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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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09.03.2008
 

Keine Vereinfachung
Warum wird das Rechtschreiben immer schwerer?

"Das Ziel, das Erlernen richtigen Schreibens durch Vereinfachung der Rechtschreibregeln und Schreibweisen zu erleichtern, ist ein Gemeinwohlbelang, durch den die Neuregelung verfassungsrechtlich hinreichend gerechtfertigt ist. Nach vertretbarer Einschätzung des Landes ist die Rechtschreibreform geeignet, dieses Ziel zu erreichen."
(Bundesverfassungsgericht am 14.7.1998 über die RSR)

Heute steht fest, daß das Ziel nicht erreicht worden ist. Aber es wird niemals dazu kommen, daß das Gericht seinen Irrtum eingesteht, denn es wird sich nie wieder mit dem Gegenstand befassen. Die KMK ist ohnehin unfähig, einen Fehler zuzugeben. Sie reformiert immer weiter, blickt nie zurück.

Ein kleines Beispiel: Man sehe sich die Einträge zu "leerlaufen" im alten Duden, in der Reform von 1996 und den darauf beruhenden Dudenbänden (auch Bd. 9) und schließlich die gegenwärtig geltende Schulorthographie an! Dann wundert einen gar nichts mehr.

Oder fragen wir einmal, warum die Reformer nicht die Zusammenschreibung von "zuguterletzt" wenigstens zugelassen haben. Julian v. Heyl führt sie unter den beliebten Fehlern auf und gibt auch einen Hinweis auf die volksetymologische Herleitung. Die Parallele zu "zuerst", "zuletzt", "zuallererst" usw. ist schlagend, deshalb machen die Leute ständig Fehler und merken es nicht. Immer wieder kommt man darauf zurück, daß es richtig und ausreichend gewesen wäre, den alten Duden auszukämmen.



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Kommentare zu »Keine Vereinfachung«
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 09.03.2008 um 19.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11615

Rechtschreibsozialismus bedeutet eben, daß alle gleich fehlerhaft schreiben sollen (bis auf leider ein paar "Hochwohlgeborene" (lt. Müntefering).
 
 

Kommentar von paulw, verfaßt am 09.03.2008 um 19.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11616

Es sind genau diese und andere "Reformen", die mich abhalten, die "Reformschreibung" zu akzeptieren und anzuwenden. Ich hatte mich jüngst zu entscheiden, welche Schreibung ich in einer von mir gegründeten wissenschaftlichen Zeitschrift anwenden werde. Ich konnte mich nicht einmal dazu entschließen, die Heysesche ss-Schreibung zu übernehmen und bin bei der bewährten Rechtschreibung geblieben.
 
 

Kommentar von Rob, verfaßt am 10.03.2008 um 00.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11617

Bravo Herr "Paulw" – mehr davon!! Aber wer traut sich das noch zu??
 
 

Kommentar von PaulW, verfaßt am 10.03.2008 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11620

Rob, es hat mich einige schlaflose Nächte gekostet. Es waren nicht zuletzt die Tagebucheinträge von Prof. Ickler und die vielen Kommentare hierzu, die mich überzeugt haben. Obwohl schon zwei Hefte mit 3 Publikationen erschienen sind, habe ich bisher keine Anfragen zur Rechtschreibung bekommen. Auch die von mir vor drei Jahren erstmals erstellte und seither kontinuierlich erweitere Internetplattform verwendet die bewährte Rechtschreibung, obwohl gerade hier die häufige Verwendung von "daß" statt "dass" besonders auffällt. Besonders Kopfzerbrechen hat mir gerade dies bereitet, da viele meiner Informationen auch von Schülern gelesen und genutzt werden. Bisher habe ich noch keinen direkten Hinweis auf die Rechtschreibung gegeben, überlege mir derzeit aber, ob ich dies nicht tun sollte. Aber selbst Schweizer, die meine Seiten regelmäßig lesen, haben mich bislang nicht nach danach gefragt.
Paul
 
 

Kommentar von Frank Horrenberger, verfaßt am 10.03.2008 um 18.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11622

Was gibt es denn da lange zu hadern?
 
 

Kommentar von PaulW, verfaßt am 10.03.2008 um 20.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11623

Unzählige Diskussionen habe ich schon hinter mir, weil ich auch in Forschungsberichten (Biologie) nicht die unsägliche Reformschreibung anwenden wollte. Alle meine Fachkollegen rennen, ohne nachzudenken, der RRS hinterher: "Die anderen machen es ja auch". Ich fühle mich da manchmal schon ziemlich allein, um nicht zu sagen, isoliert. Glücklicherweise gibt es Menschen wie in diesem Forum, die mir wenigstens virtuell den Rücken stärken. Ich hatte auch schon mit dem Verlag, der ein von mir geplantes wissenschaftliches Werk herausgeben soll, diese Diskussionen. Immer werden mir die Kinder und Jugendlichen vorgehalten, die ja dann mein Buch (ja, es soll auch von Laien benutzt werden können) auch lesen sollen. Dann würde ich als nicht mehr zeitgemäß gelten, da sie ja in ihren Biologiebüchern nur noch die Reformschreibung kennen lernen (das betrifft nicht nur "daß", sondern auch "Stengel", "kalkliebend" und vieles mehr).
Können Sie jetzt, lieber Frank Horrenberger, mein Hadern etwas nachvollziehen?
Mit freundlichem Gruß
 
 

Kommentar von Frank Horrenberger, verfaßt am 11.03.2008 um 10.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11624

Ich schreibe berufsmäßig, und zwar stets in klassischer Rechtschreibung. Es gab in 10 Jahren nur einmal den Wunsch, ich solle doch reformiert schreiben. Das habe ich dreimal gemacht und dann wieder klassisch geschrieben. Keine Diskussionen, keine Rückfragen.
 
 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 11.03.2008 um 10.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11625

Ich bin mit PaulW nicht identisch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2008 um 13.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11628

Zur Erheiterung hier ein Hinweis auf die säuerliche Darstellung, die der österreichische Reformer Karl Blüml den letzten Änderungen (und ihren äußeren Umständen) gewidmet hat: Bluml-anderungen2006-kurzfassung.pdf (80 KB).
 
 

Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 11.03.2008 um 14.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11629

Ergänzend kommt hier mein Interview mit Herrn Blüml vom Dezember 2005 zusammen mit den Marginalien von J.-M Wagner und R. Markner. Erst dadurch sind die verschleiernden Blüml-Antworten im Kontext erlebbar.


Sie haben sich in jahrelanger Arbeit besondere Meriten um die Rechtschreibung erworben, die aufs Konto Österreichs gehen. Auf welche Ergebnisse kann unser Land heute stolz sein?

BLÜML: Mit Sicherheit ist die Neuregelung der ss-ß-Schreibung die didaktisch wichtigste Neuerung. Diese Schreibung war in Österreich schon im 19. Jahrhundert üblich, wurde aber dann 1901, um Einigkeit im gesamten deutschen Sprachraum zu gewinnen, aufgegeben.

WAGNER: Hier müssen wir etwas aufpassen: Wir müssen zwischen den beiden Stoßrichtungen „Heyse ist Rückkehr zu etwas Altem und deswegen mitnichten fortschrittlich“ und „Rückkehr zu etwas Altem, Bewährtem“ unterscheiden.

BLÜML: Weiters möchte ich hervorheben, dass die Abschaffung der großen Zahl von Ausnahmen, wie sie vor 1996 üblich waren (vgl. den Typus in bezug auf – mit Bezug auf) ganz wesentlich zu einer rascheren Erlernung der richtigen Substantivgroßschreibung beigetragen hat.

