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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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13.04.2012
 

Friede sei mit euch!
Sprachliche Akrobatik zur Religionsfreiheit

Die kostenlose Verteilung von Koranausgaben kann natürlich nicht verhindert werden, da es im Sinne der Religionsfreiheit nichts Einfacheres gibt als die Verbreitung der Grundtexte.
Daß die Druckerei, die jetzt eine Stornierung des Druckauftrages der Salafisten erwägt, überhaupt beim Verfassungsschutz und der Kriminalpolizei angefragt hat, ob gegen den Druck des Korans etwas einzuwenden sei, ist skandalös genug.

Nun bemühen sich Politiker um den Nachweis, daß selbstverständlich nicht der Koran an sich, sondern die Organisation, die ihn verteilt, verboten werden sollte. Es wird interessant sein, die weitere Entwicklung zu verfolgen, gerade in sprachlicher Hinsicht. Bisher zeichnet sich ab, daß angeblich der "Religionsfrieden" gestört werde, wenn die Muslime ebenso Propaganda (übrigens ein christliches Wort) machen wie bisher die Christen, deren Grundschrift man ja auch kostenlos erwerben kann. Juristen freilich können alles (s. Rundfunkgebührengutachten!), und so werden sie es vielleicht noch hinkriegen, den Koran verbieten zu lassen.

(Ich kenne die fragliche Ausgabe noch nicht, nehme aber an, daß die Neuübersetzung, die mein Freund Hartmut Bobzin gerade herausgebracht hat, besser ist.)



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Kommentare zu »Friede sei mit euch!«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.10.2017 um 04.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36629

Was die Wochentage betrifft, so ist der Sonntag als Ruhetag ja jüdisch, nicht christlich. Die Bibel ist vielfältig auslegbar, aber ein unbefangener Leser wird wohl zu der Ansicht kommen, daß Jesus sich gegen die jüdische Orthodoxie gewandt und die strenge Beachtung des Sabbat kritisiert hat (Mk 2, 27 u. ö.), wie er denn hauptsächlich gegen den religiösen Gesetzesformalismus kämpfte.

Wo man die Sieben-Tage-Woche nicht kannte, gab es viele andere Gelegenheiten, die Arbeit ruhen zu lassen, z. B. in Griechenland und Rom. Unser indisches Personal gab vor, die christlichen, muslimischen und hinduistischen Feste zu feiern, was bedeutete, jedesmal die Hand aufzuhalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.10.2017 um 04.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36628

Sag ich ja. Die verbliebenen Gläubigen sehen es natürlich nicht so. Es ging übrigens darum, was den Christen entzogen wird, wenn die 5 Mill. Muslime ebenfalls einen klitzekleinen Feiertag bekommen.

Und zu Herrn Achenbach:

In Frankreich findet grundsätzlich kein schulischer Religionsunterricht statt. 1905 beschloss das damalige Parlament das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat; dieses gilt bis heute. In drei Départements Frankreichs (Haut-Rhin, Bas-Rhin und Moselle) trat das Gesetz von 1905 nicht in Kraft, weil sie von 1871 bis Kriegsende 1918 bzw. bis zum Inkrafttreten des Versailler Vertrags als Reichsland Elsaß-Lothringen ein Bestandteil des Deutschen Reiches waren. Dort gilt noch das Konkordat von 1801; in diesen Départements wird ein schulischer Religionsunterricht in staatlicher Trägerschaft erteilt.

Selbst wenn es sich nicht um diese Ausnahme handelte, wäre der Hinweis, auch anderswo genieße die Kirche Privilegien, nicht relevant. Es bleiben Privilegien, und darum ging die Diskussion.

Man hat ja oft gesagt, in den USA seien die Reigionsgesellschaften gerade deshalb so aktiv und erfolgreich, weil sie sich tatsächlich konkurrierend um ihre Anhänger bemühen müssen. Auch bei uns fordern manche Theologen daher eine strengere Entstaatlichung der Kirchen. Wo die Kirche gefühlsmäßig zu "denen da oben" gehört, ist die Bindung der Gläubigen weniger stark als dort, wo sie das Gemeindeleben als ihre eigene Sache ansehen.

Aber jetzt will ich mich wieder aus solchen Betrachtungen ausklinken, die mich ja eigentlich nichts angehen.

 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 16.10.2017 um 22.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36627

Die Genese der Feiertage ist interessant, aber für die Praxis unerheblich. Dem entspricht auch, daß alte Kirchen heute ganz überwiegend wie Museen besucht werden. Wenn die ursprüngliche Bedeutung eines (christlichen ) Feiertags verblaßt, erfindet man entweder eine neue oder feiert auch ohne eine solche. Der arbeitsfreie Samstag ist ja auch so etwas wie ein Feiertag ("Am Samstag gehört Vati mir"...) Das wichtigste für die "hart arbeitende Bevölkerung" ist es, arbeitsfrei zu haben. Darauf weisen auch die Berechnungen am Jahresbeginn hin, mit denen den Erwerbstätigen schon einmal die Aussicht auf einen reichen Segen an solchen Tagen vermittelt wird. Wenn sie es "geschickt" anstellen, können sie ein Maximum herausholen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 16.10.2017 um 22.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36626

Selbst im säkularen Frankreich gibt es staatlichen Religionsunterricht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2017 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36622

Nicht mit den Feiertagen, mit den Privilegien.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.10.2017 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36620

Ja, aber was hat das mit den Feiertagen zu tun? Die ursprünglich christlichen Feiertage gehören nicht allein der Kirche. Sie sind auch nicht auf Deutschland beschränkt, sondern gelten so ähnlich überall im westlichen Kulturkreis.

Sie bestreiten zwar nicht die fortschreitende Bedeutungsentleerung der religiösen Feiertage, ignorieren diese dann aber trotzdem.
Und daß ursprünglich religiöse Feiertage außerdem längst eine neue Bedeutung und Berechtigung über die Religion hinaus bekommen haben, nehmen Sie gar nicht erst zur Kenntnis.
Beides spielt doch aber eine Rolle bei der Frage, ob die christliche Religion vom Staat bevorzug wird.

In vielen Dingen ist das leider noch so, aber die Feiertage, zumindest die 3 Hauptfeste, sind m. E. allgemeines Volksgut geworden und haben mit Bevorzugung von Kirche nichts zu tun.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2017 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36618

Unter den Beispielsätzen, die ich aus anderen Gründen gesammelt habe (rhetorische Frage), finde ich gerade:

Wo sonst in der Welt ist Religion ordentliches Unterrichtsfach, haben Kirchen Anspruch auf Sendezeiten im öffentlich-rechtlichen wie im Privatrundfunk, gibt es staatlich finanzierte Militärseelsorge und vieles andere mehr? (FAZ 6.12.03)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2017 um 05.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36610

Mögen christliche Feiertage hierzulande innere Plausibilität verlieren, so sind sie noch immer Erinnerungsorte der Prägung unserer Kultur durch das Christentum. (Daniel Deckers FAZ 16.10.17)

Abgesehen davon, daß Feiertage keine „Orte“ sind – dann wären christliche Feiertage also Gedenkveranstaltungen? Na gut, wenn die Theologen selbst das so sehen, bin ich einverstanden: Wir alle erinnern uns daran, daß Deutschland einst vom Christentum geprägt war. Aber es stimmt natürlich nicht. Die Feiertage werden in Gottesdiensten und besinnlichen Leitartikeln durchaus als religiöse Feiern begangen. Das muß man verleugnen und verraten, um den Muslimen nicht ebenfalls welche zugestehen zu müssen. – Manchmal melden sich noch Theologen der strengeren Observanz und kritisieren den Übergang von Glaubensinhalten zu "kultureller Prägung" als laues Wischiwaschi; sie haben meine Sympathie.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.10.2017 um 00.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36607

Ich habe ja auch schon (wenn ich mich recht erinnere, sogar öfters) gesagt, daß ich mit dem Stand der Trennung von Staat und Kirche nicht zufrieden bin. In fast allen Punkten bin ich darin Ihrer Meinung, lieber Prof. Ickler, und auch der christliche Feiertagskalender wäre für mich kein Tabu. Zum Beispiel könnte er bundesweit vereinheitlicht werden. Was tatsächlich für mich absolut tabu wäre, sind irgendwelche Eingriffe in die Hauptfeste Weihnachten, Ostern, Pfingsten und die Einführung jeglicher neuer gesetzlicher Feiertage irgendeiner Religion (einschl. der christlichen). Nur, dessen bin ich mir sicher, dies wird alles im den nächsten 30–50 Jahren kommen, wenn bis dahin kein Wunder mehr geschieht.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 16.10.2017 um 00.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36606

Neujahr ist auch kein christlicher Feiertag.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.10.2017 um 22.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36605

Die islamischen Feiertage richten sich nach dem reinen Mondkalender und verschieben sich daher durch unser ganzes Jahr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2017 um 20.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36604

Die staatsrechtliche Literatur zur "hinkenden Trennung" von Staat und Kirche ist breit genug. Auch betonen ja die Mächtigen beider Seiten unentwegt, der "Laizismus" passe nicht für Deutschland. Die faktische Bedeutungsentleerung bestreite ich nicht; gleichwohl bleiben es christliche Feiertage.

Gibt es irgend jemanden, der behaupten würde, zwischen Staat und christlichen Religionsgesellschaften gebe es in Deutschland kein besonderes Verhältnis? (Staatsverträge, das inoffiziell so genannte Staatskirchenrecht – einfach verleugnen?) Ob man es "Privilegien" nennt oder wie auch immer, ist mir egal.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.10.2017 um 20.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36603

Wir reden von Privilegierung von Religionsgemeinschaften.
Was ist denn ein Privileg?

Wenn eine Partei bei einer Wahl die absolute Mehrheit erreicht und daraufhin den Kanzler stellt, ist das nicht Ausdruck eines Privilegs dieser Partei oder ihrer Wähler, sondern ergibt sich aus der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz.
Privilegiert wäre eine Gemeinschaft, wenn sie mehr bekommt, als ihr nach dem Gleichheitsgrundsatz zusteht.

Die deutsche Bevölkerung ist zu ca. 1/3 konfessionslos, zu 2/3 religiös. Von den 2/3 Religiösen sind etwa 90% Christen und 10% Muslime, die anderen Religionen kann man in diesem Zusammenhang vernachlässigen.

Bundesweit haben wir 9 Feiertage, davon 3 weltliche (den Neujahrstag muß man wohl auch dazu zählen) und 6 kirchliche (ohne die Feiertage, die ständig auf Sonntage fallen).

Meiner Meinung nach spiegelt sich hierin immer noch ziemlich genau das Größenverhältnis der Religionen zueinander und zu Atheisten wider. Darum meine ich, das Christentum ist bei uns nicht besonders privilegiert, was die religiösen Feiertage betrifft.

Die historische Entwicklung der Feiertage und den Fakt, daß sich um sie ein großes nichtreligiöses Brauchtum entwickelt hat, das sie mehr und mehr zu Feiertagen (nicht zu bloßen Freitagen) der gesamten Bevölkerung und zu Eckpfeilern der ganzen westlichen Kultur macht, muß man dabei natürlich berücksichtigen. Unsere ursprünglich kirchlichen Feiertage gehören nicht den Kirchen allein, genau wie alte, berühmte Kirchengebäude Denkmäler unseres ganzen Kulturkreises und nicht nur der Christen sind.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 15.10.2017 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36602

Muß man Feiertage überhaupt begründen? Wie wird eigentlich der Sonntag begründet? Da dürfte doch der biblische Hintergrund den meisten nicht mehr bewußt sein. Trotzdem wird er niemals abgeschafft werden. So auch mit den christlichen Festen. Auch wenn es eines Tages gar keine Christen mehr geben sollte, werden die Feiertage erhalten bleiben. Wir sehen es ja schon am "Vatertag". Das "Volk" schafft sich seine eigenen (Be-)Deutungen. Das ist eben doch ein bißchen mehr als "Gerede".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2017 um 17.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36601

Die gesetzlich festgelegten kirchlichen (!) Feiertage sind selbstverständlich rein religiös begründet, ebenso wie die anderswo diskutierten Tanzverbote usw. Das volkstümliche Gerede von Osterhasen und Vatertag ist irrelevant. Der Staat schützt keinen Vatertag, und die Unternehmer bezahlen keinen. Der Glaubensschwund ist eine Sache, die Privilegierung eine andere - wie kann man darüber überhaupt streiten?
Das unbestimmte Reden vom christlichen "Ursprung" reicht nicht aus. Ohne Himmelfahrt kein "Christi Himmelfahrt". Ich muß anscheinend wieder mal ernsthafter über solche Dinge reden als manche Christen selbst.
Von "Auffrischung" durch islamische Feiertage hat niemand gesprochen, oder?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.10.2017 um 14.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36600

Es gibt überhaupt keinen Anspruch auf einen gesetzlichen Feiertag! Für niemanden!
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.10.2017 um 13.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36599

Nicht jede Minderheit kann einen gesetzlichen Feiertag beanspruchen. Ich vermisse Zahlenangaben über orthodoxe Christen, Juden, Muslime, Sinti und Roma usw. in Deutschland.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.10.2017 um 11.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36598

Der Staat will nicht die Privilegierung des Christentums zur Diskussion stellen?
Das tut er doch schon, und dagegen ist auch gar nichts zu sagen. Gerade hinsichtlich der Feiertage kann man aber nicht von einem Privileg des Christentums sprechen. Wenn unsere Feiertage bis auf 1. Mai und 3. Okt. alle christlichen Ursprungs sind, dann entspricht das dem Lauf der Geschichte und dem traditionellen christlichen Bevölkerungsanteil. Inzwischen haben sich die rein kirchlichen Hintergründe längst mit ganz profanen Bräuchen vermischt, Weihnachtsmann, Osterhase, Vatertag, Pfingsten als Frühlingsfest, es stimmt, daß der religiöse Sinn immer mehr in Vergessenheit gerät. Längst sind die großen Feste keine rein christlichen mehr, sondern allgemeine Feste, die ihren Platz in unserem Brauchtum gefunden haben. Deshalb ist es nicht zulässig, darin eine Privilegierung des Christentums zu sehen oder historisch gewachsene Bräuche gegen christliche, jüdische, buddhistische, islamische oder hinduistische Feiertage aufzurechnen. Unsere Kultur ist heute zuallererst säkular, sie braucht keinerlei "Auffrischung" durch irgendeine Religion.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.10.2017 um 11.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36596

Während des Jugoslawien-Krieges sind sehr viele bosnische Muslime nach Deutschland gekommen. Sie sind überhaupt nicht aufgefallen, denn sie sind ja Europäer. Entscheidend ist folglich nicht die Religion, sondern die Kultur.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2017 um 04.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36588

Es gibt kirchliche Feiertage, über deren religiösen Sinn auch Kirchenmitglieder so gut wie nichts wissen und den sie auch nicht verstehen würden, weil er in eine lange vergangene Ideologie ("Erzählung") eingebettet ist. "Feiern" heißt heute einfach "bezahlte Freizeit", man braucht nicht mehr "etwas" zu feiern. Darum wacht die Gewerkschaft strenger als die Kirchen über die Beibehaltung gesetzlicher Feiertage. Vielleicht kommt von dieser Seite die mächtigste Fürsprache für islamische Feiertage. Der theoretisch weltanschaulich neutrale Staat kann sich dem kaum verschließen, wenn er nicht die Privilegierung des Christentums zur Diskussion und Disposition stellen will.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 14.10.2017 um 21.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36587

Verlässt Frankreich die Organisation (= die Unesco) als Nächstes? FAZ v. 14.10.

Von der unsinnigen Großschreibung abgesehen: Richtig müßte es heißen "als nächster" oder "als nächstes Land" (nach den USA nämlich).

"als nächstes" bedeutet: nachdem es etwas anderes getan hat
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 14.10.2017 um 19.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36586

Nach Sieferle wird der Sozialstaat, wie wir ihn kennen, unter dem Ansturm der Migranten zusammenbrechen. Mit ihm dann auch der Rechtsstaat, denn seine Legitimation und Akzeptanz empfängt der moderne Nationalstaat aus der im Laufe der Zeit immer weiter ausgedehnten Sozialfürsorge. Als Herr über das Staatsgebiet und seine Grenzen hat er ja bereits versagt. Sieferle sieht eine "Tribalisierung" auf Deutschland zukommen. D.h. es wird sich eine Stammesgesellschaft herausbilden, wie wir sie z.B. in vielen Regionen Afrikas sehen. Konflikte werden dann nicht mehr vor allein zuständigen Gerichten, sondern innerhalb des Stammes ausgetragen. Die Bio-Deutschen werden dann nur noch ein Stamm unter anderen sein. Ein Blick auf die Geburtenraten macht dieses Szenario mehr als wahrscheinlich.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.10.2017 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36585

Vor vielen Jahren wurde ganz ernsthaft über die Abschaffung des Pfingstmontags als gesetzlicher Feiertag diskutiert. Der Buß- und Bettag wurde der Evangelischen Kirche abgehandelt. Nichtchristliche Feiertage sind der 1. Mai und der 3. Oktober, früher war es der 17. Juni. Rein katholische gesetzliche Feiertage sind Allerheiligen und Mariä Himmelfahrt. In Augsurg-Stadt gibt es das evangelische Friedensfest als gesetzlichen Feiertag.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 14.10.2017 um 17.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36583

Die gesellschaftlichen (Schande, uneheliches Kind...) und rechtlichen (Konkubinatsverbot)Schranken für Paare in "wilder" Ehe (so wild war und ist daran nichts...) sind fast völlig verschwunden. Aber mit dem Verschwinden fehlt auch sozusagen der Zündfunke für die große leidenschaftliche Liebe. So beobachten wir heute, daß viele junge Paare sich die Leidenschaft mit ihren Höhenflügen, Abstürzen, Ängsten und Rauschzuständen ersparen, es sich lieber gemütlich machen und jahrelang – kinderlos – unverheiratet ganz zufrieden zusammenleben. Warum auch nicht? Was man nie gekannt hat und nicht einmal erahnen kann, das vermißt man auch nicht. Und warum noch heiraten? Vielleicht geht es den Partnern aber auch so: Das altgewordene Paar vor dem Kamin. Sie: "Schatz, sollten wir nicht endlich heiraten?" – "Ja, aber wer will uns jetzt noch haben?"
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 14.10.2017 um 15.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36582

"Verändert hat sich seit der vorherigen Erhebung 2011 aber auch die Zusammensetzung der Schülerschaft. Der Anteil der Viertklässler mit Migrationshintergrund erhöhte sich um mehr als ein Drittel auf 34 Prozent.“
(http://www.zeit.de/news/2017-10/13/bildung-bildungsstudie-zeigt-niveau-bei-deutschlands-grundschuelern-13050603)
Die 34% werden von vielen Medien gemeldet, aber meist nur zur Rechtfertigung der verschlechterten Leistungen in den Grundschulen. Wenn es um Integration geht, greift man zu kommoderen Zahlen.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 14.10.2017 um 15.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36581

Es ist noch nicht allzu lange her, da stellten die Eltern das größte Hindernis für junge Liebende dar. Eine Liebesbeziehung sollte üblicherweise in die Ehe münden. Und wenn die Eltern verfeindet waren oder sonst nicht wollten, dann sah das unglücklich-glückliche Paar nur den Ausweg des gemeinsamen Suizids (wie so wunderbar, wunderbar zu Herzen gehend, in Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe" erzählt) oder der gemeinsamen Flucht. – Das ist heute ganz anders: viele Eltern bieten dem jungen Paar sozusagen das eigene Bett zur Gestaltung seines Geschlechtslebens an. So ist beiden gedient: die Jungen müssen sich nicht mühsam ein Refugium suchen, die Alten behalten die Aufsicht und können nebenbei ihre inzestuösen Phantasien ausleben. – Aber es gibt natürlich noch eine ganz andere Art von Liebe, man nennt es auch Leidenschaft..., den anarchistischen, konspirativen amor furtivus. Davon erfährt man nur meistens nichts, weil die Paare klug genug sind, Verschwiegenheit als oberste Bedingung ihres Glücks zu bewahren.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.10.2017 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36580

Lieber Professor Ickler,
ich staune manchmal über Ihren Optimismus. Ist es etwa kein Anhaltspunkt, daß jetzt schon, wo ein islamischer Feiertag noch ganz unrealistisch ist, ständig darüber geredet wird? Kann man eine jetzt schon absehbare Entwicklung einfach ignorieren, die eines nicht mehr allzu fernen Tages zur Mehrheit der Muslime bei uns führen wird? Gegenwärtig wird seitens der Politik nichts dagegen getan. Es heißt immer sinngemäß, wieso auch, ist doch alles gut. Aber wenn es mal nicht mehr gut ist, dann wird es auch zu spät sein. Glauben Sie wirklich, daß sich eine muslimische Mehrheit mit der Auswechslung nur eines religiösen Feiertages zufriedengeben wird? Woher nehmen Sie die Gewißheit, daß es dann überhaupt so weitergeht wie bisher, mit Toleranz, Religionsfreiheit, Demokratie? Ich weiß schon, Sie sagen einfach, eine muslimische Mehrheit wird es nie geben, und wenn, dann haben sich die Zugewanderten zumindest so weit assimiliert, daß sie die Scharia und den politischen Anspruch des Islam ablehnen.
Aber wir sehen doch, wie diese Assimilation in den Parallelgesellschaften unserer größeren Städte bis heute funktioniert. Gar nicht. Warten wir mal noch ein paar Jahre und lassen die Dinge so weiterlaufen, dann gnade uns Allah.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 14.10.2017 um 14.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36579

Und das Bemerkenswerteste ist: Die Muslime schaffen das ganz ohne Krieg und Umsturz, allein durch ihre Geburtenzahl. Die reduziert sich auch nach mehreren Generationen nicht auf das Maß derjenigen, "die schon länger hier leben". Bei denen ist jeweils die Enkelgeneration nur halb so groß wie die der Großväter. Und es ist nicht wahrscheinlich, daß ein seit 40 Jahren bestehender Trend sich schnell ändern könnte. Wenn es etwas gibt, was sich sehr exakt und auf lange Sicht voraussagen läßt, dann ist es die demographische Entwicklung – die durch die Zuwanderung noch einmal ein ganz neues Gesicht bekommen hat. Den zugewanderten jungen Männern fehlen zur Fortpflanzung nur noch die Frauen. Aber die werden ja nun bald nachgezogen werden. Das dient bekanntlich der Integration.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2017 um 13.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36577

Dafür gibt es keine Anhaltspunkte, außer daß es einen islamischen Feiertag geben könnte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.10.2017 um 12.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36576

Niemand wird die CDU/CSU noch nach ihrer Meinung fragen, wenn sie in 30 Jahren bei 10% angekommen ist. Es wird dann eine islamische Volkspartei geben, islamische Feiertage sowie nach und nach die Abschaffung der christlichen werden eine Selbstverständlichkeit sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2017 um 09.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36572

"Unser christliches Erbe ist nicht verhandelbar", sagte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt der "Bild"-Zeitung. "Islam-Feiertage in Deutschland einzuführen, kommt für uns nicht in Frage."

Das wäre halbwegs logisch, wenn dafür christliche Feiertage gestrichen werden sollten, aber sonst?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2017 um 06.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36570

In wirklichen Demokratien wie der VR China hat die Revolution ein für allemal den Volkswillen zur Herrschaft gebracht, die volonté générale, verkörpert in der Kommunistischen Partei. (Gestern übrigens im Wirtschaftsteil der FAZ ein schöner Bericht aus China: "Geliebte Partei".) Darum wäre es buchstäblich ein Widersinn, eine Opposition aufzubauen, denn nur ein Verrückter könnte gegen sein eigenes Interesse arbeiten wollen. Die Regierung eliminiert daher mit Recht alle Dissidenten. Dazu bieten sich die modernen elektronischen Hilfsmittel an, zumal die Menschen nicht mehr so gewissenhaft wie früher ihre irregeleiteten Genossen dem Parteisekretariat zu melden scheinen.

Es gibt kein Problem. ("Geliebte Partei" ist übrigens die Briefanrede für Mitgliedsanträge.) Die Chinesen waren schon immer auf Harmonie bedacht. (Vgl. Wolfgang Bauer: China und die Hoffnung auf Glück.)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 13.10.2017 um 21.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36564

Ich vertraue keineswegs darauf, daß die technischen Möglichkeiten „auch in Zukunft immer streng nach den Vorschriften genutzt werden“. Gelegentliche Verstöße wird es immer mal geben. Ich sehe nur keinen Anlaß zu glauben, daß es im großen Maßstab zu systematischen Rechtsbrüchen kommen könnte.

Es gibt nichts im Leben, was nicht mißbraucht werden könnte. Sonst wird aber nicht gleich alles verboten, was mißbraucht werden könnte, z.B. LKWs, die sich ausgezeichnet als Terrorwaffen mißbrauchen lassen.

Mir ist nicht recht klar, was das Problem ist, das ich angeblich „gar nicht sehen“ will.

Meine Reaktion kam mir auch nicht besonders heftig vor, jedenfalls war sie nicht so beabsichtigt.

Nach wie vor ist mir aber nicht klar, was mit Ihren Äußerungen zu den Videoaufnahmen der Polizei sagen wollten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.10.2017 um 13.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36549

Zur Abwehr des Terrorismus sind Burkaverbot, Minarettverbot usw. nicht sonderlich geeignet, wohl aber zur Abwehr muslimischer Touristen. Das entdecken gerade die Österreicher, die mächtig von ausgabefreudigen Arabern profitieren. Das könnte zu einer Lockerung des Burkaverbots führen, oder man führt eine Klausel ein, wonach nur sehr teure Burkas getragen werden dürfen (Kassenzettel aufbewahren!). Auch den Österreichern dürfte das Hemd näher sein als die Burka.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.10.2017 um 07.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36542

„Nach einem rechtmäßigen Aufenthalt von acht Jahren hat jedermann einen Anspruch auf Einbürgerung. Ja, auf Einbürgerung. So wird auf kaltem Wege die Zusammensetzung des Staatsvolks verändert.“ (Reinhard Müller in FAZ 12.10.17)

Interessant ist das eingeschobene „Ja, auf Einbürgerung.“ Es klingt herausfordernd, etwa wie „Gell, das hast du nicht gewußt?“ Man soll sich empören. Daher auch der „kalte Weg“, ohne Beteiligung des Bundestags, wie Müller anschließend erläutert. Aber der hat doch den Anspruch auf Einbürgerung ausdrücklich geschaffen? Darüber geht Müller einfach hinweg. Außerdem besteht die Änderung in der „Zusammensetzung des Staatsvolks“ in der Abstammung der Neubürger, der guten alten Blutsverwandtschaft.

(Übrigens ist ein rechtmäßiger Aufenthalt von acht Jahren keine Kleinigkeit, das hat der Bundestag sich wohl auch gedacht. Und selbst dann wird die Staatsangehörigkeit nicht automatisch verliehen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2017 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36534

"Alle Schwarzen" usw. - das sind die Grenzfälle, die jetzt schon diskutiert werden. Wir hatten ja aus grammatischen Gründen auch schon die Männer, die allesamt "gespeichelt" werden. Der eingepflanzte Chip kommt vielleicht auf dem Weg über alte Menschen, die leicht verloren gehen. Wir treffen hier öfter solche, die aus Altersheimen oder einem psychosozialen Wohnheim in der Nähe kommen und sich nicht erinnern können, wo es lang geht, und manchmal werden sie auch im Wald gefunden, gerade noch rechtzeitig (Wärmebildkamera) oder auch zu spät. Dann die Bergwanderer.

Orwell ist insofern einschlägig, als die Fernsehgeräte zugleich die Zimmerinsassen beobachten können, was ja inzwischen praktisch verwirklicht ist.

So richtig kitschig möchte ich den alten Spruch wiederholen: Wenn es technisch möglich ist, wird es eines Tages auch gemacht.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.10.2017 um 15.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36533

Um belästigende Personenkontrollen zu vermeiden, hilft es wohl nur, einen Chip zu implantieren, der von der Polizei im Vorbeigehen ausgelesen und automatisch mit dem Gesuchten verglichen werden kann. Solche mit der empfangenen Energie zurückfunkenden Chips gibt es schon. Dann wäre auch kein Verhüllungsverbot nötig.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.10.2017 um 14.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36532

Was heißt selber schuld, diese Ironie ist hier fehl am Platz. Orwell hat damit auch nichts zu tun. Es ist doch selbstverständlich, daß jemand, der einem Gesuchten sehr ähnlich sieht, zunächst in die engere Auswahl der Verdächtigen gerät und genauer geprüft wird. Pech gehabt, könnte man da vielleicht eher sagen.

Genauso selbstverständlich ist auch, daß in Afrika zwei Menschen nicht schon deshalb ähnlich sind, weil sie beide schwarz sind, daß aber am Nürnberger Hauptbahnhof bei einem Schwarzen schon eine vielhundert- oder -tausendfach höhere Chance besteht, den Gesuchten gefunden zu haben. Da müssen sich die wenigen Schwarzen eben wohl oder übel einer genaueren Prüfung stellen. In anderen Fällen träfe es Menschen mit anderen hervorstechenden Eigenschaften genauso.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.10.2017 um 12.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36531

Natürlich ist es streng nach Vorschrift, daß jemand, der einem Gesuchten zufällig ähnlich sieht, an jeder Straßenecke festgehalten und überprüft wird. Schließlich ist er selber schuld, wenn er jemandem ähnlich sieht. Orwell läßt grüßen. Vor einigen Jahren traf es am Nürnberger Hauptbahnhof alle Dunkelhäutigen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2017 um 04.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36528

Kate hüllte die zarte Kugel in ein geschmackvolles blaues Spitzenkleid. (t-online 11.10.17 über den noch sehr kleinen Bauch der schwangeren Herzogin)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2017 um 03.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36526

Im Grunde liegen wir nicht weit auseinander, denn auch Sie erkennen ja die technischen Möglichkeiten an, vertrauen nur stärker als ich darauf, daß sie auch in Zukunft immer streng nach den Vorschriften genutzt werden. Außerdem beharren Sie auf der Bezeichnung "Kitsch" für meine Befürchtungen, was ich nicht ganz verstehe, weil "Kitsch" für mich anders definiert ist. Aber Wortklauberei ist nicht meine Sache, außer für die Synonymik.

Meine Betrachtung war nicht besonders originell, denn das Problem (das Sie gar nicht sehen wollen) wird seit Jahren ständig erörtert. Darum hat mich die Heftigkeit Ihrer Reaktion überrascht. (Komme mir vor wie der Bote, der beschimpft wird, weil er die schlechte Nachricht überbringt.)

Bei dieser Gelegenheit mal eine Frage: Früher konnte die Polizei Spuren nur dann einem Täter zuordnen, wenn sie von diesem schon etwas in der Hand hatte: Bilder, Fingerabdrücke, DNS. Wie ist das eigentlich mit den neuen "biometrischen" Paßfotos? Reichen sie nicht aus, um jede automatische Aufnahme "von der Straßenecke" zu identifizieren?
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 10.10.2017 um 22.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36525

„Schließlich werden die Bürger bald an jeder Ecke einer automatischen Gesichtserkennung unterzogen, darum müssen sie jederzeit ihr ganzes Gesicht zeigen. Früher wurden nur Tatverdächtige ‚erkennungsdienstlich behandelt‘, heute ist grundsätzlich jeder verdächtig.“

Wenn das nicht Kitsch ist, dann ist es reine Polemik. Ob eine Gesichtserkennung eingeführt wird oder nicht, ist noch völlig offen. Selbst wenn sie allgemein eingeführt würde, würde sie nur der Fahndung nach „Tatverdächtigen“ dienen. Mir sind jedenfalls keine gegenteilige Forderungen bekannt. Die Aussage, wonach „die Bürger bald an jeder Ecke einer automatischen Gesichtserkennung unterzogen“ würden, ist somit zumindest mißverständlich.

„Ich habe den Eindruck, daß keine Straftat geschieht, ohne daß die Polizei wenig später über Aufnahmen verschiedener Videokameras verfügt, die sie aber nur selten zu Fahndungszwecken herausgibt.“

Was soll denn damit ausgesagt werden?

Im übrigen waren wir schon immer alle verdächtig. Denn die Telefongesellschaften haben ja seit langem freiwillig die Verbindungsdaten nicht nur ihrer "tatverdächtigen" Kunden zu Abrechnungszwecken aufbewahrt. Daraus hat sich die Polizei bei ihren Ermittlungen gerne bedient.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.10.2017 um 04.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36490

Den "Kitsch" übergehe ich mal, das ist emotional. Ich weiß nicht, warum Sie mich dauernd mißverstehen. Aus der Überwachung "folgt" natürlich nicht, daß jemand verdächtig ist, sondern die grundlose Sammlung von Daten ("Vorrat") behandelt auch den Unverdächtigen schon so, als könne er einmal wegen etwas gesucht werden.
Und Sie scheinen mir die technischen Möglichkeiten zu unterschätzen, die Kosten und den Aufwand daher zu überschätzen. Speicherung ist billig geworden, und seit die Auswertung automatisiert ist, braucht auch kein Mensch mehr die Videos durchzusehen, was in der Tat eine natürliche Bremse war.

Aus allem, was ich bisher geäußert habe, dürfte hervorgehen, daß ich weder links bin noch zu Verschwörungstheorien neige, aber das lasse ich ebenfalls auf sich beruhen.

Ich habe keinen Einblick in die Einzelheiten, aber es ist schon seltsam: Vorige Woche habe ich bei Amazon mal nachgesehen, was E-Pianos einer bestimmten Marke kosten, und drei Tage spät lag ein Prospekt ebendieser Marke in meinem Briefkasten. Das ist nicht der erste Fall dieser Art. Wahrscheinlich werden aus der Produktsuche, auch ohne Kauf, Millionen "Profile" abgeleitet und an Vertragsfirmen verkauft. (In diesem Fall war es mir sogar recht.)

Ich habe den Eindruck, daß keine Straftat geschieht, ohne daß die Polizei wenig später über Aufnahmen verschiedener Videokameras verfügt, die sie aber nur selten zu Fahndungszwecken herausgibt.

Die Politiker und die Behörden verlangen selbst, daß die Daten zusammengeführt werden, und das ist technisch ohne weiteres möglich. Wie wir wissen, können auch Unternehmen (z.B. Handy-Hersteller) zur Zusammenarbeit verpflichtet werden, soweit sie nicht schon von sich aus dazu bereit sind.

Man kann das ärgerlich finden oder mit jenem "Na und?" erledigen.
 
 

Kommentar von Kaus Achenbach, verfaßt am 07.10.2017 um 22.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36489

Vollkommen richtig. Niemand braucht zu fürchten, daß jemand hierzulande alle Informationen über uns alle sammeln will, wann wir wo gewesen sind. Dafür kenne ich nicht den geringsten Anhaltspunkt. Außerdem wäre der Aufwand an Ressourcen und Finanzen einfach zu groß.

Und selbst wenn es irgendwo einen „Big Brother“ gäbe, der das täte, so folgte daraus noch lange nicht, daß plötzlich „jeder verdächtig“ wäre. Nach welcher Logik sollte sich das denn ergeben?

Aussagen wie „heute ist grundsätzlich jeder verdächtig“ und Begriffe wie „Totalüberwachung“ wenden sich an Gefühle und tragen wenig zur sachlichen Aufklärung bei. Zusammen mit einem Schuß Verschwörungstheorie („wird überhaupt gelöscht?“) ergibt sich politischer Kitsch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2017 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36472

Vielleicht hat jeder von uns schon mal überlegt, ob überhaupt jemals etwas gelöscht worden ist (außer versehentlich). Wer zum Löschen verpflichtet ist, wird doch eine Sicherheitskopie anfertigen – oder? Alles andere wäre ja Leichtsinn.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.10.2017 um 12.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36471

Solange Unschuldige nicht automatisch aus den Karteien der "üblichen Verdächtigen" gelöscht werden, ist die automatische Gesichtskontrolle gefährlich. Der Spruch aus dem "Casablanca"-Film ("Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!") betrifft dann auch Unbeteiligte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2017 um 11.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36470

Das stimmt, und die Ergreifung des Täters ist auch wichtig. In China behaupten sie, die Kriminalität sei durch die Überwachung stark zurückgegangen, was ich gern glauben will. Das ist es ja gerade, was den Widerstand zwecklos macht. Die Frage ist nur, ob "Sicherheit" jeden Preis wert ist – und wer sich noch alles an den Daten bedienen kann. In China ist klar und wird offen gesagt, daß jegliche Form von Widerstand gegen die Parteiherrschaft im Keim erstickt werden muß.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 05.10.2017 um 10.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36469

Die Befürworter der Überwachung können sich wohl nicht recht vorstellen, daß die Ansichten darüber, wer oder was böse ist, veränderlich sind. Leider tragen viele Gegner der Überwachung das seltsame Argument vor, sie habe noch nie ein Verbrechen verhindert. Es hat aber auch noch noch nie ein Notarzt einen Unfall verhindert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2017 um 03.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36462

Petra Kolonko beschreibt in dem genannten Artikel, wie weit die Überwachung in China fortgeschritten ist. Die automatische Gesichtserkennung wird immer mehr mit den Mobilfunkdaten verbunden usw. Kürzlich habe man eine Menschenmenge von 2,3 Millionen gescannt und dabei 15 polizeilich gesuchte Personen entdeckt und festgenommen.
Die Begründung: Das alles diene der Harmonie der Gesellschaft usw.
Das alles wird auch bei uns kommen, denn gegen die Standardbegründung läßt sich kaum etwas sagen: Der gesetzestreue Bürger hat nichts zu befürchten, und das Bestehen auf Privatsphäre ist, wie von Orwell vorhergesehen, der erste Schritt in die Kriminalität.

Fotografiert und gefilmt wurden wir bisher schon, jedenfalls in den großen Städten, aber jetzt kommt die fabelhafte Technik der Personenerkennung hinzu, und wir stehen erst am Anfang der Entwicklung.

Jeder Anschlag liefert neuen Anlaß, die Rechtslage in die immergleiche Richtung anzupassen. Und es finden sich immer viele Menschen, die sagen: "Na und?" Starker Staat, bewache mich, damit mir nichts passiert und die Bösen gefaßt werden!
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 04.10.2017 um 15.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36455

„Die Trompete gehört nicht zum Streichquartett“ umschreibt mehr als nur Verzichtbarkeit, nicht wahr? Und wo allen Religionen Religionsfreiheit garantiert ist, kann keine mit der Formulierung ausgeschlossen werden, sie gehöre nicht dazu.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2017 um 13.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36454

"Die wunderbare Welt der Totalüberwachung" heißt heute ein Artikel über die Gesichtserkennung in China. Übrigens in der FAZ – linker Kitsch eben.

(Bisher hielt ich Kritik der Totalüberwachung für eine liberale Idee.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2017 um 12.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36453

Lieber Herr Virch, Sie schreiben:

"Das Wort „gehört dazu“ bedeutet jedoch mehr. Es drückt Unverzichtbarkeit aus. Räder gehören zum Auto, Klappern gehört zum Handwerk, die Pointe gehört zum Witz, das Jackett zum Anzug, Musik zur Disco – und der Koran gehört zum Islam. Eines geht nicht ohne das andere.

Deutschland indessen ist in seiner Geschichte lange ohne den Islam ausgekommen und bedarf seiner auch heute nicht."

Dann ist aber der Satz "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" richtig, denn er umschreibt nur, was ich gerade zitiert habe: Deutschland bedarf des Islams nicht.

"Deutschland"? Wer ist das? Ich bin einverstanden, daß Religion Privatsache sein sollte. Aber zum Tag der deutschen Einheit gab es gerade wieder einen Staatsgottesdienst. Die ungläubige Mehrheit ließ es über sich ergehen, immer noch bemerkenswert duldsam.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 04.10.2017 um 10.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36446

Ich bin nicht sicher, ob ich dies schon einmal hier verlinkt habe:

https://virchblog.wordpress.com/2015/10/01/gehoert-dazu/

Falls ja – einfach ignorieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2017 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36438

Immer noch ein Renner:

Das beste Symbol für die Wirkmächtigkeit Martin Luthers ist für Heinrich Bedford-Strohm 7,5 Zentimeter groß und aus Plastik: ein Playmobil-Luther. Das kleine Spielzeug wurde – 500 Jahre nach Beginn der Reformation – über eine Million Mal verkauft und ist die erfolgreichste Playmobil-Figur aller Zeiten. „Es gibt Eltern, die schenken ihren Kindern bewusst Martin Luther und nicht Darth Vader oder Spiderman“, sagte Bedford-Strohm, evangelischer Landesbischof und Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), am Montagabend in seiner Rede zur Einheit Deutschlands im Ingolstädter Lechner Museum. Für viele sei Luther noch heute ein Vorbild. (Augsburger Allgemeine 4.10.17)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2017 um 03.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36434

"Kein Mensch ist verdächtig, nur weil er von einer Überwachungskamera erfaßt wurde."

Wer würde solch eine Logik ernst nehmen?

Unter "Vorratsdatenspeicherung" bringt Wikipedia einen sehr ausführlichen Bericht und anschließend auch die Kritik, also den typischen linken Kitsch.

In der linksextremen Postille FAZ zeigt Constanze Kurz vom CCC jede Woche, wie weit die Überwachung schon gediehen ist und was noch bevorsteht, alles natürlich zu unserer eigenen Sicherheit und daher völlig in Ordnung, wie das Einwohnermeldeamt und die Kfz-Kennzeichen.

Wer garantiert, daß der Mann an der Bahnsteigkante nicht im nächsten Augenblick jemanden auf die Gleise stößt? Man kann es zwar nicht verhindern, aber wenigstens den Täter identifizieren. Das hat sich bewährt. Es ist gut für uns, wenn irgendwo alle Informationen zusammenlaufen: wann wir wo gewesen sind und was wir dort getan haben. Das braucht niemand zu fürchten, der keinen Dreck am Stecken hat, nicht wahr?

Auf lange Sicht haben die ewigen Bedenkenträger sowieso keine Chance, darum ist diese Diskussion von gestern.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 03.10.2017 um 22.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36433

"... heute ist grundsätzlich jeder verdächtig ..."

Das ist typischer linker Kitsch, wie er heute weit verbreitet ist, ähnlich dem allüberall gewitterten "Generalverdacht".

Kein Mensch ist verdächtig, nur weil er von einer Überwachungskamera erfaßt wurde. Auch nicht, weil er beim Einwohnermeldeamt registriert ist oder die Daten seines Autos irgendwo erfaßt sind.

Übrigens ist es auch verboten, seine Autoschilder unleserlich zu machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.10.2017 um 04.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36426

Das sind viele große Themen auf einmal.

Fremdfinanzierte Kirchenbauten gibt es auch in aller Welt, christliche "Einmischung" sowieso, z. B. Missionsschulen und Heime, für die bei uns Spenden gesammelt werden. Das ist also auch nicht so einfach.

Einwanderer muß man sich natürlich aussuchen dürfen, das bestreitet ja auch niemand. Soll die Religion ein Ausschließungsgrund sein (wie Trump will)? Deutschland scheint mehr zur Einzelfallprüfung zu neigen, wobei ja auch zu bedenken ist, daß gerade religiöse Verfolgung immer eine Fluchtursache war.

Aber wie gesagt, es ist auch viel unerwünschtes Volk ins Land gekommen, das wir loswerden und in Zukunft fernhalten müssen.

Mal sehen, ob Sozis und Grüne ihre Politik der sicheren Herkunftsländer überdenken werden. Vielleicht kann "Einwanderungsgesetz" ein gemeinsamer Nenner werden.

Bei uns werden die großen und komplizierten Themen gemieden, dafür stürzt man sich auf Frauenkleidung (und Sport ist sowieso wichtiger). Verkehrte Welt.


 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.10.2017 um 23.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36425

Ist die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, verfassungsändernd, was nur mit Zweidrittelmehrheit oder gar nicht beschlossen werden kann? Was ist eigentlich der gegenwärtige Stand? Kann nur mit Zweidrittelmehrheit oder gar nicht beschlossen bzw. geändert werden, daß der Islam zu Deutschland gehört oder daß er nicht zu Deutschland gehört?

Das Problem ist also gar nicht rechtlich relevant. Die Frage ist, egal wie man sie beantwortet, rein populistisch. Maßgeblich ist allein Religionsfreiheit. Das heißt, jeder darf glauben, was er will, darf im Rahmen der staatlichen Gesetze tun was er will und darf deswegen nirgends benachteiligt werden. So soll es sein!

Das heißt aber noch lange nicht, daß jeder Mensch der Welt, auch der ärmste nicht, ein Einwanderungsrecht nach Deutschland hat. Das wäre nur eine andere Art des Größenwahns, von dem Deutschland nach zwei Weltkriegen geheilt sein sollte. Insbesondere heißt es nicht, daß man potentielle Einwanderer (ich rede jetzt nicht von Asylsuchenden) unabhängig von ihrer Religion gleich behandeln muß. Wenn mit einer bestimmten Religion ein Risiko verbunden ist, z. B. wegen radikaler Gesinnung eines Teils ihrer Angehörigen, oder weil sie sich erwiesenermaßen abschotten und zur Bildung von Parallelgesellschaften neigen, dann hat der Staat das Recht zu sagen, daran haben wir kein Interesse, wir wollen erstmal die, die schon eine Aufenthaltsberechtigung haben, richtig integrieren. Wer einwandern will, sollte nicht nur die Bereitschaft, sondern den Willen mitbringen, sich anzupassen. Bei wem die Religion absolut im Vordergrund steht, der sollte in seinem angestammten Kulturkreis bleiben.

Religionsfreiheit heißt auch nicht, daß arabische Ölmilliardäre in Deutschland nach Lust und Laune für die hiesigen Muslime Moscheen und Minarette finanzieren und bauen dürfen. Religionsfreiheit heißt auch nicht, daß in Deutschland ausländische Religionslehrer Religionsunterricht auf arabisch oder türkisch halten müssen. Und da gibt es noch vieles, was derzeit bei uns im argen liegt und mit Religionsfreiheit verwechselt wird.

Ja, ich glaube, ich kenne "den" Islam. Zumindest kenne ich ihn gut genug um zu wissen, daß er zur Zeit ein großes Risiko ist. Eins, das schon oft genug wahr geworden ist. Eins, das wir nicht unbedingt nötig haben.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 02.10.2017 um 18.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36424

Der Islam war in unserem ("finsteren") Frühmittelalter Europa wissenschaftlich überlegen und bis ins 19. Jahrhundert freiheitlicher und toleranter als heute. Er hat sich seitdem zurückentwickelt. Bei manchen christlichen Sekten kann man Ähnliches beobachten. Auch in der Kath. Kirche möchten manche die Modernisierung zurückdrehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2017 um 16.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36423

Mein letzter Eintrag bezog sich auf Ihren vorletzten, inzwischen haben Sie nochmals geschrieben, aber dazu will ich nichts sagen, obwohl es mich reizt. (Kennen Sie "den" Islam wirklich? Und die Kirche? Ist Kirchengeschichte ganz und gar vergangen und gehört nicht zu Früchten, von denen Jesus sagt, man solle sie daran erkennen?)

Ich lebe ja in Äquidistanz zu allen Religionen, daher mein Streben nach gerechter Beurteilung. Dazu kommt persönliche Bekanntschaft mit vielen Muslimen und Anhängern aller möglichen Religionen sowie Atheisten. Zwar stehe ich zu "Religion poisons everything", aber ich weiß auch, daß alle entgiftet werden können. Im Islam preschen zur Zeit einige Radikale vor, aber der generelle Vorwurf der Rückständigkeit ist unrichtig. Der 9. oder 10. Papst Pius hat die allgemeinen Menschenrechte für Wahnsinn erklärt, gewissermaßen mit Recht aus seiner Sicht (s. o. oder vielmehr u.).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2017 um 15.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36422

Darum geht es nicht. Ethnische, religiöse, sexuelle und andere Mehrheiten neigen dazu, Minderheiten überhaupt nicht zu dulden, zu entrechten und zu vertreiben. Der extreme Mehrheitsgedanke (was immer eine Mehrheit beschließt, ist rechtens) muß schon den Begriff "Minderheitsrecht" als hölzernes Eisen ansehen.
Was die Religion betrifft, so hatten wir das ja schon. Man folgt dem Bekenntnis des Landesherrn oder muß auswandern. Der Protestantismus gehörte nicht nach Frankreich, diesem Grundsatz verdanke ich meine Existenz...
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.10.2017 um 15.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36421

Die Kirche ist in Europa bzw. im Westen zwei Jahrtausende lang mit der gesellschaftlichen Entwicklung gewachsen, sie mußte sich wohl oder übel an eine immer aufgeklärtere Bevölkerung und die Trennung von Kirche und Staat (die sicher noch nicht komplett ist) anpassen. Deshalb gibt es keine existentiellen Probleme zwischen Christentum und Rechtsstaat.

Der Islam ist dagegen auf einer archaischen Stufe stehengeblieben und kollidiert frontal mit unserem Recht. Das kann man nicht einfach alles unter den Teppich einer sogenannten Religionsfreiheit kehren.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.10.2017 um 15.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36420

Religionsfreiheit steht in der Verfassung, aber was man darunter genau versteht, muß dann doch wieder per Mehrheitsbeschluß in Gesetze gefaßt werden.

Art. 136
(1) Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.

Das heißt laut Verfassung, daß eben ggf. die Religionsfreiheit beschränkt werden muß. Anders geht es ja nicht, wenn Widersprüche auftreten: Vermummung von Frauen, Scharia, Kinderheirat, Religionsaustritt ...
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 02.10.2017 um 14.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36419

Schon die FLN hat verschleierte Frauen für Terroranschläge eingesetzt. Rien de nouveau sous le soleil.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2017 um 14.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36418

Damit das nicht geschieht, sind in allen Rechtsstaaten Bremsen eingebaut, die allerdings im Zweifelsfall versagen können. Die Verfassungen versuchen immerhin, gewisse durchaus mehrheitsfähige Schritte auszuschließen, z. B. die Einführung der Todesstrafe, und dann natürlich viele Varianten des Minderheitenschutzes, insbesondere die Religionsfreiheit.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.10.2017 um 13.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36417

Der Bundespräsident bestimmt es sicher genausowenig wie der CSU-Generalsekretär, sie sagen höchstens, was sie aufgrund ihrer demokratischen Legitimation sagen dürfen. Letztlich ist es Sache der Mehrheit des Volkes, die immer auf demokratische Weise gebildet und akzeptiert werden sollte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2017 um 13.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36416

Ersteres. Vorhin habe ich einen Radfahrer mit jener Atemschutzmaske gesehen, die auch in Oastasien zum Alltag gehört. Bei uns geht die Grippe um, vielleicht wird bald geraten, daß man nicht ohne Mundschutz unter Leute gehen soll.

Früher schon mal gefragt: Wieviel Unheil haben verschleierte Frauen bisher über die Welt gebracht? Gibt es da Handlungsbedarf? Oder doch nur wegen: "Die Burka gehört nicht zu Deutschland" (Scheuer)?

Wer bestimmt eigentlich, welche vorderorientalischen Religionen zu Deutschland gehören und welche nicht?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.10.2017 um 13.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36415

Meinen Sie die offizielle Begründung für das allgemeine Verbot der Gesichtsverhüllung oder die offizielle Begründung dafür, daß darunter auch Atemschutzmasken fallen?

Über ersteres kann man durchaus geteilter Meinung sein. Das haben wir in Deutschland derzeit auch nicht. Was ich aber sagen wollte, ist vor allem, daß man nicht das allgemeine Verbot akzeptieren und gleichzeitig diese Gesichtsmasken zulassen kann. Damit wäre das ganze Gesetz nichts wert.
In #36407 und #36410 nehmen Sie aber gerade diesen zweiten Punkt auf die Schippe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2017 um 11.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36414

Die offizielle Begründung ist mir durchaus bekannt. Auch was der CSU-Generalsekretär gerade beigesteuert hat.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.10.2017 um 11.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36412

Würde der Staat nur allgemein die Vermummung einschließlich islamischer Gesichtsverschleierung verbieten, nicht jedoch das unbegründete Aufsetzen von Gesichtsmasken aller Art, dann machte er sich lächerlich. Das Verbot könnte beliebig umgangen werden.

Das Verbot wurde nicht speziell wegen der automatischen Gesichtserkennung erlassen. Deren Mißbrauch muß anders verhindert werden, als mit Atemschutz- oder Clownsmasken. Das Verbot soll neben der besseren Gewährleistung von Sicherheit auch ganz allgemein die westlichen Traditionen, Freiheit und Bürgerrechte schützen und die Integration anerkannter Asylanten mit Bleiberecht fördern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2017 um 11.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36410

Auch Make-up stört die Gesichtserkennung. Ein starker Staat verbietet so etwas.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.10.2017 um 09.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36407

Österreich verbietet mit Recht auch das Tragen von Atemschutzmasken. Schließlich werden die Bürger bald an jeder Ecke einer automatischen Gesichtserkennung unterzogen, darum müssen sie jederzeit ihr ganzes Gesicht zeigen. Früher wurden nur Tatverdächtige "erkennungsdienstlich behandelt", heute ist grundsätzlich jeder verdächtig. Es soll ja auch schon Fernsehapparate geben, die ihren Benutzer erkennungsdienstlich behandeln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2017 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36353

Hübsche Fundsache. Die Grünen hatten es auch immer schwer, um ihre Grundidee herum ein volles Programm zu bauen.

Wie so etwas geht, habe ich vor längerer Zeit erfahren, als ich mich eingehend mit der heutigen Version der Lehren Silvio Gesells beschäftigte, zu Tagungen der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft (http://www.sozialwissenschaftliche-gesellschaft.de/index.php/de/) fuhr usw., zugleich in der Deutschen Liga für das Kind war. Daraus kann man ein ziemlich konsistentes Programm machen, obwohl die Grundidee (Freigeldlehre, Bodenreform) es zunächst nicht vermuten läßt.

Bei der AfD sehe ich dergleichen noch nicht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.09.2017 um 21.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36351

"DEN KANZLER JAGEN"

Für Kohl wird es nun eine Zitterpartie. Er muß mit seinem geschwächten Koalitionspartner gegen eine Opposition regieren, die frecher ist denn je [...]
"Das wird ein fröhliches Regieren", spottet Fischer. Und Grünen-Sprecher Ludger Volmer tönte am Wahlabend: "Wir werden den Kanzler jagen."

(DER SPIEGEL, Nr. 42/17.10.94, Seiten 6 und 7, Titelgeschichte)

Frech sind sie, die Grünen. - Nazis sind sie, die AfD.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2017 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36340

Papier ist geduldig, Parteiprogramme braucht man nicht zu lesen, das ist Gremienprosa der niederen Art.
"Merkel jagen" und "Land und Volk zurückholen" – da weiß man doch, was man hat. Das braucht man auch nicht in Leichte Sprache zu übersetzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2017 um 05.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36339

Man liest oft, jemand sei wegen seines Ehepartners zu einer anderen Religion konvertiert (nicht so ratsam bei Muslimen, wenn sie nicht des Todes würdig werden wollen).
Für einen Außenstehenden einerseits schwer zu begreifen: Wie kann man den "Glauben" wechseln? Andererseits auch wieder sehr einfach. Das sehe ich auch an "glaubensverschiedenen" Ehen in meiner Umgebung.
Martin Schulz ist katholisch und glaubt nicht an Gott. (Eigene Auskunft in "chrismon"; der Interviewer fragt nicht weiter.) Auch schwer zu verstehen – oder sehr einfach.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.09.2017 um 11.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36331

Was die Evidenz von Hautfarbe und Herkunft angeht, habe ich ja schon oft dasselbe gesagt wie Sie.
Zu übrigen brauche ich mich glücklicherweise nicht zu äußern. Sonst würde ich sagen: Wir wollen doch nicht so tun, als wüßten wir nicht, was die AfD will. Aber geschenkt! Wir werden ja sehen.
Wichtig scheint mir die Feststellung, daß viele AfD-Wähler bloß Denkzettel-Wähler sind (wie Trump-Wähler). Ich habe zwar Verständnis für Denkzettel, aber es ist auch eine große Gefahr dabei (Geist aus der Flasche), es kann ein Merkmal politischer Unreife sein.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.09.2017 um 11.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36330

Nun wollen wir doch nicht so tun, als seien wir farbenblind und könnten verschiedene Hautfarben und Gesichtsformen nicht mehr voneinander unterscheiden, nur um nicht als Rassisten zu gelten. Tun wir doch nicht so, als könnten wir unterschiedliche Kleidung und deren teilweise religiöse Bedeutung nicht erkennen, nur um nicht als Rassisten zu gelten.

Ich möchte noch einmal sagen, was ich unter Rassismus verstehe. Rassismus ist nicht, festzustellen, daß Menschen verschiedener Kulturen unterschiedlich aussehen. Rassismus ist, wenn man aufgrund unterschiedlichem Äußeren zu einer wie auch immer gearteten unterschiedlichen Bewertung (und zwar im wörtlichen Sinne des Wertes) der Menschen bzw. dieser Kulturen kommt.

Meuthens Satz, klar als rhetorisch übertrieben erkennbar, daß man in deutschen Städten nur noch Ausländer sehe, hat also mit Rassismus rein gar nichts zu tun. Sein einziges "Vergehen" ist, daß er nicht ausdrücklich zwischen Ausländern und Staatsbürgern mit ausländischer Herkunft unterschieden hat. Und diese sprachliche Ungenauigkeit, die im gegebenen Kontext keine Mißverständnisse erzeugt, hat Merkel sofort sehr spitzfindig für sich ausgenutzt.

Noch ein Wort zur ständig wiederholten Ausländerfeindlichkeit und zum angeblichen Haß auf den Islam. Ich will nicht bestreiten, daß einfach gestrickte Leute ihrem Ärger manchmal auf eine Weise Luft machen, die einen grausen läßt. Das Schicksal der konservativsten Partei, da kann sie ihre demokratische Haltung noch so oft und fest beteuern, ist es aber, daß ungehobelte sowie einige tatsächlich radikale Leute zu ihr den kürzesten Weg haben. Sie muß sich dagegen wehren, wird sie aber nie ganz los.

Also jetzt zur sogenannten Ausländerfeindlichkeit und Haß (ehrlich gesagt, ich kann das Wort schon nicht mehr hören, weil es ständig mißbraucht wird).
Ich dulde keine Haustiere in meiner Wohnung, weder einen Hund noch Katze noch sonstige. Hasse ich also deswegen Tiere? Ich bin nur mit einer einzigen Frau verheiratet und sehr zufrieden dabei. Hasse ich also Frauen im allgemeinen? Ich bin nicht schwul, also hasse ich Männer?

