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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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21.11.2010
 

Kognitivismus
Sprachwissenschaft auf Abwegen

Wenn einer etwas tut, dann muß er es können. Dem Sprechen liegt also die Sprachfähigkeit zugrunde. Nennen wir sie "Kompetenz", mit einer Nicht-Übersetzung von Chomskys Sprachgebrauch.

"Fähigkeiten zu beschreiben, fällt in die Zuständigkeit der Psychologie, so daß Chomskys Neudefinition bewirkte, daß die Linguistik zu einem Zweig der kognitiven Psychologie wurde." (Miller, George A. (1995): Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Frankfurt. S. 29)

Durch die Neudefinition wurden also sämtliche Sprachwissenschaftler über Nacht zu Psychologen.

"Die Umdeutung der primär nur syntaktischen, formalen generativen Grammatik in ein psychologisches Modell ist eine erstaunliche intellektuelle tour de force gewesen. Nicht minder erstaunlich ist die dadurch bewirkte Rückverwandlung der nordamerikanischen Linguistik, die sich gerade von der Psychologie emanzipiert zu haben glaubte, in einen Zweig der Psychologie." (Fritz Hermanns: Die Kalkülisierung der Grammatik. Heidelberg 1977:12) (Übrigens ein sehr gutes Buch, zu Unrecht fast vergessen!)

Dabei war die Einführung von Sprecher und Hörer ("idealer Sprecher-Hörer") in die Grammatik schon eine Erschleichung, nämlich, wie Esa Itkonen sagt, eine tautologische Verdoppelung der grammatischen Regeln. (Man könnte von einer Allegorie sprechen.)

Seither haben sich Tausende von Sprachwissenschaftlern zu "kognitiven Psychologen" erklärt, ohne jedes Studium der Psychologie. Natürlich kann eine solche Psychologie nur von der Art der rationalistischen sein, die hauptsächlich als Logizismus zu verstehen ist.

Da nun die Sprachfähigkeit unbestritten im Gehirn ihren Sitz hat, konnte man in den letzten Jahren die Schraube noch ein wenig weiterdrehen: Jetzt gibt es die "Neurolinguistik".

"Wie ist Sprache mental und neuronal repräsentiert? Was für Prozesse laufen in unseren Köpfen ab, wenn wir Sprache produzieren und rezipieren?" (Werbetext für Monika Schwarz: Einführung in die Kognitive Linguistik. 3. Aufl. UTB 2008)

Niemand weiß es, aber es wird schon mal unterrichtet, zahllose Studiengänge in "Kognitiver Linguistik" wurden eingerichtet und zertifiziert.

In der Psychologie wurde ein nettes, aber völlig unbedeutendes Buch von Ulric Neisser viel bestaunt, das Gerd Kegel schon vor 40 Jahren treffend als ein "Konglomerat aus Wahrnehmungspsychologie und Transformationsgrammatik" bezeichnete.

Kritische Stimmen gab es gelegentlich, sie gehen aber im allgemeinen Taumel unter. ("This word 'cognitive' begins to assume a rather pompous self-gratified air." [Colin Trevarthen in v. Cranach u. a.: Human ethology. Cambridge/Paris 1979:583])

In der Linguistik ist ein recht naives Werk von Willem Levelt ("Speaking") fast kanonisch geworden, obwohl die begrifflichen Mängel auf der Hand liegen.

Der Gegenstandpunkt in den Worten Skinners:

"Die Kognitionswissenschaft steht auf dem traditionellen Standpunkt: Das Verhalten hat seinen Ursprung im Organismus. Zuerst denken wir, und dann handeln wir. Wir haben Vorstellungen und fassen sie anschließend in Worte. Wir haben Gefühle, dann drücken wir sie aus. Wir haben Absichten, fällen Entscheidungen und entschließen uns zu handeln, bevor wir wirklich handeln. Dagegen sucht der Behaviorist in der Umwelt nach vorausgehenden Ereignissen und nach der Vorgeschichte der Umwelten von Gattung und Individuum. Die alte Formel von Reiz und Reaktion war ein Versuch, den Ausgangspunkt des Verhaltens in die Umwelt zu verlegen, aber davon ist man längst wieder abgekommen. Die Umwelt wählt das Verhalten aus. Die Verhaltensforschung (Ethologie) untersucht das arteigene Verhalten, das den Kontingenzen des Überlebens in der natürlichen Selektion zugeschrieben werden kann. Die Kontingenzen der operanten Bekräftigung wählen in ähnlicher Weise das Verhalten eines Individuums aus, allerdings in einem ganz anderen zeitlichen Maßstab." (Upon further reflection, S. 94)



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Kommentare zu »Kognitivismus«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.07.2018 um 16.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#39101

Weil das Verstehen der Anderen eben keineswegs selbstverständlich ist, prägte der Philosoph Hans-Georg Gadamer die Formel vom "Wunder des Verstehens".

Das ist der Gipfel der Verkehrtheit. Ich habe doch erst von anderen gelernt, was Verstehen ist (=was verstehen bedeutet und wie man es gebraucht).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.07.2018 um 17.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#39090

Viele Kognitivisten nehmen ja an, daß das Wissen propositional gespeichert sei.

Nun, ich weiß zum Beispiel, daß ich kein Japanisch kann. Dann wäre also in mir die Proposition gespeichert "Ich kann kein Japanisch" - in welcher "mentalen Sprache" auch immer. Aber es gibt Millionen Dinge, die ich ebenfalls nicht kann, folglich müßte all dies in Form von Propositionen - praktisch unendlich vielen - gespeichert sein. So große Speicher haben in meinem Kopf gar keinen Platz, das geht also nicht.

Aber vielleicht sind die viel weniger zahlreichen Propositionen über das, was ich kann, gespeichert, und im Bedarfsfall durchsuche ich sie und stelle fest, daß Japanisch nicht darunter ist? Auch das gibt Probleme, wenn man an den Zeitbedarf denkt.

Da müssen sich die Kognitivisten schon deutlicher erklären.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2018 um 04.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#39075

Uns ist alles, was man an Kenntnis von Bewußtseinserfahrungen haben kann, unmittelbar bekannt. Denn indem wir sie haben, sind wir mit ihnen vollständig vertraut, und ein tieferes Vertrautsein ist nicht einmal theoretisch möglich. Wenn wir nicht bereits vollständig wüßten, wie es ist, eine Rotempfindung oder eine Schmerzempfindung zu haben, könnte uns auch keine noch so genaue Beschreibung zu einer solchen Kenntnis verhelfen. (Rainer Mausfeld: „Über Ziele und Grenzen einer naturwissenschaftlichen Zugangsweise zur Erforschung des Geistes“. In: Adrian Holderegger et al. (Hg.): Hirnforschung und Menschenbild. Basel 2007:23-40.)

Man kann kaum widersprechen. Das ist aber keine Bestätigung, sondern sollte Verdacht wecken. Was bedeutet das alles? Wie mißt man, ob die Kenntnis „vollständig“ ist? Woher stammt die – notwendigerweise gemeinschaftliche – Sprache, in der man von solch radikal privaten Erlebnissen spricht?
Wie ist es denn, eine Rotempfindung zu haben? Das kann man nicht sagen, nur wiederholen, daß man es eben weiß, wenn man es erlebt hat. Diese Auskunft selbst muß semiotisch und lerngeschichtlich aufgeklärt werden. Sie ist einerseits überzeugend, andererseits leer und nicht weiterführend. Die Subjektivität gibt es eben, und mehr kann man dazu nicht sagen.
Mausfeld setzt die „mentalen Phänomene“ immer schon voraus. Er kommt natürlich immer zu dem Ergebnis, daß sie sich durch Neurologie usw. nicht erklären lassen. Diese Besonderheit ist von Anfang an in den Begriff hineingelegt.
Ich sehe, daß das Buch rot ist. Aber bis zu der Aussage, daß ich eine Rotempfindung habe, bedarf es einiger Verfremdung. Solche Sätze bestätigen die Teilhabe an einer transgressiven, mentalistischen Redeweise, haben darüber hinaus aber keinen Gehalt, von dem sich irgend etwas ableiten ließe.

Weiter geht´s gegen die Windmühlen des Mentalismus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2018 um 03.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#39053

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#30557

und der Frage von Mündlichkeit und Schriftlichkeit der Epik vgl. noch die knappe Diskussion unter

http://www.nybooks.com/articles/1992/06/25/homers-literacy/
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2018 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38886

Auch wer zugibt, daß Chomsky keine bisher unbekannten Tatsachen über die (englische) Sprache entdeckt hat, besteht darauf, er habe der Linguistik eine bisher ungeahnt rigorose Form verpaßt.
Mag sein, aber rigoros am Gegenstand vorbei. Die großen Grammatiker wie Hermann Paul hatten eine rigorose Kenntnis der historischen und dialektalen Tatsachen. Dafür fehlt den neueren Rationalisten jeder Sinn. (Umgekehrt nicht: Methodologische Überlegungen waren den Alten nicht fremd, vgl. etwa Pauls "Prinzipien". Aber die Tatsachen gingen immer vor. "Die Phänomene retten" nannte es Eudoxos von Knidos mit einer unsterblichen Formulierung.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.05.2018 um 10.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38850

Zur Kindersprache:
Unsere jüngste Enkelin, fast 2 Jahre alt, lernt nun langsam, in Sätzen zu sprechen:
"Wa wa brrrmmm brrrmmm" heißt soviel wie "Der Hund sitzt/fährt im Auto".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.05.2018 um 06.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38812

Das Symposium „Zeichen und System der Sprache“ 1959 in Erfurt stand völlig im Banne Saussures und seines bilateralen Zeichens, 1964 in Magdeburg dann Chomskys (Manfred Bierwisch u.a.).
In den 60er Jahren sind viele auf das Gleis der Generativen Grammatik geraten und haben es nie wieder verlassen, sondern alle Kurven und Weichenstellungen Chomskys getreulich mitgemacht. Ein enormer Textausstoß kam in Gang. Junggermanisten erklärten ihren Professoren, was Wissenschaft eigentlich ist usw.
Die Rekonvaleszenz dauert noch an. Man entdeckt die Sprache wieder und trennt sich von den Büchern, die sich nur mit der „Form von Grammatiktheorien“ oder dgl. beschäftigten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.05.2018 um 05.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38795

Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß Modelle der nervösen Zusammenarbeit auch schon neurologische Lösungen darstellen. Kästchen, auf denen "Speicher", "Vergleicher", "Kompensator" usw. steht, bezeichnen nur den Typus von Verarbeitungen, den man fordern muß, um die Funktion des Ganzen verständlich zu machen. Wo und wie das innerhalb des Nervensystems im einzelnen geschieht, bleibt dabei ganz außer acht. Die Entsprechung, die zwischen Modell und Wirklichkeit zu bestehen hat, ist nur eine formale, nämlich die logische Verknüpfung der Funktionen betreffend, nicht ein materiale, d. h. als wäre das Modell eine Skizze von Nervenfasern und Ganglienzellen. (Ivo Kohler in Hb. d. Psychologie: Allgemeine Psychologie 1, Göttingen 1974:625)

Das war das alte Handbuch, im neuen vom selben Verlag wird man solche Einsichten nicht mehr finden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2018 um 09.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38785

Aus demselben Buch:

„Die Annahme, daß Information in Form von Propositionen repräsentiert ist, ist die derzeit gängigste Auffassung zur Repräsentation von Bedeutung im Gedächtnis. (...) Der Begriff der Proposition ist der Logik und Linguistik entnommen.“ (John R. Anderson.: Kognitive Psychologie. Eine Einführung. Heidelberg 1989:112)

Aber was ist das für eine Psychologie, die sich nicht von Logik und Linguistik unterscheiden läßt? Offenbar eine rationale Psychologie im Stil früherer Jahrhunderte. Im 19. Jahrhundert schrieben Psychologen Lehrbücher der Logik und Philosophen Lehrbücher der Psychologie. Chomsky erklärte dann ausdrücklich die Linguisten zu Psychologen, er hätte auch sagen: Philosophen des Geistes. Wie schon berichtet, gab es zu meiner Studienzeit an der Universität Marburg die Psychologie zweimal: an der philosophischen und an der medizinischen Fakultät, ohne jede Beziehung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2018 um 04.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38778

"Die kognitive Psychologie versucht, das Wesen der menschlichen Intelligenz und des menschlichen Denkens zu verstehen." (John R. Anderson: Kognitive Psychologie. Eine Einführung. Heidelberg 1989:15)

Damit ist tierisches Verhalten ausgeschlossen, ähnlich wie bei Neisser, dessen Hauptwerk von 1974 Gert Kegel ein "Konglomerat aus Wahrnehmungspsychologie und Transformationsgrammatik" genannt hat. Dasselbe kann man von Norman/Lindsay/Rumelhart und anderen Standardwerken der angeblich modernen Kognitionspsychologie sagen.

Es scheint auch undenkbar, wie die handlungsnahen und sprachnahen Begriffe, in denen sich die Rekonstruktion bewegt, auf Tiere angewendet werden könnten.

Wir haben es also mit der uralten sprachgeleiteten rationalen Psychologie zu tun, aufgepeppt durch empirische Befunde und Physiologie, auch Computersimulation.

Aber das typische Chomsky-Pathos in Andersons Erledigungstopos:

"Rückblickend ist schwer verständlich, wie die Behavioristen einen derart gegen alles Geistige gerichteten Standpunkt beziehen und so lange behaupten konnten." (20)

Den Geist gibt es doch, verdammt noch mal! (Oder etwa nicht?)

Das bestätigt O’Donohue et al.s Ansicht, daß die kognitive Revolution ein rhetorisches Ereignis war und teilweise noch ist. (O’Donohue, W.; Ferguson, K.E. & Naugle, A.E. (2003). The structure of the cognitive revolution. The Behavior Analyst, 26, 85-110. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2731437/)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.05.2018 um 05.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38762

Ich rücke eine Rezension hier ein, die ich im wesentlichen gleich bei Amazon veröffentlicht habe:

Psycholinguistik. Hg. von Gert Rickheit, Theo Herrmann und Werner Deutsch. Berlin: de Gruyter 2003 (HSK 24)

Vorab zur redaktionellen Gestaltung: Sie ist etwas nachlässig. Orthographisch scheint beim Verlag de Gruyter inzwischen alles erlaubt zu sein – mit Ausnahme der herkömmlichen Rechtschreibung. Gleich der erste Beitrag verwandelt, obwohl er keineswegs aus der Schweiz stammt, jedes ß in ss. Sonst herrscht die Reformschreibung, aber ebenso fehlerhaft wie in anderen neuen Büchern des Verlags. Meistens wird geschrieben sogenannt, zugrundeliegen, fertigstellen, allgemeingültig, selbsteingeleitet, um so, zu eigen machen, sein eigen nennen, vielzitiert, bis auf Weiteres ...
Oft fehlen einzelne Buchstaben, manchmal stehen auch welche zuviel (gegegebene). Der Autor Pylyshin heißt in Wirklichkeit Pylyshyn, so daß auch im Register nur ein einziger Eintrag notwendig ist. Auch S. Harnad und S. H. Harnad sind dieselbe Person. Weitere Namen sind in diesem Sinne zu überprüfen. Gardenne heißt in Wirklichkeit Gadenne, so daß auch hier ein Eintrag zu streichen (und im Beitrag 16 nebst Bibliographie zu korrigieren) wäre. (Das Namenregister führt auch sämtliche Namen an, die lediglich in den Einzelbibliographien vorkommen, z. B. als Herausgeber; das ist irreführend und frustriert den nachschlagenden Leser.) Zipf hieß George und nicht John. Ein im übrigen auf deutsch geschriebener Beitrag stammt von der „Catholic University Eichstaett-Ingolstadt“. Das muß doch nicht sein.
Es gibt auch kleinere inhaltliche Fehler, die ich im folgenden nicht mehr berücksichtigen werde. Wie schon in früheren Arbeiten führt Herrmann als Mustersatz mit Agens und Patiens ausgerechnet „Otto liebt Anna“ an, wo nun gerade kein Agens-Patiens-Verhältnis vorliegt (falls man „lieben“ nicht in krudester Weise interpretieren will).