WAGNER: Was er als Ausnahmen ansieht, betrifft vermutlich zum guten Teil die grammatisch korrekte Dartellung der Sprachstruktur (das wäre noch mal zu überprüfen). Was versteht er zum Beispiel unter „korrekter Substantivgroßschreibung“? Sein „korrekt“ heißt „regelhaft“ und nicht „wirklich korrekt“ (im grammatischen Sinn); vgl. auch Blümls Aufsatz in „Pro und Kontra“. Das läuft darauf hinaus, daß er auch falsche Substantive groß schreiben lassen will.

Außerdem: Die meisten Ausnahmen werden erst im Rahmen seiner Regelverliebtheit Ausnahmen. Die meisten Dudenspitzfindigkeiten waren Einzelfestlegungen, aber nicht Ausnahmen. Beispiel: „Rad fahren“ vs. „autofahren“ war keine Ausnahme, da keine Regel dazu existierte. Zur Ausnahme wurden solche Dinge erst, als die Reformer einfache Regelungen für die komplexen Sachverhalte erfanden.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Sprache und der Orthographie, und wie ist demzufolge die Rechtschreibreform einzuschätzen?

BLÜML: Natürlich besteht ein Zusammenhang. Die Schreibung ist ganz einfach die grafische Darstellung der Sprache. Wie eine solche Darstellung erfolgt, ist jedoch von Sprache zu Sprache – zumeist aus historischen Gründen – recht unterschiedlich. Die jetzige Reform hat den Versuch unternommen, die Schreibung wieder stärker an nachvollziehbaren Regeln zu orientieren und nicht Einzelfälle zu schaffen. Ein markantes Beispiel ist die türkische Sprache. Dort hat man an der Wende zum 20. Jahrhundert eine Umstellung auf das lateinische Alfabet durchgeführt und dabei versucht, Laute und Buchstaben so weit wie möglich überein zu stimmen.

MARKNER: 1928!!

| und dabei versucht, Laute und Buchstaben so weit wie möglich | überein zu stimmen.

MARKNER: überein stimmen als transitives Verb?! Ist das Weanerisch?

BLÜML: Das ist ohne eine solche „Revolution“ in Kultursprachen praktisch nicht möglich (vgl. alle die gescheiterten Versuche der Reformierung der englischen Orthographie und auch der deutschen bis 1996).

WAGNER: „wieder stärker an nachvollziehbaren Regeln …“: wieso wieder? Worauf bezieht er sich? – Letztlich wird hier die Absicht der Reformer erkennbar, den Regeln Vorrang einzuräumen.

Zum Schlußsatz: Er sieht also die Reform von 1996 als Revolution! Aber wie paßt das mit einer „behutsamen Weiterentwicklung der deutschen Orthographie“ zusammen? (Zitat: Dr. Klaus Heller, Geschäftsführer der Zwischenstaatlichen Kommission, im „Sprachreport“ des IDS:
http://www.ids-mannheim.de/pub/laufend/sprachreport/reform/reform-ges.html)

Sie schrieben, daß die Probleme, welche die Rechtschreibreform letztlich notwendig machten, auf der Regelungsseite zu finden sind. Andererseits hört man immer wieder das Argument, die Sprache habe sich schon immer verändert, und die Rechtschreibung müsse nun daran angepaßt werden. Worum ging es wirklich: allein um das orthographische Regelwerk oder um die reine Sprachentwicklung? Was hatte sich konkret an der Sprache verändert, dem die Schreibung folgen mußte?

BLÜML: Konkret hat sich an der Sprache sehr viel geändert – nicht zuletzt durch die Aufnahme zahlreicher neuer Wörter aus anderen Sprachen, durch Wortneuschöpfungen im Deutschen selber (so gab es etwa „wohlverdient“ im Duden der 50er Jahre noch nicht).

MARKNER: STIELER (1691): herr Jörg, ain geschickt man und aines wolverdienten geschlechtz (weitere Nachweise DWb)

BLÜML: Gerade in der Frage der „Eindeutschung“ von Fremdwörtern gibt es einen kontinuierlichen Prozess, dem sich die Schreibung auch immer wieder anpassen muss.

WAGNER: Blüml spielt mit dem Beispiel „wohlverdient“ auf den Prozeß der Wortneuschöpfung durch Zusammenschreibung an und motiviert damit die Reform, jedoch ist dies eine Entwicklung, welche die Reform rückgängig machen wollte bzw. will!

Dazu zwei Zitate (B. Schaeder ist der Urheber der reformierten Getrennt- und Zusammenschreibung):

»Seit Adelung ist es das Bestreben aller Versuche einer Regulierung des Bereichs der Getrennt- und Zusammenschreibung, einer zunehmenden Tendenz zur Zusammenschreibung behutsam entgegenzuwirken.« (B. Schaeder, Getrennt- und Zusammenschreibung - zwischen Wortgruppe und Wort, Grammatik und Lexikon. In: Augst et al. [Hgg.], Zur Neuregelung der deutschen Orthographie. Begründung und Kritik, Tübingen 1997, S. 157-208; hier S. 203.)

»Insgesamt wird der Getrenntschreibung der Vorzug gegenüber der Zusammenschreibung gegeben und damit behutsam der Tendenz zu vermehrter Zusammenschreibung entgegengewirkt.« (Internationaler Arbeitskreis für Orthographie, Deutsche Rechtschreibung. Vorschläge zu ihrer Neuregelung, Tübingen 1992, S. 146.)

Ob behutsam oder nicht, offenbar konterkariert dieses Bestreben bewußt die Sprachentwicklung; es hat also mit einer „Weiterentwicklung“ nichts zu tun.

„wohlverdient“ hat die Reform zwar in der Tat nicht beseitigt, jedoch hat sie ein großes Durcheinander bei der Getrennt-/Zusammenschreibung von Verbindungen mit wohl-, hoch- usw. angerichtet. Die allfälligen Übergeneralisierungen und Fehldeutungen gehen zu Lasten der Reformer. Außerdem ist, wie schon von Herrn Markner angemerkt, Blümls Annahme, „wohlverdient“ sei eine Univerbierung jüngeren Datums, vollständig falsch.

BLÜML: De facto wurden viele solche Anpassungen seit 1901 (der letzten Reform) laufend in den Neuauflagen der Wörterbücher durchgeführt, sodass es zu sehr, sehr vielen Einzelfallregelungen kam. Das Regelwerk von 1901 konnte aber die Wörterbücher nicht verändern, denn 1901 hatte sozusagen der Staat die Regelungsgewalt übernommen (anders als in manchen anderen Kulturen, wie etwa in England oder den USA, wo das praktisch über die Wörterbücher geregelt wird, während es in Frankreich wieder eine zentrale Regelung gibt).

WAGNER: Warum wurde dann hier nicht ein ähnlicher Weg gewählt? Und noch viel besser: 1996 hatte man doch die Möglichkeit, NUR die Regeln zu ändern, warum wurde da nicht dementsprechend verfahren: Warum wurden nicht die Regeln dem Schreibgebrauch angepaßt – schließlich hat man die Reform immer auch mit der Sprachentwicklung gerechtfertigt! (Wenn der Schuh drückt, kann man den Schuh ändern oder einen anderen nehmen, oder man kann den Fuß beschneiden…)

Die letzte Rechtschreibreform fand nicht 1901, sondern 1944 statt; das wird von den Reformern gern verschwiegen.

