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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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21.11.2010
Kognitivismus
Sprachwissenschaft auf Abwegen

Wenn einer etwas tut, dann muß er es können. Dem Sprechen liegt also die Sprachfähigkeit zugrunde. Nennen wir sie "Kompetenz", mit einer Nicht-Übersetzung von Chomskys Sprachgebrauch.

"Fähigkeiten zu beschreiben, fällt in die Zuständigkeit der Psychologie, so daß Chomskys Neudefinition bewirkte, daß die Linguistik zu einem Zweig der kognitiven Psychologie wurde." (Miller, George A. (1995): Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Frankfurt. S. 29)

Durch die Neudefinition wurden also sämtliche Sprachwissenschaftler über Nacht zu Psychologen.

"Die Umdeutung der primär nur syntaktischen, formalen generativen Grammatik in ein psychologisches Modell ist eine erstaunliche intellektuelle tour de force gewesen. Nicht minder erstaunlich ist die dadurch bewirkte Rückverwandlung der nordamerikanischen Linguistik, die sich gerade von der Psychologie emanzipiert zu haben glaubte, in einen Zweig der Psychologie." (Fritz Hermanns: Die Kalkülisierung der Grammatik. Heidelberg 1977:12) (Übrigens ein sehr gutes Buch, zu Unrecht fast vergessen!)

Dabei war die Einführung von Sprecher und Hörer ("idealer Sprecher-Hörer") in die Grammatik schon eine Erschleichung, nämlich, wie Esa Itkonen sagt, eine tautologische Verdoppelung der grammatischen Regeln. (Man könnte von einer Allegorie sprechen.)

Seither haben sich Tausende von Sprachwissenschaftlern zu "kognitiven Psychologen" erklärt, ohne jedes Studium der Psychologie. Natürlich kann eine solche Psychologie nur von der Art der rationalistischen sein, die hauptsächlich als Logizismus zu verstehen ist.

Da nun die Sprachfähigkeit unbestritten im Gehirn ihren Sitz hat, konnte man in den letzten Jahren die Schraube noch ein wenig weiterdrehen: Jetzt gibt es die "Neurolinguistik".

"Wie ist Sprache mental und neuronal repräsentiert? Was für Prozesse laufen in unseren Köpfen ab, wenn wir Sprache produzieren und rezipieren?" (Werbetext für Monika Schwarz: Einführung in die Kognitive Linguistik. 3. Aufl. UTB 2008)

Niemand weiß es, aber es wird schon mal unterrichtet, zahllose Studiengänge in "Kognitiver Linguistik" wurden eingerichtet und zertifiziert.

In der Psychologie wurde ein nettes, aber völlig unbedeutendes Buch von Ulric Neisser viel bestaunt, das Gerd Kegel schon vor 40 Jahren treffend als ein "Konglomerat aus Wahrnehmungspsychologie und Transformationsgrammatik" bezeichnete.

Kritische Stimmen gab es gelegentlich, sie gehen aber im allgemeinen Taumel unter. ("This word 'cognitive' begins to assume a rather pompous self-gratified air." [Colin Trevarthen in v. Cranach u. a.: Human ethology. Cambridge/Paris 1979:583])

In der Linguistik ist ein recht naives Werk von Willem Levelt ("Speaking") fast kanonisch geworden, obwohl die begrifflichen Mängel auf der Hand liegen.

Der Gegenstandpunkt in den Worten Skinners:

"Die Kognitionswissenschaft steht auf dem traditionellen Standpunkt: Das Verhalten hat seinen Ursprung im Organismus. Zuerst denken wir, und dann handeln wir. Wir haben Vorstellungen und fassen sie anschließend in Worte. Wir haben Gefühle, dann drücken wir sie aus. Wir haben Absichten, fällen Entscheidungen und entschließen uns zu handeln, bevor wir wirklich handeln. Dagegen sucht der Behaviorist in der Umwelt nach vorausgehenden Ereignissen und nach der Vorgeschichte der Umwelten von Gattung und Individuum. Die alte Formel von Reiz und Reaktion war ein Versuch, den Ausgangspunkt des Verhaltens in die Umwelt zu verlegen, aber davon ist man längst wieder abgekommen. Die Umwelt wählt das Verhalten aus. Die Verhaltensforschung (Ethologie) untersucht das arteigene Verhalten, das den Kontingenzen des Überlebens in der natürlichen Selektion zugeschrieben werden kann. Die Kontingenzen der operanten Bekräftigung wählen in ähnlicher Weise das Verhalten eines Individuums aus, allerdings in einem ganz anderen zeitlichen Maßstab." (Upon further reflection, S. 94)



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Kommentare zu »Kognitivismus«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2014 um 08.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26063

Die Rußlandkorrespondentin der FAZ meint, die Russen betrachteten aufgrund langer Tradition Besitz als etwas immer nur von der Staatsmacht Zugewiesenes. Das zeige sich auch im Fehlen eines Verbs für "haben", das durch die Konstruktion ersetzt werde, etwas sei bei jemandem.

Nun, die sogenannte "Possessivität" wird in den Sprachen der Welt auf sehr viele verschiedene Weisen ausgedrückt. Es dürfte schwer fallen, dahinter jeweils entsprechende kulturelle oder politische Traditionen auszumachen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2014 um 06.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#25216

Das Hauptinteresse wendete sich auf die Syntax. Doch geschah das nicht etwa in dem Sinne, dass die Tatsachen des Sprachgebrauchs gesammelt worden wären.Man forschte vielmehr nach den im Satze enthaltenen Begriffen. 'Die Grammatik war nicht mehr die Kunst, richtig zu sprechen und zu schreiben. Sie war eine rein spekulative Wissenschaft geworden, welche nicht darauf ausging, die Tatsachen vorzulegen, sondern aus den letzten Prinzipien zu erklären.' Wenn es denn (so kann man weiter im Sinne dieser Denker reflektieren) bei der Sprache wesentlich auf die Begriffe, die Gedanken, das Innere ankommt, so ist die äussere Erscheinung der Sprachen eigentlich gleichgültig. Und so konnte die Frage auftauchen, ob nicht alle Sprachen im Grunde genommen gleich wären, und mit ja beantwortet werden.

Der Kenner wird diesen schönen Rückblick auf Chomsky und seine Schule zu würdigen wissen. In Wirklichkeit stammt der Text von Berthold Delbrück, wurde 1893 veröffentlicht und bezieht sich auf die Scholastik des hohen Mittelalters. Hier noch einmal vollständig und mit dem verräterischen th:

In der Zeit, welche für uns in betracht kommt, vom 12. Jahrhundert an, herrschte in dem grössten Theile von Europa eine Gleichheit der Bildung, von der wir uns heutzutage schwer eine Vorstellung machen können. Den Inhalt der Gedanken bestimmte die Kirche, das Rüstzeug zur Bearbeitung entnahm man dem Aristotelischen Organon (welches hauptsächlich durch die Übersetzung des Boethius bekannt wurde), die Sprache war die lateinische, die überall auf gleiche Weise gelehrt wurde. Das Doctrinale des Alexander de Villa Dei (anfang des 13. Jahrhunderts) wurde in den Schulen diktiert, auswendig gelernt und kommentiert zu Paris, Oxford, Prag, Breslau und Bologna. Natürlich, dass man auf die Formenlehre, welche den Knaben eingebläut wurde, keinen besondern Werth legte (dieser Theil der Grammatik ist ja erst durch die vergleichende Sprachkunde zu rechtem Ansehn gekommen); das Hauptinteresse wendete sich auf die Syntax. Studium grammaticorum praecipue circa constructionem versatur, sagt ein Grammatiker des 13. Jahrhunderts. Doch geschah das nicht etwa in dem Sinne, dass die Thatsachen des Sprachgebrauchs gesammelt worden wären. Eine solche Arbeit lag dem nach innen gekehrten Zeitalter fern. Man forschte vielmehr nach den im Satze enthaltenen Begriffen. 'Die Grammatik war nicht mehr die Kunst, richtig zu sprechen und zu schreiben. Sie war eine rein spekulative Wissenschaft geworden, welche nicht darauf ausging, die Thatsachen vorzulegen, sondern aus den letzten Prinzipien zu erklären.' Wenn es denn (so kann man weiter im Sinne dieser Denker reflektieren) bei der Sprache wesentlich auf die Begriffe, die Gedanken, das Innere ankommt, so ist die äussere Erscheinung der Sprachen eigentlich gleichgültig. Und so konnte die Frage auftauchen, ob nicht alle Sprachen im Grunde genommen gleich wären, und mit ja beantwortet werden. (Berthold Delbrück: Vergleichende Syntax der indogermanischen Sprachen. 1. Teil. Straßburg 1893)