Das Werk ist radikal mentalistisch orientiert und daher sehr einseitig. Seinen bahnbrechenden Aufsatz von 1982 erwähnt Herrmann an keiner Stelle, und doch sind die tiefgehenden Bedenken, die er damals gegen „stilunreine“ Modelle vorgetragen hat, bis heute nicht aus dem Weg geräumt. Die meistzitierten Autoren sind die drei Herausgeber sowie ihre Schüler und Levelt. Ohne die Verdienste der Genannten schmälern zu wollen: in einem „internationalen Handbuch“ der sprachpsychologischen Forschung scheint das nicht ganz angemessen.
Skinner kommt weder im Text noch im Namenregister vor. Clemens Knobloch schreibt: „In welchem Maße der von Chomsky niedergemähte ´Behaviorismus´ ein Pappkamerad war, zeigt ICKLER 1994“ (S. 20). Mein im Literaturverzeichnis nicht ganz korrekt zitierter Aufsatz hieß aber „Skinner und ´Skinner´ – ein Theorienvergleich“. Sogar hier also wird der Name des großen Teufels im laufenden Text nicht erwähnt. An keiner Stelle des dicken Buches kommen Lerntheorie, Konditionierung, Verstärkung (oder deren Synonyme) vor, diese Art von Lernen scheint es überhaupt nicht zu geben. Auch Bereitschaftspotentiale und Namen wie Kornhuber oder Libet (und deren neuere Mitstreiter) sucht man vergebens, obwohl es doch naheliegt, daß Sprachverhalten im Organismus ebenso wie anderes Verhalten vorbereitet wird. Empirisches wird nur zur Stützung der mentalistischen Modelle herangezogen.
Die Vernachlässigung der Verhaltenstheorie kommt auch in der Unterbelichtung des Spracherwerbs zum Ausdruck. Spracherwerb ist v. a. durch Klix vertreten, der nicht gerade als Spracherwerbsforscher bekannt geworden ist. Für die „Mannheimer Schule“ war Klix allerdings ein kongenialer Partner, wie sich schon an seinen früheren Büchern (zum Beispiel 1992: Die Natur des Verstandes) zeigte: dieselbe Vermischung von akteurs- und systembezogener Diktion, dieselbe Pseudokybernetik in starker, wenn auch polemisch verleugneter Abhängigkeit von Miller/Galanter/Pribram. (Auch auf einer später veröffentlichten Wunschliste Theo Herrmanns [Mannheimer Beiträge Sonderheft 1998] steht eine nähere Verbindung der Kognitionspsychologie zu Klix! Herrmann widmete 2006 ein ganzes Buch dem verstorbenen Freund.)
Die Vermischung von System- und Akteursmodellen ist geradezu programmatisch durchgehalten. Insofern kann ich nur die Kritik wiederholen, die ich schon in meiner Besprechung von Herrmann/Grabowski (in „Sprache und Kognition“) vorgebracht habe. Man könnte das ganze Mannheimer Modell als ein „System aus Akteuren“ bezeichnen. Wie man sieht, ist das nur ein Synonym für „Gesellschaft“, und so stellt sich das Modell schon auf den ersten Blick eigentlich als multiples Homunkulusmodell dar. Dies läßt sich aber noch genauer charakterisieren.
Hier nur wenige Beispiele für die typische akteursbezogene Diktion:
„Der Sprecher wählt einen bestimmten Teil der kognitiven Äußerungsbasis für die Formulierung und Artikulation aus.“ (230)
„Der Sprecher aktiviert seine Wissensstruktur“ usw. (!)
Wenn das nur eine bequeme Abkürzung sein sollte (wie schon von Herrmann/Grabowski 1994 reklamiert) – wie wäre es denn in unanfechtbarer System-Redeweise zu fassen?
Am Schluß seines zweiten Beitrags äußert sich Herrmann selbst über den Konstrukt-Charakter von „Propositionen“ (241), aber sehr zaghaft und ohne Konsequenzen. Vor allem scheint der eigentliche Ort für „Propositionen“ nicht richtig gesehen zu werden, denn Propositionen sind keine natürlichen Gegenstände oder Ereignisse, sondern gehören in die Sprache. Im Gehirn kann es nur dann Propositionen geben, wenn man sich zur Annahme einer Gedankensprache bekennt (die aber sogar Vorstellungen und Gefühle „repräsentieren“ können muß, vgl. „Gedanken, Vorstellungen und Gefühle als Enkodierinput“ – hier handelt es sich um populäre Konstrukte, die nichts in einem realistisch gedeuteten Verlaufsmodell zu suchen haben. Es wird versäumt, solche Ausdrücke – „transgressive Metaphern“ nach Kronasser – semiotisch zu analysieren.) Dieses Bekenntnis wird, soweit ich sehe, nirgends ausgesprochen. Sollte es sich jedoch nur um ein bequemes „Konstrukt“ (eine „nützliche Fiktion“) handeln, dann muß klar sein, daß hier Verhalten durch Handeln erklärt wird statt umgekehrt (wie es doch wohl sein sollte). Man macht sich die unbekannten Prozesse im Innern des Organismus scheinbar vertraut, indem man sie in alltagsnaher handlungsbegrifflicher Diktion modelliert. Einen Fortschritt kann ich darin nicht sehen.
Wenn man die erste Stufe der Aktualgenese sprachlich oder sprachnah konzipiert, ist sprachliches Verhalten sogar leichter zu erklären als nichtsprachliches. Das sollte aber doch schwersten Verdacht erregen, denn das Sprachverhalten ist komplizierter als das nichtsprachliche. Die Neurophysiologie kann noch nicht einmal vollständig erklären, wie es zugeht, wenn ein Ball in die Luft geworfen und wieder aufgefangen wird. Wie erklärt das Mannheimer Modell diesen Vorgang? Und wenn dabei von „Propositionen“ kein Gebrauch gemacht werden muß - warum dann bei Sprachverhalten? Aber ich fürchte, das Mannheimer Modell kommt auch bei der Analyse des Ballwerfens nicht über ein rein formales Reden mit kybernetischen Ausdrücken wie „Soll-Wert“ und „Ist-Zustand“ hinaus.
Was Herrmann liefert, ist in Wirklichkeit eine begriffliche, logische Rekonstruktion des Sprachverhaltens. Dazu braucht man nicht einmal ein Psychologiestudium; Pragmalinguisten und Philosophen (wie Grice und viele andere, die daher auch im vorliegenden Werk zitiert werden, obwohl sie mit Psychologie nichts zu tun haben) können das genauso gut.
Die informationstheoretischen und kybernetischen Begriffe sind auch nur usurpiert. Weder „Information“ noch „Sollwert“ usw. werden in ihrem eigentlichen wissenschaftlichen Sinn gebraucht. Wenn jemand etwas „soll“, z. B. wiedergrüßen, so hat das beinahe gar nichts mit dem kybernetischen Begriff des Sollwertes zu tun (der seinerseits metaphorisch ist und insofern eine solche Äquivokation nahelegt; aber der Psychologe sollte sich davon doch nicht irreführen lassen).
Wie ich schon anderswo dargelegt habe, ist die Rekonstruktion der Aktualgenese aber nicht einmal zwingend oder auch nur plausibel. Schon die Annahme, daß die Bedeutung einer Äußerung am Anfang des Prozesses steht, ist begrifflich inkonsistent. Bedeutung (auch wenn sie als „Protoinput“, „kognitive Struktur“ o. ä. umschrieben und verunklart wird) ist ein relationaler Begriff; sie ist immer Bedeutung von etwas, von Zeichen, von Sprache ... Damit ist also gar nichts erklärt, denn die notwendigerweise anzunehmende Gedankensprache muß ja ihrerseits erklärt werden. Wie entsteht die Botschaft, die es zu enkodieren gilt? Vgl. den frühen Einwand:
„Unter dem Einfluß der Informationstheorie sind auch im Bereich der Geisteswissenschaften Modellvorstellungen in Mode gekommen, die sich sachlich kaum rechtfertigen lassen. Diese Modelle haben in der Regel keine andere Konsequenz als rein Terminologisches. Zusammenhänge werden nicht erklärt. (Was ist schon gewonnen, wenn der Sprecher zum Sender, der Hörer zum Empfänger wird!) Das Modell der Kommunikationskette (das wir hier nicht eigens durch eine Zeichnung vertreten müssen) besteht aus einem Kästchen mit dem Buchstaben S (für Sender) und einem Pfeil mit dem Buchstaben K (für Kanal) zu einem zweiten Kästchen mit dem Buchstaben E (für (Empfänger). Das Modell ist völlig trivial (...) Das Kanalmodell hat eine theoretische Schwäche, die eigentlich seine Anwendung im nichtnachrichtentechnisch orientierten Bereich von selbst verhindern sollte. Das, worauf es eigentlich ankommt, wird durch das Modell in keiner Weise expliziert: die zu übertragende Nachricht. Sie wird einfach immer schon vorausgesetzt; es kommt nur noch darauf an, eine Kodierung zu finden (...)“ (Hans G. Tillmann/Phil Mansell: Phonetik. Stuttgart 1980:308)
Dies lassen alle mentalistischen Modelle der Aktualgenese außer acht. (Nach Herrmann gehen alle gegenwärtigen Sprachproduktionsmodelle von der „Bereitstellung des kognitiv-nichtsprachlichen Inputs“ aus; S. 217.)
Sie erwägen nie, daß die Bedeutung nicht am Anfang, sondern am Ende des Prozesses stehen könnte: als vollendete Angepaßtheit der Reaktion an ihre Umgebung. Aber dem scheint nach wie vor die alltägliche Erfahrung im Weg zu stehen: „Ich weiß, was ich sagen will.“ Herrmann (218) erkennt zwar, daß „man“ nicht immer schon zu Beginn weiß, was man sagen will. Aber selbst dies ist schief, denn auch „Ich weiß nicht genau, was ich sagen will“ ist schon ein gesellschaftlich approbiertes Sprachverhalten und grundsätzlich von derselben Art einer unbrauchbaren Auskunft über die wirklichen Vorgänge.
Die Bereitschaft zu sagen Der Junge liebt das Mädchen wird offenbar als Existenz einer „Proposition“ im „Geist“ des Sprechers gedeutet. Diese Proposition ist ein gleich gebauter Satz, nur eben mit den ominösen „Konzepten“ anstelle der Wörter und „Proposition“ statt Satz – es ist aber im wesentlichen dasselbe.
Ich meine dagegen, daß die Bereitschaft zu einem solchen Sprachverhalten in völlig anderen Begriffen zu formulieren ist, keinerlei Ähnlichkeit mit Sprache hat und daher nicht in die endgültige Äußerung „übersetzt“ werden kann. Wenn wir – was zur Zeit unmöglich erscheint – keine neurophysiologische Beschreibung geben können, müssen wir uns mit einer Erklärung des Verhaltens durch Herleitung aus der Konditionierungsgeschichte (auf der Grundlage ererbter Verhaltensanteile) begnügen.
Die Analyse von „Auffordern“ zeigt übrigens, daß seit einem Vierteljahrhundert keinerlei Fortschritt mehr erzielt worden ist; es bleibt bei der alltagsnahen begrifflichen Analyse, ohne eindringende Verifikation an wirklichen Vorgängen. Was hat das Ganze mit Psychologie zu tun, wenn es die Philosophen, Rhetoriker und Juristen genauso gut können? (Die juristische Rhetorik hat die frühesten und bis heute kaum überholten Handlungsanalysen erarbeitet.)
Wo das „Meinen“ ins Spiel kommt (besonders im Zusammenhang mit dem Pars-pro-toto-Prinzip), hätte unbedingt gefragt werden müssen, was dieses Meinen eigentlich ist: ein weiteres Verhalten, das der Herleitung bedarf? Auf keinen Fall läßt sich „Meinen“ in ein realistisch zu deutendes Verlaufsmodell der Aktualgenese einbauen.
Man muß dem Modell vorwerfen, daß es sich weder um einheitliche Modellierung von sprachlichem und nichtsprachlichem Verhalten bemüht noch eine Verbindung von menschlichem und tierischem Verhalten herstellt.
Diese Art von Psychologie siedelt sich in einem Niemandsland zwischen dem Verhalten und dem physiologischen Geschehen an, aber dort ist immer weniger zu holen. Sie nutzt den Reichtum der Alltagserfahrung (folk psychology) und kann dadurch noch für eine Weile verbergen, wie wenig sie selbst beizusteuern vermag. Aber ich fürchte, das wird nicht mehr lange gutgehen. Man wird die „Zentrale Kontrolle“ so wenig finden wie die „Propositionen“ – und was dann? Die Auskunft, es seien ja ohnehin nur „Konstrukte“ und keine „hypothetischen Einheiten“ gewesen, wird keinen großen Eindruck machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2018 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38741

"Wir benutzen Kategorien, um Gruppen von Objekten oder Ereignissen wie etwa Hunde, Vögel, Junggesellen, Autos, Computer, Geburtstage, Kriege, aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten zusammenzufassen. Kategorien können konkrete Objekte wie etwa Pflanzen bezeichnen, sie können sich aber auch auf abstrakte Gebilde wie zum Beispiel Demokratie beziehen. Wir können auch Kategorien kombinieren, um so zu einer schier endlosen Zahl neuer Kategorien zu kommen wie etwa Tennisbälle, Autoreparaturen, Haustiere oder Internetkaufhäuser." (Jochen Müsseler/Wolfgang Prinz (Hg.): Allgemeine Psychologie. Heidelberg, Berlin 2002:434; auch https://www.psych.uni-goettingen.de/de/cognition/publikationen-dateien-waldmann/2002_kategorisierung.pdf)

Was bedeutet das alles? Wieso bezeichnen Kategorien etwas, sind es Wörter? Ist bezeichnen und sich beziehen dasselbe? Warum wird nicht einfach gesagt, daß Organismen auf ähnliche Reize ähnlich reagieren? (Das Reagieren auf sprachliche Reize wie Demokratie ist, wie überhaupt Sprache, besonders zu erklären.) Eine Kategorie, die sich irgendwie auf ein „abstraktes Gebilde bezieht“, ist nicht nötig und verrätselt den Sachverhalt nur – abgesehen davon, daß die Einteilung der Objekte in konkrete und abstrakte auch problematisch ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.05.2018 um 04.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38709

Es kommt darauf an, die wirklichen Vorgänge durchgehend in Verhaltensbegriffen zu beschreiben. Wenn die Autoren hier von "product" sprechen, ist es etwas anderes als die ausführlich kritisierte undurchschaute Produktmetapher. Das Sprachverhalten ist freilich das "Resultat", also die letzte Phase der Aktualgenese, in deren Verlauf die von den Autoren erwähnten steuernden Faktoren einwirken.

Im Heringer-Zitat ging es mir um den Begriff der "direkten Kommunikation" – also einer Verständigung ohne ein Stück Sprachverhalten i.w.S.; ich kann mir darunter nichts vorstellen. Darum scheint mir auch der Gegenbegriff, also die Indirektheit der Kommunkation vermittelst eines "Texte", nicht sinnvoll.
 
 

Kommentar von D. P., verfaßt am 08.05.2018 um 22.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38708

Palmer/Donahoe: Essentialism and Selectionism in Cognitive Science and Behavior Analysis (1992)

When spoken, a verbal expression is a response, to be understood as a product of the current situation, the organism, and a particular selection history. We may be reading the expression from a book, solving an anagram, repeating what someone else has said, alerting our listener to some state of affairs, recalling an anecdote, reciting a famous quotation. We provide a meaning of the utterance by considering such variables, along with the past experience of the speaker; the topography of the response need not be considered. For the listener, bringing a different history to bear, the meaning is different. For him, the utterance is not a response but a stimulus, and meaning is to be sought partly in his experience with elements of the class exemplified by that stimulus.

