische Schwierigkeit ein, Jesus als „die Wahrheit“ zu bezeichnen (mit dem Evangelisten, mit Ratzinger und anderen Theologen). Jesus soll auch nicht nur ein Lehrer, sondern „die Lehre“ gewesen sein. Anders als metaphorisch kann ich das nicht auffassen, aber was bedeutet es eigentlich? Schon als Kind habe ich mich daran gestört, daß sprachliche Verstöße, die man sich normalerweise nicht erlauben würde, im getragenen Ton von Predigten und Ansprachen plötzlich hingenommen werden sollten. Ich wollte immer genau wissen, was gemeint ist. Man muß doch wenigstens widersprechen können. Muß der Glaube, muß die ganze Verehrung so weit gehen, daß hyperbolische Sätze, die niemand wirklich verstehen kann, über ein ehrfürchtiges, von der Diskussion ausgeschlossenes Publikum ausgegossen werden. Woher nehmen denn diese Männer das Recht, so erhaben zu reden, nicht nur die Geweihten in ihrer apostolischen Sukzession, sondern auch die weltlichen Gelehrten wie eben Bultmann und Gadamer?
(vgl. schon http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26557)

(Das sind – um einen bekannten Einwand gleich abzubiegen – keine theologischen Fragen, sondern sprachliche und logische; so versteht sich ja auch Geyer als Philosoph, nicht als Theologe.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2016 um 17.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#31129

Man könnnte sagen, daß wir zu Texten, ob heilig oder nicht, grundsätzlich das Verhältnis des Zuhörers oder des Mithörers einnehmen. Der Gläubige und der Theologe sind Zuhörer (oder einfach Hörer), der Historiker, der Philologe oder der Religionswissenschaftler sind Mithörer der frommen Schriften. Die Hermeneutiker wie Bultmann, Gadamer behaupten, nur als Zuhörer können man den Text verstehen bzw. "richtig" verstehen. Die philologische-historische Distanzierung mache ein solches Verständnis von vornherein unmöglich. (So z. B. Bultmann: Glauben und Verstehen, 3. Band. Tübingen 1960)

Gadamer überträgt das auf Dichtung allgemein:

"Das eigentliche (hermeneutische, Th. I.) Geschehen ist dadurch (...) ermöglicht, (...) daß das Wort, das als Überlieferung auf uns gekommen ist und auf das wir zu hören haben, uns wirklich trifft, als rede es zu uns und meine uns selbst." (WuM I:465f.)

Der theologische Unterton ist unüberhörbar. Vgl. auch:

"Die Aufgabe des Interpreten ist in concreto niemals eine bloße logisch-technische Ermittlung des Sinnes beliebiger Rede, bei der von der Frage der Wahrheit des Gesagten ganz abgesehen würde. Jede Anstrengung, den Sinn eines Textes zu verstehen, bedeutet das Annehmen einer Herausforderung, die der Text darstellt. Sein Wahrheitsanspruch ist noch dann die Voraussetzung der gesamten Anstrengung, wenn im Ergebnis bessere Erkenntnis zur Kritik daran führt und den verstandenen Satz als falsch erweist." (WuM II:285)

Sehr deutlich auch:

"Was auf dem Wege sprachlicher Überlieferung auf uns gekommen ist, ist nicht übriggeblieben, sondern es wird übergeben, d.h. es wird uns gesagt." (393)

Das Ganze wird dann noch mit Heidegger drapiert, mit der mystifizierten "Frage" usw., damit es philosophisch klingt, es bleibt aber Theologie, erbaulich und getragen im Ton.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 14.12.2015 um 19.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30892

Das greift zu kurz. Die Religion hat z. B. auch in Japan stark an Bedeutung verloren, wo es nur eine kleine christliche Minderheit gibt. Im übrigen hatte sie im 20. Jh. auch in islamischen Ländern an Bedeutung verloren, vor allem in den größeren Städten, bevor der Niedergang des arabischen Nationalismus (genauer gesagt Nationalsozialismus) und andere Faktoren den Aufstieg der Eiferer beförderten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.12.2015 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30890

"Die Religion hat an Bedeutung verloren", das ist auch mein Eindruck, aber nur beim Christentum und nur in Ländern mit traditionell christlicher Kultur.

Verlieren andere Religionen auch an Bedeutung? Ich kann das nicht beurteilen, habe aber Zweifel, daß es so ist. Darin liegt eine der Gefahren einer Islamisierung Europas.

Das Christentum hat nicht nur an Bedeutung verloren, es ist im Laufe der letzten Jahrhunderte menschlicher und gerechter geworden. Das macht es mir sogar sympathisch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2015 um 17.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30888

Hier gefunden:
http://www.zeit.de/gesellschaft/2015-12/hamed-abdel-samad-islamkritik-buch?page=3#comments

Jeder Islamkritiker ist nur dann ernstzunehmen, wenn er auch Religionskritiker ist. Wer nur eine Religion kritisiert, hat das Problem noch nicht einmal im Ansatz erkannt.
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Es sei denn, eine bestimmte Religion unterscheidet sich maßgeblich von den anderen...zum Beispiel darin, dass sie nie eine nennenswerte Aufklärung erfahren hat.


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Interessante Frage: Gibt es aufgeklärte Religionen? Es gibt missionierende und andere.

Wir hatten die Aufklärung im klassischen Sinn, und sie war die Befreiung von religiöser Bevormundung - nichts anderes bedeutet Kants bekannte Definition. Aber ist die Religion selbst dabei aufgeklärt worden? Ist das überhaupt möglich?

Die Religion hat an Bedeutung verloren, das zeigt die alltägliche Diskussion, das zeigt der Anteil der religiösen Literatur an der Gesamtheit der Titel, das zeigt das Bildungswesen usw. Eine gewisse Vergleichgültigung also, und das ist einer der beiden Wege zum Religionsfrieden. (Der andere ist die strenge Trennung von Staat und Religion.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.12.2015 um 07.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30873

Das Wort Gott hat sich auf verschlungenen Wegen zum Eigennamen entwickelt. Daneben bleibt eine nunmehr homonyme Dublette als Appellativum. Der Teufel muß sich mit diesem unikalen Lexem begnügen, allenfalls stehen Eigennamen wie Satan bereit, die aber nur noch selten verwendet werden. Unikal ist auch der Böse, in der Theologie auch als das Böse hypostasiert. Der Teufel wird aus naheliegenden Gründen mit einer Fülle von Tabuwörtern umschrieben wie kaum ein anderer Begriff.
Eigennamen und unikale Lexeme präsupponieren Existenz. Darauf beruht der apologetische Kalauer: Wenn du Gott leugnest, erkennst du seine Existenz an, sonst könntest du ihn ja nicht leugnen. Eine vernünftige Theorie des sprachlichen Zeichens könnte solchen Unsinn verhindern.

Zum tödlichen Exorzismus in Sulzbach: Die katholische Gemeinde war "erleichtert", daß keiner ihrer Pfarrer beteiligt war. Das hätte leicht sein können, denn die katholische Kirche kennt den Exorzismus weiterhin und hat ihn kürzlich sogar gestärkt, als der Papst die Internationale Vereinigung der Exorzisten anerkannte. Strenge Regeln sollen dafür sorgen, daß das Ritual der Teufelsaustreibung nicht aus dem Ruder läuft. Trotzdem bleibt es, auch sprachlich, eine "Parallelgesellschaft".
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 11.12.2015 um 21.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30844

Zu #30833: Etwas richtig zu hören, heißt nicht, hörig zu sein. Mich hat schon immer beunruhigt, daß die. die ihres "Gottes Wort" sich als Befehl aneignen, auch anderen Befehlen ziemlich bedenkenlos folgen. Das Problem besteht darin, daß so einige Leute als Befehlsempfänger spirituell voll ausgelastet sind und darin eben ihr ureigenstes Vergenügen haben. Hier muß das Zusammenleben korrigierend wirken; denn auch das noch so klug gesetzlich vorgeschriebene Wort allein kann das gar nicht. - Aber das Wort, das sollt ihr doch lassen stân; nicht wahr, ja, und warum? Damit man es immer wieder liest und bedenkt - nicht nur einmal, so auf die schnelle, und dann denkt, man hat so mir nichts, dir nichts Weg, Wahrheit und Leben und dazu 'nen Himmel mit auf einen schon zahlreich wartenden Jungfrauen oder klangreinstem Hallelujachor, schön kurz also alles, was einem so schön ist, mitgekriegt. So einfach gestrickt sind Rechtgläubige gar nicht. Wenn ich um mich sehe, - natürlich ist dann auch die Erde flach. Aber wenn ich manchmal telefonieren will, weiß ich erstmal, über wie viele Längengrade ich da rufen muß, damit ich meine Gesprächspartner nicht bei ihrer Arbeit oder in ihrem Schlafe störe und ich mich so bei denen unbeliebt mache.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.12.2015 um 13.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30840

Es genügt, daß die Gerichte bei Strafurteilen die Gesetze über heilige Bücher stellen. Ich glaube, das gehört zum Rechtsstaat. Schlimm wird es nur, wenn innerhalb der Familie weltliche Rechte und Gesetze nicht gelten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2015 um 05.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30833

"Das Grundgesetz steht über Bibel und Koran." Wie kann es sein, daß Menschenwerk höher steht als Gottes Wort? Wäre ich gläubig, würde ich das niemals anerkennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2015 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30818

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#29729

Es ist Mode geworden, gegen etws zu protestieren, was man nur vom Hörensagen oder durch eine Medienkampagne kennt. Harmloser gewiß, aber nicht intelligenter sind die inzwischen weltweiten Proteste gegen den Bau eines weiteren Observatoriums auf dem kahlen Gipfel des Mauna Kea:

Mittlerweile scheint die Diskussion um den Bau des TMT aber das Stadium differenzierter Argumente hinter sich gelassen zu haben, zumindest wenn man sich ihre Ausprägungen in den sozialen Medien anschaut. Zahlreiche Facebook Seiten rufen zur Rettung von Mauna Kea auf, der Protest hat es am 10. April sogar auf einen Eintrag unter „BBC Trending“ geschafft, wo Prominente wie der San Francisco Giants Pitcher Madison Bumgarner, das Pussycat Doll Nicole Scherzinger und der Hawaiianische Game of Thrones star Jason Momoa als Unterstützer der Bewegung angeführt werden.

Es ist wie ein nachholender Antikolonialismus. Außerdem wird der Wekiu-Käfer ins Spiel gebracht, dessen Lebensraum (falls es ihn gibt) allerdings nur um 0,08 ha verkürzt werden würde. Was das Teleskop für die Menschheit und auch für Hawaii bedeuten würde, ist einem gewissen Menschenschlag nur schwer begreiflich zu machen. (Wir hatten das hier auch, wie berichtet: Verhinderung eines Max-Planck-Instituts wegen einiger Kriechtiere, die sich nur deshalb mitten in der Stadt ausbreiten konnten, weil die Amerikaner ihren Militärstandort aufgegeben haben.)

Ein Astronom schreibt dazu:

Ich bin als Astronom schon dortgewesen. Was nicht erwaehnt wurde ist, dass der Mauna Kea eine sehr wuestenartige Landschaft ist. Ich habe dort keine lebenden Tiere oder Pflanzen gesehen (bei etwa 5 Grad unter null). Astronomen tolerieren auf keinen Fall dass dort irgendjemand etwas anderes hinbaut, weil die eventuell installierten Lichtquellen alle astronomischen Beobachtungen ruinieren. In Chile werden in der Regel ein paar Hundert Quadratkilometer Land als Reserve angelegt um die Astronomen vor anderen Aktivitaeten wie Bergbau zu beschuetzen. Insgesamt gibt es auf „Big Island“ fast nur grosse Hotels und Goldplaetze wovon jedes einzelne belastender ist als ein Telekop in der Einoede an einer Stelle an der nur Teleskope stehen. (http://blogs.faz.net/planckton/2015/04/11/der-kampf-um-den-heiligen-berg-1281/)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2015 um 05.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30685

Aus den muslimischen Staaten kommen, im Vergleich mit ihrem Anteil an der Menschheit, kaum Beiträge zu Forschung und Technik. Wolfgang Burgdorf ging gestern im "Focus" der Frage nach, was die Araber mit den immensen Einkünften aus dem Ölverkauf eigentlich anstellen. (http://www.focus.de/wissen/experten/burgdorf/4575687-oel-reichtum-und-kultureller-niedergang_id_5093808.html) Moscheen bauen und eine besonders rückwärtsgewandte Version der Religion fördern; Koranschulen ("Volksverdummung" nach Burgdorf)... Man kann auch Universitäten in die Wüste stellen und Professoren einkaufen, wie andere Luxusgegenstände, aber wenn der Unterbau fehlt, bleibt man ein Nutznießer.
Wie kommt es, daß die ebenso schriftverliebten Juden überall an der Spitze stehen?
Anna Wierzbicka hat die jüdische Gesprächskultur auf den hochgeschätzten Widerspruchsgeist zurückgeführt. Das schärft den Verstand. Dagegen Boko Haram als Speerspitze der Rückständigkeit: ein einziges Buch genügt fürs ganze Leben, Widerspruch ist lebensgefährlich. Dazu fünfmal täglich niederwerfen.
Wozu ist dem Menschen die Sprache gegeben? Darauf läuft eben alles hinaus.
Khorchide hat in der FAZ gezeigt, wie man die fortschrittlichen und liberalen Seiten des Islam aus dem Koran und den Lehren des Propheten ableiten könnte. Jede Religion läßt sich domestizieren, das Christentum hat es darin weit gebracht. (Vgl. Artikel "Gewalt in der Bibel" bei Wikipedia: das ist der zu relativierende und entschärfende Teil der Überlieferung.) Die Methoden der Theologen sind sophistisch genug und können vom philologischen Standpunkt aus nicht befriedigen. Aber wenn sie dem guten Zweck dienen, habe ich nichts dagegen, auch nicht gegen Religionsunterricht an staatlichen Schulen und die Ausbildung von Imamen an Universitäten.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 15.11.2015 um 13.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30565

Solange es nur um Vitamin- und Mineralpräparate geht, ist das alles noch harmlos. Ist es z. B. moralisch zu verantworten, Kindern und Jugendlichen massenhaft ''Psychopharmaka'' zu verschreiben, die nachweislich die Probleme der Kinder nicht lösen können, aber Nebenwirkungen haben, die schwerste gesundheitliche Störungen sowie Selbstmord auslösen können?

Spannend ist auch die Frage, warum auf dem Multivitaminröhrchen ein Warnhinweis steht, daß die angegebene Tagesdosis keinesfalls überschritten werden darf, wo andere der Ansicht sind, daß die angegebenen Mengen viel zu gering sind. Siehe hierzu auch

https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Alimentarius

http://www.zentrum-der-gesundheit.de/codex-alimentarius-ia.html

''Man wird unsere gesundheitliche Selbstbestimmung nun noch schärfer beschränken, weiterhin Falschinformationen und Lügen über Nährstoffe und genmanipulierte Organismen verbreiten und gleichzeitig stillschweigend nach Bevölkerungskontrolle streben.''

''Ländern, die den Richtlinien nicht folgen, könnten empfindliche Wirtschafts- und Handelssanktionen auferlegt werden. Sie können die Codex-Standards allerdings vermeiden, indem sie eigene internationale Richtlinien implementieren.''

''Kein Land ist vor diesen Bestimmungen sicher – egal, was Regierungsbehörden von sich geben, um potentielle öffentliche Unruhen von Vornherein zu unterbinden. Viele Aktivisten für alternative Medizin meinen, dass es hier hauptsächlich darum geht, die Codex-Angelegenheit so lange zu verschleiern, bis es zu spät ist.''

''Die neuen Richtlinien gleichen einem Massenmord

Einmal in Kraft getreten, sind die Codex-Richtlinien vollkommen unwiderruflich. Die baldige Einführung wurde u. a. für folgende Normen vorgeschlagen:5

Alle Mikro-Nährstoffe (wie z. B. Vitamine und Mineralien) sind als Giftstoffe anzusehen und aus allen Lebensmitteln zu entfernen, da der Codex die Verwendung von Nährstoffen zur "Vorbeugung, Behandlung oder Heilung von Leiden oder Krankheiten" untersagt
Sämtliche Lebensmittel (einschließlich Bio-Lebensmittel) sind zu bestrahlen, wodurch alle "giftigen" Nährstoffe entfernt werden (es sei denn, Verbraucher können ihre Lebensmittel selbst vor Ort erzeugen).

Lesen Sie mehr unter: http://www.zentrum-der-gesundheit.de/codex-alimentarius-ia.html#ixzz3rYpjXyRx''

Sowas kennen wir doch schon vom TTiP!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2015 um 10.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30564

Woraus das vieldiskutierte Problem entsteht, ob es moralisch zu verantworten ist, dem Patienten unter Verschweigung dieser Tatsache etwas zu verschreiben und die Solidargemeinschaft der Versicherten dafür bezahlen zu lassen.
Wie wäre es, dem Patienten "Spontanremission" zu verordnen? Aber das ginge nur, wenn man einen Weg fände, ihm dafür Geld abzunehmen...
Wir sind eigentlich ziemlich kritische Leute, und trotzdem stelle ich ab und zu fest, daß mir aus unserem Arzneischränkchen eine Menge Schachteln mit Vitamin- und Mineralpräparaten entgegenpurzeln, die einer irrationalen Neigung zur vorbeugenden Selbstmedikation ("Stärkung der Immunkräfte" und anderen Hokuspokus) zu verdanken sind. Schamrot räume ich das Zeug in den Restmüll, damit wieder Platz für die Handvoll Dinge ist, die wir einigermaßen verantworten können.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 15.11.2015 um 08.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30563

Homöopathie und vermutlich auch viele „echte“ Medikamente wirken aufgrund des Placebo-Effektes tatsächlich. Placebo-Effekte können bei vielen nicht beweisbaren Phänomenen auftreten, selbst bei Religionen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2015 um 06.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30552

Norbert Schmackes neues Buch über die Wertlosigkeit der Homöopathie ("Der Glaube an die Globuli") wird keinen überzeugen, der nicht schon überzeugt ist. Ich habe immer wieder festgestellt, daß ein großer Teil meiner Mitmenschen (die Mehrheit, glaube ich) an irgendeine Form des Unsinns glaubt, Homöopathie, Telepathie, Astrologie, Rutengängerei usw. Bestätigung ist immer zu finden, Doppelblindversuche sind viel zu kompliziert und zählen außerdem nicht gegen die persönliche Erfahrung, daß "etwas dran ist" und daß es eben zwischen Himmel und Erde mehr gibt usw. - Warum sollte, wer Wunder grundsätzlich für möglich hält, sich anders verhalten?

Ob die Schule hier etwas versäumt hat und folglich etwas verändern könnte? Nicht immer ist es eine Lobby, die sogar den Bundestag dazu bringt, Quacksalber zu privilegieren.

Für den Alltag kann ich nur raten, das Thema zu meiden, sobald man Anzeichen von Aberglauben wahrnimmt. (Dabei habe ich gerade selbst die Hälfte meiner Leser vor den Kopf gestoßen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2015 um 15.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30491

Ähnlich zurückhaltend war bei der Rechtschreibung zu verfahren. Zwar wurden generell die neuen Regeln zur ss- bzw. ß-Schreibung zugrunde gelegt, in allen andern Hinsichten konnte jedoch nur eine behutsame Angleichung an die heute geltenden Regeln das Ziel sein. (Karl Barth Gesamtausgabe: Der Römerbrief. Theologischer Verlag Zürich 2010:XLIII)

Warum so zu verfahren war und nur eine behutsame Angleichung das Ziel sein konnte, sagt der Herausgeber nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.11.2015 um 16.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30466

In den altindischen Texten sind ja unzählige Riten beschrieben, aber wenn man dann einmal die Wirklichkeit erlebt (wie ich bei einer Brahmanenhochzeit nach vedischem Ritual), ist man doch seltsam berührt, daß das alles noch Gegenwart ist. (An die vergleichbare katholische Messe ist man gewöhnt, und einen richtigen Exorzismus habe ich noch nicht miterlebt.)

Eine Inderin erzählte mir vom Piṇḍadāna (Kloß-Opfer): Als sie 9 oder 10 war, starb der Großvater. Ein Onkel vollzog das Piṇḍadāna: Er machte drei Reisbälle und legte sie am Fluß aus. Der mittlere wurde lange von den Krähen nicht gefressen; das war der des Großvaters. Es war ein Zeichen, daß der Großvater noch unerfüllte Wünsche hatte. Später starb der Onkel. Auch diesmal nahmen die Krähen seinen Ball nicht an. Tatsächlich war Streit gewesen. Ein Bruder des Verstorbenen kniete vor dem Knödel und betete. Er versprach, sich um die Mutter (oder Schwester?) zu kümmern. Darauf kam sofort die Krähe und fraß den Reisball. Ein Priester deutete das Verhalten der Krähe.