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2013 um 07.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#24400

John Searle zum Beispiel bejubelt die "Wiederentdeckung des Geistes", und Hunderttausende von Philosophen, Psychologen, Linguisten muten uns zu, wieder an Geister zu glauben, die sie allerdings meist als "mind, Psyche, Bewußtsein" usw. verkleiden.

Bezogen auf die allgemeinsprachlich „geistig“ genannten kognitiven Fähigkeiten des Menschen bezeichnet „Geist“ das Wahrnehmen und Lernen ebenso wie das Erinnern und Vorstellen sowie Phantasieren und sämtliche Formen des Denkens wie Überlegen, Auswählen, Entscheiden, Beabsichtigen und Planen, Strategien verfolgen, Vorher- oder Voraussehen, Einschätzen, Gewichten, Bewerten, Kontrollieren, Beobachten und Überwachen, die dabei nötige Wachsamkeit und Achtsamkeit sowie Konzentration aller Grade bis hin zu hypnotischen und sonstigen tranceartigen Zuständen auf der einen und solchen von Überwachheit und höchstgradiger Geistesgegenwärtigkeit auf der anderen Seite. (Wikipedia "Geist")

Ich bitte Sie! Welche Wissenschaft kann es sich gefallen lassen, daß ein Lexikon ihren Grundbegriff so verblasen "definiert"?

Das Duden-Universalwörterbuch definiert die Seele so: Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden, Denken eines Menschen ausmacht; Psyche.

Das ist kürzer, aber nicht besser. Was macht denn das Fühlen, Empfinden und Denken aus?

Vor hundert Jahren hatten viele genug davon, es hat aber augenscheinlich nicht viel geholfen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2013 um 14.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#23492

"Die Rechtschreibung zu erlernen erfolgt grundsätzlich nicht anders als das Erlernen des Rechnens."

Das schreibt ein Sprachwissenschaftler, der auch mal im Rechtschreibrat gesessen hat.

Beim Rechnen wenden wir tatsächlich Regeln an, jedenfalls jenseits des auswendig beherrschten Einmaleins. Das Ergebnis ist jedesmal neu.

Beim Rechtschreiben reproduzieren wir meistens schon einmal gelesene und oft auch geschriebene Wörter usw., das Ergebnis der vermeintlichen Regelanwendung ist also vorab bekannt.

Wenn man diesen Unterschied nicht macht, hat man ein falsches Bild vom orthographischen Schreiben und kommt zu einer falschen Didaktik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2013 um 10.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22797

Bei Günter Jauch hat ein Pokerspieler eine Million gewonnen, weil er ungewollte Signale Jauchs zu deuten wußte und so auch Fragen beantworten konnte, obwohl er die richtige Antwort nicht wußte. Das ist recht interessant, weil es zeigt, daß man durch Übung zum „Klugen Hans“ werden kann, jenem Pferd, das dieselbe Kunst beherrschte. Außerdem spielt ja in der „Theorie des Geistes“ das „Mindreading“ eine gewisse Rolle:

By ‘mindreading’ I mean the attribution of a mental state to self or other. In other words, to mindread is to form a judgment, belief, or representation that a designated person occupies or undergoes (in the past, present, or future) a specified mental state or experience. (Alvin Goldman)

Es wird behauptet, daß das Kind allmählich lerne, daß andere (auch) einen Geist haben, und daß sie so eine naive „Theory of mind“ entwickeln. Wie der Pokerspieler beweist, ist eine solche Deutung nicht nötig, man kann sich auf die wahrnehmbaren Signale beschränken und das Ganze im Bereich des Verhaltens belassen. Das ist vorteilhaft, weil es ja den Geist gar nicht gibt und solche unwissenschaftlichen Fiktionen eher zu vermeiden sind. Kinder haben auch keine naive Theorie des Geistes, sondern gehen mit Gesprächspartnern (wozu auch Tiere usw. gehören können) kommunikativ um und mit Dingen hantierend. Das lernt sich schnell und ist nicht weiter rätselhaft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2013 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22742

Boroditsky hat in einer anderen Studie gezeigt, daß sich Deutsche männliche Apfelsortennamen besser merken können, Spanischsprecher dagegen weibliche, natürlich wegen des unterschiedlichen Genus von Apfel/manzana:
Spanish and German speakers’ memory for object-name pairs (e.g., apple-Patricia) was better for pairs where the gender of the proper name was congruent with the grammatical gender of the object name (in their native language), than when the two genders were incongruent. This was true even though both groups performed the task in English.

Man sollte dabei manches bedenken. Natürlich meint der Deutsche intuitiv, daß Äpfel maskulin zu sein haben: der Boskoop usw., allerdings gilt das auch für an sich weibliche Namen: der Alkmene usw. Eine Ausnahme sind die generischen Bezeichnungen, also die verschiedenen Parmänen und Renetten. Bei Cox Orange schwankt man, ich würde immer sagen: der Cox/die Cox Orange.

Man könnte auch mal die Birnen heranziehen: die Kaiser Alexander, die Clapps Liebling, die Alexander Lucas, die Williams Christ.

Wenn mal ein Schiff nach mir benannt werden sollte, wäre es die Theodor Ickler; ein ICE würde der Annette Schavan heißen.

Vor einigen Jahrzehnten hat Hofstätter die Sonne/der Mond im Vergleich mit anderen Sprachen (sole/luna usw) untersucht und mit dem semantischen Differential keine Unterschiede feststellen können.

Alle bisherigen Versuche sind extrakommunikativ und stehen im Verdacht, daß bloß die Konsistenz der sprachlichen Mittel herausgekommen ist, nicht das wirkliche Verhalten der Menschen in einer möglicherweise sprachdeterminierten Praxis.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2013 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22740

Lera Boroditsky hat in Versuchen mit amerikanischen und chinesischen Studenten (auch letztere allerdings in Harvard eingeschrieben und des Englischen entsprechend mächtig) nachzuweisen versucht, daß die Sprache das Denken beeinflußt. Zeitverhältnisse werden im Englischen überwiegend horizontal (vor – hinter), im Chinesischen überwiegen vertikal (oben – unten) versprachlicht (obwohl das Umgekehrte auch nicht selten ist). Fragen nach dem Früher oder Später wurden jeweils schneller beantwortet, wenn „horizontale“ bzw. „vertikale“ Aufgaben vorangestellt waren:
English speakers were faster to verify that ‘‘March comes earlier than April’’ after horizontal primes than after vertical primes. This habit of thinking about time horizontally was predicted by the preponderance of horizontal spatial metaphors used to talk about time in English. The reverse was true for Mandarin speakers. Mandarin speakers were faster to verify that ‘‘March comes earlier than April’’ after vertical primes than after horizontal primes. („Does Language Shape Thought?: Mandarin and English Speakers’ Conceptions of Time“. Cognitive Psychology 43/2001:1–22, zit. nach einer Online-Fassung)