Nun ist bei der Reform der bisherige Weg, in der Orthographie beobachtend-beschreibend vorzugehen, verlassen worden und stattdessen eine präskriptive Regelung getroffen worden. Was hat man sich davon versprochen, warum war das erforderlich?

BLÜML: Das ist so nicht ganz richtig. Auch das Regelwerk von 1901 war präskriptiv und auch der Duden war in praktisch allen seinen Auflagen in dem Sinne präskriptiv dem „guten und richtigen Deutsch“ verpflichtet.

WAGNER: Hier will er uns (bezüglich des Duden) wohl für dumm verkaufen, denn was wäre die Alternative? – Falsches oder schlechtes Deutsch hat aber im Duden nichts zu suchen. Das ist zwar platt, aber man kann es, da Blüml es so betont, in der Diskussion herausstreichen.

Offenbar kann Blüml nicht unterscheiden (bzw. ist er nicht willens dazu) zwischen einer Beschreibung (die natürlich ab dem Moment, wenn etwas als „richtig“ anerkannt ist, auch einen gewissen präskriptiven Zug hat) und der Vorschrift völlig neuer Schreibweisen.

Die Orthographie im bisherigen Sinne beschreibt die Konventionen, die die Sprachgemeinschaft als „richtig“ ansieht. Nun wurden nicht wenige Schreibungen eingeführt, die in diesem alten Sinn als „grammatisch falsch“ bezeichnet werden. Welche Funktion hat in Ihren Augen eine künftige Orthographie?

BLÜML: Dies ist eine schwierige Frage. Wenn man die Vorwörter der diversen Dudenauflagen nachliest, findet man zumindest ab 1961 laufend den Hinweis darauf, dass man es bedauert, dass eine Reform jener Bereiche nicht möglich sei, in denen die Schreibgemeinschaft offenbar überwiegend anders schreibt, als es die Regeln von 1901 vorsehen.

MARKNER: Vorwörter!

BLÜML: In dem Sinn wird es Aufgabe des „Rates für deutsche Rechtschreibung“ sein, die Schreibentwicklung zu beobachten und sozusagen keinen „Reformstau“ entstehen zu lassen. Die Zahl der Menschen, die selbst in wissenschaftlichen Publikationen vor 1996 zB entgegen den Dudenregeln „der Einzelne“, „im Allgemeinen“, „in Bezug auf“ schrieb, war beträchtlich. Wenn solche Entwicklungen beobachtet werden, soll diese Einrichtung nun laufend prüfen, ob das notwendige, sinnvolle Änderungen sind – oder nur vorübergehende Moden.

WAGNER: Dieser eigentlich ganz vernünftigen Antwort stehen die durch die Reform geschaffenen Tatsachen entgegen: Im Sinne einer deskriptiven Herangehensweise wäre es sinnvoll, die Regeln (oder allgemeiner: die Norm) an den Schreibgebrauch anzupassen; das ist bekanntlich aber nicht passiert.

Wenn man es also ernst meinen würde mit der Beobachtung der Sprachentwicklung, würde man heute in erster Linie Reaktionen auf die Störung der Schriftsprache durch die Reform (mit allen Nebenwirkungen) feststellen. Um wieder zur eigentlichen Spachentwicklung zu gelangen, müßte man daher als erstes die Reform rückgängig machen.

Unbedingt recherchieren, was in den Dudenvorworten wirklich gesagt worden ist. Ich nehme an, daß man die Regeln ändern wollte, nicht aber, wie die Reformer, die Schreibungen. Vielleicht könnte Prof. Jochems Näheres dazu sagen.

Es gibt Äußerungen von Ihnen und auch von Herrn Augst, die die Bedeutung grammatisch falscher Schreibweisen verteidigen. Da die Grammatik aber die Struktur der Sprache beschreibt und damit logisch-sachliche Zusammenhänge, bedeuten die grammatisch falschen Schreibungen doch einen Bruch mit der allgemein üblichen logischen Denkweise. Zum Beispiel konstatiert der dritte Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission folgendes: „Die Sprachgemeinschaft hat sich nach anfänglichem Zögern an die Schreibung 'Leid tun' mit substantivischer Interpretation von 'Leid' gewöhnt.“ Diese durch die Reform notwendige Interpretation ist eine sprachlich-semantische Angelegenheit, keine orthographische. Wie kann erwartet werden, daß irgend etwas, was solche falschen Zusammenhänge enthält, konsensfähig sein wird?

BLÜML: Ich habe leichte Probleme mit der Bezeichnung „grammatisch falsche Schreibweise“. Wie allgemein bekannt ist, gibt es zahlreiche Grammatikmodelle, die versuchen, die gesprochene und geschriebene Sprache adäquat zu beschreiben – die ernsthaften wissenschaftlichen Modelle sind deskriptive Modelle, nicht präskriptive, wenngleich natürlich die Beschreibung langjährigen Gebrauchs letztlich die Empfehlung für den gegenwärtigen und künftigen Gebrauch darstellt. Deskription wird so – einfach übersetzt – zur Präskription. Ein schlichtes „Grammatisch-Falsch“ oder „Grammatisch-Richtig“ ist selten der Fall – außer in Fällen wie „Ich sage dem Mutter …“.

WAGNER: Er sagt hier genaugenommen: „die ernsthaften wissenschaftlichen Modelle sind deskriptive Modelle, nicht präskriptive“ – das ist ja auch richtig. Dann folgt seine Behauptung, daß damit Deskription zur Präskription wird. Das ist in Grenzen auch richtig, da in einer sich entwickelnden Sprache jede zu beliebigem Zeitpunkt aufgenommene Deskription einen konservierenden Charakter haben wird, weil sie ja die gerade laufenden und die folgenden Entwicklungen nicht abdeckt. Wenn diese Deskription dann für das Sprachlehren benutzt wird, ist sie im Grunde etwas konservativ und das Ganze hängt dann davon ab, wie schnell eine Aktualisierung der Norm erfolgt – was auf der anderen Seite ja auch ein Ausfiltern von kurzlebigen Modetendenzen gegenüber langfristiger Sprachentwicklung beinhaltet.

Hier steckt derselbe Inhalt drin wie in seiner Antwort zur ersten Fragerunde – der Duden sei auch präskriptiv gewesen. Wie gesagt, im Grunde ist das ein kleines bißchen so. Nur: Er benutzt diese Diskussion, um nicht auf die wirkliche Frage zu antworten: Die Präskription, um die es in der Frage ging, verlangt vom Schreiber, völlig neue, ad hoc erfundene Schreibungen zu verwenden bzw. ist eine, die sich sogar bewußt gegen die Sprachentwicklung stellt.

Er sagt hier aber auch: „Da es viele verschiedene Gramatikmodelle gibt, ist eindeutiges Richtig oder Falsch selten gegeben.“ Damit stellt er allerdings alle Grammatikmodelle gleichberechtigt nebeneinander, ein in der Wissenschaft völlig undenkbares Vorgehen. Aber es paßt ihm halt ins Konzept. Insbesondere geht die vermehrte Großschreibung („Leid tun“) ja auf Gallmann zurück, dessen Betrachtung sogar ich als Nichtfachmann als defizient empfinde: Ein Wort ist ein Substantiv, wenn es ein gleichlautendes substantivisches Lexem gibt (vereinfacht dargestellt). Das hat Herr Ickler vor einigen Wochen auf „Schrift & Rede“ diskutiert:

http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=346#1965

Meiner Meinung nach müßte man aber Gallmanschen Kriterien nach dann auch „es tut mir Weh“ schreiben, schließlich liegt auch „Weh“ als subtantivisches Lexem vor. Es ist klar, daß man mit diesem Vorgehen keinesfalls der grammatischen Situation im Satz gerecht werden kann, da man sich gar nicht darauf bezieht!