Das habe ich vor 40 Jahren aufgezeichnet. Wer weiß, wie lange es das noch gibt, es ist auch selten beschrieben (Grhyasutra?), deshalb rücke ich es mal hier ein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.10.2015 um 18.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30364

Die Wundererzählungen Jesu zeigen stets eine Wendung zum Guten hin, sie wollen helfen. Vor allem wollen sie Festgefahrenes, objektiv Gültiges aufbrechen, Platz für Neues schaffen. Hier wird verheißen, was noch nicht ist. Hier geht es um Hoffnung. Der Autor des Textes will in dieser Weise mit mir in ein Gespräch eintreten. Nehmen wir die Geschichte von der Brotvermehrung. Es wird erzählt, wie Jesus mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Menschen satt gemacht hat – und es seien noch mehrere Körbe voller Brotreste übriggeblieben (Mt. 14,13ff). Welch eine Phantasie, welch ein Mut, dies für andere Menschen aufzuschreiben! Der Autor weiß natürlich, dass seine Schilderung maßlos übertrieben ist. Doch er fordert gezielt jene Menschen heraus, die nur auf das Meß- und Zählbare schauen. So kann er auf das hinweisen, worauf es ankommt, was mich als Leser unbedingt angeht. Und das ist die Beziehung unter Menschen damals wie heute. Sie liegt jenseits des Objektiv-Zählbaren. Hier zeigt sich "Faszination Jesu". (www.pfarrerverband.de/print/artikel.php?id=3398)

Das ist eine typisch theologische, nicht-philologische Interpretation. „Der Autor weiß natürlich, dass seine Schilderung maßlos übertrieben ist.“ Es gibt keinen Hinweis darauf, daß die Verfasser der Evangelien nicht an die buchstäbliche Wahrheit der Wunderberichte geglaubt hätten. Das tat damals fast jeder. Es wäre auch eine weniger „mutige“ als riskante Strategie, die Leser mit gargantuesken Übertreibungen bewegen zu wollen. Literaturwissenschaftlich würde man die Wundererzählungen der Evangelien in die Tradition antiker Wundererzählungen einordnen und sie im Kontext als Versuche deuten, die von Gott verliehene Macht Jesu zu beweisen. „was mich als Leser unbedingt angeht“ spielt auf eine Wendung Paul Tillichs an, die unter evangelischen Theologen sehr beliebt ist (vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26554).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2015 um 09.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#30120

Amazon:

Wird oft zusammen gekauft:

Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, mit Apokryphen, neue Rechtschreibung… von Martin Luther Gebundene Ausgabe EUR 16,99

Der Heilige Koran (Quran) von Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland KdöR Taschenbuch EUR 7,00

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.09.2015 um 05.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#29962

Neben der Homöopathie zieht ja heute die "Traditionelle Chinesische Medizin" viele unwiderstehlich an, und wenn ein Kenner den Schleier lüftet, können sie ganz schön unwirsch werden. (Dazu eine der Rezensionen bei amazon über ein Buch Paul Unschulds.)

Ich habe in China eine Apotheke mit den traditionellen Heilmitteln besichtigt, eine Studentin war so freundlich, mich herumzuführen. Der Laden war nicht ganz so prächtig ausgestattet wie etwa dieser hier:
http://blog.oliver-meili.name/wp-content/uploads/2011/12/DSC_8995_1.jpg
Da findet bestimmt jeder etwas.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.09.2015 um 18.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#29870

Der neue katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch (61), hat am Montag den staatlichen Treueeid geleistet. Bei der Zeremonie mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) verpflichtete sich Koch im Roten Rathaus, die Regierung zu respektieren. Der Eid ist im Reichskonkordat von 1933 zwischen Preußen und dem Vatikan vorgesehen und wird auf Deutschland und das Land Berlin abgegeben. (focus.de 8.9.15)

Art. 16 des Konkordats: „Vor Gott und auf die heiligen Evangelien schwöre und verspreche ich, so wie es einem Bischof geziemt, dem Deutschen Reich und dem Lande... Treue. Ich schwöre und verspreche, die verfassungsmäßig gebildete Regierung zu achten und vorn meinem Klerus achten zu lassen. In der pflichtmäßigen Sorge (um das Wohl und das Interesse des deutschen Staatswesens werde ich in Ausübung des mir übertragenen geistlichen Amtes jeden Schaden zu verhüten trachten, der es bedrohen könnte.“

(Ich habe einen ähnlichen Eid abgelegt, allerdings bin ich Beamter.)
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 21.08.2015 um 18.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#29759

Immerhin ist das Ergebnis der „Kindertheologie“ jenes verklärt kindliche Gottesbild, das eine große Zahl aller erwachsenen Gläubigen zeitlebens behält.

Mit solchen Leuten sind „theologisch angehauchte“ Debatten auf etwas höherem Niveau überwiegend leider unmöglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2015 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#29742

Höre beim Reden! Zu Perspektivwechsel und kompetenzorientiertem Lehrerhandeln in der Kindertheologie (von Isabel Schneider-Wölfinger)

s.a. Wikipedia "Kindertheologie"

Kinder entwickeln keine Theologie, wie sie ja auch keine "Vorstellung vom Gehirn" entwickeln, was ebenfalls untersucht worden ist. Es geht immer darum, was Kinder aus den Mitteilungen und dem Verhalten der Erwachsenen machen. Das ist etwas ganz anderes. Gilt auch für Spracherwerb.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.08.2015 um 18.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#29729

Es gibt nicht nur heilige Texte, sondern auch heilige Berge. Jeder von uns war wohl schon mal auf einem.

In der Presse wird von Protesten gegen die Errichtung eines weiteren Observatoriums auf dem Mauna Kea berichtet. Gewisse Grüppchen machen die kultische Bedeutung des Berges geltend. Allerdings gibt es die zugehörige Religion schon lange nicht mehr; dagegen scheinen manche Leute ein selbsterfundenes Brauchtum zu praktizieren und haben dabei, wie im Scientific American zu lesen war, auch schon einige Umweltschäden angerichtet. Es gibt ja auch bei uns Hexen, die vereinsmäßig auf dem Blocksberg tanzen.

Das neue Observatorium, eine sehr vielversprechende Anlage, würde sich übrigens neben den dreizehn schon vorhandenen in der weitläufigen Landschaft verlieren.

Angefangen hat es vielleicht mit Ayer's Rock, der ja mitsamt Kultstatus bei den Aborigines schon wieder Kultstatus bei den Touristen genießt.

Ziemlich vertraut kommen einem auch die "Unterstützer" vor, offenbar Leute, denen nichts heilig ist außer dem Kult um die Heiligkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.08.2015 um 16.17 Uhr  
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Wie schon gesagt, hat Jesus seinen Anhängern das Schwören verboten; sie sollen einfach ja ja, nein nein sagen. (Daß sie gern mit der Hand auf der Bibel schwören, in der ihnen eben dies verboten wird – geschenkt!)

Nun ist aber ja, ja nicht dasselbe wie jaja. In katechetischen Dialogen, erst recht aber beim Traugelöbnis geht letzteres durchaus nicht.

Pfarrer / Pfarrerin zum Bräutigam: X, vor Gott, dem Allwissenden, und in Gegenwart dieser Zeugen, frage ich dich : Willst Du Y als deine Ehefrau aus Gottes Hand nehmen, sie lieben und ehren, in Freud und Leid nicht verlassen und den Bund der Ehe mit ihr heilig und unverbrüchlich halten, bis der Tod euch scheidet, so sprich bitte "Ja"! Bräutigam: Ja, ich will!

Jaja wäre sehr ungehörig, etwa wie "Nun mach schon, wir wollen endlich nach Hause!"
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.05.2015 um 03.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#29008

Der katholische Theologe Eckhard Nordhofen hat gestern in der FAZ eine Interpretation der vierten Bitte des Vaterunsers veröffentlicht, d. h. natürlich vor allem des Wortes epiousios, eines berühmt-berüchtigten Hapax legomenon. In der gängigen Übersetzung wird es als „täglich“ wiedergegeben („unser tägliches Brot“), aber das ist willkürlich. Nordhofen greift die Übersetzung des Hieronymus auf: supersubstantialis. Von dort kommt er auf die Bestandteile epi und substantia, weiter auf Aristoteles ousia („Wesen“, „Substanz“) und von da auf eine der Begriffsbestimmungen des Aristoteles, die krasseste seiner sprachlichen Kühnheiten: to ti ên eînai („das Was-es-war-Sein“) aus dem Z der „Metaphysik“. Das ist auch die meistdiskutierte Aristoteles-Stelle; ich will aber hier nicht darauf eingehen.

Die Vergangenheitsform ên veranlaßt Nordhofen zu folgender Spekulation: „Das Wesen einer Sache ergibt sich durch das, was sie einmal war, durch ihre Geschichte.“ Und dann folgt im Hauptteil ein Gang durch die Geschichte des israelischen Volkes im AT, durch die das „Brot“ mit einer transzendenten Bedeutung aufgeladen worden sei (ungesäuertes Brot, leichtverderbliches himmlisches Manna usw.). Nordhofen behauptet auch: „Auch 'supersubstantialis' kommt sonst im Lateinischen nicht vor, und wie in der griechischen Vorlage ergibt das Wort einen guten Sinn. 'Super' heißt, wie auch im Deutschen, 'darüber hinaus'. Damit erschließt sich auch die Bedeutung des griechischen 'epi'.“ Wieso denn das? Man kann doch aus der gewaltsamen Übersetzung nicht zurückschließen auf die Bedeutung des Übersetzten. Jedenfalls kommt er auf seine philologisch indiskutable Art zu einer nicht ganz neuen metaphysischen Deutung des „Brotes“. Abschließend übersetzt er "überwesentliches Brot" und empfiehlt für die Gebetspraxis "himmlisches Brot", nimmt also eine der allegorischen Deutungen gleich in den Text auf.
(ousia heißt im NT nicht "Wesen", sondern ganz konkret "Besitz, Vermögen" - wie der verlorene Sohn es durchbringt.)

Schluß der Predigt: „Das Brot ist das Medium der täglichen Inkarnation, es erzeugt ein singuläres Zeitverhältnis. Es verpflichtet ganz auf Gegenwart und ganz auf Ewigkeit.“

Zum Hintergrund dieser halsbrecherischen Fahrt und auch zur „Singularität“:

„Nordhofen vertritt einen privativen Monotheismus. Diesem liegt die begriffslogische Unterscheidung einer privativen von der limitativen Negation zugrunde. Der Begriffsinhalt (Intension) wird vom Begriffsumfang (Extension) unterschieden. Der Gott der Bibel offenbart sich, indem er sich vorenthält (eschatologische Vorenthaltung). Der ‚Gottesname‘ JHWH, ‚Ich bin der da ist, war und sein wird‘, hat die größtmögliche Extension. Da er weiter nichts aussagt, somit auf der Objektebene kein Inhalt (Intension) existiert, wird die reine Extension zum eigentlichen Inhalt (Koinzidenz von Intension und Extension). Diese begriffslogische Singularität trifft die ontologische Sonderklasse Gottes. Ihm kommt eine Wirklichkeit zu, die mit der üblichen empirischen Wirklichkeit nicht zu verwechseln ist. Gott ist kein Ding in der Welt, vielmehr ihr Schöpfer und ihr Gegenüber. Wer sich auf ihn bezieht, gewinnt ein Widerlager für sein weltexzentrisches Handeln.“ (Wikipedia; der Eintrag dürfte von ihm selbst verfaßt sein.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.05.2015 um 15.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28851

Apotheker müssen ja studieren. Aber wozu, wenn sie anschließend, ohne mit der Wimper zu zucken, solche Ratschläge geben und die entsprechenden Mittelchen verkaufen:

Bei einer Bade-Ohrentzündung können die Mittel Dulcamara D6, Lycopodium D12 oder Lachesis D6 die Symptome verbessern.“

Lachesis ist übrigens ein Schlangengift. Es hilft nicht nur gegen Ohrenentzündung, sondern gegen vieles andere, darunter "Eifersuchtsleiden" und - nun wird es für uns interessant:

Lachesis, die Buschmeisterschlange, ist für Menschen, die einen großen Drang zum Reden haben, die schnell sprechen und zwischen den Themen hin und her springen.

Wem das noch nicht genügt, der wird hier üppig bedient:

http://www.dr-oberhofer.at/homoeopathie/materia-medica/lachesis-muta/index.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2015 um 03.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28800

Beim Scannen von Texten werden bekanntlich t und f leicht verwechselt, aber kann es sein, daß eine der bekanntesten päpstlichen Instruktionen, Donum Vitae, jahrelang auf der Internetseite des Vatikans steht und einen solchen unkorrigierten Fehler enthält? Solle überhaupt niemand sie auf latein gelesen haben? Es heißt dort:

signiticatione unitiva destitutus

(http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19870222_respect-for-human-life_lt.html)

(Ich habe es zufällig entdeckt, weil ich mich vergewissern wollte, ob der exzentrische Inhalt dieses Abschnitts auf deutsch richtig wiedergegeben ist.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2015 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28710

Die Sonderstellung der Theologie ist eine bemerkenswerte Tatsache, auch sprachlich. In keiner anderen Fakultät kann man mit einer schwärmerischen, bekenntnisfreudigen Prosa wie der folgenden promoviert werden:

https://opus4.kobv.de/opus4-bamberg/files/275/dissRempeA4e.pdf
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 20.04.2015 um 22.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28672

Ja, und wenn's auch ein "vollkommen gottverzerrtes Bild [anzeigt], das den betroffenen Menschen ein Anrecht zu hadern abspricht": Wohin führt es, mit dem Schicksal, mit Gott, mit was weiß ich bei sowas zu hadern? Völlig richtig: Das ist alles "als trostlos [zu] empfinden." Aber es fiel nun mal Kardinal Wölki zu, da die Rede zu halten. Und zu "Allgemeinverträglichere Formulierungen wären unschwer zu finden gewesen": Nicht jeder kann von sich sagen, was Obama von sich zu Recht sagen kann: Ich bin doch ein besserer Redeschreiber als meine Redeschreiber. Und ehrlich, bei so manchen der doch wohl unschwer zu findenden allgemeinverträglicheren Formulierungen wären wahrscheinlich mir wiederum die Tränen gekommen! Wir haben hier gut reden, lieber Herr Strasser, aber ich kann nur wiederholen: Sie und mich und so manchen anderen hier fragt ja keiner zu sowas. Aber gut, daß wir auch darauf hier mal unter Manche Funktionen der Sprachen hinweisen können.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 20.04.2015 um 19.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28671

Naja, aller Langeweile zum Trotz sei angemerkt, wenn man den zitierten Satz (der lt. Focus online übrigens von Präses Annette Kurschus stammt) auf alle Greueltaten der Welt anwendet, entsteht, was die jeweiligen Verantwortungen betrifft, ein vollkommen gottverzerrtes Bild, das den betroffenen Menschen ein Anrecht zu hadern abspricht. Ob sowas als tröstend empfunden werden kann? Ich würde es eher als trostlos empfinden. Allgemeinverträglichere Formulierungen wären unschwer zu finden gewesen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 20.04.2015 um 03.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28662

Natürlich diskutieren wir hier den Gebrauch der Sprache, aber, ehrlich, mich langweilen die Kommentare zu den "Theologenansprachen" hier etwas. Auch "[i]ch kann mir aber nur schwer vorstellen, daß irgend jemandem dort durch diese Ansprachen tatsächlich Linderung der Trauer zuteil" wird. Der Trost, der sich bei derartigen Schicksalsschlägen überhaupt nur einstellen kann, kommt durch die Durchführung des Rituals dazu, wie man es mehr oder weniger gewohnt ist und deshalb erwartet. Ohne das Ritual wäre der Schmerz noch schlimmer und wären die Menschen allein gelassen. Was hätte denn Kardinal Woelki unseres Erachtens hier sagen sollen statt dem, was er gesagt hat? Der fromme Ungläubige zieht hier vielleicht Schweigen vor. Aber der und auch der nicht so ganz fromme Gläubige und auch der nicht ganz *so* fromme Gläubige, wir werden ja bei unserer Art Öffentlichkeit, der wir ja nun mal angehören, zu sowas nicht gefragt, ob wir da nicht vielleicht eine Trauerversammlung organisieren könnten, und eine in diesem Fall doch zu Recht noch dazu in einem symbolträchtigen Bauwerk wie dem Kölner Dom. Unsere Art Öffentlichkeit vertraut uns sowas einfach nicht an, - und damit hat sich's. Richtig ist jedoch, daß Kardinal Wölki hinreichend lange Zeit zur Vorbereitung seiner Predigt hatte. (Aber der Satz "Gott selbst muss einstehen für das, was geschehen ist und was er hat geschehen lassen" ist übrigens geistlich gar kein so naïver für diese Situation. Geistliche Sprache in unserer Tradition ist eine Sprache der Feier des Gotterlebnisses, gar nicht mit unserer normalen Mitteilungssprache zu vergleichen, wo durchaus auch eine Welt ohne dieses Erlebnis infrage kommt.)
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 19.04.2015 um 21.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28661

Anhand der Theologenansprachen beim Opfergottesdienst erkennt man, wie wenig hilfreich „Trost“ durch Kirchenvertreter eigentlich ist. Die reden salbungsvoll, weil man von ihnen erwartet, daß sie in solchen Situationen salbungsvoll reden. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, daß irgend jemandem dort durch diese Ansprachen tatsächlich Linderung der Trauer zuteil wurde.

Auch die überwiegende Bezeichnung des Unglücks als Absturz halte ich für unpassend. Ein vollbesetztes und intaktes Flugzeug bewußt gegen eine Felswand zu knallen ist vorsätzlicher Mehrfachmord, weniger drastisch ev. eine Wahnsinnstat, aber kein Absturz.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2015 um 06.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28655

Wieder einmal wundert den frommen Ungläubigen die Ausdrucksweise der Theologen:

Gott selbst muss einstehen für das, was geschehen ist und was er hat geschehen lassen. (Kardinal Woelki über die Germanwings-Katastrophe; Trauergottesdienst im Kölner Dom)

Ich kann verstehen, daß manche Ereignisse die Menschen sprachlos machen. Dann geht es so weiter:

Sie liegen leicht und glatt in der Hand, die kleinen Holzengel, die in den Bänken des Kölner Doms zu finden sind. "Menschen brauchen Engel", sagt ein Notfallseelsorger. Bundespräsident Joachim Gauck bekommt einen Engel, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, der französische Minister Alain Vidalies und Germanwings-Chef Thomas Winkelmann. Und auch Sarah. Die junge Frau hat durch den Absturz eines Airbus in den französischen Alpen einen nahen Angehörigen verloren. Stellvertretend für alle Hinterbliebenen nimmt sie den Engel entgegen. (PNP 18.4.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2015 um 05.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28234

Die Bestätigung folgt auf dem Fuße.
Reinhard Müller befürwortet in der FAZ vom 3.3.15 den Antrag, Gott in die schleswig-holsteinische Verfassung aufzunehmen: „Hier geht es ja nicht um einen christlichen Alleinvertretungsanspruch. Ja, selbst Atheisten können sich angesprochen fühlen, wenn die weltliche Verfassung anerkennt, dass jenseits von uns etwas Größeres ist.“
Gegen diese weithin übliche, scheinbar versöhnliche Vereinnahmung kann man sich nicht wehren. So werden wir denn immer öfter im säkularen Staat von jenem höheren Wesen, das wir verehren, zu hören und zu lesen kriegen.
"Auch die Anhänger Wotans sollten das schätzen." (Letzter Satz von Müllers Kommentar.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2015 um 04.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28232

Wenn der Aberglaube zu ganzen Systemen ausgebaut ist, kommt man kaum noch gegen ihn an.