Wenn eine Partei die traditionelle deutsche Kultur schützen und bewahren möchte, dann haßt sie deswegen andere Kulturen, etwa den Islam? Wenn sie gegen eine unkontrollierte Massenzuwanderung nach Deutschland ist, dann muß sie also Ausländer hassen? Solche ständig wiederholten falschen Vorwürfe nenne ich auch Demagogie.

Man kann natürlich auch für Buntheit sein, alles in einen Topf, Deutschland als Sozialversicherung von ganz Europa, Nahost und Afrika, warum nicht, darüber muß man sich halt demokratisch auseinandersetzen, das tun wir gerade. Aber man kann nicht einer ganzen Partei, die in dieser Frage einen wohlbedachten konservativen Standpunkt einnimmt, dem ein großer Teil der Bevölkerung zustimmt, pauschal undemokratisches Verhalten vorwerfen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.09.2017 um 04.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36324

Als Meuthen beklagte, in manchen Innenstädten sehe man nur noch Ausländer, fragte Merkel ihn, woran er denn Nichtdeutsche erkenne (oder so ähnlich).

Der Rassist hält sich an das Äußere.

Fremdenfeindlichkeit ist ein allgegenwärtiger Bodensatz, der nicht beseitigt, sondern nur durch andere Themen neutralisiert werden kann. Er verrät sich in unbedachten (?) Ausdrucksweisen, die immer einen Tick über das sachlich Gebotene hinausgehen ("Kopftuchmädchen" usw.).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.09.2017 um 17.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36244

Es gibt auch noch die Rückkehrer, die hier mal ausgerottet waren: Wölfe, Bären, Biber, Luxe, Wildkatzen u.a.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.09.2017 um 16.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36243

Schon seltsam, manche Fachausdrücke, siehe www.spektrum.de:
(Hervorhebung in Fettdruck von mir)

Lexikon der Biologie
Faunenverfälschung

Faunenverfälschung, Faunenfälschung, Veränderung des Artenbestands in einem bestimmten Gebiet durch Einführung oder Einbürgerung einer oder mehrerer fremder Arten.

Einbürgerung

Einbürgerung, dauerhafte Ansiedlung einer Art in einem von ihr bislang nicht bewohnten Areal. Als eingebürgert können bewußt (ursprüngliche Definition nach Schwerdtfeger) und unbewußt vom Menschen eingeführte (Einführung, Einschleppung) sowie sich ohne Zutun des Menschen neu ansiedelnde Arten (Einwanderung) bezeichnet werden.

Muß man hier unbedingt Einbürgerung, eingebürgert sagen? Es gibt doch andere, besser passende Ausdrücke.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.09.2017 um 15.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36241

Manche sprechen von Florenfälschung, Faunenfälschung (auch -verfälschung), wenn Arten eingeführt werden. Das ist ziemlich seltsam, denn sehr viele Arten, die hierzulande leben, sind vor mehr oder weniger langer Zeit mal eingeführt worden oder zugewandert. Reichholf weist auch darauf hin.

Bei einer Bahnfahrt vor ein paar Tagen habe ich gesehen, daß das Indische oder Drüsige Springkraut sich dieses Jahr wieder ein ganzes Stück ausgebreitet hat. So auch Schwarzafrikaner und weniger auffällige Faunenfälscher.

Eigentlich wollte ich nur noch mal wissen, warum der Schlammpeitzker diese sonderbare Schreibweise hat (vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1588). Man will ihn also schützen, obwohl er ein Faunenfälscher ist... Woran man sieht, daß man Zuwanderer so oder so behandeln kann.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.09.2017 um 10.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36220

Aussagen über die Araber sind ähnlich sinnvoll wie Aussagen über die Belgier.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.09.2017 um 04.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36217

„Wenn die Araber zwischen einem religiösen und einem säkularen Staat wählen könnten, so würden sie den religiösen wählen und in den säkularen fliehen.“ (Ali Al-Wardi)

Hübsch gesagt, gilt auch für andere Bereiche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2017 um 07.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36213

Wie man mit dem Schmähwort Islamismus den guten Islam vom schlechten Ultra-Islam abhebt und damit verteidigt (weil Religion an sich gut sein muß), so mit ultraorthodox das Judentum. Begrifflich eigentlich unmöglich.

Islamistizistisch, christianistizistisch... – vieles ist denkbar.

(Anläßlich eines Berichts über Israel, wo die Ultraorthodoxie zur Landplage wird.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2017 um 14.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36156

Verplanck berichtet, daß Jacob Robert Kantor auch wegen seines jüdischen Namens nicht an eine Ostküsten-Universität berufen wurde: „Kantor was not alone, of course. As late as the mid-1930s, Isidore Krechevsky had to change his name to David Krech; and the gentile, Harry Israel, had his surname legally changed to Harlow.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.09.2017 um 07.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36150

Ulrich Greiner ist auf seine alten Tage wieder katholisch geworden und schreibt nun: "Es ist kein geringer Unterschied, dass die eine Religion von einem gekreuzigten Wanderprediger gegründet wurde und die andere von einem kriegführenden Kaufmann."

Wirklich? Die friedvolle Geschichte des Christentums ist allgemein bekannt. Gerade lese ich, daß in Burma Buddhisten mit Messern auf ihre Nachbarn losgehen. Das ist in meinen vielen Büchern über Buddha auch nicht vorgesehen. Im AT geht es auch nicht immer friedlich zu; aus ihm stammen die beiden morgenländischen Religionen, deren eine das "christliche Abendland" begründet. Große Verwirrung. Soll man sie "an ihren Früchten erkennen", wie der Wanderprediger sagte? Aber das wäre auch wieder nicht gerecht.

Greiners Buch heißt "Bekenntnisse", nicht "Erkenntnisse".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.08.2017 um 08.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36105

Gegen die Trockenheit in Italien sollen die Römer Messen "ad petendam pluviam" feiern. Allerdings ist experimentell nachgewiesen, daß Beten nicht hilft. In Italien sind andere Maßnahmen zweckmäßiger, zum Beispiel die Sanierung der Wasserleitungen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.08.2017 um 07.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36010

Unter welchen stillschweigenden Voraussetzungen ist eine solche Bewirtschaftung der "Moral" möglich? Und welche Einschränkungen sind wir bereit hinzunehmen? "Haßbotschaft" ist in meinen Augen der Einstieg.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.08.2017 um 21.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36009

Wozu die Aufregung? Die ganze Sache ist doch ohnehin erfunden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.08.2017 um 21.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36008

Ja, ich unterscheide natürlich auch reine Dummheiten von Straftaten. Hier geht es um ersteres.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.08.2017 um 20.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36007

Wenn es so widersinnig wäre, daß der Gast so geschlossen hat, was meinen Sie, lieber Herr Bluhme dann, wie er geschlossen hat?

Auch der Schluß an sich ist nicht widersinnig. Schlechtes Tattoo = Das Symbol der Homosexualität steht für etwas Schlechtes -> Jesus ist gut und liebt nur das Gute, nicht die Homosexualität -> Wer etwas gut heißt, das Jesus nicht liebt, der kann Jesus nicht lieben -> Wer Jesus nicht liebt, dem gebe ich kein Trinkgeld.

"kurzsichtig und dumm", ja, genau das sage ich ja auch. Ein sogenannter Haßkommentar sähe anders aus.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 15.08.2017 um 20.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36006

Lieber Herr Riemer, Dummheit ist natürlich nicht strafbar. Sie ist aber kein Persilschein für diskriminierende Dummheiten.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 15.08.2017 um 19.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36005

Lieber Herr Riemer,

ich kann an keiner Stelle des Berichts erkennen, Homosexualität sei für etwas Schlechtes gehalten worden.

Die Aussage lautete: „Kann niemandem Trinkgeld geben, der Jesus nicht liebt! Schlechtes Tattoo“

Also wird aus einem Regenbogen-Tattoo (um das es offenbar ging) geschlossen, die Trägerin liebe Jesus nicht.

Diese Kausalität anzunehmen ist geradezu widersinnig. Schließlich steht auch der Regenbogen für Liebe (in vielerlei Variation). Daraus abzuleiten, man würde Jesus nicht lieben, der seinerseits für Liebe in allen ihren Facetten eintrat und in ihr ein so hohes Gut sah, daß auf dieser Botschaft sogar eine Religion gegründet wurde - ist unglaublich kurzsichtig und dumm.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.08.2017 um 17.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36004

Wieso ist das unfaßbar und absurd? Es gibt viele Menschen, die Homosexualität für etwas Schlechtes halten. Bei manchen verbindet sich das noch mit einer naiven Religiosität.

Dieser Mann hat sich nichts zuschulden kommen lassen, hat nur seine Meinung geäußert. Dummheit ist nicht strafbar. Niederträchtig ist im Gegenteil, wenn andere ihm dafür unterstellen, er hasse Homosexuelle. Er hat die Kellnerin nicht beleidigt, sondern ihr nur die zwar übliche, aber dennoch freiwillige Belohnung demonstrativ verweigert, gerade so wie sie ihm ihre Meinung zur sexuellen Orientierung aufgedrängt hat.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 15.08.2017 um 15.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36003

Das tatsächlich Unfaßbare ist die absurde Verknüpfung, die zwischen "liebt Jesus nicht" und "verwendet ein Symbol, das Homosexuelle und deren Freunde verwenden" hergestellt wird.

Auch die Behauptung, das Tattoo sei "schlecht", ist absurd. Entweder ist es schlecht gemacht oder es gefällt einem nicht; in beiden Fällen kann man das entsprechend ausdrücken.

Solche Fälle verstärken bei mir den Eindruck, das Konzept von e-prime wäre auch in der deutschen Sprache verfolgenswert.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.08.2017 um 14.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36002

Lieber Herr Virch,
wenn Sie Dunkelhäutigkeit, Behinderung usw. so in einer Reihe schreiben, ist klar, daß Sie das ironisch meinen.

Andererseits verstehe ich es trotzdem nicht, denn daß es am Ende noch so weit kommt, daß man ablehnende Meinungen dazu nicht mehr äußern darf, ist zur ernsten Gefahr geworden, das ist keine Ironie. Vor allem sehe ich eine große Gefahr darin, daß einem jede Ablehnung, jede Geschmacksäußerung und jede Dummheit heutzutage gleich als Haß ausgelegt wird. (Bei einzelnen mag das zutreffen.)

Es gibt bestimmte gesetzliche Verbote, aber im allgemeinen sollte man schon noch alles sagen dürfen. Ob man sich damit immer Freunde macht, ist wieder eine andere Frage.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 15.08.2017 um 09.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#36001

Am Ende kommt es noch so weit, daß niemand seine Ablehnung von Dunkelhäutigkeit, Behinderung oder Kleinwuchs mit Sanktionen zum Ausdruck bringen darf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.08.2017 um 18.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35997

„Kann niemandem Trinkgeld geben, der Jesus nicht liebt! Schlechtes Tattoo“, stand über der Rechnung geschrieben.
Der Familie war offenbar das Regenbogen-Tattoo auf ihrem Arm aufgefallen – Samantha liebt Frauen und möchte das der ganzen Welt mit ihrem Tattoo zeigen.

(http://www.berliner-kurier.de/28157880)

Von einer „unfassbaren Begründung“ oder „Hassbotschaft“ an die Kellnerin kann da wohl keine Rede sein. Und wer „der ganzen Welt“ seine privaten Vorlieben so demonstrativ aufdrängt, kann nicht erwarten, daß die ganze Welt begeistert ist. Auch die Frommen haben ein Recht, bei freiwilligen Leistungen wählerisch zu sein.

Wir haben aber nun einen Vorgeschmack davon, wie der außerrechtliche Begriff der "Haßbotschaft" sich auswirken könnte. Offenbar wird als selbstverständlich vorausgesetzt, daß niemand seine Ablehnung von Homosexualität aussprechen darf.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 12.08.2017 um 03.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35964

Niemand weiß, was passiert, wenn wir sterben
Drei Menschen, die schon einmal tot waren, schildern hier ihre Erlebnisse
Oben im Video seht ihr, was sie gesehen haben, während sie tot waren

(Huffington Post)

Da kann man ja nur hoffen, nach dem Tod nicht endlos schlechte Webvideos der Huffington Post zu sehen.

(Im Video gibt es übrigens nur zwei Berichte, von denen einer sogar nur vom Neffen des Doch-nicht-Toten stammt. Und natürlich war niemand tot, sonst hätte er ja nichts mehr "gesehen" (geschweige denn davon berichten können) – gemeint ist der Kreislaufstillstand, der "klinische Tod".)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2017 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35963

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33582

Zu der Wendung lebendiger Gott vgl. auch:
https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/gottesbezeichnungen-gottesnamen-nt/ch/c8fcb27a7bfb32fac3a5f6b7856887c3/#h22

So genau wollen es die Kirchenbesucher wohl gar nicht wissen, sondern nehmen das Halbverständliche und Geheimnisvolle einfach hin.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2017 um 14.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35959

Niemand weiß, was passiert, wenn wir sterben
Drei Menschen, die schon einmal tot waren, schildern hier ihre Erlebnisse
Oben im Video seht ihr, was sie gesehen haben, während sie tot waren

(Huffington Post)

Wieso weiß das niemand? Es steht doch in den medizinischen Lehrbüchern. Man könnte ebenso gut sagen: "Niemand weiß, was passiert, wenn die Sonne aufgeht." Auch dazu gibt es verschiedene Meinungen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2017 um 15.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35950

Fälle wie Burpo stoßen natürlich durch ihre Naivität ab, und Theologen sind verständlicherweise nicht begeistert. Andererseits sind "Nahtoderfahrungen" nicht nur ein Renner beim allgemeinen Publikum mit seiner Rest-"Spiritualität", sondern beschäftigen auch viele intelligente Menschen. Es gibt richtige Experten dafür.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2017 um 04.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35943

Der Burpo-Hoax hat natürlich Nachahmer gefunden. Ein Junge, der ebenfalls vom Himmel berichtete, hat inzwischen zugegeben, daß er gar nicht im Himmel war. Die Medien schreiben, es habe sich um ein "fake" gehandelt – als ob es daneben auch wahre Berichte geben könne. Burpo bleibt übrigens bei seinem, es war ja auch ein wunderbares Geschäft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.08.2017 um 17.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35926

Die „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters“ darf in Brandenburg keine Schilder mit Hinweisen auf ihre „Nudelmessen“ – analog den Gottesdienst-Tafeln der beiden Großkirchen – aufstellen.
Am Mittwoch urteilten die Richter, dass es den „Pastafaris“ an einer gemeinsamen Weltanschauung fehle. Wesentliches Merkmal einer Weltanschauung sei ein konsistentes Gedankensystem, das sich umfassend mit Fragen nach dem Wesen und Sinn der Welt und der Existenz des Menschen in der Welt befasse und zu daraus abgeleiteten Werturteilen gelange. (FAZ 2.8.17)
Bemerkenswert ist die gerichtliche Definition von „Weltanschauung“.
Die Nudelanbeter legen allerdings Wert darauf, daß sie unter ihrer humoristischen Einkleidung die Weltansicht des evolutionären Humanismus vertreten, die durchaus die vermißten Züge habe.
Ich bekomme regelmäßig Einladungen des Bundes für Geistesfreiheit zu Weihnachtsfeiern. Daß eine Religionsgesellschaft sich als Distanzierung von einer anderen definiert, ist nicht ungewöhnlich, die "Protestanten" tragen es schon im Namen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.08.2017 um 07.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35916

Zur Eier-Theologie der Evangelischen Kirche, eigentlich nur eines Herrn Clemens Dirscherl:

https://www.swr.de/swraktuell/bw/heilbronn/ingelfingen-hohenlohekreis-ev/-/id=1562/did=20041766/nid=1562/nq290v/

Hintergrund:

https://www.topagrar.com/news/Home-top-News-Evangelisches-Bauernwerk-entlaesst-ueberraschend-Clemens-Dirscherl-8136221.html

https://www.topagrar.com/news/Home-top-News-Evangelische-Kirche-kritisiert-fast-schon-schwaermerische-Verklaerung-der-Natur-4348742.html

https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2016/32554/clemens-dirscherl-und-jan-grossarth-ueber-das-agrarbusiness
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.08.2017 um 17.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35910

Dass im Zuge des Fipronil-Skandals Millionen Eier in Deutschland vernichtet werden, hält die Evangelische Kirche für ethisch nicht vertretbar. (swr.de 5.8.17)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.08.2017 um 21.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35868

Zum Burkaverbot in Bayern (vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34782):

„Ein kommunikativer Austausch findet nicht nur durch Sprache, sondern auch durch Blicke, Mimik und Gestik statt. Er bildet die Grundlage unseres zwischenmenschlichen Miteinanders und ist Basis unserer Gesellschaft und der freiheitlichen demokratischen Grundordnung“, heißt es in der Gesetzesbegründung.
Eine Verhüllung des Gesichts widerspreche dieser Kommunikationskultur. Deshalb lege man nun bestimmte Bereiche fest, in denen das offene Zeigen des Gesichts "für das Funktionieren unserer staatlichen Ordnung, zur Wahrung der Sicherheit und zur ordnungsgemäßen Durchführung von Wahlen unabdingbar ist und deshalb eingefordert werden muss".


Wie gesagt, das sind doch seltsam rechtsfremde Thesen, und wo die Verfassung bemüht wird, scheint es recht hoch gegriffen. Es erinnert an die weit hergeholte Begründung der Zwangsbeiträge fürs Fernsehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2017 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35756

Ich nehme an, daß man von Muselmanen sprechen darf, aber nicht von Muselmännern. Es wäre einen Versuch wert. Dazu eine Magisterarbeit: "Die Strafbarkeit der deutschen Morphologie".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.07.2017 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35708

«C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Kaffee. Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann.»

Noch vor einigen Jahren sangen die Kinder in den Schulzimmern voller Inbrunst den Kanon «C-A-F-F-E-E». Damals waren solche Lieder lustig. Heute sind sie wegen der negativen Anspielung auf Türken und «C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Kaffee. Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann.»
Noch vor einigen Jahren sangen die Kinder in den Schulzimmern voller Inbrunst den Kanon «C-A-F-F-E-E». Damals waren solche Lieder lustig. Heute sind sie wegen der negativen Anspielung auf Türken und Muslime kaum mehr möglich.
Dabei war der aus Sachsen stammende Komponist Carl Gottlieb Hering (1766–1853) wohl kaum fremdenfeindlich eingestellt. Pirmin Lang, Fach­didaktiker für Schulmusik an der Musik-Hochschule Luzern, erklärt: «Der musikalische Reiz lag in der musikalischen Umsetzung der Töne C, A, F und E, die einen Tonika-Dreiklang mit nachfolgendem Leitton ergeben und somit die harmonische Grundstruktur des Kanons legen.» Lang bestätigt aber: Der Text müsse heute als ­«problematisch» betrachtet werden.

Von Hering stammen weitere bekannte, unverfänglicher Kinderlieder wie «Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp» und «Morgen, Kinder, wirds was geben». Pirmin Lang beschäftigt sich mit dem Liedgut, das sich für die Schule eignet. «Der Missbrauch von Liedern für politische Zwecke ist uns allen bewusst. Die Schule hat in der Vergangenheit oftmals Hand geboten zur Ausbreitung von Ideologien.»

Der bewusste Umgang bei der Wahl des Liedguts sei ­daher unumgänglich und gehöre zur Professionalität von Lehrpersonen. «Rassistische, ­sexistische oder drogen- und ­gewaltverherrlichende Texte ­haben im schulischen Umfeld nichts verloren, auch wenn solche Songs sehr populär sein mögen», sagt Lang. Unter anderem verweist er auf Songs von Rapper Bushido und von Amy Winehouse.


(Blick 15.10.16)

Wir haben schon gesehen, daß die bloße Erwähnung von "Türken", "Juden", "Chinesen" usw. anstößig ist und z. B. aus Kinderbüchern entfernt wird (während die Türken selbst natürlich nicht daran denken, sich anders zu nennen - das bekannte Problem mit den diskriminierenden Eigenbezeichnungen). Diese extreme Botmäßigkeit dürfte kontraproduktiv sein und den Haß auf Ausländer verstärken, ohne daß diese selbst schuld daran wären.

Im Internet findet man etliche Foren, die nach dem Grundsatz vorgehen: Je harmloser ein Text scheint, desto teuflischer ist er.

Dass noch vor wenigen Jahrzehnten, also zu meiner Schulzeit, ein solcher Kanon im Musikunterricht gelehrt (und damit als Ohrwurm-Ei gelegt) wurde, ohne dass auch nur am Rande darauf hingewiesen worden wäre, unter welchen historischen Bedingungen er entstanden ist, und dass er womöglich auf Mitschüler muslimischen Glaubens beleidigend wirken könnte, erscheint mir heute unfassbar. (http://www.zeit.de/freitext/2014/12/23/werners-ohrwuermer-pegida/)

Der Kanon hat uns nicht vom Kaffeetrinken abgehalten, warum sollte er uns zu Türkenfeinden gemacht haben?

Das Schlüsselwort ist natürlich "könnte möglicherweise ... wirken". Weiter dann unter "Die Tyrannei des Vermeintlichen". Diese Figur macht jede vernünftige Argumentation vergeblich. Und sie dehnt sich unaufhaltsam aus, ob es nun um Rassismus oder Feminismus geht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.07.2017 um 05.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35707

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#22426

Für die unendliche Auslegbarkeit der Texte gibt auch Garry Wills erstaunliche Beispiele. In seinem Buch "Why Priests?" zitiert er Jesu bekannte Lehre, daß man überhaupt keine Respektsperson "Vater" nennen soll, weil es nur den Vater im Himmel gebe. Der Papst lasse sich als "Heiliger Vater" anreden.

(Wills wollte selbst Priester werden und hat 5 Jahre an einem Jesuiten-Seminar verbracht. Er ist auch kein Abtrünniger, sondern weiterhin frommer Katholik. Sein Buch ist glasklar geschrieben, eines der besten zum Thema. Dazu auch sein "Papal Sin".)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2017 um 06.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35682

Ich mußte beim Lesen von Urbans Buch öfter an eine religionsphilosophische Vorlesung des Marburger Kantianers Julius Ebbinghaus denken. Er wies nach, daß eine "protestantische Kirche" eigentlich ein Widerspruch ist. Er selbst hatte sich einen kantischen Religionsbegriff zurechtgelegt und blieb Protestant, hörte auch Predigten seines ebenfalls schon betagten Freundes Bultmann, die er anschließend bespöttelte.
Das habe ich als lustige Zeiten in Erinnerung, es war noch vor jener Wende, die, wie ich schon berichtet habe, Marx-, Lenin- und Maoposter in die Fachschaftsräume der Theologiestudenten brachte, und vor meiner eigenen Tätigkeit als Griechischlektor dortselbst.

Die unendliche Auslegbarkeit der biblischen Texte ermöglicht so viele Meinungen, wie es Ausleger gibt. Manche berufen sich auf Erweckungserlebnisse, zum Beispiel Nahtoderfahrungen; andere erklären das für Unsinn. Gemeinsam ist ihnen das Bekenntnis, gute Menschen sein zu wollen, wie Jesus einer war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2017 um 05.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35680

Urban spricht gelegentlich von "Oberhirten" der EKD wie Bedford-Strohm. Aber es gibt bei den Protestanten doch gar kein Lehramt und folglich keine Hirten und Oberhirten. Das ist nichts Beiläufiges, sondern kennzeichnet das Dilemma des Verfassers und aller, die es ihm gleichtun: Wo jeder Getaufte sein eigener Priester ist, da kann auch jeder sich einen Glauben nach seinem Geschmack zurechtbasteln. Das tut Urban denn auch und kritisiert alle anderen, wie seit je üblich. Wo aber rundum nur Irrtum herrscht, da ist auch der Faden, der den Verfasser an "seine" Kirche bindet, sehr dünn, und man fragt sich, warum er überhaupt noch daran hängt. Das ist doch der Kinderglaube, den er nicht lassen will, aber bei allen anderen tadelt, und das autobiographische Nachwort klärt darüber auf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2017 um 14.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35673

Ich hatte schon aus Gerhard Roths Vorwort zu Martin Urbans kirchenkritischem Buch zitiert: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1553#35635

Roth schreibt an derselben Stelle, auch im Christentum gebe es Fundamentalismus, der „über zwei Jahrtausende“ zu „furchtbaren Glaubenskriegen, Unterdrückung und missionarischem Kolonialismus“ geführt habe. Vor über 2000 Jahren war Jesus ein Teenager; die Rechnung kann also nicht stimmen.

Urban selbst quält sich mit seiner Kirche herum, kommt dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, erwähnt auch die neckische Geschichte mit dem Playmobil-Luther (Bedford-Strohm, Käßmann, die immer einige Luthers zum Verschenken bei sich hat usw.)
Für Urban ist Luther ein Aufklärer, die evangelische Kirche die Kirche der Aufklärung usw.

Urban spottet aber auch ein bißchen über den Papst, und zwar buchstäblich unter der Gürtellinie, beinahe wie Luther selbst: seine roten Schühchen, die effeminierten Kleider usw. Mitte März 2012 wurde bekannt, dass die Herstellerin Silvana Casoli dem Papst ein eigenes, nicht verkäufliches Parfüm entwickelt habe, mit den Zutaten Linde, Gras und dem giftigen Eisenkraut. Der Berliner Parfümeur Lutz Lehmann kommentierte gegenüber sueddeutsche.de, dass Eisenhut in Deutschland nicht in Parfums enthalten sein dürfe sowie dass „Linde ein sehr süßer Duft ist. Den würde ich eigentlich eher einer Dame empfehlen und nicht einem Herrn.“ Soviel zum Pfauenrad des ehemaligen „Stellvertreters“. (30)
Dazu http://www.sueddeutsche.de/panorama/parfumeur-ueber-den-neuen-papst-duft-ein-holzduft-waere-passender-1.1310291

Nun, Urban ist Physiker, nicht Botaniker, aber Eisenkraut hat wirklich nichts mit Eisenhut zu tun.
Und ich bin kein Theologe, aber soviel ich weiß, wäre es ziemlich unpassend, den betont unmännlich auftretenden Papst wie einen Mann riechen zu lassen. Und vielleicht riecht er ja gar nicht selbst danach, sondern schnuppert nur daran, wenn ihm der Weihrauch zuviel wird (wie meiner Frau, die als kleines Mädchen jeden Morgen vor dem Frühstück in die Kapelle der Konventsschule geführt wurde, wo es zu manchen Ohnmachtsanfällen kam).

Übrigens: Alfred Rosenberg (Der Mythus (sic!) des 20. Jahrhunderts) - Das "sic!" ist unberechtigt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.07.2017 um 08.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35643

Die FAS stellt fest, daß das Luther-Jahr eine Pleite ist. Das entsprach von Anfang an meiner Intuition, die ganze "Luther-Dekade" betreffend, wie ich seinerzeit ja auch geäußert hatte. Die Manager von Publikumslieblingen wissen längst, daß man "Overexposion" vermeiden muß. Wenn dann die Substanz noch ziemlich gering ist (wie Friedrich Wlhelm Graf und andere Theologen meinen), ist der Frust groß. Auch mehrere hundert Millionen aus Steuermitteln können die Menschen nicht dazu bringen (wie die Zeitung meint), nach Wittenberg zu reisen, um dort auf der grünen Wiese den Worten eines unbekannten Predigers aus der dritten Welt zu lauschen. Auf der Wartburg will jeder mal gewesen sein, da kann man ebenso gut dieses Jahr mal hinfahren, aber sonst? Die Playmobil-Figur (Großporträt in der FAS) bleibt als größter Erfolg in Erinnerung.
Alle Aktualisierungsversuche können nicht vergessen machen, daß Luthers Probleme nicht unsere sind (Erbsünde, "Rechtfertigung", Kampf gegen den Teufel ...). Nicht einmal seine Fehler regen heute noch jemanden auf. Und für seine sprachlichen Leistungen interessieren sich halt die wenigen, die sich überhaupt für Sprache interessieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2017 um 05.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35626

Das Evangelium dreht sich um Phänomene, in denen das narzisstische Kalkül der Goldenen Regeln nach dem Motto „Wie du mir so ich dir“ an seine Grenzen kommt. (FAZ 29.6.17)
Die "Goldene Regel" (im Singular) formuliert das Prinzip der Gegenseitigkeit:
„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“
Oder volkstümlich:
„Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“
Was ist daran "narzisstisch"?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2017 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35614

Von Heiligenbildern erwartet niemand, daß sie nach der Natur gemalt sind. Früher war fast die ganze bildende Kunst sinnbildlich. Wir sind überrascht, hellenistische Porträts zu finden, die den Abgebildeten ungeschönt (warts and all) zeigen.

Zur Zeit kehren wir zum Sinnbild zurück. Fotoreporter sind teuer, daher die vielen "Symbolfotos", die zwar die Schaulust befriedigen, aber keinen Nachrichtenwert haben.

In England landete eine Frau im Rollstuhl, nachdem sie einen Orgasmus hatte. Schuld ist die Krankheit HSA, bei der es zu schlagartigen Kopfschmerzen nach sexueller Aktivität kommt. – Quelle: http://www.express.de/27923744 ©2017
Dazu ein „Symbolfoto“: eine Frau im Rollstuhl.
Es muß sich für Agenturen lohnen, Fotos für alle möglichen Gelegenheiten herzustellen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.06.2017 um 04.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35496

Zur "Glaubwürdigkeit" auch: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35112
(Gänswein)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2017 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35485

Übrigens zu Thomas: Wikipedia findet es "heute schwer nachvollziehbar", daß der heilige Mann die Hinrichtung von Ketzern rechtfertigt (Grundlage der Inquisition). Aber warum soll das schwerer nachvollziehbar sein als das übrige Werk? Was lesen die Nachgeborenen da eigentlich?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.06.2017 um 18.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35480

Wir könnten zum Beispiel auch die bekannteste Abbildung des heiligen Thomas von Aquin nehmen. Den Katholiken war es damals wie heute egal, ob sie lebensecht ist (das ist sie natürlich nicht). Sie ist ein Produkt der Ikonologie, ein Andachts- oder Sinn-Bild; wichtig ist das Drum und Dran. In diesem Sinn nicht glaubwürdig, sondern gelungen.
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 25.06.2017 um 18.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35478

In Galiläa lebten keineswegs nur Juden, siehe Joh. 1,46.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.06.2017 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35474

Warum ich nachgefragt hatte: Ich halte "Glaubwürdigkeit" in dem Sinne, wie man bei Abbildungen danach fragt, nicht für einen angemessenen Maßstab für Ikonen. Schließlich sind das Andachtsbilder mit einem bestimmten Zweck und eben gerade keine Abbildungen von etwas. Insofern ist es gleichgültig, ob eine Madonna schwarz oder blond ist. Das Bild eines "typischen Juden" ist als Ikone nicht glaubwürdiger als irgendein anderes. Farben, Gesten, Hintergrund, Accessoires einer Jesus- oder Mariendarstellung entsprechen bestimmten theologischen Traditionen – was soll da "glaubwürdig" heißen?

Ein lieber griechischer Doktorand hat mir zum Abschied die sehr gute Nachbildung einer Ikone geschenkt, die einen Ehrenplatz in meinem unfrommen Haushalt einnimmt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, sie nach ihrer Glaubwürdigkeit zu untersuchen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.06.2017 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35473

Das habe ich mir gedacht. Ein sehr bescheidener Maßstab, sozusagen das absolute Minimum (weder blond noch schlitzäugig noch schwarz). Das Typische gerät schnell zur Karikatur.

Das Bilderverbot hat seine Vorzüge.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.06.2017 um 17.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35472

Ich halte die Christusikone Sinai deshalb für sehr glaubwürdig, weil ich glaube, daß jüdische Männer in Judäa so ausgesehen haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.06.2017 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35469

Lieber Germanist, was verstehen Sie denn unter "glaubwürdig"? Einen bestimmten Orientalen wie einen typischen Orientalen darzustellen? Oder meinen Sie "des Glaubens würdig"?
In Indien hängen auch in Professorenhaushalten dieselben Kitschbilder (unser Urteil) von Göttern an den Wänden wie beim Lastwagenfahrer im Führerhaus.
Ganesha mit Stoßzahn und Ratte, der leuchtendblaue Krshna – "glaubwürdig"?

Meiner Ansicht nach hat Nancy Ekholm-Burkert Schneewittchen sehr glaubwürdig dargestellt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.06.2017 um 18.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35458

Als der Bericht über den fingierten Vergewaltigungsversuch in Pforzheim durch die Medien ging, habe ich mir gleich einiges gespeichert, in Erwartung des Dementis. Von BILD bis FOCUS herrschte reiner Fakten-Stil, obwohl auch ein Blinder das Fiktionale erkennen konnte. Dutzende von gehässigen Leserbriefen über "Merkels Gäste" und ihre Untaten.

Die guten Leutchen werden wieder sagen: Auch wenn es diesmal nicht stimmte – meine Empörung beweist ja gerade, daß es hätte stimmen können.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.06.2017 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35455

Für eine sehr glaubwürdige Darstellung Jesu halte ich die Christusikone Sinai, Katharinenkloster, sechstes Jahrhundert (zu finden bei Wikipedia). Dort sieht Jesus überhaupt nicht so aus, wie er im "Christlichen Abendland" dargestellt wird, sondern wie ein jüdischer Mann mit schwarzen Haaren und Bart. Bei "uns" werden er und seine Familie meist als Europäer abgebildet. Es scheint demnach ein ideologisches und kein theologisches Problem zu sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.06.2017 um 05.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35441

Beim Kommentar des niedlichen Bedford-Strohm fiel mir gleich die Frage ein, ob nicht Frau Käßmann ebenfalls etwas dazu gesagt hat. Tatsächlich:

Es gibt mittlerweile eine Playmobil-Figur von Luther. Finden Sie das okay?

Da darf die Evangelische Kirche ruhig ein bisschen Humor zeigen. Soziologen erklären: Wenn eine Figur zur Playmobil-Figur wird, dann ist sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Luther in der Mitte der Gesellschaft finde ich ganz gut.

Und Jesus als Playmobil-Figur?

Von Luther haben wir Bilder, durch Lucas Cranach. Wir wissen also ungefähr, wie er ausgesehen hat. Von Jesus wissen wir es nicht. Ich wüsste schlicht nicht, wie er dargestellt werden könnte.

(Tagesspiegel 24.5.17)

Die unsägliche Phrase Mitte der Gesellschaft (dort ist ja auch der Antisemitismus angekommen und auch sonst noch allerlei) paßt zum übrigen Geplapper. Die Religionssoziologen liegen meiner Ansicht nach falsch.
Was die Abbildung Jesu betrifft, so könnte jedes Kind Frau Käßmann belehren. Jesus ist millionenmal öfter dargestellt worden als Luther und läßt sich ganz leicht unverkennbar abbilden. Oder hält Käßmann den Playmobil-Luther für eine lebensechte Plastik? Vielleicht hat die Spielzeugfirma bei Jesus mehr Skrupel als die Kitschtheologen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2017 um 17.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35439

Martin Luther ist die erfolgreichste Playmobil-Figur. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, freut sich über den Erfolg der kleinen Spielfigur. Inzwischen seien eine Million Figuren produziert worden. Der Playmobil-Luther sei »innerhalb kürzester Zeit zum absoluten Kassenschlager avanciert«, sagte Bedford-Strohm am Dienstag in Hannover.
»Wo immer ich in der Welt unterwegs bin – sei es in Südafrika oder Ruanda oder den USA – überall begegnet mir die Playmobil-Figur. Die Figur ist kein Klimbim oder lediglich ein Fan-Artikel, wie manche Kritiker behaupten. Eltern kaufen ihren Kindern diese Figur, weil sie spüren, dass sie mehr zu bieten hat als Darth Vader oder Spiderman«, sagte der Theologe.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2017 um 08.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35387

Wohlgesinnte hatten sich wohl eingeredet, Muslime würden in Köln massenhaft gegen den Islamismus auf die Straße gehen. Es kam aber fast keiner.
Erdogans Ditib argumentiert ungefähr so: Wenn wir uns von den Islamisten distanzieren, stigmatisieren wir alle Muslime als potentielle Terroristen.

Warum überhaupt sollten Muslime gegen den Islamismus demonstrieren? Wie viele Christen haben gegen den Christianismus protestiert? (Las Casas, Spee...)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2017 um 14.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35381

Eine Frau, die als kleines Mädchen eine irische Konventsschule besuchte, erinnert sich daran, daß die Nonnen immer wieder als das Allergräßlichste den Tod eines ungetauften Kindes darstellten. Sie vergoß damals selbst Tränen beim Gedanken daran. Solche Kinder kommen in den Limbus oder gleich in die Hölle, und zwar für immer.

Mit solchen Dingen beschäftigten sich Lehrerinnen und Schülerinnen sehr eingehend und ausgedehnt. Fiel mir bei der Lektüre von Flaschs Buch über den Teufel ein.
Flasch bemüht sich um Gerechtigkeit im Urteil über unsere Vorfahren: "Denn der Eifer, in der Vergangenheit auf der Seite der Gerechten gewesen sein zu wollen, ergibt nur einen Show-Effekt."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.06.2017 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35361

Heute feiern die Katholiken Fronleichnam. Die Versuche, etwa bei Wikipedia, die Bedeutung dieses Festes zu erklären, müßten eigentlich die Semiotik interessieren, arbeiten aber mit Begriffen wie "Realpräsenz, Idealpräsenz, Akzidenz" (bezeichnenderweise Fremdwörtern), die quer zu allen zeichentheoretischen Ansätzen stehen. Realpräsenz bedeutet, dass in der Substanz von Brot und Wein Jesus Christus mit seinem Leib und seinem Blut real gegenwärtig ist. Die sinnlich erfassbaren Bestandteile (Akzidenz) von Brot und Wein bleiben unverändert. Mit der rituellen Einverleibung wird die Vorstellung der Kirche als Leib Christi zum Ausdruck gebracht. Mit Leib ist die ganze Person, Leib und Geist gemeint. Sie bedeutet keine Abgrenzung von einem Verzehrten (wie es der mit einem Festmahl gefeierte Sieg über eine Jagdbeute wäre), sondern eine Verbindung mit ihm. So kann man offenbar sprechen, aber kann man es auch denken? Bestreiter der Realpräsenz lehren, dass die Elemente von Brot und Wein nur Zeichen sind (Idealpräsenz), die Christi Leib und Blut bedeuten, aber nicht sind, u.a. basierend auf (1 Kor 11,23–26 NGÜ).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.06.2017 um 15.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35335

Wenn Verbrechen, die im Namen einer Religion (oder sonstigen Ideologie) begangen werden, nichts mit ihr zu tun haben, dann haben auch Wohltaten (z. B. karitative Leistungen) nichts mit ihr zu tun. Gegen das unlogische Gewäsch von heute steht die unsterbliche Einsicht des scharfsinnigen Jesus, für das ungeschulte Volk gleich noch in ein Gleichnis gekleidet:

An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, noch kann ein fauler Baum gute Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Deshalb, an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. (Mt 7:16-20).

Das war immer eines meiner Lieblingszitate.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2017 um 15.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35298

„Ich wollte, dass die deutsche Bevölkerung über die Despotie des Schahs im Iran informiert wird. Die deutsche Studentenbewegung war die beste Gelegenheit dazu. Studenten wollten, dass die Deutschen sich für Verbrechen der Nazis verantwortlich fühlen und sich lossagen von der gewalttätigen Tradition der Arier, und wir Iraner haben auch diese arische Tradition der Gewalt.“ (Djafar Sadigh in der ZEIT, 7.6.17)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.05.2017 um 18.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35232

Die Evangelische Kirche kritisiert die Rolle der Elbphilharmonie beim G-20-Gipfel in Hamburg.

In Wirklichkeit nur Pfarrer Claussen. Bericht hier:
https://www.welt.de/regionales/hamburg/article165116496/Elbphilharmonie-nicht-umstandslos-zur-Buehne-fuer-Maechtige-machen.html

Bemerkenswert der Hinweis, die Elbphilharmonie dürfe nicht für ein "profanes diplomatisches Arbeitstreffen" mißbraucht werden; sie sei "ein wirkliches Wahrzeichen mit einem Verhältnis zur Wahrheit".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.05.2017 um 04.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35206

Trifft es eigentlich zu, daß das bayerische Kultusministerium immer in den Händen eines Katholiken liegt? Damit hängt ja zusammen, daß die Rechtschreibreform um ein Jahr verschoben wurde (Zehetmair wg. heiliger Vater).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.05.2017 um 05.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35182

„Den Deutschen Evangelischen Kirchentag gibt es in der Regel alle zwei Jahre in einer anderen Stadt mit 100.000 oder mehr protestantischen Christen. Bei dem Treffen versichern sie sich bei Gottesdiensten oder Bibelarbeiten ihres Glaubens, diskutieren über kirchliche, soziale und politische Fragen und – nicht zuletzt – feiern gemeinsam. Die Großveranstaltung dient vor allem als Forum für kirchliche Laien.“ (ZEIT 25.5.17)

„In den Kirchen der protestantischen Reformation findet eine Differenzierung zwischen Klerikern und Laien in der Regel nicht mehr statt, da gemäß Luthers Wort vom allgemeinen Priestertum aller Getauften jeder Gläubige zur Verkündigung berufen und der Glaube nicht auf priesterliche Vermittlung angewiesen ist. Nur umgangssprachlich werden alle Christen ohne geistliches Amt als Laien bezeichnet.“ (Wikipedia)

Keine Kirche ohne Hierarchie, ob mit Weihe oder ohne. Das protestantische Volk weiß das und fühlt sich geehrt, wenn der Herr Pfarrer irgendwo mitmacht. Wenn er sich leutselig oder kumpelhaft verhält, wird das als Besonderheit vermerkt und gefeiert. Das „allgemeine Priestertum aller Getauften“ würde die Kirche aufheben, aber die Praxis ist ihren eigenen Weg gegangen, selbstverständlich auch mit neuer Orthodoxie, Häresie usw. Höchstens in einigen ekstatischen evangelikalen Gemeinden (Pfingstler) gibt es etwas anderes.

Das Staatskirchenrecht trägt ebenfalls zur Stabilisierung von Kirchen bei, drängt sogar die weniger organisierten Religionen, doch bitte „Ansprechpartner“ zu nennen; zur Zeit geht es vor allem um den Islam und seine Vereinsbildungen, denen allerdings die Priesterweihe fremd ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2017 um 18.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35113

Die Ostjuden sträubten sich gegen das Messen der Kinder, weil es an das Ausmessen des Sarges erinnerte.

Das Brauchtum um Tod und Bestattung dreht sich aber hauptsächlich darum, daß der Tote nicht zurückkommt (spukt oder Rache nimmt), in zweiter Linie auch darum, daß es ihm im Jenseits gut gehen möge (Zehrpfennig, Fährlohn usw.).

In den alten amerikanischen Stummfilmen kommen Neger in der stereotypen Rolle ziemlich dummer und furchtbar abergläubischer Menschen vor. Diese Unbefangenheit der weißen Filmemacher ist schon wieder lustig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2017 um 17.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35112

"Aberglaube" ist einerseits das, was die anderen glauben, andererseits eine vernunftwidrige Überzeugung oder Praxis (einschl. Glaube). Ein großer Teil läßt sich als Überdehnung der Zeichendeuterei verstehen: Man sieht Botschaften, wo keine sind und keine sein können. Das Problem liegt in der Abgrenzung von grundsätzlich aufklärbaren Irrtümern.

Über Sprachtabus, Buchstabenmystik usw. ist das Ganze auch linguistisch sehr relevant.

Die Meldungen über Papst Franziskus in Fatima werden in den Medien im allgemeinen nicht kommentiert; wer sich über die nun heiliggesprochenen Kinder informieren will, muß andere Quellen aufsuchen.

Erzbischof Georg Gänswein zur Ausstellung einer Kopie des „Schweißtuchs der Veronika“:

„Dieses Gesicht ist das Alleinstellungsmerkmal der Christen“, sagte er. „Nur wir wissen, wie Gott aussieht – und wie und wer er ist. Das Gesicht Christi ist darum der vornehmste und kostbarste Schatz der Christenheit.“ (FAZ 18.1.16)

(Kann das auch im christlichen Sinne so wichtig sein? Sind nicht die selig, "die nicht sehen und doch glauben"? Aber wahrscheinlich bin ich eben doch ein in der Wolle gefärbter Protestant und werde das nicht verstehen.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.05.2017 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35111

Meine Tante hätte Stein und Bein geschworen, daß sie nicht abergläubisch sei.

Natürlich klopfte sie nicht auf Holz, sagte niemals "toi toi toi", Scherben brachten ihr kein Glück, ein zerbrochener Spiegel keine 7 Jahre Pech, und wenn ein Messer runterfiel, bedeutete das für sie keinesfalls, daß noch unerwarteter Besuch kommen würde. Das war ihr alles Unsinn.

Und trotzdem warnte sie uns Kinder, man DÜRFE NICHT dreimal auf Holz klopfen, wer das tue, auch nur zum Spaß, der verkaufe sich dem Teufel. Aber selbstverständlich war sie nicht abergläubisch. Das habe ich nie verstanden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.05.2017 um 06.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35107

Der Aberglaube hat mich schon als Schüler interessiert.
Als wir vor 43 Jahren unser erstes Kind erwarteten, schlugen einige wohlmeinende Dorfbewohner die Hände über dem Kopf zusammen, weil wir schon vor der Geburt einen Kinderwagen gekauft hatten. Diese Frage wird, wie ich sehe, immer noch diskutiert. Niemand wird je beweisen, daß es kein Unglück bringt.
Meine Eltern, in einem Dorf zugezogen, wurden davor gewarnt, sich von einer alten Frau Salat aus deren Garten schenken zu lassen; das sei eine Hexe. Sie haben es sich trotzdem schmecken lassen, aber das brauchte niemand zu wissen.
Bevor man sich darüber lustig macht, sollte man seine eigenen Ansichten durchforsten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2017 um 05.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35025

Die Präambel des Bayerischen Integrationsgesetzes setzt die Geschichtsphilosophie und -theologie der Bayerischen Verfassung fort:

"Aufgebaut auf dem Trümmerfeld, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des Zweiten Weltkriegs geführt hatte, entstand - eingebettet in die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bayerischen Verfassung und des Grundgesetzes - das moderne Bayern in der Überzeugung, dass allein die Wahrung der unveräußerlichen Grund- und Freiheitsrechte jedes Menschen vor Terror, Diktatur und Spaltung bewahrt und Voraussetzung für Frieden und Freiheit ist."

Verfassung:

"Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechtes dauernd zu sichern, gibt sich das Bayerische Volk, eingedenk seiner mehr als tausendjährigen Geschichte, nachstehende demokratische Verfassung."

Dazu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1231#21351 (Die fehlerhafte Wiedergabe des ISB steht immer noch da.)

Die Verfechter des "Gottesbezugs" wollen einen ähnlichen Passus in der europäischen Verfassung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2017 um 09.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#35013

Rundmail der Universität:

Unser Hochschulpfarramt lädt zu „Pilgerspaziergängen“ ein:

„Verlieren Sie vor allem nicht die Lust dazu, zu gehen:
ich laufe mir jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an
und entlaufe so jeder Krankheit;
ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen,
und ich kenne keinen, der so schwer wäre,
dass man ihn nicht beim Gehen loswürde…
beim Stillsitzen aber und je mehr man stillsitzt,
kommt einem das Übelbefinden nur um so näher….
bleibt man so am gehen, so geht es schon.“  
Sören Kierkegaard, Brief an Jette 1847


Na ja, Kierkegaard wurde 42 Jahre alt und quälte sich zeitlebens mit seinen Neurosen. Ein Muster an Lebenskunst war er wohl nicht gerade. Übrigens ist das Zitat Gemeingut der Sportvereine und Touristikunternehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.05.2017 um 10.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34995

Wie die FAZ vorgestern online berichtete, hat der Papst bekräftigt, sein Vergleich der griechischen Flüchtlingslager mit KZs sei kein "lapsus linguae" (so mehrmals) gewesen. In der heutigen Druckfassung steht aber "Lapsus Linguae".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.05.2017 um 07.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34980

Google doodelt eine "frohen 1. Mai", und diese Verbindung ist reichlich belegt, was mich etwas überraschte. Ich habe noch niemandem einen frohen 1. Mai gewünscht, wie ich es der Konvention folgend bei Weihnachten und Ostern tue, auch wenn ich nicht weiß, ob die Angesprochenen überhaupt etwas mit kirchlichen Feiertagen verbinden.
froh ist im heutigen Deutschen meist auf die Verbindung froh sein im Sinne von "sich freuen, etwas gut finden" eingeschränkt. Synonymisch ist aber zu unterscheiden:

Ich freue mich, daß Sie so zahlreich gekommen sind

Ich bin froh, daß Sie so zahlreich gekommen sind.


Beim zweiten Satz wird mitverstanden "erleichtert" (es hätte auch anders kommen können).
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 22.04.2017 um 19.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34944

Die Amtskirchen? Das einzige Kreuz, das diese Jünger des Diabolos auf sich nehmen, ist das Pluszeichen auf ihrem Kontoauszug (Matthäus 10,38).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.04.2017 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34940

Gedanken eines AfD-Gegners:

Die Kirchenaktion ist allzu billig und außerdem unklug. Ich kenne kirchlich aktive Christenmenschen, die aus verschiedenen Gründen diesmal wahrscheinlich die AfD wählen. Sie werden nun vor den Kopf gestoßen, und mancher wird (wie die Leserbriefe zeigen) eher aus der Kirche austreten, als sich in seinem politischen Urteil irremachen lassen.
Als wirklich eine Partei unter dem Hakenkreuz auftrat und es Mut forderte, gegen sie zu kämpfen, war von den Kirchen wenig zu vernehmen. Heute wollen viele tausend Demonstranten die AfD an der rechtmäßigen Abhaltung ihres Parteitags hindern; da wollen die Kirchen auch dabeisein, natürlich „friedlich“, mit 60 anderen Organisationen. Mit ihrem moralisierenden Schwarz-Weiß geben sie ungewollt dem gewaltbereiten Mob das gute Gewissen. Im Kampf gegen das Böse sind alle Mittel recht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2017 um 17.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34924

Unter dem Motto "Unser Kreuz hat keine Haken" rufen die christlichen Kirchen zur Beteiligung an friedlichen Protesten gegen den AfD-Parteitag in Köln am kommenden Wochenende auf.

Damit wollen die Kirchen "gegen Polarisierung und gegenseitige Abwertung" kämpfen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2017 um 07.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34914

Wenn größere Teile der Welt dem "Islamismus" verfallen, könnte die Presse die Gelegenheit nutzen und sich ehrlich machen, also den ismus streichen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.04.2017 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34855

In einem Gottesdienst vor jungen Leuten nimmt Papst Franziskus innerhalb von wenigen Minuten zwei Mal Bezug auf seine eigene Sterblichkeit.
Damit hat er die Gläubigen hörbar nach Luft schnappen lassen: In dem Gottesdienst am Samstag ermunterte der 80-Jährige die Jugendlichen, 2019 am Weltjugendtag in Panama teilzunehmen. "Ich weiß nicht, ob ich es sein werde, aber der Papst wird in Panama sein!", rief er seinem Publikum zu.
Kurz zuvor hatte er die jungen Leute aufgefordert, die Zukunft der Kirche in die Hand zu nehmen. "In meinem Alter stehen wir kurz vor dem Sterben", sagte er. Als er die verschreckte Reaktion der Gläubigen bemerkte, fügte Franziskus hinzu: "Wer garantiert das Leben? Niemand. In eurem Alter liegt die Zukunft vor euch."
(t-online 9.4.17)

Nach diesem Schocker noch eine beruhigende Frontmeldung:

De Maizière hält nichts von Ziel der Gleichheit aller Religionen. "In meinem Dienstzimmer hängt ein Kreuz."

(domradio 8.4.17, ähnlich FAZ)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.04.2017 um 08.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34822

Mancher kommt sich liberal vor, wenn er statt Religion "Weltanschauung" sagt. Aber auch das stammt aus der überholten Zeit, als die Menschen lückenlos nach Konfessionen eingeteilt werden konnten. Überhaupt keine Konfession zu haben galt als undenkbar, und so kam es, daß auch dem Ungläubigen bis heute eine atheistische Weltanschauung unterstellt wird. Der Eintrag "Ohne Bekenntnis" wird nicht ernst genommen.
Aber warum sollte man eine Weltanschauung haben? Das ist so unwissenschaftlich wie nur möglich. Die ganze Welt anschauen! Das kann doch niemand.
(Anmerkung zum "Islamgesetz")
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.04.2017 um 09.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34805

Unionspolitiker wollen ein Islamgesetz.

Wer die Privilegien anderer Religionsgesellschaften billigt, kann nichts dagegen haben, sie auf den Islam zu übertragen (Theologenausbildung, Religionsunterricht, Militärseelsorge...).

Eine "Kirchensteuer" für Muslime geht freilich über das hinaus, was der Politik zusteht. Auch sprachenpolitische Regeln für den Kultus sind nicht möglich. Beck hat recht:

Der Grünen-Politiker Volker Beck wies die Forderungen zurück. "Wir brauchen kein Islam-, Christentums- oder Buddhismusgesetz. Die Religionsgemeinschaften ordnen und verwalten ihre Angelegenheiten selbstständig", sagte der religionspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion.

Predigten auf Deutsch und die Ausbildung von Imamen an deutschen Hochschulen seien zwar wünschenswert. Erzwingen lasse sich das jedoch nicht. Auch in deutschen Auslandsgemeinden werde selbstverständlich Deutsch gesprochen, in Synagogen die Tora meist auf Hebräisch gelesen.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2017 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34782

Österreich will die Verteilung von "Koranen" (so steht es auch im Duden) verbieten. Dabei wird es nicht bleiben können. Auch der Verkauf und Besitz muß verboten werden, ebenso der Islam. Oder? (Und das Alte Testament?)
Ich warte noch auf die offizielle Begründung.

"Die Gesichtsverhüllung widerspricht unserer Kommunikationskultur", sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Das stimmt, aber ist Kommunikationskultur ein Rechtsgut, das der Staat mit Hilfe des Strafrechts schützen muß?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.03.2017 um 07.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34618

FOCUS titelt:
Eklat in Wuppertal – Anweisung sorgt für Empörung: Gymnasium verbietet "provozierendes Beten"

Der Text sagt aber gar nichts über eine solche „Empörung“, sondern berichtet nur, daß eine Schulleitung das Beten auf dem Schulgelände untersagt habe, weil es den Schulfrieden störe (und zweifellos auch stören soll, denn bisher ging es anders; man testet eben aus, wie weit man es treiben kann).
Ich würde einen Gast, der in meinem Wohnzimmer seinen Gebetsteppich ausrollt, zwar beten lassen, aber nicht wieder einladen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2017 um 04.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34432

Zu meinen Lieblingsautoren gehören Gary Wills und Susan Jacoby. Wills ist katholischer Kirchenkritiker, Jacoby Religionskritikerin. Beide sind auch Historiker und Journalisten, und beide schreiben sehr gut, aber natürlich können sie einander nicht grün werden. Der Religionskritiker (Prototyp Dawkins) wird oft etwas säuerlich gelobt, aber letzten Endes doch belächelt wegen seines Mangels an Spiritualität und Tiefe.

Wenn man aus einer gewissen Distanz zusieht, wie die Frommen und die Unfrommen einander beharken, kann man von beiden viel lernen.

Ich schließe dies an meine Beobachtung an, daß z. B. die FAZ zwar Kirchenkritik, aber nie und nimmer Religionskritik zuläßt. Überhaupt haben wir hierzulande keine Autoren wie die genannten, oder sie werden nicht bekannt, weil das Publikum fehlt oder lieber weghört.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2017 um 08.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34410

Das Nachtgebet mit Weihbischof Ansgar

Komplet

Seit der Adventszeit 2015 betet Weihbischof Ansgar Puff jeden Tag unter der Woche die domradio-Komplet. Tägliche Impulse in Form einer Videobotschaft veröffentlicht er montags bis freitags auf seiner Facebook-Seite.

Hier können Sie Ihr Gebetsanliegen oder Ihre Fürbitte an Weihbischof Ansgar Puff schicken.

Betreff: ...


(Es fehlt eine Sicherung gegen Fake-Gebetsanliegen, prayer bots...)

s. auch https://www.youtube.com/watch?v=t4_9YFJhL3o und viele ähnliche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.01.2017 um 17.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34357

„Um Fanatismus zu bekämpfen, müssten sich Muslime mit ihrer Religion auseinandersetzen, sagt der Bundestagspräsident. Terror sei nie religiös, sondern immer politisch.“ (ZEIT online 19.1.17)

Das ist Kants listige Methode der Textkritik: Wenn in der Bibel etwas moralisch Verwerfliches steht, kann es nicht echt sein. Religion ist per def. gut.

„Die IS-Terrormiliz hat in Syriens Oasenstadt Palmyra erneut einzigartige archäologische Bauten in Schutt und Asche gelegt. (...) Für die militanten Islamisten der IS-Terrormiliz sind die historischen Bauten Überreste aus der «Zeit des Unglaubens», die aus ihrer Sicht vernichtet werden müssen.“ (20.1.17)

(Übrigens hatten die römischen Theaterbauten längst nichts mehr mit Religion zu tun; allerdings waren es Orte des Vergnügens, das ist im Namen der Religion heute verpönt – oder im Namen der Politik? Welcher denn?)

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.01.2017 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34278

"Keine Religion hat Vorrang vor der Bildung." (ZEIT zum Schwimmurteil des EuGH)

Das wird schwierig. Steht die Religionsfreiheit dem Recht auf Bildung oder der Pflicht zur Bildung nach? Für den wirklich Frommen ist göttliches Gebot wichtiger als alles Irdische. Es gab auch christliche Richtungen, die angesichts des bevorstehenden Gottesreiches alles andere belanglos fanden. Und welche Bildung ist gemeint? Muß man schwimmen können? Lohnt es sich, dafür in die Hölle zu kommen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.12.2016 um 19.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34193

Laut Pressemeldungen wollen deutsche Behörden 22.000 beschlagnahmte Koranübersetzungen in der Wüste vergraben. Die Übersetzung soll "salafistisch" getönt sein.