Ist das etwas grundlegend anderes? Klar muss man nicht alles, was einem an Sprache unterkommt, gleich zum Text machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2018 um 08.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38691

"Es gibt keine direkte Kommunikation zwischen Sprecher und Hörer. Die Verbindung ergibt sich über den Text. Aber auch der Text allein enthält noch kein Verständnis. Er ist totes Material, das erst durch das Wissen der Sprachteilhaber zum Zeichen mit Sinn wird."
(Hans Jürgen Heringer)

Was soll man sich denn unter "direkter Kommunikation" vorstellen? Und der tote "Text" ist ein Artefakt. Es wäre gut, solche Mystifikationen zurückzubauen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2018 um 09.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38471

Das Kind lernt, nicht alles auszusprechen, sondern sich manches nur zu "denken". So kommt es zum "stummen" oder "verdeckten" (covert) Sprechen. Das ist im Grunde ein Fall von Verstellung, man setzt sozusagen ein Pokergesicht auf. Das ist auch einer der Gründe, warum man Denken grammatisch und orthographisch wie Sprechen konsntruiert.

Psychologen theoretisieren es dann wieder und fragen sich, wie "Mindreading" oder "social cognition" möglich ist. Das ist aber der falsche Ansatz. (Übrigens die alte Diskussion um das "Fremdseelische", die man in der anglophonen Kognitionspsychologie nicht mehr zu kennen scheint, wie so manches andere.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.03.2018 um 17.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38238

Der Streit darüber, ob die homerischen Helden eigene Entscheidungen treffen (Bruno Snell und Kritiker), hat etwas Müßiges. Warum fleht eine Delegation von Griechen den Achill an, warum zürnt Achill dem Agamemnon? Wer ist wem dankbar? Die Interaktion der Menschen ist nicht so verschieden von unserer heutigen. Man vergleiche die Szene zwischen Priamos und Achill; sie zeigt kein „Menschenbild“, das nicht auch in einem heutigen Text sofort nachvollziehbar wäre. Auch sonst sind die menschlichen (und übrigens auch die göttlichen!) Handlungen uns vollkommen verständlich. Das ist viel wichtiger als die Zusammenstellung einzelner Vokabeln und Vokabellücken. Es geht um die gattungsspezifische Darstellung von Motiven. Mehr als die Hälfte der Ilias ist wörtliche Rede.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.03.2018 um 17.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38237

That we already know what a person is and what thinking, remembering, imagining and perceiving are is manifest, not in our grasp of any theory which could compete with theories propounded in science or philosophy, but in our competence in using a shared language of mentality in the ordinary circumstances of life. That we are competent users of this language is a presupposition of the cognitive sciences; if we were not we would have no idea at all of what there is for a neuroscience or a cognitive science to achieve, for we would not be able to say what the point of these forms of inquiry is. (Jonathan Trigg/Michael Kalish: „Explaining how the mind works: on the relation between cognitive science and philosophy“. Topics in Cognitive Science 3, 2011:399-424, S. 405)

Gut gesagt. Ich stelle es meistens so dar: Die Folk psychology ist keine Erkenntnis, sondern expliziert einfach die Geschäftsordnung einer entsprechend kultivierten Bildungssprache. Der vortheoretische Charakter macht sie auch so überzeugend, geradezu unwiderlegbar.
(down und http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1756-8765.2011.01142.x/pdf)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.03.2018 um 16.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38236

Psychological observation is observation by each man of his own experience, of mental processes which lie open to him but to no one else. (Titchener 1898)

Ich kann natürlich nicht wissen, wie es Ihnen geht, aber von mir selbst muß ich sagen, daß ich solche Dinge in mir nicht "beobachte". Es stimmt, daß ich Auskünfte geben kann, die kein anderer geben kann, aber von "Beobachtung" würde ich nicht sprechen, ja schon daß es Auskünfte "über" etwas sind, scheint mir irgendwie schief ausgedrückt. Es sind eher so eine Art Bekundungen; mir fehlt ein Wort dafür (nicht zufällig). Im Augenblick zum Beispiel, nach einer dreistündigen Wanderung und einem reichlichen Mittagessen, bin ich etwas schläfrig und nicht zu großen Geistesflügen imstande, aber das "beobachte" ich eigentlich nicht. Weiß ich wenigstens, daß ich in diesem Zustand bin? Muß ich wohl, obwohl es mir eine leere Zusatzbehauptung zu sein scheint. Ist es ein mentaler oder ein körperlicher Zustand? Beides oder keines von beiden. Es paßt hinten und vorn nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2018 um 05.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38115

Alan Costall hat die übliche historische Selbstdarstellung der Psychologie als Legendenbildung kritisiert: "Introspectionism" and the mythical origins of scientific psychology, Consciousness and Cognition 15 (2006) 634–654. (https://pdfs.semanticscholar.org/7f59/a724a9ba2c11a3cd816d5d21033ca03f974f.pdf)

Zu Titchener usw. vgl. schon http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#24409

Das kommt mir nicht so neu vor, ist aber lesenswert.

Tierzucht war schon immer darwinistisch, Erziehung war schon immer behavioristisch. Man mußte bloß noch die angewandten Grundsätze aussprechen, dann hatte man die Philosophie zur Praxis.

Costall hat auch die Unterstellung einer „Theory of mind“ und damit die Entwicklungspsychologie nach Art Tomasellos grundsätzlich in Frage gestellt: Alan Costall/Ivan Leudar: Getting over “the problem of other minds”: Communication in context. Infant Behavior & Development 30 (2007) 289–295. (http://www.leudar.com/pdfs/theoretical%20&%20historical%20papers/2007%20IBD%20costal&leudar.pdf)

Auch das ist richtig. Unter Kritikern ist längst bekannt, daß man die naive Psychologie als Teil der Lebenspraxis (Verständigungsmittel) und nicht als „Theorie“ ansehen sollte. Der Säugling hat keine Theorie in irgendeinem vernünftigen Sinn des Wortes, und Tiere, denen man es unterstellt, erst recht nicht. (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#26973) Es ist aber gut, einmal auszusprechen, daß große Teile der einschlägigen Literatur einfach Unsinn sind.

(Diese Kritik ist von Wittgenstein vorbereitet, von Peter Hacker systematisiert worden, ebenso von einer anderen Seite kommend Skinner.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.03.2018 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38045

Ich mache absichtlich einen neuen Eintrag auf, um ein altes wissenschaftstheoretisches Problem auf den Tisch zu legen.

Ein Indogermanist schrieb einmal:

Wenn die "Laryngale" hingegen aus Gründen einer konsistenten Systembeschreibung als Hilfsmittel der Beschreibungssprache eingeführt werden, ohne daß damit ihre Existenz in der Objektsprache behauptet wird, ist dies ein durchaus zulässiges Verfahren. (Erich Neu: "Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft". In: Grundzüge der Sprach- und Literaturwissenschaft I: Sprachwissenschaft:318)

Was soll das heißen? Sind die Laryngale dann Notationsmittel, um Lautentsprechungen auszudrücken? Und wenn durch neue Funde positiv bewiesen wäre, daß das Idg. keine Laryngale hatte, wäre die Beschreibung des "Systems" immer noch mit Laryngalen leichter, sie könnten also beibehalten werden, wenn die Konsistenz- und Systemforderung über den wirklichen Befund gestellt werden soll. Das postulierte System siegt über die Rekonstruktion der Tatsachen. – Andere Indogermanisten (wie Szemereny) bestehen demgegenüber auf "Realismus".

Man könnte als Parallele andere Fiktionen anführen, wie z. B. hier erörtert: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1432#33587
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=802#13748 (Planimeter und Bienen)
und hier:
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#28089
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30567

Skinner würde vermutlich sagen: Erklärungen mit Hilfe solcher Fiktionen erklären in Wirklichkeit nichts. Man macht sich nur etwas vor. Natürlich klingt es plausibel, daß der Taxifahrer eine "mental map" der Stadt im Kopf hat (im Hippocampus – hahaha!), aber wer liest diese Karte? (Kartenlesen muß gelernt sein.) Der Homunkulus muß sich ähnlich verhalten wie ein Mensch (homo), und das muß ebenfalls erklärt werden usw. – Zirkel oder infiniter Regreß, das hat uns gerade noch gefehlt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.03.2018 um 04.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38044

Lieber Herr Riemer, Sie begehen keinen Denkfehler, sondern stecken aus meiner Sicht voll und ganz in einer herkömmlichen und auch bewährten Tradition des Denkens oder Sprechens, und innerhalb dieser Begrifflichkeit haben Sie ganz recht: ohne Speicherung kein Wissen usw.
Ich traue mir auch nicht zu, hier die ganze Begriffskritik zu wiederholen, die gegen "Wissen" und ähnliche traditionelle, im Alltag durchaus funktionierende volkspsychologische Konstrukte aufgefahren werden muß. Meine eigene Kritik ist über Dutzende von Eintragungen verstreut.
Ich habe natürlich nach meiner eigenen "Bekehrung" sehr oft die Erfahrung gemacht, daß auch Engelszungen nicht ausreichen, die traditionelle mentalistische Psychologie aus den Angeln zu heben. Ich habe es mit meinen beiden Aufsätzen in "Sprache & Kognition" versucht, dazu mit der Rezension zu Herrmann/Grabowski ebd. – Skinner war sicher oft perplex, weil man nicht verstand, was er sonnenklar darzulegen gemeint hatte. Aber vielleicht lesen Sie einmal (wenn Sie es nicht schon getan haben) sein reifes Buch "About Behaviorism" (auch auf dt.: "Was ist Behaviorismus"), das meiner Ansicht nach die beste Zusammenfassung ist.
Skinner steht, wie man längst bemerkt hat, dem späten Wittgenstein nahe und damit der Ordinary-Language-Philosophie. "Wissen" usw. sind alltagstaugliche Begriffe (gehören dem "Vernacular" an, das auch der Behaviorist im Alltag gebraucht), aber sie sind nicht wissenschaftsfähig.
Ohne Speicherung kein Wissen? Der Organismus verändert sich durch Lernen, so daß er sich dann anders verhält. Aber das "Speicherung" zu nennen fügt nichts hinzu und führt nur in die Irre: Wo ist der Speicher, wer durchsucht ihn und wie? Und warum dauert die Suche nicht immer länger, je mehr "gespeichert" ist? Usw. Der radikale Behaviorismus macht ja keine neurologischen Aussagen, aber wenn etwas schon begrifflich nicht möglich ist, braucht man gar nicht erst nach seiner Realisierung im Medium von Nerven zu suchen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.03.2018 um 23.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38043

Die Neurologie kann die Einzelheiten so oder so (egal, ob von einem kognitiven oder behavioristischen Standpunkt) noch nicht genau erklären, aber es gibt doch etwas Grundlegendes, was schon vor dem Ansatz der Neurologie gesichert ist, zumindest von einem materialistischen Weltbild ausgehend:

Wissen ist Information, und Information kann überhaupt nur existieren, wenn sie auf einem materiellen Träger gespeichert ist.
Ohne Speicherung kann es gar kein Wissen geben.
Ich sage gar nichts über die Art des Speichers, außer daß er physischer Natur ist, Teil der materiellen Welt, entweder innerhalb des Gehirns oder auf anderen materiellen Datenträgern. Wo ist mein Denkfehler?

Ich habe den Eindruck gewonnen, daß der Behaviorismus etwas zwingend Notwendiges, nämlich die physische Speicherung von Bewußtseinsinhalten (Ideen, Wissen, Daten, Information) und die physische Speicherung unbewußter Bewegungsabläufe (Motorik, Reflexe) im Gehirn einfach so und ohne besseres Konzept ablehnt. Daß Neurologie und Psychologie bisher weder den Speicher noch den Zugriff auf Gespeichertes (Wissen und Reflexe) hinreichend erklären kann, rechtfertigt nicht, diese einzige und zwingende Voraussetzung einfach über Bord zu werfen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2018 um 18.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38038

Wie kommen Sie darauf, diesen Satz als Standpunkt bzw. Forschungsstand des Behaviorismus darzustellen? Ich habe doch nur gesagt, daß die Neurologie es bisher nicht erklären kann. Das sind ganz verschiedene Dinge. Auch ich glaube nicht an Wunder.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.03.2018 um 13.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38035

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21952:

"Die Neurologie kann [...] nicht erklären, wieso ich am Morgen weiß, wo ich abends meine Brille hingelegt habe."

Kognitivismus: Der Ort der Brille ist in einem mentalen Speicher enthalten.

Behaviorismus: "Das sind bis auf weiteres – Wunder."

Das ist genau mein Problem. Tut mir leid, aber an Wunder glaube ich nicht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.03.2018 um 11.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38034

Wissen heißt, eine Tatsache kennen, ganz allgemein: eine bestimmte wahre Information besitzen.

Eine Information existiert nicht an sich, sie ist immer an einen materiellen Träger gebunden. Information ist eine bestimmte Struktur oder Ordnung von Materie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2018 um 09.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#38031

Wissen hat viele miteinander zusammenhängende Funktionen; eine davon ist diese:

Wenn jemand sagt: "Das weiß ich schon", dann wird man gewisse Aussagen nicht mehr machen. Das Kind lernt, dieselbe Geschichte demselben Adressaten nicht mehrmals zu erzählen. (Ausnahmen und Feinheiten klammere ich aus: Das Kind will dasselbe Märchen in genau derselben Fom immer wieder hören usw.)
Das ist offenbar ein wichtiger Faktor in der Steuerung von Gesprächen. Man kann es beschreiben, ohne von "theories of mind" Gebrauch zu machen. Das Kind stellt keine Hypothesen über den mentalen Zustand seines Gesprächspartners auf. Es lernt gewissermaßen bloß "Ne bis in idem!"
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2018 um 14.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37945

Man könnte meinen, "Kognitionswissenschaft" sei etwas Neues, Modernes, so neu wie die Bezeichnung. Aber dann lesen wir bei Wikipedia:

Kognitionswissenschaft ist eine interdisziplinäre Wissenschaft zur Erforschung bewusster und potentiell bewusster Vorgänge (engl. science of the mind).
Gegenstand der Kognitionswissenschaft ist bewusstes und unbewusstes Erleben, das oft zwischen Sensorik und Motorik lokalisiert wird, sowie die Verarbeitungen von Information im Rahmen menschlichen Denkens und Entscheidens. Darunter fallen z. B. Wahrnehmung, Denken, Urteilen, Gedächtnis, Lernen und Sprache. Ihr Gegenstandsbereich ist nicht auf die Kognition eingeschränkt, sondern umfasst ebenso sehr Emotion, Motivation und Volition.


Nanu, das kennen wir doch? Es ist die vor gut 100 Jahren übliche Definition der Psychologie. Wundt bezeichnet als wahre Aufgabe der Psychologie die „Analyse der inneren Erfahrung“ (Logik 1, 4. Aufl. 1919:7) – "Erlebnis" war ein Grundbegriff.

"Mind is back!" Fürwahr!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2018 um 05.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37840

Blackwell Handbook of Child Cognitive Development. Oxford 2002

In Wirklichkeit geht es um die Entwicklung des kindlichen Verhaltens im Unterschied zur körperlichen Entwicklung. Die kognitivistische Mode fügt beinahe zwanghaft „cognitive“ ein. Der Psychologe kann sein theoretisches Konstrukt der „Kognition“ weiter ausbauen oder eben „entwickeln“, und so sollte man die Sache auch ausdrücken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2018 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37817

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37691

Auch Grüsser und Henn berichten, daß Affen ständig kaum wahrnehmbare Signale aussenden, die ihren sozialen Rang sichern. Schaltet man diese Aktivitäten durch Hirnelektroden herunter, dauert es nur Sekunden, bis die anderen Affen in ihr Territorium eindringen. (Michael Lohmann [Hg.]: Wohin führt die Biologie? München 1977:143)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2018 um 05.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37808

„Es scheint, daß Chomsky (wohl unbeabsichtigt) etwas sehr Zukunftsträchtiges auf der ersten Seite von Sprache und Geist aussprach, als er Linguisten zu Psychologen umfunktionierte.“ (Charles E. Osgood in: Helen Leuniger u. a., Hg.: Linguistik und Psychologie. Ein Reader. Frankfurt 1974:139)

Die kognitive Psychologie ist seither (wieder) eine rationalistische Psychologie am Leitfaden der Sprache. Da sie nicht-empirisch räsoniert, braucht man kein Studium der Psychologie. Germanisten schreiben unentwegt Bücher mit "kognitiv" im Titel. Ich kenne einige dieser Kollegen und kann mit Bestimmtheit sagen, daß sie rein gar nichts von Psychologie verstehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2018 um 10.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37691

Ich wollte sagen: Die Zoologen geben zu, daß sie das kommunikative Verhalten der höheren Tiere (Hunde, Affen) bisher nur teilweise erfaßt haben. Es ist eben schwer, in der Fülle der Bewegungen die bedeutsamen von den zufälligen und beiläufigen zu unterscheiden. Ich weiß nicht, wie weit der Erwerb der Geschicklichkeit von Hand und Fingern (um nur dies zu erwähnen) beim Säugling schon erfaßt ist. Die Möglichkeit der Aufzeichnung erlaubt eine Mikroanalyse. „Lernen am Erfolg“ (operante Konditionierung) findet täglich und stündlich statt, das kann man an den Fingerchen schon mit bloßem Auge erkennen. Dazu natürlich die unendliche vielfältige, schwerer zu beobachtende Entwicklung der Kommunikation mit den Erwachsenen. Allein schon die Entsprechungen zum "Wuff" des Hundes (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37682)!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2018 um 07.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37690

„Children acquire language at breathtaking speed.“ (usw.) (Daniel Dennett: Kinds of minds. London 1997:195f.)