Ein wichtiges Prinzip von Feng Shui ist, dass die Lebensenergie Chi frei fließen soll. Darauf weist der Fachverband Raumbegrünung und Hydrokultur (FvRH) im Zentralverband Gartenbau in Bonn hin. Pflanzen können in diesem Zusammenhang das Raumklima verbessern: Nicht nur, weil sie Sauerstoff produzieren, Schadstoffe binden und die Luftfeuchtigkeit verbessern. Vor allem können sie auch den Energiefluss in den Räumen so leiten, dass er sich nirgendwo staut oder nutzlos verpufft. Spitze und scharfe Kanten im Raum stoppen die Lebensenergie - an runden Formen gleitet das Chi entlang, so die Idee. Bewohner können deshalb Pflanzen zum Kaschieren von Ecken nutzen - etwa ein Einblatt in einem runden Gefäß. Vor Fenstern hindern Zimmerpflanzen den Energiestrom daran, den Raum zu verlassen. Die Raummitte hingegen bleibt besser frei von Pflanzen.
(http://www.n24.de/n24/Wissen/Reise/d/6240928/-pflanzen-mit-runden-blaettern-waehlen.html)

Es gibt ja viele "Wissenschaften", deren Gerede durchaus logisch klingt, auch wenn das Ganze völlig in der Luft hängt. Meiner Ansicht nach tut die Schule zu wenig gegen den Aberglauben, gefällt sich zum Teil sogar darin zu lehren, daß es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt usw.
"Feng shui" (am besten in der bereits kommentierten deutschen Aussprache) ist ein bedeutsam klingender Ausdruck, und erst das "Chi" (Qi)! Wir lernen das ABC der Physik, aber jeder zweite ist lebenslang bereit, ohne mit der Wimper zu zucken daneben noch eine "Lebensenergie" anzunehmen. Und viele tragen ihr Geld in Reformhäuser, Apotheken und nun sogar zum OBI, um sich mit rundblättrigen Pflanzen und entsprechenden Zimmerbrunnen, Möbeln usw. einzudecken.

Voriges Jahr mußte ich mir einen Weisheitszahn ziehen lassen. Freunde rieten mir, vorher Arnika-Globli zu schlucken, dann würden Schmerz und Schwellung schneller nachlassen. Tatsächlich hatte ich nicht die geringste Schwellung und gar keine Schmerzen. Allerdings hatte ich keine Globuli eingenommen. Andernfalls wäre ich in die Annalen der Homöopathie eingegangen.

Das esoterische Gerede kann einen verrückt machen. Am besten, man zieht sich unter seine spitzblättrige Fächerpalme zurück (Geschenk von Rechtschreibfreunden, vielen Dank noch einmal!).
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 24.02.2015 um 19.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28193

Ich hatte ja bereits geschrieben (21.2., 19.47 Uhr), daß "die Christen" sich über diese Frage uneins sind und so verschiedene Glaubensrichtungen entstanden sind.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 24.02.2015 um 15.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28188

An welche Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit "die Christen" glauben, ist auch nicht so klar: Homousia oder Homoiousia (= Wesensgleichheit oder Wesensähnlichkeit), Monophysiten oder Duophysiten (= ein oder zwei Naturen), Monotheleten oder Duotheleten (= ein oder zwei Willen), filioque oder nicht (Der Hl. Geist als Enkel des Vaters und des Sohnes?), und Unitarier gibt es ja auch noch...
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.02.2015 um 20.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28168

In der Tat – auf den Heiligen Geist könnten die allermeisten Christen wohl verzichten.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 22.02.2015 um 14.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28166

Es geht vor allem um Jesus. Man muß kein Theologe sein, um seine Stellung im Glauben einzuordnen. Und hier ist es auch für den Laien Unterschied genug, ihn für einen Irrlehrer bzw. Verführer oder für einen Propheten oder für Gottes Sohn zu halten.

Für Juden und Muslime ist es unannehmbar, Jesus auf eine Ebene mit Gott zu stellen. Für Christen ist es der Kern des Glaubens.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 22.02.2015 um 09.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28165

https://www.youtube.com/watch?v=6RT6rL2UroE
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2015 um 06.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28164

Das sprachliche und logische Problem besteht darin, wie man die Selbigkeit zu verstehen hat, daher meine Anspielung auf Frege. Ich hatte anderswo schon mal die Frage aufgeworfen, ob jemand, der lauter falsche Aussagen über den Alten Fritz macht, die aber wahre Aussagen über den gleichnamigen Stauferkaiser sind, eigentlich von diesem spreche, obwohl er glaubt, über den Preußenkönig zu sprechen.
So glauben oder meinen vielleicht die Anhänger aller drei Religionen, vom selben Gott zu sprechen, nämlich demjenigen, den Abraham anbetete und von dem dieser angesprochen wurde usw. Diese Beziehung zu einer (von allen Gläubigen) unbestrittenen historischen Gestalt des AT stellt das dar, was ich die "Adresse" Gottes genannt habe. (Abraham/Ibrahim und sein Gott sind Teile eines Bestandssystems.)
Davon zu trennen sind die unterschiedlichen "Gottesbilder", die hier auch erwähnt worden sind, aber das ist nichts Besonderes, weil auch die Gläubigen untereinander nicht dasselbe Gottesbild haben dürften, wenn man genauer nachfragt. Sie haben ja auch nicht genau das gleiche Bild vom Alten Fritz.

(Man kann das Ganze als Extension vs. Intension darstellen, ich weiß, aber was bringt es in der Sache?)

Aus naturalistischer Sicht kann man nicht auf das Glauben oder Meinen rekurrieren, sondern muß das Funktionieren von Eigennamen anders erklären. Das Kind schläft abends ein und wacht morgens als dasselbe wieder auf. Die Mutter, die sich über das Bettchen beugt, ist dieselbe wie gestern, nicht nur eine hinreichend ähnliche. Beweisen kann sie das nicht, nur durch die Erinnerungen, die beide teilen, plausibel machen. (Identitas indiscernibilium) Allerdings zweifelt niemand daran, bevor die Philosophen auftauchen.
Das Kind und die Mutter und auch der Familienhund hören auf denselben Namen wie gestern. Da werden sie wohl dieselben sein.

So und noch viel ausführlicher könnte man die Welt darstellen, in der es mit sich identische Gegenstände gibt und nicht nur ein Vorbeirauschen ähnlicher Reize (wie bei Hume). Und dann könnte man die Frage wiederaufgreifen: Was bedeutet es, daß Menschen denselben Gott anbeten, sich aber verschiedene Vorstellungen von ihm machen?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.02.2015 um 01.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28162

Na ja, auf diese Weise glauben aber wohl auch Juden und Muslime an mehrere Dinge und Wesen, über all denen letztlich Gott steht. Damit wird noch nicht gesagt, daß alle drei Glaubensbestandteile eine Einheit bilden sollen, und wie dies dann zu verstehen ist. Ich meine, daß das ein sehr sophistisches Thema ist, von dem man nicht sagen kann, daß es von der Allgemeinheit der Christen so verstanden wird, daß man sagen kann, sie "glaubt" daran.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.02.2015 um 00.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28161

Lieber Herr Riemer,

"Ich glaube an Gott,
...
Und an Jesus Christus,
...
Ich glaube an den Heiligen Geist,
..."

So habe ich das als Glaubensbekenntnis im Konfirmandenunterricht gelernt – als Dreieinigkeit für den Hausgebrauch. Ich vermute, daß Herr Mahlmann das nicht anders gemeint hat.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.02.2015 um 21.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28159

zu Herrn Mahlmann (#28152):
"Christen glauben an die Trinität, die Dreieinigkeit Gottes"

Ach, was Sie nicht sagen. Ich habe das auch mal im Konfirmationsunterricht gehört und verschiedentlich gelesen, aber das ist doch kein Thema für den normalen Christen. Daran ziehen sich vielleicht Theologen und Leute hoch, die aus der Religion eine Art Wissenschaft machen möchten.
Meine Großeltern und Tante waren sicher tief gläubige Menschen, sie haben das dreiteilige Glaubensbekenntnis in voller Überzeugung gesprochen, da steht aber nichts drin von einer Dreieinigkeit. Damit hätten sie gar nichts anfangen können. Auch heute wird das die übergroße Mehrheit der Christen überhaupt nicht verstehen. Es spielt keine Rolle im christlichen Alltag. Ich glaube, die Kirche täte gut daran, solche hochgestochenen Spitzfindigkeiten nicht zu sehr herauszustellen, aber gut, das ist ihre Sache.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.02.2015 um 20.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28158

Wir verlangen von den Muslins, sich mehr an den Koran und weniger an ihre Traditionen zu halten. Wir sollten in Bezug auf die Bibel dasselbe von der römischen Kirche verlangen, besonders, weil einige ihrer "Traditionen" erst Ende des 19. Jahrhunderts erfunden worden sind (Quelle: Hubert Wolf, Krypta).
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 21.02.2015 um 19.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28157

Für die Muslime schon. Und für die Christen insofern auch, daß Jesus Christus die zentrale Figur ist, und über die Frage, ob Jesus nun Mensch, Gott oder beides ist, haben sich die römische Kirche, die orthodoxe Kirche und etliche Glaubensrichtungen, z. B. die Zeugen Jehovas, voneinander getrennt.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 21.02.2015 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28156

Darauf kommt es bei meiner Überlegung nicht an! Es geht nur darum, daß alle drei Religionen an jeweils einen einzigen Gott glauben (und sich letztlich auch auf die zehn Gebote berufen). Daß sich eine Entität unter mehreren Aspekten betrachten läßt gab es schon früher, die Dreieinigkeit des christlichen Gottes ist nichts neues und wirkt selbst für damalige Verhältnisse eher bescheiden. (Perry Rhodan-Leser sind es gewohnt, daß Entitäten ihre "Mentalsubstanz" in u. U. recht viele Teile aufsplitten.) Die ''Einheit'' in der ''Vielheit'' ist nicht das Problem.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 21.02.2015 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28154

Ich habe ja geschrieben, daß es nach christlicher Lehre die Dreieinigkeit Gottes gibt. Darin unterscheiden sich Christen von Juden und Muslimen; somit ist die Definition dessen, was "Gott" ist, nicht deckungsgleich.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 21.02.2015 um 13.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28153

Wenn es nach jüdischer, christlicher und moslemischer Auffassung jeweils nur einen einzigen Gott gibt, dann muß dieser Gott doch dieselbe Entität sein, oder?

''Seltsam mutet es mir allerdings an, daß sich ein Pastor den Vorwurf des Rassismus einhandelt, wenn er von der Kanzel herab predigt, daß Christen christlich glauben und keine Feste anderer Religionen feiern sollen. Für die Bremer Bürgerschaft jedoch ist das eine "absolut indiskutable" "aufwiegelnde und herabwürdigende" Ansprache.''

Wenn es also derselbe Gott ist, müßte es ihm nicht gefallen, wenn die einzelnen Gläubigen sich gegenseitig tolerieren und sogar noch bei den jeweils anderen mitfeiern? – Natürlich gilt das nicht für das Mitfeiern bei Festen nichtabrahamitischer Religionen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 21.02.2015 um 13.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28152

Christen glauben an die Trinität, die Dreieinigkeit Gottes aus Gott, Jesus und dem Heiligen Geist. Deshalb werden Christen von Muslimen als Beigeseller angesehen, die die Einzigartigkeit Gottes in Frage stellen. Das ist auch für Außenstehende nicht dasselbe Gottesbild; da sind Juden und Muslime schon näher beieinander, wenn sie den Gott Abrahams verehren.

Die Unterschiede der drei abrahamitischen Religionen liegen in der Gottesverehrung; natürlich ist sich jede Religion sicher, die richtige Gottesverehrung zu leisten. Das bedeutet nicht die Ablehnung Andersgläubiger.

Seltsam mutet es mir allerdings an, daß sich ein Pastor den Vorwurf des Rassismus einhandelt, wenn er von der Kanzel herab predigt, daß Christen christlich glauben und keine Feste anderer Religionen feiern sollen. Für die Bremer Bürgerschaft jedoch ist das eine "absolut indiskutable" "aufwiegelnde und herabwürdigende" Ansprache.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2015 um 07.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28151

Ungläubig beobachte ich die laxe Berufung auf die Zehn Gebote. Werden die Texte überhaupt noch gelesen? (Das ist wie beim vielberufenen "Grundgesetz".)

Dem Theologen Stephan Holthaus zufolge gehört der Islam nicht zu Europa. „Holthaus zufolge sollte sich Deutschland auf seine christlichen Werte besinnen, etwa auf die Zehn Gebote der Bibel.“ (idea 3.2.15:) „Muslime und Christen glauben nicht an den gleichen Gott“
Nicht an den gleichen, aber vielleicht an denselben? Der eine könnte den Morgenstern anbeten, der andere den Abendstern. Dann beten sie beide denselben Stern an, aber nur aus der Sicht eines Dritten; sie selbst glauben ja nicht dasselbe zu tun.
Glauben die Juden an denselben Gott wie die Christen? Was halten sie selbst davon? Oder beten alle drei abrahamitischen Religionen denselben Gott an, eben den Gott Abrahams, wie sie wohl selbst sagen würden, haben aber verschiedene Vorstellungen von ihm? Wie läßt sich die Identität hier überhaupt feststellen? Ich habe den Bezug zu Abraham hergestellt, anders scheint es nicht möglich zu sein, weil die „Adresse“ Gottes nicht auffindbar ist – in dem Sinne, wie wir einen Menschen durch seine Adresse identifizieren (räumlich-zeitliche Koordinaten einschließlich Geburtsdaten).

Die Zehn Gebote sind offenbar nicht christlich, sondern jüdisch. (Warum wird nicht die Bergpredigt erwähnt?) Was sollte geschehen, wenn sich Deutschland auf die Zehn Gebote „besinnt“? Es hat ja niemand vergessen, daß man nicht morden, lügen, stehlen, ehebrechen soll. Die Nichtduldung der Verehrung anderer Götter kann doch keine Lösung sein.

Die Äußerungen sind so unqualifiziert, daß nur der Eindruck der polemischen Stoßrichtung standhält.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.01.2015 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27900

Ich wollte das eigentlich auch gar nicht als Angelegenheit des Staates verstanden wissen. Ich meine, der Staat sollte in dieser Hinsicht lediglich keinen Zwang ausüben und solche Entscheidungen den Betroffenen, also im Grunde den Eltern, überlassen. Die Schulen bräuchten dabei nur die organisatorische Rolle zu spielen.

Aber eigentlich kann mir das sowieso egal sein. Ich wollte damit nur sagen, daß ich mit einem christlich geprägten Umfeld absolut keine Probleme habe, eben weil umgekehrt auch das Christentum mit mir als Atheisten keine Probleme hat und weil es auch sonst keine Zwänge ausübt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2015 um 16.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27898

Lieber Herr Riemer, ich glaube zwar nicht daß Sie mit der "Toleranz gegenüber der Mehrheit" das Richtige getroffen haben, was die Grundrechte angeht (religiöse Neutralität des Staates ist nämlich keine Frage der Mehrheit), will das aber nicht weiter diskutieren. Immerhin darf man wohl sagen, daß es etwas seltsam ist, wenn als einziges Unterrichtsfach der Religionsunterricht im Grundgesetz (!) garantiert wird, und zwar schon in Art. 7.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.01.2015 um 17.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27892

Ich finde es sehr erstaunlich, was man noch alles in Gesetzestexten findet. Religionsfreiheit heißt für mich auch, daß Religionsbezüge nicht per Gesetz verordnet werden können. Das gehört da einfach nicht hinein und ist genauso ein Unding wie die staatliche Anordnung religiöser Symbole in der Öffentlichkeit.

Auf der anderen Seite halte ich es durchaus für möglich und verfassungskonform, daß eine Schule zusammen mit einer übergroßen Mehrheit der Eltern beschließt, z. B. Kreuze in der Schule anzubringen. Das ist nichts Unzumutbares für Nichtgläubige und religiöse Minderheiten. Soviel Toleranz muß jeder gegenüber einer großen Mehrheit aufbringen können, genau wie jeder Einzelne auch Toleranz von allen gegenüber seiner Einstellung erwartet.

Meiner Ansicht nach hat sich das Verfassungsgericht damals, als es um die Kreuze in bayrischen Klassenzimmern ging, nicht klar ausgedrückt, ob diesbezüglich nur die allgemeine, gesetzliche Anordnung oder auch ein mehrheitlicher Beschluß gegen den Willen Einzelner unzulässig ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2015 um 10.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27890

In der bayerischen Verfassung ist das oberste Bildungsziel der öffentlichen Schulen die "Ehrfurcht vor Gott". Daran gemessen, muß man der bayerischen Schule ein Totalversagen vorwerfen. Die hessische Verfassung sagt dagegen scheinbar säkular:
Ziel der Erziehung ist, den jungen Menschen zur sittlichen Persönlichkeit zu bilden, seine berufliche Tüchtigkeit und die politische Verantwortung vorzubereiten zum selbständigen und verantwortlichen Dienst am Volk und der Menschheit durch Ehrfurcht und Nächstenliebe, Achtung und Duldsamkeit, Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit.
Man spürt hier geradezu, wie durch Weglassen von "Gott" (Ehrfurcht) und auch "christlich" (Nächstenliebe) Leerstellen entstanden sind, auch im Vergleich mit anderen Verfassungen, in denen sie gefüllt sind.
Nun, damals neigte man zu erhabenen Worten und Formelkompromissen. Man sollte meinen, daß nach Jahren der "Curriculum-Revision" im Zeichen eines freilich stark vereinfachten Behaviorismus nur noch solche Lernziele formuliert werden, deren Erreichung auch durch Verhaltenskriterien nachgewiesen werden kann. Das Gegenteil ist der Fall, wie an den "Bildungsstandards" gezeigt.

Wie wäre es mit mehr Mathe und Rechtschreibung und korrektem Englisch?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.01.2015 um 06.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27855

In einem etwas seltsamen Artikel der FAZ (22.1.15) zeigt Michael Wolfssohn, daß Luther das fünfte (bzw. sechste) Gebot falsch übersetzt habe: "Du solt nicht tödten." Es gehe in Wirklichkeit um Morden, nicht Töten.
Nun, aus dem Zusammenhang geht hervor, daß Luther nichts anderes gemeint hat und auch nie anders verstanden wurde.

Außerdem behauptet Wolfssohn wieder mal:

"Das Fundament unserer Ethik sind die Zehn Gebote."

Einige der Zehn Gebote sind rein religiöse Vorschriften für Juden und ohne ethische Relevanz. Die anderen sind der ganzen Menschheit seit je so selbstverständlich, daß sie bestimmt nicht auf das AT warten mußte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2015 um 10.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27764

Und aus Mittelfranken:

Eine Frage stellt sich nun die ganze Welt: Wie geht es nach solch einem brutalen Anschlag weiter? Gedanken über die Folgen macht sich unter anderem auch der Leiter des Erlanger Comic-Salons, Bodo Birk. Künftig müsse man bei Kulturveranstaltungen, die mit Politik zu tun haben, anders abwägen. Dennoch gibt es Grenzen: "Man mag sich in einer offenen Gesellschaft genauso wenig Sicherheitskontrollen bei Kulturveranstaltungen wie Zeitungsredaktionen als Festungen vorstellen." (nordbayern.de 10.1.15)

Dennoch? Interessant ist nur, was davor steht. Und warum "Politik"? Vor Politik hatte unser guter alter Comic-Salon noch nie Angst. Es geht um Religion, aber schon das traut man sich nicht zu sagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2015 um 10.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27763

Fundsache: Editor's note: An earlier version of this article included images offensive to various religious groups that did not meet the Post's standards, and should not have been published. They have been removed. (Washington Post)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2015 um 07.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27761

Wie Michael Martens in der FAS (11.1.15) richtig sagt, kann man eine Ideologie zwar nicht für ihren Mißbrauch verantwortlich machen, man kann sie aber auch nicht völlig davon trennen, als habe also zum Beispiel das Christentum rein gar nichts mit den Kreuzzügen und der Ketzerverfolgung zu tun, der Islam nichts mit dem Islamismus. Auch Jesus hat ja so schlicht wie treffend gesagt: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen (Matth. 7)I. Es komme auf die Interpretation der Texte an. Natürlich ist es bei manchen Texten, die den allergrößten Wert auf Rechtgläubigkeit legen, besonders schwer, das Gewaltpotential (Mission nach außen, Verfolgung von Abweichlern nach innen) wegzuinterpretieren, aber unmöglich ist es nicht, das zeigt die Erfahrung.
Im Hinduismus gibt es auch sogenannte orthodoxe Schulen, aber das ist nicht im Sinne der abrahamitischen Religionen zu verstehen, sondern als mehr oder weniger strenge Orientierung am vedisch-brahmanischen Erbe. Der Hindu-Nationalismus trägt seinen Namen zu Recht, weil er in erster Linie eine nationalistische Ideologie ist und sich der Religion nur als Mittel bedient, natürlich in völlig abstruser Weise. Die nichtorthodoxe Religion oder Philosophie der Buddhisten hatte in Indien einen schweren Stand, weil sie nicht mit dem Sozialsystem (Kasten) vereinbar war. Das hat also auch nichts mit "Orthodoxie" zu tun.
Um Jude zu sein, muß man nicht nur das Richtige glauben, sondern normalerweise auch von einer jüdischen Mutter abstammen, deshalb ist das Judentum keine universalistische Religion wie seine beiden wichtigsten Ableger, die den Glauben und nichts als den Glauben verlangen.
Ich versuche mir das zurechtzulegen, um die gegenwärtige Diskussion besser einschätzen zu können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2014 um 14.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27638