Boroditsky erklärt dies so:
Language encouraged mappings between space and time may then come to be stored in the domain of time. That is, frequently invoked mappings may become habits of thought. For example, because English speakers often use horizontal metaphors to talk about time, they might grow to think about time horizontally even when not explicitly processing a spatiotemporal metaphor (e.g., when understanding a sentence phrased in purely temporal terms like earlier and later). For the same reasons, Mandarin speakers might grow to think about time vertically.
Es bleibt offen, woher die sprachlichen „mappings“ kommen, wenn nicht aus dem Denken. Bekanntlich spielte in China der Ahnenkult eine große Rolle; die Ahnen wurden als die Oberen verehrt. Außerdem könnten die Reaktionen der Versuchspersonen eine Tendenz widerspiegeln, die Bildlichkeit der eigenen Rede konsistent zu halten. Daher mag es nahegelegen haben, horizontale und vertikale Bilder fortzuführen, eine Angelegenheit des Sprechens, nicht des Denkens. Interessant wäre der Nachweis, daß außersprachliches Verhalten mit solchen Bildern korreliert. Verhalten sich Chinesen bei der Lebensplanung, bei Verabredungen, bei Wettrennen usw. anders als Amerikaner, und hängt das mit der Sprache zusammen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2013 um 09.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22675

Der Toxikologe und Sprachschützer Hermann H. Dieter hat in einem Vortrag vor der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft die These von der erkenntnisfördernden Kraft der Metapher wiederholt:

„Die erklärende, ja schöpferische Kraft jeder Fachsprache und ihr gesellschaftliches Verständigungspotential hängen davon ab, wie tief sie in einen muttersprachlichen Vorrat an präzisen Wendungen, Sprachbildern/Metaphern und Assoziationsmöglichkeiten eingebettet bleibt. (...) Metaphern sind Sprachbilder, die uns helfen, per Analogieschluss von etwas Bekanntem auf die Eigenschaften eines Unbekannten zu schließen. Der Bereich zwischen bekanntem Herkunfts- und unbekanntem Zielbereich heißt Bildfeld. Es wird mit den Lexemmetaphern bildlich belebt bzw.sprachlich aktiviert.“ („Sprachenvielfalt in der Wissenschaft: Erkennen von Werten statt wertfreier Erkenntnis“, www.adawis.de/admin/upload/navigation/data/Erkennen%20von%20Werten.pdf)

Aber welche großen Entdeckungen oder Erfindungen sind durch die Mehrsprachigkeit der Urheber ausgelöst oder gefördert worden? Dieter bezeichnet die Doppelhelix als Metapher, obwohl sie ein sprachunabhängiges Modell ist. Aus einem „muttersprachlichen Vorrat“ ist das Doppelhelixmodell schon gar nicht gewachsen. Dieter schreibt in einem anderen Text:

„An Beispielen wie dem der 'Seele' der Psychologie (ist sie ein Uhrwerk, ein Dampfkessel oder ein genau kalkulierender Rechner?), der 'Kernspaltung', von 'Welle', 'schwarzes Loch', 'Quantensprung' und 'Teilchen' der Physik oder den thumbnails/Daumennägeln fortschrittlicher Bildschirmgraphiker oder gar den Chaperones (engl. Anstandsdamen = Hilfsproteinen) der Molekularbiologie wird klar, dass auch Naturwissenschaftler/innen ihre Definitionen oder Verfahren im Stadium der Kreativität 'nicht anders als figürlich-bildlich zur Sprache und damit zur Welt zu bringen vermögen' (Uslucan 2005).“ („Man sieht, was man (er)kennt – Sprachenvielfalt als Zukunftsversprechen“. Jahrbuch Ökologie 2007:11-18, S. 18)

Das ausgeführte Beispiel der Chaperones widerlegt sich selbst, denn Dieter gibt ja die nichtmetaphorische Bedeutung „Hilfsprotein“ an. Man wird kaum glauben, daß die Chemiker das neue Phänomen zuerst nur im Bild der „Anstandsdamen“ zu fassen wußten, bevor sie erkannten, daß es sich um Hilfsproteine handelt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.02.2013 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22552

Eine scheinbare empirische Bestätigung der kognitivistischen Metapherntheorie kam von Psychologen wie Thibodeau. Er legte Versuchspersonen Texte vor, in denen Verbrechen metaphorisch entweder als „beast“ oder als „virus“ dargestellt wurde (www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0016782; vgl. auch www.swarthmore.edu/SocSci/fdurgin1/publications/ThiboDurgin2011.pdf). Die Probanden zeigten sich dadurch zu unterschiedlichen Urteilen disponiert, meist ohne bemerkt zu haben, worauf ihr Urteil beruhte. Gegen diese Befunde ist einzuwenden, daß die Texte metaphorisch bereinigt waren, d. h. gerade die alltägliche Inkonsistenz der metaphorischen Rede war vermieden. Übrig blieb eine tendenziöse Darstellung, die erwartungsgemäß das Urteil der Rezipienten beeinflußte. Trotzdem dienen gerade solche Untersuchungen ausdrücklich als Begründung eines aufwendigen Forschungsprogramms, für das die US-Regierung viel Geld ausgeben zu wollen scheint. Die Leiterin des Metaphern-Programms, Heather McCallum-Bayliss, schreibt dazu:

»For decision makers to be effective in a world of mass communication and global interaction, they must understand the shared concepts and worldviews of members of other cultures of interest. Recognizing cultural norms is a significant challenge, however, because they tend to be hidden. Even cultural natives have difficulty defining them because they form the tacit backdrop against which members of a culture interact and behave. We tend to notice them only when they are in conflict with the norms of other cultures. Such differences may cause discomfort or frustration and may lead to flawed interpretations about the intent or motivation of others. If we are to interact successfully on the world stage, we must have resources that will help us recognize norms across cultures. The Metaphor Program will exploit the use of metaphors by different cultures to gain insight into their cultural norms.
Metaphors have been known since Aristotle (Poetics) as poetic or rhetorical devices that are unique, creative instances of language artistry (e.g., The world is a stage). Over the last 30 years, metaphors have been shown to be pervasive in everyday language and reveal how people in a culture define and understand the world around them.
Metaphors shape how people think about complex topics and can influence beliefs.
Metaphors can reduce the complexity of meaning associated with a topic by capturing or expressing patterns.
Metaphors are associated with affect; affect influences behavior.
Research on metaphors has uncovered inferred meanings and worldviews of particular groups or individuals: Characterization of disparities in social issues and contrasting political goals; exposure of inclusion and exclusion of social and political groups; understanding of psychological problems and conflicts.«
(www.iarpa.gov/Programs/ia/Metaphor/solicitation_metaphor.html)

Das Programm verbindet offensichtlich die traditionelle Inhaltsanalyse (content analysis) mit dem linguistischen Relativitätsprinzip (der Humboldt-Sapir-Whorf-These), wonach ethnische Sprachen bestimmte Weltansichten widerspiegeln. Beide Ansätze waren nicht sehr erfolgreich. In beiden Fällen wird versäumt, über das Sprachverhalten hinauszugehen und sprachunabhängige Bestätigungen für die vermuteten Zusammenhänge von Sprachbau und Weltansicht zu suchen. Lakoff-Kritiker haben es auf den Punkt gebracht:
„In many respects, Lakoff's attempt to characterize the structure of abstract concepts solely on the basis of linguistic data bears unfortunate similarities zu Whorf's endeavour.“ (Sam Glucksberg/Matthew S McGlone: „When love is not a journey: What metaphors mean“, Journal of Pragmatics 31/12, 1999: 1541-1558, S. 1557)
Statt aus konkreten Texten die Ansichten und vielleicht auch Absichten ihrer Verfasser zu erschließen, geht es darum, ganze Sprachen als Verkleidungen oder Symptome bestimmter Weltbilder zu entlarven. Es besteht die Gefahr, ganze Sprechergruppen unter falschen Verdacht zu stellen. Das Programm ist zum Scheitern verurteilt, weil die Metaphern nicht automatisch danach sortiert werden können, wie tot oder lebendig sie sind, weil die Metaphern nicht konsistent sind, weil einheimische und entlehnte Metaphern nicht unterschieden werden und weil zwischen Metaphern aus Benennungsnot (Inopia) und Metaphern aus Übermut nicht unterschieden werden kann. Einige dieser Einwände hat auch Steven Pinker gegen Lakoff vorgebracht.