Diese vor allem von Chomsky und seiner Schule (zum Beweis eines „angeborenen Spracherwerbsmechanismus“) verbreitete Lehre ist haltlos, weil kein Vergleichsmaßstab angegeben ist. Wir haben auch längst nicht genau genug untersucht, wie schnell das Kind andere feinmotorische Leistungen erwirbt, darunter auch durchaus kommunikative. Wüßten wir mehr, würde uns das erste Wort kaum als so einschneidende Neuerung beeindrucken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2018 um 05.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37652

„Kohäsion liegt vor, wenn grammatisches Wissen verwendet wird, um einen Zusammenhang herzustellen.“ (Dudengrammatik 2005, S. 1072)

Das ist die zwanghafte Kognitivierung sprachlicher Tatsachen, der moderne Psychologismus, wie im ganzen Duden. Statt die Struktur der Sprache oder das beobachtbare Sprachverhalten darzustellen, weicht man ohne Umstände in das Konstrukt "Wissen" aus.

Es gibt unzählige Texte, die der Sprachbeschreibung ein "im Kopf", "im Gehirn" o. ä. hinzufügen ("brain porn"), wobei die Verfasser sich nicht einmal daran erinnern, daß sie weder Psychologie noch Neurologie studiert haben und selbst dann, wenn sie es hätten, buchstäblich nichts über die "Sprachverarbeitung" im Kopf wüßten.

Chomsky hat die radikale Psychologisierung der Linguistik durch Saussure fortgeführt, sogar als theoretisches Programm.

Vielen leuchtet dieser Psychologismus ein, weil er das Plausibilitätsreservoir der Volkspsychologie anzapft, die sich ihrerseits im täglichen Umgang bewährt hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.01.2018 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37647

Der Geist, die Sprache des Geistes usw. sind Konstrukte, d. h. (bestenfalls nützliche) Fiktionen, nach denen man nicht "suchen" kann und die sich nicht empirisch nachweisen oder widerlegen lassen. In dieser Hinsicht ist der Vergleich mit dem Phlogiston verfehlt. Phlogiston war eine "hypothetische Einheit" (in den Begriffen Theo Herrmanns gesprochen), und wurde empirisch widerlegt. Sherrington leitete aus einer Strukturanalyse des Nervensystems die Existenz von Synapsen ab, und sie wurden später tatsächlich beobachtet, waren also hypothetische Einheiten. Eine angeborene Grammatik "im Kopf" ist ein Konstrukt, und nicht einmal ein nützliches (vgl. Roy Harris in "Mindwaves").
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2018 um 03.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37630

„The Language of Thought Hypothesis (LOTH) is an empirical thesis about thought and thinking.” (Murat Aydede in https://plato.stanford.edu/entries/language-thought/)

Wieso empirisch? Diese LOT kann ihrer Definition nach niemals entdeckt oder widerlegt werden, da sie – wie Denken – nur ein Konstrukt ist. Schlagende Widerlegung von Peter Hacker in Greenfield/Blakemore: "Mindwaves", dort auch Roy Harris.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.01.2018 um 08.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37574

Von Introspektion halte ich nicht viel, aber wir können vielleicht ohne Risiko annehmen, daß jeder von uns (fast) ständig innerlich vor sich hin spricht, also sich etwa vorstellt, was er sagen wird oder gesagt hat und was der andere gesagt hat usw. Daher ja die alte Auffassung, daß Denken ein stummes Sprechen ist oder ein Dialog der Seele mit sich selbst (Platon).
Man hat auch den Eindruck, daß man dabei nicht alles normgerecht ausformuliert - wozu auch? Es gilt ja keinen anderen zu überzeugen. Es geht alles viel schneller, wenn man die dicken Lippen und die träge Zunge nicht bewegen muß.
Die Rede bildet sich wie jedes Verhalten allmählich heraus; die "Neuronenrepublik" stimmt nach und nach ab, und der stärkste Impuls gewinnt und "takes it all", alle Konkurrenten werden beiseite geschoben.
Manche Aphasieforscher meinen, daß bei Aphasie auch "Vorgestalten" der Rede durchbrechen.

Nun der nächste Schritt. Man kann annehmen, daß auch unfertige Impulse zwar nicht "bewußt" werden (ein anderer Ausdruck ihrer Unfertigkeit), aber trotzdem im Kopf Reaktionen steuern: Reafferenz ohne Muskeltätigkeit. Die konventionellen Kategorisierungen durch Sprache wären dann auch "unbewußt" wirksam. Konventionell heißt gesellschaftlich, kulturell.

Dieser Gedanke bereichert u. a. die Diskussion um "linguistische Relativität".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.12.2017 um 04.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37354

"Ausgangspunkt eines Sprechaktes ist die Vorstellung oder der Gedanke, der hier zunächst sprachfrei konzipiert ist. Er wird übersetzt in Sprache, in ihr Regelsystem oder ihren Code." (Ute Schönpflug: Psychologie des Erst- und Zweitspracherwerbs. Stuttgart 1977:15)

Es gibt Hunderte von sehr ähnlichen Stellen in der einschlägigen Literatur. Das entspricht einer alten naiven Auffassung (erst weiß ich, was ich sagen will, dann sage ich es). Neu ist nur die technizistische Ausdrucksweise ("Code").

Wie kann man etwas übersetzen, was sprachfrei konzipiert ist? Sinnlose Wortemacherei.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.12.2017 um 04.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37353

In vielen Arbeiten über Spracherwerb heißt es, das Kind stehe vor einer "Spracherwerbsaufgabe" und befolge gewisse "Erwerbsstrategien" usw. – Das sind Indizien einer völlig falschen Sicht. So wird man Lernvorgänge niemals erforschen können. In der Biologie hat man die Teleologie mühsam überwunden (Evolutionslehre), in der Psychologie noch nicht. Das gilt für die Konditionierung ebenso wie für den einzelnen Sprechakt (Aktualgenese).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2017 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#37091

Kognitivisten nehmen ja für Wörter gern ein „mentales“ Lexikon an, sonst auch „propositionale Speicherung“. Aber was ist mit den motorischen Fertigkeiten (mit den „anderen motorischen Fertigkeiten“, will ich natürlich damit sagen)? Wie ist die Fähigkeit des Schwimmens oder Radfahrens „gespeichert“? Wie kommt es, daß jemand nach 40 Jahren noch ein Klavierstück spielen oder wenigstens in Kürze wiederauffrischen kann? Und wenn das nichts mit mentalem Lexikon und propositionaler Speicherung und „Regeln“ zu tun hat – warum sollte man die Sprechfertigkeit grundsätzlich anders modellieren? Die Ökonomie der Wissenschaft gebietet es, alle Verhaltensänderungen einheitlich zu erklären, und zwar möglichst so, daß auch das Lernen der anderen Tiere ins Modell paßt. Man wird doch wohl nicht annehmen, daß das ZNS bei Menschen und Schimpansen grundsätzlich ganz verschieden arbeitet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2017 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#36262

Vor einigen Jahren staunte man ja nicht wenig, als Kollegen, die man zu kennen glaubte und die ganz brav über englische Adverbien usw. geschrieben hatte, plötzlich Einführungen in die "kognitive Linguistik" veröffentlichten, als seien sie über Nacht Psychologen geworden. Heute schreibt jeder so, "kognitiv" ist ein bedeutungsloses Beiwort geworden, weil Linguistik durch Chomsky als Teil der "kognitiven Psychologie" definiert worden ist. Es hat also nichts Unterscheidendes mehr, ich bin wohl auch Kognitionsforscher, ohne es zu wissen und zu wollen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2017 um 10.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#36259

Skinner hat einmal die Scholastiker als die Kognitivisten des Mittelalters bezeichnet. (Recent Issues S. 44)

Umgekehrt sind also die heutigen Kognitivisten die Fortsetzer scholastischen Denkens. Logizismus, rationalistische Psychologie.

Chomsky würde zustimmen. Hinzugekommen ist bei einem Teil nur die neurologische Verkleidung, also brain statt mind. Aber gerade das scheint durch Chomskys Umdeutung legitimiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2017 um 12.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#35972

Kindersprache wird oft als Beleg herangezogen, daß Syntax sich stufenweise entwickeln kann und eine rudimentäre „Protolanguage“ (Bickerton) menschheitsgeschichtlich und/oder phylogenetisch denkbar ist. Das mag sein, aber Kindersprache ist kein gutes Modell. Sie ist nicht autonom, „entwickelt“ sich nicht, sondern das Kind entwickelt die Aneignung der Erwachsenensprache, aus der das gesamte Material stammt. Die Aneignung erfolgt in Stufen, die jeweils eine einigermaßen funktionierende Gesamtheit von Verhaltensgewohnheiten bilden. „Spracherwerb“ ist treffender als „Sprachentwicklung“. Allerdings ist zu berücksichtigen, daß die Konditionierung der Teile mit einer formalen Veränderung einhergeht, also nicht ganz auf Nachahmung beruht; insofern trifft auch „Erwerb“ nicht ganz zu.
Der "Input" der Erwachsenen besteht teils im Liefern von Mustern, teils in Reinforcement; zusammengenommen also "Shaping", bis das Kind ebenso spricht wie der Erwachsene.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2017 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#34878

"Fragen der strukturellen Syntax und der kontrastiven Grammatik", vom IDS 1971 herausgegeben.
Damals bemühten sich fast alle darum, bekannte Tatsachen der deutschen Grammatik in die Notation der generativen Transformationsgrammatik (wie sie damals hieß) zu bringen. Ob sie auf dem Stand der Technik, d. h. Chomskys waren, kann ich nicht sagen, denn ich hatte schon zwei Jahre vorher aufgehört, sie ernst zu nehmen. Aber die Beflissenheit hat aus heutiger Sicht etwas Rührendes. So viel Aufwand mit so wenig Ertrag!
Es stehen auch ein paar andere Stücke drin, das bewahrt den Band vor der Tonne.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2016 um 17.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#34032

Zum vorigen:

"Wir haben im Vorhergehenden schon die Grenzen des sogenannten einfachen Satzes überschritten und in das Gebiet des zusammengesetzten hinübergegriffen. Es zeigt sich eben bei wirklich historischer und psychologischer Betrachtung, dass diese Scheidung gar nicht aufrecht erhalten werden kann. Sie beruht auf der Voraussetzung, dass das Vorhandensein eines Verb. fin. das eigentliche Charakteristikum des Satzes sei, einer Ansicht, die auf viele Sprachen und Epochen gar nicht anwendbar ist, für keine ganz zutrifft. Wo die deutliche Ausprägung eines Verb. fin. fehlt, fällt auch die Scheidung zwischen einfachem und zusammengesetztem Satze in dem gewöhnlichen Sinne fort." (Hermann Paul: Prinzipien der Sprachgeschichte. 5. Aufl. § 100 [Text im Netz!])
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2016 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#33941

„Assertion (von lat. assertio, Behauptung) ist ein Terminus der Sprachwissenschaft und der Logik. Er steht für eine bestimmte Behauptung, Versicherung, Feststellung. Das zugehörige Adjektiv lautet assertorisch, also feststellend oder behauptend.“ (Wikipedia)
(Wieso für eine „bestimmte“?)

Die rationale Grammatik hat die Assertion immer durch ein Zeichen, die versteckte Kopula, ausgedrückt wissen wollen. Daher auch heute noch der INFL-Knoten der Generativisten sogar in nichtflektierenden Sprachen. Die Chinesen flektieren im Grunde (in der Tiefenstruktur) genau wie die englischsprachigen Amerikaner, sie wissen es nur nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2015 um 07.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#30822

Während Anna Wierzbickas Natürliche Semantische Metasprache ein nützliches Hilfsmittel der semantischen Analyse ist, hat die Erfinderin sie von Anfang an auch in realistischer oder, wie man sagen könnte, metaphysischer Deutung verwendet: als eine „Sprache des Geistes“ (lingua mentalis, nach Leibniz). Diese unterstellt sie nun auch dem Schimpansen, der als ein denkendes, wahrnehmendes und wollendes Wesen angesehen wird. Er denkt in Begriffen, deren Äquivalent Ausdrücke in NSM sein sollen.

Das sieht so aus:

mother chimp dipping for honey with a stick
when the big chimp sees this tree in this place it does something because it thinks like this:
„there is something good inside this tree in one place
if I do something to this tree in this place with something long,
this good thing can be on this long thing
after this, it can be inside my mouth
I want this“ (161)

Anschließend bringt die Schimpansin es in ähnlicher Weise ihrem Sohn bei.

Es ist nicht klar, wie aus dieser inneren Sprache das Verhalten hervorgehen soll. Wer spricht mit wem, wer beauftragt oder steuert den Körper? Es ist die sprachgebundene, also unerkannt soziomorphe Rekonstruktion des Verhaltens. Alles, was man gegen die "Language of thought" vorgebracht hat, gilt auch hier. Wo soll das enden? Die schon besprochene Wüstenameise läßt sich auch mit einer Sprache des Geistes ausstatten, warum nicht auch die Bohnenranke und schließlich Schopenhauers Stein, der hochfliegt, solange er Lust hat, und dann beschließt, wieder zur Erde zu fallen?

Unterstellungen, die nicht widerlegbar sind, außer begriffskritisch, die uns aber nicht weiterbringen und daher überflüssig und schädlich sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2015 um 16.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#30557

Noch zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26805

Russos Kritik an Snell:

"Just as this tradition made its own specialized language, distinct from that of everyday speech, so it made its own imaginary construct of how the psychic apparatus functioned. How daily prose speech, and intelligent Greeks contemporary with Homer, might have described their psychic apparatus and its decision-making we will never know; but it was most likely not in the language of the frequent proddings of thumos, kradie, menos, etor, etc., the intervention of Athena, Ares, Aphrodite, Artemis and their kin, and Zeus intervening regularly to take away people’s wits and/or send them omens."

Arbogast Schmitt, den er auch schon erwähnt, hat seither noch diesen bemerkenswerten Aufsatz veröffentlicht: "Vom Gliedergefüge zum handelnden Menschen. Snells entwicklungsgeschichtliche Homerdeutung und ein mögliches Homerbild heute" (In: Michael Meier-Brügger, Michael, hg.: Homer, gedeutet durch ein großes Lexikon.
Akten des Hamburger Kolloquiums vom 6.-8. Oktober 2010 zum Abschluss des Lexikons des frühgriechischen Epos. Berlin 2012. - Herunterladbar)


Versucht man, wie Snell, das Welt- und Menschenbild der alten Griechen aus ihrem Wortschatz zu rekonstruieren, kommen sie einem unüberbrückbar fremd vor. Ganz anders, wenn man sich an die homerischen Epen in ihrem Zusammenhang hält. Das Verhalten der Menschen und sogar der Götter ist uns überhaupt nicht fremd, sondern vollkommen verständlich. Der Ehrbegriff der alten Adelsgesellschaft ist zwar nicht ganz der unsere, aber jeden Augenblick nachvollziehbar. Die berühmten ergreifenden Stellen, Hektors Abschied, Priamos und Achill usw. sind über die Zeiten hin niemals etwas anderes als allgemein-menschlich gewesen, darum lesen die Leute das immer noch gern. Was macht es also aus, daß die folkpsychologischen Konstrukte nicht Punkt für Punkt deckungsgleich sind? Die Unterschiede heute zum Beispiel zwischen Menschen, die an Götter glauben, und solchen, die nicht daran glauben, ist größer.
Dasselbe gilt für die bildende Kunst. Griechische Vasenbilder, die für Snell so wichtige Zeugen sind, unterliegen zunächst den Stilgewohnheiten ihrer Zeit und sagen nichts darüber, wie die Griechen den Menschen „gesehen“ haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2015 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#30420

Chomsky hat die Linguistik zu einem Teilgebiet der Psychologie erklärt, so daß von da an zahllose Linguisten sich ohne jedes Psychologiestudium als kognitive Psychologen verstehen konnten. (In Wirklichkeit nichtempirische rationale Psychologen der schlechten europäischen Tradition.) Der nächste Schritt besteht darin, die Metapher von den Modulen im Gehirn wörtlich zu nehmen, und dann schreibt man als Linguist Bücher über "cognitive physiology" (wie David Lightfoot).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.10.2014 um 11.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#27177

"Wenn zwei Begriffe in unserem Gedächtnis aktiviert werden, haben wir einen unmittelbaren Eindruck von ihrer Zusammengehörigkeit: Tasse und Henkel, Winter und Schnee, Amsel und Drossel." (Joachim Hoffmann: "Wird Wissen in Begriffen repräsentiert?" Sprache &K Kognition7/1988:193-204, S. 196f.)