BLÜML: Daneben und darüber hinaus ist die Frage bei der Orthographie noch wesentlich komplizierter. Hier handelt es sich um Konventionen, die teilweise erst im Nachhinein grammatisch begründet wurden. Die deutsche Sprachgemeinschaft ist eine Großschreibung der Substantive – ausgehend von der Großschreibung der Namen/Bezeichnungen für Gott – schön langsam hineingewachsen. Substantivierungen wurden tlw. nach Gutdünken, tlw. nach den jeweils vorherrschenden Grammatikmodellen nach und nach inkludiert. Aber: Es gibt keine grammatische Rechtfertigung dafür, warum man den adjektivischen Bestandteil von Nominationsstereotypen wie etwa „Gelbe Karte“, „Roter Milan“ usw. ebenfalls groß schreiben sollte. Das ist reine Interpretation – und noch dazu stetig wechselnde Interpretation. Wie gerade die Geschichte der Nominationsstereotype beweist. Ebenso ist die Geschichte der Schreibung von Substantivierungen höchst wechselhaft – ob „der Einzelne“ oder „der einzelne“ geschrieben wird, ist reine Interpretationssache. Es kommt darauf an, nach welchem Grammatikmodell man Substantivierung definiert.

WAGNER: Hier wird nochmals klar: Die Reformer sehen keinen Sinn in der Großschreibung. Daß sie eine Funktion haben könnte, das kommt ihnen nicht in den Sinn, deswegen sind sie da wohl auch zu ständigen Veränderungen bereit. Man denke daran, daß Blueml ja doch die Kleinschreibung will, das hat er ja nun mehrfach deutlich gemacht.

BLÜML: Der Fall „Leid tun“ ist ein solcher Interpretationsfall. Natürlich kann man mit Fug und Recht sagen, das ließe sich nicht wirklich substantivisch interpretieren. Mit demselben Recht kann man aber auch sagen, dass die allgemeine Konzeption von „Leid“ eine substantivische ist. Bei „leid“ gibt es noch Wendungen wie „es ist mir [um sie] leid“ (ein großes Leid?) – daneben aber auch das Paradigma „es tut mir leid“ – „es tut mir weh“ …

WAGNER: Schön und gut, nur (und hier jenseits der Betrachtung der Qualität der verschiedenen Modelle): Wie wir von Blüml oben lasen, sind die ernsthaften Grammatikmodelle deskriptiv. ABER: Ein Grammatikmodell, das 1996 „Leid tun“ vorschrieb, kann nicht deskriptiv gewesen sein. –> Für den Artikel: Dies ist ein schönes Urteil aus Reformerfeder über die der Reform zugrundeliegenden Grammatikvorstellungen!

Er widerspricht sich hier aufs gründlichste. Nach „Natürlich kann man mit Fug und Recht sagen, das ließe sich nicht wirklich substantivisch interpretieren“ schreibt er: „Mit demselben Recht kann man aber auch sagen, dass die allgemeine Konzeption von „Leid“ eine substantivische ist.“ Wenn „Fug und Recht“ im ersten Fall wirklich besetehen, dann schließt das jedoch die zweite Aussage aus. Hier kommt die logisch völlig defiziente Sicht der Reformer zutage. Wie aber kann man zwei Theorien als gleichwertig ansehen, die sich wiedersprechen, und das, ohne irgendwelchen Klärungsbedarf zu sehen? Aber nun gut, wir wissen ja, daß das den Reformern eigentlich egal ist…

Die unredliche Art und Weise, auf welche die Reformer „leid“ zum Substantiv machen wollen, ist aus dem 3. Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission ersichtlich (S. 69). Siehe dazu S. 32ff von http://www.ifto.uni-jena.de/~jmartin/Berichtskritik_14Dez.pdf

BLÜML: Nicht die Zwischenstaatliche Kommission, nicht der „Rat für deutsche Rechtschreibung“, sondern die seinerzeitige internationale Arbeitsgruppe fand, dass eine substantivische Interpretation sehr wohl zulässig wäre, weil es ein echtes Paradigma dieser Art in synchroner Hinsicht gibt.

WAGNER: Richtig heißt es „zulässig sei“ (nicht „wäre“). – Blüml war nicht nur 1980–1996 Mitglied dieser internationalen Arbeitsgruppe („Internationaler Arbeitskreis für Orthographie“), sondern seit 1973 Mitglied der österreichischen Kommission zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Siehe dazu http://web.archive.org/web/20021127000447/www.ids-mannheim.de
/reform/kommission_mitglieder_blueml.html

BLÜML: Was ist der Unterschied zwischen Leid tun und Maß halten, Hof halten …, zwischen Leid tun und Not tun …

WAGNER: Dieser Vergleich hinkt, weil eine reformierte Schreibweise einer anderen reformierten Schreibweise gegenübergestellt wird; unreformiert lautet es „leid tun“, „maßhalten“, „hofhalten“, „not tun“.

BLÜML: Die Reform 1996 entschied sich hier für das Paradigma Substantiv (groß) + Verb (getrennt und klein) – eine absolut zulässige Entscheidung angesichts der Möglichkeiten.

WAGNER: Hier kommt es schön klar zum Ausdruck: Man entschied sich damit also auch, eine (auch aus Reformersicht!) mögliche Variante (nämlich die althergebrachte) als falsch zu verbieten!

BLÜML: Man müsste jetzt umgekehrt auch fragen, wie konnte die Reform von 1901 (und all die Duden-Auflagen danach bis 1996) annehmen, dass die Schreibgemeinschaft tatsächlich einer Unterscheidung „mit Bezug auf“ und „in bezug auf“ folgt? Sie hat es getan, gefördert durch Korrektoren, Lehrer/innen, Wörterbücher – obwohl es mindestens so viele Gründe für eine Gleichschreibung gibt.

WAGNER: Richtig – jedoch liegt hier nichts grammatisch Falsches vor. Daher müßte man im Gegenteil fragen, wie und warum es denn zu dieser Schreibung („in bezug auf“) gekommen ist.

BLÜML: Die Reform 1996 hat – entgegen den jetzt oft geäußerten Ansichten – versucht, Paradigmen der Findung einer adäquaten Schreibung nachzuvollziehen. Wie funktioniert das bei den Schreibenden? Fragen sie nach diffizilen grammatischen Unterscheiden (die je nach Grammatikmodell unterschiedlich sind) oder folgen sie Analogien? Warum werden so viele Wörter nach dem Regelwerk von 1901 schlicht falsch geschrieben? Was führt die Schreibenden dazu, eine bestimmte Schreibung zu bevorzugen?

Die Arbeitsgruppe der Reform von 1996 kam zu dem Schluss, dass Reihenbildungen, Analogien ausschlaggebend nicht – und nicht diffizile grammatische Analyse, die noch dazu vom jeweiligen Modell abhängt.

WAGNER: Implizit also: Uns ist die grammatische Korrektheit egal, weil wir sowieso für alles, was wir wollen, von einem unserer Mitstreiter ein „Grammatikmodell“ geliefert bekommen können, wie wir es gerade brauchen.

In seinem Pro-und-Kontra-Aufsatz schrieb er das etwas anders: Dort war er sich im klaren darüber, daß einiges, was er forderte, grammatisch falsch ist!