Als wir vor einiger Zeit über die Koranverteiler sprachen, hieß es in einem verlinkten FAZ-Beitrag, der Übersetzer versuche stellenweise, den Koran zu "entschärfen" und dadurch anziehender zu machen. Wäre das so schlimm? Tun solches nicht auch die Bibelübersetzer? Die Bibel wird auch durch Weglassen weichgespült und ist den meisten Christen nur in dieser Form bekannt. Das kann man nur gutheißen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 11.12.2016 um 20.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34088

Die Lutherbibel ist zum Jubiläum der Reformation in zeitgemäßen Editionen verfügbar: Edition Uschi Glas, Edition Klaus Meine, Edition Jürgen Klopp, Edition Harald Glööckler und weitere. Ob das der evangelischen Kirche wieder mehr Zulauf verschaffen wird?

www.die-bibel.de/ueber-uns/unsere-uebersetzungen/lutherbibel-2017/prominente-und-die-lutherbibel
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2016 um 07.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34061

Interessante Frage. Jedenfalls zeigt sich heute, daß das vielgerühmte "kooperative" Verhältnis von Staat und Kirchen (von Juristen als "hinkende Trennung" bezeichnet) seinen Befürwortern auf die Füße fällt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.12.2016 um 19.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34060

Bereits Katholizismus könnte man als Kampfbegriff ansehen. Die römisch-katholische Kirche sieht sich sicherlich nicht als ein Ismus unter vielen. Man hat auch schon festgestellt, daß politischer Protestantismus »eigentümlich ungebräuchlich« sei (Michael Klein, 2005).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2016 um 19.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34059

Das war doch nicht der Kampfbegriff seiner Gegner, oder?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.12.2016 um 18.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34058

Wen oder was hat denn die jahrzehntelange Verwendung des Begriffs politischer Katholizismus vergiftet?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2016 um 06.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34051

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33921

In diesem Sinn auch ein ausgezeichneter Beitrag des Juristen Rudolf Steinberg über die "Keule des 'politischen Islams'", auch gegen Einlassungen des bayerischen Justizministers Bausback an gleicher Stelle. Man müsse bedenken, daß ein umfassendes Ausschließen des Islams aus dem öffentlichen Leben zugleich das Christentum, Judentum usw. treffe.

Aber das Schlagwort ist in der Welt und entwickelt seine giftige Wirkung, wie "Leitkultur".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.12.2016 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#34016

Rainer Hank vom Wirtschaftsressort der FAS, der auch katholische Theologie studiert hat, begründet die Sonntagsruhe mit einem "Menschenrecht auf Rhythmus", preist auch die Einführung des Schabbat als "eine der größten Kulturleistungen der Menschheit". (Andere Völker haben auch ihre Festkalender usw.)
Im Zeitalter des Internet braucht man die Zeitungen nicht selbst zu archivieren, um festzustellen, daß Hank ungefähr dasselbe vor zwei Jahren, ebenfalls zum zweiten Advent, schon einmal geschrieben hat: "Die Weltgeschichte schreitet quasi im Siebenachteltakt voran. Das macht die Zeit allererst als Zeit erfahrbar, andernfalls wäre sie nur ein breiter amorpher Strom, der am Ende alle krank, gar verrückt werden ließe. Einatmen und Ausatmen, Sympathikus und Parasympathikus beschreiben ein Grundmuster der Humanbiologie."
Damals mahnte er auch die Kirchen, ihren Sonntagsgottesdiensten (dem offiziellen Zweck der Sonntagsruhe) wieder mehr Gehalt zu geben.

Wenn man solches Recycling einer Handvoll Gedanken beobachtet, geniert man sich ein wenig, weil man ahnt, daß man selbst auch nicht anders tickt. Bei anderen fällt es eher auf, weil sie falsch liegen, während man selbst natürlich recht hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2016 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33980

Das Urteil zur Karfreitagsruhe wird naturgemäß unterschiedlich kommentiert. Matthias Drobinski in der SZ vom 30.11.16:

Kollektive Ruhelosigkeit

Warum der Karlsruher Spruch zum Karfreitag befremdlich ist.

In Deutschland gibt es, ausgerechnet in einer Zeit der vielfältig bedrohten Freiheit, eine merkwürdige Banalisierung des Freiheitsbegriffs: Freiheit ist, an 365 Tagen im Jahr Party machen zu können. Freiheit ist, jederzeit in einem Geschäft einkaufen gehen zu können, gerne noch am Karfreitag, wenn man nicht gerade zum Tanz beim Bund für Geistesfreiheit muss. Für diese Freiheit also wird gekämpft, bis hin zum Bundesverfassungsgericht.
Was die tapferen Kämpfer übersehen: Es geht schon lange nicht mehr um den Anspruch der Kirchen, den Leuten vorzuschreiben, wann sie stille sein sollen; das funktioniert, zum Glück, nicht mehr. Es geht um das Pausenlose des öffentlich sichtbaren Konsums und ums Verschwinden der kollektiven freien Zeit. Es sind Schutzbereiche des Gemeinsamen, welche die Feiertage bieten, Auszeitangebote gegen die totale Vertaktung des Lebens. Sie sind bedroht, diese Auszeiten, nicht durch höllenpredigende Pfarrer, sondern durch die kollektive Ruhelosigkeit.
Zu Recht betonen nun die Verfassungsrichter den Wert dieser kollektiven freien Zeit; es erstaunt eher, dass sie diesen Wert einschränken, wenn die Party am Karfreitag gewissermaßen ein Gegenbekenntnis zu den betenden Christen ist. Nein, die Freiheit leidet nicht, wenn das Geschäft und das öffentliche Vergnügen mal Pause machen. Und wer will, kann privat tanzen, bis die Sohle qualmt.


Befremdlich ist eigentlich nur die nichtreligiöse Begründung. Banalisiert wird von Drobinski das ernste Jahrtausendthema der Trennung von Kirche und Staat, indem er den Kritikern unterstellt, sie wollten doch nur rund um die Uhr shoppen und tanzen.

Auch die Gewerkschaften halten verständlicherweise an den arbeitsfreien Tagen fest und hätten bestimmt nichts gegen eine Umbenennung wie in Bloomington ("Spring holiday"). Aber die Kirchen können mit "Auszeitangeboten gegen die totale Vertaktung des Lebens" keinen Staat machen, das ist eher etwas für Käßmann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.11.2016 um 07.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33921

Man sollte den neuen Kampfbegriff politischer Islam beobachten, er könnte Karriere machen. (Der Ausdruck selbst ist natürlich nicht neu.)

Der Islam genießt Religionsfreiheit. Um ihn trotzdem bekämpfen zu können, hat man den "Islamismus" erfunden, neuerdings auch den "politischen Islam". Allerdings war und ist auch das Christentum politisch, das braucht man nicht zu beweisen. Die katholische Kirche verlangt von katholischen Politikern, daß sie nicht nur privat den Grundsätzen der Kirche gehorchen. "Katholische Abgeordnete haben ohnehin die Pflicht, sich entsprechend der katholischen Glaubens- und Sittenlehre zu verhalten." (Norbert Geis) Entsprechende Instruktionen des Vatikans kann man nachlesen.
Wie denn auch nicht? Wenn es Götter gibt, stehen sie himmelhoch über allem Irdischen, und Religionen ohne Absolutheitsanspruch sind keine. Demokratie und Rechtsstaat sind ja schön und gut, aber nur für begrenzte irdische Verhältnisse. Jener Papst, der vor hundert Jahren die allgemeinen Menschenrechte für Wahnsinn erklärte, hatte sub specie aeternitatis vollkommen recht.
Das alles ist zu bedenken und wird hochkommen, wenn der "politische Islam" vor den Verfassungsgerichten landet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2016 um 10.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33858

Die Zeitung beschäftigt sich mit der „schwierigen Entsorgung des Korans“ und zeigt ein Foto mit beschlagnahmten Koran-Exemplaren. (FAZ 16.11.16)

Zum Aberglauben gehört die ehrfürchtige Behandlung der heiligen Texte in ihrer Stofflichkeit. Die FAZ erwähnt den Brauch frommer Katholiken, Bibeln in geweihter Erde zu bestatten. Näher liegt der Umgang der Juden mit der Thora. Wir verdanken ihm die Erhaltung alter Exemplare trotz jahrhundertelanger christlicher Judenverfolgung.

Die Verteilung des Korans kann nicht verboten werden, auch wenn manche "Leitkultur"-Verfechter das gern möchten. Der Koran ist keine verbotene Schrift. Er schreibt die Bibel fort, am deutlichsten das AT. Man müßte die Bibel gleich mitverbieten.

Wie wäre es mit den bewährten Tricks?

Die Behörden erwägen ein Verfahren gegen die „Wahre Religion“ wegen Steuerhinterziehung: Der Koran wird teilweise für einen geringen Preis verkauft, der aber höher liegt als die Beschaffungskosten von „ein bis zwei Euro“. Also ist der Handel ein nichtgemeldetes Gewerbe usw. Aber mit solchen Bagatellbeträgen können Fiskus und Strafgerichte keine großen Sprünge machen

Das Urheberrecht (wie bei Hitler) kann nicht herangezogen werden, weil Text und Übersetzung gemeinfrei sind.

Nachdem die „Wahre Religion“ verboten worden ist, könnte das eingedruckte „DWR“ als Verwendung des Emblems einer verfassungswidrigen Organisation strafrechtlich verfolgt werden. Dann werden Ausgaben ohne das Logo gedruckt.

Auch unabhängig davon ist die „Entsorgung“ der Bücher nicht zu empfehlen, man weiß ja, was das bei den Muslimen in fernen Ländern auslösen kann. Man sollte nicht für nichts und wieder nichts einen großen Teil der Menschheit gegen sich aufbringen. Die festgenommenen Salafisten werden ohnehin wieder auf freien Fuß gesetzt werden müssen.

(In der Zeitung wird wieder einmal von „selbsternannten“ Predigern gesprochen. Das ist sehr aus der Sicht von Amtskirchen gesprochen und eigentlich sinnlos. Übrigens wimmelt es auch in den USA unter Protestanten von selbsternannten Predigern; sie predigen eben einfach, eine Ernennung ist nicht erforderlich.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2016 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33804

Zum Streit um die Gipfelkreuze: Pfarrer Kraller aus Lenggries meint, das "Gipfelkreuz sei ein unerlässliches Bekenntnis des Glaubens, ein Zeichen, das zum Gebet und Dank aufgestellt worden sei, um Gott näher zu sein." (FAZ 9.11.16)

Was sagt eigentlich die Theologie dazu? Ist der Mensch auf dem Schafreiter 2000 m näher zu Gott als in Ostfriesland?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.10.2016 um 05.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33720

Der Reformationstag sollte nach dem Luther-Jahr für immer ein gesetzlicher Feiertag werden. Das fordert Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche (EKD). Auch der Buß- und Bettag sollte wieder gesetzlich geschützt werden. (...)
Feiertage seien enorm wichtig für die „moralische und soziale Infrastruktur Deutschlands“, sagte Bedford-Strohm dem „Hamburger Abendblatt“.


Interessante Begründung, könnte von Käßmann sein. Die beiden haben ja auch gerade zusammen ein Buch herausgebracht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.10.2016 um 06.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33695

F. C. Delius weist schwungvoll nach, daß Luther die Reformation "vergeigt" habe, und zwar durch sein Festhalten an der Erbsündenlehre des Augustinus (FAZ 29.10.16). Das ist nicht neu (Nietzsche usw.), aber es ist auch nicht verkehrt, ab und zu an diesen Kern der Christenlehre zu erinnern, gerade im Gesäusel zum Reformationsjahr. Wenn Delius allerdings meint, Augustinus hätte Paulus ohne weiteres griechisch statt lateinisch zitieren können, so steht dem die ziemlich einhellige Meinung der Philologen entgegen, daß es mit Augustins Griechischkenntnissen nicht weit her war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.10.2016 um 06.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33686

Ich war überrascht, in der ZEIT vom „Oberhaupt der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm“ zu lesen (26.10.16), aber dann sah ich, daß diese Redeweise sehr verbreitet ist. In meiner theologischen Grundausbildung (1000 Stunden Religionsunterricht, mehr als Physik) habe ich gelernt, daß die Protestanten kein Oberhaupt haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.10.2016 um 05.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33616

"Planen Sie Ihren Reformationssommer! Lassen Sie sich durch dieses Magazin dazu einladen, aus der Vielfalt der Angebote auszuwählen. Ihre Margot Käßmann"
(chrismon 22.10.16)

Im selben Heft werden Prominente gefragt, was ihnen die Reformation bedeutet. Der Produzent Nico Hofmann: „Luther hat die fundamentalistische Auslegung von Religion infrage gestellt.“ Dann wäre also die Kirche mit ihrem Ablaßhandel usw. fundamentalistisch gewesen, und Luther hätte dagegen eine liberalere Bibelauslegung gestellt oder wie?

Abgesehen vom sonderbaren Geschichtsbild: infrage stellen ist zwar nur fakultativ, wird aber, wie man ohne Nachschlagen voraussagen kann, vom Duden empfohlen. Konsequent wäre infragestellen.

Planen wir unseren Reformwinter!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2016 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33582

Im römisch-katholischen Gottesdienst beschließt der Pfarrer die Lesung mit der Formel Wort des lebendigen Gottes, worauf die Gemeinde mit Gott, dem Herrn, sei Dank! antwortet.

Wie eine kurze Umschau zeigt, haben auch die Pfarrer selbst manchmal Bedenken, zeitbedingte Texte als Wort Gottes zu bezeichnen, und die Gläubigen wissen im Grunde nicht, was sie unter einem "lebendigen Gott" (nach griechischem Vorbild) verstehen sollen (kuriose Antwort: http://www.nordelbische.de/beitraege/?p=487).

Kein Kommentar scheint dagegen nötig, um die artikellose Wendung Wort... zu erklären. Mir als Fremdling war sie gleich beim erstenmal aufgefallen.

Übrigens ist die Langform Gottes ungleich häufiger als die synkopierte Gotts, nicht nur als Quasi-Eigenname.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2016 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33543

Der interkonfessionelle Andachtsraum im Reichstag ist ja sehr "stimmungsvoll", wie man so sagt, und zur Kunst am Bau gehört mehr denn je das Gerede darüber:
http://www.bildimpuls.de/Uecker-Reichstag-KuK2010.pdf

Das Wichtigste steht anderswo: Der Raum wird nur noch von 10 bis 15 Menschen genutzt; vor 30 Jahren (in Bonn) waren es zehnmal so viele. Es ist absehbar, wann nur noch Besucher hindurchgeführt werden.

(Uecker hat sein Leben lang genagelt, warum sollen die Nägel hier plötzlich eine Anspielung auf die Kreuzigung sein?)

Man ist heute nicht mehr fromm, sondern "spirituell", aber die totale Ästhetisierung hat für einen Erzprotestanten wie mich etwas Unzulässiges.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.10.2016 um 07.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33476

„Muslim wird man nach muslimischem Glauben durch Geburt. Ein Bekenntnisakt wie die Taufe ist nicht nötig.“ (FAZ 7.10.16)

Tagesprämie an Patrick Bahners!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.10.2016 um 06.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33418

Die politische Redaktion der FAZ begrüßt selbstverständlich die neue "Leitkultur"-Debatte, die dadurch besonders pikant wird, daß man sich zugleich von der AfD abgrenzen muß. Wir sind gespannt auf die Formulierungskünste der Unionspolitiker, nachdem die AfD ja alles schon mustergültig gesagt hat.

Reinhard Müller bemüht das Grundgesetz, an das sich auch "jeder Tourist halten" müsse. (FAZ 1.10.16)
Aber im GG steht wenig für Touristen; da müßte der Jurist Müller schon etwas deutlicher werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2016 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33414

Die katholische Kirche äußerte sich wiederholt zur Evolutionstheorie, so Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Humani generis, Papst Johannes Paul II. auf der Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und Papst Benedikt XVI. in seiner Predigt zur Amtseinführung. Dort heißt es „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes.“ Die Evolutionstheorie wird vom Vatikan als „vereinbar mit dem christlichen Glauben“ bezeichnet. (Wikipedia Evolution)

Man lebt in so verschiedenen Sprachwelten, daß ein Widerspruch schwer zu formulieren sein dürfte. Insofern sind die beiden „Magisteria“ (Stephen Jay Gould) in der Tat miteinander vereinbar. Stabhochsprung und Geigenspiel „widersprechen“ einander auch nicht. Diese „Vereinbarkeit“ ist allerdings nicht ganz das, was die Philosophen sich darunter vorstellen.

„Monsignor Ravasi said Darwin's theories had never been formally condemned by the Roman Catholic Church.“

Wer zur Rechtgläubigkeit erzogen ist, kommt nicht auf den Gedanken, daß schon die ganze Konstruktion des „Verurteilens“ von Theorien anstößig ist. Aufgeklärte Menschen sehen nicht nach, ob eine Theorie irgendwann einmal verurteilt worden ist oder das „Imprimatur“ eines Vormunds erhalten hat.
Wie aus dem Wikipedia-Eintrag hervorgeht, scheint sich der Islam noch gar nicht gründlich mit der Frage beschäftigt zu haben, jedenfalls nicht in der Breite wie das Christentum. Er ist noch zu sehr mit der Bekämpfung der Ungläubigen beschäftigt.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 23.09.2016 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33365

"Amore, amore e tutto che non so dire mai!" (Gianna Nanini)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2016 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33353

Christian Geyer, dem ja der Papst nicht päpstlich genug ist, titelt heute

Amore romana

(wieder einmal über "Amoris laetitia")
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2016 um 04.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33352

„Es gibt keinen Gott des Krieges“, sagt der Papst. (Reinhard Müller in FAZ 21.9.16)

„Israel“ heißt nach geläufiger Auffassung „Gott führt Krieg“, so auch bei Thomas Mann („Das Gesetz“). Es gibt mildere Übersetzungen, aber ohne Kampf geht es nicht, wie ja auch das AT zeigt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.09.2016 um 04.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33332

Der Wirtschaftsteil (!) der FAS vom 18.9.16 gönnt eine ganze Seite einem Eskimo-Schamanen, der seine Plattheiten (gegen materialistische Orientierung, für "Spiritualität", gegen die Gier, für Einklang mit der Natur usw.) auf Vortragsreisen über die ganze Welt verstreut. Mit dem Dalai Lama hat er sich natürlich auch gut verstanden. Einschlägige Bestseller gab es ja in den sechziger und siebziger Jahren. Erstaunlich viele Menschen fahren aber immer noch auf so etwas ab. Neu ist, daß die Ideologie nicht auf Müsli-Kreise beschränkt bleibt, sondern in Entspannungsübungen für Manager eingebaut wird.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.09.2016 um 13.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33329

Voraussichtlich in einem Jahr wird die nächste Bundestagswahl abgehalten. Der Kurswechsel der F.A.Z. ist daher jetzt fällig; er stand schon seit 2013 im Kalender vorgemerkt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2016 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33327

Die Burkaträgerin entscheidet sich in den meisten Fällen bewusst dafür, ihre Einzigartigkeit als Individuum zu vernichten und ihre eigene Identität durch die der Gruppe zu ersetzen. (Juraprofessor Rudolf Steinberg FAS 18.9.16)

Mag sein, aber woher weiß er das? Ist eine Muslimin gefragt worden: „Wollen Sie Ihre Eigenart als Individuum vernichten?“ Würde sie eine solche Frage verstehen? Sie würde vielleicht etwas ganz anderes antworten, aber der deutsche Professor würde es unbeirrt so deuten, wie er es für richtig hält. Er weiß eben einfach Bescheid ("in den meisten Fällen"!), war ja auch, wie mitgeteilt wird, Präsident der Goethe-Universität.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2016 um 04.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33324

Für eine Beilage hat die FAZ Allensbach beauftragt, das Volk zu befragen, ob die Bundesregierung die Flüchtlingskrise bewältigt. Mit den Ergebnissen („Vertrauensverlust“) stützt Renate Köcher dann ihre bekannte politische Meinung.
Das ist offenbar vor dem Kurswechsel der FAZ in Auftrag gegeben. Gerade die FAS, der die Broschüre beiliegt, eröffnet gleich mit einem fast hymnischen Artikel über das Abflauen der Krise usw. Auch die FAZ ist vor etwa einer Woche auf diesen positiven Ton umgeschwenkt, nicht zuletzt durch die Leserbriefpolitik, aber auch einen Beitrag von Patrick Bahners (16.9), der offensichtlich gegen die Dauerpolemik von Berthold Kohler, Jasper von Altenbockum, Reinhard Müller und Christian Geyer gerichtet war. Am 13.9. hatte Geyer verlangt, Merkel solle endlich zugeben, einen Kurswechsel vollzogen zu haben. Das war ein letztes Aufbäumen, wie denn die Kritik zuletzt nur kleinkarierte Wortklauberei gewesen war. – Vielleicht ist die Zeitung aus Wirtschaftskreisen gerüffelt worden, oder die Nähe zur AfD wurde ihr unangenehm.

Durch Meinungsumfragen zu einem Problem erzeugt man in einem Abwasch das Problem und die Meinung dazu.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.09.2016 um 17.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33315

Wie kann es sein, dass wir die Beschneidung [von Mädchen] verbieten, die Vollverschleierung aber nicht? (Brief einer Leserin an die FAZ 13.9.16)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.09.2016 um 06.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33288

Der Christstollen ist ja auch schon profaniert und rund ums Jahr zu finden, auch als Osterstollen, Herbststollen, Marzipanstollen usw. (Mein Vater stellte die Stollen nach einem handschriftlichen Rezept aus Sachsen her, das war immer eine große Sache.)

"Allgemein wird der Stollen als Gebildbrot bezeichnet, da er per Hand geformt wird. Er versinnbildlicht den in weiße Windeln gewickelten neugeborenen Jesus Christus." https://de.wikipedia.org/wiki/Stollen_(Geb%C3%A4ck) - dort auch zum Markennamenrecht.

Da wir gerade über religiöse Symbole reden: Irgendein Unhold hackt zur Zeit Gipfelkreuze um; Reinhold Messner ist es nicht, aber der findet religiöse Symbole auf Bergen auch nicht gut. Dazu gibt es eine Perle aus der klassischen Literatur, die verständlicherweise nicht in den Lesebüchern steht: Theodor Storms "Crucifixus", mit einem ziemlich kühnen Reimwort am Schluß. Mir fallen die Verse geradezu zwanghaft unweigerlich ein, wenn ich sonntags über die Grenze zu Oberfranken radle und an etwa zehn Kruzifixen vorbeikomme, bevor ich wieder auf mittelfränkisches Territorium gelange.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.09.2016 um 10.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33261

Dresden ist nur der größere und bekanntere Marktplatz für die eigentliche Pfefferkuchenstadt Pulsnitz mit jahrhundertelanger Tradition. Dort gibt es fast in jeder Straße eine meist noch als kleiner Familienbetrieb ganzjährig arbeitende Pfefferkuchenküchlerei. Hauptsaison ist natürlich um Weihnachten. Wer nicht selbst hinfährt, muß(!) sich die Pfefferkuchen per Internet schicken lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.09.2016 um 09.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33260

Um von der ewigen Burka mal auf etwas Erfreulicheres zu kommen: Ende August, spätestens Anfang September tauchen die ersten Lebkuchen, Printen, Dominosteine und Zimtsterne in den Geschäften auf, teils jetzt als "Herbstgebäck".

„Die durchgängige Kommerzialisierung der christlichen Feste ist uns nicht recht“, meint aber der Vizepräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Thies Gundlach. Sowohl der Zeitpunkt des Verkaufs als auch die Bezeichnung „Herbstgebäck“ sind ihm ein Dorn im Auge. Die Herkunft werde damit bewusst unsichtbar gemacht. Der Advent, für den das Gebäck wie Spekulatius eigentlich gebacken wurde, sei eine Bußzeit – eine Zeit der Bescheidenheit. Früher hätten die Menschen sogar gefastet und sich daher mit dem etwas trockeneren Gebäck begnügt. All das, um sich auf Weihnachten vorzubereiten. Ohne dieses Bewusstsein gehe der Sinn der Leckereien verloren. „Dann können Sie auch ganz normalen Kuchen essen“, sagt Gundlach.

Eine schwierige theologische Frage. Bei katholisch.de liest man: „Ohnehin ist die enge Verbindung von Lebkuchen mit Weihnachten eine neuere Entwicklung; in Lebkuchen-Metropolen wie Dresden, Nürnberg und Aachen (mit den Printen) läuft das Geschäft durchgehend. Und die Benediktinerinnen von Frauenwörth im Chiemsee backen in ihrer berühmten Lebzelterei auch das ganze Jahr über, ganz ohne adventliche Skrupel.“ Weiteres zum Brauchtum hier: (https://www.ekd.de/advent_dezember/brauchbar/advent/lebkuchen.html)

Brisanter ist die Überlegung, daß Lebkuchen kein „normaler Kuchen“, sondern offenbar theologisch aufgeladen ist, ähnlich der Hostie, zwar ungeweiht, dafür schmackhafter. Das Neue Testament erwähnt ihn nicht (nur Korinther, wobei ich als Kind immer an Weihnachtsgebäck denken mußte), der Koran fordert aber auch keine Burka. – Die Debatte ist eröffnet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.09.2016 um 05.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33228

„Schließlich heißt es auch immer wieder: Viele Frauen tragen den Gesichtsschleier freiwillig. Weil aber kaum jemand Zweifel daran hat, dass die meisten Frauen Burka oder Nikab eben nicht aus eigener Entscheidung tragen, und der Gegenbeweis nicht verlässlich angetreten werden kann, könnte man mit einem Verbot eben jenen Frauen, die die Vollverschleierung als Ausdruck der Selbstbestimmung postulieren, signalisieren: Deutschland ist dann vielleicht nicht das Land, in dem ihr leben solltet. Auch dann nicht, wenn ihr Deutsche seid.“ (Anna Reimann, Spiegel 2.9.16)

(„weil“? Merkwürdige Begründung. Dabei geht es doch nur um „Raus, raus, raus!“ Diesmal von einer erklärten Feministin.)
 
 

Kommentar von B, verfaßt am 01.09.2016 um 12.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33225

Es gibt ja die in Fachkreisen sehr renommierte Vatikanische Sternwarte (wenn auch nicht mehr in Rom, die Städte sind heute einfach zu hell). Ich hätte natürlich nichts dagegen, wenn es dereinst auch eine Boko-Haram-Sternwarte geben sollte. (In Nigeria ist es ja wohl auch nachts noch richtig dunkel, also nicht im übertragenen Sinne.) Schauen wir in dreihundert Jahren noch einmal.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2016 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33222

Es gehört thematisch nicht hierher, aber weil ich Reichholfs Buch erwähnt habe, will ich es hier einschalten: Der Verfasser bringt Hexe mit Hekate zusammen und leitet Wacholder von einem Wach-Halter ab. Beides ist natürlich indiskutabel und wäre nicht erwähnenswert. Aber wie kommt es bloß, daß so viele Menschen auf die albernsten Volksetymologien abfahren? Was hat die Schule versäumt? Wir haben bei der Rechtschreibreform immer wieder erleben müssen, daß die Mehrheit nicht die geringste Ahnung von sprachgeschichtlichem Elementarwissen hat und daß selbst viele Mitstreiter uns eher peinlich waren.

Übrigens schreibt auch Dawkins über viele Gebiete, auf denen er kein Fachmann ist, und vermerkt dies auch jedesmal; aber solche Schnitzer würden ihm nie passieren. In sprachlichen Dingen verläßt er sich stellenweise immerhin auf Pinker.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2016 um 05.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33221

Lieber Herr Strowitzki, sind Sie da sicher? Die Religionen sind doch unendlich wandelbar, und Boko Haram könnte in dreihundert Jahren zu der Ansicht kommen, es sei am besten, die heidnische (unsere) Wissenschaft zu überholen.
Die auffällige Uberlegenheit (Überrepräsentation) der Juden in Wissenschaft und Kunst scheint mit ihrer Schriftbesessenheit zusammenzuhängen, die aber zusammen mit einer bestimmten Familien- und Gesellschaftsstruktur zu ganz anderen Folgen geführt hat als bei den verbiesterten Boko-Haram-Leuten. Daher meine Skepsis bezüglich der "Sternwarten". Die Diskussionskultur macht's.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2016 um 04.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33220

Hier auf meiner Insel möchte ich manche Leute bitten, die Sonnenbrille abzunehmen, wenn sie mit mir sprechen; aber das wäre wohl so unhöflich wie deren Verhalten. Stört ungemein. Dann lieber Augenschlitze, aber die gibt es hier nicht, Juist ist deutsch-polnisch.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 31.08.2016 um 21.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33219

Gleiches Vermummungsrecht für Männer! Wenn Frauen vermummt herumlaufen können, dürfen Männer mit einem Cowboyhut auf dem Kopf und einem Halstuch vorm Gesicht, das nur die Augen freiläßt, öffentlich auftreten. (Ich habe noch viele Wildwestfilme gesehen.)
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 31.08.2016 um 19.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33218

Zur Frage von Manfred Riemer: "Wie verträgt sich das Prinzip der eisenharten Auslese mit Ihrem Gottesverständnis?"

Ich bin der festen Überzeugung, daß dem Antichrist – Sie wissen schon, der mit den Hörnern und dem sanften Griff an den Kragen, den das Völkchen nicht spürt – diesem Teufel ist mit der tausendfach wiederholten Behauptung, die naturwissenschaftliche Sicht auf das sich in Entwicklung befindliche Geschehen um uns herum und der Gottglaube schlössen einander aus, ein Meisterstück gelungen. Allzu viele Wohlmeinende schlucken diesen Unfug.

Wieviele, die Gott suchen, hat er mit dieser dreisten Behauptung abwimmeln können? (Wer kann schon den kreationistischen Quatsch ernstnehmen?) Und wieviele Brüder im Glauben hat er auf Irrwege geführt, die ihnen den Zugang zu ihren naturwissenschaftlich denkenden Zeitgenossen versperren?

Einen Einstieg in des Thema bietet der phoenix-Beitrag:

youtube.com/watch?v=qAUqIvHuH38

Wer sich näher mit der Thematik beschäftigen will, sei auf Hoimar von Ditfurths Hauptwerk "Wir sind nicht nur von dieser Welt" verwiesen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 31.08.2016 um 17.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33217

Sternwarten frommer Herrscher haben nichts mit deren Glauben zu tun.
In gewissen Grenzen schon. Der Daesch oder Boko Haram werden wohl kaum Sternwarten errichten. Man kann Naturforschung auch als überflüssig oder gar gotteslästerlich ansehen, weil alles Wesentliche ja schon in den Heiligen Schriften steht.
"Wahrlich, es brechen die Gläubigen ihre Eier am geeigneten Ende."
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 31.08.2016 um 08.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33216

Eine Vermutung, was den Mangel an Anerkennung für Atheisten betrifft: https://perkingthepansies.files.wordpress.com/2015/08/atheists.jpg.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.08.2016 um 05.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33215

Sternwarten frommer Herrscher haben nichts mit deren Glauben zu tun. Wenn man schon so global denkt wie der zitierte Mini-Spengler, könnte man etwa folgendes unterscheiden:

Wiedergeburt/Seelenwanderung und Karma, Alleinheit und die Vielfalt als Täuschung (Indien)

Strenger Vatergott, der absolute Unterwerfung verlangt (Judentum und Ableger, die sich nicht mehr auf ein auserwähltes Volk beschränken, sondern missionieren).

Kosmische Ordnung, in die auch Staat und Familie (mit Ahnenverehrung) sich einfügen (China).

Das ist natürlich unglaublich vereinfacht, aber wenn man an Dogma und Kult dieser Großräume denkt, wird man es ungefähr so ständig wiederfinden, daneben natürlich die Abweichler, Mystiker (Daoisten usw.), Propheten und Reformatoren, die "zurück zu den Wurzeln" wollen.

Der Buddhismus war für Indien so revolutionär, daß er auswandern mußte, aber im Kern ist er doch erstaunlich hinduistisch und ganz und gar unjüdisch, nicht wahr?

Versteht sich, daß man sich aus dieser Vogel- oder Satellitenperspektive nicht auf theologische Feinheiten wie Trinität oder Mariendogmatik einlassen kann. Volksfrömmigkeit und lokale Heiligenverehrung (mit Pilgerstätten) gibt es auch überall, das ist nichts Unterscheidendes.

Sogar Atheismus hat es ja immer gegeben, aber als anerkannte Massenerscheinung ist er ziemlich neu.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 31.08.2016 um 01.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33214

Was bitte ist an »Gottes menschlicher Sohn, der zugleich Gott ist« klar? Was ist klar an einem »Heiligen Geist, der nicht männlich und nicht weiblich ist«? Ich kann mir nichts Unklareres vorstellen. Und die Erfahrung lehrt, daß die Erklärungen mit jeder weiteren Nachfrage immer unklarer werden. Nichts gegen Bilder, aber wenn sie so diffus sind, stellt sich mir unwillkürlich die Frage, wer hier eigentlich vernebelt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.08.2016 um 23.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33213

zu SP, #31201 und #31211:

Ein einfaches und klares Bild, nur nicht rational.

Sie scheinen ein großer Anhänger der Evolutionstheorie zu sein. Aber wie verträgt sich das Prinzip der eisenharten Auslese mit Ihrem Gottesverständnis?
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 30.08.2016 um 20.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33212

Nicht zu vergessen die große Sternwarte in Samarkand und die ganzen Leistungen in der Astronomie.
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 30.08.2016 um 19.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33211

Verehrter Theodor Ickler,

im Falle der Jungfrauengeburt kann ich Auskunft geben. Gottes menschlicher Sohn, der zugleich Gott ist, ist nicht das Produkt männlicher Potenz, sondern aus dem Heiligen Geist, der nicht männlich und nicht weiblich ist. Ein einfaches und klares Bild.

Man muß bedenken, daß es vor unserem hoch technisierten Informationszeitalter ganz normal war, sich in Bildern auszudrücken. Und sich die Frage stellen, ob das heute so viel anders ist. Handwerklich äußerst geschickt umfunktionierte Duschköpfe vernebeln so manches atheistische Gehirn.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 30.08.2016 um 18.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33210

In der wissenschaftlichen Blütezeit des Islam um 900 n.Chr. wurden die griechischen Wissenschaften ins Latein übersetzt (Toledo) und neue Entdeckungen in Medizin und Mathematik gemacht (Bagdad). Die Katholischen Könige von Spanien beendeten diese Übersetzungstätigkeiten mit Hilfe der Inquisition.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.08.2016 um 15.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33209

Und allen Ereignissen der Zeiten zum Trotz hat dieses asiatische Dreieck seine zentrale Bedeutung beibehalten, auch wenn sich die Gewichte in den verschiedenen Zeiten immer wieder verlagerten. Entlang seiner Grundlinie konzentriert sich der weitaus größte Teil der Menschheit: Europa, Vorderasien, Indien, China mit zusammen rund drei Milliarden Menschen. In seinem Spitzenbereich und an der westlichen Grundlinie befinden sich die mit weitem Abstand bedeutendsten Energiereserven. Aus diesem Dreieck gingen auch die drei einflussreichsten Denkweisen und Weltbilder hervor, das sino-japanisch östliche Denken, das islamisch südwestliche und das christlich-rationale des Westens. (Josef H. Reichholf: Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. Frankfurt 2015:23)

Dem naiven westlichen Betrachter legen die gemeinsamen Schlitzaugen nahe, daß die Ostasiaten auch ähnliche Weltansichten haben. Selber kommt's ihnen nicht so vor. (Am meisten Einfluß hatte Indien mit seinem Buddhismus und auch sonst.) Christentum und Islam sind jüdische Sekten; mit der westlichen Rationalität, soweit vorhanden, haben sie nichts zu tun, die kommt von den Griechen. An Aristoteles und Euklid schließen sich die heutigen Wissenschaften nahtlos an, nicht an die Bibel und die Kirchenväter. (Was ist rational an Erbsünde und Erlösung, Himmel und Hölle, Jungfrauengeburt, Heiligenverehrung und Wunderglaube?)
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 30.08.2016 um 14.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33208

Käßmann meint: Die tut mir leid! (1512#33199)
Wenigstens in guter Rechtschreibung! Der Bürgermeister von Nizza dagegen meint wohl, Burkiniträger täten irgendjemandem Leid.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 30.08.2016 um 12.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33207

Es geht nicht um die "richtige" Religion, sondern um Menschenrechte und Demokratie. Die wurden auch von der katholischen Kirche bis vor hundert Jahren strikt abgelehnt. Deswegen ist der Begriff "Christliches Abendland" unzutreffend. "Abendland" trifft es genauer. Außerdem sollen die "Christlichen Werte" jetzt Obergrenzen bekommen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.08.2016 um 10.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33206

In einem Punkt hatte Marx ja recht, Religion ist Opium für das Volk.

Wieso sollte Atheismus in der Auseinandersetzung mit Religionen benachteiligt sein? Genau das Gegenteil ist schon heute deutlich sichtbar. Die Länder, die Staat und Religion trennen, wo Wirtschaft, Wissenschaft, Technik nicht durch eine religiöse Droge vernebelt und behindert werden, geben in der Welt klar den Ton an.

Das heißt aber nicht, daß es zwischendurch nicht zu teilweiser Rückentwicklung kommen kann. Deshalb müssen wir unsere im atheistischen und laizistischen Sinne fortschrittliche Kultur und unsere demokratischen Errungenschaften gegen drohende Vereinnahmung schon verteidigen.
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 29.08.2016 um 21.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33201

Sehr geehrter Manfred Riemer,

Sie schreiben am 26.8.16 "...ich möchte unsere Kultur, die ich mag, in der ich mich zu Hause fühle, nicht verdrängt wissen, sondern erhalten und im positiven Sinne weiterentwickeln."

Bitte bedenken Sie, daß auch Kulturen nicht um die eisenharte Auslese, um die Selektion herumkommen. Seit einiger Zeit dominiert in der westlichen Welt eine Mutation, die Gott beiseite geschoben und den Mensch in den Mittelpunkt gestellt hat. Evolutionstechnisch gesehen steht es um diese Mutation nicht gut.

Oder wollen wir uns anmaßen, daß wir immer die Richtung angeben, während uns die Muslime gut integrierbare Arbeitskräfte liefern?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2016 um 07.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33199

Sie selbst lehne die Vollverschleierung allerdings kategorisch ab, schreibt Käßmann. "Ich finde Niqab und Burka schrecklich. Wenn ich eine Frau so verhüllt sehe, denke ich: Die tut mir leid! Und wenn sie sagt, sie macht es freiwillig, heißt das für mich: Sie hat echt ein Problem." (SPON 28.8.16)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2016 um 04.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33194

"Nur die ethischen Werte des Koran, die man ähnlich auch im Alten und Neuen Testament findet, sind mit den westlichen Werten vereinbar." (Abdel-Hakim Ourghi, Religionspädagoge in Freiburg)

Es dürfte schwer sein, "die" Werte des AT und NT herauszufinden, da es sich um Sammlungen sehr verschiedenartiger Texte handelt. Aber vor allem: Wo steht etwas vom Wert der Religionsfreiheit, besonders der Freiheit, keiner Religion anzuhängen oder sich aus einer Glaubensgemeinschaft zu verabschieden?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2016 um 04.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33193

"Kleidung, die nicht mit den Grundsätzen des Laizismus vereinbar ist" – das ist wunderbar! Man denkt an Priester- oder Nonnentracht in staatlichen Schulen. Wie kann Kleidung im privaten Bereich mit der Trennung von Religion und Staat kollidieren?

Und was sollte irreführend daran sein, auch die police municipale für Polizei zu halten? Wir haben städtische und Bezirks-Gymnasien, und der ausländische Besucher darf sie ohne weiteres für staatliche halten, auch wenn er diese Gliederung nicht kennt.

Wie dem auch sei, wir haben das Urteil des Obersten Verwaltungsgerichts und können uns Haarspaltereien ersparen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 27.08.2016 um 23.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33192

So kann man selbst in einer Falschmeldung noch etwas Gutes erkennen. Ein schönes Beispiel für „positive thinking“.

Ob die mutmaßliche Moslemin einen Burkini getragen hat oder nicht, weiß ich nicht. Wie ist denn „Burkini“ amtlich definiert? Die französischen Bürgermeister waren klug genug, sich nicht auf solche Wortspielchen einzulassen. Ihre Dekrete sind allgemeiner gehalten und sprechen sinngemäß von „Kleidung, die nicht mit den Grundsätzen des Laizismus vereinbar ist“.

Es ist übrigens schon etwas irreführend für deutsche Leser und unnötig dramatisierend, in diesem Zusammenhang von „Polizei“ zu sprechen. Es handelte sich offenbar um die „police municipale“, eine kommunale „Polizei“, die dem Bürgermeister unterstellt ist und viele Aufgaben wahrnimmt, für die bei uns der Ordnungsdienst zuständig ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.08.2016 um 07.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33191

Wie ich gerade sehe, hat Kerstin Holm ihre krassen Ansichten im Dezember 2014 schon einmal vorgetragen, fast wörtlich gleich. Ich zitiere nur einen Absatz:

"Wer mit einer Burka bekleidet durch eine Gemäldegalerie promeniert, erniedrigt die Kunst, unseren größten Schatz. Die Malerei erforscht den Sinn unserer physischen, sterblichen, fragwürdigen Existenz, sie tut es ungeschützt, und das gebietet als Minimum der Respekterweisung, dass der Betrachter sich und seine mögliche Erschütterung nicht versteckt. Die Burkaträgerin macht aus dem Museumsbesuch eine Peepshow, aus einer Begegnung mit Kunst wird feiger Voyeurismus."

Museumsbesuch als Mutprobe – darauf muß man erst einmal kommen. Konsequent wäre es, splitternackt vor ein Aktgemälde zu treten. – Das muß ich überlesen haben, sonst hätte ich mich schon damals gewundert, welchen Stuß die FAZ abdruckt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.08.2016 um 06.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33190

Ich bin auch immer sehr skeptisch, was solche Fotos betrifft. Tatsache ist, daß es dieses Verbot gibt und daß es jetzt gerichtlich suspendiert worden ist. Die Polizei war also tatsächlich gehalten, sich um die Kleidung von Frauen am Strand zu kümmern. So wurde es verstanden und vielfach auch gebilligt. Daß die betreffende "Dame" gar keinen Burkini trug und weitere Korrekturen machen die Sache nicht besser. Das "ikonische" Foto, was immer es zeigt, hat jedenfalls dazu beigetragen, die praktische Bedeutung einer sozusagen umgepolten Kleiderordnung theokratisch-muslimischen Zuschnitts vor Augen zu führen.

(Lese gerade, daß sechs vermeintliche Muslime, die an eine Kirchenwand pißten, in Wirklichkeit eritreische Christen waren, die dort beteten...)

In einigen Ländern regiert die extreme Rechte schon mit, bevor sie an die Macht gelangt ist.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 26.08.2016 um 23.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33189

Aus den gleichen Gründen halte ich den Hinweis, daß es sich um vier Polizisten gehandelt haben soll, für verfehlt. Jetzt im Sommer ist die Polizeipräsenz in Frankreich vor allem in den Haupturlaubsgebieten massiv verstärkt worden. Auch Soldaten sind eingesetzt. Trotzdem sind zahlreiche Großveranstaltungen abgesagt worden.

Daß gerade in Nizza diese verstärkten Sicherheitsmaßnahmen auch die sichtbare Verstärkung der Polizeistreifen umfaßt, dürfte jedermann einleuchten.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 26.08.2016 um 23.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33188

Nach der Darstellung des Bürgermeisters von Nizza hat sich die besagte Dame überhaupt nicht ausgezogen – weder freiwillig noch gezwungen. Sie hat nur ihr Hemd etwas hochgezogen, um zu zeigen, daß sich darunter ein Badeanzug befand.

Geradezu albern ist die ständige Betonung, daß die Polizisten bewaffnet waren. Bei uns ist jeder Polizist bewaffnet. Niemand regt sich darüber auf, daß er von einem bewaffneten Polizisten wegen Falschparkens einen Strafzettel erhält.

Erst recht nach den Anschlägen in Frankreich disqualifiziert sich jeder, der auf der Bewaffnung herumreitet.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 26.08.2016 um 13.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33185

Über den Burkini-„Zwischenfall“ in Nizza wird vielfach unter der Überschrift „Machen Sie sich frei“ berichtet, als habe die Muslimin sich entblößen sollen wie beim Arzt, und es wird (namentlich in Kreisen, welche die Unsichtbarkeit der Frau in der Sprache geißeln) dagegen protestiert, daß vermummte Frauen dazu aufgefordert würden, sich auszuziehen. „Brigitte“ schreibt: „Stell dir vor, du liegst am Strand, willst die Sonne genießen – und plötzlich stehen bewaffnete Polizisten vor dir, die verlangen, dass du dich ausziehst!“ Kann man sich anders als nackt ausziehen?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.08.2016 um 11.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33184

erscheint eine muslimische Mehrheit nicht gar so schrecklich

Wer sagt denn, daß sie schrecklich wäre. Trotzdem könnte es ja sein, daß uns unsere heutige Lebensweise (christlich geprägt, laizistisch, aufgeklärt, demokratisch) doch besser gefällt. Sie haben so eine Haltung, lieber Herr Strowitzki, wie 'geht die eine Kultur unter, macht nichts, kommt eben eine andere'. Ob diese dann fortschrittlich ist oder zurück führt, ist Ihnen egal. Nach mir die Sintflut. Na ja, gut, wenn das Ihre Meinung ist, aber ich habe halt eine andere, ich möchte unsere Kultur, die ich mag, in der ich mich zu Hause fühle, nicht verdrängt wissen, sondern erhalten und im positiven Sinne weiterentwickeln. Die Vermummung, auch Teilverschleierung von Frauen, und einige andere Spezialitäten des Islam, sind für mich einfach ein Unding. Letztlich soll die Mehrheit der Deutschen und Europäer entscheiden, wohin die Reise gehen soll.

Vermummungs-, Kopftuch- und Burkiniverbote sind im Grunde nur ein Herumdoktern am eigentlichen Problem. Es spaltet die Bevölkerung. Die Regierung schürt mit ihrer ganzen Einwanderungspolitik den Rechts- und Linksradikalismus. Meiner Meinung nach sollten wir zu der bis zur Jahrtausendwende gültigen Maxime zurückkehren, daß Deutschland kein Einwanderungsland ist. Unsere Geburtenprobleme müssen wir anders lösen. Das hat nichts mit Abschottung zu tun. Wenn die EU noch eine Zukunft haben will, muß sie ihre Außengrenzen unter Kontrolle haben.
 
 

Kommentar von Vollgasfahrer, verfaßt am 25.08.2016 um 22.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33183

Ich erwäge den Hamster-Kauf eines Zehnerpacks Einweg-Burkas zum kostenlosen Verteilen an Europäerinnen, von denen ich bei diesen Temperaturen nicht nur am Baggersee viel mehr sehen muß als mir lieb ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.08.2016 um 20.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33182

"Gesetz ist Gesetz", kommentieren auch bei uns viele die Aktion von vier(!) französischen Polizisten gegen eine muslimische Frau am Strand von Nizza. Weiter geht es hier: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1524#21148
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 25.08.2016 um 19.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33181

Sie halten es sicher für unmöglich, daß Muslime bei uns einmal in der Mehrheit sein könnten. Was macht Sie angesichts der aktuellen Geschehnisse und Entwicklung der Migrantenquote so sicher?
Prognosen sind bekanntlich immer dann besonders schwierig, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Wer hätte sich einstmals träumen lassen, daß die alten Sachsen ein christliches Volk werden könnten, oder die Litauer? Daß auf Rügen kein Svantevit-Tempel mehr steht? Oder daß Städte wie Thessaloniki mal keine jüdische Mehrheit mehr haben? Im Gegensatz zu solchen Menschheitskatastrophen hat sich der Islam bisher stets (Ausnahmen bestätigen die Regel) durch friedliche Mission ausgebreitet, durch das gute Vorbild der Gläubigen. Im Vergleich zu den Verbrechen, die die christliche Mehrheit jahrhundertelang begangen hat, erscheint eine muslimische Mehrheit nicht gar so schrecklich. Das Osmanische Reich war jahrhundertelang Zufluchtsort für Glaubensverfolgte aller Konfessionen und Denominationen aus ganz Europa.
Nackt auf der Straße herumzulaufen ist zunächst weder verboten noch gar strafbar. Siehe dazu die zahlreichen Presseberichte über Leute, die so etwas tun, jüngst z.B. https://mopo24.de/nachrichten/nackte-prager-strasse-dresden-innenstadt-67832
Nur wenn öffentliches Ärgernis erregt wird, kann so etwas als Ordnungswidrigkeit behandelt werden. Ähnlich skandalös also wie wenn Frauen Hosen tragen. Da schritt die Polizei auch mit einiger Regelmäßigkeit ein, um Ordnung und Sittlichkeit wiederherzustellen.
Es mag allerdings eine Asymmetrie geben dazwischen, ob jemand intime Körperteile zur Schau stellt oder eben nicht. Was zum Intimbereich gehört, dazu kann man natürlich unterschiedlicher Ansicht sein. (Wenn ich nur daran denke, wie offensiv heutzutage der BH zur Schau getragen wird; in meiner Jugend hätte man dafür noch die Ohren langgezogen bekommen.) Unsere Großeltern, oder je nach Jahrgang Urgroßeltern gingen auch noch anders an den Badestrand, man stelle sich zu Kaisers Zeiten jemanden im Bikini vor! Und was für ein Skandalfoto war es noch in den 1920er Jahren, als eine Illustrierte (früher: Illustrirte) Ebert und Noske beim Badeurlaub zeigte.
Bei aller berechtigten Skepsis gegenüber bloßen Fotos: Die Tatsache ist doch wohl, daß eine eher schmächtige Frau ganz friedlich am Strand (Naja, Kiesstrand) saß, auch von Vollverschleierung kann offenbar keine Rede sein. Sie tut keiner Fliege was zuleide, und dann kommt ein ganzer Trupp martialisch ausgestatteter Polizisten und "veranlaßt" sie in der Art, wie diese Zeitgenossen es eben zu tun pflegen, sich auszuziehen. Natürlich haben sie sie gezwungen, bei Alternative, nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen zu dürfen. (Wie kommen Sie darauf, daß ich sie zwingen will, mir Ihr ganzes Geld zu geben? Nein, Sie müssen nicht, ich kann Ihnen auch alternativ eine Kugel in die Brust jagen. Seien Sie doch froh, wenn Sie sich keine Sorgen mehr um ihr Geld machen müssen.) Siehe dazu auch den Kommentar von Claudia Wangerin (clw) in der jungen Welt von heute ("Pseudofeministen des Tages"). Kurzfassung: Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass es Befürwortern eines Burkini-Verbots um alles Mögliche geht, nur nicht um das Wohl der Frauen, dann haben französische Polizisten ihn erbracht. (...) Hier wollen männliche Verteidiger des christlichen Abendlandes bestimmen, wieviel Haut eine Frau am Strand gefälligst zu zeigen hat.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 25.08.2016 um 18.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33180

In der aufgeheizten Burkadebatte ein Vorschlag zu Güte: völlige Freistellung weiblicher Verhüllung, wenn alle männlichen Familienmitglieder dasselbe tragen.
 
 

Kommentar von ppc, verfaßt am 25.08.2016 um 10.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33179

>Am Strand von Nizza greift die Polizei Burkini-Trägerinnen auf und zwingt sie, sich teilweise zu entkleiden.

Die Steigerung wäre dann wohl: Hinterherrennen, einkreisen, zu Fall bringen und die Kleider vom Leib[e] reißen?

Das entspricht aber zumindest nicht den Quellen. Zitat aus zeit.de: "... veranlassen sie offenbar ...".

Daraus kann ich nur mit bösem Willen einen Zwang ableiten. Ich schätze unsere europäischen Nachbarn sehr, und ich nehme an, daß die Person sehr höflich auf das Verbot aufmerksam gemacht wurde und es ihr freigestellt wurde, sich entweder umzuziehen oder den Strand zu verlassen. Wenn ihr die Körperbedeckung also lebenswichtig gewesen wäre, hätte sie wahrscheinlich letzteres gewählt. Vielleicht war sie sogar froh, daß sie das häßliche Ding los war, aber ohne eine vulkanische Gedankenverschmelzung ist das nicht zu klären, und ich hüte mich, aus Bildern ohne Worte irgend welche unbewiesenen Schlußfolgerungen zu ziehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.08.2016 um 06.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33178

Anläßlich einer kleinen Kopftuchaffäre: Ich sehe einen Unterschied zwischen dem Kruzifix an der Wand und dem Tuch auf dem Kopf. Letzteres würde eher dem Kreuzchen am Hals entsprechen. In Bayern bekennen sich Gerichtsbarkeit und staatliche Schule als Institution zum Christentum, während Tracht und Halskettchen höchstens ein Bekenntnis der Person ausdrücken, das die neutrale Ausübung des Amtes nicht beeinträchtigt. So sehen es wohl die meisten Menschen, und es wäre ein Modus vivendi, auch wenn man von Religionen allgemein nichts hält.

Meine Kinder haben Schulen besucht, in denen sie eigentlich zur "Ehrfurcht vor Gott" usw. hätten erzogen werden müssen. Pragmatisch ist das so geregelt, daß man letzteren einen guten Mann sein läßt, aber das sind natürlich unbefriedigende und unsaubere Verhältnisse. Man rührt nicht dran, um keine schlafenden Hunde zu wecken. Erst das Auftreten einer weiteren vorderorientalischen Religion hat den lieben Frieden gestört.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.08.2016 um 06.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33177

Nicht "Mittelalter". Amtliche Kleiderordnungen gab es bis ins 18. Jahrhundert, dann wurden sie durch Mode und Konvention abgelöst – wie die Ständegesellschaft, zu der sie gehören. Zuletzt galten die Einschränkungen nur noch der Wahl der Stoffe.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.08.2016 um 23.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33176

Lieber Herr Strowitzki,
wir haben ja längst eine Kleiderordnung, lesen Sie mal, was Herr Schaefer geschrieben hat, Adamskostüm wird überall außer an Nacktbadestränden bestraft.

Es geht bei dem in Rede stehenden Verbot gar nicht um Kleidung, sondern um Totalvermummung.

Da Sie mich zitieren, ist Ihnen hoffentlich auch aufgefallen, daß ich ebenfalls ein Burka- und Niqabverbot skeptisch sehe. Es ändert sehr wenig, und wenn Muslime erst in der Mehrheit sind, ist ein solches Verbot ganz schnell wieder gestrichen.

Sie halten es sicher für unmöglich, daß Muslime bei uns einmal in der Mehrheit sein könnten. Was macht Sie angesichts der aktuellen Geschehnisse und Entwicklung der Migrantenquote so sicher? Oder wenn Sie es sogar akzeptieren, was glauben Sie, wie dann unsere, heute noch im wesentlichen laizistische Gesellschaft aussehen wird?
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 24.08.2016 um 19.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33175

Mit einem Burka- und Niqabverbot ist es in der Tat nicht getan. Beim Baden muß Bikinipflicht gelten! Und ansonsten gilt Minirockzwang. Wehe der Frau – insbesondere der muslimischen natürlich –, die es wagt, ihre Beine weiter als bis zum Knie zu verdecken! Solch unsittliches Verhalten darf in unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft nicht geduldet werden!

Schmerz beiseite: Sonst besteht die große Gefahr, daß unsere Enkel sich einmal im Mittelalter wiederfinden. Ja, einige betreiben das recht eifrig. Es wird tatsächlich darüber diskutiert, wieder staatliche Kleiderordnungen zu erlassen. Der Staat soll den Frauen – und bald auch den Männern? Wann wird der Vollbart verboten? – vorschreiben, wie sie sich zu kleiden haben. Mittelalter, wir kommen!
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 24.08.2016 um 18.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33174

Zu'n journalistischen "Äußerungen zu diesem Scheinproblem" in der Sauregurkenzeit: Ohne Trump und Kopf- und etwas mehr Tuch bei dieser Hitze wär's nicht leicht für so manchen Journalisten. Wenn hinten, weit, in der Türkei, Die Völker aufeinander schlagen, liegt man doch am Strand, baut eigene Burgen, nuckelt an seinem Plastikfläschchen Wasser und hat doch eigentlich nichts mit Zeitung im Sinn. Aber die will auch dieser Tage gegen Entgelt los- und aufgeschlagen werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.08.2016 um 16.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33173

Viele Äußerungen zu diesem Scheinproblem machen es sich sehr leicht. Ein tieferes Eingehen auf die Anschauungen und auch Zwänge einer sehr fremden Kultur wäre wünschenswert – oder einfach mal Zurückhaltung. Heute philosophiert die Rußlandkorrespondetin der FAZ Kerstin Holm vor sich hin, kommt zum gewünschten Ergebnis (Burkaverbot) und läßt zwischendurch Ausdrücke wie "Voyeurstracht", "Peepshow-Verhältnis zur Außenwelt" und ähnliches Stammtischvokabular heraus. Da fragt man sich doch, was solche Leute bei jahrelangen Auslandsaufenthalten eigentlich gelernt haben.
Am Strand von Nizza greift die Polizei Burkini-Trägerinnen auf und zwingt sie, sich teilweise zu entkleiden. Ein solches Schauspel möchte ich mir nicht zumuten.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.08.2016 um 15.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33172

Wenn Vermummung in der Öffentlichkeit verboten würde, müßten alle Männer, die ihre Frau dann nicht mehr auf die Straße lassen, alle "Außenarbeiten" wie Einkaufen usw. selbst übernehmen. Das wäre eine gerechte Strafe.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.08.2016 um 14.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33171

Den Schutz Benachteiligter möchte ich auch bejahen, aber was heißt Mehrheitsgeschmack, das hat einen negativen Beiklang. Natürlich geht es nicht einfach um Geschmacksfragen. Wenn man es anders ausdrückt, dann geht es sehr wohl um Mehrheiten, um Demokratie, um den Schutz unserer Kultur und Traditionen.

Nehmen wir an, egal ob aufgrund von Verboten oder aus Einsicht der Betroffenen, alle Frauen in Europa, die bisher Niqab oder Burka trugen, würden ab sofort immer ihr Gesicht freilassen. Sie trügen also statt dessen Hidschab oder Tschador wie die anderen, die es bisher schon so taten. Und weiterhin kämen jedes Jahr hunderttausende dazu. Was wäre damit gewonnen? Irgendwann könnten wir unsere schöne freie Diskussion hier einfach vergessen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 24.08.2016 um 12.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33170

Wem der Anblick schadet, ist nicht die Frage. Die Verschleierung (nicht nur die Vollverschleierung) schadet mindestens der verschleierten Frau. In Familien (auch deutsche) wird im übrigen längst eingegriffen, und gelegentlich werden sogar Kinder weggenommen. Dafür sind die Jugendämter zuständig, die zu recht gescholten werden, wenn sie zu spät tätig geworden und Kinder zu Schaden oder gar zu Tode gekommen sind. Es geht nicht um die Durchsetzung des Mehrheitsgeschmacks, sondern um den Schutz Benachteiligter.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 24.08.2016 um 10.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33169

Vielleicht hilft es, die Verschleierung einmal von ihrem Gegenteil her zu betrachten. Die Deutschen sind ja berühmt (bzw. in den USA und Großbritannien berüchtigt) für ihre Toleranz der Nacktheit v.a. in Parks, aber auch an Stränden.