So oder ähnlich liest man es tausendfach in der kognitivistischen Literatur. Der Kategorienfehler wird nicht bemerkt. Aktiviert werden Nerven oder Synapsen, aber "Begriff" ist ein Konstrukt aus der Logik. Es geht einfach darum, daß mir "Henkel" einfällt, wenn ich an Tassen denke, und "Amsel" und "Drossel" hängen in der bekannten Weise aus den bekannten Gründen zusammen. Mehr weiß der Psychologe auch nicht, der Rest ist pseudowissenschaftliches Gerede.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2014 um 12.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#27081

Bourdieu meinte, die Soziologie könne sich nicht der gewöhnlichen Sprache bedienen, weil diese eine Ideologie transportiere, die es ihren Sprechern unmöglich mache, die eigenen Lebensbedingungen kritisch zu analysieren. Also eine Version der „linguistischen Relativität“ (Humboldt-Sapir-Whorf). Michael Billig wendet zuerst ein, daß Bourdieu diese sprachimmanente Ideologie nie expliziert habe. Welche sollte es auch sein, wo doch die wirklichen Menschen so vielfältig reden? Die „Sprache“ ist eine Abstraktion, kein tätiges Wesen. Wichtiger ist der Einwand, daß jeder schon durch die Möglichkeit der Negation eine etwa von der Sprache nahegelegte Ideologie bestreiten könne. Auch der Atheist versteht und benutzt das Wort „Gott“, aber nur um zu sagen, daß er nicht an Götter glaube oder daß es keine Götter gebe (oder floskelhaftes „Gott sei Dank“...).
Ich sehe noch eine große Anzahl von Ausdrucksweisen, die tatsächlich eine spracheigene Ideologie vermitteln, aber auf andere Weise überwindbar sind. Die mentalistischen Ausdrücke wie „Bewußtsein“ oder auch die Modalverben und Finalsätze gehören zur Sprache, und man kann nicht sinnvoll sagen: „Ich habe kein Bewußtsein.“ Daraus folgt aber kein Bekenntnis zur Existenz von Bewußtsein, denn es handelt sich nicht um eine Tatsachenaussage wie im Falle der Leugnung Gottes. Vielmehr wird damit nur exemplarisch der Gebrauch der mentalistischen Allgemeinsprache bestätigt. Das Heraustreten geschieht durch naturalistische Rekonstruktion (s. „Naturalisierung der Intentionalität“). Sonst wäre der Behaviorismus aus sprachlichen Gründen nicht möglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.09.2014 um 15.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26808

Dazu hier:

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1581#24226

Interessant ist noch die Beobachtung, daß anscheinend nicht jede Kultur das Wissen als ein Gesehenhaben aufgefaßt hat. Auch Gehörthaben kann das Vorbild werden. Weiteres hier:

http://www.atlantisjournal.org/ARCHIVE/30.1/2008Ibarretxe-Antunnano.pdf
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.09.2014 um 12.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26805

Gemein-indogermanisch ist wissen das Perfekt oder auch die perfektive Form zum imperfektiven Präsens sehen.
Im Altgriechischen oida ich weiß zu eidoo ich sehe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.09.2014 um 07.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26802

Snell hat natürlich jede Menge Kritik hervorgerufen. Die wichtigsten Arbeiten sind zitiert in einem ausgezeichneten Aufsatz von Joseph Russo: http://www.yale.edu/classics/downloads/parry/Rethinking_Homeric%20_Psychology.pdf
Ein wenig Griechischkenntnis macht die Lektüre noch erfreulicher, aber es geht auch ohne.
Russo geht am Ende auch auf die Sapir-Whorf-These und Guy Deutscher ein, was für uns hier besonders interessant ist.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 20.09.2014 um 00.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26800

Das stimmt nicht. Laut Merriam-Webster gibt es alle drei Bedeutungen auch im Englischen. Danach ist die Bedeutung "schnell" allerdings veraltet - genauso wie im Französischen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.09.2014 um 22.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26798

Betr.: diligent, diligence
Für englische hard words ist es typisch, daß sie nicht alle Bedeutungen aus der Ursprungssprache übernommen haben. Im Französischen, Italienischen, Spanischen hat das Wort zusätzlich die Bedeutung fleißig, schnell und Postkutsche.
Zu letzterer gibt es den schönen französischen Chanson "La petite diligence" von André Claveau, gesungen 1966 von Jacqueline Robert. Der fiel mir dazu als erstes ein.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.09.2014 um 14.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26794

Früher gab es auch bei uns eine Diligence. Das war allerdings eine schnellfahrende (und gut gepolsterte) Postkutsche.
Ein auch schon etwas bärtiger Witz von "Wörter und Sachen": Die alten Indogermanen (wer immer das war) hatten anscheinend keine Nieren oder wußten zumindest nichts davon, denn man hat kein indogermanisches Stammwort ausfindig machen können.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.09.2014 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26793

Snell hätte gleich noch ein »jetzt kommt's!« einschalten können, wie das manche Leute tun, wenn sie etwas besonders Bemerkenswertes zu sagen zu haben glauben.

Im Deutschen gibt es keine Entsprechung für das englische diligence, das sowohl Fleiß als auch Sorgfalt bedeutet. Also wissen die Deutschen wohl nicht, wie man zugleich fleißig und sorgfältig ist; sie sind ja auch in aller Welt als faul und schlampig bekannt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.09.2014 um 12.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26792

Bruno Snell legt dar, daß die homerischen Griechen kein Verb hatten, das unserem sehen genau entspricht. Stattdessen hatten sie zahlreiche Verben für besondere Weisen des Sehens (Troponyme, wie man heute sagt): schauen, starren, glotzen usw.
Diese Troponyme sind allerdings wahrscheinlich teilweise ein Artefakt der Übersetzungsmethode. Snell übersieht die Neutralisierbarkeit. Nicht alle Vorkommen der speziellen Verben drücken immer auch eine spezielle Bedeutung aus. Snell resümiert:

Selbstverständlich dienten auch den homerischen Menschen die Augen wesentlich zum „Sehen", das heißt, optische Wahrnehmungen zu machen; aber eben dies, was wir mit Recht als die eigentliche Funktion, als das „Sachliche" des Sehens auffassen, war ihnen offenbar nicht das Wesentliche — ja, wenn sie kein Wort dafür hatten, existierte es für ihr Bewußtsein nicht. In diesem Sinne kann man also sagen, daß sie ein Sehen noch nicht kannten oder, um es vollends paradox und provozierend zu formulieren und damit das hier vorliegende Problem ganz scharf ins Auge zu fassen, daß sie noch nicht sehen konnten.(Bruno Snell: Die Entdeckung des Geistes. 9. Aufl. Göttingen 2011:16)

Die paradoxe und provozierende Zuspitzung verdunkelt das Problem. Es gibt ja noch andere Reaktionen als die sprachlichen. Ähnlich argumentiert Snell, daß die alten Griechen noch keinen Körper hatten, weil sie ihn nicht mit einem Wort bezeichneten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2014 um 04.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26524

In den Supermärkten sind viele tausend Gegenstände so angeordnet, daß ein geübter Nutzer sie im großen und ganzen ohne Wegweiser findet, auch in den Häusern anderer Unternehmen. Das ist auch eine große Kategorisierungsleistung. Die Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur ist wohl noch nicht untersucht; erschwerend dürfte die globale Amerikanisierung wirken. Als ich zum erstenmal in einem chinesischen Kaufhaus war, kam mir vieles fremdartig vor (nicht nur die tief schlafenden Kassiererinnen und die streckenweise fast leeren Regale - es war 1986).
Im Drogeriemarkt Müller findet man Kaffeefilter im ersten Stock bei den Haushaltswaren in der Nähe von Staubsaugerbeuteln, Spülbürsten usw., Teefilter hingegen im Parterre bei den Tees und anderen Lebensmitteln; das war schon immer so und stürzt mich alle paar Monate in eine Sinnkrise.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2014 um 08.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#26063

Die Rußlandkorrespondentin der FAZ meint, die Russen betrachteten aufgrund langer Tradition Besitz als etwas immer nur von der Staatsmacht Zugewiesenes. Das zeige sich auch im Fehlen eines Verbs für "haben", das durch die Konstruktion ersetzt werde, etwas sei bei jemandem.

Nun, die sogenannte "Possessivität" wird in den Sprachen der Welt auf sehr viele verschiedene Weisen ausgedrückt. Es dürfte schwer fallen, dahinter jeweils entsprechende kulturelle oder politische Traditionen auszumachen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2014 um 06.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#25216

Das Hauptinteresse wendete sich auf die Syntax. Doch geschah das nicht etwa in dem Sinne, dass die Tatsachen des Sprachgebrauchs gesammelt worden wären.Man forschte vielmehr nach den im Satze enthaltenen Begriffen. 'Die Grammatik war nicht mehr die Kunst, richtig zu sprechen und zu schreiben. Sie war eine rein spekulative Wissenschaft geworden, welche nicht darauf ausging, die Tatsachen vorzulegen, sondern aus den letzten Prinzipien zu erklären.' Wenn es denn (so kann man weiter im Sinne dieser Denker reflektieren) bei der Sprache wesentlich auf die Begriffe, die Gedanken, das Innere ankommt, so ist die äussere Erscheinung der Sprachen eigentlich gleichgültig. Und so konnte die Frage auftauchen, ob nicht alle Sprachen im Grunde genommen gleich wären, und mit ja beantwortet werden.

Der Kenner wird diesen schönen Rückblick auf Chomsky und seine Schule zu würdigen wissen. In Wirklichkeit stammt der Text von Berthold Delbrück, wurde 1893 veröffentlicht und bezieht sich auf die Scholastik des hohen Mittelalters. Hier noch einmal vollständig und mit dem verräterischen th:

In der Zeit, welche für uns in betracht kommt, vom 12. Jahrhundert an, herrschte in dem grössten Theile von Europa eine Gleichheit der Bildung, von der wir uns heutzutage schwer eine Vorstellung machen können. Den Inhalt der Gedanken bestimmte die Kirche, das Rüstzeug zur Bearbeitung entnahm man dem Aristotelischen Organon (welches hauptsächlich durch die Übersetzung des Boethius bekannt wurde), die Sprache war die lateinische, die überall auf gleiche Weise gelehrt wurde. Das Doctrinale des Alexander de Villa Dei (anfang des 13. Jahrhunderts) wurde in den Schulen diktiert, auswendig gelernt und kommentiert zu Paris, Oxford, Prag, Breslau und Bologna. Natürlich, dass man auf die Formenlehre, welche den Knaben eingebläut wurde, keinen besondern Werth legte (dieser Theil der Grammatik ist ja erst durch die vergleichende Sprachkunde zu rechtem Ansehn gekommen); das Hauptinteresse wendete sich auf die Syntax. Studium grammaticorum praecipue circa constructionem versatur, sagt ein Grammatiker des 13. Jahrhunderts. Doch geschah das nicht etwa in dem Sinne, dass die Thatsachen des Sprachgebrauchs gesammelt worden wären. Eine solche Arbeit lag dem nach innen gekehrten Zeitalter fern. Man forschte vielmehr nach den im Satze enthaltenen Begriffen. 'Die Grammatik war nicht mehr die Kunst, richtig zu sprechen und zu schreiben. Sie war eine rein spekulative Wissenschaft geworden, welche nicht darauf ausging, die Thatsachen vorzulegen, sondern aus den letzten Prinzipien zu erklären.' Wenn es denn (so kann man weiter im Sinne dieser Denker reflektieren) bei der Sprache wesentlich auf die Begriffe, die Gedanken, das Innere ankommt, so ist die äussere Erscheinung der Sprachen eigentlich gleichgültig. Und so konnte die Frage auftauchen, ob nicht alle Sprachen im Grunde genommen gleich wären, und mit ja beantwortet werden. (Berthold Delbrück: Vergleichende Syntax der indogermanischen Sprachen. 1. Teil. Straßburg 1893)

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2013 um 07.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#24400

John Searle zum Beispiel bejubelt die "Wiederentdeckung des Geistes", und Hunderttausende von Philosophen, Psychologen, Linguisten muten uns zu, wieder an Geister zu glauben, die sie allerdings meist als "mind, Psyche, Bewußtsein" usw. verkleiden.

Bezogen auf die allgemeinsprachlich „geistig“ genannten kognitiven Fähigkeiten des Menschen bezeichnet „Geist“ das Wahrnehmen und Lernen ebenso wie das Erinnern und Vorstellen sowie Phantasieren und sämtliche Formen des Denkens wie Überlegen, Auswählen, Entscheiden, Beabsichtigen und Planen, Strategien verfolgen, Vorher- oder Voraussehen, Einschätzen, Gewichten, Bewerten, Kontrollieren, Beobachten und Überwachen, die dabei nötige Wachsamkeit und Achtsamkeit sowie Konzentration aller Grade bis hin zu hypnotischen und sonstigen tranceartigen Zuständen auf der einen und solchen von Überwachheit und höchstgradiger Geistesgegenwärtigkeit auf der anderen Seite. (Wikipedia "Geist")

Ich bitte Sie! Welche Wissenschaft kann es sich gefallen lassen, daß ein Lexikon ihren Grundbegriff so verblasen "definiert"?

Das Duden-Universalwörterbuch definiert die Seele so: Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden, Denken eines Menschen ausmacht; Psyche.

Das ist kürzer, aber nicht besser. Was macht denn das Fühlen, Empfinden und Denken aus?

Vor hundert Jahren hatten viele genug davon, es hat aber augenscheinlich nicht viel geholfen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2013 um 14.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#23492

"Die Rechtschreibung zu erlernen erfolgt grundsätzlich nicht anders als das Erlernen des Rechnens."

Das schreibt ein Sprachwissenschaftler, der auch mal im Rechtschreibrat gesessen hat.

Beim Rechnen wenden wir tatsächlich Regeln an, jedenfalls jenseits des auswendig beherrschten Einmaleins. Das Ergebnis ist jedesmal neu.

Beim Rechtschreiben reproduzieren wir meistens schon einmal gelesene und oft auch geschriebene Wörter usw., das Ergebnis der vermeintlichen Regelanwendung ist also vorab bekannt.