Die Rituale können den Glauben um Jahrhunderte überleben, vor allem dann, wenn Geschäftsinteressen sich dahinterstellen (Umsatz im Weihnachtsgeschäft ca. 85 Mrd. Euro).
Vor 10 Jahren habe ich anderswo an „Wie die Dogmen zu Ende gehen“ (Comment les dogmes finissent) von Joseph Joubert 1835 erinnert, was ich hier gern wiederholen möchte.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 29.12.2014 um 11.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27636

Weihnachtliche Kuriositäten gibt es mit und ohne Bezug auf heilige Texte.
Die meisten Eltern delegieren ihre Kinderliebe an ein geheimnisvolles Wesen namens Christkind/Weihnachtsmann und lügen ihren Nachwuchs von Beginn an gnadenlos an, was die Geschenkherkunft betrifft, Falschzeugnis-Verbot im Dekalog hin oder her.
Daß die meisten vereint Weihnachten feiern, auch wenn sie eigentlich nicht an einen Gott Jesus glauben, ist wohl dem „Kulturzwang“ zuzuschreiben. Sich einmal im Jahr etwas zu schenken, ist auch okay, aber wozu dient dabei der Baum, der einige Tage später achtlos weggeworfen wird, von der akuten Zimmerbrandgefahr einmal ganz abgesehen?
Und wenn man dann im Fernsehen den Papst bei der Mette sieht, wie er eine Puppe mit Weihrauchschwenken umrundet, frägt man sich, was das sein soll, doch wohl nicht das Verehren und Anbeten von Jesusbildnissen entgegen dem 1. Gebot?
Man empfindet das und anderes wohl als „normal“, weil man es von Kindheit an unwiderstehlich eingetrichtert bekam …
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2014 um 08.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27634

In der FAZ (26.12.14) berichtet Christoph Hein über den fürchterlichen Hindu-Nationalismus, der im Subkontinent mit seinen 160 Mill. Muslimen zündelt und eine Katastrophe auslösen könnte, die die Greuel bei der Trennung Indiens und Pakistans noch weit übertreffen könnte. Er erwähnt auch wieder die Versuche, Sanskrit an den Schulen auf Kosten moderner Fremdsprachen zu verstärken, auch auf Kosten des freilich unbedeutenden Deutschunterrichts. Die Kampagne, aus den heiligen Schriften der Hindus, der Bhagavad-Gita, aufgrund ihrer von allen zu akzeptierenden Ethik das „nationale Buch“ Indiens machen zu wollen, stößt in dieselbe Richtung.
Zu dieser seltsamen Apposition wäre anzumerken, daß die Bhagavad-Gita nicht "die heiligen Schriften der Hindus" darstellt. Der bedeutende Indologe Jürgen Hanneder stellt fest, "daß dem historischen Kontext nach der Grundkonflikt der Bhagavadgita ein Spezialproblem eines Angehörigen der indischen Kriegerkaste ist." Eine allgemeine Ethik läßt sich daraus nicht ableiten, wenn auch die zeitgebundenen Aussagen oder Voraussetzungen, etwa zur Stellung der Frau, bedenklich genug sind.
Wie man heute weiß, ist die überragende Bedeutung der vielgepriesenen Gita erst in Auseinandersetzung mit deren westlicher Hochschätzung entstanden. Engländer und Deutsche haben sozusagen dieses Kapitel des Mahabharata zum Inbegriff indischer Philosophie und Ethik hochgejubelt.
Im Bericht ist viel von Zwangskonversion zum Hinduismus die Rede, ein sonderbarer Programmpunkt der nationalistischen Hetzer. Man kann jemanden zwingen, dem christlichen oder muslimischen Glauben abzuschwören, aber wird man dadurch Hindu? Der Hinduismus missioniert nicht, kann es auch gar nicht, wegen der Bindung an das Kastensystem. Im Gegensatz zu anderen Religionskonflikten geht es den Hindus auch gar nicht um abweichende Glaubenslehren, die ihnen ziemlich egal sind.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.11.2014 um 08.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27461

Gott ist das Wovonher und das Woraufhin unseres Lebens. – Im Deutschen sagt man üblicherweise Ursprung und Ziel. Die gewollt ungeschickten Umschreibungen – als kennte man die abstrakten Begriffe noch gar nicht – sollen wohl den Eindruck erzeugen, hier ränge jemand erst noch um Worte für etwas Unerhörtes und Gewaltiges.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2014 um 06.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27223

Zum Reformationstag interviewt ein FAZ-Theologe einen anderen Theologen, der einen dritten zitiert:

Gott kann nur als das Zugleich von Grund und Abgrund begriffen werden, hat Paul Tillich einmal gesagt. (FAZ 31.10.14)

Meint der Mann wirklich, daß mit solchen Ausdrücken etwas „begriffen“ werden kann? Tillichs leicht abgewandelter Satz (aus der "Systematischen Theologie"?) wird auch sonst oft zitiert. Er verdeutlicht noch einmal das Sprachproblem der Theologen.
Das Interview ist denn auch bei vielen gläubigen Lesern auf Unverständnis gestoßen, zumal der Interviewte ein Religionspädagoge ist. (Die Substantivierung das Zugleich ist typisch für diese Sondersprache, vgl. jenes im Heute glauben, das ich schon angeführt habe.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.10.2014 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27207

Wir sehen fassungslos zu, wie "Islamischer Staat" oder "Boko Haram" gegen jede Bildung außer der religiösen (in ihrer primitivsten Form) zu Felde ziehen. Das erinnert an Pol Pot und den "Steinzeitkommunismus". Wissenschaftsfeindlichkeit scheint für Ideologien eine Option zu sein. Das Christentum war anfangs nicht frei davon, zumal es mit dem baldigen Ende der Zeiten rechnete: Nobis curiositate opus non est post Christum Iesum nec inquisitione post Euangelium. (Tertullian: De praescriptionibus adversus haereticos, Kap. 7)
Man kann also aus der Geschichte lernen, es sei denn, ihr Studium wird absichtlich unterdrückt...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.10.2014 um 10.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27091

Nachdem ich die Synode nun schon erwähnt habe, wenn auch nur im Hinblick auf die Sprachprobleme der Kirche, muß ich auch den Abschluß würdigen.

Journalisten hatten sich angestrengt, von der Synode im Vatikan eine „Revolution“ oder wenigstens eine „kleine Sensation“ zu erwarten. Aus dem Abschlußdokument wollen sie nun kleinlaut wenigstens „neue Töne“ heraushören. Sie scheinen aber den Katechismus der Katholischen Kirche und andere amtliche Dokumente nicht gelesen zu haben. Dort ist wieder und wieder die unveränderte Formel zu finden: Respekt vor den Menschen bei gleichbleibender Mißbilligung ihres Verhaltens. Die einzige in Aussicht gestellte Änderung, nämlich erleichterte Annullierung gescheiterter Ehen, kann schlecht in offizielle Beschlüsse aufgenommen werden, weil sie eher ein kirchenrechtlicher Trick ist, der am besten unterderhand vorgenommen wird.
Man scheint sich schon einige Tage vor dem Ende der Synode auf eine Sprachregelung verständig zu haben:

„Natürlich wird die Lehre nicht verändert“, meinte der Münchner Kardinal Reinhard Marx; „aber sie entwickelt sich“. Die Synode werfe einen neuen Blick auf die Lehre und „bewegt sie“. (FAZ 14.10.14) Der stets unkritische Korrespondent der FAZ, Jörg Bremer, übernimmt das in die Überschrift: Die Lehre wird nicht verändert, aber sie entwickelt sich weiter. (Nach dem Abschluß schreibt er: „Die von vielen erwartete Öffnung bleibt aus.“ - Er meint die von ihm und anderen herbeigeschriebene „Bewegung“.)

Befragt über die allfällige Notwendigkeit von Änderungen des von ihm redigierten Weltkatechismus in der Folge dieser Synode sagte Schönborn: „Ich glaube, wir müssen den neuen Herausforderungen mit den gleichen Prinzipien begegnen“, wie sie sich schon im Katechismus finden: „Ich sehe keine Notwendigkeit für Änderungen. Aber es gibt Entwicklungen.“ (Tiroler Tageszeitung 16.10.14) - Schönborn hat völlig recht, wenn er auf die unveränderte Geltung des von ihm mitverfaßten KKK hinweist.

Sprachlich ist es eine Neuerung, wenn Entwicklung nicht mehr als Veränderung gilt. Das Verfahren selbst ist allerdings nicht neu, sondern kennzeichnet das Verhältnis der Kirche zu ihren eigenen überlieferten Texten: Da diese vom Heiligen Geist eingegeben und daher irrtumslos sind, können sie nicht geändert, sondern nur durch immer neue Auslegungen angepaßt werden. Das kann durchaus bis zum Gegenteil des früher angenommenen Sinnes gehen. So sind sowohl die Verurteilung des heliozentrischen Weltbildes, der Evolutionslehre und der allgemeinen Menschenrechte als auch ihre Anerkennung jeweils rechtens, nur eben zu verschiedenen Zeiten. Das kann nichts anders sein, denn Theologie ist nicht Philologie.

Manche Apologeten meinen, es sei doch ganz in Ordnung, wenn im Abschlußdokument die Homosexualität nicht eigens erwähnt werde, denn das bestätige die ersehnte Normalität. Das ist unaufrichtig, denn es handelte sich um eines der Hauptthemen der Versammlung, über das denn auch heftig gestritten wurde. Die Nichterwähnung dokumentiert nur die Unmöglichkeit, über diesen Gegenstand zu einer mehrheitsfähigen Beschlußvorlage zu gelangen.

Walter Kasper wird Rassismus vorgeworfen, weil er sich von den afrikanischen Bischöfen distanziert hat. Aber das hat er nicht wegen deren Rasse getan, sondern weil sie extrem konservative Positionen vertreten. Rassistisch wäre es umgekehrt, sie wegen ihrer Hautfarbe von jeder Kritik auszunehmen.

Nachtrag:

Für die Aufnahme des Passage, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen zwar nicht mit der Ehe von Mann und Frau gleichgesetzt werden dürften, homosexuellen Menschen aber mit "Respekt und Taktgefühl" begegnet werden müsse, hätten zwei Drittel der 180 Teilnehmer stimmen müssen – am Ende waren es mit 118 zwei zu wenig. (ZEIT 19.10.14)

Aber schon im KKK heißt es:

2358: Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind homosexuell veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt; für die meisten von ihnen stellt sie eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen (...).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2014 um 06.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27004

Der gegenwärtige Papst und viele Bischöfe scheinen ernsthaft das Sprachproblem der Kirche in Angriff nehmen zu wollen. Das könnte eine kleine Revolution sein. Ich habe schon mehrmals auf die Sondersprache hingewiesen, die zwar aus antiken und anderen Quellen gespeist wird, aber so verschieden von der heutigen Allgemeinsprache (und auch jeder Wissenschaftssprache) ist, daß normale Gläubige sie allenfalls andächtig anhören und nachsprechen, aber nicht verstehen können. Erst jüngst sagte Kardinal Marx wieder: „Die Wahrheit im christlichen Glauben ist eine Person, die auf uns zukommt. Und das Lehramt der Kirche versucht zu verstehen, was diese Person Jesus Christus uns sagen will." (tagesschau.de 6.10.14)
Begriffe wie Wahrheit, Liebe, Dank usw. haben in der Allgemeinsprache eine Bedeutung, manchmal auch mehrere Bedeutungen, aber der theologische Umgang damit kann nur als irreführend, oft geradezu verschroben bezeichnet werden (das gilt auch für manche grammatischen Konstruktionen).
Im Vatikan kam nun z. B. jenes alte australische Ehepaar zu Wort, seit 55 Jahren verheiratet. (Die deutsche Presse hat z. T. falsch berichtet.) Beide sind in einer katholischen Organisation engagiert und nehmen ihren Glauben sehr ernst. Wie berichtet wird, schlackerten einigen Kardinälen die Ohren, als die beiden den Geschlechtsverkehr als Kern und Kitt ihrer Beziehung bezeichneten.
Bisher sprach die Kirche vom "Dienst am Leben" und verkündete:

"Diese Offenbarung gelangt zur endgültigen Vollendung in der Liebesgabe, die das göttliche Wort der Menschheit macht, indem es die menschliche Natur annimmt, und im Opfer, mit dem Jesus Christus sich am Kreuz für seine Braut, die Kirche, darbringt. In diesem Opfer wird der Plan vollständig enthüllt, den Gott dem Menschsein des Mannes und der Frau seit ihrer Schöpfung eingeprägt hat; die Ehe der Getauften wird so zum Realsymbol des neuen und ewigen Bundes, der im Blut Christi geschlossen wurde. Der Geist, den der Herr ausgießt, macht das Herz neu und befähigt Mann und Frau, einander zu lieben, wie Christus uns geliebt hat. Die eheliche Liebe erreicht dadurch jene Fülle, auf die sie von innen her ausgerichtet ist, die übernatürliche Gattenliebe, in welcher die Vermählten auf die ihnen eigene und spezifische Art an der sich am Kreuz schenkenden Liebe Christi teilnehmen und sie zu leben berufen sind.“ (Apostolisches Schreiben Familiaris Consortio 1981)

Man kann sich vorstellen, wie groß der Schritt von dieser Sondersprache (gar nicht zu reden von der Theologie dahinter) zu einer an heutigen erwachsenen Menschen orientierten Sprache sein wird, aber ich sehe durchaus die Möglichkeit, halte sie sogar für unausweichlich, wenn die Kirche in zivilisierten Ländern überleben will.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2014 um 04.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26590

Vielleicht darf ich, ohne das Copyright zu verletzen, einen Text wiedergeben, der im Tagesspiegel vom 3.3.11 erschienen ist:
Theologie kann Religionswissenschaft nicht ersetzen
"Islamische Studien" bedrohen die traditionelle Islamwissenschaft, meint Sabine Schmidtke, Professorin für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Die Einführung des Parallelstudiengangs läuft den intendierten Integrationsbemühungen zuwider.
In der Integrationsdebatte werden ganz neue primär religiös begründete Grenzlinien gezogen – auch in der Konzipierung eines neuen Studiengangs „Islamische Studien“. Nach einer Empfehlung des Wissenschaftsrats wird er parallel zur etablierten Islamwissenschaft an mehreren Standorten eingerichtet. Ziel des neuen Faches ist die Ausbildung von Imamen und Lehrern für muslimische Religion, somit richtet es sich ausschließlich an muslimische Studierende. Das wissenschaftliche Personal, dessen Berufung die Zustimmung muslimischer Beiräte voraussetzt, kann ebenfalls allein aus dem Kreis muslimischer Religionsanhänger rekrutiert werden. Mit Blick auf die Berufsfelder künftiger Absolventen und im Interesse der Gleichbehandlung der in Deutschland lebenden Muslime ist das zunächst durchaus plausibel.
Die Empfehlung des Wissenschaftsrats geht allerdings weiter. Die „Islamischen Studien“ sollen auch eigenes wissenschaftliches Personal ausbilden, promovieren und habilitieren – und dies können analog zur Evangelischen und Katholischen Theologie wieder allein Muslime sein. Dadurch wird eine klare Grenze gezogen zwischen der etablierten, nichtmuslimischen Islamwissenschaft und einer muslimischen Islamwissenschaft.
Die Islamwissenschaft ist in ihrer weitgefächerten regionalen, epochalen, philologischen, methodischen und disziplinären Breite bereits aufgrund ihrer Untersuchungsgegenstände ein international angelegtes Fach. Anders als in anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern lassen sich hier keine spezifisch nationalen Wissenschaftstraditionen ausmachen. Kaum ein Fachvertreter kommt ohne ein weit verzweigtes Netz an internationalen wissenschaftlichen Kontakten aus, in erster Linie mit Kollegen aus der islamischen Welt. Forschungsreisen sind für Studierende wie Wissenschaftler eine bereichernde Selbstverständlichkeit, umgekehrt besuchen zahlreiche Graduierte und Wissenschaftler aus Ländern der islamischen Welt deutsche Universitäten, um hier zu promovieren oder zu forschen. Internationale Fachkonferenzen auf höchstem Niveau werden in kaum überschaubarer Fülle im Westen wie in der islamischen Welt abgehalten. Das islamwissenschaftliche Personal etwa in Frankreich, England oder in den USA rekrutiert sich aus nichtmuslimischen wie muslimischen Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Wissenschaftlich führend sind im Westen Zentren wie das Department of Near Eastern Studies in Princeton – oder das Berliner Forschungskonglomerat. Es ist vertreten durch das Zentrum Moderner Orient, die Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies, das europäisch geförderte Projekt „Rediscovering Rational Theology in the Medieval World of Islam“ an der FU sowie das Corpus Coranicum an der Akademie der Wissenschaften. In der islamischen Welt führend sind etwa das King Faisal Centre for Research and Islamic Studies in Riad oder das Center for Islamic Studies in Istanbul. Wissenschaftliche Durchbrüche werden von muslimischen wie nichtmuslimischen Fachvertretern erzielt.
Auch hinsichtlich ihrer Gegenstände ist die Unterscheidung zwischen muslimischer und nichtmuslimischer Islamwissenschaft wenig sinnvoll. Die Bereiche, die der Wissenschaftsrat als zentrale Disziplinen der „Islamischen Studien“ definiert, darunter Koranexegese, Traditionswesen, Theologie oder islamisches Recht, sind auch integrale Bestandteile der herkömmlichen Islamwissenschaft.
Eine Differenzierung des Faches nach der religiösen Orientierung ihrer Vertreter wäre ein Rückschritt, da sie hervorragende Kooperationen zwischen Wissenschaftlern mit unterschiedlichen Weltanschauungen zerstört. Es ist absehbar, dass die Unterscheidung in eine muslimische und eine nichtmuslimische Islamwissenschaft den Wissenschaftsstandort Deutschland schwächen wird.
Angesichts der engen finanziellen Spielräume der Geisteswissenschaften erscheint eine Marginalisierung der nichtmuslimischen Islamwissenschaft durchaus realistisch. Die traditionelle islamische Ideengeschichte könnte von Zerschlagung bedroht sein. Eine „muslimische“ Islamwissenschaft, zu der nichtmuslische Studierende und Lehrende keinen Zugang hätten, könnte diesen Verlust nicht aufgefangen. Gesellschaftspolitisch schwört die Einführung des Parallelstudiengangs „Islamische Studien“ das Gespenst einer religiös segregierten Gesellschaft herauf und liefe somit den intendierten Integrationsbemühungen zuwider.
Der Wissenschaftsrat begründet seine Empfehlung mit den mittels Konkordaten und Staatskirchenverträgen festgelegten Mitspracherechten der evangelischen und der katholischen Kirche in der christlicher Theologie. Hier mag ein Ansatz für angemessenere Lösungen liegen. Das historisch gewachsene Staatskirchenrecht setzt institutionell gefestigte Strukturen bei den Religionsgemeinschaften voraus, die auf muslimischer Seite kein echtes Äquivalent haben. Wünschenswert wäre ein Kompromiss, der zwischen der disziplinären Untrennbarkeit der Islamwissenschaft und bekenntnisorientierten Anliegen bei der Ausbildung von muslimischem Kultus- und Lehrpersonal vermittelt. Und gleichzeitig die Gleichstellung der Muslime in Deutschland voranbringt.
Die Entwicklung der Judaistik mag als Vorbild dienen. Das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam und die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg sind jeweils mit der universitären Judaistik verzahnt. Damit scheint es zu gelingen, die wissenschaftliche und die bekenntnisorientierte Zielrichtung des Faches zu integrieren – ohne religiös begründete Ausgrenzung.
Die Autorin ist Professorin für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin.


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Wie man sieht, ist die Verfasserin kompromißbereit und stellt das deutsche Staatskirchenrecht nicht in Frage. Der entscheidende Punkt kommt aber gut zum Ausdruck, und zwar an einem Beispiel, das dem christlich gebundenen Diskussionsteilnehmer vielleicht eher einleuchtet, als wenn es wieder einmal um die Mehrheitsreligion ginge.

 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 20.08.2014 um 17.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26589

Zu #26556: "In seinem Jesusbuch diskutiert J. Ratzinger jeden einzelnen Vaterunser-Satz über mehrere Seiten. [...] Sich so eine Lektüre anzutun, ist nur durchhaltbar, wenn man neugierige Blicke in die Welt der Theologie werfen möchte. Liest man sowas mit neutralen Sinnen, kommt man aus einem ungläubigen Staunen kaum heraus." Natürlich ist derartige Diskussion auch hier berechtigt, aber man muß auch in Betracht ziehen, daß der katholische Gelehrte hier erstmal auch für sich selbst schreibt, einfach um sich als Gläubiger seine eigene religiöse Erfahrung in Sprache auszudrücken.