Die Toleranz hat aber auch ihre Grenzen, denn außerhalb von FKK-Läden und ausgewählten Orten würde niemand die komplette Nacktheit von Menschen tolerieren, und sie wäre sogar als Exhibitionismus strafbar.

M.E. wäre es am besten, dieselben Anforderungen, die man an die öffentliche Nacktheit stellt, auch auf die Vollverschleierung anzuwenden. Dann träfe man sich in der Mitte und könnte eine vernünftige sowie gemeinverträgliche Lösung finden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.08.2016 um 05.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33166

Soviel ich weiß, ist Vollverschleierung in Unterricht und Prüfungen nicht zulässig. Ich hatte mich auf burkatragende Frauen in der Öffentlichkeit bezogen. Von dem, was die Gesellschaft mißbilligt, zum gesetzlich Verbotenen ist es ein ziemlich großer Schritt. Es müßte doch mindestens ein definiertes Rechtsgut verletzt werden. Eine vollverschleierte Frau finde ich kurios, aber wem schadet ihr Anblick? Und wo soll das enden, wenn die Mehrheitsgesellschaft in die wirkliche oder vermeintliche Benachteiligung der Frau in fremden Familien eingreift? (Und warum nur in fremden? Möchte man nicht auch der deutschen Familie ein paar Häuser weiter am liebsten die Kinder wegnehmen?)

Mich wundert es auch immer wieder, wie gut manche Menschen über den Islam und über orientalische Familienstrukturen Bescheid wissen. Und darüber, was zu tun ist, um sie zu ändern.

Auch die Forderung nach Vergeltung mit Gleichem (Kleiderordnung, Baugenehmigung für Kultstätten) wird ja erstaunlich oft erhoben, also Angleichung an die illiberalen Ordnungen muslimischer Staaten.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.08.2016 um 00.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33165

Wie soll man mit vollverschleierten Kandidaten Prüfungen durchführen, wenn man nicht kontrollieren darf, wer darunter steckt?
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 23.08.2016 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33164

Ein Randphänomen? Für wen ist die Verschleierung ein Randphänomen? Sicher nicht für den Lehrer, dessen Siebtkläßnerinnen plötzlich "traditionelle islamische Kleidung" tragen, nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen (wollen), nicht auf Klassenfahrt fahren und nicht mehr zu Klassenkameradinnen in's Haus kommen, weil sie dort zufällig mit dem Bruder allein im Raum sein könnten.
Familien verlangen von den Mädchen unbedingten Gehorsam; Väter schreiben vor, welchen Beruf die Kinder ergreifen – und für Mädchen gibt es nur den Beruf Hausfrau. 14-, 15jährige Schüler verlangen von ihren Freundinnen Gehorsam. Nach dem Schulabschluß, erst recht nach der – von den Familien arrangierten – Hochzeit muß ausschließlich Burka getragen werden.

Ein Mädchen, das in Deutschland aufgewachsen ist, soll keine Freude an Mode, Sport und Musik haben? Es soll sich nicht abgrenzen von anderen und eine eigenständige Identität entwickeln?
Und die Schule soll einerseits die Individualität der Schülerinnen stärken und sie ermuntern, ihren eigenen Weg zu gehen, sie zu selbständigen und selbstbestimmten jungen Frauen erziehen und andererseits hinnehmen, daß sie in einem Korsett kollektivistischer Herrschaftsstrukturen und fremdbestimmter Lebensführung gefangen sind? Und die Lehrer sollen das Kopftuch für "ein Stück Stoff" halten, obwohl sie jeden Tag sehen, daß es ein mehrlagiger Trumm festen Gewebes ist, dessen schiere Masse schon Unterdrückung verkörpert?

Natürlich ist keiner Frau damit wirklich geholfen, daß das Symbol ihrer Bevormundung verboten wird; die Sache selbst muß sich verändern. Aber ein Verbot wäre ein Zeichen, daß die deutsche Gesellschaft das Symbolisierte mißbilligt und bekämpft.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 22.08.2016 um 09.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33160

Es geht eigentlich nicht nur um die Burka, sondern um sämtliche Varianten der Verschleierung. Sie drängen sich ja immer stärker ins Bild. Deshalb ist das Thema nicht damit abzutun, es gebe kaum Burkas in Deutschland, und jeder habe das Recht, sich nach Lust und Laune zu kleiden. Vielmehr stellt sich die Frage, wie freiwillig sich Frauen wirklich verhüllen (und etwa im Sommer unter einem Kopftuch schwitzen). Laut „taz“ geben viele an, "sich mit einem Gesichtsschleier reiner, heiliger, Gott näher zu fühlen“. Das klingt nach einer euphemistischen Umschreibung des Gefühls, das vielen Mädchen von klein auf ins Hirn gepflanzt wird: unverhüllt bist du als Frau unrein, unanständig, eine Schlampe, eine Nutte. Da fällt die freiwillige Entscheidung leicht, sich lieber nicht von Eltern, Brüdern, Tanten, Vettern etc. zur Schnecke machen zu lassen, und man genießt umso unbeschwerter die Freiheit, nach jedem Bad ein klatschnasses Zelt am Körper kleben zu haben. Zu diskutieren wäre eigentlich, wieviel Kindesindoktrination die Religionsfreiheit zulassen darf.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.08.2016 um 00.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33159

Genau diesem Silbertablett bin ich ausgewichen, indem ich auf die Einseitigkeit der Diskussion und nicht bestehende Notwendigkeit von Verboten hinwies, und komme dennoch zum gleichen Schluß.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 21.08.2016 um 23.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33157

Zu sagen, die Burka sei nur ein Randphänomen, ein Verbot der Vollverschleierung sei unsinnig und gehe gar nicht, verstoße gegen die Religionsfreiheit und das Grundgesetz – genau das liefert denen die Argumente auf einem Silbertablett, die sagen, daß wir solche Leute gar nicht erst ins Land lassen dürfen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.08.2016 um 21.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33156

Ich fand den FAZ-Artikel http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/jens-spahn-burka-gehoert-nicht-zu-deutschland-14392779.html "Warum Burka und Niqab nicht zu Deutschland gehören" vom 18.8.16 gut.

Aber in letzter Zeit wird zu einseitig nur über Vollvermummung diskutiert. Vielleicht ist das auch ein Mittel zur Beschwichtigung und Ablenkung. Burka und Niqab sind zwar die extremsten und abstoßendsten Kennzeichen eines fundamentalistischen Islams, eines rückständigen, bei uns überholten Frauenbildes, sie sind eine trotzige Zurschaustellung einer fremden Kultur und des Willens zur Nichtintegration, aber eigentlich beginnt alles schon beim schulterbedeckenden Kopftuch, das nicht nur als Wetter- oder Arbeitsschutz getragen wird, sondern auch an warmen Sommertagen und in beheizten öffentlichen Räumen nicht abgelegt wird. Ein solches Verhalten gehört nicht unbedingt allgemein verboten, aber es gehört zu einer fremden, rückständigen Kultur, deren weitere Ausbreitung in Deutschland und Europa ganz strikt verhindert werden muß. Sonst besteht die große Gefahr, daß unsere Enkel sich einmal im Mittelalter wiederfinden.

Mein jüngster Sohn fragte mich gerade, woher ich das denn so genau wissen wolle. Ich weiß es natürlich nicht so genau, aber allein daß diese Gefahr besteht, sollte Grund genug sein, alle Experimente mit ungewissem Ausgang sofort zu beenden.

Wir wollen sehr wohl eine moderne, weltoffene und tolerante Gesellschaft sein, aber wir wollen es auch bleiben, und wir wollen unsere eigene Kultur und Traditionen, den Fortschritt, nicht den Rückschritt an unsere Enkel weitergeben.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.08.2016 um 11.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33155

Wenn man denn wüßte, daß unter der Burka eine Frau ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2016 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33153

Eine einzige Frage klärt den Streit um das Burkaverbot: Warum trägt in den meisten islamischen Staaten nur eine kleine Minderheit der Frauen den Vollschleier? Sind all die anderen keine guten Muslimas? Wäre dem so, hätte der "Islamische Staat" recht. Dann wäre Kalif Ibrahim wirklich der Führer der Gläubigen. (SZ 12.8.16)

Das ist nicht logisch. Es gibt auch in anderen Religionen kleine Gruppen, die etwas anderes vertreten, z. B. Christen, die die Kindertaufe ablehnen. Die Größe einer Minderheit spielt keine Rolle für die Religionsfreiheit. Aber zum Teufel mit der Logik; wo eine Abneigung ist, ist auch ein Weg.

Wenn arabische Ölscheiche samt Harem in deutschen Städten einfielen, trafen sie alle erdenklichen Anstalten, um die Frauen den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen. Kurios, aber nicht anstoßerregend. „So groß ist die Macht des Geldes.“ (Pancatantra)

Zur Zeit erregt das Randphänomen burkatragender Frauen manche Zeitungsredakteure zu außerordentlichen exegetischen Anstrengungen. Sie wissen genau, was der Islam verlangt, und durchschauen auch vollkommen die Motive der Frauen, Burka zu tragen. Frauen „einen Sack über den Kopf werfen“ (FAZ), das ist natürlich mit der Menschenwürde nicht zu vereinbaren. Die haßerfüllte Rede überrascht den vielgeprüften Leser.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2016 um 13.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33139

Die Ablehnung der Burka habe nichts mit Sicherheit zu tun, sondern mit gesellschaftlichem Zusammenhalt, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière. "Gesichtzeigen ist für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft konstitutiv", sagte der Minister. Überall dort, wo Gesichtzeigen eine Funktion habe, solle ein entsprechendes Gebot gelten. Dazu gehöre der gesamte öffentliche Dienst, Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Gerichtssäle und alle Situationen, in denen Menschen identifizierbar sein müssten.
"Wie keine andere Partei stehen wir dafür, dass Freiheit mit Sicherheit gewährleistet sein muss", sagte de Maizière. Deutschland sei eines der sichersten Länder der Welt, so solle es auch bleiben, sagte der Minister.
"Wir lehnen einhellig die Burka ab, sie passt nicht zu unserem weltoffenen Land", hatte de Maizière auch schon vor dem zweitägigen Treffen der Innenminister in Berlin gesagt.
(zeit.de 19.8.16)

Aber die Weltoffenheit Deutschlands, der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Funktion des Gesichtzeigens vor Gericht usw. sind drei ganz verschiedene Dinge. Gemeinsam ist nur: "paßt uns nicht" - aber ob das Bestand haben wird? (Eine weltoffene Gesellschaft duldet keine fremden Kleidersitten. Allerdings könnte das "Gebot, Gesicht zu zeigen" – außerhalb polizeilicher Aufgaben –, einer gesetzlichen Grundlage bedürfen. Die volkspädagogische Absicht, den Frauen zu ihrem eigenen Besten den Schleier zu verbieten, dürfte kaum genügen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2016 um 12.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33137

Bei einem Burka-Verbot muß sichergestellt werden, daß die Frauen sich nicht nur in den eigenen vier Wänden aufhalten. Mindestens drei Stunden Ausgang täglich sind angemessen. Die Polizei, die ohnehin verstärkt werden muß, könnte zu einer festgesetzten Stunde die Frauen aus ihren Wohnungen abholen und unverschleiert durch die Straßen zum Einkaufen geleiten, anschließend vielleicht noch ein halbe Stunde in Parks und auf Kinderspielplätze. Nachdem sie der deutschen Bevölkerung ihr Gesicht gezeigt haben, geht es wieder nach Hause. So klappt es mit der Integration.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2016 um 16.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33072

Wer ist schon vollintegriert bzw. voll integriert? Ich bestimmt nicht. Muß ja auch nicht sein. Solange ich nicht bei Rot über die Straße gehe...
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 11.08.2016 um 14.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33071

Ich versuche gerade, mir eine vollverschleierte Frau voll integriert vorzustellen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2016 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#33062

„Burka-Verbot ist sehr sinnvoll, schließlich waren die Attentäter von Paris, Nizza, München und Ansbach alle Burka-Träger.“ (Leserbrief zur Forderung der CDU nach Burkaverbot)

Andere weisen darauf hin, daß Frauen in bestimmten Familien dann eben zu Hause bleiben werden. Auch eine „Integration“. Sehr phantasievoll.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.06.2016 um 12.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32732

In der Schweiz gab es Streit, wer an der Segnungszeremonie zur Eröffnung des Gotthard-Tunnels mitwirken dürfe. Am Ende zeichnet sich eine ökumenische Gesamtreligion ab, in die auch Konfessionslose einbezogen sind:

domradio.de: Wie lief dann die Segnung ab?

Baumberger: Alle Beteiligten haben etwas gesagt. Der Religionslose – ein Mann vom Bundesamt für Verkehr – hat den Schwerpunkt auf das Vertrauen in die Macht des Guten im Menschen gelegt. Der Tunnel solle verschiedene Kulturen und Sprachen vereinigen. Der Rabbiner hat eine Stelle aus dem Alten Testament zitiert. Der Imam hat für Sicherheit und Brüderlichkeit in der Schweiz gebetet und dass die Leute, die sich auf die Reise durch den Tunnel begeben, Frömmigkeit und Respekt vor Gott erhalten. Die evangelische Pastorin hat besonders auch an die Arbeiter gedacht, die beim Bau des Tunnels gestorben sind. Am Schluss hat sie gesagt, dass jetzt Wasser versprengt wird – als Zeichen des Lebens, des Vertrauens und der Freude. Der ehemalige Abt Martin Werlen hat dann nur noch dieses Wasser versprengt. Er hat gar nichts mehr gesagt. Und ich werte das als Zeichen der Einheit der beiden christlichen Konfessionen.

(https://www.domradio.de/themen/kirche-und-politik/2016-06-01/schweizer-gotthard-tunnel-vor-der-eroeffnung-gesegnet)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2016 um 13.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32728

Das Interview beginnt so: Eure Heiligkeit, Sie reisen sehr viel durch die Welt.

Zur Anrede:

"Seine Heiligkeit ist ein Ehrentitel, Eure Heiligkeit die dazugehörige persönliche Anrede für den höchsten religiösen Würdenträger verschiedener Glaubensrichtungen: den Papst, den Dalai Lama sowie Patriarchen der orthodoxen Kirchen." (Wikipedia)

Das ist eigentlich seltsam, denn die Grammatik würde etwas anderes verlangen. Weder passen Singular und Plural im Titel zusammen noch beides mit dem Sie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2016 um 12.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32727

Der 14. Dalai Lama findet zur Flüchtlingskrise unerwartete Worte: Es seien so viele Menschen geflohen, dass es in der Praxis schwierig werde. Deutschland könne kein arabisches Land werden. (FAZ 1.6.16)

Andererseits vermerkt die FAZ, daß der Dalai Lama gern lacht, und tatsächlich lacht er fünfmal während des Interviews.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2016 um 13.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32526

Eben! Man kann es so verstehen wie der Alte Fritz mit seinem bekannten Spruch oder mehr auf den Unterschied zwischen Individuum und Organisation achten, man muß nur jeweils sagen, was man meint.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.05.2016 um 12.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32525

Wenn sich Menschen mehr oder minder öffentlich und regelmäßig versammeln, ist das keine private Angelegenheit. Eine banale Feststellung? Man könnte sie genausogut fundamental nennen. Auch eine noch so penible Trennung von Staat und Kirchen macht aus der Religion noch längst keine »Privatsache«.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.05.2016 um 12.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32524

Es gab in Europa schon mal eine christliche Religion ohne Amtskirche: Die iroschottischen Missionare haben Europa christianisiert bis nach Süddeutschland und in die heutige Slowakei; überall findet man sogenannte "Schottenkirchen". Die angeblichen katholischen Missinare haben später diese Gebiete nur noch der Papstkirche unterstellt, denn es ging um die Herrschaft über das Denken der Menschen und um Einnahmen für die Priesterkaste.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2016 um 05.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32519

Privatsache schillert wie gehören zu... Das führt nicht weiter. Man muß schon sagen, was man meint.

Ich möchte darunter die vollständige Trennung von Staat und Religion verstehen. Dagegen wehren sich viele:

„Religionsausübung ist keine Privatsache“. Das hat der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, bei einem Vortrag im Bayerischen Landtag betont. Dort sprach Marx am Dienstagabend zum Thema „Staat und Kirche im säkularen und multireligiösen Spannungsfeld“. Dabei unterstrich der Erzbischof, Religion sei eine öffentliche Angelegenheit. Denn sie trage zu den Grundlagen von Staat und Gesellschaft bei. „Die Idee einer positiven Neutralität des Staates gegenüber der Religion geht davon aus, dass der säkulare Rechtsstaat sich nicht aus sich selbst begründen kann, sondern auf andere Sinnstifter angewiesen ist.“

Der freiheitliche Verfassungsstaat sei auf Religion angewiesen, denn sie schaffe seine Wertebasis, so Marx: „Denn die weltanschauliche Neutralität des Staates meint keineswegs eine Wertneutralität des Staates.“

Kirche und Staat seien aufeinander bezogen zu betrachten. Das stelle ihre Trennung jedoch nicht in Frage, stellte Marx klar. „Die weltanschauliche Neutralität des Staates ist vielmehr auch im Interesse der Kirche und der Religion. Auch die Kirche tritt für die Religionsfreiheit anderer Religionen ein“, sagte der Erzbischof. Nicht zuletzt habe die Deutsche Bischofskonferenz im September 2008 hervorgehoben, dass den Muslimen in Deutschland der Bau von würdigen Moscheen ermöglicht werden müsse.

Der Staat ist nach Meinung von Marx dennoch nicht verpflichtet, alle Religionen völlig identisch zu behandeln. „Bei der Ausgestaltung des staatlichen Verhältnisses zu den verschiedenen Religionsgemeinschaften sind die verschiedenen Religionen an ihrem konstruktiven Beitrag zu Staat und Gesellschaft zu messen, wenn der Staat seine Grundlagen und seine Freiheitsfähigkeit langfristig sichern will“, betonte Marx.

Der Erzbischof zeigte sich besorgt über das intellektuelle Niveau der zunehmenden Kritik am Staatskirchenrecht. „Eine kämpferische Gegnerschaft zur Kooperation von Staat und Kirche gibt es seit jeher; verheerend ist jedoch die zunehmende Unkenntnis über die Funktion von Religion im freiheitlichen Rechtsstaat und über das Verhältnis von Staat und Kirche, die eine angemessene Einordnung solcher Kritik am Staatskirchenrecht verhindert“ erklärte Marx.

Vor diesem Hintergrund solle in Deutschland die im Grundsatz positive Ausgestaltung des Kooperationsverhältnisses von Staat und Kirche verdeutlicht werden, forderte Marx: „Das entpflichtet den Staat und die Religionen nicht, sich auch im Staatskirchenrecht den Herausforderungen zu stellen, die sich durch Säkularisierung und religiöse Pluralisierung ergeben.“ Die Kirche scheue eine solche Diskussion nicht; sie sei vielmehr auch aus kirchlicher Sicht durchaus wünschenswert, um einerseits das Verhältnis des Staates gegenüber den verschiedenen Religionen deutlich zu machen sowie um andererseits das Verständnis für das bestehende Verhältnis von Staat und Kirche zu schärfen.

(pm/rv 14.10.2009 ad)

Oft hört man auch, der Laizismus sei für Deutschland nicht geeignet (oder umgekehrt).

In diesen konkreten Fällen ist einigermaßen klar, welche Absichten verfolgt werden. Danach sollte man auch bei jenem gehören zu... jeweils fragen.

In einem banalen Sinn ist Religion nicht privat, weil sie an eine Gemeinschaft gebunden ist.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 06.05.2016 um 18.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32517

Religion ist noch nie Privatsache gewesen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.05.2016 um 16.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32514

Religion ist Privatsache; è basta! (Nur die Israelis nehmen das Alte Testament noch ganz wörtlich als Handlungsanweisung.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.05.2016 um 16.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32511

Ich bin Herrn Virch für diesen Satz (#32504) sehr dankbar. Der Bindestrich bezeichnet natürlich eine Gegenüberstellung, und der gewollte krasse Gegensatz zu den Beispielen davor und danach wirft ein bezeichnendes Licht auf die Formel vom Islam, der angeblich zu Deutschland gehöre.

Einen Handwerker, der nicht seine Arbeit preist, eine Wiesn ohne Maß, Karneval ohne Rosenmontag, Islam ohne Koran, meinetwegen auch Deutschland ohne Schwarzwald und Schwarzwälder Kirsch kann man sich nicht vorstellen, das gibt es einfach nicht.
In dieser Weise gehört der Islam natürlich nicht zu Deutschland, denn Deutschland ohne den Islam - was würde da fehlen? Bis auf die letzten zwei, drei Jahrzehnte gab es das in Deutschland so gut wie gar nicht.

Nun kann man natürlich auch sagen, mittlerweile haben wir Muslime sich millionenfach bei uns niederlassen lassen. Der Islam ist zwar kein essentieller, definierender, ursprünglicher Bestandteil Deutschlands, aber es gibt ihn halt jetzt hier auch.

So werden die beiden Bedeutungen von Zugehörigkeit von den zwei politischen Lagern benutzt. Jede Seite beruft sich jeweils auf die eine Bedeutung und verschweigt die andere.

Anstatt uns also darüber zu streiten, welche der beiden Bedeutungen die richtige ist, jede ist halt auf ihre Art richtig, sollten wir lieber über die Frage diskutieren, ob wir wollen, daß Deutschland ein muslimisches Land wird oder nicht. Denn allzuviel Zeit ist dafür nicht mehr, dann erübrigt sich diese Diskussion genauso
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 06.05.2016 um 14.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32510

Wieso? Man kann doch auch sagen, daß die Schwarzwälder Kirschtorte zu Deutschland gehöre.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 06.05.2016 um 13.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32509

Ich wollte eigentlich andeuten, daß man es so genau gar nicht sagen kann. Für mein Empfinden ist beides falsch: daß der Islam zu Deutschland gehöre oder eben nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2016 um 12.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32507

Für Krimininelle sind Polizei und Gerichte zuständig, die sich aber nicht lange mit semantischen Betrachtungen über "gehören zu..." aufhalten werden.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.05.2016 um 11.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32506

Genauer gesagt: Die türkischen Islam-Prediger gehören nicht zu Deutschland, die hier die Moslems gegen den Staat aufhetzen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 05.05.2016 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32504

Klappern gehört zum Handwerk, die Maß gehört zur Wiesn, der Rosenmontag zum Karneval, der Koran zum Islam – und der Islam gehört natürlich zu Deutschland.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2016 um 19.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32503

Nach Volker Kauder gehören also die Muslime zu Deutschland, der Islam nicht. Die Moscheen und Minarette, der Islamunterricht an staatlichen Schulen, die ebenso staatlich finanzierten Lehrstühle an den Universitäten, die religiösen Vereine auch als Körperschaften des öffentlichen Rechts gehören zu Deutschland, nur eben der Islam nicht. Ich denke, damit kann jeder leben, auch der frömmste Muslim, weil es eben nur noch eine Formel zur Beruhigung der Gemüter ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.05.2016 um 06.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32469

Das schlichte Wandkreuz im Gerichtssaal: Wen stört es eigentlich? Es ermahnt doch vor allem zur Menschlichkeit (...)
Das Kreuz verbindet oben und unten, rechts und links. Es erinnert daran, dass manches quer kommt; es zeigt, dass es nie nur nach oben und nie nur nach unten geht.
(Annette Kurschus in chrismon 1.5.16)

Man lernt nie aus.

(Der besinnliche Text erinnert mich an Bachs "Erbauliche Gedanken eines Tobackrauchers".)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.04.2016 um 08.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32394

Das Leben ist kompliziert.

"Die Zuständigkeit bei Lärmbelästigung wegen sakralen Glockengeläuts liegt bei den Verwaltungsgerichten.
Lärmbelästigungen, welche durch weltliches Glockengeläut entstehen, werden hingegen vor Zivilgerichten behandelt." Usw.

Aber auch die Technik hat mitzureden:

"Als Lärmrichtwerte werden folgende Werte angesehen:
Allgemeine Wohngebiete nachts: 40 dB(A) 60 dB(A), tags: 55 dB(A) 85 dB(A)
Kern-, Dorf- und Mischgebiete nachts: 45 dB(A) 65 dB(A), tags: 60 dB(A) 90 dB(A)
Kurgebiete, Krankenhäuser nachts: 35 dB(A) 55 dB(A), tags: 45 dB(A) 75 dB(A)
Reine Wohngebiete nachts: 35 dB(A) 55 dB(A), tags: 50 dB(A) 80 dB(A)"

(http://www.juraforum.de/lexikon/glockengelaeute)

Dazu die vielen Ausnahmen, und neuerdings noch der multikulturelle Aspekt: Minarette und Muezzine!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2016 um 07.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32069

Das haben Sie erfunden, oder? Als Meldung wäre es interessant.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 28.03.2016 um 00.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32067

Unverschämt! An Karfreitag ist doch wahrhaftig die Over-Seventy-Dance-Party abgesagt worden!

Diesmal habe ich es ja noch ohne psychoanalytische Traumabehandlung verarbeiten können. Aber nächstes Jahr? Ob dann mein Immunsystem noch mitmacht?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.03.2016 um 12.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32056

Wieder Tanzverbot in Bayern: Verboten sind am heutigen Karsamstag seit Mitternacht öffentliche Veranstaltungen, "die nicht dem ernsten Charakter dieser Tage entsprechen", so das Bayerische Innenministerium. Konkret geht es also vor allem um Partys, Konzerte und andere Feste, bei denen getanzt wird. Sie sind ganz offiziell untersagt.
(http://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Auch-am-Karsamstag-gilt-das-Tanzverbot-in-Bayern-id37328867.html)

Heute kaufen die Leute ein wie verrückt, damit sie an den nächsten beiden Tagen nicht verhungern. Auf dem Schloßplatz ist ein "Frühlingsfest", mit Karussells usw., alles in Betrieb und auch sonst alles wie immer, "ernster Charakter" hin oder her. Nur eben tanzen darf man nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2016 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32044

Die Sache mit der Treibjagd erkläre ich mir so, daß früher die Jagd tatsächlich manchmal bis an die Dorfkirche herankam, so daß man vor Hundegebell und "Hussa!" nicht verstehen konnte, was der Pfarrer gerade sagte. Als Stadtmensch kommt man nicht mehr so leicht darauf, an irgendwelchen ländlichen Vergnügungen Anstoß zu nehmen.

Das Feiertagsgesetz legt also im großen und ganzen fest, daß an Feiertagen nicht gefeiert werden darf; darum heißt es so. Es gibt aber weitere Auslegungsschwierigkeiten:

Noch strenger gehen die Bayern mit dem Tanzverbot um. Hier gilt an Karfreitag: Jede Art von „Musikdarbietung in Räumen mit Schankbetrieb” ist ausnahmslos verboten. Also auch Hintergrundmusik. Uneinsichtigen Veranstaltern droht eine saftige Strafe: Bis zu 10.000 Euro Bußgeld können die Folge bei einem Verstoß sein. (anwaltsauskunft.de 2016)

Es ist zweifellos angenehm, in einem Restaurant ohne Hintergrundmusik zu speisen. Aber kann man sich vorstellen, daß die Polizei am Karfreitag die Runde macht, um das zu überprüfen und Anzeige zu erstatten? (In Erlangen werden fast alle Restaurants von Indern, Chinesen usw. betrieben.) Die religiöse Bedeutung von Hintergrundmusik ist wahrscheinlich noch nicht wissenschaftlich untersucht worden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2016 um 19.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32035

Die Kasuistik des Verbotenen und Erlaubten ist zum Fremdschämen, vor allem wenn man an Jesu eigenen souveränen Umgang mit der Sabbatruhe denkt.
Die Landesgesetze zur Feiertagsruhe sind zwar umfangreich, aber nicht sehr detailfreudig. Um so mehr fällt auf, daß Treibjagden "zur Zeit der Hauptgottesdienste" ausdrücklich verboten sind, andere Formen der Jagd aber nicht. Unterhaltung ist verboten, Erholung nicht. Einige Millionen Menschen "müssen" ohnehin arbeiten, das wird sehr großzügig ausgelegt, eine allgemeine Lähmung der Gesellschaft wie unter orthodoxen Juden ist nicht vorgesehen.
Vor einiger Zeit wurde auf Betreiben der Kirchen ein Schachturnier vorzeitig am Gründonnerstag abgebrochen. Schachturniere sind nicht gerade für lärmende Ausgelassenheit bekannt.
Das Ganze ist so inkonsistent und weltfremd, daß es wohl nicht mehr lange Bestand haben wird. Die Handhabung ist jetzt schon ähnlich lax wie bei der Beschimpfung von Religionsgesellschaften. Nur die Androhung polizeilicher Kontrollen wiederholt sich jährlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2016 um 17.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32034

Die evangelischen Kirchen in Bremen und Niedersachsen werben für einen bleibenden Schutz des Karfreitags. Dieser sei eine verlässliche Pause und öffentliche Unterbrechung des Alltags. Das sagten Theologen beider Landeskirchen. Der leitende Bremer Theologe Renke Brahms betonte: "An einem Feiertag macht unsere Gesellschaft gemeinsam Pause." Ausgenommen seien diejenigen, die unverzichtbare Aufgaben im öffentlichen Bereich wahrnähmen. Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister rief dazu auf, den Tag als Stillen Feiertag zu bewahren. "Unsere Gesellschaft lebt von öffentlichen Unterbrechungen, die Alltägliches und Selbstverständlichkeiten infrage stellen". (Radio Bremen)

Jedes Jahr dasselbe: Theologen, die man zur Ordnung rufen möchte, weil sie sich nicht trauen, ihre religiösen Grundlagen auch nur anzudeuten. Neu ist allenfalls, daß unsere Gesellschaft von solchen Pausen "lebt". Aber selbst diese Überhöhung geht in die falsche Richtung.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.03.2016 um 20.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32010

Sie muß in keine Moschee gehen, weil sie ja gefühlt jeden Freitag einen neuen Kniefall vor Erdogan macht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2016 um 18.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#32008

Was man sich alles ausdenken kann! In einem selbst für den "Tagesspiegel" ungewöhnlich blöden Kommentar fragt sich Malte Lehming, wann Merkel endlich eine Moschee besucht. Zuerst beweist er, daß Merkel sowohl Prinzipien als auch keine Prinzipien hat. Diese doppelte Merkel treibt ihn schon lange um, ohne daß er sich fragte, ob das alles vielleicht nur seine eigene Erfindung ist.

Schluß:

Wann wird Merkel einmal eine Moschee in ihrem Heimatland besuchen? Ob sie eine Wende- oder Werte-Kanzlerin ist, hängt auch von der Antwort auf diese Frage ab.

Einen besonderen Anlaß hat er nicht, denn Merkels Verhältnis zum Islam ist nicht gerade gespannt. Deshalb kommt die seltsame Forderung ja auch nicht von einem Muslim.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.02.2016 um 01.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31695

Je arbeitsteiliger die Gesellschaft, desto mehr wird auch die Religion an professionelle Handwerker delegiert. In England weiß so gut wie niemand, wofür der Anglikanismus steht, die Ethnologen müssen also nicht weit reisen. Stirbt eine Religion mit dem letzten Gläubigen oder mit dem letzten Priester?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2016 um 19.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31694

Mein Punkt war gerade, das nicht mitzumachen. Ich bin doch kein Luther, der den Glauben anderswo sucht als in den Gläubigen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.02.2016 um 18.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31693

Im Islam wird doch nicht ohne Grund zwischen Islam und Umma unterschieden, vgl. Christenheit und Christentum.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2016 um 16.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31690

Dann wäre zu fragen: Was wissen die einen Muslime von den anderen?

Was wissen die katholischen Laien von den katholischen Theologen? (Einige von einigen natürlich, wie überall.)

Sonst wäre es denkbar, daß Ethnologen ein exotisches Volk finden, das gar nichts von seiner Religion weiß.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.02.2016 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31689

Der Islam führt eine Existenz unabhängig von den ihm in Deutschland Unterworfenen. Was weiß der Papst vom Katholizismus? Wahrscheinlich ziemlich viel, aber möglicherweise nicht so viel wie sein Vorgänger.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2016 um 14.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31687

Ein Vortrag will die Frage beantworten: Was wissen die in Deutschland lebenden Muslime über den Islam?
Sinnlose Frage. Die Muslime SIND der Islam, ganz gleich, was sie „darüber“ wissen.

Dazu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20471
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.01.2016 um 18.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31385

Wie würde "Europa" reagieren, wenn die Türkei beschließen würde, alle Kurden nach dem Beispiel der Armenier aus dem Land zu treiben? Ich halte das durchaus für möglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2016 um 13.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31380

Inhaltlich sickert bisher wenig zur Leitkultur der CSU durch. "Schwimmunterricht für Mädchen", das ist bestimmt gesund, aber gehört es ins Grundgesetz? Es ist doch schon in Schulgesetzen und -ordnungen geregelt. Allerdings steht der Religionsunterricht auch im GG, wo er aus systematischen Gründen nicht hingehört. Die "demokratische Grundordnung" steht auch schon drin, das ganze GG ist ja nichts anderes. Die "deutsche Sprache im öffentlichen Leben" haben wir schon besprochen. Nun, wir warten noch ein bißchen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2016 um 05.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31365

Die Hindunationalisten haben einen beschämenden Erfolg errungen: Penguin hat das hervorragende Buch von Wendy Doniger (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1542#26772 und
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1194#27459 vom indischen Markt genommen. Die Polemik dieser Leute ist so dumm wie unnachgiebig, durchaus mit Boko Haram vergleichbar, nur leider auch von Intellektuellen betrieben. Auch deutsche Indologen leiden darunter. Vgl. auch http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/wendy-doniger-the-hindus-lebendig-sind-die-goetter-und-sehr-wandelbar-1985374.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Der Hinduismus ist eigentlich friedfertig, schon wegen der habituellen Gleichgültigkeit gegen Mitmenschen (mit allen Vor- und Nachteilen), aber er kann wie jede Ideologie radikalisiert werden. Auch eine missionierende Religion wie der Islam kann zivilisiert werden, was man in Geschichte und Gegenwart gesehen hat. Zur Zeit scheint er den verwaisten Titel "höchste Stufe der Unterentwicklung" anzustreben, den Enzensberger einst dem Sozialismus verliehen hat.

Andere Meinungen bekämpft man am besten, indem man ihren Vertretern den Kopf abhaut, dann braucht man den eigenen nicht so entsetzlich anzustrengen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 31.12.2015 um 18.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31098

Zu "Herrn Ludwigs neue Heimat" (#31053): Man mache aus meinem Fall nicht zuviel. Immerhin hatte ich auch Amerikanistik studiert und lehrte hier schon lange, und meine Annahme der amerikanischen Staatsangehörigkeit hatte sehr praktische Ursachen. Hier in den USA stehen sich "Nation" und "Staat" als verfassungsmäßig definierte Verwaltungseinheiten gegenüber (wobei man für die "Aufnahmeprüfung" wissen sollte, daß die USA eine "sovereign union of sovereign states" sind und man damit weiter keine Schwierigkeiten haben sollte). Ich selbst verstehe "Nation" als etwas, in das man hineingeboren ist - was für mich viel mit Muttersprache zu tun hat -, und "Heimat" ist für mich nach wie vor Schlesien, und zwar das, von dem ein alte Schlesierin ihrem Arzt auf dessen Frage, wie sie München finde, antwortete: "München ist sehr schön. - Aber Schlesien war noch schöner." Schon Braunschweig, wo ich in jungen Jahren über ein Jahrzehnt lebte und wo mich das Gymnasium, das übrigens auch Hoffmann von Fallersleben besuchte, ins deutsche Kulturleben einführte, war für mich schon mehr ein intellektuelles Erlebnis und nie wirklich ein unreflektiertes Ganzheitserlebnis wie die Ritterswälder Madonna oder Weihnachten "noch zu Hause". Hoffmann von Fallersleben fügte als Professor in Breslau in seine Volksliedersammlung "Schönster Herr Jesus" ein, das für mich hier in den USA - wo dieses Lied mit der "Silesian melody" besonders beliebt ist - *das* schlesische Heimatlied ist. - Aber dann auch wieder: "Wir hatten gerade den Jahrestag von Wounded Knee" (#3108), und ich plane für die kommende schneefreie Zeit eine wohl letzte große Autofahrt westwärts, um Wounded Knee und Little Bighorn zu besuchen, die etwas von der großen Interstate-Autobahn ab liegen und wo ich deshalb noch nie war auf meinen Fahrten zur Westküste. Die ersten Bücher, die ich mir gleich nach der Währungsreform von eigenem Geld (fürs Heilpflanzensammeln) kaufen konnte, waren eine dreibändige romanhafte Schilderung des Kampfes der Sioux gegen die USA (*Dakota*, *Der Kampf der Dakota*, *Der Untergang der Dakota*). Das bewegt mich also auch.
Übrigens: Kennt jemand dieses dreibändige Werk, das es gleich nach der Währungsreform offenbar noch aus alten Beständen kurz zu kaufen gab, aber mit überklebten Zeilen und zwei herausgeschnittenen Seiten, die antiamerikanisch formuliert waren? Ich rieb damals die Überklebungen mit nassem Zeigefinger ab und sah dann, was ich unter den gegebenen Besatzungsgesetzen nicht hätte lesen dürfen. Auch das Vorwort war, wie ich mich erinnere, "im Kriegshornung 1941" (oder war's 1942) geschrieben. Leider ist meine Ausgabe verloren gegangen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 31.12.2015 um 14.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31096

Den Genuß von Bier und Bratwurst haben seit jeher auch viele unserer moslemischen Gäste den Eingeborenen abgeschaut.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2015 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31091

Wandern ist der deutscheste aller eingeborenen Triebe. (Hans Breuer: Zupfgeigenhansel. Vorwort zur Kriegsausgabe 1915)

Das Wandern ist nicht der tiefste Kern unseres Wesens, sondern nur der allerdings notwendige Ausdruck dieses Tieferen. (Wandervogel Martin Deckart)

Unsere Spardorfer Flüchtlinge trifft man manchmal beim Wandern mit einem hiesigen Betreuer, ihre Integration kommt also gut voran. Wanderlieder sind nicht zu hören, aber das gilt ja inzwischen auch für deutsche Wanderer.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2015 um 04.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31088

Zum Kaugummi noch eine philosophische Betrachtung: Als meine Frau ein kleines Mädchen war, wünschte sie sich einen eigenen Kaugummiautomaten in ihrem Zimmer. Nicht etwa jede Menge Kaugummi, sondern den Automaten. Verständlich genug, denn das wäre die Wundermaschine selbst, wie im Märchen. Aus demselben Geist richten sich Männer eine eigene Bar im Keller ein oder einen eigenen kleinen Nürburgring. Es ist so schön, mit Kumpels an der Theke zu hocken – wie schön müßte es erst sein, dies jeden Tag zu tun, ohne aus dem Haus zu müssen... Ob der tatsächliche Nutzungsgrad untersucht worden ist?
Der Mensch braucht eine Weile, um sich selbst zu erkennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2015 um 03.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31087

Es geht mir unter anderem um den Unterschied zwischen definierten Begriffen und so unbestimmten, daß man jedem einen Strick daraus drehen könnte. Was ist zum Beispiel "unser Wertebild" (viele Belege!)? Was sind die "Regeln des Zusammenlebens", das "gedeihliche Zusammenleben"?

Um dies noch zu sagen: Ich bin natürlich auch nicht glücklich über die vielen Zuwanderer, eine Krise ist es zweifellos. Auch habe ich es auf diesen Seiten nicht an kritischen Bemerkungen zu "Refugee camps" und pc Beschönigungen fehlen lassen. Aber der feindselige, auf nichts als Abwehr und Abwertung zielende Ton, der sich jetzt ausbreitet, geht mir auch gegen den Strich, und ich mache ihn an Ausdrucksweisen fest wie ein kleiner Karl Kraus.

Den Gastbeitrag von Scholz habe ich jetzt wieder vor mir, will aber auf dessen Auslegung keine weiteren Worte verschwenden. Mir scheint die Tendenz sonnenklar, anderen nicht, das ist nicht zu ändern.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.12.2015 um 21.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31086

Den Genuß von Tabak und Kakao, den Verzehr von Mais und Tomaten hat man den Einheimischen immerhin abgeschaut. Und natürlich die üble Angewohnheit, Gummi zu kauen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 30.12.2015 um 20.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31084

In der Schweiz haben sich Sprache und Religion durchaus nicht angeglichen, eher im Gegenteil. Der Separatismus, der sich überall in Europa regt, zeigt auch, daß selbst jahrhundertelanges Zusammenleben in einem Staatsgebilde nicht unbedingt zu Homogenität führt. In Amerika, um das noch zu vermerken, kann keine Rede davon sein, daß sich die Einwanderer den Sitten und Gebräuchen der Einheimischen angepaßt hätten, von Integration keine Spur (Wir hatten gerade den Jahrestag von Wounded Knee). Lediglich bestimmte Einwanderergruppen haben sich anderen, dominanten Einwanderergruppen angeglichen.
Schalom alejchem und gut Rosch ha-schana!
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 28.12.2015 um 22.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31054

"Nationen" unterdrücken sehr oft die Tatsache, daß sie aus mehreren Völkern bestehen können. Deshalb wird meist nur eine Amtssprache geduldet. In Frankreich waren lange Zeit die bretonische und die okzitanische Sprache verboten, in der Zwischenkriegs-Tschechoslowakei wurde die deutsche Sprache unterdrückt, bis vor kurzem in Italien die deutsche Sprache (Südtirol), nach dem Zweiten Weltkrieg war in Polen die deutsche Sprache in der Öffentlichkeit verboten, in Österreich wurde bis vor kurzem in Kärnten die slowenische Sprache benachteiligt. Der Polnische Staat wollte lange Zeit nicht wahrhaben, daß er deutsche und ukrainische Volksgruppen enthält. Jede "Nation" muß daran gemessen werden, wie sie ihre Minderheiten behandelt.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 28.12.2015 um 19.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31053

Rupert Scholz sagt doch:

Als Nation in diesem Sinne versteht man heute die Summe aller derjenigen Staatsangehörigen, die kraft gemeinsamer Kultur, Geschichte und kraft gemeinsamen geschichtlichen Erlebens zusammengehören.

Also ist für ihn Nation und Bevölkerung nicht identisch und die „Aufnahme in den Staat“ nicht identisch mit einem späteren Hineinwachsen in die Nation, das er jedenfalls nicht ausdrücklich ausschließt.

Prof. Ickler sagt:

Meiner Ansicht nach geht es um Aufnahme in die Rechtsgemeinschaft "Staat", nicht um die Aufnahme in eine wie immer definierte "Nation" (oder sollten wir bei "Volk" bleiben?). Letzteres folgt irgendwann von selbst, wie gerade Herrn Ludwigs neue Heimat zeigt.

Wo ist da der Unterschied?

Der Unterschied besteht wohl darin, daß Rupert Scholz vermutlich meint, daß dieses Hineinwachsen in die Nation nicht unter allen Umständen ganz von selbst erfolgt, z. B. bei einer völlig ungeordneten Einwanderung in einem für unser Land noch nie dagewesenen Umfang.

Ein solches Experiment wagt nicht einmal Herrn Ludwigs neue Heimat, die sich als erfahrenes „klassisches Einwanderungsland“ durch den Bau eines Grenzzauns und durch die Festlegung von Quoten, z. T. auch geographischen also klammheimlich ethnischen, schützt.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 28.12.2015 um 18.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31052

Die Angleichung ist dann erwiesene Voraussetzung für gedeihliches Zusammenleben, wenn ihr Ausbleiben letzteres verhindert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.12.2015 um 16.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31051

Im ersten Teil stimme ich Ihnen vollkommen zu: Zusammenlebende Menschen gleichen sich an, jedenfalls bis zu einem gewissen Grade. Das kann aber nicht die Voraussetzung sein, sondern stellt sich eben als Ergebnis ein.

Heute lese ich:

Deshalb soll sich jeder Flüchtling künftig nach dem Willen der CSU "individuell im Rahmen einer Integrationsvereinbarung zu unseren Werten, unserer Rechtsordnung und den Regeln eines friedlichen Zusammenlebens bekennen". (SZ und andere Medien 28.12.15)

Die Rechtsordnung ist mir bekannt, aber wo findet man "unsere Werte", und was sind die Regeln des Zusammenlebens? Das öffnet in seiner Unbestimmtheit der Willkür Tür und Tor.

Der katholische Philosoph Eckhard Nordhofen, den ich bereits einmal mit seinen erstaunlichen Auslegungskünsten zitiert hatte (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#29008), schreibt heute in einem Leserbrief an die FAZ:

„Wenn die Trennung von Staat und Kirche sich, bei Licht besehen, als biblisches Erbe erweist, muss ein Staat wie der unsere, dessen Verfassungskern diesen Gedanken enthält, sich zu den biblischen Religionen Judentum und Christentum anders verhalten als zu Religionen, die nur ein Amalgam von Religion, Gesellschaft und Staat kennen.“

Selbst wenn die Exegese und geschichtliche Konstruktion zutreffen sollte, beruht die Argumentation auf dem naturalistischen Trugschluß vom Sein auf ein Sollen.

Wie steht es mit dem Verfassungsgebot der Religionsfreiheit? Sind Juden und Christen von vornherein bessere Staatsbürger, während Muslime sich eigens rechtfertigen müssen, wie es der Leserbrief im weiteren Verlauf fordert? Aus einer historischen Theorie heraus die „Äquidistanz zu allen Religionen“ abzulehnen ist ein folgenreicher Schritt.

Andere sagen es kürzer: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland."
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.12.2015 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31050

zu "(oder etwa nicht?)", #31041:

Ja, genau, ich finde das nicht.
Der Mensch lebt gern in Gesellschaft, größere Menschengruppen gleichen sich dabei in ihren Gewohnheiten an, nehmen eine gemeinsame Sprache, Sitten, Gebräuche, Traditionen, Glauben, Kultur an. Eine gewisse Homogenität entsteht also immer ganz von selbst und kann nichts Schlechtes sein. Sie hebt weder die Individualität der Einzelnen auf noch bedeutet sie absolute Abgrenzung gegenüber "Fremden". Sie erzeugt ein Zusammengehörigkeitsgefühl. In seiner gewohnten Umgebung mit Gleichgesinnten fühlt der Mensch sich im allgemeinen wohl und geschützt.

Gastlichkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden waren schon immer hochstehende Tugenden, ich glaube, in fast allen "homogenen" Völkern. Einzelne Zuwanderer, auch viele, stören diese Homogenität gar nicht, sie passen sich irgendwann an, oder die Gesellschaften verändern sich langsam. Konflikte beginnen aber da, wo Massen von Zuwanderern den Rahmen der normalen Gastlichkeit und Aufnahmefähigkeit sprengen, wo sich die ursprüngliche Homogenität eines Volkes in relativ kurzer Zeit aufzulösen droht.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 27.12.2015 um 20.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31045

Den Nationalsozialismus kann man insofern als Bruch mit dem nationalstaatlichen Denken ansehen, als die Zielvorstellung eines Großgermanischen Reichs mit der Wiedererrichtung eines Vielvölkerstaats einhergegangen wäre. In dieser Hinsicht war Hitler ganz Österreicher.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.12.2015 um 18.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31043

Die "Christlich Abendländische Leitkultur" scheint mir im Bereich der früheren DDR außerhalb kirchlicher Kreise völlig zu fehlen. Sie gilt anscheinend nicht für ganz Deutschland.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.12.2015 um 17.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31041

Lieber Herr Achenbach, mir ist die Person Scholz nicht näher bekannt und im Grunde gleichgültig. Wer immer einen solchen Text verfaßt (ich habe ihn leider nicht mehr zur Hand), ist selbst schuld, wenn er so verstanden wird, wie ich ihn verstanden habe und wie er ja auch klar genug formuliert. Das Programm eines homogenen Staatsvolkes mit gemeinsam erlebter Geschichte usw., d. h. (oder etwa nicht?) ohne "Fremde", die eine solche gemeinsam erlebte Geschichte nicht nachweisen können, ist eben auf jenem Holze gewachsen, das Sie richtig identifiziert haben, und das wollte ich auch sagen. Die von ihm selbst genannte nationalsozialistische Diktatur (die Scholz in nicht ganz klarer Weise, aber überraschend als Bruch mit jener Idee einschätzt) hat auch kein Monopol auf dieses Programm. Ich habe die modernisierte Ausdrucksweise (die ich auch anderswo in Menge antreffe) ein wenig zurückübersetzt, um ihr den Schafspelz abzustreifen. Im übrigen geht es nicht darum, wer in die Nähe von jemandem gerückt wird, sondern um die Sache: besagtes homogene fremdenfreie Volk, meinetwegen auch schon wieder um die christlich-abendländische Leitkultur. Mit beidem habe ich nichts am Hut.

Scholz war uns ja lieb und teuer, weil er das goldene Wort vom "rechtlichen Nullum KMK" geprägt hat.

Woher kommt diese Idee bloß? Warum genügt es nicht, daß Menschen in einem Staat unabhängig von ihrer Herkunft friedlich und die Gesetze achtend zusammenleben und -arbeiten, vielfältige persönliche und wirtschaftliche Verbindungen untereinander haben usw. Woher diese ideologische Überhöhung (oder Vertiefung)? Aber es ging ja schon los mit der unendlich vagen Rede von dem, was "zu Deutschland gehört" und was nicht. Scholz hat noch ein weiteres Schibboleth ins Spiel gebracht, ein ziemlich giftiges, weil niemand darüber hinwegkommt, der von vornherein als unerwünscht und nicht zu Deutschland gehörig ausgesondert ist.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 27.12.2015 um 17.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31040

Lieber Prof. Ickler,

ich komme zurück auf Ihren Beitrag #30994, in dem Sie mich ja persönlich ansprechen.

Sie hatten die Äußerungen von Rupert Scholz mit dem Wort „Volksgemeinschaft“ – wie Sie sagen – „paraphrasiert“. Nun ist dieses Wort historisch so belastet, daß eine solche „Paraphrasierung“ einen eindeutig polemischen, wenn nicht gar diffamatorischen Charakter hat.

In Ihrem genannten Beitrag legen Sie noch drauf, indem Sie sagen: „Schließlich haben die Nazis auch nicht von ´Homogenität´ gesprochen.“ Dann werfen Sie noch Begriffe wie „Blut“ und „Gene“ in die Arena.

Wollen Sie Rupert Scholz ernsthaft in die Nähe von rassistischem, ja nationalsozialistischem Gedankengut rücken? Ich möchte es nicht glauben.

Man kann natürlich die Meinung von Scholz für gänzlich verfehlt halten. Auch über seine einzelnen Formulierungen kann man trefflich diskutieren. So finde ich etwa seine Äußerungen zum Islam zu weitgehend.

Übrigens hat schon Böckenförde im Zusammenhang mit seiner berühmten Äußerung von „Homogenität der Gesellschaft“ gesprochen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 27.12.2015 um 14.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31039

Das sind drei Wörter.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.12.2015 um 12.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31038

Noch ein Unwort des Jahres: "Falsch verstandene Humanität".
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 26.12.2015 um 19.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31031

Nun enthält der US-Fragenkatalog nicht nur Fragen zu Recht und Verfassung. Von den 100 Fragen befassen sich 30 mit amerikanischer Geschichte - von den ersten Kolonisten bis zum 11. September 2001. Das ist das kurzgefaßte amerikanische Geschichtsbild, wie es Amerikaner mit der Muttermilch einsaugen oder spätestens in der Schule lernen. Das ist Teil der amerikanischen Leitkultur. Für die bloße „Aufnahme in die Rechtsgemeinschaft“ bräuchte man so etwas nicht zu wissen. Ebensowenig bräuchte man die Antwort auf folgende Frage des kanadischen Einbürgerungstests zu wissen: „What is the significance of the discovery of insulin by Sir Frederick Banting and Charles Best?“ Das ist eben Teil der kanadischen Leitkultur.

Übrigens beginnt die deutsche Geschichte für den amtlichen deutschen Einbürgerungstest erst mit der Machtergreifung Hitlers.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 26.12.2015 um 18.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31029

Vielleicht interessiert auch der Einbürgerungseid in Kanada:

"I swear (or affirm)
That I will be faithful
And bear true allegiance
To Her Majesty Queen Elizabeth the Second
Queen of Canada
Her Heirs and Successors
And that I will faithfully observe
The laws of Canada
And fulfil my duties as a Canadian citizen."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.12.2015 um 07.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31026

Interreligiöser Raum

Söder eröffnet "Tresor des Lichts" in Nürnberg

Im bayerischen Heimatministerium in Nürnberg gibt es nun einen interreligiösen Raum zum Innehalten. Er heißt "Tresor des Lichts" und soll als offener Rückzugsort dienen.
Hausherr und Heimatminister Markus Söder (CSU) hat am Mittwoch (23.12.15) den "Tresor des Lichts" gemeinsam mit Regionalbischof Ark Nitsche und dem stellvertretenden Stadtdekan Reinhold Seidl eröffnet. Der Raum soll Mitarbeitern und Gästen eine Möglichkeit zum "Atemholen" und "Innehalten" bieten, sagte Söder.

Frieden im Tresorraum

Der Name kommt nicht von ungefähr: Im Gebäude des Heimatministeriums in Nürnberg war früher die Bayerische Staatsbank. Für den "Tresor des Lichts" wurde der ehemalige Tresorraum umgebaut. "Das denkmalgeschützte historische Ambiente des Tresorraums bietet eine ideale Rückzugsmöglichkeit", sagte Söder weiter. "Ein Raum der Stille ist zudem ein Aufruf zu Geschwisterlichkeit und Toleranz unter den Menschen, zwischen den Nationalitäten und Weltanschauungen. Er ist eine ständige Mahnung gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit - ein kleiner Schritt hin zum Frieden“, so Söder weiter.


(http://www.br.de/nachrichten/mittelfranken/inhalt/tresor-licht-nuernberg-100.html)

Das Ganze ist zwar, wie auch die Abbildungen zeigen, eine christliche Einrichtung, aber man könnte sich vorstellen, daß die Sprache allmählich durch das Vokabular einer Interreligion angereichert wird. Wie die meisten Menschen ehemals religiöse Feste heute ohne religiösen Bezug feiern, könnten sie allgemeine Menschenliebe usw. ohne Bezug auf eine bestimmte Religion verkünden, sich dabei vielleicht noch wie einst im revolutionären 18. Jahrhundert auf ein höheres Wesen berufen. Erste Schritte sind längst gemacht, etwa mit der "Entmythologisierung" des Christentums, also wörtlich der Tilgung der biblischen Erzählungen zugunsten einer als Existential ausgegebenen schlechthinnigen Gläubigkeit, vielmehr "Spiritualität", wie man in einem weiteren Schritt sagt. Es gibt dann, so ist wohl der Gedanke, eigentlich keine "andere" Religion mehr, und der Muslim vergibt sich nichts, wenn er zwar nicht in der Kirche, wohl aber im Tresor des Lichts seine Andacht verrichtet. Sogar die Atheisten ("Humanisten") im Bund für Geistesfreiheit feiern ja Weihnachten. Vielleicht dürfen sie aus den Hinterzimmern heraus und den Tresor mitbenutzen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 25.12.2015 um 16.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31023

Zu "Ich meine, sie haben überhaupt nichts in solchen Fragebögen zu suchen" (#31019): Schon richtig. Mir liegt quer, daß es überhaupt so einen papiernen Fragebogen gibt und daß jemand, der von Steuergeldern bezahlt wird, seine von den Steuerzahlern bezahlte Zeit hinter einem Schreibtisch damit verbracht hat, so einen zusammenzustellen. Herr Ickler formuliert es völlig richtig: Herrgott, "*wie* der Begriff der "Leitkultur" in den Köpfen spukt"! Ähnliches haben wir aber auch bei unserm Begriff Bildung. Ja, und so sind wir in der Bildungsindustrie eben andauernd besonders gefordert, nicht wahr, und wir können uns nicht die Hände in den Schoß legen und uns nie im Stuhl hinterm Schreibtisch zurücklehnen und sagen, es ist geschafft. Eher schon: Wir schaffen das. Auch wenn wir wissen, daß das ja irgendwie fast unglaublich ist.
Zu #31020 ("Wieviel Prozent der US-Bürger würden einen Einbürgerungstest bestehen?"): Wenn mit "Test" so ein Fragenkatalog gemeint ist und wer hier dann diese Frage stellte, wäre die Antwort: "Nicht mal die, die diesen Test zusammengestellt haben." Und sie wäre zwar nicht wörtlich gemeint, brächte aber alle zum Lachen. - Aber um das Problem etwas besser zu verstehen: Hier haben wir so etwas, was wir auch von den Hauptsektionen des abendländischen Christentums her gewohnt sind: Einmal als Kind getauft, o.k., (fast ausschließlich) für immer getauft. Als Erwachsener da aufgenommen zu werden, ist schon mit einigen ganz interessanten Formalitäten dazu verhakt.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 25.12.2015 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31022

Lieber Herr Ludwig,

Zu a: die Fragenliste „heißt“ natürlich nicht „official“ und auch nicht „current“, sondern ich habe sie als „offiziell“ und „aktuell“ gekennzeichnet, was sie ja zweifellos ist. Schließlich ist sie auf der Internetpräsenz der zuständigen Bundesbehörde veröffentlicht.

Zu b: In der Tat werden nicht alle Fragen der Liste im mündlichen „civics test“ gestellt. Die amerikanische Liste besteht aus 100 Fragen; davon können bis zu 10 Fragen im Test gestellt werden. Um zu bestehen, muß man sechs Fragen richtig beantworten.

Im Vergleich dazu hat die deutsche Liste 300 Fragen sowie noch 10 Fragen des jeweiligen Bundeslandes. Bei der schriftlichen Prüfung werden 33 Fragen gestellt, davon 30 aus der bundeseinheitlichen Liste und drei Fragen des zuständigen Bundeslands. Um zu bestehen, muß man 17 Fragen richtig beantworten.

Von der Zahl her scheint der deutsche Test schwieriger zu sein, andererseits ist er „multiple choice“, während beim amerikanischen Test die Prüflinge die richtigen Antworten selbst formulieren müssen. Dafür wird die US-Liste gleich mit richtigen Antworten, die deutsche Liste nur mit den zur Auswahl stehenden vier Antworten veröffentlicht. Über die richtigen Antworten muß man sich also anderweitig informieren, etwa durch Teilnahme an einem Integrationskurs oder bei deutschen Freunden.

In beiden Ländern dürfte es angesichts der geringen Zahl der erforderlichen richtigen Antworten kein Problem sein, den Test zu bestehen, wenn man sich einigermaßen vorbereitet. Der Sinn der Tests besteht daher wohl nur darin, die Einbürgerungsbewerber zu veranlassen, sich etwas mit den Verhältnissen im Gastland zu beschäftigen.