Wenn man diesen Unterschied nicht macht, hat man ein falsches Bild vom orthographischen Schreiben und kommt zu einer falschen Didaktik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2013 um 10.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22797

Bei Günter Jauch hat ein Pokerspieler eine Million gewonnen, weil er ungewollte Signale Jauchs zu deuten wußte und so auch Fragen beantworten konnte, obwohl er die richtige Antwort nicht wußte. Das ist recht interessant, weil es zeigt, daß man durch Übung zum „Klugen Hans“ werden kann, jenem Pferd, das dieselbe Kunst beherrschte. Außerdem spielt ja in der „Theorie des Geistes“ das „Mindreading“ eine gewisse Rolle:

By ‘mindreading’ I mean the attribution of a mental state to self or other. In other words, to mindread is to form a judgment, belief, or representation that a designated person occupies or undergoes (in the past, present, or future) a specified mental state or experience. (Alvin Goldman)

Es wird behauptet, daß das Kind allmählich lerne, daß andere (auch) einen Geist haben, und daß sie so eine naive „Theory of mind“ entwickeln. Wie der Pokerspieler beweist, ist eine solche Deutung nicht nötig, man kann sich auf die wahrnehmbaren Signale beschränken und das Ganze im Bereich des Verhaltens belassen. Das ist vorteilhaft, weil es ja den Geist gar nicht gibt und solche unwissenschaftlichen Fiktionen eher zu vermeiden sind. Kinder haben auch keine naive Theorie des Geistes, sondern gehen mit Gesprächspartnern (wozu auch Tiere usw. gehören können) kommunikativ um und mit Dingen hantierend. Das lernt sich schnell und ist nicht weiter rätselhaft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2013 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22742

Boroditsky hat in einer anderen Studie gezeigt, daß sich Deutsche männliche Apfelsortennamen besser merken können, Spanischsprecher dagegen weibliche, natürlich wegen des unterschiedlichen Genus von Apfel/manzana:
Spanish and German speakers’ memory for object-name pairs (e.g., apple-Patricia) was better for pairs where the gender of the proper name was congruent with the grammatical gender of the object name (in their native language), than when the two genders were incongruent. This was true even though both groups performed the task in English.

Man sollte dabei manches bedenken. Natürlich meint der Deutsche intuitiv, daß Äpfel maskulin zu sein haben: der Boskoop usw., allerdings gilt das auch für an sich weibliche Namen: der Alkmene usw. Eine Ausnahme sind die generischen Bezeichnungen, also die verschiedenen Parmänen und Renetten. Bei Cox Orange schwankt man, ich würde immer sagen: der Cox/die Cox Orange.

Man könnte auch mal die Birnen heranziehen: die Kaiser Alexander, die Clapps Liebling, die Alexander Lucas, die Williams Christ.

Wenn mal ein Schiff nach mir benannt werden sollte, wäre es die Theodor Ickler; ein ICE würde der Annette Schavan heißen.

Vor einigen Jahrzehnten hat Hofstätter die Sonne/der Mond im Vergleich mit anderen Sprachen (sole/luna usw) untersucht und mit dem semantischen Differential keine Unterschiede feststellen können.

Alle bisherigen Versuche sind extrakommunikativ und stehen im Verdacht, daß bloß die Konsistenz der sprachlichen Mittel herausgekommen ist, nicht das wirkliche Verhalten der Menschen in einer möglicherweise sprachdeterminierten Praxis.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2013 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22740

Lera Boroditsky hat in Versuchen mit amerikanischen und chinesischen Studenten (auch letztere allerdings in Harvard eingeschrieben und des Englischen entsprechend mächtig) nachzuweisen versucht, daß die Sprache das Denken beeinflußt. Zeitverhältnisse werden im Englischen überwiegend horizontal (vor – hinter), im Chinesischen überwiegen vertikal (oben – unten) versprachlicht (obwohl das Umgekehrte auch nicht selten ist). Fragen nach dem Früher oder Später wurden jeweils schneller beantwortet, wenn „horizontale“ bzw. „vertikale“ Aufgaben vorangestellt waren:
English speakers were faster to verify that ‘‘March comes earlier than April’’ after horizontal primes than after vertical primes. This habit of thinking about time horizontally was predicted by the preponderance of horizontal spatial metaphors used to talk about time in English. The reverse was true for Mandarin speakers. Mandarin speakers were faster to verify that ‘‘March comes earlier than April’’ after vertical primes than after horizontal primes. („Does Language Shape Thought?: Mandarin and English Speakers’ Conceptions of Time“. Cognitive Psychology 43/2001:1–22, zit. nach einer Online-Fassung)

Boroditsky erklärt dies so:
Language encouraged mappings between space and time may then come to be stored in the domain of time. That is, frequently invoked mappings may become habits of thought. For example, because English speakers often use horizontal metaphors to talk about time, they might grow to think about time horizontally even when not explicitly processing a spatiotemporal metaphor (e.g., when understanding a sentence phrased in purely temporal terms like earlier and later). For the same reasons, Mandarin speakers might grow to think about time vertically.
Es bleibt offen, woher die sprachlichen „mappings“ kommen, wenn nicht aus dem Denken. Bekanntlich spielte in China der Ahnenkult eine große Rolle; die Ahnen wurden als die Oberen verehrt. Außerdem könnten die Reaktionen der Versuchspersonen eine Tendenz widerspiegeln, die Bildlichkeit der eigenen Rede konsistent zu halten. Daher mag es nahegelegen haben, horizontale und vertikale Bilder fortzuführen, eine Angelegenheit des Sprechens, nicht des Denkens. Interessant wäre der Nachweis, daß außersprachliches Verhalten mit solchen Bildern korreliert. Verhalten sich Chinesen bei der Lebensplanung, bei Verabredungen, bei Wettrennen usw. anders als Amerikaner, und hängt das mit der Sprache zusammen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2013 um 09.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22675

Der Toxikologe und Sprachschützer Hermann H. Dieter hat in einem Vortrag vor der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft die These von der erkenntnisfördernden Kraft der Metapher wiederholt:

„Die erklärende, ja schöpferische Kraft jeder Fachsprache und ihr gesellschaftliches Verständigungspotential hängen davon ab, wie tief sie in einen muttersprachlichen Vorrat an präzisen Wendungen, Sprachbildern/Metaphern und Assoziationsmöglichkeiten eingebettet bleibt. (...) Metaphern sind Sprachbilder, die uns helfen, per Analogieschluss von etwas Bekanntem auf die Eigenschaften eines Unbekannten zu schließen. Der Bereich zwischen bekanntem Herkunfts- und unbekanntem Zielbereich heißt Bildfeld. Es wird mit den Lexemmetaphern bildlich belebt bzw.sprachlich aktiviert.“ („Sprachenvielfalt in der Wissenschaft: Erkennen von Werten statt wertfreier Erkenntnis“, www.adawis.de/admin/upload/navigation/data/Erkennen%20von%20Werten.pdf)

Aber welche großen Entdeckungen oder Erfindungen sind durch die Mehrsprachigkeit der Urheber ausgelöst oder gefördert worden? Dieter bezeichnet die Doppelhelix als Metapher, obwohl sie ein sprachunabhängiges Modell ist. Aus einem „muttersprachlichen Vorrat“ ist das Doppelhelixmodell schon gar nicht gewachsen. Dieter schreibt in einem anderen Text:

„An Beispielen wie dem der 'Seele' der Psychologie (ist sie ein Uhrwerk, ein Dampfkessel oder ein genau kalkulierender Rechner?), der 'Kernspaltung', von 'Welle', 'schwarzes Loch', 'Quantensprung' und 'Teilchen' der Physik oder den thumbnails/Daumennägeln fortschrittlicher Bildschirmgraphiker oder gar den Chaperones (engl. Anstandsdamen = Hilfsproteinen) der Molekularbiologie wird klar, dass auch Naturwissenschaftler/innen ihre Definitionen oder Verfahren im Stadium der Kreativität 'nicht anders als figürlich-bildlich zur Sprache und damit zur Welt zu bringen vermögen' (Uslucan 2005).“ („Man sieht, was man (er)kennt – Sprachenvielfalt als Zukunftsversprechen“. Jahrbuch Ökologie 2007:11-18, S. 18)

Das ausgeführte Beispiel der Chaperones widerlegt sich selbst, denn Dieter gibt ja die nichtmetaphorische Bedeutung „Hilfsprotein“ an. Man wird kaum glauben, daß die Chemiker das neue Phänomen zuerst nur im Bild der „Anstandsdamen“ zu fassen wußten, bevor sie erkannten, daß es sich um Hilfsproteine handelt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.02.2013 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22552

Eine scheinbare empirische Bestätigung der kognitivistischen Metapherntheorie kam von Psychologen wie Thibodeau. Er legte Versuchspersonen Texte vor, in denen Verbrechen metaphorisch entweder als „beast“ oder als „virus“ dargestellt wurde (www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0016782; vgl. auch www.swarthmore.edu/SocSci/fdurgin1/publications/ThiboDurgin2011.pdf). Die Probanden zeigten sich dadurch zu unterschiedlichen Urteilen disponiert, meist ohne bemerkt zu haben, worauf ihr Urteil beruhte. Gegen diese Befunde ist einzuwenden, daß die Texte metaphorisch bereinigt waren, d. h. gerade die alltägliche Inkonsistenz der metaphorischen Rede war vermieden. Übrig blieb eine tendenziöse Darstellung, die erwartungsgemäß das Urteil der Rezipienten beeinflußte. Trotzdem dienen gerade solche Untersuchungen ausdrücklich als Begründung eines aufwendigen Forschungsprogramms, für das die US-Regierung viel Geld ausgeben zu wollen scheint. Die Leiterin des Metaphern-Programms, Heather McCallum-Bayliss, schreibt dazu:

»For decision makers to be effective in a world of mass communication and global interaction, they must understand the shared concepts and worldviews of members of other cultures of interest. Recognizing cultural norms is a significant challenge, however, because they tend to be hidden. Even cultural natives have difficulty defining them because they form the tacit backdrop against which members of a culture interact and behave. We tend to notice them only when they are in conflict with the norms of other cultures. Such differences may cause discomfort or frustration and may lead to flawed interpretations about the intent or motivation of others. If we are to interact successfully on the world stage, we must have resources that will help us recognize norms across cultures. The Metaphor Program will exploit the use of metaphors by different cultures to gain insight into their cultural norms.
Metaphors have been known since Aristotle (Poetics) as poetic or rhetorical devices that are unique, creative instances of language artistry (e.g., The world is a stage). Over the last 30 years, metaphors have been shown to be pervasive in everyday language and reveal how people in a culture define and understand the world around them.
Metaphors shape how people think about complex topics and can influence beliefs.
Metaphors can reduce the complexity of meaning associated with a topic by capturing or expressing patterns.
Metaphors are associated with affect; affect influences behavior.
Research on metaphors has uncovered inferred meanings and worldviews of particular groups or individuals: Characterization of disparities in social issues and contrasting political goals; exposure of inclusion and exclusion of social and political groups; understanding of psychological problems and conflicts.«
(www.iarpa.gov/Programs/ia/Metaphor/solicitation_metaphor.html)

Das Programm verbindet offensichtlich die traditionelle Inhaltsanalyse (content analysis) mit dem linguistischen Relativitätsprinzip (der Humboldt-Sapir-Whorf-These), wonach ethnische Sprachen bestimmte Weltansichten widerspiegeln. Beide Ansätze waren nicht sehr erfolgreich. In beiden Fällen wird versäumt, über das Sprachverhalten hinauszugehen und sprachunabhängige Bestätigungen für die vermuteten Zusammenhänge von Sprachbau und Weltansicht zu suchen. Lakoff-Kritiker haben es auf den Punkt gebracht:
„In many respects, Lakoff's attempt to characterize the structure of abstract concepts solely on the basis of linguistic data bears unfortunate similarities zu Whorf's endeavour.“ (Sam Glucksberg/Matthew S McGlone: „When love is not a journey: What metaphors mean“, Journal of Pragmatics 31/12, 1999: 1541-1558, S. 1557)
Statt aus konkreten Texten die Ansichten und vielleicht auch Absichten ihrer Verfasser zu erschließen, geht es darum, ganze Sprachen als Verkleidungen oder Symptome bestimmter Weltbilder zu entlarven. Es besteht die Gefahr, ganze Sprechergruppen unter falschen Verdacht zu stellen. Das Programm ist zum Scheitern verurteilt, weil die Metaphern nicht automatisch danach sortiert werden können, wie tot oder lebendig sie sind, weil die Metaphern nicht konsistent sind, weil einheimische und entlehnte Metaphern nicht unterschieden werden und weil zwischen Metaphern aus Benennungsnot (Inopia) und Metaphern aus Übermut nicht unterschieden werden kann. Einige dieser Einwände hat auch Steven Pinker gegen Lakoff vorgebracht.

Alexis C. Madrigal hat das Program vorgestellt:
www.theatlantic.com
Unter den Leser-Beiträgen dazu findet sich auch dieser:
Nicole Hansen:
As one of Dr. Lakoff's former students (I took his metaphor class as an undergrad in the early 90s), I am disgusted by his attitude. I live in Egypt and have been through the entire revolution (just came back from the protest today in Tahrir) and I can tell you firsthand that the big problem that the US government has in understanding Arabs is not the lack of sophisticated computer algorithms but a complete disengagement and lack of listening to the voices of the people human-to-human. Spend some money on good old-fashioned meet and greet in the form of study abroad or even just visiting the Arab world and talking to the average man on the street would give far more bang for the buck than this silly project. I am also familiar personally with some of the people that Obama is allowing to shape some of his policies toward Egypt right now and I can tell you it already is a complete disaster that is causing more ill-will toward America. The revolutions in the Middle East are a golden opportunity for America to improve its image but so far I have only seen ill-thought-out plans that are driving more of a wedge between the two countries. If anyone in the State Department or CIA is reading this, please, get some experts who know something to work with you! You have created your own metaphor: AMERICA is the EVIL SATAN.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2013 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22547

In einem kurzen und trotzdem unkonzentriert wirkenden Beitrag hat Gerald Hubmann vor einigen Jahren die "Notwendigkeit der Metapher" in den Wissenschaften zeigen wollen. (Gegenworte 7/2001:58-59, edoc.bbaw.de/volltexte/2010/1267/pdf/14_hubmann.pdf)

„Und die historische Linguistik vermag nachzuweisen, was sonst eine dumpfe Mutmaßung bleiben müsste: dass es einen Kausalitätszusammenhang gibt zwischen der jahrhundertelangen verbalen Dehumanisierung der Juden als Schmarotzer und Gewürm und dem Aufstieg eines eliminatorischen Antisemitismus.“

Wie denn das? Wurden die Juden ermordet, weil jemand sie als Ungeziefer bezeichnet hatte? Stammen der Mord und die Beschimpfung nicht aus derselben Quelle?

Auch Kekulé muß wieder herhalten:

„Kekulé berichtete, er habe 1865 die Ringstruktur des Benzols entdeckt, nachdem er nachts von einer Schlange geträumt hatte, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Hier trifft zu, was Wittgenstein ein halbes Jahrhundert später in die Formulierung fasste: 'Ein gutes Gleichnis erfrischt den Verstand.'“

Gleichnis, Traum, Metapher – ist das alles eins?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.01.2013 um 17.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22477

„Wer jemanden ein Rindvieh nennt, fordert ihn auf, sich selbst im Lichte der Rindviehhaftigkeit zu sehen.“ (Rudi Keller/Ilja Kirschbaum: Bedeutungswandel. Eine Einführung. Berlin 2003:58)

Gewissermaßen das Satyrspiel zu Lakoffs kognitivistischer Metapherntheorie. Auf diesem traurigen Niveau werden nun Tausende von Seminararbeiten geschrieben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.01.2013 um 16.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22474

Zu Kekulé, den ich hier erwähnt hatte, gibt es eine lesenswerte Studie:

www.sgipt.org/th_schul/pa/kek/pak_kek0.htm
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.11.2012 um 11.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#22000

Deutsche Muttersprachler wissen meist fast gar nichts über grammatische Regeln. Die können Ausländer mit Deutsch als Fremdsprache viel besser erklären.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2012 um 09.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21999

„Grammatische Regeln müssen aber einfach sein, wenn die Frage, wie wir diese Regeln erwerben, mitberücksichtigt wird.“ (Heide Wegener in ZGL 18,2, 1990:151)
Harald Weinrich meint, „daß die Grammatik von den Linguisten nicht schwieriger gemacht werden darf, als sie für Kinder, die ihre erste Sprache lernen, natürlicherweise ist.“ (Für eine Grammatik mit Augen und Ohren, Händen und Füßen. Opladen 1976:10) Die Grammatik sei dann als falsifiziert zu betrachten, wenn sie nicht plausibel machen kann, „daß Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren nach diesen Regeln sprachlich handeln können.“

Kinder handeln nicht nach Regeln, sondern verhalten sich so, wie sie es gelernt haben. Der Linguist stellt Regeln auf, um dieses Verhalten zu beschreiben. Die Planeten folgen nicht den Keplerschen Gesetzen, sondern die Astronomen folgen ihnen, wenn sie die Planetenbahnen berechnen.