Überhaupt darf man nicht vergessen, daß alle "heilige Schrift" keine Alltagsmitteilung ist (Preisschild für eine Ware, Fahrplan), sondern gleich liturgische Sprache, auch wenn da Geschichten als Geschichte vorgetragen werden. Völlig richtig also: "Immerhin erklärt sich so wohl eine gewisse Vagheit der Redeweise; man muß jederzeit vorsichtig sein, wie auch die Geschichte der Häresie und der Verurteilungen zeigt." (#26557)

Nicht voll richtig dagegen ist in #26587 "Zwischen normal heilig und allerheiligst wird also schon noch ein Unterschied gemacht!" Einen solchen für die liturgische Feier ganz unnötigen Vergleich anzustellen gehört sich einfach nicht. Der ist zwar wissenschaftlich berechtigt, aber er ist nicht geistlich. (Auch zu diesem Wort, abgeleitet vom *Heiligen Geist*: wie "„heilig“ im religiösen Sinn hat es in sich!") Zu denken geben mir aus den Schriften der christlichen Tradition Passagen wie die, wo Moses angesichts eines vertrocknenden Dornenbusches in der Wüste in sich die Stimme vernimmt: "Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, an dem du stehst, ist heiliges Land", oder der Anfang des Johannes-Evangeliums (das mein Philosophielehrer Weischedel mal als erste Seminararbeit analysieren mußte); und ich bedaure, daß die römische Priesterschaft diesen Text als "das letzte Evangelium" aus der Meßordnung herausgenommen hat. Das war völlig falsch. Aber die sind auch nur Menschen, und das erklärt, warum Herrn Strasser "[b]isher [...] noch kein Theologe (vorrangig geweihte katholische Priester) in [...] verständlicher Form erklären" konnte, was eigentlich so "heilig" ist.

Ich selbst gehe an diesen Begriff zu einer gewissen Zufriedenstellung über engl. "whole" ran: ganz, vollkommen, nichts fehlt, wie es anfangs oder gemeint war, eben ohne Makel und damit eben letztlich erfüllend und zuhöchst lobenswert. Das geht einem auch nach heiliger Schrift auf, wenn man den Feiertag heiligt und sich nicht durch die zum Leben durchaus nötige werktägliche Arbeit ablenken läßt. Und ich verstehe dann, warum in unserer Kulturgeschichte sich die Germanen dem Christentum aufschlossen, mit ihrem mehrfach bekannten "Die Götter taugen nichts", und wieso mir im Gedächtnis geblieben ist: "Der einzige, der Luther richtig verstanden hat, war Bach."

Und als Germanist schätze ich, daß Luther was verstand, was (ich glaube) Calvin nicht verstanden hat, wenn letzterer sagt, Gottes Sohn könne gar nicht im Brot und Wein des Abenmahls zugegen sein, denn er sitze ja im Himmel zur Rechten des Vaters. Luther sah, daß es hier nicht um Lokaladverbien geht, sondern daß das Ganze eine Sache des Glaubens ist. Wobei mir ein hochgeehrter Kollege an meinem kleinen College hier mal die Sache mit dem Glauben allein so erklärte: "Well, you know Latin. Try to understand 'fides' as broadly as you can." Ja, und ich glaube, irgendwann um 2000 herum wurde dann in Augsburg sogar ein dementsprechendes Dokument von katholischen und evangelischen Priesterschaftsvertretern feierlich unterzeichnet.

Man sieht, ich spreche hier nicht zitierfähige wissenschaftliche Sprache; aber ich zeige hoffentlich, wie mich sowas als interessierten Beobachter des Bedenkens des Menschen so ersehnten Heils und seines Heiligen durchaus angeht. Und Herr Strasser hat völlig recht, wenn er den Theologen (vorrangig geweihten katholischen Priestern) erhebliche Erklärungsunfähigkeit bescheinigt: Die studieren da auf Däubelkommraus für das doch ihnen übertragene Lehramt und sehen mit ihren gut gelernten Antworten auf alles Widersprüchliche gar nicht, daß das gemeine Volk in der Geschichte mit ganz anderen Sorgen zum Leben der im Credo von ihnen immer wieder bekannten Gemeinschaft der Heiligen beiträgt. Der Jesuit Franziskus (Gott segne ihn!) hat da was Richtiges im Geist, wenn er sagt, daß die Priester aus ihren Büros an den Kirchen raus auf die Straßen gehen sollen, und ich sehe das so: Um sich zu informieren, nicht um da Predigten zu halten. Wobei ich – zwar auf keinen Fall mit Bewunderung, aber doch auch nicht herabblickend (es sind ja schließlich auch Menschen) – mit einigem Staunen auch denen ins Gesicht sehe, die bei sowas den Fuß in den Türspalt halten, um mir dann wenigstens einiges Papier in die Hand zu drücken, das ich aufgrund gesellschaftlicher Interferenz dann sogar verspreche, mir anzusehen, – was mich wiederum ganz sicher nicht gerade heiligt. Und Kirchensteuer zu deren Gunsten würde ich auch nicht zahlen wollen. Aber daß das, was den Menschen heiligt, nicht nur im Gespräch, sondern immer am Leben bleibt, das unterstütze ich.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 20.08.2014 um 15.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26588

Zu heilig kann die Sprachwissenschaft zunächst einmal sagen, daß es eine Ableitung von heil (dazu auch Heil, heilen, Heiland, auch englisch whole) ist und in Konkurrenz zu wîh stand (wovon weihen, Weihnacht, Weihrauch). Es heißt, daß heilag das von den angelsächsischen Missionaren bevorzugte Wort war, vielleicht weil die arianischen Goten wîh (gotisch weihs) bevorzugten. Jedenfalls wurden beide Ausrücke bereits in vorchristlicher Zeit in der Sakralsphäre benutzt. Es gibt wohl eine ausführliche Studie von Walter Baetke dazu (Das Heilige im Germanischen, 1942).
Religionswissenschaftlich gilt Rudolf Ottos Buch "Das Heilige" von 1917 als epochemachend. Er unterscheidet dabei die Aspekte des "Mysterium tremendum", "Fascinans" und "Augustum" und trennt vom reinen "Numinosum", dem "Heiligen minus seines sittlichen Gehaltes".
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 20.08.2014 um 09.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26587

Als das Allerheiligste bezeichnet man in der römisch-katholischen Kirche die in der Heiligen Messe konsekrierten Gaben von Brot und Wein, in denen Christus nach kirchlicher Lehre wahrhaft und dauerhaft gegenwärtig ist (Transsubstantiation). [Wikipedia]

Zwischen normal heilig und allerheiligst wird also schon noch ein Unterschied gemacht!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.08.2014 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26584

Lieber Herr Mahlmann, ich glaube nicht, daß ich mich auf eine theologische Streitfrage eingelassen habe. Die Abgrenzung zwischen Theologie und Religionswissenschaft ist etwas, worum man schon im Alltag nicht herumkommt, und sie ist heute auch nicht mehr besonders umstritten. Was zum Beispiel den Religionsunterricht betrifft, so geht der Streit darum, ob an staatlichen Schulen ein konfessioneller Unterricht geboten werden soll oder darf oder ein religionskundlicher. Das ist genau der Unterschied zwischen Theologie und Religionswissenschaft, der sich dann an den Universitäten fortsetzt. Als jedermann noch mit Selbstverständlichkeit Christ war, konnte dieser Unterschied kaum bemerkt werden und spielte praktisch keine Rolle. Nach der Aufklärung wurde alles anders. So verfügte Jefferson bekanntlich, daß an seiner Neugründung, der Universität von Virginia, keine Professur für Theologie eingerichtet werden solle. Das war natürlich eine Lehre aus jahrhundertelangen Religionskriegen und Verfolgungen im Namen der Rechtgläubigkeit. Daher auch die Forderung nach Trennung von Staat und Kirche.
Wir hatten schon bisher an den Universitäten eine Islamwissenschaft, die sich als Religionswissenschaft verstand. Zum Beispiel war ein guter Freund von mir Islamwissenschaftler in Erlangen; er ist Christ, aber auch das läßt sich an seinen Schriften nicht erkennen, schon gar nicht an seiner Neuübersetzung und Kommentierung des Korans, und so soll es ja wohl auch sein. Anders der neueingerichtete Studiengang zur Ausbildung islamischer Religionslehrer; naturgemäß ein konfessionell gebundenes Fach. Ich hatte sagen wollen, daß man an diesen Neueinrichtungen den Unterschied deutlicher erkennt, wenn man ihn als Christ in unserem Land bisher nicht so klar wahrgenommen hat.
Auch sprachlich liegen dazwischen Welten. Sie werden keinen Religionswissenschaftler finden, der Sätze wie die von mir zitierten äußert. Wenn aber schon grundlegende Begriffe wie "Wahrheit" so unterschiedlich verwendet werden – noch weit diesseits der Anerkennung oder Nichtanerkennung gewisser Dogmen –, dann ist eine Verständigung kaum möglich. Jeder weiß doch, daß die Sondersprache der Theologen immer weiter abgedriftet ist von der Allgemeinsprache ebenso wie von den Sprachen der eigentlichen Wissenschaften. (Unter den schärfsten Kritikern dieser Entwicklung sind auch Theologen.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.08.2014 um 00.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26583

Um vom Papst heiliggesprochen zu werden, muß man es erst einmal unter die Seligen geschafft haben, aber das hat mit der Bedeutung der Wörter heilig und selig nicht sehr viel zu tun. Sie werden unterschiedlich verwendet.

Vgl. z. B. Das ist mir heilig und *Das ist mir selig, oder auch Holy crap! und *Blessed crap!

Von einer »Steigerung« kann auch nicht die Rede sein; der Unterschied zwischen seliger und heiliger Ruhe läßt sich jedenfalls nicht in Dezibel messen.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 19.08.2014 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26582

Der Begriff „heilig“ im religiösen Sinn hat es in sich!

Bisher konnte mir noch kein Theologe (vorrangig geweihte katholische Priester) in mir verständlicher Form erklären, was dieser Begriff bedeutet und warum. Etymologisch hätte ich vermutet, heilig kommt von heilbringend, eine Indikation dafür hab ich aber noch nicht gefunden. Es scheint eine Art Steigerung von selig zu sein, das wie folgt definiert wird: „Von allen Übeln des irdischen Lebens auf ewig frei und der himmlischen Wonnen teilhaftig.“ Woher kommen solche Definitionen und wer manifestiert sie? Aus selber Quelle (DWDS) wird heilig definiert als: „Erhaben über alles Irdische, von höchster Reinheit und daher verehrungswürdig.“

Was sagt die Sprachwissenschaft zu „heilig“?
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 16.08.2014 um 14.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26559

Herr Ickler, an anderer Stelle haben Sie geschrieben, daß Sie sich zu einem Beitrag von mir nicht äußern wollen, weil er Theologie sei. Hier und anderswo tun Sie es.

Dem Theologen wird nicht der Zweifel an der geoffenbarten Lehre der Kirche verboten; im Gegenteil wird genau diese Lehre immer wieder geprüft. Was nicht in Frage gestellt wird, ist der Kern des Christentums: Gott hat sich in Jesus Christus offenbart. Wie das aber vonstatten gegangen ist und was das heißt, ist Teil der Forschung. Hier ist der Unterschied zwischen der Theologie und der Religionswissenschaft. Der Theologe bekennt sich zum Glauben, und dieser Glaube ist nun einmal der an Gott und seine Offenbarung in Christus; der Religionswissenschaftler betrachtet die Religion als Nichtgläubiger, ob er nun gläubig ist oder nicht.
Im übrigen stellt nicht einmal der Katholik den Papst mit der Kirche und schon gar nicht mit dem Glauben gleich. Für den Protestanten ist der Papst ohnehin nichts weiter als ein Glaubensbruder in der Funktion eines Bischofs.

Und gerade weil der Christ, der weiß, was im Theologiestudium passiert, kein Problem mit Theologie als Studienfach hat, hat er eins mit der Islamtheologie. Die muß nämlich verlangen, daß der Student den Koran wortwörtlich für die unantastbare Wahrheit hält; das greift viel weiter als ein Glaubensbekenntnis. Anders ist es bei der Islamwissenschaft und der Religionswissenschaft, wenn sie sich mit dem Islam beschäftigt, weil dort der Koran als historische Schrift behandelt wird.

In diesem Strang fällt mir mal wieder auf, daß selbst hier im Forum immer öfter ein eingeschobener Nebensatz nicht mit einem Komma abgeschlossen wird, wenn der Obersatz mit einem "und" weitergeht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.08.2014 um 11.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26557

Das muß man wohl aus der Zwitternatur der Theologie verstehen, die einerseits eine Spielart der Religion ist, andererseits Religionswissenschaft (Bibelphilologie, Geschichte usw.).

„Da das Objekt der Theologie die Wahrheit, nämlich der lebendige Gott und sein in Jesus Christus geoffenbarter Heilsplan ist, muß der Theologe sein Glaubensleben vertiefen sowie wissenschaftliches Forschen und Gebet immer vereinen.“ (Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen vom 24. Mai 1990)

In dieser Instruktion wird der Theologe auf „Wissenschaftlichkeit“ verpflichtet, zugleich wird ihm jeder Zweifel an der „geoffenbarten Lehre“ der Kirche, also zuletzt des Papstes verboten:

"Christus ist als solcher die Wahrheit, die frei macht (vgl. Joh 8,36; 14,6)."

Was soll man dazu sagen? Kann eine Wissenschaft auf Rechtgläubigkeit verpflichtet werden? Immerhin erklärt sich so wohl eine gewisse Vagheit der Redeweise; man muß jederzeit vorsichtig sein, wie auch die Geschichte der Häresie und der Verurteilungen zeigt.

Wenn Christen hier kein Problem sehen, weil sie an Theologie als Universitätsfach gewöhnt sind, dann wird es ihnen heute am Fall der Islamtheologie und der Islamwissenschaft deutlich.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 16.08.2014 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26556

In seinem Jesusbuch diskutiert J. Ratzinger jeden einzelnen Vaterunser-Satz über mehrere Seiten.

Vater unser in den Himmeln (6,5 Seiten)
Geheiligt werde dein Name (3,5 Seiten)
Dein Reich komme (2,5 Seiten)
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden (3 Seiten)
Unser tägliches Brot gib uns heute (7 Seiten)
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben (5 Seiten)
Und führe uns nicht in Versuchung (4,5 Seiten)
Sondern erlöse uns von dem Bösen (4 Seiten)

Die Abhandlung zu jedem einzelnen Satz ist einerseits in jener alltagssprachlich verwirrenden Theologensprache gehalten, die alles oder nichts bedeuten kann und ist zweitens garniert mit zahlreichen Verweisen auf diverseste Bibelstellen aus den AT und NT, gleich bei der Anrede „Vater unser in den Himmeln“ sind es 14 an der Zahl.

Sich so eine Lektüre anzutun, ist nur durchhaltbar, wenn man neugierige Blicke in die Welt der Theologie werfen möchte. Liest man sowas mit neutralen Sinnen, kommt man aus einem ungläubigen Staunen kaum heraus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.08.2014 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26554

Religion ist im weitesten und tiefsten Sinne das, was uns unbedingt angeht. (Paul Tillich)
Das meist alltagssprachlich oder salopp gebrauchte angehen widerspricht dem unbedingt, das wie absolut und andere maximalistische Wörter aus theologischer Tradition stammt; dazu passen die unbescheidenen Superlative: im weitesten und tiefsten Sinne. Der Gelehrte wischt alle Gelehrsamkeit beiseite und fängt mit gespielter Schlichtheit an: es geht uns an. Das Anknüpfen an Alltägliches hat wie in Predigten die Funktion, den Menschen existentiell zu packen, ihn sozusagen mitten im Leben zu treffen. Es wirkt zudringlich. Wer ist mit uns gemeint? Es können ja nur die Gläubigen gemeint sind, die allerdings oft glauben, ihr Glaube sei auch für Nichtgläubige von Bedeutung.
Ich übersetze: Für den Gläubigen ist die Religion sehr wichtig. Das ist sicher richtig, aber nicht umwerfend und kaum geeignet, immer wieder nachgesprochen zu werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.08.2014 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26542

Die eigentlich heilsame Wirkung alter Texte geht von der erquicklichen Kargheit aus, wie man sie auch in ganz unheiligen Texten findet. Wenn meine Frau z. B. meint, ich solle doch noch ein bißchen im Bett bleiben, antworte ich als unheilbarer Frühaufsteher. "Ich will mich nicht durch wîp verligen." Damals war es auf deutsch praktisch gar nicht möglich zu faseln. Ähnliches könnte man wohl nicht nur vom Mittelhochdeutschen, sondern von allen alten Texten sagen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 14.08.2014 um 15.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26541

Schneider zufolge müßte das Japanische längst zerbröselt sein, und das Lateinische wäre vor Abfassung der Vulgata nichtswürdig gewesen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 14.08.2014 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26540

Zumal heilige Texte oft eine sehr konservative bis archaische Sprache bewahren. Die deutschen Bibelübersetzungen (mit dem nicht erst seit Luther gültigen Motto "Dem Volk aufs Maul schauen") sind da etwas untypisch. Die Leistungsfähigkeit der heutigen englischen Sprache etwa wird wohl weit weniger durch Bibeltexte ("Thou shalt not ...", "behold!") als durch die Mitbringsel aus den Kolonien (bungalow, tandoori, ...) bzw. der Einwanderer (pretzel, delikatessen, ...) bestimmt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2014 um 06.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26526

Schneider empfahl, die Bibel im Deutschunterricht zu lesen. Seine Begründung: „Eine Sprache wächst und blüht mit ihren heiligen Texten, und wo es solche nicht mehr gibt, treibt sie dem Verfall entgegen; diese Diagnose wird man stellen dürfen, ob man evangelischen, katholischen, mosaischen oder überhaupt keines Glaubens ist.“

Was Wolf Schneider 2012 sagt, klingt gut, aber ist es auch wahr? Welche Beispiele von Sprachgemeinschaften kennt er, die keine heiligen Texte mehr haben und deren Sprache infolgedessen verfiel? "Sprachverfall" kann nur darin bestehen, daß eine Sprache nicht mehr taugt, bestimmte Zwecke zu erfüllen. Welche wären das, welche Beispiele gibt es?

Schneider bezog sich auf Luthers Übersetzung. Es kann nicht schaden, ein paar frühneuhochdeutsche Textproben in der Schule zu lesen, wie auch alt- und mittelhochdeutsche, aber Schneider will ja mehr. Übrigens hat Luthers Bibel am stärksten auf die deutsche Sprache gewirkt, als niemand sie las außer dem Pfarrer, der übers Jahr immer wieder dieseben ausgewählten Stücke daraus von der Kanzel verkündete.

In meiner ersten Bibel stand, die Übersetzung folge M. Luther; ich war also ziemlich erstaunt, als ich mir dann den Nachdruck der Ausgabe letzter Hand zulegte und den enormen Unterschied wahrnahm.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 27.07.2014 um 11.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26409

Rhetorik spielt in Religionen wie in der Politik eine zentrale Rolle. In der Politik besteht jedoch die Möglichkeit, Reden mit eigenen Bordmitteln zumindest prinzipiell auf Wahrheit zu überprüfen. In der Religion geht das nicht, da ist man darauf angewiesen, daß der Prediger einem die Wahrheit sagt. Aber woher weiß der Prediger eigentlich die Wahrheit, von einem anderen Prediger und der wieder von einem anderen?