Zur Frage der „Treue“ weise ich auf folgende Frage mit richtigen Antworten hin:

53. What is one promise you make when you become a United States citizen?
- give up loyalty to other countries
- defend the Constitution and laws of the United States
- obey the laws of the United States
- serve in the U.S. military (if needed)
- serve (do important work for) the nation (if needed)
- be loyal to the United States
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 25.12.2015 um 10.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31020

Wieviel Prozent der US-Bürger würden einen Einbürgerungstest bestehen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.12.2015 um 07.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31019

Sehr interessanter Bericht!

Ich möchte mein Problem noch einmal anders formulieren. Meiner Ansicht nach geht es um Aufnahme in die Rechtsgemeinschaft "Staat", nicht um die Aufnahme in eine wie immer definierte "Nation" (oder sollten wir bei "Volk" bleiben?). Letzteres folgt irgendwann von selbst, wie gerade Herrn Ludwigs neue Heimat zeigt. Das muß und sollte man nicht staatlich organisieren.

Aber an jenem Fragebogen (meinem, nicht dem von Herrn Achenbach) konnte man sehen, wie der Begriff der "Leitkultur" in den Köpfen spukt. Es muß doch auch ein bißchen Kultur dabei sein, haben sich die Beamten gedacht und versucht, sich an ihre Schulzeit zu erinnern, und zwar eben nicht nur an den Sozialkundeunterricht. Da fielen ihnen Goethe und Schiller und C. D. Friedrich ein und das Wunder von Bern. Für jeden etwas, aber der Eindruck einer Parallelgesellschaft läßt sich nicht ganz verwischen. In gewissen Kreisen kennt man Caspar David Friedrich, in anderen nicht. Viele meiner Bekannten haben die gegenwärtige Aufstellung des 1. FC Nürnberg im Kopf (die Glubberer eben), andere nicht.
Mildgestimmte könnten sagen: an diesen wenigen Fragen zur Kultur soll es nicht scheitern. Ich meine, sie haben überhaupt nichts in solchen Fragebögen zu suchen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 24.12.2015 um 21.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31018

Herrn Achenbachs Fragen (#31002) zusammen mit Fragekatalogen jetzt machen meine Sache etwas differenzierter als sie mir in Erinnerung ist. Das ganze Interview zur Einbürgerung ging auf englisch vor, und ich konnte dabei etwas von der Gewaltenteilung erzählen, was ich ja in jungen Jahren auch schon am ältesten Gymnasium Norddeutschlands fürs Abitur gelernt und wohl auch durchaus verstanden hatte. Daß ich englisch auch richtig schreiben konnte, bewies ich übrigens mit dem richtig geschriebenen Satz: "The little girl is pretty", und ich sah da als Linguist und Verschriftungsforscher erstaunt, daß dieser Satz sehr gut bewies, daß ich auch englisch schreiben konnte und nicht nur was phonetisch zu Papier brachte; Südostasiaten und Leute mit hispanischem Hintergrund z. B. hätten mit diesem Satz ohne richtiges Schreibenlernen schon ihre Schwierigkeiten gehabt; aber auch jeder andere mußte hier vier kurze [i] schriftlich richtig ziemlich verschieden wiedergeben. Und schreiben können setzt schon voraus, daß man auch lesen kann. - Zum "aktuellen offiziellen Fragenkatalog der US-Einwanderungsbehörde" (s. jetzt auch #31014, #31015): a. Heißt das wirklich "official"? Und b bedeutet das Ganze garantiert nicht, daß davon in der "Prüfung" alle Fragen behandelt werden und man sie auch richtig beantworten können muß. Aber sich ernst damit beschäftigt haben sollte man wohl schon. Die Idee des Interviews ist doch, daß sich der Eindruck ergibt, daß der Bewerber fähig und willens ist, an diesem Staate als Bürger mitzuarbeiten. Und man kann z. B. auch hinreichend Kenntnis von der Geographie dieses Landes anzeigen und jede weitere Frage dazu gleich ausschließen, wenn man ansagt, daß im Osten der Atlantische Ozean ist, im Westen der Pazifische Ozean und fast jedes Frühjahr in der Mitte des Landes der Mississippi-Ozean. - Und daß ich "[d]em Gastland versprochen und geschworen [habe], die Gesetze zu achten, aber nicht mehr. Also eine Rechtsgemeinschaft, keine "Leitkultur", dazu: Das ist wohl doch etwas näher zu betrachten: Die USA sind nicht mein Vaterland, aber daß ich meins in die USA einbringe, das begrüßte der Richter sogar besonders (übrigens der Mann, der als "Prairie Judge" in die Geschichte hier einging; er war der wichtige Richter bei der Verurteilung der Verantwortlichen für die Asbest-Verseuchung des Oberen Sees); die USA sind das Land, dessen Bürger ich bin, und bei der Einbürgerung schwor ich "to any foreign prince or government" den Gehorsam ab (und als ich das "zu Hause" bei einem Klassentreffen meinen früheren Klassenkameraden erzählte, da sagten die mit Hinblick auf die Regierung in Bonn gleich: "Dann sind wir auch Amerikaner"). Da stand also gar nicht was von Treue zu meinem Vaterland zur Debatte, das war davon gar nicht betroffen. Aber auch hier gibt es so etwas wie eine "Leitkultur": Das Versprechen, "immer die Verfassung und die Gesetze der USA [zu] unterstützen" beinhaltet, sich aktiv für sie einzusetzen und nicht bloß deren Schutz zu genießen. Auch die USA leben aus Erfahrungen; und zu denen gehört eben auch die Erfahrung, daß Verfassung und Gesetze nur funktionieren, wenn sie lebendig gehalten werden. Dazu auch ein sehr lebendiges und interessantes Beispiel: Einem früheren Studenten aus Texas versuchte ich mal zu erklären, daß die Frage, ob die Staaten die Oberhoheit der Nation anerkennen, zwar nicht in der Verfassung geklärt sei, daß aber der Ausgang des Bürgerkrieges (von dem übrigens jedes amerikanische Schulkind weiß, daß bei dem bisher die meisten Amerikaner ihr Leben verloren) diese Frage geschichtlich entschieden habe. Und darauf dieser gerade mal 19jährige: "Yes, but the Civil War isn't over yet." Und ich bekam in alten Zeiten mal einen Brief von Straßenverkehrsamt des Staates Minnesota, weil ich dreimal anders gefahren war, als es die Straßenverkehrsordnung vorsah, des Inhalts, daß "wir uns unsere Gesetze selber geben. Also befolgen Sie sie." Es stellte sich dann in einem extra angesetzten Gespräch heraus, daß zwei der Verfehlungen wohl nicht zu meinen Lasten gingen und daß mein Gesprächspartner aus der Hauptstadt sich die Akten dazu noch mal besonders ansehen wollte - und er dann den Ton änderte: "Sie sind jeden Dienstag an der Universität? Wir haben in St. Paul unsern Schuhplattlerverein, und wir treffen uns immer zweimal im Monat, dienstags. Würden Sie da nicht mitmachen wollen?" - Auch das ist Leitkultur. Verfassung und Gesetze sind eben auch die Menschen, wie sie nun mal sind. Und die Aufklärung, deren Geisteshaltung die US-Verfassung nun mal entsprungen ist, glaubt ja irgendwie an das Gute in den Menschen, die Gott alle gleich geschaffen hat, auch wenn's so nicht wörtlich in der Verfassung steht, was fast keiner weiß, auch nicht in der Unabhängigkeitserklärung (für die, das das alles gleich immer etwas genauer wissen). Aber in dem Glauben schreitet es sich hier letztlich doch trotz allem optimistisch fort, - jedenfalls im aufgeklärten Minnesota, mit seiner Volkskultur, die von deutschen und skandinavischen Einwanderern stark beeinflußt ist, und das wir, wo ich bin, erstmal besonders im Blick haben, und darauf sind wir sogar etwas stolz. Aber einer meiner wichtigsten akademischen Lehrer in Englischer Literatur hier an der U of Minnesota war einer, der seiner Aussprache nach aus irgendeiner "thoyty-thoyd street in Nu Joysy" kam; der hätte damit sicher auch unseren Herrn Achenbach hier sehr erstaunt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.12.2015 um 16.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31017

Ich hatte mit "jenem" Test an unsere frühere Diskussion angeknüpft (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1027#18402), so daß wir zur Zeit von verschiedenen Gegenständen reden, das soll ja vorkommen. (Auch die von mir zitierten Fragen stehen ja noch im Netz.) Da es aber nur darum ging, was sich deutsche Beamte alles ausdenken, wenn es um Integration geht, ist die Differenz unerheblich.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.12.2015 um 16.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31016

zu R.M., #31014:

Muß man darauf wirklich erstmal kommen?
Goethe wird mit vollem Namen (Vor- und Zuname) fast immer Johann Wolfgang von Goethe genannt, während Schiller meist nur Friedrich Schiller genannt wird, eher selten [Johann Christoph] Friedrich von Schiller.

Könnte das immer noch daran liegen, daß Goethe schon 1782, 50 Jahre vor seinem Tod, geadelt wurde, Schiller aber nur 3 Jahre davor (gest. 1805)?
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 24.12.2015 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31015

Verordnung zu Einbürgerungstest und Einbürgerungskurs
(Einbürgerungstestverordnung - EinbTestV)

Ausfertigungsdatum: 05.08.2008
Stand: Geändert durch Art. 1 V v. 18.3.2013 I 585

......
80. Welches Gericht in Deutschland ist zuständig für die Auslegung des Grundgesetzes?
81. Wer wählt den Bundeskanzler / die Bundeskanzlerin in Deutschland?
82. Wer leitet das deutsche Bundeskabinett?
83. Wer wählt den deutschen Bundeskanzler / die deutsche Bundeskanzlerin?
84. Welche Hauptaufgabe hat der deutsche Bundespräsident / die deutsche Bundespräsidentin? Er / Sie …
85. Wer bildet den deutschen Bundesrat?
86. Wer wählt in Deutschland den Bundespräsidenten / die Bundespräsidentin?
87. Wer ist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland?
88. Die parlamentarische Opposition im Deutschen Bundestag …
89. Wie nennt man in Deutschland die Vereinigung von Abgeordneten einer Partei im Parlament?
90. Die deutschen Bundesländer wirken an der Gesetzgebung des Bundes mit durch …
91. In Deutschland kann ein Regierungswechsel in einem Bundesland Auswirkungen auf die Bundespolitik haben. Das Regieren wird …
92. Was bedeutet die Abkürzung CSU in Deutschland?
93. Je mehr „Zweitstimmen“ eine Partei bei einer Bundestagswahl bekommt, desto …
94. Ab welchem Alter darf man in Deutschland an der Wahl zum Deutschen Bundestag teilnehmen?
95. Was gilt für die meisten Kinder in Deutschland?
96. Was muss jeder deutsche Staatsbürger / jede deutsche Staatsbürgerin ab dem 16. Lebensjahr besitzen?
97. Was bezahlt man in Deutschland automatisch, wenn man fest angestellt ist?
.......

(alle Fragen multiple choice mit vier Antwortmöglichkeiten)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.12.2015 um 12.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31014

Johann Wolfgang von Goethe, aber Friedrich Schiller! Darauf muß man erst mal kommen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.12.2015 um 04.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31009

Zur Erinnerung (und zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31005:

80. Nennen Sie drei deutsche Philosophen!
81. Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller gelten als Deutschlands berühmteste Dichter. Nennen Sie jeweils ein Werk der beiden Dichter!
82. Nennen Sie einen deutschen Literatur-Nobelpreisträger!
83. Welcher Deutsche komponierte in seiner 9. Sinfonie am Schluss die berühmte "Ode an die Freude"? Nennen Sie zwei weitere deutsche Musiker bzw. Komponisten!
84. Der deutsche Maler Caspar David Friedrich malte auf einem seiner bekanntesten Bilder eine Landschaft auf der Ostseeinsel Rügen. Welches Motiv zeigt dieses Bild?
85. In Kassel findet alle fünf Jahre eine der bedeutendsten Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst statt. Welchen Namen trägt diese Ausstellung?
86. Die Bundesrepublik Deutschland hat bedeutende Universitäten. Nennen Sie drei Universitätsorte!
87. Nennen Sie drei überregionale deutsche Tageszeitungen und zwei öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten!
88. Erläutern Sie den Begriff "Meinungs- und Pressefreiheit"!
89. Wenn jemand sagt: "Freie Medien sind ein unverzichtbarer Teil einer demokratischen Gesellschaft". Stimmen Sie dem zu oder nicht?
90. In den deutschen Kinos startete 2004 der Film "Das Wunder von Bern". Auf welches sportliche Ereignis nimmt der Film Bezug?
91. In welcher deutschen Stadt fanden letztmals die "Olympischen Sommerspiele" statt und von welchem Ereignis wurden sie überschattet?
92. Zum gesellschaftlich-kulturellen Bild der Bundesrepublik Deutschland gehören Sportarten und Sportler. Nennen Sie drei bekannte deutsche Sportler!
93. Was hat Johannes Gutenberg erfunden?
94. Welche Personen gelten in Deutschland als Pioniere des Automobilbaus? Nennen Sie zwei Namen!
95. Welcher deutsche Physiker hat mit seiner Entdeckung im Jahre 1895 die medizinische Diagnose bis zum heutigen Tag revolutioniert?
96. Was gelang dem deutschen Wissenschaftler Otto Hahn erstmals 1938?
97. Welcher deutsche Arzt entdeckte die Erreger von Cholera und Tuberkulose?


Es sind zwei relevante Fragen untergemischt, aber 89 ist so formuliert, daß man praktisch nur mit "Ja" antworten kann. Ein Deutscher könnte sich mit diesem "Bürgerwissen" bei "Wer wird Millionär?" bewerben. Es sieht streckenweise so aus, als gehe es um den Stolz auf die Leistungen anderer Deutscher. Einen anderen Sinn kann ein solches Quiz kaum haben, Bildung wäre ja so ziemlich das Gegenteil. Wir haben das alles schon erörtert.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 23.12.2015 um 23.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31008

Und die entsprechende Frage zur Westküste.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 23.12.2015 um 23.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31007

Im aktuellen offiziellen Fragenkatalog der US-Einwanderungsbehörde wird nicht nach den Verbündeten, sondern nach den Gegnern im 2. Weltkrieg gefragt: Japan, Deutschland, Italien (in dieser Reihenfolge). Unter den wenigen geographischen Fragen wird in der Tat auch gefragt , welches Meer sich an der Ostküste befindet. Andere Fragen sind nicht gar so einfach, etwa nennen Sie einen Bundesstaat, der an Kanada grenzt, oder eines der US-Territorien.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 23.12.2015 um 20.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31006

In den USA wird auch danach gefragt, mit wem man im 2. Weltkrieg verbündet war (Uncle Joe und nicht Onkel Adolf), wo der Pazifik liegt und dergleichen banale Wissensfragen mehr.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 23.12.2015 um 18.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31005

Nein, in Deutschland auch nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.12.2015 um 18.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31003

Also lauter Fragen, die ungefähr dem Inhalt unseres GG entsprechen, aber nicht etwa: Wer hat das Bild "House by the Railroad" gemalt, oder?
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 23.12.2015 um 15.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31002

Lieber Herr Ludwig,

mußten Sie bei Ihrer Einbürgerung neben einem Sprachtest nicht auch einen „civics test“ ablegen, in dem Sie Kenntnisse über den Staatsaufbau und die Geschichte der USA nachweisen mußten? Etwa wieviel Richter den Supreme Court bilden, wer der vorsitzende Richter ist, wie der „Speaker of the House of Representatives“ heißt, wieviel „amendments“ die Verfassung hat und dgl.?

Mußten Sie nicht versprechen, den Vereinigten Staaten treu zu sein und die Treue gegenüber anderen Staaten aufzugeben, die Verfassung und die Gesetze der USA nicht nur einzuhalten, sondern auch zu verteidigen, notfalls Militärdienst zu leisten usw.?

Oder waren zu Ihrer Zeit die Bedingungen noch anders?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.12.2015 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#31001

In den vergangenen Jahren hat es einige archäologische Veröffentlichungen über die Bajuwaren gegeben: Sie sind nicht als fertiger Volksstamm aus Böhmen eingewandert, sondern eine Vermischung der ortsansässigen Kelten mit den von den Römern im Zuge der Ausdehnung des Römischen Reiches bis zur Donau als Verwaltungsfachleute angesiedelten Romanen, die nach dem Abzug der Römischen Legionen im Land blieben und zum Teil eigene Ortschaften gründeten. Seit das Christentum zur Staatsreligion erklärt worden war, waren alle Einwohner gesetzlich Christen. (Die sogenannten Missionare mußten die Bevölkerung dann nur auf die Papstkirche umpolen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.12.2015 um 07.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30995

Lieber Herr Ludwig, Sie bestätigen ja aufs schönste, daß Sie Ihrem Gastland versprochen und geschworen haben, die Gesetze zu achten, aber nicht mehr. Also eine Rechtsgemeinschaft, keine "Leitkultur".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.12.2015 um 07.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30994

Lieber Herr Achenbach, ich habe doch nicht gesagt, daß ein Jurist sich nicht auch zu anderen Gegenständen äußern dürfe, sondern nur auf eine Kuriosität hingewiesen, die mir halt aufgefallen ist. Immerhin sollte der Jurist Scholz sehen, wohin seine Forderungen führen, und er sieht es natürlich auch. Anderswo sagen Sie, daß er nicht von "Volksgemeinschaft" gesprochen habe, und so habe ich ihn auch nicht zitiert, sondern nur paraphrasiert, was der nur allzu klare Inhalt seines Beitrags war. Schließlich haben die Nazis auch nicht von "Homogenität" gesprochen. Wohlwollend könnte man Rechtsgemeinschaft und Schicksalsgemeinschaft einander gegenüberstellen; letztere verschließt sich gegen "Fremde". Die Nazis haben noch das "Blut" hinzugefügt, Neuere sprechen von "Genen"; das vermeidet Scholz natürlich, aber er konstruiert ein ähnlich exklusives Zugehörigkeitskriterium. Warum er die nationalsozialistische Diktatur beiläufig als Zäsur in der Verwirklichung seines Homogenitätsideals ansieht, verstehe ist nicht.
Trump will alle Muslime rausschmeißen und könnte mit dieser Einstellung Präsident werden. So abwegig ist das alles gar nicht. Scholz ist als besonders bekannter Jurist (GG-Kommentator) Vertreter einer vermutlich sehr weit verbreiteten Gesinnung. Ich bin geradezu froh darüber, daß es so klare Darstellungen gibt; da weiß man doch, was man hat.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 22.12.2015 um 19.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30991

"Warum kann man die rechtlichen Adiaphora nicht etwas großzügiger abstecken?" (#30984) - Völlig richtig. Aber "daß der Staat mehr sein müsse als eine Rechtsgemeinschaft", das sollten sie doch wenigstens empfinden, oder? - In den USA versprach ich mal, um eine vieles für mich vereinfachende Green Card zu bekommen, ich glaube, schriftlich, daß ich nichts gegen die Verfassung der USA und ihre Gesetze unternehmen würde. Als ich Bürger dieses Landes wurde, schwor ich erhobener rechter Hand, daß ich immer die Verfassung und die Gesetze der USA unterstützen würde, - wenigstens jedenfalls die Verfassung, glaube ich. Inzwischen habe ich herausgefunden, daß ich der einzige in diesem großen und großartigen Lande bin, der das wirklich einhält, Präsidenten eingeschlossen. Das habe ich sogar Amerikaner gelehrt, und ich erzähle es ihnen heute noch manchmal in der Bar; und dann lachen sie.
Zu #30989: "Kroatien war seit 1527 habsburgisch." Und ist überwiegend sogar *römisch*-katholisch. Das hat gar nichts mit irgendwelchen Glaubensbekenntnissen zu tun, sondern lädt bei mancher Feierei nach der den Lebensunterhalt verdienenden 5-Tage-zu-etwas-weniger-als-8-Stunden-Arbeitszeit zum ganz natürlichen Mitmachen ein.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.12.2015 um 19.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30990

Die Jugoslawen kamen auch aus Serbien und Bosnien. Deren Vorfahren hatten zum Habsburger Polizeistaat ein anderes Verhältnis als die Kroaten und Slowenen (ehemalige Südsteiermark).
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.12.2015 um 18.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30989

Wie bitte, die Jugoslawen hatten keine gemeinsame Geschichte mit Deutschland? Kroatien war seit 1527 habsburgisch.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.12.2015 um 18.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30988

Warum sollte ein Jurist nur juristisch argumentieren? Auch Germanisten dürfen sich zu anderem äußern als Germanistik.

Daß Feuilletonisten sich zu allem möglichen äußern, ohne etwas davon zu verstehen, ist doch kein Argument.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.12.2015 um 17.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30987

Als nach dem 2. Weltkrieg in Westdeutschland ein großer Arbeitskräftebedarf herrschte, haben sich nach meinem Eindruck die Jugoslawen am schnellsten integriert. Sie hatten eine ähnliche Kultur, aber absolut keine gemeinsame Geschichte mit den Deutschen. Bei früheren Einwanderungswellen wie den polnischen Bergarbeitern und den Hugenotten war es genauso.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.12.2015 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30984

Seltsamerweise verlangt der Jurist Scholz von Zuwanderern viel mehr als die Befolgung der Gesetze, während der Nichtjurist Claudius Seidl wenig später genau diese Forderung nach kultureller Anpassung und Homogenität (Tauber, Klöckner, er hätte auch Scholz nennen können) als übergriffig ablehnt und auf die vielen Unterschiede innerhalb Deutschlands, innerhalb Europas verweist. Die Forderung einer gemeinsam erlebten Geschichte (Scholz) ist von Ausländern per se nicht erfüllbar. Also gehören sie nicht zu uns.

Immer und immer wieder die These, daß der Staat mehr sein müsse als eine Rechtsgemeinschaft. Den meisten ist es inzwischen egal, ob der liebe Nachbar in die Kirche geht oder nicht, oft auch schon, ob er mit einem Mann oder einer Frau zusammenlebt. Warum kann man die rechtlichen Adiaphora nicht etwas großzügiger abstecken?

In jenem unseligen Einbürgerungstest wurde der Bewerber gefragt, wer den Kreidefelsen von Rügen gemalt habe (oder war's ein anderes Bild von C. D. F.?). Das war übergriffig. Aber welches Denken steht dahinter? Es ging und geht auch jetzt wieder um eine vage "Zugehörigkeit", und darin sehe ich eine große Gefahr.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.12.2015 um 16.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30983

Als ich Kind war, wurde der Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken noch ziemlich heftig ausgetragen. Sie sollten am besten in getrennten Gebieten wohnen und keinesfalls gegenseitig heiraten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.12.2015 um 15.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30982

Warum denken wir immer gleich so in Extremen? Eine in sich homogene Gesellschaft bedeutet doch nur, daß die Gesellschaft im wesentlichen homogen ist, daß sie eine ganz bestimmte Kultur und Traditionen hat, zu denen sich die meisten Bürger bekennen.

Wieso soll das dann heißen, daß überhaupt keine Einwanderung möglich ist oder daß hier lebende Muslime vertrieben werden müssen? Ich finde, das ist genausowenig der Fall, wie wenn jemand behauptet, Deutschland oder andere europäische Staaten könnten oder dürften nichts dagegen tun, wenn ganze Völkerwanderungen hier einfallen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2015 um 04.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30923

In einem Gastbeitrag für die FAZ (18.12.15) definiert Rupert Scholz Deutschland als Nationalstaat.
„Staatsvolk und Nation sind unauflösbar miteinander verbunden und konstituieren die Basis einer in sich geschlossenen, homogenen und identifikationsfähigen Gesellschaft. Als Nation in diesem Sinne versteht man heute die Summe aller derjenigen Staatsangehörigen, die kraft gemeinsamer Kultur, Geschichte und kraft gemeinsamen geschichtlichen Erlebens zusammengehören.“
Nach dieser Definition ist Einwanderung nicht möglich.
Der deutsche Nationalstaat sei „unter den Exzessen der nationalsozialistischen Diktatur“ zusammengebrochen (eine eigenwillige Interpretation!), aber später wiederauferstanden.
Der Islam paßt laut Scholz nicht zur westlichen Welt. Die Muslime gefährden „die auf die christlich-abendländische Leitkultur gegründete nationale Identität“. Müßten sie dann nicht aus den westlich geprägten Staaten vertrieben werden?
Die Abgabe nationaler Kompetenzen an die EU erwähnt er nicht, sondern behauptet einfach: „Alle moderne Staatlichkeit gründet sich unverändert auf das Grundkonzept überkommener Nationalstaatlichkeit.“
Es ist bemerkenswert, daß der Jurist Scholz an keiner Stelle juristisch argumentiert. Das Ideal einer „homogenen“ Gesellschaft läßt sich am Grundgesetz vorbei beliebig weit treiben. Welche Politik folgt aus solchen ideologischen Prämissen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2015 um 11.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30770

Als die Spanier nach Mexiko kamen, trafen sie auf die Azteken, die eine Schreckensherrschaft ganz besonderer Art übten. Religiös beflügelt, holten sie sich jedes Jahr von den umwohnenden Völkern Tausende Schlachtopfer. Das war nicht etwa dem Geist einer früheren Zeit zu verdanken; die anderen Völker hatten denn auch dafür keinerlei Verständnis, sondern hegten einen enormen Haß auf ihre Unterdrücker und richteten nach dem Sieg der Spanier ein ungeheures Massaker unter den Bewohnern der Hauptstadt an.

Wäre dies nun ein Fall für psychiatrische Diagnosen gewesen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.11.2015 um 20.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30710

Ilse Aigner (CSU) verlangt im Namen ihrer Partei ein Gesetz, das muslimischen Frauen das Tragen eines Schleiers verbietet - nicht etwa weil sie Kalaschnikow darunter fürchtet, sondern wegen "unseres christlichen Menschenbildes". Das soll auch für Touristinnen gelten, und hier wird es heikel. Ein zugehöriges Foto in der "Welt" zeigt schwarz verhüllte arabische Damen beim Einkaufen in der Maximilianstraße, Münchens feinster Adresse also. Man könnte immerhin daran denken, nur armen Frauen den Schleier zu verbieten.
Frau Aigner erwähnt übrigens, sie selbst habe in Iran den Vorschriften gemäß ein Kopftuch getragen. Ein etwas überraschender Maßstab, außer wenn man in Kategorien religiöser Lager denkt. So überraschend wie ihre schwache Bibelkenntnis, denn ein allbekanntes Zitat aus den Gesetzen des AT würde sie spontan dem Koran zuordnen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2015 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30562

„Über die Siebenzahl gingen die deutschen Galgen selten hinaus und der Luzerner Ratsherr Hans Schürpf machte große Augen, als er auf seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem 1447 in Rhodos 63 Türken an einem Riesengalgen baumeln sah.“ (https://archive.org/stream/WoumlrterUndIhreSchicksale/Storfer_1935_Woerter_und_Ihre_Schicksale_djvu.txt)

Storfer bespricht auch die vielen Umschreibungen für „Galgen“ und zeigt, daß mancher „Gallus“ in Orts- und Straßennamen (auch in Frankfurt) eigentlich ein Galgen war.

(Wir empören uns über Hinrichtungsvideos, aber früher war die öffentliche Hinrichtung ein alltäglicher Vorgang, und kein Kind wuchs auf, ohne an den allgegenwärtigen Galgen den einen oder anderen Bekannten oder Verwandten "baumeln" zu sehen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2015 um 17.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30536

Wie wir bei Käßmann und anderen gesehen haben, werden die kirchlichen Feiertage samt Tanzverbot usw. nicht mehr religiös begründet, sondern aus Gesundheitsgründen empfohlen. Kruzifixe sind Wandschmuck. Dafür gibt es ein Vorbild:

"In God we trust" as a national motto and on U.S. currency has been the subject of numerous unsuccessful lawsuits. The motto was first challenged in Aronow v. United States in 1970, but the United States Court of Appeals for the Ninth Circuit ruled: "It is quite obvious that the national motto and the slogan on coinage and currency 'In God We Trust' has nothing whatsoever to do with the establishment of religion. Its use is of patriotic or ceremonial character and bears no true resemblance to a governmental sponsorship of a religious exercise." (Wikipedia)

Ein ganz böser Leser hat vorgeschlagen, den Slogan, der auch auf Polizeifahrzeugen immer öfter zu sehen ist, doch probehalber einmal durch "Fuck god" zu ersetzen, dann werde man sehen, was wirklich los ist.

Aber ich erwähne das Ganze mehr aus linguistischem Interesse: Es gibt offenbar kein noch so eindeutiges Wort, das nicht bei Bedarf ins Gegenteil verkehrt werden könnte. Dann hat sogar die Anrufung Gottes nichts mit Religion zu tun.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.10.2015 um 18.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30365

Weil ich das Thema Konkordatslehrstühle nun schon einmal angesprochen hatte, will ich es auch abschließen (zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20468).

Pressemeldung Konkordatslehrstuhlverfahren:
Das Bundesverfassungsgericht hat durch eine Kammer des ersten Senats, bestehend aus den Richtern Reinhard Gaier, Wilhelm Schluckebier und Andreas L. Paulus, durch einstimmigen Beschluss vom 06. Oktober 2015 entschieden, die von Frau Professor Ulla Wessels und Herrn Professor Oliver Hallich gegen die Verfassungsmäßigkeit der bayerischen Konkordatslehrstühle erhobenen Verfassungsbeschwerden nicht zur Entscheidung anzunehmen. Nach Auffassung der Kammer sind diese Beschwerden unzulässig  (Az.: 1 BvR 1903/12 [Wessels], 1 BvR 406/13 [Hallich]). Die Kammer hat nicht begründet, warum die Verfassungsbeschwerden unzulässig sein sollen. Die Entscheidung der Kammer ist unanfechtbar.
Mit dieser Form der Entscheidung hat das Gericht ebenfalls zum Ausdruck gebracht, dass es der Beschwerde eine „grundsätzliche verfassungsrechtliche Bedeutung“ (§ 93a BVerfGG) abspricht.
Die Beschwerdeführer wurden vertreten von Rechtsanwalt Rainer Roth, Nürnberg.
Die Beschwerde von Frau Professor Wessels datiert vom  23. März. 2012, die von Herrn Professor Hallich vom 11. Januar 2013. Die Kammer hat sich für ihren ablehnenden Beschluss also über zwei Jahre Zeit genommen. Zwischenzeitlich haben die bayerischen Bischöfe erklärt, dass sie in Zukunft auf die Ausübung ihres Vetorechtes bei der Besetzung dieser Lehrstühle verzichten werden.
Die Beschwerdeführer wie auch Rechtsanwalt Rainer Roth bedauern, dass das BVG damit einer Entscheidung in der Sache ausgewichen und seiner Rolle als Wächter der Verfassung ihres Erachtens nicht gerecht geworden ist. Das im bayerischen Konkordat festgelegte Vetorecht katholischer Bischöfe bei der Besetzung dieser allesamt nicht-theologischen Lehrstühle verstößt nach Ansicht der Beschwerdeführer gegen Artikel 33 (3) des Grundgesetzes, der die Zulassung zu öffentlichen Ämtern als von dem religiösen Bekenntnis unabhängig erklärt.


Mit dem Ersten Senat haben wir ja auch unserer Erfahrungen (Rechtschreiburteil). Aber natürlich kommt es mehr darauf an, daß die Kirche de facto auf ihr Vetorecht verzichtet, womit die Konkordatslehrstühle praktisch schon abgeschafft sind. Das war ein Gebot der Klugheit, weil das Beharren auf Privilegien, die wenig Gewinn bringen, nur den Unmut in der Bevölkerung verstärkt. Die Kommunikation zwischen der katholischen Kirche und den normalen Bürgern verschiebt sich unverkennbar, und das wird noch sehr viel weiter gehen; man denke an die gerade beendete Synode im Vatikan, die so vieles unerledigt gelassen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2015 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30060

Dem Papst "zujubeln" - ist das eigentlich ein Sprechakt, eine kommunikative Handlung? Oder: "symbolisch den Teufel steinigen" - was ist das eigentlich für ein Verhalten? "Symbolisch" deutet auf Zeichenhaftes hin.

Zujubeln könnte man von Begrüßungsritualen ableiten, aber dann fehlt noch das Gemeinschaftserlebnis. Teenies jubeln ihrem Popstar zu, die Gemeinschaft gehört unbedingt dazu. Marion Keisker, die damals nicht mehr ganz jung war, berichtet, daß sie mitten in der Mädchenmenge, die dem 18jährigen Elvis zujubelte, ganz nahe jemanden kreischen hörte und erst allmählich merkte, daß sie es selbst war. (Sie war die eigentliche Entdeckerin des talentierten Jungen gewesen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2015 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30025

Zur Umwandlung von Kirchen in Moscheen:

„Die Nordkirche betrachtet den Verkauf der Kirche als Sonderfall. Seit 2007 gibt es eine Rechtsverordnung, wonach Kirchengebäude nicht an nicht-christliche Religionsgemeinschaften – mit Ausnahme der jüdischen Gemeinden – verkauft werden dürfen. Als die Verordnung erlassen wurde, war die Kapernaumkirche aber bereits im Besitz eines Hamburger Kaufmanns, der das Gebäude im Internet anbot.“ (Zeitungen Sept. 15)

Das wird sich nicht durchhalten lassen. Wenn Kirchen offiziell "entweiht" sind, kann man sie nicht Juden anbieten und Muslimen vorenthalten (auch abgesehen vom Bedarf und den vorhandenen Finanzmitteln). Schließlich gehört der Islam zu Deutschland.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.09.2015 um 09.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#30004

Die USA haben einen schwarzen Präsidenten, hatten einen katholischen und würden auch einen schwulen hinnehmen, wie Umfragen zeigen, aber keinen atheistischen. Die amerikanischen Freidenker bemühen sich zur Zeit darum, den Atheistenbann von den Boy Scouts zu nehmen, nachdem diese in der Frage der Homosexualität nachgegeben haben. (Komisch bei einem Männerbund.)
Wohlmeinende Beobachter raten, doch lieber einen eigenen Verband zu gründen. Das ist aber nirgendwo in der Welt einfach, wenn bereits sehr mächtige Vereine existieren. Ich hatte schon berichtet, wie schwer es war, einen kommunalen Kindergarten zu gründen, wo bereits ein kirchlicher vorhanden ist.
Man kann das auch bei Parteigründungen beobachten. Das Ein- und Ausschließen ist schwierig, hinzu kommt das Nebeneinander von mehr oder weniger ähnlichen Parteien mit ihrer Sog- und Finanzkraft. In den USA geht es zuallererst um Sponsoren, die ihre Unterstützung zu entziehen drohen, wenn jemand die Satzung ändern will.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2015 um 06.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#29931

Wie ich erst aus der FAS erfahre, ist eine Ehe nach katholischem Recht auch dann zu annullieren, wenn der eine Partner nicht so reich ist, wie er vor der Heirat zu sein behauptet hat, oder wenn er nicht von Adel, sondern nur ein Metzgerssohn ist usw.

Das überrascht mich aus verschiedenen Gründen. Zu den weniger offensichtlichen gehört die Überlegung, daß praktisch jeder Ehepartner im Laufe der Zeit unerwartete Merkmale aufweisen dürfte, besonders wenn man ihn so wenig kennt, wie es nach katholischer Morallehre zu sein hat.

Offensichtlicher ist die Begründung, daß ein Partner den anderen bewußt getäuscht hat. Aber erstens sollte doch etwas so Belangloses wie Geld oder ein Adelstitel beim Sakrament der Ehe keine Rolle spielen. Und zweitens: Wer täuscht denn nicht? Jeder arbeitet doch an seinem Image, will auf das Objekt seiner Begierde einen guten Eindruck machen usw. Wer hat sich denn nicht, in dieser oder jener Richtung, Illusionen gemacht? Bewährt sich die Ehe nicht gerade darin, daß man mit so etwas fertig wird? Aber vielleicht habe ich zu hohe Vorstellungen von der Ehe, daher meine Empfindlichkeit gegen das Annullierungsgerede.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2015 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#29877

Noch einmal zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26937

Motu Proprio: Katholische Ehen können leichter für nichtig erklärt werden
(Focus 8.9.15)

Es geht um Annullierung von Ehen überhaupt, nicht nur um katholische; diese Einschränkung wird erst bei der neuen Ehe relevant.

Radio Vatikan:

Papst Franziskus betont ausdrücklich, dass es nicht darum gehe, die Unauflöslichkeit der Ehe in Frage zu stellen. Es handelt sich bei den Änderungen also nicht um eine „katholische Scheidung“. (...) Papst Franziskus möchte eine „gerechte Einfachheit“, wie er in dem Dokument mit dem Namen „Mitis Iudex Dominus Jesus“, also „Jesus der gütige Richter“, schreibt. Dazu wird es in Zukunft nur noch eine einzige statt bisher zwei Instanzen geben, die über die Gültigkeit einer Ehe entscheidet. Die Kirche kennt keine Scheidung, es geht in diesem Fall um die Frage, ob eine Ehe jemals gültig zu Stande gekommen ist. Der Prozess löst also keine Ehe auf, sondern findet heraus, ob die Ehe überhaupt gültig war. Darüber hat nun ein Richter in einer Instanz zu entscheiden, nicht mehr ein Ehegericht in vorgeschriebenen zwei Instanzen. Außerdem verfügt der Papst, dass der Ortsbischof selbst dieses Amt auszuüben hat, zumindest darf er es nicht vollständig delegieren. Papst Franziskus möchte damit eigenen Ausführungen zufolge sicherstellen, dass kein Laxismus in das Verfahren Einzug hält. Überhaupt gehe es nicht darum, die Ehenichtigkeit selbst zu fördern. Lediglich die Verfahren sollten klarer und einfacher gemacht werden.

Das Wort Laxismus war mir neu, es ist aber ein althergebrachter Begriff der katholischen Moraltheologie.

Übrigens wird es zu einer starken Zunahme der Nichtigkeitserklärungen kommen. Es genügt ja schon, daß einer der Partner in Wirklichkeit keine Kinder wollte...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2015 um 11.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#29181

Navid Kermani bekommt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Als Laudator böte sich Martin Mosebach an oder gleich der Bundespräsident. Irgendwer halt, der gegen den "Vulgärrationalismus" und Aufkläricht zu Felde zieht.
In einem Interview der FR hatte Kermani erklärt, was er unter "Vulgärrationalismus" versteht: "Fundamentalismus einer aufs „Diesseits“ fixierten Weltsicht, die nichts gelten lässt, was außerhalb ihres eigenen beschränkten Blickfelds liegt." Also ist es wieder mal der Atheismus. Das „Diesseits“ setzt begrifflich ein „Jenseits“ voraus, also ist jemand, der nicht an ein Jenseits glaubt, der Beschränkte. Der Atheist wütet mit "Schaum vor dem Mund" (ebd.) gegen die Religion usw. - Diese Rhetorik gefällt vielen, und darum ist Kermani ("Gott ist schön") jedermanns Liebling, wie der "religiös unmusikalische", aber frömmelnde Habermas. Darauf noch'n Preis!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.04.2015 um 07.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28633

Eine Steuer lässt manche vom Glauben abfallen (Augsburger Allgemeine 10.4.15)

Man wird solche Überschriften nicht allzu ernst nehmen, aber eigentlich ist das, wie so oft in diesem Zusammenhang, reiner Unsinn. Es mag vorkommen, daß jemand angesichts der Übel dieser Welt seinen Glauben an Götter verliert (Theodizee-Problem), aber ein Kirchsteuereinzugsverfahren dürfte kaum zu diesen Übeln gerechnet werden. Viele Leser bestehen denn auch darauf, keineswegs vom Glauben abgefallen zu sein, wenn sie aus der Kirche austreten. Es gibt allerdings auch naive Beiträge wie diesen aus der ZEIT: „Gott kann gut auf Leute verzichten, die nur des Geldes wegen sein Haus verlassen. Mögen sie in Frieden ziehen, viele werden zurückkehren, wenn sie merken, wie arm und leer das Leben ohne Gott ist.“
Kirchenleute wissen meist besser Bescheid und erlauben sich das gehässige "nur des Geldes wegen" nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.04.2015 um 08.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28520

Der Leitartikel der FAZ zum Gründonnerstag ist naturgemäß eine Karfreitagspredigt, diesmal von Reinhard Bingener:

„Nach christlichem Verständnis beweist Gott seine Souveränität gerade dadurch, dass er auch mit der Preisgabe von Macht zu Rande kommt.“

Auch mir sind die Gottesvorstellungen der Weltreligionen nicht unbekannt, und so wundere ich mich immer wieder, was manche Theologen alles zu wissen meinen – und wie sie es ausdrücken. Hat der Allmächtige wirklich ein Problem damit, wie er mit seiner eigenen Schöpfung zu Rande kommt?

Freilich sagt der Mystiker:
„Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,
Werd ich zunicht, er muß von Not den Geist aufgeben.“

Bingener fragt sich, wie wir zu Rande kommen, wenn immer mehr Kruzifixe aus der Öffentlichkeit verschwinden. Übrigens hat Bergsteiger Reinhold Messner kürzlich – ausgerechnet in "Chrismon" – die Gipfelkreuze kritisiert.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.04.2015 um 15.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28509

Wer hat in dieser Diskussion jemals behauptet, Deutschsein sei eine genetische Frage? Das finden Sie auch bei Sarrazin nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.04.2015 um 12.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28506

Man könnte, wie gesagt, die Diskussion auch einfach beenden, die Einträge aber alle stehen lassen und anderswo mit anderen Themen weitermachen. Falls jemand einen eigenen Eintrag nicht mehr für erhaltenswert betrachtet, kann er auch per Mail an die Redaktion oder auch an mich (da es sich ja um mein Tagebuch handelt) um Löschung ersuchen, das ist keine große Sache. (Ich habe auch schon manchmal eigene Einträge gelöscht, weil ich nach Jahren den Eindruck hatte, ich hätte mich damals ein bißchen vergaloppiert, so was kann doch vorkommen.)

Ich finde, Diskussionen über Religion und Nation (um es mal so schlagworthaft zu sagen) sollte man nicht ohne eine gewisse Selbstironie führen, wie ernst man es auch immer persönlich damit halten mag. Das ist ja der Nutzen der Geschichte, daß man im Rückblick doch lernen kann, wohin es sonst führt. Aber ganz umgehen würde ich solche Themen auch nicht, weil sonst zu viel Stoff gerade auch für die sprachlich-rhetorisch interessierte Analyse verlorengeht. Es sind ja immerhin sehr ausgedehnte Bereiche der öffentlichen Kommunikation. Wie ich schon ein paarmal berichtet habe, sind auch Theologen an sprachlichen Fragen interessiert und unterhalten sich gern mit Linguisten darüber, und ich habe damit recht gute Erfahrungen gemacht.

Gestern habe ich wieder mal was von Herbert Schnädelbach gelesen bzw. wiedergelesen, u. a. seine Antrittsvorlesung über Hegel und seinen Wahrheitsbegriff. Das theologische Erbe bei Hegel und allen seinen Nachfolgern ist gut herausgearbeitet (was allerdings keine große Kunst erfordert), und ich lese S. überhaupt recht gern, aber die Sprache könnte noch einen Tick nüchterner sein, falls man das von einem Philosophen aus dieses Schule verlangen darf. Mir schwebt eine Redeweise vor, die das Schwärmerische gänzlich abgestreift hat.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 01.04.2015 um 11.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28505

Kann gelöscht werden, gerne löschen, keinesfalls löschen. Das mußte ja so kommen. Ich schlage als Alternative vor, alle Beiträge zum Thema Sarrazin inklusive der Meta-Kommentare (wie diesen hier) in das Forum auszulagern, unter einer eigenen Überschrift. Das hat sich zu einer selbständigen, sehr langen Diskussion entwickelt, die den Überblick über die anderen Kommentare erheblich stört.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 01.04.2015 um 11.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28504

Deutsch sein ist eine Frage der Muttersprache und/oder des Passes, aber keine der Genetik! Wer das anders sieht, der tut mir leid, der lebt geistig im tiefsten Mittelalter!

Wir sollten bedenken, daß die Europäer, hauptsächlich Engländer, Spanier, Portugiesen und Franzosen, aber auch andere, vor hunderten von Jahren große Teile der Welt kolonialisert und dabei die Kultur der jeweiligen Einheimischen zerstört, die Menschen getötet ev. vorhandenen wertvollen Besitz (Gold, Kunstgegenstände, Rohstoffe) geraubt haben, von der Sklaverei ganz zu schweigen. Ist es da nicht nachvollziehbar, wenn es heute eine Gegenbewegung gibt, und Menschen aus diesen Gebieten nach Europa kommen, um in den Genuß ihres Anteils am Reichtum zu kommen? Außerdem sollten wir nicht von "der" deutschen oder "der" europäischen Kultur sprechen, es gibt in Europa viele Kulturen.

Was hat Deutschland zu verlieren, wenn mal durch Einwanderer bzw. Flüchtlinge der vermeintliche Grundkonsens der ''deutschen'' Kultur, die vorauseilende Obrigkeitshörigkeit, etwas zurückgedrängt wird? Wir können dadurch nur gewinnen!

Jedesmal, wenn in Zusammenhang mit Flüchtlingen, Einwanderern etc. von ''Integration'' gesprochen wird, läuft es mir kalt den Rücken runter. Warum soll es eine Pflicht zur Integration geben? Warum können diese Leute nicht einfach hier eine Weile leben, um der Belastung in ihren Herkunftsländern zu entkommen. Warum müssen wir sie gleich ''integrieren''? (Warum müssen die Leute (Soziologen?) immer so geschwollen daherreden?) Es ist sehr wahrscheinlich, daß viele derjenigen, die heute als Flüchtlinge, Einwanderer, Migranten etc. bezeichnet werden, irgendwann wieder in ihre Ursprungsländer zurückkehren wollen, wenn sich da die politischen bzw. wirtschaftlichen Verhältnisse zum Beßren gewendet haben.

Durch die genannten Personengruppen bekommt die deutsche Sprache eine letzte Chance, ihren durch den 2. Weltkrieg bedingten Bedeutungsverfall aufzuhalten und in die Herkunftsländer auszustrahlen. Durch die RSR ist diese Change zusätzlich weiter verringert worden, da das Reformdeutsch schwieriger zu lernen ist.

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 26.03.2015 um 08.17 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28410

"Was Sarazzin angeht, bitte ich Sie meinen Kommentar nochmals zu lesen. Ich halte den Titel für richtig, aber das ist auch schon alles. Das "Abschaffen" geschieht meines Erachtens durch eine verfehlte und korrumpierte Bildungspolitik (Stichworte: Rechtschreibreform, Bologna-Reform, Bertelsmann, Lesen durch schreiben u.v.m.)."

Zum Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 25.03.2015 um 09.29 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28398

"Und was Herrn Sarrazin angeht: Der Titel seines Buches ist durchaus zutreffend, aber die Schuldigen sind nicht die Zuwanderer, sondern die Kultus- und Wissenschaftsministerien samt Anhängseln mit ihren Entbildungs- und Verblödungsprogrammen."

So habe ich den Titel des Buches auch verstanden, als ich zum erstemal davon hörte. Daß es dann in eine ganz andere Richtung geht ist enttäuschend.

(Schon wegen dieser beiden Zitate sollte dieser Thread NICHT gelöscht werden!)

Weiterhin verstehe ich den ganzen Trara um das Kopftuch nicht. Wir leben angeblich in einem freien Land, und Kopftücher schaden nicht. Jede Person – männlich wie weiblich – sollte daher ein Kopftuch tragen dürfen, aus welchem Grund auch immer, ohne daß jemand darüber lästert. Ein Verbot von Kopftüchern in öffentlichen Einrichtungen ist verfehlt und zeigt, daß die Verantwortlichen aus unserer Geschichte nichts gelernt haben.

Es gibt Dinge, die sind schädlicher für einen selbst und für Unbeteiligte, und sind trotzdem erlaubt. Warum dann nicht auch ein Kopftuch?

"Sprachlich interessant ist folgendes:

Christus musste nicht wegen Gott sterben, sondern infolge der menschlichen Sünde als der lebensgefährdenden Beziehungsstörung gegenüber Gott und den Menschen.

Beziehungsstörungen behandelt man heute in der Psychiatrie, nicht durch Hinrichtungen. Das tun nur die Islamisten."

Sorry, wie kann es eine ''Beziehung'' zwischen Menschen und Gott geben bzw. wie kann eine derartige Beziehung nicht gestört sein? Im Buch Hiob zeigt sich Gott als Bully, der den armen Hiob mobbt, um Satan etwas zu beweisen, was Gott (angeblich allwissend) eh schon wissen sollte. Hat ein Gott sowas nötig? Wer an so einen Gott glaubt muß wirklich ziemlich gestört sein!

Nun ja, Psychiatrie ist letztlich eine Hinrichtung (Vergiftung) auf Raten, damit's nicht als Hinrichtung erkannt werden kann und die Psychiater ihren Nimbus als "Ärzte" behalten können, anderenfalls müßte man sie wegen Mordes verklagen. Mit Elektroschocks (massive Körperverletzung) gehts natürlich schneller.

Das Gegenteil von hoher Intelligenz ist niedrige Intelligenz, nicht Dummheit. Auch intelligente Menschen können sich ab und zu dumm verhalten. Manchmal sind auch Sachen ganz einfach nur dumm gelaufen, Sie verstehen, was ich meine?

Es gibt meines Wissens keine allgemein anerkannte Definition von Intelligenz.
Auch die höchste Intelligenz nutzt nichts, wenn man von lauter Idioten umgeben ist!

Herr Riemer, wie stellen Sie sich vor, daß Intelligenz (bzw. Dummheit) vererbt wird?

Darwin sprich vom ''survival of the fittest'', und das hat erstmal gar nichts mit Intelligenz zu tun, sondern nur damit, inwieweit ein Organismus biologisch an seine Umgebung angepaßt ist. Wenn eine Art also mit kaltem Klima (aufgrund körperlicher Eigenschaften wie z. B. von in dieser Art vorkommenden Enzymen) gut zurechtkommt, dann wird sie sich in kalten Klimaten besser vermehren als in warmen. Wenn das Klima insgesamt aber wärmer wird, dann wird sie Probleme bekommen. Wenn es in dieser Art ein paar Individuen gibt, die zusätzlich auch Wärme ertragen können, werden sie, wenn das Klima wärmer wird, eher die Chance haben, sich fortzupflanzen und zu vermehren als diejenigen Artgenossen, die durch die steigende Temperatur stärker beeinträchtigt sind.

Wenn Sie sich die Stammbäume von ''Genies'' ansehen (Biologiebuch), werden Sie sehen, daß solche Personen auch in ''normalen'' Familien geboren werden.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 31.03.2015 um 23.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28502

Zu #28493, zu den intelligenteren (= weniger dummen) und weniger intelligenten (= dümmeren) Menschen da: Sprechen wir, um jedes gutmenschliche Geschreie von vorherein zu vermeiden, gut deutsch von lernfähigen Menschen, und daß es einige es mehr, andere weniger sind. Interessant und vielleicht auch von Bedeutung in unserer Diskussion ist, daß engl. "dumb" zuerst die Bedeutung "stumm" hat, also anzeigt, daß wer sich nicht sprachlich mitteilen kann. Und wenn auch lt. unserer sprichwörtlichen Kultur Schweigen Gold ist, ist es allerdings im amerikanischen Englisch dann auch *a dumb mistake*, nicht für sich selbst zu sprechen, "for if you don't speak up for yourself, no one else will."
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 31.03.2015 um 18.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28500

Ich begrüße das Löschangebot. Schließlich lese ich diese Seiten deshalb gern, weil sie sich von unendlich vielen anderen durch so viele interessante Beiträge unterscheiden. Was mich gestört hat, habe ich ja deutlich gemacht – falls zu spitz, tuts mir leid.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 31.03.2015 um 16.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28499

Natürlich bin ich der Meinung, daß mein einziger Beitrag zu dieser Debatte eigentlich der Nachwelt erhalten bleiben sollte. Dennoch habe ich - um des lieben Friedens willen - auch nichts dagegen, die ganze Diskussion zu löschen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.03.2015 um 16.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28498

Das mit dem Tabu nehme ich zurück. Ich hätte auch Verständnis dafür, wenn jemand im nachhinein seine Argumente lieber anders formuliert hätte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.03.2015 um 16.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28494

Das war keine Drohung, sondern ein Angebot, weil man erfahrungsgemäß manchmal im Eifer oder Ärger etwas sagt, was man später lieber nicht gesagt hätte. Von Tabus kann hier keine Rede sein, das wissen Sie doch. Das schließt aber eine gewisse thematische Begrenzung nicht aus.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.03.2015 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28493

Da da Wort Dummheit hier offenbar zu Irritationen führt - ich habe es nicht wertend gebraucht bzw. gemeint, sondern ganz einfach als das sachliche Gegenteil von hoher Intelligenz. Es gibt intelligentere (= weniger dumme) und weniger intelligente (= dümmere) Menschen. Das war kein Sarrazin-Zitat, sondern mein sinngemäßer Kommentar.
Ich bestehe nicht auf dem Wort Dummheit, falls das jemandem nicht gefällt, es reicht ja, von unterschiedlicher Intelligenz zu sprechen.

Daß Intelligenz vererbbar ist, was m. E. das gleiche ist wie, etwas vornehmer ausgedrückt, daß bei geringer Intelligenz entsprechend wenig davon vererbt wird, ist meines Erachtens eine Selbstverständlichkeit. Das geht schon aus Darwins Theorie hervor.

Was das Löschen betrifft, mir ist es gleich, ich finde nur schade, daß dann anscheinend auch hier bestimmte Themen tabu sind.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 31.03.2015 um 15.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28492

Es ist nicht ganz klar, ob das Löschen davon abhängen soll, ob die Teilnehmer sich das wünschen oder wer genau es sich wünschen soll.

Von mir aus kann man alle Beiträge zum Thema Sarrazin löschen, inklusive der jetzigen Besprechung zum Löschen-Vorschlag. Ich wollte ursprünglich nur ein Statement loswerden, weil ich fand, daß man Sarrazin nicht einfach als Rassisten abstempeln kann, der aus Frust lauter Müll geschrieben hat, um damit Ruhm einzuheimsen. Ich bin dann in eine belanglose Fortsetzung hineingezogen worden und habe damit selbst zu jener Verzettelung der Debatte beigetragen, die mich als zweites gestört hat. Sprich, ich lege auf meine Beiträge keinen Wert und auf die ganze Diskussion auch nicht, weil sie einige inhaltliche Ärgernisse und zu viel Polemik enthält.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.03.2015 um 14.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28491

Darf ich – selbst nicht ganz unschuldig – vorschlagen, daß wir jetzt einen Schlusssstrich ziehen und die scharfen Worte der letzten zwei oder drei Tage einfach vergessen? Wenn die Herren Diskutanten noch einmal drüber schlafen und vielleicht zu der Ansicht kommen sollten, sie hätten manches besser nicht schriftlich verewigt, kann ich einen großen Teil oder auch den ganzen Strang löschen...
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 31.03.2015 um 13.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28490

Was soll das? Ich habe es allgemein ausgedrückt, um die Nennung von Personennamen zu reduzieren, aber wir hatten hier genau einen solchen Fall, und auf diesen habe ich mich bezogen. Ansonsten halte ich es tatsächlich auch allgemein für eine gute Sache, den Wunsch eines Diskutanten, der sich zurückziehen will, zu respektieren.

Mit dem Werben für Sarrazins Buch bzw. seine Thesen habe ich mich in erster Linie auf Herrn Riemer bezogen, der geschrieben hatte, er halte es "für ein sehr wichtiges und gelungenes Buch". Anschließend haben Sie ihm argumentative Schützenhilfe geleistet. Es klang nicht danach, als ob Sie sich von Sarrazin und/oder Herrn Riemer distanzieren wollten.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 31.03.2015 um 13.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28489

Wo, bitte, hätte ich für Sarrazins Buch geworben? Ich habe lediglich darauf hingewiesen, daß mir Herrn Schaefers Unsachlichkeit mißfällt. Richtig ist allerdings: Seine Aufforderung, ich möge mich von der Berechtigung seiner Abschätzigkeiten irgendwo auf Youtube überzeugen, hätte auch unkommentiert stehenbleiben können.

Übrigens haben Sie durchaus nicht nur von einer Rückfrage gesprochen. Ihre Formulierung "In so einem Fall bleibt die Möglichkeit …“ verallgemeinert, nicht wahr?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 31.03.2015 um 12.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28488

Herr Virch, erstens habe ich von nur einer unerwünschten Rückfrage gesprochen, zweitens war der konkrete Bezug auf Chr. Schäfer klar, auch wenn ich im letzten Beitrag den Namen nicht hingeschrieben habe. Das hatte überhaupt keine ironische Qualität. Vielmehr hat Chr. Schäfer schon mehrfach gesagt, er wolle eigentlich nichts mehr bzw. endgültig nichts mehr zu dem Thema sagen. Sie sprechen ihn dennoch einfach weiter an und ignorieren damit seinen klar geäußerten Wunsch. Wenn Sie ein solches Gesprächsverhalten eine "ernsthafte Diskussion" nennen, ist das eine fast schon absurde Bezeichnung.

Anfangs gab es einen gewissen Austausch von Argumenten, aber mit solchen Nachschlägen machen Sie aus meiner Sicht Ihrerseits die inzwischen ausgefranste Diskussion rückwirkend lächerlich. Übrigens ist die genetische Vererbbarkeit von Dummheit, bezogen auf große Gruppen der Bevölkerung, wohl der schwächste Punkt in der Argumentation bei Sarrazin. Es ist nicht vorteilhaft, ausgerechnet dieses Argument herauszustellen, wenn man für Sarrazins Buch werben will. Damit handelt man sich berechtigten Protest ein.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.03.2015 um 11.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28487

Ich versuche mich in Herrn Schaefer hineinzuversetzen. Ich kann mir schon gut vorstellen, daß es unangenehm ist, mit Leuten zu diskutieren, von denen man glaubt, daß sie sich mit Rassisten gemein machen.

Nur kann so ein Vorurteil auch täuschen. Man sollte, wenn man jemanden als Rassist bezeichnet, schon bessere Argumente als nur vom Hörensagen haben. Daß Herr Schaefer Sarrazin für "einen verbitterten und humorlosen alten Mann, der nicht ertragen konnte, daß er bei einer wichtigen Ämtervergabe übersehen wurde" und "für einen frustrierten Miesepeter, der nach Aufmerksamkeit gelechzt hat", hält, ist ein ganz und gar unsachliches Argument, welches mir eher bestätigt, daß sich Herr Schaefer von seinem einmal gefaßten Vorurteil weder trennen kann noch will.