Diese Verwirrung liegt einem großen Teil der „Kognitiven Linguistik“ zugrunde.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.11.2012 um 16.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21957

Eine Turing-Maschine ist nichts Physikalisch-technisches, sondern ein sehr einfacher Algorithmus, ein reines Denkmodell, mit dem man z. B. beweisen kann, daß die Rechnung 1+1 vollautomatisch ausführbar ist. Wie diese Rechnung dann praktisch mit einem realen Computer ausgeführt wird, hat mit der Turing-Maschine nichts mehr zu tun.

Wir haben sozusagen mit der Turing-Maschine bewiesen, daß Computer, die ein starres Programm befolgen, rechnen können. Der entsprechende, nicht nur auf Indizien, sondern auf rein mathematischer Grundlage beruhende Beweis dafür, daß Menschen rechnen können, steht noch aus.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.11.2012 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21956

Die meisten Computer sind Turing-Maschinen, das Gehirn ist keine.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.11.2012 um 18.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21952

„Eine bahnbrechende Neuerung, die die Psychologie in den vergangenen 30 Jahren erlebt hat, besteht in der Erkenntnis, dass das Gehirn eine Art Computer ist. (...) Mit Hilfe von Camcordern konnten wir Kinder auf eine neue Weise sehen und mit Hilfe der Metapher Computer konnten wir sie auf neue Weise verstehen.“ (Alison Gopnik, Patricia Kuhl, Andrew Meltzoff: Forschergeist in Windeln. Wie Ihr Kind die Welt begreift. München 2005, S. 39)

Wieso denn? (Aus diesem schlechten Buch geht es jedenfalls nicht hervor.)

Übrigens gibt es schätzungsweise 10.000 Typen von Nervenzellen. Jede der 100 Milliarden Zellen des Gehirns hat bis zu 40.000 Verbindungen, manche Kleinhirnzellen haben deren 150.000. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum die Computermetapher bisher nichts gebracht hat.

Wie schon mehrmals gesagt: Die Neurologie kann – auch mit ihren "Bild gebenden" Verfahren – bisher nicht erklären, wie ich einen Finger krümme. Sie kann schon gar nicht erklären, wieso ich am Morgen weiß, wo ich abends meine Brille hingelegt habe. (Gestern konnte ich mich daran erinnern, wohin ich vier Wochen zuvor ganz gedankenlos eine Gartenschere gelegt hatte.) Oder wieso ich nach 50 Jahren noch lateinische Sätze auswendig weiß, obwohl sie mich schon damals nicht interessiert haben. Das sind bis auf weiteres – Wunder.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.11.2012 um 09.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21946

Wisenschaftliche Modelle können mehr hergeben, als man hineingesteckt hat, deshalb werden sie ja erfunden. Heinrich Hertz hat das durchdacht und dargestellt.

Metaphern dagegen sind spielerische Analogien und ohne Erkenntniswert. Dafür gibt es unzählige Belege. Wenn ein Kind, von der Bezeichnung "elektrischer Strom" verführt, ein Kabel durchschneidet und erwartet, daß etwas heraussprudelt, ist es ein Opfer der Metapher. Ich habe dieses Beispiel von Peter Hacker übernommen und adaptiert, der über Analogie in den Wissenschaften folgendes schreibt:

„It does not generate hypotheses that can be tested in experiments, nor does it produce a theory that can be used to predict events. The understanding that is the product of such an analogy is not the result of new information, nor does it lead to new empirical discoveries.“ (Peter Hacker: "Languages, Minds an Brains“. In: Colin Blakemore/Susan Greenfield, Hg.: Mindwaves. Oxford 1987:485-505, S. 486)

Usw., sehr lesenswerter Beitrag, vor allem gegen die pseudowissenschaftlichen Neurosophen mit ihren "Repräsentationen", "mental maps" und "language of thought".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2012 um 11.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21906

Familiendrama – da lese ich schon nicht weiter, weil gleich das Wort blutig auftauchen wird, auch Tragödie. Seltsam, daß die Zeitungen, wenn es im wirklichen Leben ernst wird, zu Theatermetaphern greifen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.11.2012 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21831

Die mentalistischen Schnörkel sind überflüssig, sie erklären nichts. Nehmen wir ein neueres Werk des bekannten Linguisten Wallace Chafe: "The importance of not being earnest". Ich zitiere: Laughter and humor cannot ultimately be understood apart from the feeling that lies behind them. (137) Dieses Gefühl nennt er feeling of nonseriousness (...) a mental state in which people are inhibited from taking some event or situation seriously, which is to say that they exclude it from their accumulating knowledge of how the world really is. Die Physiologie des Lachens hindere daran, ernsthaft zu handeln.
Andere Fassung: The feeling is a mental state in which people exclude some situation from their knowledge of how the world really is, thereby inhibiting seriousness where seriousness would be counterproductive.

Das Gefühl ist überflüssig. Die Verhaltenshemmung läßt sich selbstverständlich rein in Verhaltensbegriffen beschreiben und untersuchen. Ockhams Rasiermesser beseitigt den mentalistischen Aufputz.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2012 um 12.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#21056

Lakoff benutzt seine Metapherntheorie bekanntlich zum Zweck der politischen Polemik. Während des zweiten Golfkriegs verteilte denn auch der "SprecherInnenrat" der Universität Erlangen Lakoffs Text "Metaphor and War". Das war schon während meiner Studienzeit so: Der Asta der Universitäten beanspruchte ein allgemein-politisches Mandat, damals gegen den Vietnamkrieg und immer gegen die Politik der USA, finanziert aus Zwangsbeiträgen der Studentenschaft (bzw., wie wir heute wissen, mit DDR-Geld).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2012 um 08.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#20289

Derek Bickerton über Chomsky: „He did the behavioral sciences the greatest service ever, when he trounced B. F. Skinner and Skinner's behaviorism. As a result of his initiatives we've learned things about language that couldn't even have been dreamed of a half century ago. Were it not for Chomsky, I could never have launched, or even conceived, my language bioprogram hypothesis.“ (Adam's Tongue 169f.)

Nun, was ist es denn, was Chomsky und seine Anhänger herausgefunden haben? Ich kenne nur einander ablösende quasimathematische Darstellungsformen. (Bickertons letzter Satz ist allerdings wahr, aber nicht in empfehlendem Sinne.)

Heute morgen fiel mir ein, was wohl aus Ulric Neisser geworden sein mag – und ich stellte fest, daß er vorigen Monat gestorben ist. Fast wie Telepathie (für die er sich laut Nachrufen interessierte).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2012 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#20220

„Die moderne Linguistik im engeren Sinne hat mit der Arbeit von Noam Chomsky begonnen.“ (Frank R. Wilson: Die Hand – Geniestreich der Evolution. Stuttgart 2000:67)

Komisch nur, daß Chomsky sich zwar fast ausschließlich mit seiner Muttersprache (oder vielmehr deren quasi-mathematischer Simulation) beschäftigt, aber nicht einmal darüber irgend etwas Neues herausgefunden hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2011 um 04.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#19754

Wirtshaus und Gasthaus müßten entgegengesetzte Vorstellungen hervorrufen. Sie bezeichnen denselben Gegenstand sozusagen aus unterschiedlichen Perspektiven. Denkt man darüber nach, kommt man zu einer solchen Auffassung. Aber der Sprecher denkt normalerweise nicht darüber nach. Die Sachsteuerung (Bühler) sorgt dafür, daß wir die Wörter ohne Unterschied verwenden. Dieser alltägliche Sachverhalt untergräbt sowohl die kognitivistische Metapherntheorie als auch die Lehre von der linguistischen Relativität. Die Relativitätstheoretiker nehmen die Ausdrücke in unangemessener Weise wörtlich, aber das ist nur einer ihrer vielen Fehler.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.08.2011 um 08.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#19132

Für eine Anwendung der windigen Metapherntheorie Lakoffs scheint man in den USA zig Millionen Dollar lockermachen zu wollen. Es geht um die automatische Analyse von Texten auf die Metaphern hin, die einen Rückschluß auf die Denkweise der Verfasser erlauben sollen. Das ist offenbar die gute alte Inhaltsanalyse (content analysis), die im Zweiten Weltkrieg helfen sollte, bevorstehende Aktionen, Kurswechsel usw. des Gegners vorauszusagen.
Der neue Ansatz ist hier beschrieben.

Wenn die bekannten Einwände gegen die Theorie nicht zur Kenntnis genommen werden, dürfte das Geld zum Fenster hinausgeschmissen sein. Experimente der Psychologen überzeugen nicht, da ihnen die "ökologische Angemessenheit" fehlt, vgl. etwa www.plosone.org.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2011 um 16.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17890

Ergänzung zum Eintrag #17742 vom 6. Januar: Heute wird in der SZ gesagt, daß Frank Castorf die Übergänge in einer Inszenierung "wie ein Klempner zusammengeschraubt" habe. Einige Zeilen später ist dann vom "Klempner Castorf" die Rede. Der Wechsel vom Vergleich zur Metapher ist durchaus unauffällig. Das bestätigt meine These, daß in der Sprache im Gegensatz zur Logik Vergleich und Metapher nicht wesentlich verschieden sind.
Viel wichtiger ist der Unterschied zwischen der ausdrücklichen Einführung des hyperbolischen Vergleichs und der bloßen Verwendung:
Castorf ist ein Klempner vs. der Klempner Castorf. Bei letzterer Wendung ist die Prädikation sozusagen suspendiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2011 um 10.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17876

Lakoff glaubt ja entdeckt zu haben, daß in unserem Kulturkreis "Diskussion" mit kriegerischen Metaphern dargestellt und also auch "konzeptuell" so modelliert wird: ARGUMENT IS WAR. Schon bei Lakoff stimmt es nicht, aber noch krasser gehen die deutschen Nachplapperer fehl. Aus einem einschlägigen Aufsatz:

»Betrachten wir einige Sätze aus der Alltagssprache: "Ihre Behauptungen sind unhaltbar"; "Er griff jeden Schwachpunkt in meiner Argumentation an"; "Seine Kritik traf ins Schwarze"; "Ich schmetterte sein Argument ab"; "Ich habe noch nie eine Auseinandersetzung mit ihm gewonnen"; "Wenn du nach dieser Strategie vorgehst, dann wird er dich vernichten"; "Er machte alle meine Argumente nieder".
Alle diese Äußerungen betreffen das Argumentieren, das von uns automatisch als geradezu kriegerischer Akt beschrieben wird, der darauf abzielt, den andersdenkenden Gegner zu ,vernichten‘. Den Sätzen liegt also ein gemeinsames Konzept zu Grunde, das kurz als ARGUMENTIEREN IST KRIEG charakterisiert werden kann.«

Sieht man sich die Metaphern genauer an, stellt man fest, daß sie fast ausnahmslos mit Krieg nichts zu tun haben. Diskussion ist natürlich eine Art Wettbewerb, das "Agonale" des Dialogs ist ja bei Platon schon sehr ausgeprägt. Aber "Krieg" gibt mehr her, man wird mit solchen steilen Thesen gleich viel stärker beachtet. Lakoff macht ja jetzt auch hauptsächlich Politik, wie sein Ziehvater Chomsky, nur daß er viel stärker als dieser seine Wissenschaft in den Dienst der politischen Meinungsmache stellt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.01.2011 um 02.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17871

Roger Scruton über die Verteidigung von intellektuellem Territorium gegen die Neuro-Imperialisten:
www.dailymotion.com/video/xaplha_roger-scruton-persons-and-their-bra_tech
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2011 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17742

Hier noch etwas ziemlich Paradoxes zur Metapher: Die traditionelle Lehre von der Metapher als verkürztem Vergleich ist meiner Ansicht nach richtig. (Die Gegenargumente werde ich anderswo besprechen.)
Verkürzt ist der Vergleich, wenn man den Ausdruck des Vergleichens, in der Regel also das wie, wegläßt. Der berühmte Achill ist also ein Löwe und nicht nur wie ein Löwe.
Wenn man die Sätze im Wortlaut nimmt, ist die vergleichende Prädikation immer wahr, die metaphorische immer falsch. Du bist wie ein Esel. Oder mit Robert Gernhardt: Du bist dem Elch vergleichbar. Lauter wahre Sätze. Es ist nämllich so, wie Donald Davidson sagt: "Everything is like everything, and in endless ways." (Donald Davidson: Inquiry into truth and interpretation. Oxford 2001:254)
Dagegen: Du bist ein Esel. Du bist ein Elch. Offensichtlich falsche Sätze, aber metaphorisch haben sie einen guten Sinn.
Soweit die Logik. Nur daß die wirkliche Sprache sich nicht darum kümmert und Vergleich und Metapher meistens als austauschbar und gleichwertig behandelt:
Gutes Geld ist eine Sprache ohne Mißverständnis (Überschrift)
Geld ist wie Sprache. (...) Geld ist wie Sprache ein Kommunikationsmittel. (FAZ 13.1.96)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2011 um 16.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17719

Lakoff und seine Anhänger unterstellen Aristoteles eine Logik, wonach das Schließen von einer Behältermetapher Gebrauch mache. Lakoff schreibt:

Classical categories are understood metaphorically in terms of bounded regions, or ‘containers.’ Thus, something can be in or out of a category, it can be put into a category or removed from a category, etc. The logic of classical categories is the logic of containers (see figure 1). If X is in container A and container A is in container B, then X is in container B. This is true not by virtue of any logical deduction, but by virtue of the topological properties of containers. Under the CLASSICAL CATEGORIES ARE CONTAINERS metaphor, the logical properties of categories are inherited from the logical properties of containers. One of the principal logical operties of classical categories is that the classical syllogism holds for them. The classical syllogism, Socrates is a man. All men are mortal. Therefore, Socrates is mortal. is of the form: If X is in category A and category A is in category B, then X is in category B.

Vielleicht drückt sich Aristoteles irgendwo tatsächlich so aus, aber üblich es bei ihm nicht. Wer die Ersten Analytiken kennt, weiß, daß Aristoteles bis zum Überdruß immer dieselbe Formel benutzt. Wo wir nämlich sagen "S ist P", sagt er "P kommt dem S zu" (hyparchei). Keine Spur von Enthaltensein und Behältern. Das gilt auch schon für den unmittelbaren Vorgänger, Platons Definitions- und Dihairesislehre. Lakoff denkt wahrscheinlich an Venn-Diagramme und an die Mengenlehre, die man für Unterrichtszwecke so veranschaulichen kann. Das ist dann aber nicht die klassische Logik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.01.2011 um 17.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17674

Die Metaphernbegeisterung, die Lakoff weltweit und besonders in Deutschland ausgelöst hat, ist sachlich nicht gerechtfertigt. Es werden immer wieder dieselben Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte angeführt, die den zumindest heuristischen Nutzen der Metapher belegen sollen. Bisher habe ich noch kein Beispiel gefunden, das der Nachprüfung standhält.
In meinem Buch „Die Disziplinierung der Sprache“ und in einem Aufsatz habe ich bereits gezeigt, daß Kekulé keineswegs durch eine Metapher auf den Gedanken des Benzolrings gebracht worden ist.
Das will ich hier nicht wiederholen.

Nehmen wir folgenden Fall aus der Frühzeit der Elektrizität: die Erfindung der Leidener Flasche.

„Der Wissenschaftshistoriker Kuhn (1962) schildert, wie um 1740 die neue metaphorische Konzeptualisierung von ELEKTRIZITÄT als FLÜSSIGKEIT eine Gruppe von Forschern auf die Idee brachte, diese ‚Flüssigkeit‘ auf Flaschen zu ziehen. Dies führte zur Erfindung der sogenannten ‚Leidener Flasche‘, einer Vorform des elektrischen Kondensators.“ (Jäkel 1997: 36)

In einer neueren Dissertation heißt es:
„Bei seinem Versuch, das vermutete elektrische Fluidum in eine Flasche zu füllen, erfindet Ewald Jürgen von Kleist (1715-1759) 1745 ganz unverhofft die Leydener Flasche. Die Zufälligkeit seiner schmerzhaften Entdeckung erschwert zunächst die Wiederholung des Experiments, die Pieter van Musschenbroek (1692-1761) in Leyden durchzuführen versucht. Da Kleist nicht weiß, dass die gesteigerte Kondensatorenleistung der Flasche auf der enorm hohen Spannung zwischen ihrer Außen- und Innenwand beruht, weist er in seiner Beschreibung des Experiments nicht darauf hin, dass er selber mit der zweiten Hand die Flasche berührt und die Flaschenaußenseite somit geerdet hat. Musschenbroek muss die Leydener Flasche 1746 daher gleichsam noch einmal erfinden.“

In Wirklichkeit experimentierten die Forscher schon lange mit gläsernen Hohlkörpern.