Alexis C. Madrigal hat das Program vorgestellt:
www.theatlantic.com
Unter den Leser-Beiträgen dazu findet sich auch dieser:
Nicole Hansen:
As one of Dr. Lakoff's former students (I took his metaphor class as an undergrad in the early 90s), I am disgusted by his attitude. I live in Egypt and have been through the entire revolution (just came back from the protest today in Tahrir) and I can tell you firsthand that the big problem that the US government has in understanding Arabs is not the lack of sophisticated computer algorithms but a complete disengagement and lack of listening to the voices of the people human-to-human. Spend some money on good old-fashioned meet and greet in the form of study abroad or even just visiting the Arab world and talking to the average man on the street would give far more bang for the buck than this silly project. I am also familiar personally with some of the people that Obama is allowing to shape some of his policies toward Egypt right now and I can tell you it already is a complete disaster that is causing more ill-will toward America. The revolutions in the Middle East are a golden opportunity for America to improve its image but so far I have only seen ill-thought-out plans that are driving more of a wedge between the two countries. If anyone in the State Department or CIA is reading this, please, get some experts who know something to work with you! You have created your own metaphor: AMERICA is the EVIL SATAN.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2013 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22547

In einem kurzen und trotzdem unkonzentriert wirkenden Beitrag hat Gerald Hubmann vor einigen Jahren die "Notwendigkeit der Metapher" in den Wissenschaften zeigen wollen. (Gegenworte 7/2001:58-59, edoc.bbaw.de/volltexte/2010/1267/pdf/14_hubmann.pdf)

„Und die historische Linguistik vermag nachzuweisen, was sonst eine dumpfe Mutmaßung bleiben müsste: dass es einen Kausalitätszusammenhang gibt zwischen der jahrhundertelangen verbalen Dehumanisierung der Juden als Schmarotzer und Gewürm und dem Aufstieg eines eliminatorischen Antisemitismus.“

Wie denn das? Wurden die Juden ermordet, weil jemand sie als Ungeziefer bezeichnet hatte? Stammen der Mord und die Beschimpfung nicht aus derselben Quelle?

Auch Kekulé muß wieder herhalten:

„Kekulé berichtete, er habe 1865 die Ringstruktur des Benzols entdeckt, nachdem er nachts von einer Schlange geträumt hatte, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Hier trifft zu, was Wittgenstein ein halbes Jahrhundert später in die Formulierung fasste: 'Ein gutes Gleichnis erfrischt den Verstand.'“

Gleichnis, Traum, Metapher – ist das alles eins?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.01.2013 um 17.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22477

„Wer jemanden ein Rindvieh nennt, fordert ihn auf, sich selbst im Lichte der Rindviehhaftigkeit zu sehen.“ (Rudi Keller/Ilja Kirschbaum: Bedeutungswandel. Eine Einführung. Berlin 2003:58)

Gewissermaßen das Satyrspiel zu Lakoffs kognitivistischer Metapherntheorie. Auf diesem traurigen Niveau werden nun Tausende von Seminararbeiten geschrieben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.01.2013 um 16.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22474

Zu Kekulé, den ich hier erwähnt hatte, gibt es eine lesenswerte Studie:

www.sgipt.org/th_schul/pa/kek/pak_kek0.htm
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.11.2012 um 11.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22000

Deutsche Muttersprachler wissen meist fast gar nichts über grammatische Regeln. Die können Ausländer mit Deutsch als Fremdsprache viel besser erklären.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2012 um 09.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21999

„Grammatische Regeln müssen aber einfach sein, wenn die Frage, wie wir diese Regeln erwerben, mitberücksichtigt wird.“ (Heide Wegener in ZGL 18,2, 1990:151)
Harald Weinrich meint, „daß die Grammatik von den Linguisten nicht schwieriger gemacht werden darf, als sie für Kinder, die ihre erste Sprache lernen, natürlicherweise ist.“ (Für eine Grammatik mit Augen und Ohren, Händen und Füßen. Opladen 1976:10) Die Grammatik sei dann als falsifiziert zu betrachten, wenn sie nicht plausibel machen kann, „daß Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren nach diesen Regeln sprachlich handeln können.“

Kinder handeln nicht nach Regeln, sondern verhalten sich so, wie sie es gelernt haben. Der Linguist stellt Regeln auf, um dieses Verhalten zu beschreiben. Die Planeten folgen nicht den Keplerschen Gesetzen, sondern die Astronomen folgen ihnen, wenn sie die Planetenbahnen berechnen.

Diese Verwirrung liegt einem großen Teil der „Kognitiven Linguistik“ zugrunde.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.11.2012 um 16.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21957

Eine Turing-Maschine ist nichts Physikalisch-technisches, sondern ein sehr einfacher Algorithmus, ein reines Denkmodell, mit dem man z. B. beweisen kann, daß die Rechnung 1+1 vollautomatisch ausführbar ist. Wie diese Rechnung dann praktisch mit einem realen Computer ausgeführt wird, hat mit der Turing-Maschine nichts mehr zu tun.

Wir haben sozusagen mit der Turing-Maschine bewiesen, daß Computer, die ein starres Programm befolgen, rechnen können. Der entsprechende, nicht nur auf Indizien, sondern auf rein mathematischer Grundlage beruhende Beweis dafür, daß Menschen rechnen können, steht noch aus.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.11.2012 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21956

Die meisten Computer sind Turing-Maschinen, das Gehirn ist keine.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.11.2012 um 18.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21952

„Eine bahnbrechende Neuerung, die die Psychologie in den vergangenen 30 Jahren erlebt hat, besteht in der Erkenntnis, dass das Gehirn eine Art Computer ist. (...) Mit Hilfe von Camcordern konnten wir Kinder auf eine neue Weise sehen und mit Hilfe der Metapher Computer konnten wir sie auf neue Weise verstehen.“ (Alison Gopnik, Patricia Kuhl, Andrew Meltzoff: Forschergeist in Windeln. Wie Ihr Kind die Welt begreift. München 2005, S. 39)

Wieso denn? (Aus diesem schlechten Buch geht es jedenfalls nicht hervor.)

Übrigens gibt es schätzungsweise 10.000 Typen von Nervenzellen. Jede der 100 Milliarden Zellen des Gehirns hat bis zu 40.000 Verbindungen, manche Kleinhirnzellen haben deren 150.000. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum die Computermetapher bisher nichts gebracht hat.