Priestervollmacht, Transsubstantiationslehre und Exkommunikationsprinzipien gehen gem. Wikipedia auf das vierte Laterankonzil 1213 – 1215 zurück, sind also erst ca. 800 Jahre alt. Wäre interessant, wie viele Paragraphen bzw. Seiten der Katechismus damals schon hatte?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.07.2014 um 21.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26405

So zu reden, daß der Durchschnittsmuttersprachler etwas anderes versteht, als was tatsächlich gemeint ist, ist auch die hohe Kunst der politischen Rede. Dagegen hilft nur die hartnäckig wiederholte eigene Frage "Wem nützt es wirklich? (cui bono?)".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2014 um 18.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26403

In der Öffentlichkeit zumindest oder gar in der "Gemeindearbeit" spielen solche Themen wirklich keine Rolle. Man muß immer daran denken und darüber staunen, was Kinder alles hinnehmen. Ein katholisches Mädchen, im Konvent beschult, jeden Morgen Gottesdienst auf nüchternen Magen (mancher Ohnmachtsanfall deswegen, zumal wegen des Weihrauchs) wundert sich rückblickend über das Hinnehmen der unverstandenen oder ganz unorthodox verstandenen Formeln.
Das ist zwar eine Welt, eine Sprachwelt, für sich, aber es gibt interessante Parallelen anderswo. Man muß sich damit beschäftigen, wenn man das normale Funktionieren der Sprache verstehen will.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 26.07.2014 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26401

Die Frage ist gewiß alt, die Antworten sind es aber auch. Papisten: es ist der wahrhaftige Leib Christi; Lutheraner: es ist ein Symbol.
Die Ökumene hat – neudeutsch – "genug andere Baustellen" als diesen Punkt, deshalb wird nicht darüber diskutiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2014 um 16.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26398

Als Schüler haben wir gelernt, daß sich die Theologen früher darüber stritten, ob die Christen beim Abendmahl (wie wir Protestanten sagten) wirklich oder nur symbolisch das Fleisch und Blut Jesu zu sich nehmen. ("Sein" oder "bedeuten", nicht wahr?)
Als ich mich kürzlich nach dem Stand der Diskussion erkundigen wollte, fand ich unter verschiedenen Stichworten (auch "Transsubstantiation") einen solchen Wust von aristotelischen und scholastischen Begriffen, daß ich gar nichts mehr verstand. Irgendwie scheint es darauf hinauszulaufen, daß Brot und Wein "wirklich" zu Fleisch und Blut werden, allerdings nicht im alltäglichen Sinn des Wortes "wirklich"...
Die Sondersprache der Theologen ist ein großes Problem für ihre eigene Sache. Wenn jetzt die steigende Zahl der Kirchenaustritte immer wieder mit den Skandalen oder dem Kirchensteuereinzugsverfahren in Verbindung gebracht wird, sollte man auch einmal die kirchliche Dogmatik dagegenhalten oder an den Katechismus der Katholischen Kirchen mit seinen fast 3000 Paragraphen auf 800 Seiten erinnern. Ich lese oft darin, kenne aber keinen Katholiken, der es mir gleichtut.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 26.07.2014 um 14.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26397

Zumindest christliche Kirchenmänner verstehen es, so zu reden, daß der Durchschnittsmuttersprachler etwas anderes versteht, als tatsächlich gemeint ist.

Auch diese Kunst trug im Laufe der Jahrtausende dazu bei, daß die Kirche unglaubliche Reichtümer in ihren Besitz bringen konnte. Unvoreingenommene könnten sowas auch als vorsätzlichen Schwindel auffassen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 15.07.2014 um 18.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26341

Lieber Germanist, indem Sie so kritisch mit der Bibel umgehen, tun Sie genau das, was die lutherische Lehre verlangt. Sie setzen sich eigenständig und mit selbstgewählten Zugang mit der Schrift auseinander.

Das ist im Islam wegen der anderen Bedeutung des Korans für den Glauben nicht möglich. Kritik an der Schrift bedeutet Gotteslästerung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.07.2014 um 14.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26338

Nun, lieber Germanist, dieses Problem haben hier wohl die meisten, aber es ist wohl auch klar, daß ich im Haupteintrag nur ironisch von "heilig" gesprochen und lediglich auf die für mich selbstverständlichen Anführungszeichen verzichtet habe.
Detering zeigt gerade, daß die historischen Darlegungen bei Theißen/Merz theologisch kontaminiert und damit als historische nicht brauchbar sind.
(Kennen Sie die Legende vom Großinquisitor in Dostojewskijs "Brüdern Karamasoff"? Könnte Ihnen gefallen.)

Manche behaupten nicht zu wissen, ob Jesus gelebt hat, finden aber seine Lehre gut. Das ist durchaus kein Widerspruch. Es gibt auch anderswo Weisheitslehren mit legendärem Urheber.

Bibelphilologie wird durch die daranhängende Theologie nicht gerade erleichtert, verglichen mit anderen großen philologischen Fragen, also etwa der "homerischen Frage", der "ungeschriebenen Lehre Platons" usw. Nur die Koranphilologie, die allmählich Fahrt aufnimmt, ist vergleichbar. Über die Geschichte der Veden wird zwar auch gestritten, aber da ist ziemlich klar, daß ein Teil der indischen Gelehrten (oft Hindu-Nationalisten) so wenig ernst zu nehmen ist wie die Kreationisten usw. im christlichen Umkreis.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.07.2014 um 13.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26336

Ich habe ein Problem damit, Texte und kirchenamtliche Textauslegungen als "heilig" anzusehen, die nachweislich falsche Tatsachen enthalten, wobei das "falsch" auf naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen beruht und teils auf damaliger Unkenntnis und teils auf absichtlichen Verfäschungen beruht.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 15.07.2014 um 11.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26335

Es gibt schon ein paar nichtchristliche Quellen, jüdische und römische. Die solide Geschichtsforschung kann die Behauptung, daß Jesus wirklich gelebt hat, gut belegen.

Es gibt auch Streit darüber, ob Luther wirklich seine Thesen an die Schloßkirchentür zu Wittenberg geschlagen hat. Jene war seinerzeit das Schwarze Brett der Universität. Luther wollte eine wissenschaftliche Diskussion in Gang setzen. Wo hätte er sonst die Thesen veröffentlichen sollen?

Ich habe mal einen Roman gelesen, in dem der Protagonist mit einer Zeitmaschine 2000 Jahre zurückreist, um die Geschichte der Juden zu recherchieren. Bei der Rückkehr stellt er fest, daß die Kirche inzwischen Zeitmaschinen verboten hat, um alle Spuren zu verwischen. Es ist ihr offenbar gelungen.
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 15.07.2014 um 07.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26334

Die Leben-Jesu-Forschung beruht auf einem klassischen Zirkelschluß: Sie setzt voraus, daß die NT-Texte über eine reales Individuum im römischen Palästina berichten, interpretiert die Texte, weil es ja sonst nichts gibt, auf Basis dieser Prämisse und versucht, Aussagen über dieses zu treffen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 14.07.2014 um 22.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26332

Es spricht schon mehr dafür, daß Jesus tatsächlich gelebt hat, als ein paar Indizien; der Forschungsstand der Leben-Jesu-Forschung ist, daß es die Person Jesus von Nazareth gegeben hat.
Es gibt keine Geburtsurkunde und keine Prozeßakten; man muß den Annäherungen ab einem gewissen Punkt schon hinreichende Beweiskraft zumessen. Läßt man's, steht auch so einiges andere in Frage, das heute für seinerzeit gegeben angesehen wird.

Der evangelische Christ ist aufgerufen, die Bibel selbst zu lesen und das Wort auf sich wirken zu lassen. Welchen Zugang er wählt, ist dem Leser überlassen. Was er aus der Lektüre entnimmt, erweist sich beim Lesen.

Es gilt heute als fortschrittlich, aufgeklärt und bürgerlich-kritisch, den christlichen Glauben und insbesondere die Kirche zu tadeln und abzulehnen. Das hat mit Jesu Botschaft nichts zu tun.
Unsinnigkeiten wie die Bibel in gerechter Sprache und dergleichen sind zeitgeistgesteuerte Irrungen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.07.2014 um 19.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26331

Mich haben nur die geschichtswissenschaftlichen Teile des Buches interessiert, nicht die theologischen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.07.2014 um 18.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26330

Eigentlich wollte ich das Thema nicht weiterverfolgen, aber nachdem Herr Höher seine dankenswerten Hinweise gegeben hat, möchte ich doch auch bemerken, daß das Buch von Theißen/Merz ein ganz und gar theologisches ist. Komischerweise sprechen die Verfasser vom "unvollendeten Projekt Gottes" (das sind wir, die Menschen) und Jesus als Networker, der daran mitwirkt.
Wie zu erwarten, hat der scharfe, aber doch immer lesenswerte Hermann Detering kein gutes Haar daran gelassen: http://www.radikalkritik.de/Theissen2.pdf

Merz hat auch an der Bibel in gerechter Sprache mitgearbeitet, was dem Wunsch der beiden entspricht, alles, was heute gut und teuer ist, in ihre Bibel hineinzuprojizieren (um es mit ihrem eigenen Lieblingsausdruck zu sagen).

Der Gegenstand selbst bewegt mich nicht, nur die herkömmliche Methode, aus heiligen Schriften herauszusuchen, was genehm ist, und den Rest wegzuinterpretieren.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 14.07.2014 um 16.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26329

So interessant die genaue Position von Lesezeichen anderer in Büchern auch sein mag, ist aber vielleicht doch ein Einblick in das Buch hilfreicher.

Den gibt es hier: http://www.amazon.de/historische-Jesus-Ein-Lehrbuch/dp/3525521987/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1405347723&sr=1-1&keywords=der+historische+jesus#reader_3525521987

Noch ein paar bibliographische Hinweise zum Buch: es erschien zuerst 1996, wurde 1997 durchgesehen, 2001 nochmals durchgesehen und um Literaturnachträge in der 3. Auflage ergänzt und liegt in diesem Forschungsstand seit 2011 in der vierten Auflage vor.

Ich habe das Buch übrigens weder gelesen noch Theologie studiert und kann deshalb nicht einschätzen, was an Forschungsliteratur seit 2001 erschienen ist.

Zum Hauptautor Gerd Theißen informiert u.a. Wikipedia, seine Schriften kann man sich leicht in Bibliotheksverzeichnissen anzeigen lassen. Annette Merz war in Heidelberg Doktorandin bei Theißen und wurde 2001 dort promoviert ("Die fiktive Selbstauslegung des Paulus: intertextuelle Studien zur Intention und Rezeption der Pastoralbriefe", Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht 2004, vgl. hier: http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00044367_00004.html).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.07.2014 um 15.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26328

Das Lehrbuch "Der historische Jesus" wurde mir von der Redaktion der (evangelischen) Zeitschrift "chrismon" empfohlen mit dem Zusatz, daß alles vor Jesu öffentlichem Auftreten als Legende zu werten sei. Ich habe es durchgearbeitet, und meine Lesezeichen kleben auf den Seiten 38, 42–47 (Evangelien), 99–101 (Paulusbriefe), 105 (Aramäisch und Griechisch), 149–152, 154, 158, 159 (Geburt Jesu), 162 (Aramäisch und Griechisch), 165–166 (sozio-politisches Umfeld), 205–206, 217 (Frauen um Jesus), 407 (Passa-Amnestie), 413 (Pilatusbrief), 417 (Jesus als Auferstandener), 430 (Synopse zu den Ostererscheinungen, Textvergleiche), 493–496 (Leben Jesu in Kurzfassung). Allerdings ist es das einzige einschlägige Fachbuch, das ich kenne.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.07.2014 um 15.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26327

Lieber Germanist, haben Sie dieses Buch gelesen? Dann würde mich und sicher auch andere interessieren, was Sie davon halten und warum Sie es genannt haben. Der bloße Hinweis, daß es unter zahllosen theologischen (!) Büchern zum Thema auch dieses gibt, ist ja nicht sehr hilfreich.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.07.2014 um 12.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26326

Gerd Theißen und Annette Merz, Der historische Jesus, Ein Lehrbuch
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.07.2014 um 11.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26325

Aussagen wie "obwohl Jesus die aramäische Sprache sprach" setzen voraus, daß eine historische Person Jesus existiert hat. Dafür sprechen zwar einige Indizien, aber meines Wissens gibt es keinen klaren Beweis. Auch was von ihm angeblich überliefert ist, haben viele Jahrzehnte später andere einem gewissen Jesus in den Mund gelegt. Im gleichen Stil (wir hatten das Thema hier schon) spricht man sogar darüber, daß und wann genau Jesus beschnitten worden ist.

Natürlich wird jemand, der damals in Palästina geboren ist und gelebt hat, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht gerade japanisch gesprochen haben, und daß er traditionsgemäß meist kurz nach der Geburt beschnitten wurde, falls er denn wirklich gelebt hat, kann man sich auch leicht denken, aber deshalb sind das alles noch keine historischen Fakten, auf die man sich ohne weiteres berufen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2014 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26320

Ein paar Worte von ihm sind ja auf aramäisch überliefert, die Rückübersetzung anderer hat man auch versucht (Joachim Jeremias), aber ich weiß nicht, was daraus gefolgert werden könnte. Wir sind nun mitten in der "Leben-Jesu-Forschung"...
Als Schüler einer "Albert-Schweitzer-Schule" habe ich Schweitzers Klassiker natürlich schon früh gelesen. Das war viel erfreulicher als später in Marburg das Bultmannsche Getue um "Kerygma" usw.
(Franz Dornseiff hat sich mal erfrischend zu der Unsitte geäußert., Ausdrücke aus dem Griechischen wie Arete unübersetzt zu lassen und damit ganz alltäglichen Wörtern den Schein des Fachlichen zu geben: „Das pathetische Getue damit hätte kein Grieche verstanden.“)
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 13.07.2014 um 17.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26319

Aus sprachinteressierter Sicht ist an der Bibel noch etwas interessant: obwohl Jesus die aramäische Sprache sprach, scheint es keine aramäischen Originaltexte zu geben. Alle heute bekannten Bibeltexte NT wurden in Griechisch verfaßt, was bei Schilderungen von Begebenheiten vermutlich kaum ein Problem darstellt. Ob jedoch die Aussagen Jesu, die in Evangelien vielfach zitiert werden, von der Übersetzung her sinnrichtig getroffen sind, weiß eigentlich niemand. Aus Experimenten mit Rückübersetzungen können ggfs. Wahrscheinlichkeitsaussagen gezogen werden, mehr jedoch nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2014 um 16.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26318

Noch einmal zu Jan Assmann. Er bemüht sich objektiv zu verstehen, woher der Vernichtungsdrang gegen Andersgläubige stammt. Ich möchte aus einem seiner Aufsätze zwei Stellen mit seinem Kommentar (gekürzt) anführen.

"Wenn dein Bruder (...) oder dein Freund, den du liebst wie dich selbst, dich heimlich verführen will und sagt: Gehen wir und dienen wir anderen Göttern, (...) dann sollst du nicht nachgeben und nicht auf ihn hören. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihm aufsteigen lassen (...) und die Sache nicht vertuschen. Sondern du sollst ihn anzeigen. Wenn er hingerichtet wird, sollst du als Erster deine Hand gegen ihn erheben, dann erst das ganze Volk. Du sollst ihn steinigen, und er soll sterben; denn er hat versucht, dich vom Herrn, deinem Gott, abzubringen, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Ganz Israel soll davon hören, damit sie sich fürchten und nicht noch einmal einen solchen Frevel in deiner Mitte begehen." (Dt 13,712)

"Hier geht es nicht um das Bilderverbot, sondern um den Abfall zu anderen Göttern , aber genau das ist der Sinn des Bilderverbots. Jedes Bild ist eo ipso ein anderer Gott . Wer sich ein Bild macht, tut das, um es anzubeten."

Als sich Israel in Schittim aufhielt, begann das Volk mit den Moabiterinnen Unzucht zu treiben. Sie luden das Volk zu den Opferfesten ihrer Götter ein, das Volk ass mit ihnen und fiel vor ihren Göttern nieder. So Hess sich Israel mit Baal Pecor ein. Da entbrannte der Zorn des Herrn gegen Israel, und der Herr sprach zu Mose: Nimm alle Anführer des Volkes, und spiesse sie für den Herrn im Angesicht der Sonne auf Pfähle, damit sich der glühende Zorn des Herrn von Israel abwendet. Da sagte Mose zu den Richtern Israels: Jeder soll die von seinen Leuten töten, die sich mit BaalPecor eingelassen haben. Unter den Israeliten war einer, der zu seinen Brüdern kam und eine Midianiterin mitbrachte, und zwar vor den Augen des Mose und der ganzen Gemeinde der Israeliten, während sie am Eingang des Offenbarungszeltes weinten. Als das der Priester Pinhas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons, sah, stand er mitten in der Gemeinde auf, ergriff einen Speer, ging dem Israeliten in den Frauenraum nach und durchbohrte beide, den Israeliten und die Frau, auf ihrem Lager. Danach nahm die Plage, die die Israeliten getroffen hatte, ein Ende. Im ganzen aber waren vierundzwanzigtausend Menschen an der Plage gestorben. Der Herr sprach zu Mose: Der Priester Pinhas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons,hat meinen Zorn von den Israeliten abgewendet dadurch, dass er sich bei ihnen für mich ereiferte. So musste ich die Israeliten nicht in meinem leidenschaftlichen Eifer umbringen. (Num 25,111)

"Worin bestand die Sünde des Volkes, für die 24000 an der Pest und wer weiss wie viele weitere auf den Pfählen sterben mussten? Sie hatten sich mit den Midianitern und vor allem Midianiterinnen eingelassen, die sie zur Teilnahme an ihren Opferfesten einluden und dadurch zur Anbetung anderer Götter verführten. In der Alten Welt bot das rituelle Opfer den einzigen Zugang zum Fleischgenuss: man musste ein Fest anberaumen und ein Tier der Gottheit, in diesem Fall Baal Pecor, zum Opfer weihen, um es dann gemeinsam verzehren zu können. Schlachten und opfern war gleichbedeutend. Jedes Fleisch war Opferfleisch, und daher galt jedes mit Fremden abgehaltene Festmahl als Abfall zu anderen Göttern."

("Gesetz, Gewalt und Monotheismus" In: Theologische Zeitschrift 4/62, 2006, S. 475-486) (auch im Internet)

Im Gegensatz zu manchen Theologen versucht Assmann nicht, die rigiden Gebote und Strafen als zivilisatorischen Fortschritt zu erklären bzw. verklären, sondern stellt historische Zusammenhänge her, die lesenswert sind.

Die Nachwirkungen sind heute noch in unseren Sprachen zu spüren, etwa in dem leichten Schauder, der noch immer die "Gottlosigkeit" umweht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2014 um 16.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26317

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26310

Was J. Ratzinger da sagt, ist der wesentliche Inhalt von Rudolf Bultmanns "Glauben und Verstehen". Die säkulare (?) Variante findet man in Gadamers Lehre vom "Vorurteil". Das alles hat die "Hermeneutik" stark geprägt und geht insofern auch den Sprachinteressierten an.

Man kann es immer noch unter "Apologetik" im weiteren Sinn verbuchen.

Theologen gebrauchen viele allgemeinsprachliche Wörter in einem anderen Sinn, der oft nicht leicht zu erschließen ist. Zum Beispiel "Glauben". Tausendmal habe ich von "Glaubensentscheidung" gelesen und verstehe immer noch nicht, was da gemeint ist. Wie kann man sich für den Glauben entscheiden? Man entscheidet sich auch nicht für den Unglauben, sondern stellt eines Tages fest, daß man nicht glaubt. Deshalb ist auch für normale Menschen der Glaube kein Verdienst, der Unglaube kein Verbrechen, aber es wurde lange Zeit anders gesehen. Oder nehmen wir "Liebe". Irgendwo habe ich gelesen, daß nach christlicher Lehre die eheliche Liebe nur ein Derivat der göttlichen sei und der eheliche Verkehr (zwecks Zeugung) im Zeichen des Kreuzestodes als des höchsten Liebessymbols stattfinden müsse. Das ist freilich von Männern geschrieben worden, die von der Sache offiziell nur eine theoretische Kenntnis haben. Sonst würden sie wohl keine so kontraproduktiven Ratschläge geben.

Ich muß an solche Sachen denken, weil ich gerade gestern abend eine übrigens sehr gelungene Aufführung des Mysterienspiels "Ordo virtutum" der Hildegard von Bingen erlebt habe. "Demut" und "Liebe" spielten eine Hauptrolle; der Teufel lockte mit Fleischeslust usw. Obwohl alles in leichtverständlichem Latein ablief, hat es mich nicht weniger fremd angeweht als in irgendeinem Shiva-Tempel, und dabei könnten die Kirchen, in denen man solche Stücke aufführt, durchaus noch aus der Zeit stammen, als das frisch und sensationell war.. Ob der Inhalt auch nur einem einzigen der vielen Zuhörer etwas gesagt hat? Immerhin war es gut, so etwas einmal erleben zu können - der Hauptgrund der Aufführung war natürlich die eigenartige Musik, und die Gesangsleistung der Frauen war wirklich phantastisch.