„Otto von Guericke (1602-1686), der durch seine Magdeburger Vakuum-Experimente berühmt wurde, erfand einen ersten einfachen elektrostatischen Generator. Er bestand aus einer Schwefelkugel, die in einer hölzernen Halterung gedreht wurde. Durch das Reiben der Kugel mit der Handfläche lud sie sich auf. Die so geladene Schwefelkugel wurde an den Ort getragen, wo experimentiert werden sollte, denn die Leitung der Elektrizität durch metallene Drähte war noch nicht entdeckt.
Guericke stellte die Kugel her, indem er geschmolzenen Schwefel in eine hohle Glaskugel goß. Nach dem Erkalten des Schwefels wurde die Glashülle zerbrochen und entfernt. Eines Tages fand jemand heraus, daß die Glaskugel ohne Schwefel den gleichen Dienst leisten konnte.“
„Glas erwies sich als ideales Material für elektrostatische Generatoren. Es war billiger als Schwefel und konnte leicht in Scheiben oder Zylinder geformt werden. Ein gewöhnliches Bierglas wurde zum Rotor in Winklers Maschine.“ (Gemeint ist Johann Heinrich Winkler (1703-1770))

Die Transportierbarkeit der elektrischen Ladung war ganz unabängig von Flüssigkeitsmodellen schon lange bekannt und ausgenutzt worden. Irreführend ist auch der Ausdruck „Flasche“, der das „Auf-Flaschen-Ziehen“ nahelegt; das war gar nicht Kleists Gedanke. Die Glaszylinder hatten sich anderweitig als brauchbar erwiesen. Die „elektrische Verstärkungsflasche“ wirkte gerade nicht als Gefäß.
Vgl. noch: http://www.v-kleist.com/FG/Muttrin/fg0220a.htm

Nächster Fall: Darwins Evolutionslehre
Darwin war sich bewußt und hat es immer wieder ausgesprochen, daß er sich mit „natural selection“ einer Metapher bediente, aber er hielt das für harmlos, da er ja die Struktur des Vorganges in ganz unmetaphorischer Weise erklärt hatte. Zur Evolution bedarf es der Variation und einer „auswählenden“ Instanz, vgl. Campbells Formel „blind variation and selective retention” (im gleich betitelten Ausatz). Bei der Tier- und Pflanzenzucht ist es die Hand des Züchters, in der Natur sind es die Lebensbedingungen. Nimmt man die Knappheit der Ressourcen in der jeweiligen ökologischen Nische hinzu, die Darwin besonders durch Malthus nahegebracht worden war, hat man alles beisammen, auch die reale Grundlage des „struggle for life“. Darwin war niemals in Gefahr, sich vom metaphorischen Charakter dieser Ausdrücke irreführen zu lassen, insofern ist es auch falsch, ihm via Metapher einen Rest von Metaphysik nachzusagen, selbst wenn er später eine Neigung gezeigt haben sollte, die Erblichkeit auch erworbener Eigenschaften für möglich zu halten. (Trotzdem ist die Einbettung Darwins in den historischen Zusammenhang durch Robert M. Young durchaus lesenswert. Dasselbe gilt von Uwe Pörksens Darstellung in seinem Buch „Deutsche Wissenschaftssprachen“, wo es im betreffenden Kapitel hauptsächlich um Goethe geht. Beide Texte sind im Internet zu finden.)

Nächster Fall: Skinners operante Konditionierung
Skinner schließt ausdrücklich an Darwin an. Er erkennt die strukturelle Identität der Vorgänge von Selektion einerseits (unter den „Kontingenzen des Überlebens“) und des operanten Lernens andererseits (unter den „Kontingenzen der Verstärkung“ – reinforcement). An keiner Stelle läßt sich erkennen, daß er durch die Selektions-Metapher einen Rest von Metaphysik mitschleppt.

Interessanterweise gibt Skinner in „Verbal Behavior“ auch eine Metapherntheorie, die einzige mir bekannte nicht-mentalistische. Sie ist erwartungsgemäß brillant; demnächst mehr darüber.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2010 um 15.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17660

Als weiteren Beleg für das grundlos übersteigerte Selbstbewußtsein des Herr Lakoff möchte ich noch eine köstliche Stelle zitieren. Lakoff hat ja seine Metapherntheorie auch dazu benutzt, seine politischen Ansichten unters Volk zu bringen, und auch dies hält er für sehr bedeutsam. Im Nachwort 2003 zur Neuauflage seines Metaphernbuches schreibt er:
"Lakoff's essay 'Metaphor and War,' distributed to many millions over the Internet on the eve of the Gulf War, re-mains one of the most important analyses not only of the use of metaphor by the U.S. government to persuade the populace but also of the role of conceptual metaphors in planning foreign policy."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2010 um 17.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17394

Weil es so bezeichnend ist für das Vorgehen fast aller Autoren, die den Zusammehang zwischen Sprache und "Denken" (was immer das sein mag, es ist ja ein naiv-psychologischer Begriff) erörten, hier noch ein Passus aus Lakoff:

I have a headache. [The headache is a possession.]
I got a headache. [Change is acquisition – motion to]
My headache went away. [Change is loss – motion from]
The noise gave me a headache. [Causation is giving – motion to]
The aspirin took away my headache. [Causation is taking – motion from]

Ich halte diese Deutungen allesamt für unzulässig. Als Beleg dafür, daß wir tatsächlich so denken, führt Lakoff nur wieder die sprachlichen Wendungen an, aus denen er es zuvor erschlossen hat. Es gibt auch keine anderen Beweise als diese zirkulären, also untauglichen.

Wenn ich "Kopfschmerzen habe", ist das genau dasselbe, als wenn "mir der Kopf wehtut". Ich betrachte die Schmerzen nicht als ein Besitzstück, auch nicht als einen Gegenstand, der fortzubewegen wäre, und das auch noch vermittelst einer in Wasser aufgelösten Aspirintablette!

Im Deutschen kann ich Kopfschmerzen bekommen (wenn ich vorher keine hatte und dann habe, also wenn mir der Kopf plötzlich wehtut), aber ich kann sie z. B. nicht "erhalten". Ich kann sie auch nicht verlieren. Warum denn nicht, wenn sie doch ein Besitz sind? Im Englischen kann ich eine Erkältung fangen. In manchen Sprachen habe ich nicht die Krankheit, sondern die Krankheit hat mich. Usw. – Das ganze Deuteln an sprachlichen Formen sollte man unterlassen, es gehört einer vergangenen Zeit an.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2010 um 18.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17376

Was von der Metapherntheorie George Lakoffs, einer tragenden Säule der "kognitiven Linguistik", zu halten ist, sieht man schon an den abenteuerlichen Neuigkeitsansprüchen, mit denen er vor dreißig Jahren antrat. Ich zitiere:

"In classical theories of language, metaphor was seen as a matter of language not thought. Metaphorical expressions were assumed to be mutually exclusive with the realm of ordinary everyday language: Everyday language had no metaphor, and metaphor used mechanisms outside the realm of everyday conventional language."

Um diesen Quatsch zu widerlegen, genügt ein Zitat aus Hermann Pauls "Prinzipien", 100 Jahre vor Lakoff und leicht bei gutenberg.de herunterzuladen (4. Kapitel):

„Die Metapher ist eines der wichtigsten Mittel zur Schöpfung von Benennungen für Vorstellungskomplexe, für die noch keine adäquaten Bezeichnungen existieren. Ihre Anwendung beschränkt sich aber nicht auf die Fälle, in denen eine solche äussere Nötigung vorliegt. Auch da, wo eine schon bestehende Benennung zur Verfügung steht, treibt oft ein innerer Drang zur Bevorzugung eines metaphorischen Ausdrucks. Die Metapher ist eben etwas, was mit Notwendigkeit aus der menschlichen Natur fliesst und sich geltend macht nicht bloss in der Dichtersprache, sondern vor allem auch in der volkstümlichen Umgangssprache, die immer zu Anschaulichkeit und drastischer Charakterisierung neigt.“
„Es ist selbstverständlich, dass zur Erzeugung der Metapher, soweit sie natürlich und volkstümlich ist, in der Regel diejenigen Vorstellungskreise herangezogen werden, die in der Seele am mächtigsten sind. Das dem Verständnis und Interesse ferner liegende wird dabei durch etwas Näherliegendes anschaulicher und vertrauter gemacht. In der Wahl des metaphorischen Ausdruckes prägt sich daher die individuelle Verschiedenheit des Interesses aus, und an der Gesamtheit der in einer Sprache usuell gewordenen Metaphern erkennt man, welche Interessen in dem Volke besonders mächtig gewesen sind.“

Usw.

Schon Quintilian wußte, daß wir "beinahe immer in Bildern reden". Und das war über die Jahrtausende hin immer völlig selbstverständlich.

Lakoff hatte nachweislich keine Ahnung, und seine zahllosen begeisterten Nachfolger hatten und haben auch keine. Es ist eine Pein, all das Zeug zu lesen, vor allem die laienpsychologischen Schriften (Psychologie von Nichtpsychologen, Neurosophie von Nichtneurologen), die sich ganz ungeniert als "Kognitionswissenschaft" bezeichnen.

Es ist geradezu lachhaft, wie Lakoff die Weltgeschichte in "vor/nach Lakoff" einteilt. Seine eigene Metapherntheorie nennt er stets "the contemporary theory of metaphor" und schreibt:

"Most of the papers in this edition also appeared in the first edition of 1979 and thus predate the contemporary theory of metaphor."

Und:

"Lakoff, George and Johnson, Mark. 1980. Metaphors We Live By. Chicago: University of Chicago Press.

The first book outlining the contemporary theory of metaphor."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2010 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1370#17375

Eine typische Arbeit aus dem kognitivistischen Lager ist die folgende, die ich kurz besprechen möchte:

Karlheinz Jakob: Maschine, Mentales Modell, Metapher. Studien zur Semantik und Geschichte der Techniksprache. Tübingen 1991.

Jakob vertritt die von Lakoff/Johnson propagierte, wenn auch keineswegs neue These, daß Metaphern kein bloßer Redeschmuck seien, sondern erkenntnisleitende Denkmodelle bzw. deren sprachlicher Ausdruck. In diesem Sinne beobachtet er in historischen Längsschnitten die Veränderungen der Techniksprache im Lichte der jeweils zur Verfügung stehenden Metaphern. Das Buch besteht zu einem wesentlichen Teil aus Nacherzählungen der Technikentwicklung, besonders der Kraftmaschinen, wobei das Sprachliche oft in den Hintergrund tritt. Dies erkennt Jakob gelegentlich selbst und bemerkt vorsorglich, „daß dem sprachwissenschaftlichen Leser die vorliegende Arbeit vielleicht in zu großer Ferne zur Linguistik erscheinen“ mag.

Die umfassenden kognitionspsychologischen Ausführungen, die sich naturgemäß auf Informationen aus zweiter Hand beschränken müssen, sind aber ebenfalls weitgehend spekulativer Art, obwohl der Verfasser, der selbst kein Psychologe ist, sein Werk ausdrücklich als „wissenspsychologischen“ Beitrag versteht. Auch bewegt sich Jakob hier offensichtlich in einem Zirkel, denn er stellt ausdrücklich fest, daß die mentalen Modelle, die den Metaphern zugrunde liegen, auf keine andere Weise erschlossen werden können als eben durch ihren sprachlichen Ausdruck: „Schließlich sind mentale Modelle ausschließlich durch sprachliche Indikatoren und deren Attribute schlüssig belegbar.“
Warum sollte das so sein? Wenn jemand von einem „mentalen Modell“ geleitet wird, was immer das sein mag, so müßte es sich doch auch in seinem nichtsprachlichen Handeln nachweisen lassen. Andernfalls kommt man aus dem Zirkel nicht heraus. Daß wir eine Metapher oft weiterführen, also in einem konsistenten Bildfeld verbleiben, ist ja nicht verwunderlich, aber es ist gerade kein Beweis für ein Denkmodell. Immerhin hat selbst Benjamin Lee Whorf sich bemüht, im nichtsprachlichen Verhalten Beweise für die Abhängigkeit der Weltansicht von sprachlichen Bezeichnungen zu finden.
Wir mögen den Wind als ein Wesen bezeichnen, das etwas tut, aber wie gehen wir mit dem Wind praktisch um, außerhalb der Poesie? Der „Rest-Animismus“ (S. 33) müßte sich doch irgendwie nachweisen lassen, aber Jakob behauptet schlicht, daß auch die modernen Rationalisierungen stets mit einem animistischen Denken verbunden bleiben.

Die metaphorischen Konzepte oder konzeptuellen Metaphern nach Lakoff sind großenteils nicht überzeugend. Jakob stellt im Anschluß an Lakoff und Grosse fest:
Politik ist Sport/Spiel
Politik ist Religion
Politik ist Krieg
Hier könnte man zunächst untersuchen, ob die drei angeblich metaphorischen Konzepte auch in einer unmetaphorischen Weise zutreffen, sie wären dann also keine Sprungfiguren (im Sinne Lausbergs), sondern durch Dehnung erreichbar. Entsprechendes gilt sogar für das Paradebeispiel Lakoff/Johnsons, das Jakob auch ausdrücklich anführt:
Argument is war.
Auch hier geht es um Formen des menschlichen Umgangs, nur die Einzelheiten sind verschieden. Die agonale Struktur des Dialogs ist nicht metaphorisch, sondern real, vgl. Ernst Kapp, „Der Ursprung der Logik bei den Griechen“. Übrigens sind weder „Krieg“ noch „Argument“ (hier ist bezeichnenderweise der englische Ausdruck gemeint) universale Begriffe, eignen sich daher nicht als Tertium comparationis.

Noch stärker ist folgender Einwand: Der rasche und unproblematische Wechsel der Bildfelder spricht dagegen, daß sie eine modellartige Denkweise widerspiegeln.
Jakob konzentriert sich dann darauf, die gewissermaßen personifizierenden Bezeichnungen für Maschinen und deren Funktionieren zusammenzustellen. Hier übersieht er aber etwas ganz Entscheidendes: Um Maschinen Intentionalität zu unterstellen, bedarf es überhaupt keiner Vermenschlichung, denn Maschinen verfügen, als menschliche Artefakte, über eine eingebaute Intentionalität, ohne jede Metaphorisierung. Dies ist in neuerer Zeit von Daniel Dennett („The intentional stance“) und der überaus umfangreichen anschließenden Diskussion so gründlich erörtert worden, daß man sich fragt, wie es Jakob entgangen sein kann. Vgl. auch Anna Wierzbickas Methode der Bedeutungserklärung, die bei Artefakten immer mit der Funktion beginnt.

Hier noch ein Beispiel für Jakobs Vorgehensweise:
„Das Getriebe hat die Aufgabe, die Drehzahl und das Drehmoment der Antriebsräder den jeweiligen Fahrerfordernissen anzupassen.
Mit der Formulierung anpassen wird dem technischen Sachverhalt eine Bedeutungsnuance zugesprochen, die streng genommen eine unangemessene Teleologisierung des Artefakts beinhaltet.“ – „Eine menschliche Handlung hat einen intentionalen Aspekt (was soll erreicht werden) und einen operationalen Aspekt (wie soll das Ziel erreicht werden). Die technische Handlung, erst recht der technische Vorgang in einer Maschine, kann nur einen operationalen Charakter haben.“
Die technische Welt ist voller Metaphern („Der Motor bockt.“), die aber nicht nachweislich den menschlichen Umgang mit seinen Werkzeugen und Maschinen beeinflussen.
 
 

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