Wie schon mehrmals gesagt: Die Neurologie kann – auch mit ihren "Bild gebenden" Verfahren – bisher nicht erklären, wie ich einen Finger krümme. Sie kann schon gar nicht erklären, wieso ich am Morgen weiß, wo ich abends meine Brille hingelegt habe. (Gestern konnte ich mich daran erinnern, wohin ich vier Wochen zuvor ganz gedankenlos eine Gartenschere gelegt hatte.) Oder wieso ich nach 50 Jahren noch lateinische Sätze auswendig weiß, obwohl sie mich schon damals nicht interessiert haben. Das sind bis auf weiteres – Wunder.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.11.2012 um 09.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21946

Wisenschaftliche Modelle können mehr hergeben, als man hineingesteckt hat, deshalb werden sie ja erfunden. Heinrich Hertz hat das durchdacht und dargestellt.

Metaphern dagegen sind spielerische Analogien und ohne Erkenntniswert. Dafür gibt es unzählige Belege. Wenn ein Kind, von der Bezeichnung "elektrischer Strom" verführt, ein Kabel durchschneidet und erwartet, daß etwas heraussprudelt, ist es ein Opfer der Metapher. Ich habe dieses Beispiel von Peter Hacker übernommen und adaptiert, der über Analogie in den Wissenschaften folgendes schreibt:

„It does not generate hypotheses that can be tested in experiments, nor does it produce a theory that can be used to predict events. The understanding that is the product of such an analogy is not the result of new information, nor does it lead to new empirical discoveries.“ (Peter Hacker: "Languages, Minds an Brains“. In: Colin Blakemore/Susan Greenfield, Hg.: Mindwaves. Oxford 1987:485-505, S. 486)

Usw., sehr lesenswerter Beitrag, vor allem gegen die pseudowissenschaftlichen Neurosophen mit ihren "Repräsentationen", "mental maps" und "language of thought".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2012 um 11.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21906

Familiendrama – da lese ich schon nicht weiter, weil gleich das Wort blutig auftauchen wird, auch Tragödie. Seltsam, daß die Zeitungen, wenn es im wirklichen Leben ernst wird, zu Theatermetaphern greifen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.11.2012 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21831

Die mentalistischen Schnörkel sind überflüssig, sie erklären nichts. Nehmen wir ein neueres Werk des bekannten Linguisten Wallace Chafe: "The importance of not being earnest". Ich zitiere: Laughter and humor cannot ultimately be understood apart from the feeling that lies behind them. (137) Dieses Gefühl nennt er feeling of nonseriousness (...) a mental state in which people are inhibited from taking some event or situation seriously, which is to say that they exclude it from their accumulating knowledge of how the world really is. Die Physiologie des Lachens hindere daran, ernsthaft zu handeln.
Andere Fassung: The feeling is a mental state in which people exclude some situation from their knowledge of how the world really is, thereby inhibiting seriousness where seriousness would be counterproductive.

Das Gefühl ist überflüssig. Die Verhaltenshemmung läßt sich selbstverständlich rein in Verhaltensbegriffen beschreiben und untersuchen. Ockhams Rasiermesser beseitigt den mentalistischen Aufputz.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2012 um 12.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21056

Lakoff benutzt seine Metapherntheorie bekanntlich zum Zweck der politischen Polemik. Während des zweiten Golfkriegs verteilte denn auch der "SprecherInnenrat" der Universität Erlangen Lakoffs Text "Metaphor and War". Das war schon während meiner Studienzeit so: Der Asta der Universitäten beanspruchte ein allgemein-politisches Mandat, damals gegen den Vietnamkrieg und immer gegen die Politik der USA, finanziert aus Zwangsbeiträgen der Studentenschaft (bzw., wie wir heute wissen, mit DDR-Geld).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2012 um 08.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#20289

Derek Bickerton über Chomsky: „He did the behavioral sciences the greatest service ever, when he trounced B. F. Skinner and Skinner's behaviorism. As a result of his initiatives we've learned things about language that couldn't even have been dreamed of a half century ago. Were it not for Chomsky, I could never have launched, or even conceived, my language bioprogram hypothesis.“ (Adam's Tongue 169f.)

Nun, was ist es denn, was Chomsky und seine Anhänger herausgefunden haben? Ich kenne nur einander ablösende quasimathematische Darstellungsformen. (Bickertons letzter Satz ist allerdings wahr, aber nicht in empfehlendem Sinne.)

Heute morgen fiel mir ein, was wohl aus Ulric Neisser geworden sein mag – und stellte fest, daß er vorigen Monat gestorben ist. Fast wie Telepathie (für die er sich laut Nachrufen interessierte).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2012 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#20220

„Die moderne Linguistik im engeren Sinne hat mit der Arbeit von Noam Chomsky begonnen.“ (Frank R. Wilson: Die Hand – Geniestreich der Evolution. Stuttgart 2000:67)

Komisch nur, daß Chomsky sich zwar fast ausschließlich mit seiner Muttersprache (oder vielmehr deren quasi-mathematischer Simulation) beschäftigt, aber nicht einmal darüber irgend etwas Neues herausgefunden hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2011 um 04.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#19754

Wirtshaus und Gasthaus müßten entgegengesetzte Vorstellungen hervorrufen. Sie bezeichnen denselben Gegenstand sozusagen aus unterschiedlichen Perspektiven. Denkt man darüber nach, kommt man zu einer solchen Auffassung. Aber der Sprecher denkt normalerweise nicht darüber nach. Die Sachsteuerung (Bühler) sorgt dafür, daß wir die Wörter ohne Unterschied verwenden. Dieser alltägliche Sachverhalt untergräbt sowohl die kognitivistische Metapherntheorie als auch die Lehre von der linguistischen Relativität. Die Relativitätstheoretiker nehmen die Ausdrücke in unangemessener Weise wörtlich, aber das ist nur einer ihrer vielen Fehler.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.08.2011 um 08.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#19132

Für eine Anwendung der windigen Metapherntheorie Lakoffs scheint man in den USA zig Millionen Dollar lockermachen zu wollen. Es geht um die automatische Analyse von Texten auf die Metaphern hin, die einen Rückschluß auf die Denkweise der Verfasser erlauben sollen. Das ist offenbar die gute alte Inhaltsanalyse (content analysis), die im Zweiten Weltkrieg helfen sollte, bevorstehende Aktionen, Kurswechsel usw. des Gegners vorauszusagen.
Der neue Ansatz ist hier beschrieben.

Wenn die bekannten Einwände gegen die Theorie nicht zur Kenntnis genommen werden, dürfte das Geld zum Fenster hinausgeschmissen sein. Experimente der Psychologen überzeugen nicht, da ihnen die "ökologische Angemessenheit" fehlt, vgl. etwa www.plosone.org.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2011 um 16.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17890

Ergänzung zum Eintrag #17742 vom 6. Januar: Heute wird in der SZ gesagt, daß Frank Castorf die Übergänge in einer Inszenierung "wie ein Klempner zusammengeschraubt" habe. Einige Zeilen später ist dann vom "Klempner Castorf" die Rede. Der Wechsel vom Vergleich zur Metapher ist durchaus unauffällig. Das bestätigt meine These, daß in der Sprache im Gegensatz zur Logik Vergleich und Metapher nicht wesentlich verschieden sind.
Viel wichtiger ist der Unterschied zwischen der ausdrücklichen Einführung des hyperbolischen Vergleichs und der bloßen Verwendung:
Castorf ist ein Klempner vs. der Klempner Castorf. Bei letzterer Wendung ist die Prädikation sozusagen suspendiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2011 um 10.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17876

Lakoff glaubt ja entdeckt zu haben, daß in unserem Kulturkreis "Diskussion" mit kriegerischen Metaphern dargestellt und also auch "konzeptuell" so modelliert wird: ARGUMENT IS WAR. Schon bei Lakoff stimmt es nicht, aber noch krasser gehen die deutschen Nachplapperer fehl. Aus einem einschlägigen Aufsatz:

»Betrachten wir einige Sätze aus der Alltagssprache: "Ihre Behauptungen sind unhaltbar"; "Er griff jeden Schwachpunkt in meiner Argumentation an"; "Seine Kritik traf ins Schwarze"; "Ich schmetterte sein Argument ab"; "Ich habe noch nie eine Auseinandersetzung mit ihm gewonnen"; "Wenn du nach dieser Strategie vorgehst, dann wird er dich vernichten"; "Er machte alle meine Argumente nieder".
Alle diese Äußerungen betreffen das Argumentieren, das von uns automatisch als geradezu kriegerischer Akt beschrieben wird, der darauf abzielt, den andersdenkenden Gegner zu ,vernichten‘. Den Sätzen liegt also ein gemeinsames Konzept zu Grunde, das kurz als ARGUMENTIEREN IST KRIEG charakterisiert werden kann.«

Sieht man sich die Metaphern genauer an, stellt man fest, daß sie fast ausnahmslos mit Krieg nichts zu tun haben. Diskussion ist natürlich eine Art Wettbewerb, das "Agonale" des Dialogs ist ja bei Platon schon sehr ausgeprägt. Aber "Krieg" gibt mehr her, man wird mit solchen steilen Thesen gleich viel stärker beachtet. Lakoff macht ja jetzt auch hauptsächlich Politik, wie sein Ziehvater Chomsky, nur daß er viel stärker als dieser seine Wissenschaft in den Dienst der politischen Meinungsmache stellt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.01.2011 um 02.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17871

Roger Scruton über die Verteidigung von intellektuellem Territorium gegen die Neuro-Imperialisten:
www.dailymotion.com/video/xaplha_roger-scruton-persons-and-their-bra_tech
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2011 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17742

Hier noch etwas ziemlich Paradoxes zur Metapher: Die traditionelle Lehre von der Metapher als verkürztem Vergleich ist meiner Ansicht nach richtig. (Die Gegenargumente werde ich anderswo besprechen.)
Verkürzt ist der Vergleich, wenn man den Ausdruck des Vergleichens, in der Regel also das wie, wegläßt. Der berühmte Achill ist also ein Löwe und nicht nur wie ein Löwe.
Wenn man die Sätze im Wortlaut nimmt, ist die vergleichende Prädikation immer wahr, die metaphorische immer falsch. Du bist wie ein Esel. Oder mit Robert Gernhardt: Du bist dem Elch vergleichbar. Lauter wahre Sätze. Es ist nämllich so, wie Donald Davidson sagt: "Everything is like everything, and in endless ways." (Donald Davidson: Inquiry into truth and interpretation. Oxford 2001:254)
Dagegen: Du bist ein Esel. Du bist ein Elch. Offensichtlich falsche Sätze, aber metaphorisch haben sie einen guten Sinn.
Soweit die Logik. Nur daß die wirkliche Sprache sich nicht darum kümmert und Vergleich und Metapher meistens als austauschbar und gleichwertig behandelt:
Gutes Geld ist eine Sprache ohne Mißverständnis (Überschrift)
Geld ist wie Sprache. (...) Geld ist wie Sprache ein Kommunikationsmittel. (FAZ 13.1.96)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2011 um 16.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17719

Lakoff und seine Anhänger unterstellen Aristoteles eine Logik, wonach das Schließen von einer Behältermetapher Gebrauch mache. Lakoff schreibt:

Classical categories are understood metaphorically in terms of bounded regions, or ‘containers.’ Thus, something can be in or out of a category, it can be put into a category or removed from a category, etc. The logic of classical categories is the logic of containers (see figure 1). If X is in container A and container A is in container B, then X is in container B. This is true not by virtue of any logical deduction, but by virtue of the topological properties of containers. Under the CLASSICAL CATEGORIES ARE CONTAINERS metaphor, the logical properties of categories are inherited from the logical properties of containers. One of the principal logical operties of classical categories is that the classical syllogism holds for them. The classical syllogism, Socrates is a man. All men are mortal. Therefore, Socrates is mortal. is of the form: If X is in category A and category A is in category B, then X is in category B.

Vielleicht drückt sich Aristoteles irgendwo tatsächlich so aus, aber üblich es bei ihm nicht. Wer die Ersten Analytiken kennt, weiß, daß Aristoteles bis zum Überdruß immer dieselbe Formel benutzt. Wo wir nämlich sagen "S ist P", sagt er "P kommt dem S zu" (hyparchei). Keine Spur von Enthaltensein und Behältern. Das gilt auch schon für den unmittelbaren Vorgänger, Platons Definitions- und Dihairesislehre. Lakoff denkt wahrscheinlich an Venn-Diagramme und an die Mengenlehre, die man für Unterrichtszwecke so veranschaulichen kann. Das ist dann aber nicht die klassische Logik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.01.2011 um 17.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17674

Die Metaphernbegeisterung, die Lakoff weltweit und besonders in Deutschland ausgelöst hat, ist sachlich nicht gerechtfertigt. Es werden immer wieder dieselben Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte angeführt, die den zumindest heuristischen Nutzen der Metapher belegen sollen. Bisher habe ich noch kein Beispiel gefunden, das der Nachprüfung standhält.
In meinem Buch „Die Disziplinierung der Sprache“ und in einem Aufsatz habe ich bereits gezeigt, daß Kekulé keineswegs durch eine Metapher auf den Gedanken des Benzolrings gebracht worden ist.
Das will ich hier nicht wiederholen.

Nehmen wir folgenden Fall aus der Frühzeit der Elektrizität: die Erfindung der Leidener Flasche.

„Der Wissenschaftshistoriker Kuhn (1962) schildert, wie um 1740 die neue metaphorische Konzeptualisierung von ELEKTRIZITÄT als FLÜSSIGKEIT eine Gruppe von Forschern auf die Idee brachte, diese ‚Flüssigkeit‘ auf Flaschen zu ziehen. Dies führte zur Erfindung der sogenannten ‚Leidener Flasche‘, einer Vorform des elektrischen Kondensators.“ (Jäkel 1997: 36)

In einer neueren Dissertation heißt es:
„Bei seinem Versuch, das vermutete elektrische Fluidum in eine Flasche zu füllen, erfindet Ewald Jürgen von Kleist (1715-1759) 1745 ganz unverhofft die Leydener Flasche. Die Zufälligkeit seiner schmerzhaften Entdeckung erschwert zunächst die Wiederholung des Experiments, die Pieter van Musschenbroek (1692-1761) in Leyden durchzuführen versucht. Da Kleist nicht weiß, dass die gesteigerte Kondensatorenleistung der Flasche auf der enorm hohen Spannung zwischen ihrer Außen- und Innenwand beruht, weist er in seiner Beschreibung des Experiments nicht darauf hin, dass er selber mit der zweiten Hand die Flasche berührt und die Flaschenaußenseite somit geerdet hat. Musschenbroek muss die Leydener Flasche 1746 daher gleichsam noch einmal erfinden.“

In Wirklichkeit experimentierten die Forscher schon lange mit gläsernen Hohlkörpern.