Aber: Wie eigentlich erschließt sich, was Analogien sind und was nicht? Die direkte Frage, wie so etwas konsensfähig sein kann, beantwortet er nicht. „Leid tun“ und „Maß halten“ sind eben genausowenig analog wie „spazieren gehen“ und „schwimmen gehen“ … und zur Feststellung, ob es sich um echte Analogien handelt, muß man das doch auch gramatisch durchdringen … interessant …

Insgesamt geht es bei Blümls Antwort auf diese Nachfrage um zwei Aspekte: (a) Er verteidigt eine Schreibweise („Leid tun“), die der Rat gerade abschafft. (b) Die Herangehensweise der Reformer scheint zu sein: So, wie sich Klein Fritzchen wahrscheinlich vorstellt, daß es sein könnte, so soll es richtig sein.

Zu (a): Der Rat beseitigt nur die Schreibweise „Leid tun“, nicht aber die substantivische Interpretation; die neue Schreibweise „leidtun“ wird unter der Fallgruppe „Substantiv+Verb“ geführt. (§ 34 (3), http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/doku/para34.html)

Zu (b): Diese Formulierung ist sehr plakativ und bietet daher viel Fläche für einen Gegenangriff. Ich denke, man kann diesen Punkt anklingen lassen, aber man sollte es geschickt verpacken. Andere Punkte sind diesbezüglich risikoloser, dort kann offener angesprochen werden, was faul ist.

Die reformierte Regelung der ss/ß-Schreibung gilt ja allgemein als einleuchtend; es dürfte die bekannteste „neue Regel“ sein, und die Änderung kommt in Texten häufig vor. Wie hat sich diese Regel in der Praxis bewährt? Und weshalb war die alte Regelung nicht mehr zeitgemäß?

BLÜML: Wie ich oben schon betonte, wird diese Regel von den Neulernern ganz leicht und schnell angenommen, weil sie die s-Schreibung an alle anderen Konsonantenverdoppelungs-Regeln angleicht. Man schreibt „sie kam“, weil das [a] lang gesprochen wird, man schreibt „der Kamm“, weil das [a] hier kurz gesprochen wird. Diese Regelung gilt nun ohne Ausnahme auch für die Verdoppelung von „s“.

WAGNER: Der letzte Satz ist so, wie er da steht, völlig falsch! (Beispiele: das, dass, Gas, was, …; siehe auch die Paragraphen 4 und 5 der Neuregelung, die insgesamt zwölf Fallgruppen von Ausnahmen erfassen.) Ich denke, das sollte zitiert und kommentiert werden.

Wenn man die Regel, wie Blüml sie beschrieben hat, wirklich „ohne Ausnahme“ anwendet, kommt man leicht zu den großen Fehlerzahlen, die Prof. Marx in seinen Studien festgestellt hat und die Blüml (lt. seiner Antwort auf die Nachfrage) unerklärlich vorkommen.

Man sieht deutlich, daß die Reformer einem Problem entgehen wollen, indem sie das ß zu einem von s und ss unabhängigen Einzelbuchstaben deklarieren und danach nur s und ss betrachten wollen. Die allgemeinen Ausnahmen (z.B. Damm und Damhirsch) verschweigt er.

Hier dürfte außerdem seine Antwort auf die Nachfrage (zu den Marx-Studien; auf diese sollte im Text auf jeden Fall hingewiesen werden) interessant werden.

Die einzigen vorhandenen wissenschaftlich-methodisch abgesicherten Studien scheinen die von Prof. Harald Marx zu sein. Diese kommen aber zu dem Schluß, daß die Schreibleistungen der Kinder schlechter geworden sind. Wie erklären Sie es sich, daß Prof. Marx bei seinen Untersuchungen für Wörter mit reformbedingten ß-ss-Wechsel bereits einen Rückgang der Fehlerquote auf das Niveau von vor der Reform fand - was das Ende der Übergangszeit signalisiert und damit die Gültigkeit der Untersuchung demonstriert -, die Fehler bei Wörtern mit einfachem „s“ aber nach wie vor zunehmen? Ist das im Rat bereits thematisiert worden? Wie kann man dem entgegenwirken?

BLÜML: Ich kann mir die Ergebnisse von Herrn Marx nicht wirklich erklären. Daher hat die Kommission auch mehrfach versucht, mit Herrn Marx in Verbindung zu treten (besonders über Frau Prof. Mechthild Dehn), was aber nicht gelungen ist. Uns schienen die gewaltigen statistischen Schwankungen nicht erklärlich.

WAGNER: Interessant, daß es sich auf die Schwankungen bezieht (welche eigentlich?) und nicht auf die Ergebnisse. Ich halte das hier für eine ganz freche „bewußte Falschaussage“, die sich nahtlos anpaßt an die Tatsache, daß er von sich aus Marx bei den ersten Fragen bewußt verschwiegen hat!

Im 3. Kommissionsbericht ist auf S. 4 vermerkt, daß für den 9. November 2001 ein Treffen u.a. mit Vertretern der pädagogischen Psychologie geplant ist (http://www.rechtschreibreform.de/K3/004.gif). Zum Treffen der Kommission mir Marx siehe http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=93

Beide Punkte wären gut für den Artikel.

BLÜML: Der Rat hat dies bisher noch nicht thematisiert. Eine vergleichsweise einfache Erklärung dafür, dass die Fehlerquote bei einfachem „s“ nicht wirklich sinkt, wäre wohl die, dass dies auch nicht Gegenstand der Reform war.

WAGNER: Interessanteste Scheuklappendenkweise (bitte in den Artikel!): Von der Aussage, daß „die Fehler bei Wörtern mit einfachem 's' aber nach wie vor zunehmen“, glaubt er, nur kommentieren zu müssen, warum sie nicht abnehmen! Der Tod des Patienten wird uns doch nicht etwa am Erfolg der Operation zweifeln lassen?!

Abgesehen davon (dies auf jeden Fall in den Artikel!): Obwohl es also Untersuchungen gibt, die die Fragwürdigkeit der Heyseregel nahelegen, wird das im Rat nicht diskutiert!

BLÜML: Ich bedaure, dass im Deutschen eine Reform der Laut-Buchstaben-Beziehungen nicht in einem größeren Umfang möglich war, einem Umfang der den regional unterschiedlichen Sprechweisen insofern entgegenkommt, als Länge und Kürze von Vokalen wie auch Stimmhaftigkeit und Stimmlosigkeit von Konsonanten regional höchst unterschiedliche Ausprägungen haben. Im südlichen Österreich etwa spricht man Wasser wie [woaza] aus, d.h. der Vokal ist lang, der Konsonant „s“ ist stimmhaft. Wie soll daraus eine gemeindeutsche Orthographie foplgen?

WAGNER: Sein schönstes Eigentor, wir hatten ihn wohl überschätzt… Das kommt wohl davon, wenn man seine Glaubensgrundsätze, ohne zu denken, aneinanderhängt. Also: Er bedauert erst, daß eine Reform der Laut-Buchstaben-Zuordnung nicht weitergehend möglich war, und dann zeigt er selber, daß sich das mit dem phonetischen Ansatz nicht erreichen lassen wird. Muß das noch kommentiert werden?

Im Kern geht es bei Blümls Antwort auf diese Nachfrage um zwei Aspekte: (a) Der Rat hat die erwiesene Fehlerträchtigkeit der reformierten s-Laut-Regel nicht zur Kenntnis genommen. (b) Blüml denkt den aussprachegebundenen Ansatz der Reform zu Ende und stellt konsequenterweise letztlich die Einheitsschreibung in Frage.