Was bleibt also? Herr Sarrazin ist Herrn Schaefer unsympathisch, und deshalb sind einige Passagen aus Sarrazins Buch rassistisch. Ach so.

Man sagt ja allgemein, wer kein Blut sehen kann, der sollte nicht auch noch Arzt werden. Ebenso sollte wohl jemand, dem schon allein das Wort Rassismus als Gegenstand einer Erörterung Unbehagen bereitet, sich davor hüten, andere dessen zu bezichtigen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 31.03.2015 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28486

Der Ausdruck „unerwünschte Rückfragen“ hat im Zusammenhang ernsthafter Diskussionen ironische Qualität.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 31.03.2015 um 01.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28480

In so einem Fall bleibt die Möglichkeit, abschließend Mängel in der Argumentation auf der Gegenseite festzustellen, ohne eine unerwünschte weitere Rückfrage zu starten. Wenn jemand sagt, dies sei sein letztes Wort, überläßt er zugleich der anderen Seite das Schlußwort. Das ist doch besser als endloses Hin und Her. Die Debatte war ja ohnehin schon verzettelt und unfruchtbar.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 30.03.2015 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28478

Als unhöflich empfinde ich eher, ohne Begründung Behauptungen aufzustellen und, wenn um Begründung gebeten wird, zu sagen, man wolle sich nicht mehr zum Thema äußern.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.03.2015 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28474

Wenn man an mich eine Frage richtet, obwohl ich bereits erklärt habe, ich wolle nichts mehr zu dem Thema sagen, würde ich das als unhöflich empfinden, weil man mich offensichtlich nicht ernst nimmt. Auf dieser Grundlage kann man keine Diskussion führen. Außerdem ist es einigermaßen belanglos, in welchem Maß sich der Autor Sarrazin Aufmerksamkeit ersehnt hat, zumal man das nicht objektiv feststellen kann.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 30.03.2015 um 13.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28471

Lieber Herr Schäfer,

ich schätze das Wort Dummheit als ein je nach Kontext recht aussagekräftiges und bezweifle, daß es im vorliegenden an Eindeutigkeit zu wünschen übrig läßt. Sie weichen aus.

Was Ihre Kritik an Sarrazins Buch angeht, darf ich nicht auf Belege hoffen, na schön. Vielleicht können Sie immerhin begründen, weshalb Sie ihn einen aufmerksamkeitslechzenden Miesepeter nennen. Sein Auftreten mag miesepetrig gewesen sein, aber was sagt Ihnen, daß er frustriert war und nach Aufmerksamkeit lechzte?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.03.2015 um 09.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28467

Einige Beiträge zum Sarrazin-Buch, stets von denselben geschrieben, halte ich für Ausdruck von demonstrativer politischer Korrektheit. Bei Wikipedia kann man sich detailreich, sachlich und differenziert über das Buch informieren, viel besser als hier in der Diskussion. Unter den Kommentatoren, die Sarrazin zustimmen oder ihn vor seinen Kritikern in Schutz nehmen, werden dort unter anderem Ralph Giordano, Henryk M. Broder, Klaus von Dohnanyi und Joachim Gauck aufgeführt. Diese Herrschaften werden wohl kaum so naiv sein, auf eine bloße fremdenfeindliche Stimmungsmache "hereinzufallen", wie Chr. Schäfer es ihnen unterstellt.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 30.03.2015 um 08.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28465

Lieber Herr Riemer,

siehe meinen Hinweis auf die "Hundepfeifenpolitik". Sarazzin ist / war Politiker, und wie damals Manfred Koch in Hessen weiß er ganz genau, wie man Kontroversen auf Kosten von Einwanderern, Minderheiten oder anderweitig zu stigmatisierenden Gruppen erzeugen und daraus Honig saugen kann. Das ist eine beinahe zeitlose politische Strategie und seit der Antike bekannt. Mich erstaunt nur, daß sogar intelligente und gebildete Menschen immer wieder darauf hereinfallen.

Und das war nun wirklich das letzte Wort von mir.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 30.03.2015 um 07.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28464

Lieber Herr Virch,

ich halte Herrn Sarazzin in der Tat für einen frustrierten Miesepeter, der nach Aufmerksamkeit gelechzt hat (die Aufregung ist ja schon ein paar Jahre her). Ich komme zu dieser Bewertung angesichts seiner öffentlichen Auftritte. Einiges findet man sicherlich noch auf YouTube.

Wenn Sie eine "gründliche Beweisführung" anhand des Buches erwarten, muß ich Sie enttäuschen, denn es befindet sich nicht in meinem Besitz. Ich hatte es mir nach seinem Erscheinen nur ausgeliehen und mir Notizen gemacht.

Ausgerechnet mir "Gesinnungsgeschwafel" oder Unterstützung der "modernen" (in Wahrheit einfach nur grenzenlos naiven) Pädagogik vorzuhalten, halte ich für ein starkes Stück. Vielleicht sollten Sie einmal meine überall auf dieser Website verstreuten und extrem kritischen Kommentare zu diesem Thema lesen.

Vor allem aber bin ich für differnziertes Denken, weshalb ich beispielsweise mit dem Begriff "Dummheit" wenig anfangen kann, weil er viele Bedeutungen hat.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.03.2015 um 12.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28453

Lieber Herr Schaefer,

Sie haben sich nun aber sehr elegant um meine Frage herumgemogelt und sind auf diese überhaupt nicht eingegangen.

Wenn Intelligenz nicht vererbbar und auch keine Voraussetzung für hohe Bildung ist, wenn unsere Sozialgesetze sicherstellen, daß Einwanderer keine im Durchschnitt negative Auslese aus ihren Herkunftsländern darstellen, dann hat sich Sarrazin eben geirrt, dann verbreitet er nur, wie Sie sagen, attraktives Geschwafel.

Sie haben aber behauptet, sein Buch sei rassistisch, und genau darauf bezog sich meine Frage, dafür hätte ich gern wenigstens einen Beleg.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 29.03.2015 um 11.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28450

Lieber Herr Schäfer, Sie neigen dazu, ebenso aufgeregte wie unbelegte Behauptungen zu äußern. Angenehm zu lesen ist sowas nicht. Daß Sie Sarrazin für einen frustrierten Schwafler halten, wäre (vielleicht) interessant, wenn Sie sich der Mühe gründlicher Beweisführung unterzögen. Ansonsten ist es nichts als Gesinnungsgeschwafel. Auch ein wenig Logik würde nicht schaden. Selbstverständlich beeinflußt die Intelligenz eines Menschen sehr stark auch seinen Bildungsgrad. Daß nicht jeder Hochbegabte die Chance auf Bildung bekommt, ist zwar bedauerlich, ändert aber nichts daran, daß Dummheit ein unleugbares Bildungshindernis darstellt. Was moderne Pädagogen nicht daran hindert, jede Bildungslücke auf soziale Ungerechtigkeiten zurückzuführen. Mit einigen Verrenkungen kann man so der Existenz des elitären Gymnasiums sogar die Existenz der Mafia anlasten.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 29.03.2015 um 09.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28447

Lieber Herr Riemer,

ich wollte mich, wie gesagt, zu diesem Thema eigentlich nicht mehr äußern.

Hier dennoch ein paar (hoffentlich) letzte Kommentare:

Unstrittig und nicht rassistisch sind m. E. aber z. B. folgende Aussagen:

Die Aussagen sind keineswegs unstrittig. Ich habe Verständnis dafür, daß Sie als Mathematiker Eindeutigkeit und eindeutige Wahrheiten bevorzugen, aber die Wirklichkeit ist nunmal viel komplizierter.

Des weiteren sind die Aussagen, vielleicht mit Ausnahme der Begabung, falsch, zum Teil sogar grotesk falsch, wie etwa die Aussage "Die Intelligenz eines Menschen beeinflußt sehr stark auch seinen Bildungsgrad". Viele hochintelligente Menschen haben keine Chance, eine gute Bildung zu erwerben, weil das soziale Umfeld es nicht zuläßt, und sie setzen ihre Intelligenz eben anders ein. Davon profitiert u.a. die Mafia.

Ausgehend von diesen eigentlich trivialen Wahrheiten beschreibt Sarrazin (ähnlich wie Buschkowsky) vor allem, wie Deutschland u. a. aufgrund seiner Sozialgesetze (Kindergeld, Betreuungsgeld, Hartz IV, ...) und seiner Einwanderungsbestimmungen ein Umfeld schafft, welches aus anderen Ländern vor allem solche Menschen anlockt, die schon in ihren Herkunftsländern eher zum hemmenden Teil gehören ...

Haben Sie die Sozialgesetzbücher schon einmal gelesen? Die Attraktivität von Herrn Sarrazins Geschwafel besteht ja gerade darin, daß er auf die Unkenntnis seiner Leser mit der Gesetzeslage bauen kann. Meines Erachtens handelt es sich bei Sarrazin um einen verbitterten und humorlosen alten Mann, der nicht ertragen konnte, daß er bei einer wichtigen Ämtervergabe übersehen wurde.

Und was den "hemmenden" Teil angeht, so empfehle ich Ihnen, lieber Herr Riemer, sich mit den Klagen zentral-, ost-, süd- und südosteuropäischer Regierungen über die Auswanderung von dringend benötigten Akademikern in die wohlhabenden Staaten vertraut zu machen.

Nichts für ungut.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2015 um 05.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28444

Ausdenken kann man sich vieles, und die überlieferten Texte sind unbeschränkt deutbar, waren es immer schon, das ist ja mein Thema. Die Verfasser dieses Textes, dessen vollständige Lektüre ich wirklich empfehle, finden einfach keine Sprache, die jeder versteht. Stattdessen erschlagen sie den Leser mit Hunderten von Stellenangaben, fast alle aus Paulusbriefen, die angeblich das belegen, was in den Sätzen steht. Die Verfasser loben die feministische Theologie, weil sie etwas Übersehenes in Erinnerung gebracht habe, und sie passen sich mit Begriffen wie "Beziehungsstörung" wieder einmal dem Zeitgeist an, so daß unterm Strich etwas herauskommt, was den Leuten gefallen könnte. (An einigen Stellen erwartet man die Frage: War Jesus Narzißt?) Besonders im Frage-Antwort-Spiel am Schluß ziehen sie sich dann aber doch wieder auf Gottes Geheimnis usw. zurück und nehmen das Theodizee-Problem schlauerweise gar nicht erst in Angriff. Diese schicke Theologie wird immer ihre Gegner im eigenen Lager finden (gleich heute in der FAS gegen das "weichgespülte" Christentum) und hat es verdient.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.03.2015 um 21.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28443

Lieber Herr Schaefer,

Sie sprechen von den "rassistischen Passagen in Sarazzins Buch". Da ich es für ein sehr wichtiges und gelungenes Buch halte, betrifft mich Ihr Vorwurf auch selbst, und ich möchte dazu ein paar Gedanken, auch zu meiner eigenen Rechtfertigung, beitragen. Es geht dabei ja durchaus auch um unser Thema Sprache.

Um mich bei der Definition von Rassismus kurz zu fassen, ich denke, das Wesentliche daran ist doch, daß anhand bestimmter körperlicher oder geistiger vererbbarer Merkmale der Menschen einer Gruppe eine Rangordnung dieser Gruppen im Sinne von Höher- bzw. Minderwertigkeit begründet wird.

Unstrittig und nicht rassistisch sind m. E. aber z. B. folgende Aussagen:

- Innerhalb jeder Gruppe von Menschen gibt es unterschiedlich begabte, d. h. intelligentere und weniger intelligente (= dümmere und weniger dumme) Menschen.

- Intelligenz (bzw. Dummheit) ist zu einem hohen Grad vererbbar.

- Die Intelligenz eines Menschen beeinflußt sehr stark auch seinen Bildungsgrad und seine Fähigkeiten, mithin seine Stellung in der Gruppe und den Beitrag, den er für die Gemeinschaft zu leisten in der Lage ist.

Ausgehend von diesen eigentlich trivialen Wahrheiten beschreibt Sarrazin (ähnlich wie Buschkowsky) vor allem, wie Deutschland u. a. aufgrund seiner Sozialgesetze (Kindergeld, Betreuungsgeld, Hartz IV, ...) und seiner Einwanderungsbestimmungen ein Umfeld schafft, welches aus anderen Ländern vor allem solche Menschen anlockt, die schon in ihren Herkunftsländern eher zum hemmenden Teil gehören, also die weniger leistungsfähigen. Deutschland betreibt z. Z. eine Art künstliche Auslese, es holt sich aus dieser Welt die im Durchschnitt Dümmeren und wird, da diese Eigenschaft zu einem wesentlichen Teil vererbbar ist, auf lange Sicht seine eigene mittlere Intelligenz senken.

Das ist in Kurzfassung der ganze Tenor des Buches, eine, wie ich finde, sehr logische und immer gut belegte Herleitung. Leider wahr, nur für manche nicht "politisch korrekt".

Wo sehen Sie rassistische Passagen?
Allein über Intelligenz und Vererbung als solche zu sprechen, ist nicht rassistisch, oder?
Wo führt Sarrazin irgendeine Wertung unterschiedlicher Völker im Sinne einer Höher- oder Minderwertigkeit bzw. einer moralischen Rangordnung ein?
Ist es vielleicht schon rassistisch, Sieger und Schlußlichter im PISA-Test zu benennen?
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 28.03.2015 um 20.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28442

Hier spielt der Ewigkeitsbegriff Gottes eine Rolle. Dabei wird die Zeit nicht linear verlaufend verstanden, so daß also auch Gott ein gestern, heute, morgen durchläuft, sondern Gottes Ewigkeit umfaßt die gesamte Zeit, er ist an jedem Punkt der Zeit gleichzeitig, er ist Anfang und Ende und alles dazwischen.

Jesu Tod erlöst nach klassischer, d. h. paulinischer Auffassung alle Menschen, die bis dahin gelebt haben, sofern sie an den einen Gott geglaubt haben, wie er in den alten Überlieferungen beschrieben steht. Das kann man mit dem Tanach gleichsetzen.
Somit war für Paulus die Schöpfungsgeschichte maßgeblich, und darin gibt es keine Neanderthaler.

Für Paulus war klar, daß Jesus zurückkehrt, bevor ein Christ gestorben sein würde. Es ist anders gekommen. Paulus brauchte also dafür eine theologische Begründung. Es werden nur Christen erlöst; Christ kann nur sein, wer die Frohe Botschaft Jesu kennt. Paulus und seine Nachfolger leiteten daraus ab, daß es Aufgabe der Kirche ist, jedem Menschen von Jesus zu erzählen und ihm damit Gelegenheit zu geben, Christ zu werden.
Wenn einstmals alle Menschen von Jesu wissen und entweder Christ geworden sind oder sich bewußt dagegen entschieden haben, kehrt Jesus zurück und holt die Christen in's Reich Gottes.
In der Zwischenzeit tritt jeder Christ in den Schutzraum Kirche ein, der ihm zwar nicht den Tod erspart, aber ihm das Ewige Leben (bzw. die Anwartschaft darauf) beschert.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.03.2015 um 12.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28441

Was aber ist mit den Neanderthalern?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2015 um 06.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28439

Das EKD-Papier holt zwar auch religionsgeschichtlich weit aus (und ist schön bebildert), aber im letzten Teil, Fragen und Antworten, sehe ich eine bedenkliche Verengung des Horizonts:

Was ist aber mit den Menschen, die vor Jesu Geburt gelebt haben?

Für ihr gelebtes Leben gilt: Sie haben ihr Leben im Bewusstsein mit Gott oder aber jenseits dieses Bewusstseins gelebt, mit all ihren Hoffnungen, Sorgen, Enttäuschungen, dem Elend und der Heiterkeit. Im Hinblick auf das ewige Leben kann gesagt werden: Sie haben an der mit dem Kreuz verknüpften Hoffnung auf Auferstehung teil. Sie gilt für sie nicht weniger als für die Menschen, die nach Jesu Geburt lebten, leben und leben werden.


Da wäre zunächst wieder die vage Ausdrucksweise: Was bedeutet es, daß Menschen, die seit Jahrtausenden tot sind, an einer Hoffnung "teilhaben", von der sie zu Lebzeiten nichts wußten? Hoffnungen könnten sie nur haben, wenn sie bereits wiederauferstanden wären, und die Hoffnung auf Wiederauferstehung käme dann zu spät. Aber das sei dahingestellt, es hat sich wohl keiner etwas dabei gedacht.

Aber ist das ewige Leben überhaupt jedermanns Wunsch? Die Buddhisten z. B. wünschen sich nichts sehnlicher als das endgültige Verlöschen (Nirvana). Es macht eben einen Unterschied, ob man sowieso mit der Annahme der ewigen Wiedergeburt aufwächst oder gerade umgekehrt mit der Selbstverständlichkeit des endgültigen Todes.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2015 um 06.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28438

Das EKD-Papier versucht auf fast 200 Seiten zu erklären, welche Bedeutung die Kreuzigung Jesu hat. Je mehr man liest, desto unklarer wird es. Dazu trägt das eigentümlich Ausweichende der Sprache bei. Man liest z. B.

Wenn die ersten Christen beim Abendmahl des »Leibes« und des »Blutes« Jesu gedachten und mit Brot und Wein seinen Leib und sein Blut, d.h. ihn selbst in ihr Leben aufnahmen...

Anderswo hatte ich schon darauf hingewiesen, daß Theologen gern vom "menschlichen Leben" sprechen, wenn sie den Menschen meinen. Sie haben das Fleisch und Blut in sich aufgenommen = sie haben es gegessen und getrunken, oder etwa nicht? Wo kommen wir denn hin, wenn alles und jedes in dieser vage symbolischen Art umschrieben und mit Anführungszeichen verfremdet wird? Auch sonst legt der Jargon des Grundlagentextes einen gewissen Unernst offen, mit dem der ebenfalls zitierte "protestantische Kirchenvater" Karl Barth gewiß nicht einverstanden gewesen wäre.
(Schon wieder muß ich als Nichtchrist die Theologen an den Ohren ziehen!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2015 um 04.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28434

Der Name der Schwabach, die sozusagen vor meiner Haustür vorbeifließt, ist ungeklärt, was den ersten Teil betrifft. Schwaben haben hier nie gewohnt, die Onomastiker wären dann auch mit der Bildeweise nicht zufrieden.
Jedenfalls mäandert sie friedlich durch ihr Tal, und von den zwei Dutzend Mühlen, die sich am kurzen Lauf befanden, sind auch noch Reste erhalten. Ich hoffe immer, daß der Biber, der sich hier an unserem Bächlein niedergelassen hat, mit seiner Familie zur Schwabach übersiedelt und das ganze Tal in eine Touristenattraktion verwandelt...

Die Franzosenstadt Erlangen ist großenteils dem modernen Verkehr usw. geopfert worden, aber man sieht doch noch rund um den Schloßplatz die ursprüngliche Anlage, und bei einer historischen Führung entdeckt man immer mehr, Straßenführung, Quartiere der Strumpfwirker und Handschuhmacher usw. – eben das französische Manufakturwesen, das damals die Spitze der Wirtschaft war. Die ansehnliche Hugenottenkirche liegt direkt vor dem Bahnhof. Die französischen Familien- und Firmennamen werden teils deutsch ausgesprochen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 27.03.2015 um 17.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28432

Ich bin's auch langsam leid, gegen Wände zu reden. (Hat Herr Schaefer nicht schon darauf hingewiesen, daß bei den gängigen Zählungen jeder, der einen türkischen Onkel hat, als Moslem verhaftet wird?) Lesen Sie weiter Ihren Sarrazin (unverkennbar ein südländischer Immigrant, noch dazu mit muslimischem Einschlag – Deutschland, deine Sarazenen)! Dem humorbegabteren Teil des Publikums empfehle ich, mal beim WDR reinzuhören, wenn etwa bei der "Zugabe" unsere Salafistenjungs für den "Islamischen Staat zwischen Köln, Aachen und Krefeld, also IS-KAK" kämpfen.
Nur noch einmal in einfacher Sprache, damit auch die Begriffsstutzigeren es verstehen können: Gerade in der Szene der harten (islamischen) Kopftuchträgerinnen mischen die Bio-Deutschen kräftig mit.
Und jetzt wieder zur Sprachforschung: Beim Nachschlagen zu Erlangen (die gesamte barocke Neustadt wurde für die Hugenotten erbaut!) stoße ich im Lexikon darauf, daß die Stadt "an den Mündungsterassen der Schwabach in die Regnitz" liegt (mit der Trennung Schwa- bach). Ob Regnitz und Pegnitz etwas mit der slawischen Siedlung im Obermaingebiet zu tun haben, ist wohl umstritten. Aber ich denke, es müßte Schwab- ach heißen, zumal bei einem Femininum. Hat das Vorderglied etwas mit den Schwaben zu tun? Geographisch eher unwahrscheinlich.
Jedenfalls können wir das nette Lied "Besuchen Sie unser schönes Erlangen" singen.
Ach ja: Salam aleikum und schönes Wochenende.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 27.03.2015 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28427

Ich verstehe den Spruch „Das Kreuz steht für das Christentum. Es ist Symbol für alles, was christlicher Glaube und christliche Kirche bedeuten.“ vorderhand so, daß das Kreuz das Erkennungszeichen für eben die christliche Religion ist oder der Pflock, an dem alle Fäden, die man in's Christentum hinein oder um es herum spinnen kann, zusammenlaufen. Damit ist, so scheint mir, noch nicht die besondere Bedeutung der Kreuzigung Jesu ausgedrückt.

Im engeren Sinne verweist das Kreuz gewiß auf Jesus Christus bzw. Jesu Hingabe. Für Paulus war genau das der zentrale Punkt des Glaubens, spätere Christen sind etwas davon abgewichen, Luther war wieder ganz bei Paulus, heute geht die Tendenz wieder fort davon.
Es scheint in der Geschichte der Christen Phasen zu geben, in denen jeweils die Kreuzigung Jesu als das zentrale Element gesehen wird oder die Predigten und Wundertaten Jesu in der Zeit davor. Ist Jesus also Erlöser oder Lehrer?
Das hat auch Rückwirkungen auf die Rolle der Kirche. Ist Jesus der Erlöser, ist die Kirche die Gemeinschaft der Gläubigen, die Jesus lobpreist und seine Rückkunft erwartet; ist Jesus Lehrer, trägt die Kirche Jesu Lehre weiter.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 27.03.2015 um 14.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28426

Das ist genau das Problem, Herr Schaefer: Sie interpretieren etwas in meine Worte hinein, was nicht drinsteckt (das ist durchaus ein sprachrelevantes Thema). Und deshalb meinen Sie meine versteckten Botschaften entschlüsseln zu müssen.
Es gibt aber keine verschlüsselten Botschaften in meinen Beiträgen. Was Sie zu finden meinen, ist eine Fehlinterpretation. Daraus leiten Sie einen ehrverletzenden Vorwurf ab, den ich nicht auf mir sitzen lasse.

Was Herrn Strowitzki angeht: Sie können nicht einfach diejenigen, die anderer Auffassung sind als sie (Buschkowsky, Kelek u. a.), Schwätzer und Krawallschachteln nennen und deshalb deren Meinung für Unsinn halten.
Leider ist das jedoch in der heutigen politischen Auseinandersetzung gang und gäbe; Sarrazin geht in seinem Tugendwächter-Buch umfänglich darauf ein. Auch das ist ein sprachrelevantes Thema.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.03.2015 um 09.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28424

Immerhin: Auch "Sprache und Religion bzw. Theologie" ist ein interessantes und legitimes Thema. Heute wird über einen "Grundlagentext" berichtet, den die EKD erarbeitet hat. Das Geleitwort von Landesbischof Bedford-Strohm beginnt so:

„Das Kreuz steht für das Christentum. Es ist Symbol für alles, was christlicher Glaube und christliche Kirche bedeuten.“ (EKD: Für uns gestorben.)

Vergleichbares wird man von Kopftuch und Islam nicht sagen können. Insofern kommt das Dokument gerade zum rechten Zeitpunkt.

Zu den theologischen Versuchen, die christliche Religion vom Opfergedanken mehr oder weniger zu befreien, kann ich nichts sagen, kenne allerdings mehrere Texte, in denen dies schon früher versucht worden ist, habe auch schon den Katholiken Garry Wills und meine protestantischen Freund Herbert Koch hier erwähnt. Ich nehme an, daß angesichts der Vieldeutigkeit des NT und der problematischen Beziehung zum AT noch viel diskutiert werden wird. Das Dokument kann heruntergeladen werden, und ich empfehle die Lektüre.

Sprachlich interessant ist folgendes:

Christus musste nicht wegen Gott sterben, sondern infolge der menschlichen Sünde als der lebensgefährdenden Beziehungsstörung gegenüber Gott und den Menschen.

Beziehungsstörungen behandelt man heute in der Psychiatrie, nicht durch Hinrichtungen. Das tun nur die Islamisten.

Der Text ist natürlich auch ordentlich gegendert, macht im übrigen viel Gebrauch von Ausrufezeichen.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 27.03.2015 um 08.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28423

Der Ermahnung der Redaktion stimme ich zu, nicht zuletzt, wenn man sich den Inhalt des Tagebucheintrags vor Augen führt.

Ich kann aber durchaus verstehen, wenn Herrn Strowitzki, dessen Nachname darauf hindeutet, daß seine Vorfahren vor langer Zeit aus dem slawischen Europa zugewandert sind, angesichts der Meinungsäußerungen besonders Herrn Mahlmanns der Kragen platzt. In diesem Forum geht es doch um Sprache, nicht um Glaubensbekenntnisse oder politische Überzeugungen!

Um dennoch zum vermutlich letzten Mal auf Herrn Mahlmanns Antwort auf meine Kritik einzugehen und gleichzeitig das Thema Sprache wieder zu ihrem Recht kommen zu lassen:

Herr Mahlmann, für das, was Sie hier praktizieren, haben die Australier das schöne Wort dogwhistle politics (http://rationalwiki.org/wiki/Dog_whistle_politics) erfunden. Man könnte auch Schopenhauers eristische Dialektik hinzuziehen, aber das würde nicht weiterführen. Ich frage mich nur, warum Sie das alles ausgerechnet hier versuchen, wo die meisten Leser es doch leicht durchschauen können.

Und das wird es von meiner Warte aus (hoffentlich) gewesen sein. Zurück zu den Themen Sprache und Bildungspolitik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.03.2015 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28422

Die Bertelsmann-Stiftung fordert gerade für die nächsten Jahrzehnte eine Zuwanderung von 500.000 Menschen jährlich, um den Bevölkerungsschwund auszugleichen und die fehlenden Arbeitskräfte zu gewinnen.
Das bedeutet also auf längere Sicht einen Austausch der Bevölkerung. Was wäre dagegen einzuwenden? In vielen Regionen der Erde haben früher andere Menschen gewohnt. Uns könnte allenfalls die Frage interessieren, ob die neuen Deutschen Deutsch oder vielleicht Englisch sprechen werden. Andere Einwanderersprachen kommen wohl nicht in Betracht. Dabei ist zu bedenken, daß "deutsche Kultur" durch "deutsches Wirtschafts- und Sozialsystem" zu ersetzen ist; das wird die Sprachenwahl mitbestimmen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.03.2015 um 00.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28419

Ja, ich fände einen etwas sachlicheren Ton auch sinnvoller.

Wo ich mit einer Gleichung "Muslime = Einwanderer" gekommen sein soll, müßten Sie mir vielleicht einmal zeigen, lieber Herr Strowitzki. Ich weiß sehr wohl, daß Muslime nur etwa die Hälfte aller Migranten ausmachen.

Die Zahl von 50000 Hugenotten nach Deutschland habe ich von Wikipedia, etwa 200000 sollen danach insgesamt ins übrige Europa und nach Nordamerika ausgewandert sein. Und in meinem "dtv Lexikon" von 1992, das auch von Brockhaus ist, steht ebenfalls die Gesamtzahl von "über 200000". Also, die Zahl von 50000 nach Deutschland gekommenen Hugenotten wird wohl stimmen.

Wollen wir mal zusammen eine kleine Kopftuchumfrage in der Keupstraße machen, Herr Strowitzki? Ich zahle anschließend Essen und Getränke, wenn wir unter den Kopftuchträgerinnen (einschl. Djibab, Tschador, Burka, ...) weniger als 99,5% Musliminnen antreffen.

Die Zahl der Muslime im heutigen Deutschland beträgt zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung ...
Sie betrügen sich selbst, Herr Strowitzki. Seriöse Quellen gehen vom Doppelten aus. Die bpb schreibt z.B.:
Je nach Datengrundlage machen die Muslime zusammen zwischen 4,6 und 5,2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus.

Sarrazin (D. schafft sich ab, Seite 365) berechnet auf der Grundlage von Daten des Statistischen Bundesamtes den Migrantenanteil:
aus Nah- u. Mittelost, Afrika: heute 6,5%, nach 1 Generation 20,1%
übrige Bevölkerung: heute 93,5%, nach 1 Generation 79,9%
Nach 3 Generationen 55% aus Nah- u. Mittelost, Afrika, 45% übrige.
(Wobei mit "übrige" hier nicht nur die sog. Biodeutschen gemeint sind.)
 
 

Kommentar von Red., verfaßt am 26.03.2015 um 22.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28418

Es sei daran erinnert, daß der Titel dieses Stranges »Friede sei mit euch!« heißt.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 26.03.2015 um 20.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28417

Es ist schon schwierig, einen Pudding an die Wand zu nageln. Wenn einer immer das Gegenteil vom Gesagten gemeint haben will... Und wer sich auf Krawallschachteln wie Kelek oder Schwarzer beruft, zu dem fällt mir nicht mehr viel ein.
Immerhin gibt es Texte, bei denen in der Tat ein Satz reicht, zu beurteilen, ob der Rest Zeitverschwendung ist. Wenn jemand einen Gegensatz zwischen "Muslimen" und "Deutschen" bzw. "Einheimischen" konstruieren will, hat er sich aus einer ernsthaften Diskussion verabschiedet. Aber Herr Riemer kommt unverdrossen wieder mit der Gleichung "Muslime = Einwanderer".
"Sie wissen aber schon, daß man an den Kopftuchträgerinnen ganz genau und mit 100%iger Sicherheit erkennen kann, aus welchem Kulturkreis sie bzw. die ganze Familie kommen?" Ja, etliche kommen 100%ig aus dem deutschen Kulturkreis, wie auch ihre ganze Familie seit Jahrhunderten (mindestens seit der Hugenottenzeit...). Wenn Sie auch nur ein bißchen Ahnung vom Thema hätten, Herr Riemer, wüßten Sie das.
Unsinnige Zahlenspiele mit selbsterfundenen Sarazzinistischen Statistiken (M.M.: "Leute wie Buschkowsky sagen..." – ja, der redet viel, wenn der Tag lang ist!) machen die Sache nicht besser. Der Brockhaus gibt die Zahl der nach Deutschland gekommenen Hugenotten mit 200.000 an (von 500.000 Flüchtlingen insgesamt, ein fürchterlicher Aderlaß – warum eigentlich, wenn die Konfessionen doch nicht so verschieden sind. Im Islam immerhin gibt es nach der Schlacht von Kerbala praktisch nichts Vergleichbares.) Das mit der gesamten Einwohnerzahl von Deutschland (was immer man um 1700 darunter verstehen will) ins Verhältnis zu setzen, gibt wenig Sinn. In katholischen Ländern wurden natürlich keine Hugenotten aufgenommen. Die Zuwanderung konzentrierte sich hauptsächlich auf Hessen-Kassel und Brandenburg (einschl. Ansbach/Bayreuth), dazu die reformierten Gebiete entlang der Rheinschiene. Einwohnerzahl ein oder zwei Millionen, vielleicht drei. Aber egal. Die Zahl der Muslime im heutigen Deutschland beträgt zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung (dazu einige Kulturmuslime, zu denen Herr Schaefer schon das Nötige gesagt hat). Selbst wenn diese allesamt die Karnickelitis hätten, kämen sie "nach ca. 3 Generationen" wohl kaum über zehn Prozent hinaus. Das wäre immer noch eine kleine Minderheit! Befürchtungen, daß der Pöbel mit seiner hohen Geburtenrate die kulturtragenden Schichten erdrückt, kennen wir schon seit Viktorianischer Zeit. Eine typisch Malthusianische Vorstellung.
Haben Sie die Leute, die Sie treffen, einmal gefragt, ob sie sich auch als "Einheimische, teils mit, teils ohne Kopftuch" sehen? Ja, Herr Mahlmann, fragen Sie sie doch selbst, wo sie geboren und aufgewachsen sind und ob sie sich in ihrer Heimat zuhause fühlen! (Ob man sie zuhause sein läßt, ist noch eine andere Geschichte. Zu den Integrationsverweigerern hat Herr Schaefer auch schon was gesagt.)
Erstaunlich wenig wird gesagt über das wirklich problematische Strandgut der Gesellschaft. Das sind hauptsächlich arbeitslose junge Männer mit zuviel Testosteron und zuwenig Schulbildung. Das ganze Ressentiment ergießt sich stattdessen über hochgebildete Frauen, die qualifizierte Berufe ausüben und selbstbewußt durch alle Gerichtsinstanzen für ihre Rechte kämpfen. (Manche Nichtmuslimin könnte sich davon eine Scheibe abschneiden!) Musterbeispiele gelungener Integration also. Und eigentlich typische Immigrantenkarrieren. Typischerweise auch verbunden mit geringer Kinderzahl. Der ganze Vorwurf konzentriert sich auf eben jenen Stoffetzen, daß sie darauf bestehen, aus religiösen Gründen Miniröcke zu tragen (oder wie das heißt). Selbsternannte Islamexperten (die vom Islam genausowenig wissen wie die Salafisten, ihre Brüder im Geiste) und Frauenbeschützer wollen darum staatliche Kleidervorschriften erlassen, die – am besten speziell diesem Personenkreis – verbieten, mit nackten Beinen aufzutreten.
Ein – ich weiß, vergeblicher – Appell an die Vernunft: Herr Riemer, Herr Mahlmann, bitte verschonen Sie uns mit solchem Geplärre und konzentrieren sich auf die Sprachforschung, wo Sie ja durchaus wertvolle Beiträge liefern!
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 26.03.2015 um 18.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28416

Herr Schaefer, nicht zum ersten Mal geben Sie meine Beiträge verfälschend wieder, nicht zum ersten Mal unterstellen Sie mir eine schlechte Gesinnung. Ich akzeptiere Ihre Meinung, und ich lasse auch jeden gerechtfertigten Vorwurf gegen mich gelten.
Was ich jedoch nicht akzeptiere, ist Ihre Vorgehensweise. Sie entstellen und verändern meine Beiträge, Sie reißen Dinge heraus und stellen Sie anders zusammen und konstruieren damit eine falsche Aussage. Das mißbillige ich auf’s schärfste.
Es widerstrebt mir, den Unsinn, den Sie über mich schreiben, noch durch eine Erwiderung zu ehren. Aber Sie greifen hier meinen Leumund an, und dem trete ich entgegen.

Ich habe geschrieben: „Lieber Herr Strowitzki, haben Sie die Leute, die Sie treffen, einmal gefragt, ob sie sich auch als "Einheimische, teils mit, teils ohne Kopftuch" sehen?“
Sie haben das folgendermaßen aufgegriffen: „Ich weiß nicht, mit wem Herr Strowitzki sich trifft, aber es ist für mich ganz offensichtlich, daß es Einheimische, d.h. Frauen, die Nachkommen von türkischen Einwanderern sowie deutsche Staatsbürger und Steuerzahler sind, und deren Heimat von Geburt an Deutschland war, gibt, die ein Kopftuch tragen. Na und?“
Es ging mir bei meiner Frage darum, ob die Leute sich selbst als Einheimische sehen. Nicht Ihre Meinung dazu ist gefragt, nicht meine.
Aber um das einmal klarzustellen: Wer in Deutschland aufgewachsen ist, wer hier zur Schule gegangen ist und hier sozialisiert wurde, ist nach meiner Ansicht Deutscher, egal welche Staatsbürgerschaft er hat. Deshalb halte ich es auch für falsch, daß Fußballspieler, deren Großeltern als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, heute für die türkische Nationalmannschaft auflaufen. Da frage ich mich, warum sie sich nicht als Einheimische fühlen (Sie mögen mir darauf die Antwort geben, daß Leute wie ich sie davon abhalten, ich weiß).

Ich habe weiter geschrieben: „Jedes gelungene Integrationsbeispiel zeigt im übrigen, daß sie prinzipiell funktioniert. Jedes gelungene Integrationsbeispiel in Deutschland zeigt, daß die Deutschen in der Lage und willens sind, Einwanderer zu integrieren.
Beispiele mißlungener Integration in Deutschland lassen somit nach dem Beitrag der Einwanderer fragen.“
Sie machen daraus: „Beispiele mißlungener Integration in Deutschland lassen somit nach dem Beitrag der Einwanderer fragen.
Das ist nur die halbe Wahrheit, denn mißlungene Integration kann auch an der Intoleranz der aufnehmenden Gesellschaft liegen, also Menschen wie Ihnen, Herr Mahlmann. Warum sollte man sich um Himmels Willen über Kopftücher aufregen, wenn sie freiwillig getragen werden?“
Das ist wahrlich böswillig. Sie lassen zwei Drittel eines Absatzes weg, Sie zitieren nur den letzten von drei Sätzen, der eindeutig mit den anderen beiden verbunden ist, der eindeutig mit den anderen beiden eine Gesamtaussage bildet, und nehmen ihn zum Anlaß, mich der Intoleranz zu tadeln.
Ich halte Sie für lesekompetent genug, daß Ihnen genau das klar ist, und deshalb nehme ich eine absichtliche Verfälschung an.
Noch einmal zur Klarstellung: Die deutsche Gesellschaft hat sich prinzipiell als fähig und bereit erwiesen, Einwanderer zu integrieren. Sie gelingt in etlichen Fällen. Wenn sie jedoch nicht gelingt, muß man fragen, woran das liegt. Dabei ist auch zu fragen, was die Einwanderer beigetragen haben.
Im Einzelfall mag es anders sein, aber im allgemeinen mißlingt nach meiner Auffassung die Integration nicht deswegen, weil sie nicht ermöglicht wird, sondern deshalb, weil sie nicht eingefordert wird. Es sind also Leute wie Sie, Herr Schaefer, die mit ihrer Larifari-Mentalität Grundrechtsverstöße als kulturelle Eigenarten abtun, Friedensrichter und Vielehe begünstigen und somit die Integration für fundamentale Muslime als unehrenhaftes, jedoch vermeidbares Übel erscheinen lassen.
Und es geht nicht um das Kopftuch. Wenn allerdings das Kopftuch ein Symbol für eine Kultur ist, die Frauen und Mädchen hier in Deutschland grundgesetzlich garantierte Rechte versagt, dann kritisiere ich das. Wenn Sie nicht einsehen, daß das muslimische Kopftuch nicht einfach eine Kopfbedeckung ist und daß es auch mit der Freiwilligkeit nicht so weit her ist, dann lesen Sie Necla Kelek und Alice Schwarzer.

Ich schrieb: „Beide sagen auch, daß sich die Einwanderer wirtschaftlich vernünftig verhalten, wenn sie die Absicherung durch das deutsche Sozialwesen anstreben.
Beide sagen, daß es für Hartz-IV-Empfänger wirtschaftlich vernünftig ist, viele Kinder zu bekommen. Der Zuwendungssatz (also der Lebensstandard) steigt ohne jede Opportunitätskosten. Wer allerdings arbeitet, sieht durch Kinder Einkommenseinbußen entgegen, so daß in solchen Haushalten allenfalls ein, zwei Kinder geboren werden.
Und deswegen weisen beide dem deutschen Staat den Schwarzen Peter zu, wenn sie Fehlentwicklungen ansprechen.“
Sie zitieren: „Beide sagen, daß es für Hartz-IV-Empfänger wirtschaftlich vernünftig ist, viele Kinder zu bekommen. Der Zuwendungssatz (also der Lebensstandard) steigt ohne jede Opportunitätskosten. Wer allerdings arbeitet, sieht durch Kinder Einkommenseinbußen entgegen, so daß in solchen Haushalten allenfalls ein, zwei Kinder geboren werden.
Das gilt aber nicht nur für Einwanderer, nicht wahr? Außerdem erhalten Einwanderer nicht ohne weiteres Leistungen nach den Sozialgesetzbüchern, sondern müssen nachweisen, daß sie sich um Arbeit bemühen. Und was hat das alles mit dem Islam zu tun?“
Wenn ich einmal von „Einwanderern“ spreche und ein andermal von „Hartz-IV-Empfängern“, kann man das so interpretieren, daß ich damit zwei verschiedene Gruppen meine. Das tun Sie aber nicht. Statt dessen unterstellen Sie mir das Gegenteil und lehren mich Mores. Ich stehe wieder vor der Wahl, Ihre Lesekompetenz in Frage zu stellen oder Ihnen Böswilligkeit zu unterstellen.
Ja, was hat das mit dem Islam zu tun? Nichts. Wo habe ich behauptet, es sei so? Sie stellen die Verbindung her. Ich lehne diese Verbindung ab.

„[i]Und deswegen weisen beide dem deutschen Staat den Schwarzen Peter zu, wenn sie Fehlentwicklungen ansprechen.[/i|“ zitieren Sie weiter und fahren fort: „Die rassistischen Passagen in Sarrazins Buch übergehen Sie geflissentlich…“
Sie haben Sarrazins Buch nicht gelesen.

Ich habe mich stets mit meiner persönlichen Einschätzung zum Islam und zur Einwanderung zurückgehalten und niemanden expressis verbis mit meiner Meinung dazu behelligt. Nun scheint mir eine Klarstellung geboten, weil ich mir keine Fremdenfeindlichkeit, keine Intoleranz und wer weiß was noch unterstellen lasse, so sehr das auch an den Haaren herbeigezogen sein mag.
Ich befürworte die liberale Gesellschaft und den demokratischen Staat, die Freiheit der Meinung, der Religion, der Wissenschaft und der Lehre, um nur ein paar der wichtigsten Dinge zu nennen. Ich bin gegen jede Bestrebung, daran etwas zu ändern.
Wer die deutsche Werteordnung teilt, wer die deutsche Rechtsordnung und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten akzeptiert und hier mit uns leben will, der soll das tun, wo immer er herkommt, woran auch immer er glaubt. Wer die deutsche Kultur und die deutsche Rechtsordnung ablehnt, soll sein Glück dort versuchen, wo die Verhältnisse seinen Vorstellungen entsprechen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.03.2015 um 12.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28415

Die Hugenotten wurden damals ausdrücklich eingeladen, und z. B. in Erlangen mußte die Handwerkerschaft sich ganz schön anstrengen, der neuen Konkurrenz standzuhalten. Da gab es durchaus Spannungen, zumal die Franzosen dreimal so zahlreich waren wie die Einheimischen in diesem mittelfränkischen Kaff. Aber dann war es doch ein Segen.

Schwerer hatten es die Juden in Mittelfranken, im Gegensatz zu den Nationalsozialisten, die allerdings mit Kriegsende spurlos verschwanden. Später haben sie dem zuerst berühmten, dann geschmähten Medizinprofessor Jakob Herz das eine oder andere Denkmal gesetzt und sich dabei grammatisch verirrt:

Wir denken an Jakob Herz
dem Bürger dieser Stadt
ein Denkmal setzten und zerstörten

(Stele Ecke Universitätstraße/Krankenhausstraße, 2007)

Wikipedia schreibt:

Seine Verdienste waren weniger im wissenschaftlichen als vielmehr im zwischenmenschlichen Bereich angesiedelt.

Das ist zwar grammatisch in Ordnung (bis auf das überzählige vielmehr, aber mich schaudert's immer wegen der vielen Ansiedelungen.

(Ob die Ablehnung meines Vorschlags, eine Straße nach Alfred Lichtenstein zu benennen, doch eine tiefere Bedeutung hat?)
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 26.03.2015 um 08.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28412

Lieber Herr Mahlmann,

ich greife mal wieder zum Mittel des Interlinearkommentars.

haben Sie die Leute, die Sie treffen, einmal gefragt, ob sie sich auch als "Einheimische, teils mit, teils ohne Kopftuch" sehen?

Ich weiß nicht, mit wem Herr Strowitzki sich trifft, aber es ist für mich ganz offensichtlich, daß es Einheimische, d.h. Frauen, die Nachkommen von türkischen Einwanderern sowie deutsche Staatsbürger und Steuerzahler sind, und deren Heimat von Geburt an Deutschland war, gibt, die ein Kopftuch tragen. Na und?

Sie werden nicht im Ernst die Kultur der Hugenotten für grundverschieden von der preußischen halten, schon gar nicht ähnlich verschieden wie die Kultur der muslimischen Einwanderer und die deutsche.

Was meinen Sie mit "preußisch"? Das Herrscherhaus war calvinistisch, die Bevölkerung überwiegend lutherisch, was ja eine der Grundlagen der vielgepriesenen preußischen Toleranz darstellte. Zu den Unterschieden zwischen dem Calvinismus und den übrigen Konfessionen siehe meine Antwort auf Herrn Riemer.

Beispiele mißlungener Integration in Deutschland lassen somit nach dem Beitrag der Einwanderer fragen.

Das ist nur die halbe Wahrheit, denn mißlungene Integration kann auch an der Intoleranz der aufnehmenden Gesellschaft liegen, also Menschen wie Ihnen, Herr Mahlmann. Warum sollte man sich um Himmels Willen über Kopftücher aufregen, wenn sie freiwillig getragen werden?

Zu Ihrem nachfolgenden Kommentar:

Beide sagen, daß es für Hartz-IV-Empfänger wirtschaftlich vernünftig ist, viele Kinder zu bekommen. Der Zuwendungssatz (also der Lebensstandard) steigt ohne jede Opportunitätskosten. Wer allerdings arbeitet, sieht durch Kinder Einkommenseinbußen entgegen, so daß in solchen Haushalten allenfalls ein, zwei Kinder geboren werden.

Das gilt aber nicht nur für Einwanderer, nicht wahr? Außerdem erhalten Einwanderer nicht ohne weiteres Leistungen nach den Sozialgesetzbüchern, sondern müssen nachweisen, daß sie sich um Arbeit bemühen. Und was hat das alles mit dem Islam zu tun?

Und deswegen weisen beide dem deutschen Staat den Schwarzen Peter zu, wenn sie Fehlentwicklungen ansprechen.

Die rassistischen Passagen in Sarazzins Buch übergehen Sie geflissentlich...
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 26.03.2015 um 08.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28410

Lieber Herr Riemer,

Das zahlenmäßige Verhältnis von Christen/Juden/Atheisten zu Muslimen ist wenig aussagekräftig, denn man weiß nicht genau, wieviele sogenannte Muslime in Wirklichkeit auch solche sind. So werden beispielsweise meist auch Aleviten zu den Muslimen gerechnet, obwohl das theologisch kaum zu rechtfertigen ist. Darüber hinaus stammt die Mehrzahl der "muslimischen" Zuwanderer aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien, wo der Islam seit sehr langer Zeit wenig mit dem in unserem Kulturkreis zu Recht gefürchteten Fundamentalismus zu tun hat. (Wußten Sie, daß der Sultan des Osmanischen Reiches auch weltliches Oberhaupt der orthodoxen Kirche war?)

Außerdem sollte man bedenken, daß viele, die sich hierzulande als Christen bezeichnen, von "ihrer" Religion keine Ahnung haben und ihr Christentum darauf beschränken, zu Weihnachten und zu Ostern in die Kirche zu gehen. Bei angeblichen Muslimen sieht es ähnlich aus: Ramadan (wenn's nicht zu unbequem ist und damit man eine Rechtfertigung für die anschließende Völlerei hat, die die Hauptsache ist), formal strenge Sittenregeln, die aber, wie schon seit Jahrhunderten, clever unterwandert werden usw.

Die Hugenotten waren auch nicht einfach "protestantische Christen", sondern, wie wir heute sagen würden, radikale Fundamentalisten, deren theologische Auffassungen sich ganz erheblich vom Rest der Christenheit unterschieden. Man kann sogar sagen, daß der Calvinismus in mancherlei Hinsicht dem Islam nähersteht als den übrigen christlichen Konfessionen (vgl. die Prädestinationslehre oder den Gottesbegriff).

Meine Frage bezüglich der Moralvorstellungen der 50er Jahre war eher rhetorisch gemeint, und sie bezog sich auf Ihre Erwähnung der "bisherigen deutschen bzw. europäischen Kultur". Die Moralvorstellungen der 50er Jahre (oder eines beliebigen anderen Zeitabschnittes) waren eben zu diesem Zeitpunkt die "deutsche bzw. europäische Kultur". Ich wollte nur darauf hinweisen, daß sich die Vorstellungen darüber, was man jeweils darunter versteht, einem ständigen Wandel unterworfen ist. Für mich ist beispielsweise der türkische Beitrag (ebenso wie der italienische oder griechische) zur Kultur der Bundesrepublik unabweisbar und ganz offensichtlich im Kulinarischen greifbar.

Was Sarazzin angeht, bitte ich Sie meinen Kommentar nochmals zu lesen. Ich halte den Titel für richtig, aber das ist auch schon alles. Das "Abschaffen" geschieht meines Erachtens durch eine verfehlte und korrumpierte Bildungspolitik (Stichworte: Rechtschreibreform, Bologna-Reform, Bertelsmann, Lesen durch schreiben u.v.m.).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.03.2015 um 21.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28407

Ich habe in meinem letzten Beitrag manchmal vielleicht mißverständlich allgemein "Einwanderer" geschrieben, wo ich mich eigentlich nur auf die muslimischen Einwanderer bezog.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 25.03.2015 um 19.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28406

Die Lösungen, die sowohl Sarrazin als auch Buschkowsky vorschlagen, um Einwanderer zu integrieren, sind dieselben, die auch den Deutschen die Möglichkeit geboten haben, ihr Potential zu entfalten, das zuvor durch die Klassenschranken unterdrückt wurde. Insofern sind beide klassische Sozialdemokraten.

Beide sagen auch, daß sich die Einwanderer wirtschaftlich vernünftig verhalten, wenn sie die Absicherung durch das deutsche Sozialwesen anstreben.
Beide sagen, daß es für Hartz-IV-Empfänger wirtschaftlich vernünftig ist, viele Kinder zu bekommen. Der Zuwendungssatz (also der Lebensstandard) steigt ohne jede Opportunitätskosten. Wer allerdings arbeitet, sieht durch Kinder Einkommenseinbußen entgegen, so daß in solchen Haushalten allenfalls ein, zwei Kinder geboren werden.
Und deswegen weisen beide dem deutschen Staat den Schwarzen Peter zu, wenn sie Fehlentwicklungen ansprechen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 25.03.2015 um 19.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28405

Lieber Herr Strowitzki, haben Sie die Leute, die Sie treffen, einmal gefragt, ob sie sich auch als "Einheimische, teils mit, teils ohne Kopftuch" sehen?

Sie werden nicht im Ernst die Kultur der Hugenotten für grundverschieden von der preußischen halten, schon gar nicht ähnlich verschieden wie die Kultur der muslimischen Einwanderer und die deutsche. Mithin ist Ihr Zitat meiner Worte nebst Beispiel unzutreffend.

Jedes gelungene Integrationsbeispiel zeigt im übrigen, daß sie prinzipiell funktioniert. Jedes gelungene Integrationsbeispiel in Deutschland zeigt, daß die Deutschen in der Lage und willens sind, Einwanderer zu integrieren.
Beispiele mißlungener Integration in Deutschland lassen somit nach dem Beitrag der Einwanderer fragen.

Wenn Sie des weiteren, Herr Strowitzki, einen Beitrag nicht zu Ende lesen (wollen), weil Sie ein Stichwort aufgeschnappt haben, das Ihnen die Schublade zeigt, in die der Beitrag gehört, spricht das nicht gegen eine Voreingenommenheit Ihrerseits, die Sie bei anderen geißeln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2015 um 18.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28404

Auch ich halte die Migration für ein großes Problem, das noch durch die Einwanderungspolitik bzw., gerade -nichtpolitik verschärft wurde und wird. Aber das kann ich hier nicht erörtern. (Heute morgen las ich von dem Vorschlag, eine halbe Million illegale Zuwanderer nachträglich zu legalisieren!)
Ich stamme auch von Hugenotten ab, was bei einem Nordhessen nichts Besonders ist; daß ich nun wieder in einer Hugenottengegend (Erlangen samt Uni) lebe, ist allerdings Zufall. Zwischenstation war Berlin.
Man kann auch nicht gut "deutsche Kultur" hochhalten und gleichzeitig zum absehbaren Aussterben der Biodeutschen beitragen oder ihm seelenruhig zusehen. Der mathematische Teil der Demographie ist ja nicht so schwer zu begreifen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.03.2015 um 17.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28403

Lieber Herr Schaefer,
um 1700 soll Deutschland um die 15 Mio. Einwohner gehabt haben, damals sind etwa 50000 Hugenotten, also protestantische Christen, nach Deutschland eingewandert. Heute leben unter 80 Mio. Einwohnern ungefähr 5 Mio. Muslime.
Damals kamen also 3 Einwanderer auf 1000 Einwohner, heute sind es schon jetzt 62 auf 1000. Dabei ist heute sowohl das Ende noch offen als auch das Verhältnis der Geburtenraten von Einwanderern und einheimischer Bevölkerung völlig anders. Wo die weitere Entwicklung hingeht, sagen die nüchternen Zahlen sehr deutlich.

Die kulturellen Differenzen der damals eingewanderten Christen(!) werden bei allem Ressentiment, das ihnen damals auch entgegengeschlagen sein mag, nicht annähernd so groß gewesen sein, wie die heutigen Differenzen zu Muslimen. Man darf die heutigen größeren Differenzen nicht mit dem relativ geringen Widerstand verwechseln, der ihnen entgegentritt.

Nun fragen Sie mich tatsächlich, ob ich die Moralvorstellungen der 50er Jahre zurückhaben möchte. Natürlich nicht! Haben Sie sich aber einmal überlegt, in welches Jahrhundert wir moralisch zurückversetzt sein könnten, wenn sich nach ca. 3 Generationen das Verhältnis von Deutschen zu Muslimen in etwa umgekehrt haben wird? Wohl weder ins 20. noch ins 19., das befürchte ich sehr. Wäre es Ihnen wirklich egal, welche Entwicklung unserer christlich geprägten, aber inzwischen aufgeklärten Kultur hier droht?

Sie sagen, Sarrazins Buchtitel sei sicher zutreffend. Ja und? Ist Ihnen das etwa ganz egal?
Übrigens hat weder Sarrazin noch Buschkowsky jemals behauptet, daß die Einwanderer an etwas schuld seien. Natürlich ist Deutschland selbst schuld, wenn es sich abschafft. Daß jemand lieber nach Deutschland kommt, wenn er hier nicht zu arbeiten braucht und dafür das Zehnfache an Geld bekommt, ist ja mehr als verständlich.

Zu Herrn Strowitzki:
Sie wissen aber schon, daß man an den Kopftuchträgerinnen ganz genau und mit 100%iger Sicherheit erkennen kann, aus welchem Kulturkreis sie bzw. die ganze Familie kommen? Tun Sie doch bitte nicht so, als verteile sich das ganz zufällig auf alle.
Etwa ein Drittel aller muslimischen Frauen soll Kopftuch tragen. Ungefähr so hoch schätze ich auch den Anteil der Muslime, mit dem es Integrationsprobleme gibt, wobei sich diese Anteile natürlich nicht genau decken.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 25.03.2015 um 17.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28402

Herr Ickler erwähnte die Sikhs. Deren Integration in London z.B. sieht so aus, daß im Bahnhof Southall die Bahnsteigbeschilderung ganz amtlich auch Gurmukhi-Schrift trägt. (Hübscher Nebeneffekt: Vielen Fahrgästen wird so vor Augen geführt, wie analphabetisch sie sind.)
In Köln konnte immerhin der Sproß einer kroatischen Familie fahrender Schauspieler zum (quasi) Nationalheiligen werden (neben dem aus fast der gleichen Gegend stammenden St. Martin – auch so ein perfekt integrierter Ausländer).
Herr Schäfer erwähnte die Hugenotten: Auch der brandenburgische Nationaldichter, der durch die Mark wanderte, war Hugenotte! Zu einer gewissen Zeit war ein Viertel oder sogar ein Drittel der Berliner Bevölkerung Franzosen. Diese hatten ganz selbstverständlich ihre eigenen Geschäfte, Handwerksbetriebe, Kirchen und Schulen, alles mit französischer Sprache – eine perfekte Parallelgesellschaft, die zudem mit dem lutherischen Glauben der "Einheimischen" nichts am Hut hatte.
Zwei derart grundverschiedene Kulturen in einem Staatsgebilde führten natürlich zu Spannungen und langfristig zu Rissen. Da wurden den Refugés dann auch schon mal die Scheiben eingeschmissen oder die Bude abgefackelt...
Nicht vergessen sollte man auch, daß diese "Einheimischen" ihrerseits zu einem Gutteil Nachkommen von Zuwanderern aus Flandern oder vom Niederrhein waren, die die Einheimischen zur Minderheit im eigenen Lande gemacht und ihnen eine fremde Sprache, Kultur und Religion aufgedrückt haben. Wobei diese einheimischen Heveller und Sprewanen wiederum letztlich Zuwanderer aus dem Osten in dieses urschwäbische(!) Gebiet ... usf.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 25.03.2015 um 14.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28399

Von mir aus auch Ehrenfeld oder Chorweiler, aber in solch fernwestliche Gegenden kommt unsereiner seltener.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 25.03.2015 um 09.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28398

Bei allem Respekt, lieber Herr Riemer, aber Ihre Aussage "Von unserer bisherigen deutschen bzw. europäischen Kultur wird in zwei, drei Generationen nur noch kleiner Rest übrig sein." kann ich nicht zustimmen.

Die "Kultur", deren potentiellen Verlust Sie beklagen, zeichnet sich doch gerade durch ihre Anpassungs- und Integrationsfähigkeit aus. Möchten Sie etwa die Moralvorstellungen der 50er Jahre zurückhaben?

Meine Vorfahren mütterlicherseits waren Hugenotten und als Calvinisten dermaßen fremdartig, daß sie ihre eigenen Dörfer gründen mußten. Dennoch haben sie ökonomisch wie kulturell ihren Beitrag zu dem geleistet, was man hierzulande als gemeinsames Erbe bezeichnet.

Deutsche bzw. europäische Kultur ist kein statisches Phänomen, sondern ein dynamisches.