Was das religionspädagogische Geschichtsbild betrifft, so erinnere ich mich aus meiner Schulzeit, daß der Islam "mit Feuer und Schwert" verbreitet wurde (das ist eine feste Kollokation), das Christentum hingegen durch Missionare - von denen manchmal einer erschlagen wurde wie der gute Bonifatius bei uns in der Gegend (oder war es Kilian? Jedenfalls aus dem Hinterhalt.).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.07.2014 um 13.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26316

Wird eigentlich den Schülern das Alte Testament immer noch als Geschichte Palästinas gelehrt? Aus den Forschungsergebnissen von Israel Finkelstein und Neil A. Silberman ("Keine Posaunen vor Jericho", "David und Salomo") weiß man jetzt, daß erst im 7. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem die Legenden aus früheren Zeiten schriftlich verfaßt wurden und es in den Aufzeichnungen der Nachbarn keinerlei Hinweise auf Moses und die Eroberung Kanans gibt. Ebenso gibt es keinerlei archäologische Nachweise für ein Großreich Davids und Solomons. Aber hier gilt wohl auch "Verunsichern Sie uns nicht mit Tatsachen, wir haben schon eine feste Meinung."
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 12.07.2014 um 22.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26310

Zum Thema Bibelverständnis schreibt Ex-Papst Joseph Ratzinger in seinem Jesusbuch sinngemäß (Vorwort, etwa ab S17), um die Bibel zu verstehen, ist schon ein vorheriger Glaubensentscheid erforderlich!

Ergebnisse exegetischer Analysen sind nur dann hilfreich, wenn sie mit dem Glauben nicht im Widerspruch stehen. De facto plädiert der Ex-Papst damit für eine Einschränkung des Vernunftgebrauchs, um den Glaubensentscheid nicht zu gefährden. Heißt in meiner Interpretation, ein Gläubiger versteht die Bibel (angeblich), einem Zweifler hilft sie nur bedingt weiter.

Auch eine Variante, mit heiligen Texten umzugehen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 12.07.2014 um 15.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26309

Hinzu kommt, daß die Heilige Schrift im Christentum seit 2000 Jahren unablässig kontrovers diskutiert wird; Augustin und Luther nur als Beispiele.
Das Christentum bezieht sich auf den Glauben, Gott habe sich in der Person Jesus Christus offenbart. Das läßt reichlich Raum für Interpretationen der Beschreibung Jesu und seines Lebens, seiner Taten.
Für die Muslime hat sich Gott im Koran offenbart. Das bedeutet, daß der Koran unantastbar und nicht diskutabel ist. Gottes Wort darf nicht interpretiert, nicht an Umständen gemessen, nicht an Zeitläufte angepaßt werden.

Seit Mohammeds Zeiten galt der Islam im arabischen Raum als einzig richtige Religion. Vor tausend Jahren gab es in Arabien gewiß keine Religionsfreiheit. Juden und Christen wurden als Schriftgläubige geduldet, jedem Muslim war es aber aufgetragen, dem Irrgläubigen den rechten Weg zu weisen. Von Anfang an war dafür das Schwert ein geeignetes Werkzeug. Noch heute sehen es Salafisten und Wahabisten als heilige Pflicht an, Un- und Irrgläubige zu missionieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2014 um 13.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26308

Fast bin ich versucht, die Kirche ein wenig zu verteidigen. Die Theologie hatte 2000 Jahre Zeit, auf Vorhaltungen wie die von Herrn Strasser zu antworten, und sie hat ihre Zeit genutzt. Anfangs war sie sehr deutlich apologetisch, nämlich bemüht, die Glaubenssätze gegen die Kritik seitens der antiken Philosophie zu verteidigen. Man könnte sogar sagen, daß Theologie nicht viel mehr ist als Apologetik, im Gegensatz zur Religion, die sich gewissermaßen von selbst versteht. Auch gegen die eigene, in den Wissenschaften ständig wachsende Rationalität muß der Glaube verteidigt werden.
Für uns hier, die wir ja kein religionskritisches Forum betreiben, ist grundsätzlich der Umgang mit den Texten interessant, beispielweise die Lehre vom mehrfachen Schriftsinn. So werden Sie, lieber Herr Strasser, kaum einen Theologen finden, der Ihnen Ihre Einwände nicht freudig zugesteht, Ihnen aber vorrechnet, daß die Theologie längst darüber hinaus ist. Die Zeitgebundenheit der biblischen Darstellung - geschenkt! Nur ganz Naive vertreten noch die wörtliche Deutung, und man läßt sie gewähren, weil sie nun mal den Mutterboden bilden, ohne den die feinsten Lehrgebäude in der Luft hängen würden.
Es waren ja auch lauter Theologen, die jene aufgeklärten Einsichten der Bibelphilologie zutage gefördert haben, auf die Sie sich beziehen. Das hat aber die wenigsten von ihnen in ihrem Glauben irregemacht. Jedenfalls lassen sich die "Einleitungen" ins AT und NT auch von eingefleischten Heiden mit Gewinn lesen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.07.2014 um 12.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26307

Vor tausend Jahren waren die arabischen Wissenschaften den europäischen haushoch überlegen. Damals herrschten die Kalifen über multi-ethnische, multi-religiöse und vielsprachige, also multi-kulturelle Bevölkerungen. Es herrschte praktisch Religionsfreiheit. Die antiken Philosophen und Mediziner wurden ins Arabische übersetzt. Gleichzeitig war das sogenannte "Christliche Abendland" mit seiner Staatsreligion und "Gedankenpolizei" primitiv und zurückgeblieben.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 12.07.2014 um 10.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26306

Die Bibel, speziell das NT, ist ein interessantes Forschungsobjekt, wenn es um heilige Texte geht.

Zunächst ist die Entstehungsgeschichte interessant, stammen die Texte doch ausschließlich aus zweiter oder dritter Hand, teilweise verfaßt von Leuten, die nicht einmal Zeitzeugen Jesu waren bzw. ihn gar nicht kannten (Paulus). Sie wurden gem. Bibelforschung erst Jahrzehnte bis Jahrhunderte nach den berichteten Ereignissen in der heute verfügbaren Form niedergeschrieben. Etwa die Unterschiede in den drei synoptischen und dem Johannesevangelium sind offensichtliche Folgen dieser Vorgeschichte. Von nachträglichen Zufügungen oder Änderungen gar nicht zu sprechen, die gem. Bibelforschung in den ersten Jahrhunderten ebenfalls stattfanden, um das neue Christentum „abzurunden“.

Jedenfalls friert das NT das auf Aberglaube und Unaufgeklärtheit beruhende Weltbild des Vorderen Orients vor 2000 Jahren ein, und diese Weltsicht ist die katholische Amtskirche nach wie vor bemüht, den Leuten zu vermitteln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2014 um 08.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26304

Jan Assmann hat ja den Monotheismus für die Intoleranz und Gewalt mancher Kulturen verantwortlich gemacht, und wenn man sich an das erste jener zehn Gebote erinnert, die angeblich die Grundlage unseres "Wertesystems" ausmachen, und dazu an die maßlose Bestrafung der Häresie schon im AT, wird man kaum widersprechen. In dieser Welt mußte man also rechtgläubig sein, das war das Allerwichtigste.

Die Zeiten haben sich ein wenig geändert.

Regierungschef Albig nannte es unvorstellbar, auf einen Gottesbezug zu verzichten. Die große Mehrheit der Menschen in diesem Land führe sich zurück auf etwas Höheres zurück. Hierbei sei es unerheblich, ob sie Christen, Muslime oder Juden sind oder anderen Glaubensgemeinschaften angehören. (SHZ 9.7.14)

Nur wenige Leser haben das Fehlen einer großen Gruppe von Mitbürgern, vielleicht sogar der schweigenden Mehrheit bemerkt. Man muß gläubig sein, ganz gleich woran man glaubt, und damit kommt sich Albig wahrscheinlich schon sehr weitherzig vor.

Der nächste Schritt der Verwässerung ist: Man muß "spirituell" sein, vielleicht "religiös unmusikalisch" (wie die Feiglinge sagen), aber doch wenigsten ein Suchender. Es muß doch etwas Höheres geben, nicht wahr? Andernfalls ist man nicht nur nicht "tief gläubig", sondern "platt materialistisch" wie Dawkins und das ganze Pack.

Von dieser Ordnung sind weite Teile der öffentlichen Kommunikation geprägt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.05.2014 um 04.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#25807

"What will drive the Holy Spirit away from your soul?"
Die zehnjährige Besitzerin des Workbooks „Christ Leads the Way“ hatte geschrieben Mortesin (vielleicht Mortlsin zu lesen), die korrigierende Nonne mortal sin.
Verse und Sprüche, die sich nicht in der Praxis bewähren müssen, werden zersungen und verquatscht, wie auch Richard Dawkins in seiner Autobiographie beobachtet.

„What does the Holy Spirit give us?“
The Holy Spirit enables us zu profess our faith.
Die Nonne läßt es gelten, hat aber eine bessere Antwort darübergeschrieben: sanctifying grace. (Das ist in der katholischen Kirche ein Fachausdruck.)

Im ganzen Heft, von der Besitzerin in ihrer schönsten Handschrift ausgefüllt, ist immer wieder von der Sünde die Rede: "Some films, television programmes, books and companions may tempt you to sin against purity." (Vorgegebene Antwort, sorgfältig abgeschrieben) Wie sie mir erzählte, hatte sie nur sehr unbestimmte Vorstellungen von Sünden (speziell von solchen) und mußte sich für die Beichte allerlei ausdenken. Frank McCourt berichtet ja auch sehr hübsch zu diesem Thema.

Der Verzicht aufs Fernsehen spielt eine große Rolle, obwohl die Familie gar kein Fernsehen hatte. Die sweets, auf die sie eine Woche lang verzichten wollte, hatte sie eigentlich auch nicht. Auch das Versprechen, die Hälfte des Taschengeldes nach Biafra zu schicken, lief mangels Taschengeld ins Leere, aber der gute Wille ist natürlich zu loben.

In einer Lektion gab es nur 7 statt 8 Punkte, weil die arme Sünderin auf die Frage „What does the word ‚Pentecost‘ mean?“ geantwortet hatte: Coming of the Holy Spirit statt fiftieth day. Sie hatte also Objekt- und Metasprache verwechselt.

Ein Bild mit Tempel und Taube soll erklärt werden:

The Temple is your soal. The bird is the Holy Ghoast.

Hier fand die Lehrerin nichts zu korrigieren.

"In this box draw or paste a picture of yourself. On the lines write some of the things you can do to show your love for God and for others." To be kindful and helpful to others. To keep the commentments. Na ja, das ist nicht so gelungen. Daneben klebt ein Foto der Verfasserin, im Erstkommunionkleidchen, sehr niedlich. Es kann übrigens sein, daß ich 40 Jahre später bei unserem Besuch in Irland die strenge Lehrerin noch gesehen habe.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 16.04.2014 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#25622

''... den Kindern in Streitfällen einen eigenen Anwalt zu zusichern.''

zu zusichern?

Korrektur: Lieber Herr Riemer, lesen Sie bitte auch die Kommentare, die öffnen einen die Augen.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 16.04.2014 um 16.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#25621

Hier wieder ein Beispiel dafür, wie sehr doch unsere ''heilige Schrift'', das GG, ihrer Zeit hinterherhinkt:

http://www.change.org/de/Petitionen/deutscher-bundestag-kinder-m%C3%BCssen-das-recht-auf-einen-freien-unabh%C3%A4ngigen-professionellen-vertraulichen-und-kostenlosen-rechtsbeistand-vor-gericht-bekommen

''Eigentlich soll Kindern und Jugendlichen in der schwierigen Situation vor Gericht jemand beistehen, weil es irgendwie mit den Erwachsenen klemmt. Im Moment sehen sich Kinder und Jugendliche, insbesondere Heimkinder und Kinder in Scheidungs- und Trennungssituationen, allerdings vor Gericht mit einem Verfahrensbeistand oder Verfahrenspfleger konfrontiert, der ihnen von Gericht verordnet wurde. Eigentlich wäre es super, wenn Kinder und Jugendliche eine Hilfe vor Gericht hätten. Doch welchen Sinn macht es, wenn Verfahrensbeistände oder Verfahrenspfleger nicht nett sind? Wenn das Vertrauensverhältnis fehlt? Da können Kinder und Jugendliche dann nichts machen. Kinder und Jugendliche werden sozusagen mit einem Verfahrensbeistand oder Verfahrenspfleger zwangsbeglückt. Es fehlt ein Recht auf Wahl. Es fehlt die Möglichkeit einen gerichtlichen Beistand das Vertrauen zu entziehen und sich einen anderen Vertreter zu suchen, der vertrauenswürdig ist.

Woran liegt das? An unserem Grundgesetz.

Trotz mehreren Initiativen sowie der zweimaligen Aufforderung (1994 und 2004) durch den UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes steht die Aufnahme von Kinderrechten in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland noch immer aus. Zwar werden Kinder in Art. 6 Abs. 2 GG erwähnt, allerdings nur als Objekte: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“. Damit besitzen Kinder keine eigene verfassungsrechtliche Stellung und können nur von den Eltern abgeleitete Rechte einklagen. Sie werden vor Gericht wie Objekte behandelt.

Ich meine: Das muss sich ändern!

Die Bundesrepublik Deutschland muss der in Art. 4 der UNKRK enthaltenen Verpflichtung, alle geeigneten Gesetzgebungs- und Verwaltungsmaßnahmen „zur Verwirklichung der in diesem Übereinkommen anerkannten Rechte“ zu treffen, nachkommen. Auch das Bundesverfassungsgericht mahnt schon seit fast 20 Jahren an, den Kindern in Streitfällen einen eigenen Anwalt zu zusichern.''

Lieber Herr Riemer, lesen sie bitte auch die Kommentare, die öffnen einen die Augen.

''Damit besitzen Kinder keine eigene verfassungsrechtliche Stellung und können nur von den Eltern abgeleitete Rechte einklagen. Sie werden vor Gericht wie Objekte behandelt.''

Sowas würde ich in einem GG nicht erwarten. Oder sollte es vielleicht so sein, daß ''Heilige Texte'' immer ihrer Zeit hinterher sein müssen? Auf die ''Feierlichkeit'' eines Gesetzes kann ich gerne verzichten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.01.2014 um 09.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#24845

Thomas Straubhaar schrieb gegen Weihnachten in der "Welt":

"In einigen westlichen Verfassungen spielt Gott eine zentrale Rolle. Auch das deutsche Grundgesetz versteht sich "im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen"." (http://www.welt.de/123225528)

Nun, die Formel steht in der Präambel, und fast alle Staatsrechtler sind sich einig, daß damit kein spezifisch religiöser Bezug verbunden sei, so daß nach heutigem Verständnis auch Ungläubige damit leben können. Eine "zentrale Rolle" sähe anders aus.

Das erinnert mich an einen Text, den Richard Dawkins fast genau am selben Tage eintrug:

I have been challenged to wish somebody a Merry Christmas. Why on Earth would I not? When I was Sub-Warden of New College, Oxford, I happily intoned “Benedictus benedicat”  at dinner, on much the same grounds as the late, great philosopher Sir Alfred Ayer: “I will not utter falsehoods but I have no objection to making meaningless statements.” (http://www.richarddawkins.net/foundation_articles/2013/12/24/merry-christmas#)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 29.07.2013 um 14.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23784

Der amerikanische Ausdruck "friendly fire" ist auch nicht nach unserem Verständnis freundschaftlich gemeint.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 28.07.2013 um 20.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23777

Meinem Beitrag #23776 (re NSA-Spähprogramme) hatte ich eigentlich diese Newsticker.de-Meldung von heute voraussetzen wollen:
«Podesta, der als Stabschef im Weißen Haus lange mit Geheimdienstaktivitäten befasst war, [hielt] den Europäern auch Heuchelei vor: "Die meisten Regierungen dort wissen ja tatsächlich seit langem genau, was wir Amerikaner tun. Und sie haben dabei zumeist kooperiert und davon profitiert. Ich verstehe, warum europäische Politiker nun öffentlich gegen Prism und andere Programme protestieren müssen – aber es ist ein wenig scheinheilig."»
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 28.07.2013 um 19.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23776

"Es lebe die deutsch-amerikanische Freundschaft!"

Ich sehe z.Z. oft in deutschen Meldungen zu der NSA-Spähaktivität, daß unter "befreundeten Staaten" bestimmte Verhaltensweisen doch nicht üblich sein sollten. Dazu auch was Sprachliches: Das amerikanische "friend" beinhaltet bei weitem nicht dasselbe wie das deutsche Wort "Freund". Mit jemandem unter ganz normalen Umständen "gut bekannt" sein, rechtfertigt für Amerikaner schon die Bezeichnung "friend". Das ist das eine. Das andere: Wie sehr europäische staatliche Sicherheits-Agenturen in die privaten Gespräche ihrer Bürger hineinhören, übersteige beachtlich die Machenschaften der NSA. So jedenfalls heute morgen ein Bericht in der Nachrichtenanalyse von National Public Radio, die auch von Europa aus eingesehen werden kann.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 28.07.2013 um 14.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23774

Es ist ein historischer Zeitpunkt, daß die Bürger das Grundgesetz nicht nur gegen die auf das Grundgesetz verpflichtete Bundesregierung, sondern auch gegen denjenigen Staat, der 1948 das Deutsche Grundgesetz in Auftrag gegeben und 1949 genehmigt hat, verteidigen müssen.
Ich warte auf regierungsamtliche Plakate mit dem Text "Es lebe die deutsch-amerikanische Freundschaft!".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2013 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23771

Dank an Herrn Riemer für den Bericht! Ich habe den Eindruck, daß bei uns die Bürger schon immer mehr Achtung für ihr GG hatten als die Regierungen und daß sie auch heute noch oder wieder bereit sind, es gegen die Regierung zu verteidigen. Auch wenn sie oft nicht genau wissen, was drinsteht, spüren sie doch, daß es ihre Magna Charta gegen die Obrigkeit ist.

Leider gilt hier, was irgendein kluger Mensch mal gesagt hat (helfen Sie mir: wer war's?): Das allgemeinste Interesse hat am wenigsten Aussichten, sich durchzusetzen. (Partikulare Interessen haben ihre Lobby.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.07.2013 um 00.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23770

Ich meinte gerade die Staatsbibliothek, den damaligen Ostberliner Teil. Die Deutsche Bücherei befindet sich in Leipzig (heute als Teil der Deutschen Nationalbibliothek).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.07.2013 um 20.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23769

Ich glaube, ich könnte das Wort heilig in einem gewissen Sinne doch auch auf Personen beziehen. Aber davon gleich, ich fange mal mit dem Grundgesetz an, bzw. da ich im Osten Deutschlands geboren wurde, mit der DDR-Verfassung. Da stand tatsächlich drin:

Artikel 27
1 Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht, den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß seine Meinung frei und öffentlich zu äußern. Dieses Recht wird durch kein Dienst- oder Arbeitsverhältnis beschränkt. Niemand darf benachteiligt werden, wenn er von diesem Recht Gebrauch macht.
2 Die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens ist gewährleistet.

Es las sich für uns früher genau wie heute wie ein Witz. Wußte man doch genau, wenn man den Mund in der Schule zu weit aufmachte, konnte man den Studienwunsch gleich begraben, um nur das Mindeste zu nennen. Und in sämtlichen Zeitungen stand immer wortwörtlich das gleiche, was auch in der "Aktuellen Kamera" im Fernsehen und auf allen Radiosendern lief. So eine Verfassung war schlicht nichts wert bzw. sie wurde von den Herrschenden so ausgelegt, wie es ihnen paßte.

Wir saßen in der DDR ein, durften nicht raus, ausgenommen in die 5 oder 6 Nachbarzellen. Aber wir hatten Kontakte. Wir hörten Radio, sahen Westfernsehen, bekamen Besuch von Verwandten, trafen (selten, aber nicht nie) Geschäftsreisende oder Tagungsteilnehmer aus dem Westen. Diese Leute von "drüben", auch Österreicher und andere Westeuropäer, mußten natürlich für uns damals wie Heilige erscheinen. Stell dir vor, sie können kommen, wann sie wollen, sie dürfen sogar wieder raus, sie fahren in die ganze Welt, haben tolle Autos und können im "Intershop" kaufen, was sie wollen. Westdeutsche waren für uns immer etwas Besonderes. Sie waren Heilige aus einem irgendwie heiligen Land.

Es war 1983, als Kohl die Vertrauensfrage stellte, der Bundestag sollte aufgelöst werden, Bundespräsident Carstens mußte entscheiden, das Verfassungsgericht hatte geurteilt. Eine spannende Geschichte, ich wollte die Zusammenhänge genauer wissen, endlich das Grundgesetz lesen, dem für mich damals schon etwas Heiliges anhaftete. Aber woher nehmen? In Bibliotheken erntete ich nur Achselzucken und Kopfschütteln. Die Westverwandten trauten sich nicht, sowas Gefährliches über die Grenze zu schmuggeln. Päckchen wurden sowieso kontrolliert. Aber dann war ich mal in Ostberlin, ging in die Deutsche Bücherei und fragte nach dem westdeutschen Grundgesetz. Völlig überrascht war ich, als der Bibliothekar, nachdem ich meinen Personalausweis vorgelegt hatte, an einen verschlossenen Schrank ging und mir das GG ohne weiteres für den Lesesaal aushändigte. Ich las ca. zwei Stunden und machte mir Notizen. (Kopierer gab es nicht.) Einige Tage später erkundigte sich ein Stasimitarbeiter bei unseren Wohnungsnachbarn im Haus über mich und meine Familie. Da wir zu ihnen ein gutes Verhältnis hatten, erzählten sie uns das umgehend.