Zu (a): Man muß einfach mal genau hinschauen, worin die Fehler bei den Wörtern mit einfachem „s“ bestehen, die laut Marx-Studie vermehrt auftreten, um zu erkennen, ob es einen Zusammenhang mit der Reform gibt; schließlich wurde die allzusehr vereinfachte („oversimplified“) Regelfomulierung, die zu derartigen Fehlschreibungen Anlaß gibt, von den Reformern selbst offiziell verbreitet: Im „Sprachreport“ http://www.ids-mannheim.de/pub/laufend/sprachreport/reform/reform-ges.html#A schrieb Klaus Heller schon 1996: »… entsprechend der allgemeinen Regel, dass nach kurzem Vokal ss steht …«
Zu (b): Die Einheitsschreibung in Frage zu stellen, ist grober Unfug; das widerspricht den Grundsätzen der Rechtschreibreform (vgl. Artikel III der „Wiener Absichtserklärung“: »Die [Zwischenstaatliche] Kommission [für deutsche Rechtschreibung] wirkt auf die Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung im deutschen Sprachraum hin.«), und in seiner Antwort auf die Nachfrage zu 10. (siehe unten) stellt Blüml eine „möglichst einheitliche Schreibung“ als etwas Erstrebenswertes dar.

Die Reform ist - so schreiben Sie selbst - mit dem Ziel der Vereinfachung durchgeführt worden. Der Erfolg ließe sich also an den Fehlerzahlen der heutigen Schüler messen, entsprechend werden die Entscheidungen des Rates für Rechtschreibung daran gemessen werden. Wie wird diese Erfolgskontrolle durchgeführt, und was bedeutet das für die Arbeit des Rats?

BLÜML: Wie das der Rat handhaben wird, kann ich noch nicht sagen, dazu müsste man den Vorsitzenden befragen. Die „alte“ Zwischenstaatliche Kommission hat das so gehandhabt, dass sie immer wieder Befragungen an den Schulen und in den Verlagen bzw. bei den Presseagenturen durchgeführt hat.

WAGNER: Höchst bemerkenswert ist, daß er hier nicht auf die Marxschen Studien eingeht. – Über die von der Kommission (warum eigentlich „alte“ – was bedeutet das für den Rat?) an Schulen durchgeführten Befragungen gibt der 3. Kommissionsbericht Auskunft, Abschnitt 1.0 (Seite 7; http://www.argumente.de/ar/thread.php?threadid=5&boardid=5) und Anlage 4 (Seite 127; http://www.argumente.de/ar/thread.php?threadid=54&boardid=5).

Im 3. Bericht wird übrigens nicht davon gesprochen, den Erfolg der Reform überprüfen zu wollen, sondern es wird vorgeblich die „Akzeptanz“ der Reform untersucht – worunter die gelungene Anwendung der neuen Regeln bzw. die korrekte Verwendung der reformierten Schreibungen verstanden wird; letztlich werden also Fehlerhäufigkeiten betrachtet und damit doch der Erfolg der Reform. Unter dieser Überschrift („Akzeptanz“) werden auch die Marx-Studien diskutiert (Seite 11f; siehe oben wie zu Seite 7 oder http://www.rechtschreibreform.de/K3/011.gif und http://www.rechtschreibreform.de/K3/012.gif).

Sie haben immer wieder ins Feld geführt, daß der Rückgang der Fehlerzahlen in Österreich bereits wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte. Wann erfolgte diese Studie und wie war sie methodologisch angelegt?

BLÜML: Das sind Erhebungen des Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, die immer wieder durchgeführt werden, zuletzt über ein namhaftes Meinungsforschungsinstitut in Österreich. Die Ergebnisse können im Ministerium erfragt werden.

Erhebungen davor wurden publiziert (alle Schularten in Österreich alle LehrerInnen).

WAGNER: Zu recherchieren. – Wieso macht eigentlich ein MEINUNGSforschungsintitut etwas dazu? Ich nahme mal an, daß es sich auch dabei nur um Umfrageartiges handelt und nichts Konkretes. Vermutlich wird unsere Recherche ergeben, daß es nichts gibt außer der Abfrage von zustimmenden Lehrermeinungen.

Sie haben geschrieben, daß sich das Gleichgewicht zwischen den Anforderungen an den Schreiber und den Problemen des Lesens zuungunsten des Schreibenden verschoben haben. Was ist aus Ihrer Sicht der Erfolg der Reform, und was sagen Sie zu den von den Kritikern vorgebrachten Vorwürfen, das Lesen werde zum Teil erschwert?

BLÜML: Es gibt eine publizierte Darstellung des renommierten Sprachwissenschaftlers Hans Glinz, der sagt, in der Rechtschreibung müsse einiges passieren, bevor man den Sinn nicht mehr entnehmen könne. Tatsache ist, dass die Aufwendungen, die Schule zum Erlernen der Rechtschreibung machen muss, bei Weitem das Maß übersteigt, das sinnvoll dafür eingesetzt werden darf. Dies gilt ganz besonders im Lichte der Ergebnisse der PISA-Studie.Die Schule musste in der alten Rechtschreibung (vor 1996) weine unendliche und letztlich nicht verantwortbare Zahl von Unterrichtseinheiten dafür verwenden, dass sie den Schülerinnen und Schülern all die nicht nachvollziehbaren Ausnahmen beibrachte, die die damals gültige Regelung (gegen den Willen der Fachleute – siehe oben Frage 5). Es gibt keine einzige Untersuchung, die belegt, dass das Lesen nach der Reform 1996 etwa schwieriger geworden sei. Es gibt allerdings zahlreiche Befunde, dass das Lehren der alten Rechtschreibung von vor 1996 extrem mühsam und nachweislich wenig erfolgreich war.

WAGNER: „gegen den Willen der Fachleute“: Darin steckt eine Inkonsistenz: Er beruft sich hier auf die Fachleute, die er im selben Satz diskreditiert, indem er von „nicht nachvollziehbaren Ausnahmen“ spricht und also von Pfusch seitens der Leute, die andererseits – ganz in Blümls Sinn – den Ruf nach Reformen erhoben haben (in den „Vorwörtern“ des Duden). Oder anders gesagt: Zum einen paßt es Blüml in den Kram, daß die Duden-Leute gern eine Reform hätten. Zum anderen hat er was gegen sie, weil er das, was sie an Festlegungen treffen, für nicht nachvollziehbar hält. Blüml vermischt hier wieder den Ruf nach Reform (der Regeln?! Vgl. Frage 5) dort, wo es eine Diskrepanz zwischen Regel und Schreibgebrauch gibt, mit dem Ruf nach Reform der Schreibungen!

Der Cornelsen-Verlag läßt auf seiner Internetseite wissen: „Selbstverständlich wurde die Orthografie den modernen Rechtschreibregeln angeglichen, ebenso die Zeichensetzung, selbst wenn damit der Sinn des Textes etwas verändert wird.“ Kann es sein, daß die Rechtschreibreform doch mehr als angenommen in die Sprache selbst eingegriffen hat?

BLÜML: Ich kenne diese Äußerung nicht direkt und weiß auch nicht genau, was sie bedeutet. Ich muss wiederholen, dass ich die Schreibung „nur“ für eine grafische Präsentation der gesprochenen Sprache halte (zB neben der Stenografie), wenngleich ich natürlich nicht bestreite, dass die geschriebene Sprache als solche eine starke eigenständige Entwicklung durchgemacht hat. Dennoch ist unbestritten, dass geschriebene Sprache das Korrelat von gesprochener Sprache sein muss – mit einer Reihe von Ausdehnungen und Erweiterungen. Wie letztlich gesprochene Sprache mit grafischen Zeichen repräsentiert wird, ist eindeutig eine Frage der Konvention, ja oft der Konstruktion. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass die Konvention der grafischen Wiedergabe der Sprache diese selbst verändert.