Und was Herrn Sarrazin angeht: Der Titel seines Buches ist durchaus zutreffend, aber die Schuldigen sind nicht die Zuwanderer, sondern die Kultus- und Wissenschaftsministerien samt Anhängseln mit ihren Entbildungs- und Verblödungsprogrammen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 25.03.2015 um 00.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28396

Das ist auf der schäl Sick – man könnte es janz weltläufig eine No-go zone avant la lettre nennen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 24.03.2015 um 20.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28395

Wenn ich so z.B. durch die Keupstraße oder entsprechende Viertel und Straßenzüge gehe, sehe ich dort jede Menge Einheimische, teils mit, teils ohne Kopftuch.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.03.2015 um 17.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28394

Ich bin immer für eine klare Ausdrucksweise, lieber Herr Strowitzki. Bei Ihnen aber weiß ich nicht, ob Sie meine Feststellung bestreiten oder ob sie Ihnen nur zu trivial ist.
Im ersteren Fall machen Sie mal einen Spaziergang durch den westlichen Teil der Mannheimer Quadrate oder durch Berlin-Neukölln oder entsprechende Viertel anderer großer Städte.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 24.03.2015 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28392

"...ein Symbol, mit dem sich die muslimische Bevölkerung gut sichtbar von der einheimischen abgrenzt." Das reicht schon, daß man den ganzen restlichen Beitrag nicht mehr lesen muß. In welchem Mittelalter leben Sie, Herr Riemer?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2015 um 19.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28383

Um nicht mißverstanden zu werden: Ich hatte nicht dem Kopftuch die integrationsfördernde Wirkung zugeschrieben, sondern der Möglichkeit, Lehrerinnen an deutschen Schulen zu werden – auch mit Kopftuch.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.03.2015 um 18.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28382

Von unserer bisherigen deutschen bzw. europäischen Kultur wird in zwei, drei Generationen nur noch kleiner Rest übrig sein. Ich habe in dieser Hinsicht fast schon resigniert. Man braucht sich ja nur die Geburtenzahlen der biologisch deutschen Bevölkerung und die Geburtenzahlen der hier lebenden Muslime anzusehen. Die Fakten sind hoffnungslos. Es gibt Leute, die davor schon lange warnen, z.B. auch Thilo Sarrazin, aber es gibt halt noch mehr, die ihn nicht ernst nehmen und den Kopf in den Sand stecken. Politiker rechnen nicht in Generationen, nicht mal in einer, sondern nur bis zur nächsten Wahl, und den großen Arbeitgebern sind billige Arbeitskräfte und Ingenieure aus dem Ausland auch lieber als Investitionen in den Nachwuchs und in die Ausbildung des eigenen Volkes. Angeblich würden sich Einwanderer und ihre Nachkommen allmählich anpassen. Aber nicht, wenn sie noch Geld dafür bekommen, daß sie ihre überdurchschnittlich vielen Kindern nicht in den Kindergarten schicken, und nicht, wenn Lehrerinnen im Unterricht Kopftücher tragen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 23.03.2015 um 16.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28378

In bezug auf das Kopftuch gibt der Staat eine Regelungsgewalt ab, die er bezogen auf andere Religionen reklamiert, und unterwirft sich einer religiösen Kleidervorschrift, sei sie auch kultureller oder anderer Natur.
Ich habe bereits geschrieben, daß das muslimische Kopftuch nicht mit dem europäischen vergleichbar ist. Es ist somit nicht – zumindest nicht allein – als Kleidungsstück zu sehen, sondern als religiöses (oder kulturelles) Symbol. Ich kann nicht erkennen, daß das Tragen eines solchen Symbols der Integration voranhilft. Vielmehr befürchte ich, daß es als Zeichen der bewußten Verwahrung vor der deutschen oder westlichen Kultur verstanden wird.

Das Statistische Bundesamt, Integrationsforscher und andere stellen in ihren Publikationen heraus, daß sich die Verhaftung in der Herkunftskultur nicht über die Zeit oder die Generationen verliert. Im Gegenteil ist bei muslimischen Einwanderern und deren Nachkommen die Zahl derer steigend, die die Herkunftskultur eher stärker pflegen als die erste Einwanderergeneration. Kriminologen wie Pfeiffer in Hannover stellen gerade bei diesen Leuten eine eklatant hohe Gewaltbereitschaft und Kriminalität fest. Buschkowsky und andere reden davon, daß 35% der unter Fünfjährigen in Deutschland muslimischen Glaubens sind. Das ist die Zukunft unseres Landes; wenn wir diese Leute nicht integrieren, stehen alle Solidaritätszahlungen und -handlungen auf dem Spiel. Staatliche Gemeinschaften brauchen ein alle verbindendes Element. Das ist in aller Regel die Kultur. Zwei grundverschiedene Kulturen in einem Staatsgebilde führen zu Spannungen und langfristig zu Rissen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.03.2015 um 11.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28376

Auf dem Land sah man früher viel mehr Kopftücher, weil in der Landwirtschaft viel mehr Menschen beschäftigt waren als heute. Landwirtschaft ist auch sehr staubig.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 23.03.2015 um 09.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28375

Das mit dem Kopftuch ebenso wie anderer Kopfbedeckungen ist eine ziemlich verzwickte Angelegenheit und immer Gegenstand kultureller Praxis, ebenso wie die Mode. In bezug auf letztere würde ich sagen, daß die Mode der 80er Jahre (Tennissocken, Vokuhila, Golfhosen u.ä.) mein Auge weit mehr beleidigt als die, wie Herr Riemer auch festgestellt hat, sehr eleganten Kopfbedeckungen moderner Musliminen. Minirock, High-heels und Kopftuch scheinen dabei kein Widerspruch zu sein, und das begrüße ich sehr. Als weltoffenes und liberales Land sollten, nein: müssen wir einfach deren individuelle Entscheidungen akzeptieren.

In Deutschland und anderen Ländern des "christlichen" Europa hatte das Kopftuch lange eine rein praktische Funktion, nämlich zunächst die eines Stoffetzens, mit dessen Hilfe man eine große Erkältungsgefahr, nämlich durchnäßte Haare, zu reduzieren versuchte. Während des Sommers diente ein wie auch immer gefaltetes Tuch auch als eine Art Schweißband. Es erfüllte daher teilweise dieselbe Funktion wie eine Mütze oder ein Hut und wurde von Männern und Frauen gleichermaßen verwendet.

Im Zuge der Urbanisierung und Industrialisierung änderte sich die Kopfbedeckung für beide Geschlechter (Hut, Kappe usw), aber nicht die für Frauen auf dem Lande, d.h. die Mehrheit der Frauen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, auf Grund des "Wirtschaftswunders" und im Rahmen der europäischen Einigung, veränderte sich die sich die deutsche (und europäische) Gesellschaft derart, daß das Kopftuch vor allem dem Schutz der (teuren) Frisur diente.

In bezug auf heute in Deutschland lebende Musliminnen kann ich nur Anekdotisches berichten: Viele (v.a. Türkinnen oder Deutsche türkischer Herkunft) lehnen das Kopftuch generell ab. Andere tragen es nur bei Beerdigungen. Wieder andere tragen es, wenn sie es für angemessen halten oder sich davon einen Vorteil versprechen. Ein weiter Fall ist der einer Deutschen mit in Syrien geborenen Eltern, die das Kopftuch abnahm, nachdem sie sich in einen nichtreligiösen Deutschen türkischer Herkunft verliebt hatte. Man sieht also: Generalisierungen sind hier fehl am Platze.

Historisch betrachtet ist es kein Zufall, daß die islamische Welt lange Zeit als Hort der Sinnesfreuden galt, denn der Koran ist vielfältig interpretierbar. So wurde zum Beispiel die Vorschrift, Frauen müßten ihr Haar bedecken, im Osmanischen Reich zumindest von der privilegierten Schicht so interpretiert, daß es ausreichte, ein paar Goldfäden in das Haar einzuflechten.

Wie gesagt: alles kulturelle Praxis.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2015 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28374

Ob es Sikhs im deutschen Schuldienst gibt? Das wäre interessant, weil es die Frage des Anstoßnehmens um etwas mehr Anschauungsmaterial bereichern würde. Die fünf Attribute des Sikh-Mannes sind zwar nicht alle sichtbar, aber deutlich genug. Ein bekanntes Problem ist ja der Dolch, den die Sikhs auch mit ins Flugzeug nehmen möchten und in allen möglichen Dienstverhältnissen tragen. Allerdings kann man ihn, da er nur ein Symbol ist, bis zur Ungefährlichkeit reduzieren.
Ich nehme an, daß die Schulbehörde keine Bedenken hätte, einen solchen Turbanträger ins Klassenzimmer zu schicken. (Den Turban braucht er, weil er die Haare nicht schneiden darf.)

In der Zeitung lese ich die Leseransicht, das Kopftuch sei für den Muslim nicht "heilsnotwendig". Anscheinend ist die Versuchung groß, andere Religionen mit einer Interpretatio christiana zurechtzurücken. Man muß aber nicht auch noch deren Theologie zur eigenen Sache machen.

Ich habe schon erzählt, daß manchmal eine muslimische Studentin in Begleitung ihres Mannes in meine Sprechstunde kam, der dann, des Deutschen unkundig, stumm in der Ecke saß und darüber zu wachen hatte, daß seine Frau keine Dummheiten mit mir anstellte (oder ich mit ihr). Ich hätte sagen können, daß ich solchen Besuch nicht will, aber war es das wert? Der Mann war ein Gefangener seiner Tradition, und man merkte es ihm an. Sobald er länger hier lebt, gibt er den Brauch wohl auf, spätestens die Kinder werden das tun. Natürlich haben wir "Parallelgesellschaften", das ist auch nicht verboten, solange sie sich an die Gesetze halten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2015 um 05.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28373

Von religiöser Neutralität unseres Staates, gerade auch im Schulwesen, kann keine Rede sein. Alan Posener hat das vor einigen Tagen recht gut dargestellt.

Ich bleibe auch dabei, daß das Kopftuch nur auf dem Umweg über religiös begründete Moralvorstellungen einen Symbolwert hat. Das Gericht hat abgewogen, ob das "Störungspotential" so erheblich ist, daß man den Musliminnen allein deshalb den Lehrerberuf verschließen darf – übrigens einen Beruf, der ihnen eine besonders gute Integrationsmöglichkeit bietet. Glaubt wirklich jemand, daß die Schüler dadurch zu Dschihadisten werden? Eher im Gegenteil.
Die Aufforderung, das Kopftuch doch einfach zu Hause zu lassen, macht es sich zu leicht. (Es gibt Frauen, die sich lieber umbringen würden, als ungeschminkt aus dem Haus zu gehen.)
Es kommt mir ein bißchen komisch vor, daß ich als Ungläubiger mehr Respekt vor der Religion verlange als mancher Gläubige (für die Religion der anderen...).
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 22.03.2015 um 19.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28367

Die Kopftücher der Flüchtlingsfrauen usw. waren einfache Laken Stoff, die um den Kopf geschlungen und unter's Kinn gebunden wurden. Die Kopftücher der Muslima sind mehrlagig und werden sorgsam so gebunden, daß gewiß keine Haarsträhne mehr zu sehen ist. Schon deshalb ist das eine nicht mit dem anderen vergleichbar.
Die christlichen Frauen legen das Kopftuch ab, wann sie wollen. Das kann eine Muslima nicht. Und somit ist das muslimische Kopftuch nicht einfach ein Kleidungsstück.

In der Türkei war es über Jahrzehnte Vorschrift, in öffentlichen, d. h. staatlichen Gebäuden kein Kopftuch zu tragen. Das hat die Religion ohne weiteres ausgehalten, und muslimische Geistliche haben argumentiert, daß der Koran kein Kopftuch verlangt.

In unserer heutigen Gesellschaft ist das Kopftuch ein Symbol für eine restriktive Religionsausübung. Muslime sagen, der Islam erfordere das Kopftuch.
Wenn der Staat das in dem Bereich, in dem er Regelungshoheit hat, anerkennt, ist das ein Zeichen. Das Signal lautet, daß der Staat respektiert, daß eine Religion Kleidervorschriften erläßt, und daß der Staat sich dieser religiösen Vorgabe beugt.
Auch wenn es etwas schwammig formuliert ist, sagt das Dienstrecht, daß sich der Lehrer seinem Amte angemessen zu kleiden hat. Neben einem ordentlichen Aufzug gilt das auch für die Neutralität. Er darf also keine Hemden mit politischen, weltanschaulichen oder religiösen Losungen tragen; selbst wenn ein Pastor Religionsunterricht erteilt, hat er in Zivil zu erscheinen. Man kann schon fragen, warum das nicht auch für Muslime gilt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.03.2015 um 14.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28365

Die Muslime haben den Christen das Kopftuch – außer als Arbeitsschutz – ausgetrieben. Es sind also "christliche Kopftücher" nötig.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.03.2015 um 12.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28363

Meine Mutter, Schwestern, Mitschülerinnen trugen auch Kopftücher, bis in die 60er Jahre hinein war das ganz normal. Jungen setzten Mützen auf, Mädchen trugen eben Kopftücher.

Ich habe schon auf der Straße junge Türkinnen mit bunten Kopftüchern gesehen, bei denen mir spontan einfiel, das sieht ja hübsch aus, sehr weiblich, ich hätte gar nichts dagegen, wenn das auch unter Deutschen wieder mal Mode würde.

Trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied zum Brauch unter Muslimen. Bei uns wurde das Kopftuch draußen, als Schutz gegen Wind und Wetter, auch als Arbeitsschutz getragen. Sobald man sich in geschlossenen Raumen, zum Beispiel im Klassenzimmer, länger aufzuhalten gedachte, wurden mit Jacke, Mantel, Schal usw. selbstverständlich auch Mütze und Kopftuch abgelegt. Genau das ist aber bei Muslimen nicht der Fall, sie legen das Kopftuch in der Öffentlichkeit nie ab. Das ist es, was ich als unsinnig, zwanghaft und abstoßend empfinde.

Außerdem gibt es unter Muslimen leider einen fließenden Übergang vom bunten Kopftuch bis hin zum allesbedeckenden schwarzen Umhang. Hier muß man unbedingt irgendwo eine Grenze ziehen und sagen, Kopftuch draußen ist in Ordnung, aber Vermummung in der Öffentlichkeit ist verboten.

Deutsche Politiker und Medien sollten aufhören, hier lebende Muslime noch in der Annahme zu bestärken, das Kopftuch sei ein religiöses Symbol. Es ist auch kein Mittel zur Unterdrückung der Frauen. Das Kopftuch ist in erster Linie ein Symbol, mit dem sich die muslimische Bevölkerung gut sichtbar von der einheimischen abgrenzt. Es verhindert die Integration und unterstützt die Bildung von Parallelgesellschaften.

Deshalb finde ich es falsch, Lehrerinnen und Schülerinnen im Unterricht in beheizten, geschlossenen Räumen das Kopftuchtragen zu gestatten. Üblicherweise trägt man bei uns Kopfbedeckungen nur draußen oder als Arbeitsschutz.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.03.2015 um 05.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28362

In der FAZ zum Beispiel legen einige Redakteure unwiderleglich dar, daß das Kopftuchurteil falsch ist und uns dem Untergang des Abendlandes (der Ausdruck ist hier mal nicht übertrieben) wieder ein Stückchen näherbringt. Andere Redakteure derselbe Zeitung beweisen unwiderleglich das Gegenteil. Lange konnte man nicht so deutlich sehen, daß, wo eine feste Meinung ist, auch die Argumente gefunden werden, besonders wenn der Verfasser juristisch geschult ist.
Das Christentum verbreitete sich im Zeichen des Kreuzes, der Islam nicht im Zeichen des Kopftuchs. Das Kopftuch ist ein Kleidungsstück, das heute überwiegend, aber nicht nur unter Muslimen als sittsam gilt. Nach dem Krieg trugen viele deutschen Frauen Kopftücher, ich verbinde es vor allem mit Flüchtlingsfrauen. Aber meine Mutter trug auch eins.
Musliminnen tragen das Kopftuch, weil und solange die Muslime in Deutschland ihre Zusammengehörigkeit (Abgesondertheit, Besonderheit) empfinden und bejahen. Ob eine Frau es aus persönlicher Entscheidung oder aus Gruppenzwang trägt, ist nicht zu entscheiden, aber auch nicht relevant, denn „Dasein heißt eine Rolle spielen“. (Warum trage ich bei offiziellen Anlässen einen Schlips?)
Liest man Leserforen mit, z. B. hier: http://www.focus.de/politik/deutschland/kisslers-konter/kisslers-konter-das-kopftuchurteil-ist-falsch-und-wird-den-schulfrieden-brechen_id_4551004.html), dann könnte man sehr viele Beiträge auf die Formel bringen: „Das Kopftuchurteil stört den öffentlichen Frieden. Dafür werden wir schon sorgen.“ – Das ist eben das Problem, wenn man es den Betroffenen überläßt, ihre Betroffenheit selbst zu definieren und als Kriterium ins Spiel zu bringen.
Soweit ich übrigens die heutigen Jugendlichen einschätzen kann, glaube ich nicht, daß viele (ohne Beeinflussung durch die Eltern) sich über eine kopftuchtragende Lehrerin so sehr erregen würden wie manche Leserbriefschreiber. An einer großen Schule gab es z. B. einen Lehrer (muß es ja schon rein statistisch geben!), der bekanntermaßen homosexuell war. Na und? Die Schüler gaben gelegentlich ihrer allumfassenden Spottlust nach, aber er war trotzdem allgemein beliebt und anerkannt.

In Bayern gibt es sowieso keine Probleme. Hier bestimmt die Verfassung:

"Art. 135
1 Die öffentlichen Volksschulen sind gemeinsame Schulen für alle volksschulpflichtigen Kinder.
2 In ihnen werden die Schüler nach den Grundsätzen der christlichen Bekenntnisse unterrichtet und erzogen.
3 Das Nähere bestimmt das Volksschulgesetz."

Auf Verfassungsgerichtsurteile antwortet die Staatsregierung üblicherweise mit der Feststellung, daß es in Bayern keinen Handlungsbedarf gebe, und dann ist wieder Ruhe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2015 um 13.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#28271

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20471

"Eine Münchner Grundschule bietet islamischen Religionsunterricht auf Deutsch an. Die Kinder lernen ihren Glauben kennen – und dürfen kritische Fragen stellen." (Zeit 6.3.15)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.12.2014 um 15.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27652

zu #27651:
Ich denke, mehr als halbiert läßt sich zurückführen auf durch mehr als 2 geteilt, wobei 'mehr als 2' auch eine gebrochene Zahl sein könnte.

zu #27650:
Sind diese Ausdrücke
'mehr als' + Adj./Verb wirklich nur Steigerungen, Intensivierungen?

Jemand der größer, sehr groß ist, selbst der Allergrößte, er ist doch immer noch groß und nicht mehr als groß, oder? Mehr als groß verlangt meiner Ansicht nach eine neue Qualität, zum Beispiel das Wort riesig.

Jemand, der sich mehr als amüsiert hat, der hat sich nicht nur sehr amüsiert. Selbst der, der sich am meisten amüsiert hat, der hat sich immer noch amüsiert. Wer sich mehr als amüsiert hat, der muß sich meiner Meinung nach vor Lachen eingeschifft haben. Oder etwas ähnliches, jedenfalls etwas, das über das reine Amüsieren, mit welcher Intensität auch immer, hinausgeht.

Oder um auf das Ausgangsbeispiel zu kommen:
Etwas stärker ausgleichen als ausgeglichen, das geht eigentlich gar nicht. Ausgeglichen ist ausgeglichen ist fertig. Punkt. Mit mehr als ausgleichen ist keine neue Quantität, keine Steigerung, sondern eine neue Qualität gemeint, z. B. etwas übererfüllen, übertreffen.

Ebenso:
mehr als aufwiegen = überwiegen, übererfüllen, ...
mehr als überzeugen = süchtig machen (bildlich gemeint)
mehr als nerven = jmd. aus der Fassung bringen
sich mehr als zurückhalten = etwas ablehnen
mehr als verdoppeln = ver-n-fachen (n>2)

Usw., es geht nicht um einfache Steigerung und Intensivierung, sondern im Grunde um eine neue Bedeutung.
Auch beim letzten Beispiel handelt es sich nur scheinbar um eine Steigerung. Man kann nicht eine Menge stark oder schwach verdoppeln. Doppelt ist zweifach, "sehr" doppelt wäre auch zweifach. Mehr als verdoppeln ergibt eine neue Bedeutung (Faktor n>2, auch gebrochen).
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 30.12.2014 um 14.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27651

Daß mit »mehr als« auch bei scheinbar reinen Mengenangaben das Verb »gesteigert« wird und nicht eine konkrete Zahl, zeigen Sätze wie dieser: »Die Geburtenzahlen haben sich gegenüber 1964 von 1,35 Millionen auf 660 000 im letzten Jahr mehr als halbiert.« (sueddeutsche.de, 26.12.2014) Die Zahl der Geburten betrug im letzten Jahr nicht mehr, sondern weniger als die Hälfte von 1,35 Millionen. Ähnlich könnte man auch den Satz »Insgesamt hat sich die Zahl der Apotheken in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt« (#27633) interpretieren. Zwar ist hier tatsächlich die Zahl auf über 200 Prozent gestiegen (mehr als verdoppelt = mehr als das Doppelte), aber das ist gewissermaßen Zufall. Auch hier könnte man nämlich zunächst annehmen, daß »mehr als« eine Steigerung des Vorgangs »Sichverdoppeln« bezeichnet (mehr als verdoppelt = eine größere Vermehrung als eine Verdopplung), ebenso wie bei »mehr als halbiert« die Verringerung stärker ausgeprägt ist als bei einer Halbierung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.12.2014 um 11.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27650

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27641:

Oft geht es gar nicht um Mengenangaben, sondern um Intensitäten usw.

Wir sind mehr als zufrieden. Sie haben sich mehr als amüsiert.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 30.12.2014 um 10.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27648

Weil es im Deutschen die trennbaren Verben gibt, deren Bestandteile fast beliebig weit auseinander stehen können, kann die isolierte Betrachtung einzelner Satzteile natürlich Irritationen hervorrufen. So würde ich den konkreten Fall einordnen, weniger in den bewertenden Vergleich.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 29.12.2014 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27641

"mehr als" und "weniger als" entsprechen nur den mathematischen Ungleichungen "größer als" und "kleiner als", weil es hier nicht um Zahlenwerte, sondern um allgemeine Mengenangaben geht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.12.2014 um 14.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27640

Ich hatte bei meinem letzten Beitrag Prof. Icklers letzte Antwort #27637 noch nicht gelesen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.12.2014 um 14.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27639

Lieber Herr Strasser,
ich finde diese Ausdrucksweise auch nicht falsch, sondern sehr klar, sogar in gewissem Sinne originell, ich würde sie selbst auch benutzen. Es käme darauf an, in welchem Zusammenhang. Dennoch glaube ich, daß das (zumindest noch) kein Standarddeutsch ist. Standard wäre meiner Meinung nach etwa:
daß dieses mehr tut als jenes nur auszugleichen anstatt zu sagen
daß dieses jenes mehr als nur ausgleicht
Aber das letztere ist kürzer, irgendwie witziger, prägnanter, eben origineller.

Wenn Kinder sagen "Wir treffen uns bei der abben Birke" oder "Ich konnte wegen der zuen Tür nicht rauskommen", dann ist das auch sehr klar verständlich, aber nicht allgemein üblich, man würde wohl sagen, ungrammatisch, da Partikeln nicht veränderlich und nicht attributiv verwendbar sind.
Daß jmdm. heute etwas weher tut als gestern, kann man vielleicht manchmal hören, aber daß jmdm. heute etwas noch leider tut als gestern, geht gar nicht, obwohl eigentlich auch sehr klar wäre, was es heißen soll. Es geht also hier nicht um fehlende Klarheit, sondern darum, ob man halt so spricht. Manches hat sich auch schon eher durchgesetzt als anderes.

"Mehr als ausgleicht", wie Sie es sagen, wäre mir vielleicht auch gar nicht so besonders aufgefallen wie "gleicht mehr als aus". Dagegen ist "Er macht es mehr als wett" fast schon wieder unauffällig, weil wett zwar auch nicht graduierbar, aber immerhin im Gegensatz zu aus ein Adjektiv ist. Sicher bezieht sich dieses "mehr als", wie Prof. Ickler sagt, auf das ganze Verb, aber ich finde, es kommt durch die Nach- und Separatstellung trotzdem ein leicht irritierendes Gefühl auf: Was ist "mehr als aus"?
Wie gesagt, ich würde es auch benutzen, vielleicht macht gerade diese leichte Irritation das Witzige, Originelle aus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2014 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27637

Ich glaube, das Unbehagen kommt daher, daß zwar in der Abfolge mehr als ausgleicht klar ist, was im Fokus von mehr als steht, nicht aber bei gleicht mehr als aus. Man könnte fragen: Wenn nicht aus, was denn dann noch?
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 29.12.2014 um 11.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27635

Mir ist der Einwand von Hrn. Riemer nicht ganz klar. Daß etwas etwas anderes „mehr als ausgleicht“, ist in meinem Verständnis klares Deutsch. Was daran soll es nicht geben, was daran muß gerechtfertigt werden?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2014 um 08.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27633

Lieber Herr Riemer, eine solche Anmerkung hatte ich schon erwartet, und ich habe meinen Satz mit einem inneren Augenzwinkern hingeschrieben. Vielleicht hatte ich schon mal erwähnt, daß ich mich seit Jahren mit diesem Thema beschäftige und Sammlungen dazu angelegt habe.

Es geht um die "Steigerung" von Verben überhaupt und dann besonders von Verbzusatzkonstruktionen. Letztere eröffnen gegenüber einfachen Verben oft überhaupt erst die Möglichkeit einer Steigerung: Doch ausländische Investitoren hielten sich bisher äußerst zurück. (NN 7.2.2000)
Bei anderen ist die Steigerung stellungsabhängig: Er hat acht verschiedene Abfüllungen trockenen Weißburgunders erzeugt, die alle mehr als überzeugen (FAS 16.6.02)
Unmöglich wäre: Sie überzeugen mehr als.
Ähnlich: Insgesamt hat sich die Zahl der Apotheken in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. (SZ 18.9.86)

Allerdings haben wir schon gesehen, daß besonders jugendsprachlich belegt ist: Der nervt so was von.

Hier noch was Einschlägiges: Moderate Mieten gleichen diese Preissteigerungen mehr als aus. (SZ 10.5.08)
Aber achten Sie auf seine Begeisterung fürs Lernen – sie wiegt Ihre Müdigkeit mehr als auf. (Joan Freeman: Erziehung und Intelligenz. Düsseldorf 1985:179)

Natürlich bezieht sich die Steigerung auf das ganze "Partikelverb", auch wenn stellungsbedingt nur der Zusatz im Fokus steht. Das muß man wohl als normgerecht anerkennen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.12.2014 um 13.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27623

Lieber Prof. Ickler, tut mir leid, wenn ich jetzt nicht direkt auf Ihr Thema eingehe, aber mir fällt in dieser Anmerkung besonders der letzte Satz auf. In der Schule hätten die Lehrer mir so etwas wohl angestrichen. Aber es erinnert mich an Ihren schönen Tagebucheintrag "Unser Vorgarten". "Mehr als aus" gibt es eigentlich nicht, und doch versteht es jeder, und eine vielleicht korrektere Formulierung wäre recht umständlich. Ich frage mich, ob man solche Konstruktionen auch irgendwie grammatisch erklären, also sozusagen rechtfertigen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.12.2014 um 10.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#27622

Bald soll es auch gesetzliche muslimische Feiertage geben. Das ist konsequent. Auch Religionslehrerausbildung wird bald in erster Linie Ausbildung muslimischer Lehrer sein.

„Während Katholiken wegen ihres Glaubens ermordet werden, dürfen in französischen Rathäusern und Schulen zu Weihnachten keine Krippen aufgestellt werden. Die laizistische Verfassung verbietet es. Diese Intoleranz im Umgang mit allen Religionen, die sich ihrerseits zumindest im Kampf gegen diese Intoleranz auch einig sind, wirkt anachronistisch.“ (Jörg Altwegg in FAZ 23.12.14)

Eine neue Definition von "Intoleranz", sie war allerdings auch schon beim deutschen Kruzifixstreit zu hören.

Die französische und die amerikanische Verfassung verbieten dem Staat eigene religiöse Veranstaltungen, verpflichten ihn aber gleichzeitig. religiöse Aktivitäten der Bürger in weitestem Umfang zu dulden. Intoleranz kann man das nicht nennen. In den USA ist die Trennung den Religionsgesellschaften gut bekommen.

Ob man schon mal untersucht hat, wie die Texte auf Weihnachtsgrußkarten sich im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelt haben? Als ich im Ausland lebte, fielen mir zuerst die vielen "Seasonal Greetings" auf, mit denen sich Leute aus der Affäre zogen. Sie hatten ihre Höflichkeitspflicht erfüllt und mich in der (wenn auch irrig) unterstellten Glaubenszugehörigkeit beglückt, ohne sich selbst zu kompromittieren.
Ich selbst verschicke keine Grüße, aber wenn ich jemanden treffe, wünsche ich "schöne Feiertage". Dann kann er sich aussuchen, was gemeint ist.
Wünscht jemand mir "gesegnete Weihnachten", darf ich ihn für einen Christen halten, auch wenn ich das ganze Jahr über keinen entsprechenden Hinweis erhalte. "Besinnliche Weihnachten" sind schon zweifelhafter und erregen bei mir eine kleines Unbehagen. Wahrscheinlich nehme ich die Zudringlichkeit wahr: als ob der Typ wüßte, daß ich es nötig hätte, einmal ein bißchen zur Besinnung zu kommen. Das geht ihn aber wirklich nichts an.
Am Postschalter stand vor Weihnachten ein Mann in der Schlange, der 200 Grußkarten frankieren ließ. Wohl ein Geschäftsmann.
Alle Hotels, in denen einer von uns jemals übernachtet hat, bringen sich durch einen Weihnachtsgruß in Erinnerung. Der Briefkasten ist durch die E-Mail leerer geworden, aber die Werbesendungen gleichen das mehr als aus.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 07.10.2014 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26975

Noch mal zu den genealogischen Zeichen in den Personenartikeln von Wikipedia. Mir war entgangen, daß es sich um eine seit Jahren geführte Auseinandersetzung handelt, die ungeheure Dimensionen angenommen hat und kaum mehr lösbar erscheint. Hierzu drei Adressen bei Wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Meinungsbilder
https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Meinungsbilder/Genealogische_Zeichen
https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Meinungsbilder/Lebensdaten_in_biografischen_Artikeln

Auf der ersten Seite sieht man, daß derzeit allein vier verschiedene interne Umfragen ("Meinungsbilder") vorbereitet worden sind, um das Problem in den Griff zu bekommen. Zwei davon sieht man unter den beiden anderen Adressen. Die Lösungsvorschläge sind an Kompliziertheit kaum zu überbieten.

Es handelt sich um einen regelrechten Krieg gegen das genealogische Kreuz †. Die Kreuzgegner versuchen, bei einem Artikel nach dem anderen das Kreuz zu entfernen (und dann das Sternchen für "geboren" gleich mit). Auch wenn noch gar nicht klar ist, wie die Alternative aussehen soll: geboren am ... gestorben am oder geboren ... gestorben (ohne am), geb. ... gest. oder ein Strich für "bis" in der Mitte.

Mir scheint, sie fühlen sich als die Inbegriff des Fortschrittlichen: Befreit die Juden vom christlichen Kreuz! Befreit alle Menschen von religiösen Zwängen! Das Ansinnen, Wikipedia vom Kreuz zu befreien, kommt mir vor wie eine Mischung aus Gendern (politisch bzw. ideologisch korrekte Texte) und Bildersturm (Kampf wegen religiöser Bilder bzw. Symbole). Wobei die echten Bilderstürmer bessere Argumente auf ihrer Seite hatten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2014 um 14.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26940

Einen krassen Umgang mit Texten (hier Gesetzen und Urteilen) zeigt auch, was die WamS heute bezüglich illegaler Parteienfinanzierung durch Parteistiftungen in Erinnerung ruft. Die nutznießenden Parteien beharren allesamt darauf, der Buchstabe des Gesetzes sei durch ihr Abschöpfen von einer halben Milliarde aus Steuermitteln erfüllt. Für das anstehende Verfahren ist Bundesverfassungsrichter Peter Müller federführend, selbst ein Zögling der Konrad-Adenauer-Stiftung, aber selbstverständlich nicht im mindesten befangen. Übrigens einer jener Jungen Wilden, die mal gegen die Rechtschreibreform waren, aber das war vor der Sintflut.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 05.10.2014 um 12.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26939

Martin Luther schon hat die Ehe zum "weltlich Ding" erklärt. Ein Sakrament geht auf Jesus Christus zurück, es wird ein Symbol verwandt, und es ist heilsbringend; so bleiben nur die Taufe und das Abendmahl über.
Die Winkelzüge der Katholischen Kirche, ihre Vorstellungen zu retten, dokumentieren ja geradezu, welche Bedeutung die Interpretation und die Tradition in der Römischen Kirche über die reine Schrift hinaus haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2014 um 07.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26937

Fasten – aber gern! Essen wir also kein Fleisch, aber dafür leckeren Fisch und trinken gutes starkes Bier dazu! Am Sabbat rühren wir keinen Finger, bezahlen aber ein Christenmädchen dafür, daß es den Haushalt führt. Die Frommen haben schon immer Wege gefunden, ihre Gebote strikt einzuhalten und gleichzeitig aufs angenehmste zu umgehen. Jesus hat, wenn ich ihn recht verstehe, gegen diese Heuchelei gekämpft. Er wäre kaum einverstanden mit dem, was mich zu dieser Beobachtung veranlaßt. Der Vatikan will an der Unauflöslichkeit der Ehe festhalten, aber die Möglichkeit der Annullierung ausweiten. Mir ist folgender Fall bekannt: Eine katholische Frau wollte einen geschiedenen Mann heiraten (der übrigens nicht katholisch war und seine erste Frau nicht kirchlich geheiratet hatte). Ein Verwandter erbot sich, seine guten Beziehungen zum Vatikan spielen zu lassen, damit die erste Ehe, aus der auch Kinder hervorgegangen waren, annullieren zu lassen. Man hätte also einen der Gründe finden bzw. fingieren müssen, die beispielsweise hier aufgeführt sind:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ehenichtigkeit (Kirchenrecht)

Dieses unwürdige Verfahren lehnten die beiden ab, und seither sind sie, obzwar sündig und, was die Frau betrifft, von der Kommunion ausgeschlossen, anscheinend glücklich verheiratet.
(Es gibt übrigens genügend Pfarrer, die der Frau gleichwohl die Kommunion spenden.)
Wir können uns schon auf die Texte freuen, die das Aggiornamento kunstreich in Worte fassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2014 um 07.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26860

Papier ist geduldig. Zur sprachlichen Akrobatik, wenn auch nicht unmittelbar zur Religionsfreiheit:

Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier sieht die amerikanischen Luftangriffe durch das Völkerrecht gedeckt. Er verwies darauf, dass die USA und der Irak die Bombardements mit Artikel 51 der Uno-Charta begründen, dem Recht eines angegriffenen Staates auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung. Der IS dürfe "keine Rückzugsräume" in Syrien bekommen. "Deshalb scheint mir die Berufung auf Artikel 51 geeignet." (HA 25.9.14)


Dieser Artikel lautet:

Diese Charta beeinträchtigt im Falle eines bewaffneten Angriffs gegen ein Mitglied der Vereinten Nationen keineswegs das naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung, bis der Sicherheitsrat die zur Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlichen
Maßnahmen getroffen hat. Maßnahmen, die ein Mitglied in Ausübung dieses Selbstverteidigungsrechts trifft, sind dem Sicherheitsrat sofort anzuzeigen; sie berühren in keiner Weise dessen auf dieser Charta beruhende Befugnis und Pflicht, jederzeit die Maßnahmen zu treffen, die er zur Wahrung oder
Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit für erforderlich hält.


Wenn die Auslegung zutrifft, die man nicht nur von Obama und der Bundesregierung, sondern auch von der FAZ usw. hört, dann könnten alle Staaten militärisch in allen anderen Staaten tätig werden, von denen ihnen eine Bedrohung auszugehen scheint. Sollten die USA z. B. zu der Ansicht gelangen, in Deutschland würden Terroristen nicht genügend bekämpft, könnten sie Luftangriffe auch bei uns fliegen. Vororte von Erlangen bieten sich als erste Ziele an.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2014 um 14.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26848

Der "Tagesspiegel" fordert einen "starken Islam" in Deutschland.

Es ist Zeit, das Staatskirchenrecht zu öffnen und Schritte zu unternehmen, um den Islam als gleichberechtigte Religion anzuerkennen – mit allen Rechten und auch Pflichten. Und auch mit finanzieller Unterstützung. In vielen Moscheegemeinden fehlen Strukturen, und es mangelt an Professionalität. Die meisten, die sich dort engagieren und sich um Jugendliche kümmern, tun das ehrenamtlich.
Das reicht nicht aus. Mehr Unterstützung würde auch mehr Kontrolle ermöglichen. Denn wer öffentlich gefördert wird, muss nachweisen, was er mit dem Geld tut.
(22.9.14)

Um Steuergelder für den Islam abzuzweigen, könnte man die Muslime mit dem Gedanken vertraut machen, ihnen stünden wegen der Kreuzzüge Staatsleistungen zu. Wenn es um Geld geht, kann es schließlich keinen Unterschied machen, ob das Unrecht 210 oder 800 Jahre zurückliegt. Der konfessionelle muslimische Religionsunterricht und die Ausbildung der zugehörigen Lehrer sind ja schon erste Schritte zu einem neuen "Staatskirchenrecht" (Unwort des Jahrtausends!).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2014 um 09.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26827

Reuemonat - sonderbares Wort. Fiel mir gerade auf, weil viele Bundesländer ihn dieses Jahr abschaffen. Warum muß sich der Gesetzgeber überhaupt mit so etwas befassen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2014 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26783

Nachtrag zur Wirkung dieser irregulären Pädagogik. Obwohl ich nicht Anglistik studiert habe, ist mir verständlicherweise das Sonett nebst etlichen Zeilen aus Eliot im Gedächtnis geblieben, ohne weiteres Zutun. Der Unterricht hat mich auch so begeistert, daß ich mir von meinem wenigen Geld englische Anthologien gekauft und mich unter Vernachlässigung meiner Hausaufgaben als Übersetzer betätigt habe. So habe ich z. B. Miltons "On his blindness" metrisch exakt nachgedichtet; leider weiß ich zwar noch das Original auswendig, aber nicht mein eigenes Erzeugnis, das mir längst abhanden gekommen ist, sonst würde ich euch damit quälen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2014 um 10.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26782

Herr Ludwig hat Eliots "Prufrock" erwähnt. Mir fiel gerade ein, daß wir im Englischunterricht "Prufrock", The Waste Land" und, ich glaube, auch "Gerontion" gelesen haben, alles bestimmt nicht im Lehrplan vorgesehen, aber unser Englischlehrer nahm sich die Freiheit, seine Lieblingstexte mit uns durchzugehen. Im Rückblick fast unvorstellbar.
(Er hat mir auch im mündlichen Abitur ein Shakespeare-Sonett – gleich das dritte übrigens, nicht ganz unschlüpfrige für uns unschuldige Knaben – vorgelegt, das ich nicht kannte, und das war definitiv nicht zulässig. Aber da alles gut ging, habe ich ihn nicht verklagt ... Friede seiner Asche, ein toller Kerl!)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.09.2014 um 13.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26679

War keine Absicht! Wobei aber tadelswert durchaus im DWb steht, unter Berufung auf Campe und Rückert.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 07.09.2014 um 13.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26678

[Da nun auch Herr Mahlmann (#26674) das Wort tadelswert verwendet hat, wie kürzlich Herr Markner im Diskussionsforum (http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=239#10795), frage ich am Rande: Handelt es sich um einen Tippfehler oder um eine Variante (tadelnswert = des Tadelns wert; tadelswert = des Tadels wert)? Mir ist nur tadelnswert geläufig.]
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.09.2014 um 05.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26676

Es geht ja auch nicht um Tadel, sondern um die (Selbst-)Zuordnung von Institutionen. Der Vergleich mit der Sozialversicherung trifft es ziemlich genau.

Wir leben in einer interessanten Zeit, was den Schwund einstiger Selbstverständlichkeiten betrifft. Diskussionen schlagen plötzlich um, sobald eine "kritische Masse" erreicht ist. Begründungspflichten werden neu verteilt.

Spendenbasierte Glaubensgemeinschaften haben nicht dieselben Sorgen wie staatsnahe steuerfinanzierte und sind zweifellos "lebendiger". Kirchenvertreter zeigen, wenn man die Zeitung liest, eine gewisse Ratlosigkeit, können gar nicht verstehen, warum auf einmal so viele Menschen sich abwenden. Ich versuche der Sache ein wenig nachzugehen, sozusagen kommunikationspsychologisch.

Was ich mir noch einmal genauer ansehen muß: Wie ist es überhaupt zu der keineswegs selbstverständlichen Konstruktion gekommen, daß die Mitgliedsbeiträge für Religionsgesellschaften (die WRV kennt ja keine "Kirchen") vom Staat einzuziehen sind? Davon müssen doch Abgeordnete mehrheitlich überzeugt worden sein. In welcher rhetorischen Ausgangslage?

Heute scheint ein Punkt erreicht, an dem die einst komfortable Konstruktion sich als problematisch erweist. Die Diskussionen in den Blogs sind oft interessanter als die journalistischen Texte, auf die sie sich beziehen. Da machen sich auch viele Luft, die keine politische Partei mehr finden, die den ungeteilten Liberalismus vertritt.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 06.09.2014 um 12.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26675

Die gesetzlichen Sozialversicherungen funktionieren auch so; . . . , ansonsten zahlt jeder, was er kann, und kriegt, was er braucht.

In der Theorie mag das so sein, aber in der Praxis sicher nicht. Wenn man in der Krankenversicherung freiwillig versichert ist orientiert sich der niedrigste Beitragssatz an einem monatlichen Einkommen von etwas über 900 Euro, ob man dieses Einkommen dann auch tatsächlich hat, danach fragt niemand. Ich halte eine solche Regelung für extrem asozial.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 06.09.2014 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26674

Einkommensabhängige Mitgliedsbeiträge gibt's auch woanders, z. B. bei Gewerkschaften. Die gesetzlichen Sozialversicherungen funktionieren auch so; nur bei der Rentenversicherung orientiert sich das, was der Versicherte herausbekommt, an dem, was er eingezahlt hat, ansonsten zahlt jeder, was er kann, und kriegt, was er braucht.

Vorderhand kann ich nichts Tadelswertes daran entdecken, wenn die Solidargemeinschaft Kirche, als die sie sich nach wie vor sieht (auch wenn manche Diskutanten das ablehnen), sich um gerechte Mitgliedsbeiträge sorgt. Ob die Kirchensteuer, zumal die jetzt vorhandene, diesem Ziel besser oder schlechter gerecht wird als eine andere Lösung, mag fraglich sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.09.2014 um 09.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26673

Die unglückliche Argumentation um die Kirchensteuer wird durch eine Sprachregelung verdeutlicht, für die Kardinal Marx gestern im Gespräch mit der FAZ ein weiteres Beispiel gab:

Zur jüngsten Kirchensteuerdebatte: Es wird keine neue Steuer erhoben, sondern es ist allein eine Frage der Gerechtigkeit, nicht nur die Steuer auf Arbeitseinkünfte, sondern auch auf Kapitalerträge einzubehalten. Alles andere wäre unsozial.

Er bemerkt gar nicht, daß er die Diskussion auf ein falsches Gleis schiebt, auch wenn es das gute alte ist. Eigentlich geht es ja um Mitgliedsbeiträge, und die deutsche Besonderheit, sie als "Steuer" zu bezeichnen und dann auch noch durch den Staat eintreiben zu lassen, führt zwar zu sicheren hohen Einnahmen, aber auch zur Entfremdung der "Vereinsmitglieder". Es ist ja nicht eben üblich, Mitgliedsbeiträge nach den Einkommen zu staffeln, auch wenn manche Vereinigungen ihren vermögenden Mitgliedern nahelegen, mehr als das satzungsbedingte Minimum zu zahlen. Steuern können gerecht sein, bei Mitgliedsbeiträgen oder Spenden paßt das Attribut nicht. Die verkehrte Auffassung klingt irgendwie mittelalterlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.09.2014 um 05.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26664

Es ist sehr reizvoll, den "Zeitgeist" in seinen kaum merklichen, am Ende aber durchschlagenden Veränderungen zu beobachten, vor allem als rhetorische Erscheinung. Die Kirchenaustritte anläßlich des geänderten Kirchensteuereinzugsverfahrens sind ein verhältnismäßig gut abgrenzbarer Gegenstand. Die Kirchen bemühen sich seit Wochen unermüdlich, die Bevölkerung darauf hinzuweisen, daß es gar nicht um eine neue Steuer geht, sondern daß Kapitalerträge doch schon immer kirchensteuerpflichtig gewesen seien. Gerade mit diesem Hinweis, den man nun jeden Tag in der Zeitung lesen und im Rundfunk hören und sehen kann, wird aber das Gegenteil erreicht. Schon die bloße Thematisierung, als Aufklärung gemeint, bringt die ohnehin lauen Mitglieder der Religionsgesellschaften dazu, über ihre Mitgliedschaft nachzudenken.
Ein Beispiel: Eine junge Frau (Steuerklasse I) betrachtet ihre Steuerbescheide genauer, stellt fest, daß sie in den ersten beiden Jahren ihrer Berufstätigkeit fast 2000 Euro Mitgliedsbeitrag an eine Kirche gezahlt hat, mit der sie eigentlich nichts verbindet, und tritt umgehend aus. Es ändern sich also die Gewohnheiten, die sogenannten Karteileichen (die als zahlende Mitglieder passiv-aktiv waren) werden allmählich ausgesondert, und damit sind zahlreiche Kirchenleute auch durchaus einverstanden; Papst Benedikt war es, und Papst Franziskus scheint es auch zu sein.
Man könnte auch sagen: Die nicht-intendierte Wirkung der Aufklärung verschiebt den sozialen Druck. Wie man nach und nach nichts mehr dabei fand, sich als homosexuell zu bekennen, so ist es auch nichts Anrüchiges mehr, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören. Bis "Atheist" das Schicksal von "schwul" teilt, dürfte aber noch einige Zeit vergehen. Man denke an die Konnotationen von "gottlos".
 
 

Kommentar von www.kirchensteuer.de, verfaßt am 13.08.2014 um 20.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26533

Bischöfe werden i.d.R. vom Staat besoldet. In den westlichen Bundesländern beziehen sie ein Gehalt meist nach Besoldungsstufe B6 (7.778,83 EUR), Erzbischöfe gem. B10 (10.740,52 EUR), in München sogar nach B 11 (11.157,60 EUR). Ihr Monatseinkommen liegt incl. Zulagen, geldwerter Vorteile und dem umgelegten 13. Gehalt bei ca. 10.000 bzw. 13.000 bzw. 13.500 EUR. Ihre Pension macht 71,75 % dieses Gehalts aus.

http://www.kirchensteuer.de/node/77
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 13.08.2014 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26531

Kirchensteuer zahlen Mitglieder öffentlich-rechtlicher Religionsgemeinschaften. Das sind die römisch-katholische Kirche, die evangelischen Landeskirchen, verschiedene israelitische Kultusgemeinden und die altkatholische Kirche (habe ich was vergessen? Die Anerkennung ist Landessache). Diese Zahlungen bedürfen keiner weiteren Begründung; was die jeweiligen Vereinigungen mit ihren Mitgliedsbeiträgen machen, ist deren Sache. Zum allergrößten Teil dienen sie zur Finanzierung des Kirchenpersonals, also Pfarrer, Küster usw. (nicht aber Bischöfe, die werden aus Staatsleistungen bezahlt!). Ein kleiner Teil geht auch in karitative Zwecke. Instandsetzungen von Kirchen werden im Zweifel auch wieder von allgemeinen Steuergeldern bezahlt oder zumindest bezuschußt (falls man nicht Pensionsfonds dafür anzapft, wie in Limburg). Auch Kirchentage/Katholikentage werden zu einem Drittel bis zur Hälfte aus staatlichen Steuermitteln bezahlt; etwa ein Drittel tragen die Teilnehmer und maximal ein Drittel kommt aus Kirchensteuermitteln.
(Zum konfessionellen Religionsunterricht siehe Beitrag 20469.)
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 11.08.2014 um 10.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26523

Die Kirchensteuer wird damit begründet, daß die Bausubstanz der Gotteshäuser (Kirchen, Synagogen) erhalten werden muß etc. Deshalb müssen auch Mitglieder anderer Religionen eine entsprechende Steuer zahlen.

Und sie wird in der Volkszählung erfragt. Das ist einer der Hauptgründe, warum für mich Volkszählungen so problematisch sind. Man wird dazu gezwungen, Farbe zu bekennen, obwohl es eine Privatsache ist und demgemäß anderen – auch dem Staat – nichts angeht. Anderseits muß die Schule über die Religionszugehörigkeit der Schüler Bescheid wissen, um den für sie relevanten Religionsunterricht anbieten zu können. Und das sollte die Schule machen, um eine gewisse Kontrolle darüber zu haben, wer die Schüler in diesem Fach unterrichtet, um sie nicht Fanatikern auszusetzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2014 um 05.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26522

Zu Ihren letzten Ausführungen möchte ich nichts sagen, das ist Theologie. Aber wenn Sie schreiben: "Die Kirchensteuer ist eine Kompensation für die Enteignung der Kirche durch den Staat." - dann verwechseln Sie etwas. Anscheinend haben Sie die sogenannten Staatsleistungen im Sinn, über deren vom Grundgesetz (WRV) aufgetragene Ablösung gelegentlich gesprochen wird. Wie hoch die Ablösung unter Verrechnung der bereits geleisteten Zahlungen (z. Zt. knapp eine halbe Milliarde jährlich) ausfallen würde, müßte erst noch berechnet bzw. ausgehandelt werden, aber solche Verhandlungen werden nicht geführt.
Die Kirchensteuer ist keine Zahlung des Staates als Ausgleich für irgend etwas, sondern ein Mitgliedsbeitrag, dessen Inkasso der Staat gegen eine Gebühr übernommen hat. Die Religionszugehörigkeit, die keinen was angeht, steht seither auf der Lohnsteuerkarte. (Die Schule weiß genau über die Religionszugehörigkeit jedes Schülers Bescheid.)
Ich hatte gelegentlich aus meiner Position als Außenstehender auf die meiner Einschätzung nach psychologisch ungünstige Wirkung des staatsähnlichen Auftretens der Kirchen hingewiesen. Es war vielleicht doch kein so guter Einfall, die Mitgliedsbeiträge als "Steuern" zu bezeichnen, auf deren Erhebung die Kirchen ein Recht haben, und nun die Banken zum direkten Abzug der Steuern von den Kapitalerträgen zu verpflichten.
Noch geht es den Kirchen in Deutschland gut, aber der Religion geht es in den USA besser.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 10.08.2014 um 19.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26521

Um noch einmal auf das Grundthema des Strangs zu kommen, die Verteilung des Korans. Der Koran ist nicht das islamische Äquivalent zur Bibel, sondern zu Jesus Christus. Für den Muslim offenbart sich Gott im Koran, für den Christen offenbart sich Gott in Jesus Christus.
Wenn ein Muslim den Koran verteilt, ist das nicht das gleiche wie wenn ein Christ die Bibel herumreicht.
Die Bibel ist im christlichen Sinne ein menschgemachter Text, der natürlich fehlerhaft sein kann (wohl auch ist), der ein Kind seiner Zeit ist und der der Interpretation durch den Leser bedarf. Der Muslim muß den Koran als Offenbarung Gottes wortwörtlich nehmen. Wenn in der Bibel zu Gewalt aufgerufen wird, kann der Christ das historisch einordnen und für sich eigene Maximen ableiten; wenn im Koran dazu aufgerufen wird, die Ungläubigen zu töten, wo sie angetroffen werden, dann muß der Muslim das als unausweichliche Forderung Gottes auffassen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 10.08.2014 um 19.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26520

Vorstöße, die Kirchensteuer abzuschaffen, gibt es seit ihrer Einführung, und sie gehen von den Kirchen aus. Besonders die katholische Kirche hat es mehrmals angeregt.
Die Kirchensteuer ist eine Kompensation für die Enteignung der Kirche durch den Staat. Wenn der Staat ein für alle Mal die Schulden ablösen wollte, wäre das viel teurer als eine auf unbestimmte Zeit gültige Kirchensteuer.
Es ist auch ein Trugschluß, daß die Steuerbelastung der Bürger ohne generelle Kirchensteuer niedriger ausfiele; dann würde der Staat das Geld eben für sich einziehen.
Unsinn ist es auch, daß derjenige, der aus der Kirche austritt, seinen Entschluß öffentlich machen muß. Er füllt vielmehr einen Standardbogen im Rathaus aus, und der Sachbearbeiter setzt in der Einwohnermeldeakte den Haken auf "konfessionslos"; mehr ist es nicht, keiner nimmt Notiz davon.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 10.08.2014 um 17.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26519

Normalerweise ist die seltsame deutsche Kirchensteuer in der Presse kein wichtiges Thema. Es sei denn, die Kirchen selbst klagen über die vielen Kirchenaustritte und geben gleich auch noch die Kirchensteuer als Grund für die Austritte an.

Dann findet man plötzlich Artikel wie diesen hier: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/glaube-und-geld-die-kirchensteuer-schadet-den-kirchen-13089553.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.08.2014 um 12.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26475

Hector Avalos: Violence in the Bible and the Bhagavad-Gita

Recht interessant, vor allem weil die Stellen vorgeführt werden, die den wohlwollenden Interpreten Kopfzerbrechen bereiten. Allerdings darf man nicht verkennen, daß es sich bei der Gita um eine Episode aus einem Kriegs- und Heldenepos handelt, das am ehesten mit der Ilias vergleichbar ist. Unter diesen Umständen ist es bemerkenswert, daß überhaupt eine solche theoretische Erörterung über die Zulässigkeit des Tötens eingeschaltet ist.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.06.2014 um 21.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26148

Aha, vielen Dank für den Hinweis. Das war ja im Jahr 2010 sogar schon die dritte Umfrage bei Wikipedia. Interessant ist der einleitende Hinweis, daß Wikipedia-Mitarbeiter in den Bereichen Judentum und Islam das Kreuzzeichen nach wie vor als ein Problem empfänden und auch regelmäßig kritische Fragen von Nutzern gestellt worden seien.

Insofern ist die Möglichkeit gar nicht so abwegig, daß auch außerhalb von Wikipedia aus dem Kreuz mal ein "Thema" wird (auf die allgemeine Öffentlichkeit hatte sich meine Neugier eigentlich bezogen).
 
 

Kommentar von P. Küsel, verfaßt am 25.06.2014 um 19.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26147

Die Sache mit dem Kreuzzeichen ist diskutiert worden, ja, und zwar zuletzt meines Wissens im Mai 2010. Das Ergebnis des sogenannten Meinungsbildes war: Das bisherige Format * und † soll beibehalten werden. (http://preview.tinyurl.com/mh92wvy)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.06.2014 um 17.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#26146

Beim Stöbern in Wikipedia fiel mir auf, daß die genealogischen Zeichen anstandslos gebraucht werden, also zum Beispiel auch bei Mohammed († 8. Juni 632 in Medina). Das Zeichen † wird genauso universell verwendet wie das Wort "gestorben".

Hat eigentlich schon jemand dagegen Einspruch erhoben, daß der Tod auch bei Muslimen mit dem Kreuzeszeichen symbolisiert wird? Heutzutage könnte man darin eine Diskriminierung sehen, wenn ich es richtig mitbekommen habe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.04.2014 um 04.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#25727

Wieder einmal ist das Volk gefragt worden, ob es der Meinung sei, der Islam gehöre zu Deutschland oder sei ein Teil von Deutschland. Was ist bei einer mehrheitlich christlichen Bevölkerung schon zu erwarten? Zumal bei dieser sinnlosen Formulierung. Man hätte fragen sollen: Sind Sie der Meinung, daß es in Deutschland Muslime gibt?
Gehört der Atheismus eigentlich zu Deutschland?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.12.2013 um 06.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#24613

Könnte auch unter "Festung Europa" stehen, aber dort geht es um Sprachenpolitik:

Der Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Prof. Dr. h.c. mult. Hans Zehetmair, thematisierte in seiner Begrüßungsrede das besondere Spannungsverhältnis von Werten und Europa und wies auf das Phänomen hin, wonach man gesellschaftlich zwar von Werten spricht, diese jedoch nicht klar benannt oder umfassend definiert werden können. Dabei fußen sie doch auf der europäischen, abendländisch-jüdisch-christlichen Tradition. Seinerzeit als Vorbild für die ganze Weltgemeinschaft definiert steht dieses europäische Gedankengut von ca. 0,5 Mrd. Europäern aktuell mit Wertvorstellungen von ca. 6,5 Mrd. Menschen aus anderen Kulturkreisen, Traditionen und Religionsgruppen im Wettstreit.
(www.hss.de)

Man sieht, was für eine segensreiche Erfindung der Bindestrich ist.
abendländisch-jüdisch-christlich umfaßt ja so ziemlich alles und auch das Gegenteil davon. Aber eigentlich meint Zehetmair natürlich stets Tuntenhausen. Das wird dann mit dem Rest der Welt konfrontiert, eine wirklich bedrohliche Perspektive.

Was ich nicht verstehe: Wann war "seinerzeit"?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.12.2013 um 13.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#24554

Nun, das ist uralte Tradition. Die theologischen Fakultäten sind immer die ersten gewesen, auch nach den Vorlesungsverzeichnissen, und auf unseren Schulzeugnissen steht immer Religion als erstes Fach. Wer stattdessen "Ethik" wählt, bekommt oft denselben Lehrer, ausgebildet an der theologischen Fakultät in Passau ...
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 05.12.2013 um 10.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#24552

Welchen Stellenwert Religion hat, erahnt man, wenn man z. B. in den LehrplanPLUS Bayern hineinschmökert.

Die Reihenfolge der Lehrgegenstände: Katholische Religionslehre, Evangelische Religionslehre, Ethik, Deutsch, Deutsch als Zweitsprache, Englisch, Mathematik, Heimat- und Sachunterricht, Sport, Musik, Kunst, Werken/Textiles Gestalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.12.2013 um 06.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#24551

„Die Bundesregierung sieht ‚keinen Handlungsbedarf, mit den Kirchen in Verhandlungen über eine Ablösung der Staatsleistungen einzutreten‘.“ (FAZ 5.12.13)
Der Auftrag steht zwar im GG (= Art. 138 WRV), aber das begründet für die Bundesregierung natürlich keinen Handlungsbedarf. (Legt ihr's nicht aus, so legt was unter!)