Diese ganze Geschichte muß es wohl ausmachen, daß das GG für mich immer noch etwas ähnliches bedeutet wie für andere vielleicht die Bibel. Es hat halt in diesem Sinne was Heiliges. Ich meine dabei durchaus nicht, daß es in allen Punkten ideal wäre. Es gibt ja auch ständig kleine Korrekturen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.07.2013 um 19.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23768

Die bairischen Vergangenheitsformen: "Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut." (Karl Valentin)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.07.2013 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23767

Lieber Herr Chmela, ich finde es gut, daß man gleich verbessert wird, wenn man sich geirrt oder ungenau ausgedrückt hat.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 27.07.2013 um 15.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23765

Das Wort ''heilig'' ist für mich ein religiös motiviertes Wort. Außerhalb eines religiösen Kontexts hat es entweder keine Bedeutung, oder allenfalls als Titel (Heiliger Vater/Heiliger Stuhl) oder vielleicht noch, um – etwas provokativ – die Verehrungswürdigkeit einer Sache auszudrücken.

Wenn Sie nicht religiös sind, warum verwenden sie es dann? Es ist natürlich klar, daß etwas Heiliges in vielen Fällen auch Feierlichkeit impliziert, aber es ist sicher nicht richtig, beides gleichzusetzen. Es gibt die Anrede ''Eure Heiligkeit'', ob das aber impliziert, daß der so Angeredete auch tatsächlich als heilig angesehen wird, ist fraglich. Wenn Sie das Wort nicht auf Personen bezogen sehen wollen, dann ist es umso mehr inkonsequent, wenn Sie es auf die Machwerke von Personen beziehen. Ich würde es auf grundlegende Konzepte oder Sachverhalte beziehen.

Ich weiß nicht, was Sie mit ''hochgradig tendenziös'' meinen.
Eine solche Petition ist dringend notwendig, da mit der jetzigen Regelung grundgesetzliche fixierte Rechte (Freiheit, Gleichheit, etc.) einer eh schon benachteiligten Personengruppe – und deren Angehörigen – vorenthalten werden. Ein Gesetz, das so etwas vorschreibt, halte ich für asozial und ungerecht. Es widerspricht dem ach so heeren Menschenbild Ihres so hochverehrten Grundgesetzes, unter dessen Gültigkeit es zur Anwendung kommt. Man könnte auch sagen, es ist grundgesetzwidrig – oder am GG ist etwas faul, was zu beweisen war.

Ich habe dieses Beispiel gebracht, um Ihnen zu zeigen, daß Ihre Auffassung von ''Heiligkeit'' sehr seltsam und deplaziert wirkt, insbesondere wenn man davon ausgehen möchte, daß Sie ''auf der Höhe der Zeit'' sind. Die kritiklose Verehrung von Menschenwerk, insbesondere von Gesetzen, vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Probleme der letzten Jahrzehnte wirkt doch sehr befremdlich.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 27.07.2013 um 15.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23764

Meine Frage war unbedacht. Geschrieben gibt es das Imperfekt im Plattdeutschen allemal.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 27.07.2013 um 15.17 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23763

Lieber Germanist, das wesentlich bessere Werk zur bairischen Grammatik wäre das Buch von Ludwig Merkle mit exakt diesem Titel: "Bairische Grammatik" (Allitera Verlag München, 2005).
Aber zu Ihrem Zitat: Die Aussage des ersten Satzes ist richtig. Die des zweiten ist nur dann richtig, wenn der Indikativ Imperfekt gemeint ist, denn der Konjunktiv Imperfekt (Konjunktiv II) ist sogar eine äußerst beliebte Form, die häufig verwendet wird und die oft sogar dort steht, wo im Deutschen der Indikativ Präsens stünde. Die Aussage des dritten Satzes ist falsch, denn es gibt im Bairischen auch ein Plusquamperfekt.
Die mehrfache Verneinung ist typisch. Es gibt durchaus reale, nicht eigens konstruierte Sätze, in denen auch dreifache Verneinung vorkommt.

Wir sollten aber nicht vergessen, daß es neben dem Bairischen auch eine süddeutsche Form der Hochsprache gibt, die in dialektfreien Texten sehr wohl ihre Berechtigung hätte. Und diese Variante des Deutschen wird mehr und mehr von der norddeutschen Variante verdrängt.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 27.07.2013 um 14.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23762

Ist das wirklich eine Nord-Süd-Frage? Im Plattdeutschen gibt es ebenfalls kein Imperfekt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.07.2013 um 13.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23760

Bairische Ausdrucksweisen:
Das Bairische kennt keinen Genitiv.
Die bairische Sprache kennt kein Imperfekt.
Es gibt nur eine Vergangenheit, die vollendete (Perfekt).
Hauptwörter und Namen vermeiden es, ohne (bestimmten oder unbestimmten) Artikel aufzutreten.
Die doppelte Verneinung ist erst recht eine Verneinung.
Quelle: Johann Lachner, 999 Worte Bairisch.
 
 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 27.07.2013 um 13.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23759

@Germanist: Wie sähe solch ein "Fehler" aus?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.07.2013 um 12.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23758

Weil in den slawischen Sprachen das Erzählen durch perfektive und das Beschreiben durch imperfektive Verben ausgedrückt wird, ist das Imperfekt (neudeutsch Präteritum) als Verbform nur noch in historischen Texten zu finden.

Die "Einigung" zwischen Nord- und Süddeutschland findet bereits statt, indem in den weiterführenden Schulen schriftliche süddeutsche Ausdrucksweisen als fehlerhaft gewertet werden. So wird die "Standardsprache" durchgesetzt.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 27.07.2013 um 10.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23753

Danke, lieber Herr Riemer. Die Kürze ist sicherlich auch der Grund für den von mir erwähnten Imperfektgebrauch bei der Filmsynchronisation. Dessen seit Jahren anhaltender, tagtäglicher Einfluß auf den Weg der deutschen Sprache wäre wohl eine Studie wert (falls es nicht längst welche gibt).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.07.2013 um 03.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23751

Deskriptiv hat Herr Riemer recht, d. h. sein Tempusgebrauch reiht sich in die Verhältnisse ein, wie ich sie hier zur Diskussion gestellt habe (stellte?). Ich habe wahrscheinlich auch schon oft so geschrieben. Beim Überarbeiten meiner Texte würde ich es dann wohl ändern, aber dazu komme ich nicht immer.

Eine interessante Sprache für Sprachfuturologen ist, ob die Unterscheidung von Erzählen und Besprechen im deutschen Tempussystem jemals wiederhergestellt werden kann oder ob die deutsche Sprache ganz andere Wege gehen wird. Es wäre ja auch vorher die Einigung zwischen Norden und Süden notwendig, womit es gute Weile zu haben scheint.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.07.2013 um 22.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23749

Lieber Herr Virch, ich hoffe, Sie glauben mir das jetzt, ich hatte tatsächlich so angefangen und habe es dann geändert. Und der einzige Grund dazu war keine grammatische Überlegung, sondern ich wollte mich gerade in diesem Beitrag so kurz wie möglich fassen. Vielleicht ist das auch ein Grund für Ihre allgemeine Beobachtung. Das Präteritum ist halt manchmal wesentlich kürzer, und, ich weiß nicht genau, aber ich halte es nicht unbedingt nur für das Erzähltempus. Auch Perfekt und Imperfekt – meistens denke ich wohl daran, halte mich auch schon rein gefühlsmäßig eher daran. Und ich mach auch mal einen Fehler. Aber in diesem Fall denke ich, war es wegen der gewollten Kürze berechtigt.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 26.07.2013 um 22.19 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23747

Lieber Herr Riemer, warum schreiben Sie "Ich kam erst jetzt dazu, diese Petition zu lesen"? Keine Kritik – es interessiert mich einfach, weil ich das Imperfekt allenthalben unmotiviert zunehmen sehe. Eigentlich würde man doch sagen "Ich bin erst jetzt dazu gekommen, diese Petition zu lesen." Warum das Erzähltempus?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.07.2013 um 20.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23746

Ich kam erst jetzt dazu, diese Petition zu lesen. Ich halte sie für hochgradig tendenziös. Mit dem Thema "heilige Texte" hat das nichts zu tun.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.07.2013 um 19.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23745

Ich weiß nun wiederum nicht genau, was Sie, liebe(r) Pt, unter heilig verstehen. Ich bin jedenfalls nicht religiös, wenn ich heilig schreibe, meine ich damit etwas auf eine Art Feierliches oder so ähnlich. Auf Personen würde ich das nicht beziehen.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 26.07.2013 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23744

Manfred Riemer, #22734

''... während ich meine, das GG ist nun mal unser höchstes Gesetz und eine gewisse "Heiligkeit" hat es darum einfach an sich.''

Lieber Herr Riemer, Sie meinen also, daß etwas ''Höchstes'' damit automatisch auch ''heilig'' ist?

Ist diejenige Person, die das höchste Amt im Staate bekleidet, damit automatisch auch ''heilig''?

Bei einer Götterhierarchie kann man das ja noch verstehen, der höchste Gott ist am heiligsten, selbst wenn er die gnadenlose Auslöschung seiner Feinde befiehlt. Als Gott steht man ja außerhalb aller Moral, diese bürdet man nur seinen Gläubigen auf.

Kann etwas von Menschen Geschaffenes wie das GG ''heilig'' sein, insbesondere wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen es geschaffen wurde? Ist eine heilige Sache für immer und ewig heilig, oder könnte sich dieser Zustand einmal ändern, z. B. wenn sich die Gesellschaft ändert?
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 26.07.2013 um 18.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23743

Weil sich gerade die Gelegenheit ergibt, möchte ich auf folgende Petition aufmerksam machen:

„Recht auf Sparen und gleiches Einkommen auch für Menschen mit Behinderungen“

Lesen Sie bitte auch die Kommentare, in denen u. a. dargelegt wird, wie deutsche Gesetze ohnehin schon durch Behinderungen benachteiligte Menschen ohne Not in schwierige und unmenschliche Situationen bringen.

Dies ist nur ein Beispiel, es gibt auch auf vielen anderen Gebieten rechtliche Regelungen, die Menschen ohne eigenes Verschulden früher oder später in finanzielle Not bringen (z. B. im Erbrecht, in bezug auf Zwangsversteigerung zur Aufhebung der Erbengemeinschaft).

Ich frage mich dann immer wieder, wie solche Gesetze in einem sozialen Rechtsstaat existieren können, insbesondere gerade wegen der hier von manchen vorausgesetzten ''Heiligkeit'' des Grundgesetzes. Wenn ''heilig'' von ''heilen'' kommt, dann sollte ein ''heiliges'' Grundgesetz die Probleme der Menschen ''heilen'' helfen, nicht aber neue Probleme bzw. Not schaffen. Wenn ''heilig'' etwas (im christlichen Sinne) Positives ist, dann sind solche Regelungen eher ''unheilig''. Wenn es so etwas wie ''den Geist des GG'' gibt, wie können dann in unserem Staat solche teils unmenschlichen Regelungen zustande kommen, insbesondere, da das GG ja als eine Art Leitfaden fungieren soll.

Wenn das Grundgesetz von Freiheit und Gleichheit seiner Bürger ausgeht, wieso kann es da auf Ebenen unterhalb des GG Gesetze geben, die eh schon benachteiligte Bürger wie in obigem Beispiel noch weiter benachteiligen und ein normales Leben unmöglich machen? Und, vor allem, wieseo hat man das in den Jahrzehnten des Bestehens der Bundesrepublik nicht gesehen und korrigiert?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2013 um 07.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#23088

Das Ehepaar Trimondi hat in umfangreichen Büchern, die z. T. ganz interessantes Material enthalten, nachzuweisen versucht, daß die Bhagavadgita ein prima Handbuch für SS-Leute ist. (Das interessante Material betrifft die Indien- und Tibetmanie Himmlers und des Ahnenerbes.) Man könnte sagen, daß in der Gita gelehrt wird, wie man ohne Skrupel andere Menschen umbringt, einfach weil es Pflicht ist (dharma). Solange man innerlich unbeteiligt bleibt, verstößt man nicht gegen die Regeln der Moral. Das erinnert an die berüchtigte Rede Himmlers, worin er seine Männer lobt, weil sie bei all ihrem Morden "anständig" geblieben seien.

Nun, ich lese die Bhagavadgita gerade noch mal unter diesem Gesichtspunkt, finde sie übrigens mehr denn je unübersetzbar, aber soviel kann man wohl sagen: Die Verwandtschaft mit der SS-"Moral" ist natürlich an den Haaren herbeigezogen. In der Gita ist die Frage des Tötens und der Kastenpflichten in ein ganz anderes ideologisches System eingebaut. Es genügt schon der Hinweis, daß unter den Kriegern der Kauravas und Pandavas kein Verächtlichmachen von zu vernichtenden Untermenschen in Betracht kommt. Sie betrachten einander selbstverständlich als ebenbürtig, sind ja auch buchstäblich Brüder. Das muß man nicht weiter ausführen, es entspricht den Verhältnissen in anderen Epen wie der Ilias.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.04.2013 um 06.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22903

Wenn Sie sich die Zehn Gebote anschauen, werden Sie feststellen: Das unterscheidet sich nicht sehr von dem, was in unserer Verfassung steht. (Sigmar Gabriel im Interview mit der Berliner Morgenpost, 30.3.13)

Welchen der beiden Texte hat Gabriel nicht gelesen? Bekräftigt das erste der Gebote vielleicht die Religionsfreiheit? Stimmen die meisten anderen nicht eher mit dem Strafgesetzbuch als mit dem Grundgesetz überein? Bleibt noch die Sonntagsruhe.
 
 

Kommentar von Bockwurst, verfaßt am 21.03.2013 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22841

Richtig – die Marx-Engels-Gesamtausgabe hat heute auch nicht mehr viele Leser, so als verblichene heilige Schrift.
 
 

Kommentar von Marco Niemz, verfaßt am 01.03.2013 um 23.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22735

Ähnlich wie bei anderen "heiligen Schriften" genießt das deutsche Grundgesetz nur bei den Angehörigen der jeweiligen Religion beziehungsweise in diesem Fall des jeweiligen Volkes (hier das "deutsche Volk") zumindest teilweise hohes Ansehen und tiefe Verehrung. Für Angehörige anderer Völker/Nationen ist es, wenn sie in Deutschland leben, ziemlich, und für die Ausländer außerhalb Deutschlands sogar völlig bedeutungslos und mit keinerlei Empfindungen verbunden, gleichgültig, ob sie es überhaupt lesen und verstehen können oder nicht. Diese "relative Heiligkeit" trifft auch auf die Offenbarungsschriften anderer Religionen zu.

Ganz deutlich wird die Absurdität der – in diesem Fall ehemaligen – Anbetung heiliger Schriften bei Religionen, die es nicht mehr gibt, das heißt, die keine Anhänger mehr haben.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.03.2013 um 19.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22734

Pt hält ja nun das GG gerade nicht für heilig, sondern für etwas ganz Profanes, und bezieht sich mit "heilige Schrift" ironisch auf das Verhältnis anderer zum GG. Dazu wollte ich sagen, so ironisch ist das eigentlich gar nicht, das GG hat durchaus etwas Heiliges.

Soweit stimmen wir also überein, lieber Herr Achenbach. Der Unterschied ist vielleicht, daß Sie meinen, diese "Heiligkeit" stamme sozusagen ungerechtfertigt aus seiner häufigen Überhöhung, während ich meine, das GG ist nun mal unser höchstes Gesetz und eine gewisse "Heiligkeit" hat es darum einfach an sich.

Wenn sich jemand aufs GG bezieht, weil es einer bestimmten Sache widerspricht, ist das für mich kein Totschlagargument. Dem GG darf nun mal nichts widersprechen. Wenn es zutrifft, ist die Sache damit erledigt, und das Argument hat schlicht gepaßt.

Das GG ist aber sehr allgemein gehalten. Wenn ich z. B. behaupte, die Beschneidung von Säuglingen und Kleinkindern widerspreche dem GG, dann will ich nichts totschlagen, sondern sage damit, daß ich der Ansicht bin, daß eine Beschneidung dem vom GG garantierten Recht der körperlichen Unversehrtheit widerspricht. Jemand anders mag sagen, durch Beschneidung wird niemand versehrt, sie verstößt nicht gegen das GG. Das müssen dann die Richter klären.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.03.2013 um 18.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22733

Das Zauberwort hieß jahrzehntelang "Freiheitlich demokratische Grundordnung (FdGO)".
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.03.2013 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22730

Lieber Herr Riemer,

so unrecht hat Pt ja nicht, wenn er das Grundgesetz als „heilige Schrift" bezeichnet.

Zunächst regelt das Grundgesetz ja nur den grundlegenden Staatsaufbau und die staatlichen Kompetenzen gegenüber den Bürgern. Eingriffen des Staates gegenüber seinen Bürgern setzen die Grundrechte Grenzen. Daher ist das GG unmittelbar nur für die staatlichen Instanzen (Regierung, Parlament, Justiz) geltendes Recht – nicht aber für die Bürger des Staates.

Demgegenüber gibt es heute eine starke Tendenz, das GG als ein allgemeinverbindliches Wertesystem zu überhöhen. Dadurch gewinnt das Grundgesetz tatsächlich etwas den Charakter einer „heiligen Schrift“ mit seiner eigenen Morallehre. Die Berufung auf das GG wird dadurch leicht zu einem Totschlagargument; wer anderer Meinung ist, wird damit implizit als unmoralisch, ja zum „Verfassungsfeind“ erklärt.

Natürlich ist das GG durch das Parlament nicht so leicht zu ändern wie ein einfaches Gesetz. Die Unzahl trotzdem erfolgter Änderungen und der Erweiterungen und Umdeutungen durch das BVerfG scheinen mir aber zu zeigen, daß das GG so „stabil“ nun auch nicht ist.
 
 

Kommentar von Bockwurst, verfaßt am 22.02.2013 um 18.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22701

Zu "Eitelkeit" cf. "Das Lob der Torheit" des Erasmus von Rotterdam.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.02.2013 um 16.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22692

Das Grundgesetz ist ja nun bei uns das allgemeinste Gesetz, auf dem alle anderen aufbauen, für seine Änderung gelten besondere Regeln, es ist wesentlich stabiler als andere Gesetze. Sogesehen hat es tatsächlich etwas Heiliges, wer wollte das leugnen bzw. was ist daran nicht nachvollziehbar? Im Strang "Zahlenblind" wird m. E. in dieser Richtung nicht übertrieben.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 21.02.2013 um 13.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22691

Für manche Diskussionsteilnehmer hier scheint das Grundgesetz eine heilige Schrift zu sein, siehe z. B. den Thread ''Zahlenblind'', was ich nun gar nicht nachvollziehen kann.
 
 

Kommentar von Bockwurst, verfaßt am 20.02.2013 um 14.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22682

Nein, das war kein Spambot, sondern das Firefox-Addon "Reload every". Wenn man es anweist, diese Seite alle 5 sek neu zu laden, schreibt es ebensooft denselben Kommentar hinein. Eine, wie ich meine, inspirierende Mehrwertfunktion für nächtlich Umgetriebene, die ich als vernünftige Bockwurst aber nicht weiter einsetzen will und ja auch sofort nach Erkennen gestoppt habe.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 20.02.2013 um 13.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22680

Bockwurst hatte neulich in einem älteren Strang ein und denselben Beitrag, überdies ohne jeden Bezug zum Thema und zum bis dahin einzigen Kommentar, gut ein Dutzend mal eingetragen. In der Annahme, es handle sich um einen Spambot, habe ich die Einträge entfernt. Vielleicht fühlt sie sich ja deshalb ausgeschlossen.

Liebe Frau/lieber Herr Bockwurst! Eine Diskussion zuzumüllen ist vor allem kindisch. Despektierlich dürfen Sie schon sein, solange Sie dabei manierlich sind. Der Senf gehört auf den Teller, nicht an die Wand.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2013 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#22677

Das bleibt ohne Beleg eine nicht nur despektierliche, sondern diffamierende Behauptung, die ich am liebsten löschen würde. Allerdings habe ich noch nie etwas gelöscht, außer auf Wunsch des Verfassers.
Übrigens meine ich, wie schon oft gesagt, daß Anonymität jeden Anspruch auf Respekt ausschließt. Das heißt nicht, daß man es nicht stehen lassen könnte, aber mehr als zur Kenntnis nehmen möchte ich es auch nicht.
 
 

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