WAGNER: Blümls Wortwahl ist unzutreffend bzw. ungenügend, er meint jeweils i) Schrift als graphische Repräsentation (!) der gesprochenen Sprache; ii) Auswirkung der Änderung (!) der Verschriftungskonvention einer Sprache auf diese Sprache.

Punkt (i) greift zu kurz, die Schrift ist mehr als „optisch fixierte wörtliche Rede“, und Blüml deutet ja auch „Ausdehnungen und Erweiterungen“ an. Der Schrift kann direkt die Bedeutung entnommen werden, ohne den Umweg über die Lautung gehen zu müssen. Darauf sind nur Leseanfänger angewiesen. Außerdem sind wir in der Lage, sogenannte „tote“ Sprachen wie Latein, Altgreichisch usw. zu verstehen, ohne daß wir diese jemals im Original gehört hätten. Das zeigt überdeutlich, daß die Schrift nicht nur die Lautung (d.h. gesprochene Sprache) abbildet, sondern auch die Bedeutung des Gesprochenen.

Die Diskussion von Punkt (ii) setzt eine klare Definition des Begriffs „Sprache“ voraus. Was versteht Blüml hier darunter? Ich vermute, er meint nur die gesprochene Sprache, und dann liegt er gar nicht so falsch. Würde man beispielsweise nur die Laut-Buchstaben-Beziehungen ändern und etwa Deutsch nicht mehr mit lateinischen, sondern kyrillischen Lettern schreiben, hätte das auf die gesprochene Sprache gar keinen Einfluß.

Andererseits umfaßt die Schrift bereits die Bedeutung, so daß sie an die Stelle der gesprochenen Sprache treten, sie bezüglich ihres Zwecks, der Kommunikation, ganz ersetzen kann. „Sprache“ wäre dann allgemeiner als „Kommunikationsmittel“ zu verstehen, und dann hängt die Sprache ganz massiv von ihrer Verschriftung ab: Die Verschriftung regelt im wesentlichen die Entsprechung von gedachten, gesprochenen und geschriebenen „Sinneinheiten“, und eine Änderung der Verschriftung kann zu einer Änderung des Sinnes des geschriebenen Textes führen (vgl. das Cornelsen-Zitat) – was als Veränderung der Sprache zu verstehen wäre, weil sich etwas an der Kommunikation geändert hat.

Konkret kann so etwas ganz leicht bei der Veränderung von Unterscheidungsschreibungen passieren, wenn unterschiedlich Gesprochenes nicht mehr unterschiedlich, sondern gleich geschrieben wird. Beispiel: „sich auseinanderentwickeln“ und „sich auseinander entwickeln“ bedeutet jeweils etwas ganz anderes, genauso „fleischfressend“ und „Fleisch fressend“. Wenn diese Bedeutungsunterschiede in der Schreibung wegfallen, indem nur noch eine Schreibung zulässig sein soll (nach der Rechtschreibreform: „auseinander entwickeln“ und „Fleisch fressend“), haben sich (schriftsprachlicher) Wortschatz und Wortbedeutungen verändert, und weil diese sind konstitutiv für eine Sprache sind, hat sie sich verändert.

BLÜML: Mir sind natürlich die Bedenken bekannt, dass zB die Reform von 1996 in den Regeln für die Getrennt- und Zusammenschreibung solche Änderungen hervorgerufen hat, dass „Wörter getilgt“ wurden. Insbesondere hat mich da Reich-Ranickis Ausspruch im Zusammenhang mit Günter Grass (wohl verdient vs. wohlverdient: ob der Preis „wohl verdient“ oder „wohlverdient“ sei) fast zu Tränen gerührt: Die Reform hat an der Schreibung von vor 1996 nichts geändert. Wohl aber muss angemerkt werden, dass es das Wort „wohlverdient“ in den Rechtschreibduden 1961 und 1967 gar nicht gab, sondern erst 1980.

WAGNER: Dieses Beispiel mit seiner anmaßend-herablassenden Rhetorik („fast zu Tränen gerührt“ über die Reformgegner – ach, wie mitfühlend! wie großherzig!) ist irrelevant: Wo sich an der Schreibung nichts geändert hat, gibt es natürlich auch keine Probleme. Hier greift aber die schon bei der ersten Fragerunde vorgebrachte Kritik: Woran liegt es denn, daß es zu dieser irrigen Annahme (nur noch „wohl verdient“) gekommen ist? Die Reform hat ein großes Durcheinander … (siehe die andere Mail).

BLÜML: Ich will damit andeuten, dass „Eingriffe in die Sprache“ eine sehr polyinterpretable Angelegenheit ist. Wann gibt es ein Wort? Welche Wörter gibt es tatsächlich im Deutschen? Wieso kann sich der Duden jährlich mit Tausenden neuen Wörtern rühmen? Natürlich nur, weil sich der Sprach- und Schreibgebrauch ändert.

WAGNER: Das ist alles geschenkt und kann ignoriert werden. Wichtig ist der folgende Satz:

BLÜML: Die Aussage des obigen Zitates des Cornelsen-Verlages kann ich nur so verstehen, dass sich allenfalls orthografische Änderungen ergeben haben – wie sie bei allen Klassiker-Ausgaben laufend durchgeführt werden.

WAGNER: Wie es scheint, will er uns erneut für dumm verkaufen. Er ignoriert nicht nur, sondern er leugnet, daß sich der Sinn des geschriebenen Textes geändert hat: „allenfalls orthografische Änderungen“. Das könnte man vielleicht sogar zur Überschrift des Artikels machen, genau so, in Anführungszeichen.

Ob man mal bei Cornelsen nachfragt, welche Sinnveränderungen es konkret gegeben hat? Die Tatsache an sich ist ja ganz nett, aber könnte es nicht sein, daß man da quasi aus einer Mücke einen Elefanten macht? Wenn man das so sehr herausstellt, sollte man konkret wissen, wovon man redet… Und wenn es ein fehlendes Komma ist, das zu Verwirrung Anlaß gibt; das reicht schon! Wegen dieses einen Kommas würde es sich lohnen, „ein Faß aufzumachen“.

BLÜML: Wer liest „Faust“ in der Cotta-Erstausgabe? Alle heutigen Ausgaben (ausgenommen bewusst sprachhistorisch-kritische Editionen) haben Rechtschreibanpassungen durchgeführt – Anpassungen der Cotta’schen Schreibung (denn das war nicht Goethes Schreibung) an die jeweils gültige Schreibung.

WAGNER: Solange der Sinn dadurch nicht verändert wird, ist nichts dagegen einzuwenden.

BLÜML: Welchen Eingriff in die SPRACHE meint man, wenn man „kalt stellen/kaltstellen“ zB nur noch „kalt stellen“ schreiben soll? Wie ändert sich der Sinn eines Textes, wenn ein Politiker kalt gestellt werden soll oder wenn eine Speise kalt gestellt werden soll? Gibt es da irgendeine Möglichkeit einer Fehlinterpretation? Kann ein Politiker in den Kühlschrank gestellt werden? Kann eine Speise an Macht verlieren?

WAGNER: Geschenkt, da ebenfalls irrelevant. Nicht umsonst verfolgt Herr Ickler in seinem Wörterbuch das Konzept, bei nicht zwingender Zusammenschreibung die Verbzusätze durchgängig wahlfrei getrennt oder zusammen zu schreiben und nicht nur eine der beiden Schreibmöglichkeiten zu akzeptieren.