„Otto von Guericke (1602-1686), der durch seine Magdeburger Vakuum-Experimente berühmt wurde, erfand einen ersten einfachen elektrostatischen Generator. Er bestand aus einer Schwefelkugel, die in einer hölzernen Halterung gedreht wurde. Durch das Reiben der Kugel mit der Handfläche lud sie sich auf. Die so geladene Schwefelkugel wurde an den Ort getragen, wo experimentiert werden sollte, denn die Leitung der Elektrizität durch metallene Drähte war noch nicht entdeckt.
Guericke stellte die Kugel her, indem er geschmolzenen Schwefel in eine hohle Glaskugel goß. Nach dem Erkalten des Schwefels wurde die Glashülle zerbrochen und entfernt. Eines Tages fand jemand heraus, daß die Glaskugel ohne Schwefel den gleichen Dienst leisten konnte.“
„Glas erwies sich als ideales Material für elektrostatische Generatoren. Es war billiger als Schwefel und konnte leicht in Scheiben oder Zylinder geformt werden. Ein gewöhnliches Bierglas wurde zum Rotor in Winklers Maschine.“ (Gemeint ist Johann Heinrich Winkler (1703-1770))

Die Transportierbarkeit der elektrischen Ladung war ganz unabängig von Flüssigkeitsmodellen schon lange bekannt und ausgenutzt worden. Irreführend ist auch der Ausdruck „Flasche“, der das „Auf-Flaschen-Ziehen“ nahelegt; das war gar nicht Kleists Gedanke. Die Glaszylinder hatten sich anderweitig als brauchbar erwiesen. Die „elektrische Verstärkungsflasche“ wirkte gerade nicht als Gefäß.
Vgl. noch: http://www.v-kleist.com/FG/Muttrin/fg0220a.htm

Nächster Fall: Darwins Evolutionslehre
Darwin war sich bewußt und hat es immer wieder ausgesprochen, daß er sich mit „natural selection“ einer Metapher bediente, aber er hielt das für harmlos, da er ja die Struktur des Vorganges in ganz unmetaphorischer Weise erklärt hatte. Zur Evolution bedarf es der Variation und einer „auswählenden“ Instanz, vgl. Campbells Formel „blind variation and selective retention” (im gleich betitelten Ausatz). Bei der Tier- und Pflanzenzucht ist es die Hand des Züchters, in der Natur sind es die Lebensbedingungen. Nimmt man die Knappheit der Ressourcen in der jeweiligen ökologischen Nische hinzu, die Darwin besonders durch Malthus nahegebracht worden war, hat man alles beisammen, auch die reale Grundlage des „struggle for life“. Darwin war niemals in Gefahr, sich vom metaphorischen Charakter dieser Ausdrücke irreführen zu lassen, insofern ist es auch falsch, ihm via Metapher einen Rest von Metaphysik nachzusagen, selbst wenn er später eine Neigung gezeigt haben sollte, die Erblichkeit auch erworbener Eigenschaften für möglich zu halten. (Trotzdem ist die Einbettung Darwins in den historischen Zusammenhang durch Robert M. Young durchaus lesenswert. Dasselbe gilt von Uwe Pörksens Darstellung in seinem Buch „Deutsche Wissenschaftssprachen“, wo es im betreffenden Kapitel hauptsächlich um Goethe geht. Beide Texte sind im Internet zu finden.)

Nächster Fall: Skinners operante Konditionierung
Skinner schließt ausdrücklich an Darwin an. Er erkennt die strukturelle Identität der Vorgänge von Selektion einerseits (unter den „Kontingenzen des Überlebens“) und des operanten Lernens andererseits (unter den „Kontingenzen der Verstärkung“ – reinforcement). An keiner Stelle läßt sich erkennen, daß er durch die Selektions-Metapher einen Rest von Metaphysik mitschleppt.

Interessanterweise gibt Skinner in „Verbal Behavior“ auch eine Metapherntheorie, die einzige mir bekannte nicht-mentalistische. Sie ist erwartungsgemäß brillant; demnächst mehr darüber.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2010 um 15.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17660

Als weiteren Beleg für das grundlos übersteigerte Selbstbewußtsein des Herr Lakoff möchte ich noch eine köstliche Stelle zitieren. Lakoff hat ja seine Metapherntheorie auch dazu benutzt, seine politischen Ansichten unters Volk zu bringen, und auch dies hält er für sehr bedeutsam. Im Nachwort 2003 zur Neuauflage seines Metaphernbuches schreibt er:
"Lakoff's essay 'Metaphor and War,' distributed to many millions over the Internet on the eve of the Gulf War, re-mains one of the most important analyses not only of the use of metaphor by the U.S. government to persuade the populace but also of the role of conceptual metaphors in planning foreign policy."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2010 um 17.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17394

Weil es so bezeichnend ist für das Vorgehen fast aller Autoren, die den Zusammehang zwischen Sprache und "Denken" (was immer das sein mag, es ist ja ein naiv-psychologischer Begriff) erörten, hier noch ein Passus aus Lakoff:

I have a headache. [The headache is a possession.]
I got a headache. [Change is acquisition – motion to]
My headache went away. [Change is loss – motion from]
The noise gave me a headache. [Causation is giving – motion to]
The aspirin took away my headache. [Causation is taking – motion from]

Ich halte diese Deutungen allesamt für unzulässig. Als Beleg dafür, daß wir tatsächlich so denken, führt Lakoff nur wieder die sprachlichen Wendungen an, aus denen er es zuvor erschlossen hat. Es gibt auch keine anderen Beweise als diese zirkulären, also untauglichen.

Wenn ich "Kopfschmerzen habe", ist das genau dasselbe, als wenn "mir der Kopf wehtut". Ich betrachte die Schmerzen nicht als ein Besitzstück, auch nicht als einen Gegenstand, der fortzubewegen wäre, und das auch noch vermittelst einer in Wasser aufgelösten Aspirintablette!

Im Deutschen kann ich Kopfschmerzen bekommen (wenn ich vorher keine hatte und dann habe, also wenn mir der Kopf plötzlich wehtut), aber ich kann sie z. B. nicht "erhalten". Ich kann sie auch nicht verlieren. Warum denn nicht, wenn sie doch ein Besitz sind? Im Englischen kann ich eine Erkältung fangen. In manchen Sprachen habe ich nicht die Krankheit, sondern die Krankheit hat mich. Usw. – Das ganze Deuteln an sprachlichen Formen sollte man unterlassen, es gehört einer vergangenen Zeit an.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2010 um 18.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17376

Was von der Metapherntheorie George Lakoffs, einer tragenden Säule der "kognitiven Linguistik", zu halten ist, sieht man schon an den abenteuerlichen Neuigkeitsansprüchen, mit denen er vor dreißig Jahren antrat. Ich zitiere:

"In classical theories of language, metaphor was seen as a matter of language not thought. Metaphorical expressions were assumed to be mutually exclusive with the realm of ordinary everyday language: Everyday language had no metaphor, and metaphor used mechanisms outside the realm of everyday conventional language."

Um diesen Quatsch zu widerlegen, genügt ein Zitat aus Hermann Pauls "Prinzipien", 100 Jahre vor Lakoff und leicht bei gutenberg.de herunterzuladen (4. Kapitel):

„Die Metapher ist eines der wichtigsten Mittel zur Schöpfung von Benennungen für Vorstellungskomplexe, für die noch keine adäquaten Bezeichnungen existieren. Ihre Anwendung beschränkt sich aber nicht auf die Fälle, in denen eine solche äussere Nötigung vorliegt. Auch da, wo eine schon bestehende Benennung zur Verfügung steht, treibt oft ein innerer Drang zur Bevorzugung eines metaphorischen Ausdrucks. Die Metapher ist eben etwas, was mit Notwendigkeit aus der menschlichen Natur fliesst und sich geltend macht nicht bloss in der Dichtersprache, sondern vor allem auch in der volkstümlichen Umgangssprache, die immer zu Anschaulichkeit und drastischer Charakterisierung neigt.“
„Es ist selbstverständlich, dass zur Erzeugung der Metapher, soweit sie natürlich und volkstümlich ist, in der Regel diejenigen Vorstellungskreise herangezogen werden, die in der Seele am mächtigsten sind. Das dem Verständnis und Interesse ferner liegende wird dabei durch etwas Näherliegendes anschaulicher und vertrauter gemacht. In der Wahl des metaphorischen Ausdruckes prägt sich daher die individuelle Verschiedenheit des Interesses aus, und an der Gesamtheit der in einer Sprache usuell gewordenen Metaphern erkennt man, welche Interessen in dem Volke besonders mächtig gewesen sind.“

Usw.