Gestern kam ein Schreiben vom Kirchensteueramt des Bistums Bamberg, das mit 58 Cent frankiert war und meine Frau aufforderte, 48 Cent Kircheneinkommenssteuer zu überweisen. Wir haben nicht herausfinden können, wie diese Steuerschuld entstanden ist, der Text ist kryptisch formuliert. Immerhin wirkt er wie eine letzte Blüte des vollkommen durchbürokratisierten Religionswesens in Deutschland. Der überwiegend tabellenförmige Text und die umseitige Rechtsbehelfsbelehrung sind haargenau den Schreiben der Finanzämter nachempfunden. Als interessierter Beobachter frage ich mich, wie groß die Entfernung von der Sorge um das Seelenheil noch werden kann.

Die sprachliche Sonderwelt der Religionen wird von der Sprachwissenschaft viel zu wenig beachtet, angesichts ihrer Ausmaße und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.10.2013 um 06.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#24295

Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ist 2013 an die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth verliehen worden. Als Laie in diesen Sachen fand ich den Streit der Islamwissenschaftler ganz lehrreich, wozu ich hier nur die Beiträge von Zainab Müller angeben möchte, weil sie allgemeinverständlich und materialreich genug sind, um auch andere Laien zu interessieren:

http://www.gkpn.de/Mueller_Islamwissenschaft.pdf
http://www.symbolforschung.de/media/Volltexte/Islamwissenschaft%20Teil%20II.pdf
http://www.cremisan.de/cms/upload/pdf/artikel-community/teil2/2.15._Zainab_A._Mller_Islamwissenschaft_Teil_III.pdf
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.03.2013 um 07.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#22810

Eben! Schon aus grammatischen Gründen nicht.

Zur Auslegbarkeit von Texten, wenn der Wille da ist, fällt mir gerade noch auf:

Das erste Angelus-Gebet des neuen Papstes auf dem Petersplatz wird in alle Welt übertragen. (Pressemeldung 17.3.13)

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu. (J.)
 
 

Kommentar von ppc, verfaßt am 05.03.2013 um 12.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#22753

Ist "ein Taliban" nicht so etwas wie "ein Schülerinnen und Schüler"?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2013 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#22749

Kann ein Taliban im kommenden Jahr zum Präsidenten Afghanistans gewählt werden? (Welt online 4.3.13)

Natürlich nicht!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.01.2013 um 08.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#22426

Obama hat sich wiederum mit der Hand auf der Bibel vereidigen lassen, sogar auf zwei Bibeln: Lincolns Bibel, die schon beim erstenmal dabei war, lag nun auf der von Martin Luther King. Ich bin kein Amerikakenner und weiß nicht, wie sich manche derartigen Züge mit dem sonst so stark betonten Säkularismus vertragen. Andererseits verstehe ich einigermaßen, daß ein Land mit strikter staatlicher Zurückhaltung in religiösen Angelegenheiten gerade besonders religiös sein kann oder muß.
Aber etwas anderes veranlaßt mich zu diesen Bemerkungen: In der Bibel, auf die mancher schwört, steht ja an zentraler Stelle; "Ihr sollt überhaupt nicht schwören." Darüber ist nun in der Kirchengeschichte viel gestritten worden, aber am Ende haben die größten Kirchen das Schwören und das Verbot des Schwörens für vereinbar erklärt. Das ist nun sehr interessant, zeigt es doch an einem krassen Beispiel die unendliche Auslegbarkeit von Texten – wenn nur der Wille stark genug ist.
Sokrates wollte nichts schreiben, weil er voraussah, daß Texte durch die Welt wandern wie herrenlose Hunde und jeder mit ihnen machen kann, was er will. Allerdings sagt das Platon, der die Schriftlichkeit verdammte – und der größte Prosaschriftsteller der Antike war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2012 um 07.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#22149

Salafisten sind ultrakonservative Islamisten, die angeblich so leben, wie es der Prophet getan hat, ihre Zähne mit Ästen putzen und den Koran wörtlich nehmen. (SZ 19.12.12)

Wie verrückt muß man sein, um seine Zähne mit Ästen zu putzen! In Wirklichkeit weiß jeder Orientreisende, worum es sich hier handelt:

„Miswak oder Siwak bezeichnet einen Zweig, eine Knospe oder ein Wurzelstück des Zahnbürstenbaumes (Salvadora persica), das zur Reinigung der Zähne verwendet wird. Der Miswak ist somit eine traditionelle arabische Form der Zahnbürste.“ (Wiki)

Usw., ein lehrreicher Artikel. Die Sitte ist auch in Indien unabhängig von der Religion weit verbreitet.
 
 

Kommentar von GERMANIST, verfaßt am 02.10.2012 um 10.02 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#21634

Nimmt man das Wort "katholikos" = allgemein wörtlich, kann man in Deutschland überhaupt keiner Kirche angehören, ohne vorher dafür zu bezahlen. (Auch die Orthodoxe Kirche nennt sich katholikos.) Den Prozeß hat die römische Kirche geführt.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 02.10.2012 um 01.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#21630

Nun handelt es sich bei dem ganzen Prozess um eine reichlich subtile Frage. Es trifft zu, daß die ursprüngliche Klage vom Erzbistum erhoben wurde. Andererseits war es Zapp, der Revision beim BVwG eingelegt hatte. Seine Revision war "in gewisser Hinsicht" sogar erfolgreich.

Allerdings scheint mir, jedenfalls solange der genaue Urteilstext nicht vorliegt, daß die katholische Kirche mit dem Urteilstenor zufriedener sein kann als Zapp. Insofern ist die Berichterstattung der Medien zwar juristisch ungenau, in der Sache aber vielleicht nicht so ganz falsch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2012 um 09.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#21618

In allen deutschen Zeitungen und sonstigen Medien hieß es, der Kirchensteuerrebell Zapp sei mit seiner Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht gescheitert. In Wirklichkeit hatte er gar nicht geklagt, sondern die Kirche, und man kann sogar sagen, daß er in gewisser Hinsicht recht bekommen hat. Es ist erstaunlich, wie sich so etwas verbreitet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2012 um 05.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#21591

"In turbulenten Zeiten wird an der Universität Erlangen-Nürnberg offiziell das neue Department Islamisch-Religiöse Studien eingeweiht. Zur Eröffnung der bayernweit einzigartigen Einrichtung haben sich am Donnerstag (27.09.12) zwei Minister angesagt." (Bayerischer Rundfunk)

Das sind weit mehr Minister als Studenten, von denen nämlich bisher kein einziger sich gezeigt hat. Wie mir ein Insider gestern an Ort und Stelle sagte, ist das Problem dieser konfessionellen Ausbildung, daß sie nicht auf Wunsch der Muslime eingerichtet wird, sondern den politischen Absichten überwiegend christlicher Bildungsplaner entsprungen ist. Dabei könnte auch – das ist jetzt meine Interpretation – die Absicht mitspielen, die steuerfinanzierte christliche Theologenausbildung samt Religionsunterricht zu retten. Die Zeiten sind der "bewährten" Zusammenarbeit von Kirche und Staat nicht günstig. Gestern jubelten die deutschen Bischöfe über das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Sachen Zapp, das ihnen weiterhin die unverkürzte Kirchensteuer zu sichern scheint. Wie aber die kritische Reaktion der meisten Beobachter zeigt, ist das zu kurz gedacht. Auch der Papst ist ja, wie er seit Jahrzehnten sagt, im Grunde dagegen, hat aber seinen deutschen Kollegen nachgegeben.

Die sprachlichen Pirouetten, mit denen die faktische Nichttrennung von Staat und Kirche als die wahre Trennung ausgegeben wird, sind einer eigenen Betrachtung wert. Dieter Grimm, dem wir aus anderen Gründen gram sein müßten, hat kürzlich in der Süddeutschen Zeitung einen messerscharf formulierten Aufsatz über diese Dinge veröffentlicht, der mich vor Bewunderung juristischer Klarheit wieder mal neidisch werden ließ.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 03.05.2012 um 12.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20595

Das "kleine Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunft" (C.H Beck 1982, Hrsg. Nabil Osman) schreibt zu "Muselman": "Im Persischen wurde die Pluralendung -an angefügt, die im Türkischen als Singular übernommen wurde, woraus Muselman(n) entstanden ist."
Unter dem vorhergehenden Lemma "Moslim, auch Muslim": Aus dem arabischen Wort muslim wurde durch Anhängen der persischen Endung -ân Musilmân, das in zahlreiche europäische Sprachen übergegangen ist, (...)".
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 28.04.2012 um 00.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20566

M.W. ist aber doch die Nunationsendung nicht betont.

Im übrigen habe ich inzwischen gelernt, daß im Persischen das Suffix -an sehr vielfältige Verwendungen hat. Damit können u.a. verschiedene Wortarten gebildet werden, darunter Adjektive.

Das Online Etymology Dictionary bezeichnet pers. musulman als Adjektiv.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2012 um 13.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20563

Ich hatte nur ein Foto gesehen, es war ganz eindeutig die Henningsche Übersetzung. Vielleicht wieder mal eines dieser irreführenden Bilder, mit denen die Presse uns abspeist, weil es immer irgendwas zu sehen geben muß. Oder sind verschiedene Ausgaben gedruckt worden? Andere Diskutanten im Internet sprechen auch von Henning. Von Denffer hatte ich noch nie etwas gehört.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 27.04.2012 um 11.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20562

Nachdem die Gemüter in diesem Strang sich wieder ein bißchen beruhigt haben, ist es angebracht darauf hinzuweisen, daß die in den Fußgängerzonen verteilte Koran-Übersetzung nicht (vgl. den Hinweis von Herrn Ickler in diesem Eintrag) von Max Henning, sondern – laut FAZ vom 25.4.2012 (siehe hier) – von Abu-r-Rida Muhammad ibn Ahmad ibn Rassoul stammt.

Ahmad von Denffer gibt in seiner „History of Qur’an Translation in Germany“ Hinweise zu Henning und seiner Übersetzung (S. 30–31) und zu Rassoul (S. 32).

Zur bibliographischen Abhandlung von Denffer geht es hier (PDF-Datei).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2012 um 07.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20561

Wozu den Plural bemühen? Es genügt doch die arabische Nunation des indeterminierten Singulars. (Persisch kann ich aber nicht.)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 26.04.2012 um 22.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20559

Muselman kommt nicht vom arabischen Plural, sondern vom persischen musulman. Diese Bezeichnung ist aus dem Persischen in viele andere Sprachen übergegangen und dort noch heute die übliche Bezeichnung, so in Französisch, Italienisch, Russisch, Türkisch (müsülman) und in zentral- und südasiatischen Sprachen.

In einigen europäischen Sprachen wie Deutsch und Englisch ist die Bezeichnung inzwischen unüblich geworden.

Nicht klar ist mir, ob im persischen Musulman ursprünglich auch die Pluralendung -an (wie in Taliban) steckt oder ob es sich nur um eine zufällige Ähnlichkeit handelt.
 
 

Kommentar von Kurt Albert, verfaßt am 26.04.2012 um 19.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20558

"Muselman"

Ist eigentlich schon beachtet worden, daß im Arabischen dies der Plural von "Muslim" (muslim) ist: (muslimu:n)?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.04.2012 um 08.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20495

„Muselmann“ kostet 1200 Euro
Dass er einen Tunesier als „Muselmann“ betitelte, kommt einen Maisacher teuer zu stehen: Er muss 1200 Euro Strafe wegen Beleidigung zahlen.
(merkur-online 19.08.09)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 21.04.2012 um 01.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20493

Auch im Duden 1991 stand noch Muselmännin neben Muselmanin.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.04.2012 um 00.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20492

Oh je, ich dachte gerade, ich hätte die letzten beiden Begriffe erfunden, dabei gibt's dafür jede Menge Internetbelege.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.04.2012 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20491

Interessant ist vielleicht auch, die dazugehörigen rein weiblichen Formen zu betrachten:

Muslim - Muslima, Muslime, Muslimin
Moslem - Moslime, Moslemin
Muselman - Muselmanin
Muselmann - ?

Für letztere kämen vielleicht die Muselfrau oder die Muselmännin in Betracht, aber da der Muselmann sowieso veraltet ist, haben die PC-Besessenen vielleicht ein Einsehen ...
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 20.04.2012 um 19.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20490

Zu "NB" von Herrn Achenbach (#20476):

C-A-F-F-E-E
...
sei doch kein Muselman
der das/es/ihn nicht lassen kann!


Aber spätestens, wenn dieser Kanon als politisch unkorrekt geächtet ist, ist die Bezeichnung wirklich ganz ausgestorben.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 20.04.2012 um 18.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20489

Sprachlich interessant: Ein Kabarettist benutzte jetzt für eine Mehrzahl von Koranexemplaren den Ausdruck "Koräne".
Der Begriff "Muslim" hat gegenüber "Moslem" den Vorteil, daß er den "mehr deutschen" Plural auf e bildet. Ob das bei seinem Vordringen eine Rolle spielt, weiß ich nicht.
Interessant auch Kauders neueste Auslassung, Muslime gehörten zwar zu Deutschland, der Islam aber nicht. Wir wollen nur nichtislamische Muslime!
Fast überflüssig zu sagen, daß der verteilte Koran zwar sorgfältig die arabischen Ausdrücke transliteriert, aber eifrig die Heysesche ss-Schreibung pflegt. Welche Reformtorheiten er noch hat, ist bei der Struktur des Textes nicht so leicht zu sagen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.04.2012 um 20.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20477

Die Umstellung ist politisch gewollt, wenngleich die Motivation nicht klar ersichtlich ist (anders als bei der Ablehnung der Fremdbezeichnung Mohammedaner). So heißt es z. B. Zentralrat der Muslime.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 19.04.2012 um 19.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20476

Anscheinend bewegen weltanschauliche Fragen wie diese die Gemüter sehr viel mehr als der eigentliche Gegenstand dieses Forums.

Jetzt aber etwas zur Sprache:

Mir fällt auf, daß die Bezeichnung Muslim seit einiger Zeit die früher überwiegende Bezeichnung Moslem verdrängt. Beide gibt es natürlich schon lange nebeneinander. Muslim ist die wissenschaftliche Transliteration und war früher überwiegend in gelehrten Abhandlungen zu finden. Dagegen gibt Moslem besser die tatsächliche Aussprache zumindest in einem Großteil der arabischen Welt wieder – jedenfalls wenn man das s stimmlos spricht.

Die Statistik ist eindeutig:

Im DWDS-Korpus entfallen von 380 Fundstellen für Muslim(e) allein 251 auf das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts. Für Moslem(s) findet man im selben Jahrzehnt nur 27 von insgesamt 238 Fundstellen. In der gesamten ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gibt es nur 9 Fundstellen für Muslim. Das ist eine eindeutige Verschiebung zugunsten von Muslim(e), selbst wenn man berücksichtigt, daß man wohl als Folge der Einwanderung und später des islamischen Extremismus seit einigen Jahrzehnten viel mehr über Moslems/Muslime spricht als früher.

Bei neueren Texten fällt der Unterschied noch krasser aus. Google News ergibt 22.300 Fundstellen für Muslim, 333 für Moslem.

Woran liegt nun diese Verschiebung? Ist es der Einfluß der gelehrten Sprache? Ist es der Einfluß des Englischen? Allerdings gibt es auch im Englischen beide Varianten. Ziehen die deutschen Muslimun die Bezeichnung Muslim vor? Ist Moslem vielleicht nicht mehr "politisch korrekt"?

NB
Die Bezeichnung Musulman ist ja im Deutschen völlig ausgestorben. Im Französischen ist sie die übliche Bezeichnung.
 
 

Kommentar von Kurt Albert, verfaßt am 19.04.2012 um 18.53 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20475

Zu Theodor Ickler, 19. April, 8.02 Uhr:

Die beiden letzten Sätze – daß sich Hindus, Muslime, Christen ... in ihren Grundanschauungen nicht wesentlich unterscheiden – finde ich sehr berechtigt und sehr beherzigenswert.
 
 

Kommentar von ppc, verfaßt am 19.04.2012 um 08.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20473

-> Marco Mahlmann

> Ich suche schon seit geraumer Zeit eine neue
> Bibel – in bewährter Rechtschreibung natürlich. Nix zu machen.
> Die Kirchen sind alle auf KMK-Schrieb eingenordet. Selbst
> Patientenverfügungen sind dermaßen au
> 96er-Version getrimmt, daß sie mißverständlich
> werden – bei einem solch sensiblen Thema!

Dem kann geholfen werden:

www.bibelonline.de

Man beachte, daß diese in "alter" (== schlechter!) Rechtschreibung geschriebene Bibel erst auf Seite 3 aller 1984er-Übersetzungen auftaucht, also auf den ersten und zweiten Blick nicht zu finden ist. Offenbar schämt man sich, daß es noch einige MitmenschInnen gibt, die so einen alten Mist kaufen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2012 um 08.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20472

Texte sind unendlich deutbar. "Legt ihr's nicht aus, so legt was unter." Theologen wissen, daß die Verteilung heiliger Schriften an die gläubigen Laien nicht ungefährlich ist. Die Hermeneutik ist eigens entwickelt worden, um Interpretationen zu finden, die dem Geist der Zeiten nicht allzu kraß widersprechen. In den vedischen Texten zum Beispiel ist von Menschen- und Pferdeopfer die Rede, wobei sich dem modernen Hindu natürlich die Haare sträuben. Man hat aber schon in grauer Vorzeit symbolische Deutungen gefunden, die das Ganze erträglich machen. (S. etwa Purushamedha bei Wiki.)

In Bremen hat man schon darauf hingewiesen, daß die Bibel wie alle religiösen Texte schwer zu verstehen sei, gerade im Hinblick auf judenfeindliche Stellen. Dazu s. "Antijudaismus im Neuen Testament" bei Wikipedia.

Vergleichsweise einfach zu verstehen ist die Bhagavadgita, die es wahrscheinlich auch bald auf deutschen Straßen gibt. In Indien haben Sikhs mir ständig fromme Bücher in die Hand gedrückt. Das Buch Mormon haben wir in Erlangen auch schon überreicht bekommen und zum Teil sogar gelesen, obwohl es uns skurril vorkommt. Konfuzius ist sehr leicht zu verstehen, Laotse überhaupt nicht. (Ich übertreibe ein bißchen.) Soviel zu den Texten.

Ich kenne sympathische und intelligente Hindus, Muslime, Jainas, Sikhs, Mormonen, Baha'i-Anhänger, natürlich Christen aller Observationen sowie Atheisten und finde nicht, daß sie sich in ihrer Lebensweise und ihren Grundanschauungen merklich unterscheiden. Darüber wundert man sich viel zu wenig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2012 um 07.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20471

Um wieder auf das Sprachliche zurückzukommen: Theologen gebrauchen bei uns die deutsche Sprache oft in einer Weise, die uns irgendwie vertraut vorkommt, bei genauerem Hinsehen aber doch fremd anmutet. In Bremen werden jetzt kostenlos Bibeln verteilt, was ja auch nur gut sein kann, denn ich kenne keinen einzigen Christen, von dem ich annehme, daß er die ganze Bibel gelesen hat. Nun heißt es: "Es sei wichtig, Kenntnisse über den eigenen christlichen Glauben zu haben, um den Dialog zum Beispiel mit den Muslimen überhaupt führen zu können, begründete Motschmann ihre Aktion in einer kurzen Pressemitteilung." Ähnliches lese ich auch in den Texten zur Begründung des Religionsunterrichts: Die Kinder sollten ihren Glauben kennenlernen, sollten wissen, was sie glauben usw. Die Katholiken brauchen, wenn sie es genau nehmen, ein Buch von 824 Seiten, um ihren Glauben kennenzulernen.

Das ist doch seltsam. In Wirklichkeit geht es natürlich darum, daß jemand die Lehren derjenigen Organisation kennenlernt, deren Mitglied er meist von Geburts wegen ist. Es gibt also, entgegen einem bekannten Philosophen, zweijährige Protestanten und Muslime... Es wäre meines Erachtens wünschenswert, sich eindeutiger auszudrücken.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.04.2012 um 21.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20470

Zum einen geht es doch hier um die Gegenwart, und da muß man schon sagen, daß das Christentum nicht nur gegenüber dem Islam, sondern auch im Rückblick auf seine eigene mittelalterliche Vergangenheit einigermaßen geläutert erscheint. Bibel und Koran nehmen sich gegenseitig nicht viel, beide muß man auch historisch sehen, vieles darf man in beiden nicht allzu wörtlich nehmen. Wie sich heute die beiden Religionen darstellen, darauf kommt es an. Und da unterscheiden sich die islamischen Diktaturen doch sehr von den westlichen Demokratien, die nur noch christlich geprägt sind, aber eine weitgehende Trennung von Staat und Kirche vollzogen haben.

Zum andern, ich fordere die Religionsfreiheit nicht von den Religionsgesellschaften, sondern, wie ich geschrieben habe, die Religionsgesellschaften stellen verschiedene Forderungen an den Staat. Natürlich entscheidet der Staat, aber die Religionen müssen bestimmte Spielregeln einhalten, sonst haben sie von vornherein gar keinen Anspruch. Solange noch ein großer Teil der Bevölkerung bei uns und im Ausland religiös befangen ist, kann sich der Staat nicht ganz heraushalten, muß regulieren. Gläubige sind eben auch Wähler. Ob wir nun sagen, daß er die einen bevorzugt, oder ob wir es so formulieren, daß er die anderen hintanstellt, das sind doch nur zwei Seiten einer Medaille. Es ist eine Ungleichbehandlung, die, das wollte ich vor allem sagen, zur Zeit gerechtfertigt ist, für die sich der Staat nicht zu entschuldigen hat! Insgesamt aber geht mir die Trennung von Staat und Kirche bei uns auch noch nicht weit genug, das ist ganz klar.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 18.04.2012 um 17.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20469

Auch und gerade im Christentum galt Apostasie von jeher als todeswürdiges Verbrechen. Wo Christen herrschten, kam man auch für weit geringere Vergehen auf den Scheiterhaufen, das galt auch für fromme, gottesfürchtige Christen, siehe Giordano Bruno oder Jan Hus. Es war, glaube ich, Nietzsche, der feststellte, daß es nicht die Menschenfreundlichkeit der Christen ist, die sie hindert, uns auf den Scheiterhaufen zu bringen, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenfreundlichkeit.

Solange es hier erlaubt ist, chirstliche Kirchen zu bauen – und warum sollte es nicht erlaubt sein? –, hat auch jeder Moslem das Recht, so große und prächtige Moscheen zu bauen, wie es ihm paßt! Eine architektonische Bereicherung für unsere Städte sind sie allemal. Im übrigen dürfen auch die Piusbrüder ihre Kirchen unterhalten, obwohl sie die Religionsfreiheit ausdrücklich ablehnen.

Zu Herrn Mahlmann: Warum sollen wir den einen Karfreitagsbrauch vom anderen trennen? Beide gehören gleichermaßen zur christlich-abendländischen Kultur (und beide richten sich aggressiv gegen diejenigen, die keinen Bedarf haben, in der Karfreitagsprozession mitzumarschieren). Aber bleiben wir beim weniger blutigen. Es fällt auf, daß Christen, darauf angesprochen, sehr schnell versuchen, den Unterschied zwischen "allgemeiner Feiertag" und "stiller Feiertag" zu verwischen. Ich habe nichts gegen religiöse Feiertage. Warum ist nicht auch Yom Kippur gesetzlicher Feiertag oder das Opferfest? Wie weit reicht da die Toleranz der Christen? Niemand, auch Christen nicht, scheint aber etwas dagegen zu haben, daß zumindest in bestimmten Branchen an Karfreitag gearbeitet wird. Konzerte, Theateraufführungen und Kinovorstellungen sind ja nicht generell verboten. Die Christen wollen nur, mit staatlicher Unterstützung per Sondergesetz, bestimmen, was auf dem Spielplan steht. Ein Oratorium in cis-moll oder die Matthäuspassion sind in Ordnung, die "Fledermaus" nicht. In einem Land, in dem Zensur qua Grundgesetz verboten ist, bestimmen Behörden, welche Filme sittlich geug sind, um im Kino gezeigt werden zu dürfen.

Christen sehen immer schnell ihre Religionsfreiheit bedroht, wenn sie anderen nicht mehr vorschreiben können, was sie zu tun oder zu lassen haben (das gilt auch für die Friedhofsordnungen).

"Der Bildungsauftrag des Staates umfaßt auch, den Kindern die Religion nahezubringen, damit sie sich frei dafür oder dagegen entscheiden können." Ja, eben! Ich bin sehr für Religionsunterricht an unseren Schulen, damit dem verbreiteten religiösen Analphabetismus entgegengewirkt wird, den der bornierte Konfessionsunterricht zementiert. Man kann in diesem Land ein Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife bekommen, ohne von den großen geistesgeschichtlichen Leistungen der Menschheit je etwas gehört zu haben. Was sind die vier Edlen Wahrheiten des Buddhismus? Was ist die Kritik des Mahayana am Hinayana? Was sind die Grundideen des Zen? Hat der Dalai Lama überhaupt noch etwas mit den Lehren des Buddha zu tun? Was ist der Rgveda? Wer war Mahavira? Was sind die wichtigsten jüdischen Feiertage und was wird da gefeiert und wie? Was sind die verschiedenen Konfessionen des Islam, was hat es auf sich mit Sunniten, Schiiten, Ismaeliten, Wahabiten, Aleviten? Und was ist mit der Ahmadiyya, ist das überhaupt noch Islam? Was hat Baha'ullah gelehrt (und wann und wo?) 13 Jahre "Religions"unterricht, und keinen blassen Schimmer. (Ein ganzes Schuljahr für jedes der genannten Themen und noch mehr!) Ganz zu schweigen von der Vermittlung der angeblich "eigenen" Religion (als ob ein zehnjähriges Kind eine eigene Religion haben könnte, die ihm nicht von außen eingeimpft wurde!) Als es im WDR noch die Sendung "Hallo Ü-Wagen" gab (wurde inzwischen aus Kostengründen eingespart, deshalb sollen jetzt ja auch meine Radiogebühren verdreifacht werden), zitierte bei einer Sendung zum Thema Konfessionsunterricht die Moderatorin (und Christin) Julitta Münch noch brav den Anfang der christlichen Bibel: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", erklärte dann aber in Übereinstimmung mit dem Umstehenden, nicht den Anfang der jüdischen Bibel zu kennen! Sie hat also noch nicht einmal etwa Relevantes über die Grundlagen ihrer eigenen Religion erfahren!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.04.2012 um 16.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20468

Das wären wohl eher Fälle für das Strafrecht. Die Forderung nach Religionsfreiheit kann meiner Ansicht nach nicht gut an Religionsgesellschaften adressiert werden, sondern nur an den Staat.

Wünschbar wäre ein Staat, der Religionsgesellschaften sozusagen überhaupt nicht kennt, statt einige davon zu bevorzugen. Interessant werden jetzt in Bayern die juristischen Eiertänze sein, wenn es wieder mal um die Konkordatslehrstühle geht. Ansatzpunkt ist eine Klage wegen der Besetzung eines solchen Lehrstuhls hier in Erlangen. Näheres in der Presse oder im Internet. Theologische Lehrstühle an staatlichen Universitäten sind schon kurios, aber nun erst nichttheologische Lehrstühle, die nur mit Zustimmung des Bischofs besetzt werden können! Seit der Steuerzahler auch die Ausbildung und Beschäftigung muslimischer Theologen, Religionslehrer und Militärseelsorger bezahlen muß, könnte es leichter zu einer Besinnung über die anderswo selbstverständliche Trennung von Staat und Kirche kommen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.04.2012 um 15.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20467

Den Koran mögen die Muslime in Deutschland verteilen und vielleicht dabei auch selbst etwas über Freiheit, Offenheit und Pluralität in den abendländischen Demokratien lernen. Und wenn nicht, so richten sie jedenfalls damit keinen Schaden an.

Wenn sie aber weitergehende Forderungen nach Gleichberechtigung ihrer Religion stellen (Moscheen, islamischen Religionsunterricht in Schulen, vielleicht sogar staatliche Unterstützung beim Einzug von Steuern ähnlich der Kirchensteuer und anderes), dann muß der Islam zuerst einmal selbst die Grundvoraussetzung der Religionsfreiheit erfüllen: So, wie jeder Mensch aus freier Überzeugung einen Glauben annimmt, muß er auch, falls er diesen Glauben einmal nicht mehr teilt, frei und unbehelligt wieder gehen dürfen. Solange die Vertreter des Islam das nicht anerkennen, solange Konvertiten und andere vom Islam Abgefallene um ihr Leben bangen müssen, kann und darf es für den Islam bei uns auch keine allgemeine religiöse Gleichberechtigung geben.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 17.04.2012 um 21.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20461

Die andere Backe sollte man aber nicht allzu oft hinhalten müssen, Zahnersatz ist teuer.

Es ist notwendig, so manche Aussage einer heiligen Schrift zu hinterfragen. Auf christlicher Ebene würde ich da mit dem ''die andere Backe hinhalten'' anfangen. Könnte das vielleicht ironisch gemeint sein? Inwieweit verhindern solche doch etwas seltsamen Glaubenssätze das Erkennen neuer Phänomene, wie z. B. Mobbing? In der Bibel wird Mobbing nicht erwähnt, obwohl es erwiesenermaßen zu riesigen Problemen und unschuldigen Opfern führt. Dagegen ist so manches andere Gebot eher lächerlich. Für mich ist das der Beweis der Nichtexistenz Gottes. Ein allwissender und wohlmeinender Gott hätte die Leute vor solchen schwer zu erkennenden Phänomenen gewarnt, seine zehn Gebote aber sorgen eher für zusätzliche Schwierigkeiten, weil sie nicht konditional sind, anstatt welche zu lösen.

Der Bildungsauftrag des Staates kann nur umfassen, Kinder und Jugendliche über Religionen aufzuklären, ihnen ''die Religion nahezubringen'' hieße, sie einer bestimmten Religion zuzuführen, was klar grundgesetzwidrig ist. Selbst wenn Sie dies im Sinne von ''Religionen'' gemeint haben, hieße das, irgend eine Religion z. B. dem Atheismus vorzuziehen. Wie steht es hier mit Scientology, laveyanischer Satanismus oder den Pastafaries?

Die ''Grundschrift'' allein sagt wenig über die Religion an sich aus, insbesondere, wenn diese schon seit Jahrtausenden existiert und sich in div. Konfessionen aufgespalten hat.

Man sollte einmal jüdische oder moslemische Gelehrte fragen, inwieweit diese die Widergabe ihrer heiligen Schriften in einer reformierten Schreibung (der Originalsprache wie auch anderer Sprachen) akzeptieren. Kann es eine religiöse Organisation zulassen, daß durch Schrift- bzw. Sprachreformen der Inhalt verwässert bzw. unverständlich wird? Hat man auf christlicher Seite geprüft, ob die Reform zu Mißverständnissen führen kann?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.04.2012 um 21.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20460

Ich habe den Eindruck, daß die Zürcher Bibel abgesehen von der normalen Schweizer ss-Schreibung keine Rechtschreibungs-Verrücktheiten enthält.
"Die Zürcher Bibel wurde 1987 - 2007 im Auftrag der Synode der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich nach dem Grundtext aufs Neue übersetzt. Ihr Herausgeber ist der Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich." Sie bemüht sich "um gößtmögliche Nähe zu den jeweiligen Sprachen der Ausgangstexte". "Die kulturelle Differenz zwischen der damaligen Welt und der heutigen wird nicht eingeebnet. Das heißt auch, daß ... Fremdes nicht dem bekannten Eigenen angeglichen ... wird."
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 17.04.2012 um 21.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20459

Ich bin kein Katholik und weit davon entfernt, die katholische Amtskirche zu verteidigen, aber ich bin Christ und nehme das ernst.
Natürlich muß die Kirche (alle Konfessionen) anerkennen und dazu stehen, daß im Namen des Glaubens schreckliche Verbrechen geschehen (sind); das ist aber kein Grund, die Forderung nach Karfreitagsruhe mit Gewalt gegen Juden in Verbindung zu bringen.

Wer verlangt, das Verbot von fröhlichen Vergnügungsveranstaltungen an Karfreitag aufzugeben, muß ebenso für die Abschaffung des Karfreitags als Feiertag sein – konsequenterweise für die Abschaffung aller christlichen Feiertage. Wer aber den freien Tag will, muß auch den christlichen Hintergrund akzeptieren. Und der Tag, an dem Jesus an's Kreuz geschlagen wurde, ist eben ein Tag der andächtigen Stille.

Als Christ ist man nicht gegen Juden, Muslime etc., sondern vertraut auf Glaube, Liebe, Hoffnung, hält schon mal die andere Backe hin und weiß, daß man nicht ohne Schuld ist, und wirft nicht den ersten Stein.

Zur Religionsfreiheit gehört nicht nur, nicht religiös zu sein, sondern auch, es sehr wohl zu sein. Der Bildungsauftrag des Staates umfaßt somit auch, Kindern und Jugendlichen die Religion nahezubringen, damit sie wissen, worum es geht, und sich frei und bewußt dafür oder dagegen entscheiden zu können. In Deutschland ist die vorherrschende Religion nun mal das Christentum; kein vernünftiger Mensch aber hat etwas gegen Schulunterricht anderer Religionen.

Die Reaktion der CDU/ CSU auf die Koranverteilung ist natürlich übertrieben. Als Protestant begrüße ich, daß den Menschen die Grundschrift nahegebracht wird; Luthers Losung ist nicht umsonst "sola scriptura". Soll jeder lesen, was geschrieben steht, und sich ein eigenes Bild machen.

Ich suche schon seit geraumer Zeit eine neue Bibel – in bewährter Rechtschreibung natürlich. Nix zu machen. Die Kirchen sind alle auf KMK-Schrieb eingenordet. Selbst Patientenverfügungen sind dermaßen auf 96er-Version getrimmt, daß sie mißverständlich werden – bei einem solch sensiblen Thema!
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 17.04.2012 um 17.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20458

Lese gerade in einer ansonsten unwesentlichen Tageszeitung (Kreuzberger Käseblatt) unmittelbar nebeneinander zwei Kurzmeldungen. Die Druckerei, die die Koranausgabern liefern sollte, verzichtet angesichts des gefühlten oder tatsächlichen öffentlichen Drucks auf das gute Geschäft und gibt den Druckauftrag zurück. Und die Piusbrüder (das sind die, die meinen, außer der römisch-katholischen Kirche dürfe keine Religion öffentlich auftreten) steht unmittelbar davor, in allen Ehren wieder in die Amtskirche (das ist eine von denen, deren Konfessionsuntericht an unseren Schulen staatlich verordnet wird) aufgenommen zu werden. Deutschland im Jahre des HErrn 2012. Ein Land, in dem an Karfreitag immer noch Tanzveranstaltungen und Operettenaufführungen verboten sind (wg. staatlicher Neutralität und so).

Aber ansonsten muß man den Salafisten (oder Salafiten, es gibt beide Formen) zu dem gelungenen PR-Gag gratulieren. Ein paar Infostände mit Gratiskoran veranstalten und etwas vom Planziel 25 Milionen schwadronieren (dafür müssen sie sich noch viele Wochenenden die Beine in den Bauch stehen, die tatsächlich bisher verteilte Zahl dürfte wohl eher bei 25000 liegen), irgendwann kriegt es auch die CDU/CSU mit, und schon redet das halbe Land über nichts anderes. Und das bei einem Ereignis, das an sich ähnlich relevant ist, wie wenn einige Sanyassins sich hinstellen und die Bhagavadgita verteilen. Aber prompt lassen unsere C-Politiker (und einige andere) die Hosen runter und zeigen, was sie von Religionsfreiheit halten, indem sie ein Verbot dieses unchristlichen Treibens fordern. Ach ja, das christliche Abendland, die Grundlage unserer Kultur, ist bedroht. Die christlich-abendländische Kultur, bei der vielerorts an Karfreitag Judenverprügeln zum Volkssport wurde – was die kirchlichen und staatlichen Obrigkeiten offenbar weit weniger gotteslästerlich fanden als das Aufführen lustiger Tänze.

Aber weil wir hier ja vornehmlich über Sprache reden wollen: Gleich auf der Titelseite der verteilten Korane steht ausdrücklich "Seine ungefähre Bedeutung in deutscher Sprache". Das spricht für ein Bewußtsein, daß der Text interpretationsbedürftig ist und Übersetzungen problematisch sind. Immerhin ein wohltuender Unterschied zu diversen Evangelikalen, die Übersetzungen von Übersetzungen hundertmal abgeschriebener Texte für wortwörtlich wahre Offenbarung Gottes halten (und außerdem noch Anekdotensammlungen mit historischen Berichten verwechseln).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.04.2012 um 15.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20456

Der Islam des Osmanischen Reiches scheint ein völlig anderer als der seiner Nachfolgestaaten gewesen zu sein. Der Islamwissenschaftler Prof. Thomas Bauer führt den jetzigen auf die Kolonialherrschaft zurück.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.04.2012 um 04.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20451

Ich verteidige nicht den Islam (der mir so fern steht wie andere Religionen), sondern die Vergleichbarkeit der abrahamitischen Religionen. Gestern stand in der FAZ ein großer Artikel von Angelika Neuwirth zur Einheit der drei Religionen, ganz in meinem Sinne.

Wer die Bibel partout nicht lesen will, kann ja schon mal den Beitrag "Gewalt in der Bibel" bei Wiki zur Kenntnis nehmen. Was aus der NT-Feindesliebe in der historischen Praxis geworden ist, wäre auch zu bedenken, wenn man sie denn "an ihren Früchten erkennen" soll.

In jeder Koran-Einführung steht etwas über die zivilisatorische Wirkung dieses Werks, ebenso wie beim AT mit seinen Grausamkeiten. Also etwa Einschränkung der Blutrache, Verbot der Kindestötung (unerwünschte Mädchen ...), Almosenpflicht, Einhaltung von Verträgen, Beschränkung der Polygamie, Alkoholverbot usw.

Ich fühle mich aber als Verteidiger der Religion nicht besonders wohl und werde nun dazu nichts mehr sagen außer: "Lest!"

Ein deutscher Innenminister hat gestern gesagt: Wenn sich herausstellen sollte, daß die Koranverteilung mit saudiarabischem Geld unterstützt wird, sollte Deutschland keine modernen Waffen mehr an Saudiarabien liefern. Fragt sich natürlich, wie man die Portokasse der saudischen Regierung überwachen soll – abgesehen von der sonstigen Absurdität dieser Einlassung.
 
 

Kommentar von Thomas Frieling, verfaßt am 17.04.2012 um 00.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20450

Antwort auf #20423
"Erschlagt sie" ist ja eine recht klare Aufforderung. Sure 9, Vers 5 fordert ebenfalls zum Töten auf.

Das Schlimme daran ist der Aufforderungscharakter. Es wird nicht einfach eine vergangene Geschichte nacherzählt. Da spricht der Religionsstifter zu seinen Anhängern.

Mir ist nicht klar, wieso das heruntergespielt und verteidigt wird.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 16.04.2012 um 17.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20449

#20418

Wer behauptet, daß Religionen immer ''gut'' sein müssen? Oder, anders herum, jede Religion definiert selber, was als ''gut'' zu gelten hat. Und wer weiß schon, was Gott, sollte er tatsächlich existieren, als ''gut'' ansieht?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2012 um 14.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20447

Unser alter Freund Joachim Herrmann, Islamgelehrter und bayerischer Innenminister, ist auch ein großer Rechenkünstler. Sonst wäre er anläßlich der Koran-Verteilung nicht zu so umwerfenden Einsichten gekommen: "Sogar wenn ein Exemplar nur ein Euro kosten sollte, gehen die Gesamtkosten bei der Verteilung von mehreren Millionen Büchern in die Millionen." (dpa 16.4.12)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.04.2012 um 18.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20429

Merkwürdigerweise steht in der Septuaginta Deutsch von 2009 bei Hesekiel 21 etwas etwas Anderes (obwohl auch ziemlich Unverständliches).
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 15.04.2012 um 16.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20427

Zu #20425/6: Ich hab an unserm College vorvorgestern und vorgestern mal ganz naïv und ohne weitere Vorbereitung einige Leute "schnell mal" gefragt, ob sie in der letzten Woche, "na, sagen wir in den letzten zehn Tagen" in irgendwelchem Zusammenhang den Namen Günter Grass gehört oder gelesen hätten. Von dreizehn, zumeist Professoren, aber auch zwei, drei Studenten, nur drei. (Unter den Nein-Leuten war auch eine Poeta laureata eines Staates! Einer von den drei Ja-Leuten war ein früherer Student von mir; er las regelmäßig einen deutschen Nachrichtenticker!) Da zeigt sich, wie es in den USA ist, wenn eine nationale US-Zeitung, von der angegeben worden war, daß sie Grass' neues Gedicht bringen würde, es dann aber eben doch nicht bringt, weil dessen offene Diskussion offenbar doch nicht ganz gewünscht wird.

Ich bin übrigens einer von denen, die den Text als Gedicht gar nicht so schlecht finden. Denn wenn vor fast 100 Jahren "The Love Song of J. Alfred Prufrock" ein Schocker war, weil es als ein einfach ungewohntes und deshalb unakzeptables Liebeslied in keine Gewohnheit paßte, kann ich nicht gut begründet gegen die Qualität von "Was gesagt werden muß" protestieren, wenn da das Strukturelement "Inhalt eines Leitartikels" offenbar doch in Verse und Strophen gesetzt worden ist. Wenn hier "ich" steht, dann fühle ich mich auch an "Let us go then, you and I" erinnert, und ich weiß, daß "I" hier nicht dasselbe ist wie die Person T. S. Eliot, und ich nehme deshalb auch nicht naïv an, daß "ich" hier, wenn da steht "Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist", absolut Günter Grass persönlich ist. Denn der versteht schon etwas von Literatur und wie sie funktioniert.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.04.2012 um 14.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20426

Gut so.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 15.04.2012 um 11.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20425

Ob der Bundespräsident wohl noch etwas dazu sagt? Zu Grass hat man auch noch nichts von ihm gehört.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.04.2012 um 09.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20424

Ein weites Feld. Ich hatte immer wieder mit Theologen zu tun und habe mich oft gewundert, wie verschieden mit Texten umgegangen werden kann. Wie gesagt, ich war ja sogar an der Theologischen Fakultät einer Universität beschäftigt, wenn auch nur als Griechischlektor. Im Geschäftszimmer der Fachschaft hingen riesige Poster von Marx, Lenin und vielleicht auch anderen, an die ich mich nicht mehr erinnere, an der Wand. Das war vielleicht nur ein bißchen kokett, aber in den 70er Jahren im roten Marburg (Hans Heinz Holz als Philosoph, Wolfgang Abendroth als Politologe) auch nicht abwegig. Ich habe auch noch Rudolf Bultmann gehört und manches zur "Entmythologisierung" gelesen. Später hatte ich auch Kontakt zur katholischen Seite.

Also was mich wunderte: Da wurde ja einerseits solide Philologie gepflegt, und die "Einleitungen" (ins AT, NT), die einer besonderen "Einleitungswissenschaft" entstammen, sind aller philologischen Ehre wert. Aber was die Theologen dann den Gemeindemitgliedern erzählen, ist unendlich weit davon verschieden. Die ganze neuzeitliche Bibelkritik scheint dann vergessen. Ich will das nicht weiter erörtern, schon gar nicht moralisch, es ist ja nicht mein Problem. Aber es zeigt doch ganz schön, was man mit Texten alles machen kann, und das mal nicht an vergleichsweise exotischen Texten, sondern tief vertrauten, nicht wahr? Dies nur als Mahnung angesichts solcher Sprüche wie "Koran ist ok, aber die Auslegungen!" Das haben wir alles schon sehr lange und zum Teil sehr kraß im eigenen Hause!

Ich hatte versucht, gegen das wohlfeile Wort vom "jüdisch-christlichen Europa" mal eine andere Einheit, nämlich die abrahamitischen Religionen in Stellung zu bringen. Die schnelle Behauptung der Unvergleichbarkeit leuchtet mir überhaupt nicht ein. Die Religionswissenschaft und besonders die Islamwissenschaft weiß ich auf meiner Seite.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.04.2012 um 00.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20423

Ich blättere in der DDR-Koran-Ausgabe vom Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1984, die ebenfalls die Übersetzung von Max Henning wiedergibt. Darin hatte ich mir z. B. Sure 2, Vers 186-191 angestrichen. Ich frage mich, ob Herr Frieling dies mit "offener Feindseligkeit gegenüber allen anderen" meint?

Und bekämpft in Allahs Pfad, wer euch bekämpft; doch übertretet nicht [Indem ihr zuerst den Kampf beginnt]; siehe, Allah liebt nicht die Übertreter.
Und erschlagt sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wannen sie euch vertrieben; denn Verführung ist schlimmer als Totschlag. Bekämpft sie jedoch nicht bei der heiligen Moschee, es sein denn, sie bekämpften euch in ihr. Greifen sie euch jedoch an, dann schlagt sie tot. Also ist der Lohn der Ungläubigen. So sie jedoch ablassen, siehe, so ist Allah verzeihend und barmherzig.
Und bekämpfet sie, bis die Verführung aufgehört hat, und der Glauben an Allah da ist. Und so sie ablassen, so sei keine Feindschaft, außer wider die Ungerechten.
Der heilige Monat – für den heiligen Monat und (für) die heiligen Stätten Vergeltung! Wenn sich einer wider euch erhebt, erhebet euch wider ihn, so wie er sich wider euch erhob, und fürchtet Allah und wisset, daß Allah mit den Gottesfürchtigen ist.
Und spendet in Allahs Weg und stürzt euch nicht mit eigner Hand ins Verderben; und tut Gutes, denn siehe, Allah liebt die Gutes Tuenden.

Das ist sicher ein sehr archaischer, kriegerischer Text, aber ich kann darin keinen allgemeinen Aufruf zum Angriffskrieg gegen alle "Ungläubigen" erkennen. Es ist doch nicht zu übersehen, daß es stets nur um Verteidigen, Vergelten, Zurückschlagen geht. Vielleicht wird der Koran von Fundamentalisten anders interpretiert. Aber das ist dann auch ein anderes Thema.
 
 

Kommentar von RvT, verfaßt am 14.04.2012 um 14.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20422

Zu #20413: Genau das sollte man zumindest die Verteiler tunlichst nicht fragen und sich bei einer zweckentfremdenden Aktion auch nicht sehen lassen. Und das unterscheidet diese Verteilaktion, ganz unabhängig vom Inhalt, doch von vielen denkbaren anderen.
 
 

Kommentar von Thomas Frieling, verfaßt am 14.04.2012 um 11.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20421

Die Aussage der Rezension erinnert zum Ende hin an das Gerede der Schneider des Kaisers. Das Gewebe des hier behandelten Buches ist so komplex, daß es dem einfach gestrickten Leser seine einzigartigen Qualtiäten niemals offenbaren kann.

"Die hypertextuelle Struktur des Textes macht es jedoch unmöglich, einzelne Aussagen zu isolieren." Auf daß niemand das Offensichtliche ausspreche, ohne sich dem Vorwurf der Dummheit auszusetzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.04.2012 um 06.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20419

Wie ich gerade sehe, verteilen die Salafisten die weitverbreitete Übersetzung von Max Henning. Die ist von keiner Geringeren als Annemarie Schimmel bei Reclam neu herausgebracht worden. Wiki bietet unter "Koran-Übersetzungen" einen umfassenden Überblick. Lesenswert ist trotz mancher Bedenken auch die Besprechung von Stefan Weidner zu Hartmut Bobzins kommentierter Neuübersetzung: www.faz.net.
Wer dann noch von "sonnenklaren" Anweisungen im Koran sprechen möchte, kann es meinetwegen tun.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 14.04.2012 um 06.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20418

In der Bibel steht auch jede Menge Schrott drin. Beispielsweise gibt es in Hesekiel 21 das "Lied vom Schwert des Herrn":

[...] und sag zu ihm: So spricht Gott, der Herr: Nun gehe ich gegen dich vor. Ich ziehe mein Schwert aus der Scheide und rotte bei dir die Gerechten ebenso wie die Schuldigen aus. Weil ich bei dir die Gerechten und die Schuldigen ausrotten will, deshalb wird mein Schwert aus seiner Scheide fahren, gegen jeden Sterblichen vom Süden bis zum Norden. Dann werden alle Sterblichen erkennen, dass ich, der Herr, mein Schwert aus der Scheide gezogen habe. Es wird nicht mehr in die Scheide zurückkehren. [...] So spricht Gott, der Herr: Sag: Ein Schwert, ein Schwert, geschärft und poliert. Zum Schlachten, zum Schlachten ist es geschärft; um wie ein Blitz zu leuchten, ist es poliert. [...] Man gab es zum Polieren, dann packt es die Faust, ein Schwert, geschärft und poliert für des Henkers Hand. [...] Verdoppelt wird das Schwert, ja verdreifacht. Ein Schwert zum Morden ist es, zum Morden, das gewaltige Schwert, das sie durchbohrt. [...] Ja, zum Blitzen bist du gemacht, zum Schlachten poliert. Zeig, dass du scharf bist! Zucke nach rechts und nach links, wohin deine Schneide gelenkt wird. [...] Ich, der Herr, habe gesprochen.

Man müßte die Bibel und den Koran radikal ausmisten, bis nur noch gute Botschaften übrigbleiben. Aber das ist natürlich nicht möglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.04.2012 um 06.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20417

Natürlich ist der Koran so wenig "sonnenklar" wie andere religiöse Schriften. Den Salafisten wird ja gerade vorgeworfen, daß sie eine bestimmte einseitige Auslegung vornehmen. Es gibt im Islam so viele theologische Schulen wie im Christentum.

Auch Philosophen lassen sich verschieden auslegen, ob sie nun ironisch-perspektivisch geschrieben haben wie Platon oder trocken-sachlich wie Aristoteles oder Kant. Immerhin war Platon derjenige, der das Problem am klarsten ausgesprochen hat: Wenn ein Text einmal in der Welt ist, läuft er herum wie ein herrenloses Tier, und jeder kann damit machen, was er will.

Mein Hauptpunkt war, daß die drei abrahamitischen Religionen eine auffällige Gemeinsamkeit haben: die Hervorhebung der Rechtgläubigkeit. Darauf gehen Sie, lieber Herr Frieling, gar nicht ein, sondern bestreiten einfach die Vergleichbarkeit der Texte, was ich als eifriger Leser überhaupt nicht verstehen kann.
 
 

Kommentar von Thomas Frieling, verfaßt am 13.04.2012 um 22.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20414

Religionsdebatten werden besser anderswo geführt. Aber mit allem Respekt, Herr Strowitzki und Herr Professor Ickler: den Koran, der sonnenklare Anweisungen an die Gläubigen beinhaltet, kann man nicht mit der Bibel vergleichen.

Bitte werfen Sie einen Blick hinein, und sehen Sie selbst, zu welch offener Feindseligkeit gegenüber allen anderen die Gläubigen dort durch den Propheten persönlich aufgerufen werden.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.04.2012 um 21.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20413

Gehören die Freiexemplare bei Nichtgefallen eigentlich in die blaue oder in die grüne Tonne?
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 13.04.2012 um 20.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20411

"Die Ankündigung der Pius-Brüder, in den Fußgängerzonen verschiedener Städte kostenlos Bibeln zu verteilen, ist parteiübergreifend auf scharfe Kritik gestoßen. Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag erklärte, dieser Mißbrauch der Religionsfreiheit gefährde das friedliche Zusammenleben von Christen und Deutschen. Das Verteilen von Bibeln an sich sei nicht zu beanstanden, es sei aber zu befürchten, daß damit Leute angelockt werden sollten, die dann andere, gefährlichere Schriften dieser Gruppe bekämen. Der bayerische Innenminister sagte, das Verteilen der Bibeln sei nur ein Vorwand. In Wirklichkeit gehe es den Piusbrüdern darum, zu missionieren. Die Generalsekretärin der SPD forderte, die christlichen Organisationen sollten sich von undemokratischen und frauenfeindlichen Positionen distanzieren. Der FDP-Vorsitzende sagte, gegen das bloße Verteilen von Bibeln gebe es keine Handhabe. Der Verfassungsschutz kündigte an, die Aktion zu beobachten. Die Grünen-Politikerin Göring-Eckhardt äußerte Zweifel an der Qualität der Übersetzung. Vermutlich sei sie nicht in gerechter Sprache verfaßt."
Soweit die Berichterstattung heute früh im "Morgenecho". Oder sollte ich im morgendlichen Halbschlaf irgendetwas falsch verstanden haben?
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 13.04.2012 um 18.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20410

"Jedenfalls kann man AT, NT und Koran durchaus als Zusammenhang begreifen und braucht sich nicht auf die alten Kämpfe einzulassen, die, wie gesagt, ganz auf Konfrontation unter Kindern desselben Stammes ausgerichtet waren."

Um sich nicht auf Kämpfe einzulassen, scheinen manche in Deckung gehen zu müssen. Ich kann nicht beurteilen, wie wichtig Christoph Luxenberg als Wissenschaftler zu nehmen ist, denke aber, daß er seine Arbeiten über den Koran aus gutem Grund unter Pseudonym veröffentlicht. Betrachtungen im genannten Zusammenhang stoßen bei Moslems nicht auf ungeteilte Begeisterung.

Das Geschwätz von Leuten wie Pierre Vogel im Ohr, kann ich Kauder übrigens verstehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2012 um 09.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20409

Kauder sagte: "Ich verurteile die Aktion scharf. Der Koran wird hier für extremistische Umtriebe missbraucht." Zu Recht distanzierten sich muslimische Verbände in Deutschland von diesem Missbrauch der Religionsfreiheit. "Im Übrigen würde mich dringend interessieren, woher das Geld für diese Aktion stammt", sagte der CDU-Politiker. (Hamburger Abendblatt 13.04.2012)

Das geht ihn nun wirklich nichts an. Woher das Geld für die kostenlosen Bibeln stammt, wird ja auch nicht gefragt. Auch dürften wohl nur die Muslime beurteilen können, ob die Aktion ein Mißbrauch des Korans ist.
Übrigens gibt es die Ansicht, daß der Koran (die Überraschung über den Inhalt überrascht mich ...) eigentlich eine "christliche" Schrift sei, nur eben mit revolutionärer Wiederherstellung des strengen Monotheismus, der den Muslimen durch Trinität, Marienkult usw. verwässert worden zu sein schien. Ich muß aber gestehen, es ist schon etwas länger her, daß ich die Diskussion (u. a. um den Erlanger Gelehrten Lüling) verfolgt habe, und ich bin über den gegenwärtigen Stand der Forschung nicht gut informiert. Navid Kermani hat ja auch kürzlich über den Koran geschrieben und wird allgemein gelobt. Jedenfalls kann man AT, NT und Koran durchaus als Zusammenhang begreifen und braucht sich nicht auf die alten Kämpfe einzulassen, die, wie gesagt, ganz auf Konfrontation unter Kindern desselben Stammes ausgerichtet waren. Aber daran scheinen Kämpfer wie Kauder kein Interesse zu haben.

Der Religionsunterricht versäumt anscheinend die Hauptsache. Die Grundtexte werden nicht gelesen – in 13 bzw. jetzt 12 Jahren mit erst drei, dann zwei Wochenstunden bis zum Abitur! Eine meiner Töchter fragte mich als Grundschülerin: Papa, warum reden wir in Reli über Kläranlagen? Das konnte ich ihr leider auch nicht sagen. Ich habe ja den künftigen Religionslehrern Griechisch beigebracht, aber was sie damit angefangen haben, weiß ich nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2012 um 09.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20408

Wenn wir damit erst anfangen, stehen wir bald vor der Frage, wie es sich denn mit der Bibel verhält. Zum Glück (für den "Religionsfrieden") liest niemand die (bis auf ein paar ausgewählte Stellen). Vgl. vorläufig Franz Buggle.

Um die Diskussion nicht auf dieses leidige Thema zu bringen, möchte ich nur einen Gedanken anfügen, der durchaus mit Sprachlichem zu tun hat. Als interessierter Beobachter finde ich es beachtlich, wie sehr die abrahamitischen Religionen darin übereinstimmen, daß sich ihre Anhänger nicht nur ums eigene Seelenheil sorgen, sondern auch und noch viel mehr um die Rechtgläubigkeit ihrer Mitmenschen. Das scheint schon von den allerersten Anfängen (erstes der zehn Gebote) auszugehen, und die Bekämpfung und Bekehrung, notfalls Vernichtung der Häretiker und Ungläubigen ist bis heute ein herrschendes Motiv. Ich habe am Wochenende gerade die drei Johannesbriefe studiert (von denen die meisten Christen gar nicht wissen, daß es sie gibt), ganz unwichtige Schriften, aus denen aber hervorgeht, daß schon so früh, also etwa um 90 herum, die Bekämpfung von Abweichlern im Gange war. Vgl. Walter Bauers Arbeiten. (Das ist derselbe Autor, der auch das famose Wörterbuch zum NT gemacht hat.)

In der Literatur nun, etwa in Autobiographien, stößt man immer wieder auf die Sorge, daß die Kinder auch wirklich im rechten Glauben erzogen werden, also nicht etwa als Evangelische unter die Katholischen geraten usw. Gerade in so einfältigen Schriften wie dem neulich erwähnten "Jürnjakob Swehn" findet man das in aller Naivität.

Daran mußte ich auch von ein paar Wochen denken, als ich meinen Eintrag "Festung Europa" schrieb. Die "Identität Europas" finde ich nicht sinnvoll, aber die Welt der "Rechtgläubigkeit" im erwähnten Sinne scheint mir schon ein gewisses gemeinsames Klima geschaffen zu haben. In anderen Regionen, etwa Indien, scheint das bei weitem nicht in diesem Maße der Fall zu sein. Es gibt unendlich viele Schulen des Hinduismus und des Buddhismus, aber doch nicht diese Verfolgungswut der einen gegen die anderen.
Am sprachlichen Niederschlag dieser Entwicklung arbeite ich noch.
 
 

Kommentar von Thomas Frieling, verfaßt am 13.04.2012 um 08.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1512#20407

Manch einer, der ein Examplar abbekommen hat, wird es tatsächlich lesen und sich wundern, daß es legal ist, solche Texte zu verbreiten. Auch wenn die Ansprüche an die "Grundtexte einer Religion" nicht dieselben sind wie an Parteiprogramme, sollte man sich eine Meinung dazu bilden, was es bedeutet, wenn eine gesellschaftliche Gruppe die darin enthaltenden Schmähungen und Handlungsaufrufe vertritt und verbreitet.

Bislang haben viele Politiker und Journalisten sich um des lieben Friedens Willen vor einer Meinungsäußerung zum Koran gedrückt. Das wird jetzt schwieriger.
 
 

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