Schon Quintilian wußte, daß wir "beinahe immer in Bildern reden". Und das war über die Jahrtausende hin immer völlig selbstverständlich.

Lakoff hatte nachweislich keine Ahnung, und seine zahllosen begeisterten Nachfolger hatten und haben auch keine. Es ist eine Pein, all das Zeug zu lesen, vor allem die laienpsychologischen Schriften (Psychologie von Nichtpsychologen, Neurosophie von Nichtneurologen), die sich ganz ungeniert als "Kognitionswissenschaft" bezeichnen.

Es ist geradezu lachhaft, wie Lakoff die Weltgeschichte in "vor/nach Lakoff" einteilt. Seine eigene Metapherntheorie nennt er stets "the contemporary theory of metaphor" und schreibt:

"Most of the papers in this edition also appeared in the first edition of 1979 and thus predate the contemporary theory of metaphor."

Und:

"Lakoff, George and Johnson, Mark. 1980. Metaphors We Live By. Chicago: University of Chicago Press.

The first book outlining the contemporary theory of metaphor."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2010 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17375

Eine typische Arbeit aus dem kognitivistischen Lager ist die folgende, die ich kurz besprechen möchte:

Karlheinz Jakob: Maschine, Mentales Modell, Metapher. Studien zur Semantik und Geschichte der Techniksprache. Tübingen 1991.

Jakob vertritt die von Lakoff/Johnson propagierte, wenn auch keineswegs neue These, daß Metaphern kein bloßer Redeschmuck seien, sondern erkenntnisleitende Denkmodelle bzw. deren sprachlicher Ausdruck. In diesem Sinne beobachtet er in historischen Längsschnitten die Veränderungen der Techniksprache im Lichte der jeweils zur Verfügung stehenden Metaphern. Das Buch besteht zu einem wesentlichen Teil aus Nacherzählungen der Technikentwicklung, besonders der Kraftmaschinen, wobei das Sprachliche oft in den Hintergrund tritt. Dies erkennt Jakob gelegentlich selbst und bemerkt vorsorglich, „daß dem sprachwissenschaftlichen Leser die vorliegende Arbeit vielleicht in zu großer Ferne zur Linguistik erscheinen“ mag.

Die umfassenden kognitionspsychologischen Ausführungen, die sich naturgemäß auf Informationen aus zweiter Hand beschränken müssen, sind aber ebenfalls weitgehend spekulativer Art, obwohl der Verfasser, der selbst kein Psychologe ist, sein Werk ausdrücklich als „wissenspsychologischen“ Beitrag versteht. Auch bewegt sich Jakob hier offensichtlich in einem Zirkel, denn er stellt ausdrücklich fest, daß die mentalen Modelle, die den Metaphern zugrunde liegen, auf keine andere Weise erschlossen werden können als eben durch ihren sprachlichen Ausdruck: „Schließlich sind mentale Modelle ausschließlich durch sprachliche Indikatoren und deren Attribute schlüssig belegbar.“
Warum sollte das so sein? Wenn jemand von einem „mentalen Modell“ geleitet wird, was immer das sein mag, so müßte es sich doch auch in seinem nichtsprachlichen Handeln nachweisen lassen. Andernfalls kommt man aus dem Zirkel nicht heraus. Daß wir eine Metapher oft weiterführen, also in einem konsistenten Bildfeld verbleiben, ist ja nicht verwunderlich, aber es ist gerade kein Beweis für ein Denkmodell. Immerhin hat selbst Benjamin Lee Whorf sich bemüht, im nichtsprachlichen Verhalten Beweise für die Abhängigkeit der Weltansicht von sprachlichen Bezeichnungen zu finden.
Wir mögen den Wind als ein Wesen bezeichnen, das etwas tut, aber wie gehen wir mit dem Wind praktisch um, außerhalb der Poesie? Der „Rest-Animismus“ (S. 33) müßte sich doch irgendwie nachweisen lassen, aber Jakob behauptet schlicht, daß auch die modernen Rationalisierungen stets mit einem animistischen Denken verbunden bleiben.

Die metaphorischen Konzepte oder konzeptuellen Metaphern nach Lakoff sind großenteils nicht überzeugend. Jakob stellt im Anschluß an Lakoff und Grosse fest:
Politik ist Sport/Spiel
Politik ist Religion
Politik ist Krieg
Hier könnte man zunächst untersuchen, ob die drei angeblich metaphorischen Konzepte auch in einer unmetaphorischen Weise zutreffen, sie wären dann also keine Sprungfiguren (im Sinne Lausbergs), sondern durch Dehnung erreichbar. Entsprechendes gilt sogar für das Paradebeispiel Lakoff/Johnsons, das Jakob auch ausdrücklich anführt:
Argument is war.
Auch hier geht es um Formen des menschlichen Umgangs, nur die Einzelheiten sind verschieden. Die agonale Struktur des Dialogs ist nicht metaphorisch, sondern real, vgl. Ernst Kapp, „Der Ursprung der Logik bei den Griechen“. Übrigens sind weder „Krieg“ noch „Argument“ (hier ist bezeichnenderweise der englische Ausdruck gemeint) universale Begriffe, eignen sich daher nicht als Tertium comparationis.

Noch stärker ist folgender Einwand: Der rasche und unproblematische Wechsel der Bildfelder spricht dagegen, daß sie eine modellartige Denkweise widerspiegeln.
Jakob konzentriert sich dann darauf, die gewissermaßen personifizierenden Bezeichnungen für Maschinen und deren Funktionieren zusammenzustellen. Hier übersieht er aber etwas ganz Entscheidendes: Um Maschinen Intentionalität zu unterstellen, bedarf es überhaupt keiner Vermenschlichung, denn Maschinen verfügen, als menschliche Artefakte, über eine eingebaute Intentionalität, ohne jede Metaphorisierung. Dies ist in neuerer Zeit von Daniel Dennett („The intentional stance“) und der überaus umfangreichen anschließenden Diskussion so gründlich erörtert worden, daß man sich fragt, wie es Jakob entgangen sein kann. Vgl. auch Anna Wierzbickas Methode der Bedeutungserklärung, die bei Artefakten immer mit der Funktion beginnt.

Hier noch ein Beispiel für Jakobs Vorgehensweise:
„Das Getriebe hat die Aufgabe, die Drehzahl und das Drehmoment der Antriebsräder den jeweiligen Fahrerfordernissen anzupassen.
Mit der Formulierung anpassen wird dem technischen Sachverhalt eine Bedeutungsnuance zugesprochen, die streng genommen eine unangemessene Teleologisierung des Artefakts beinhaltet.“ – „Eine menschliche Handlung hat einen intentionalen Aspekt (was soll erreicht werden) und einen operationalen Aspekt (wie soll das Ziel erreicht werden). Die technische Handlung, erst recht der technische Vorgang in einer Maschine, kann nur einen operationalen Charakter haben.“
Die technische Welt ist voller Metaphern („Der Motor bockt.“), die aber nicht nachweislich den menschlichen Umgang mit seinen Werkzeugen und Maschinen beeinflussen.
 
 

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