Das meiste von Blümls Antwort kann man weglassen, als Kernaussagen bleiben diese: »Ich kenne diese Äußerung nicht direkt und weiß auch nicht genau, was sie bedeutet. Ich muss wiederholen, dass ich die Schreibung „nur“ für eine grafische Präsentation [sic!] der gesprochenen Sprache halte (zB neben der Stenografie), wenngleich ich natürlich nicht bestreite, dass die geschriebene Sprache als solche eine starke eigenständige Entwicklung durchgemacht hat. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass die Konvention [sic!] der grafischen Wiedergabe der Sprache diese selbst verändert. Die Aussage des obigen Zitates des Cornelsen-Verlages kann ich nur so verstehen, dass sich allenfalls orthografische Änderungen ergeben haben - wie sie bei allen Klassiker-Ausgaben laufend durchgeführt werden.« Das muß auf jeden Fall gedruckt werden.

Die herkömmliche Schreibweise wird nach wie vor von Teilen der Presse verwendet, bestimmte Verlage verwenden sie für neu erscheinende Bücher und sie liegt in großen Bibliotheksbeständen vor. Schulkinder bekommen davon zwar kaum etwas mit, später als Erwachsene jedoch schon. Das OVG Lüneburg hat kürzlich festgestellt: »Herkömmliche Schreibweisen dürfen im Schulunterricht solange nicht als 'falsch' bezeichnet werden, wie sich reformierte Schreibweisen nicht allgemein durchgesetzt haben.« Da man in der Schule für das Leben lernt, scheint dies sehr vernünftig zu sein. Wird man dies im Rat thematisieren?

BLÜML: Dies wurde schon mehrfach thematisiert. Es gab eine alte „Legende“, dass Kinder nie ein falsch geschriebenes Wortbild sehen dürften, sonst würden sie sich das einprägen. Der Umkehrschluss beweist den Irrtum: Schreiben alle Menschen richtig, wenn sie einmal ein richtig geschriebenes Wort gesehen haben? Natürlich müssen alle Menschen in der Lage sein, alte Texte auch sinnerfassend zu lesen – wie könnte es sonst geschehen, dass an allen höheren Schulen mittelalterliche, barocke, romantische usw. Texte im Original gelesen werden können? Und dies seit vielen Jahrzehnten – oder eigentlich zumindest seit Humboldt!

WAGNER: Weil Blüml hier entlang einer ganz anderen als der beabsichtigten Richtung antwortet, lohnt es sich eigentlich nicht, darauf einzugehen. Es sei lediglich angemerkt, daß sein „Beweis“ keiner ist, weil er nur dann schlüssig wäre, wenn es nur zwei Möglichkeiten gäbe: einmal ein Wort falsch (bzw. richtig) geschrieben gesehen –> das Wort wird immer falsch (bzw. richtig) geschrieben. Natürlich kann es aber vorkommen, daß ein Wort auch dann falsch (bzw. richtig) geschrieben wird, wenn man es richtig (bzw. falsch) geschrieben gesehen hat.

Außerdem wird an dieser Stelle noch einmal bestätigt: Das Lesen (= Sehen korrekt geschriebener Wörter) wird als Quelle/Methode des Schreibenlernens völlig negiert. Vgl. auch Blümls Aufsatz in „Pro und Kontra“ (hier S. 20):

»Immer allerdings gilt: Rechtschreiben lernt man durch (häufiges) Schreiben – gleichgültig, ob vor oder nach der Neuregelung! Wer wenig schreibt, hat nur wenig Chance [sic!], die richtige Schreibung quasi automatisch zu beherrschen. Etwas größer ist diese Chance allerdings durch die Neuregelung geworden, weil es weniger Ausnahmen gibt und man die richtige Schreibung in einem größeren Ausmaß als bisher durch die Anwendung von Regeln finden kann.«

Das OVG Lüneburg hat aber auch festgestellt, »daß die Schule künstlich veränderte (unübliche) Rechtschreibungen nicht (als allein verbindlich) vermitteln darf«. Somit müßte die Schule bereits jetzt auch die herkömmliche Schreibung wieder unterrichten. Wie steht der Rat konkret dazu?

BLÜML: Dazu gab es keine Diskussion im Rat.

WAGNER: Damit ist eigentlich schon alles gesagt, was wir hören wollten.

BLÜML: Wollen Sie damit einem staatlich verordneten Pluralismus in der Rechtschreibung das Wort reden, wenn Sie gleichzeitig die Einheitlichkeit der Schreibung im deutschen Sprachraum beschwören? Ich persönlich habe sehr viel übrig für Individualität in der Schreibung – und praktiziere dies auch in meinen privaten Schriftstücken. Das Problem ist immer nur die Lehre, die Weitergabe an die kommenden Generationen – und die soll möglichst einheitlich sein. Der große Hans Glinz hat einmal gemeint, es müsse in der Rechtschreibung sehr viel passieren, dass die Mitteilungsabsicht nicht mehr erkannt wird. Damit hat er natürlich völlig Recht. Auf der anderen Seite kann natürlich eine möglichst einheitliche Schreibung das Lesen deutlich erleichtern – und das ist ein ganz wesentliches Ziel aller Rechtschreibreform-Bemühungen.

WAGNER: Der letzte Satz ist noch mal spannend: Wenn ich ihn recht verstanden habe, ist es „ein ganz wesentliches Ziel aller Rechtschreibreform- Bemühungen“, „das Lesen deutlich [zu] erleichtern“. Das ist sehr überraschend, denn den Reformern ging es eigentlich nie erster Linie ums Lesen – im Gegenteil: Das war der Bereich, in dem absichtlich Abstriche in Kauf genommen wurden. Der Urheber der reformierten Getrennt-/Zusammenschreibung (GZS), Burkhart Schaeder, schrieb:

»Nachteile für die lesenden müssen in einem angemessenen verhältnis zu dem gewinn stehen, den eine reform den schreibenden beschert.« (Burkhart Schaeder: „Rechtschreibreform und maschinelle sprachverarbeitung. Oder : Von der unwahrscheinlichkeit, in computern liebe genossen zu haben“, in : Sprache - Schrift - Rechtschreibung, Düsseldorf 1987, S. 72)

Am besten würde mir folgende Zusammenstellung gefallen: »Frage: In einem Beschluss des OVG Lüneburg heißt es: „Herkömmliche Schreibweisen dürfen im Schulunterricht solange nicht als 'falsch' bezeichnet werden, wie sich reformierte Schreibweisen nicht allgemein durchgesetzt haben.“ Außerdem stellte das Gericht fest, „dass die Schule künstlich veränderte (unübliche) Rechtschreibungen nicht (als allein verbindlich) vermitteln darf“. Somit müsste die Schule bereits jetzt auch die herkömmliche Schreibung wieder unterrichten. Wie steht der Rat konkret dazu? Antwort: Dazu gab es keine Diskussion im Rat.«

Zum einen antwortete er auf Frage 10: „Dies wurde schon mehrfach thematisiert“, auf die nahezu gleichartige Nachfrage dagegen: „Dazu gab es keine Diskussion im Rat“. Worauf genau bezieht er sich bei seiner ersten Antwort, was genau „wurde schon mehrfach thematisiert“?

Halten Sie es für richtig, die gesamte Groß-/Kleinschreibung zu überprüfen? Wenn sich dabei herausstellen würde, daß alles in Ordung ist, würde dies vor allem das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Reform stärken. Wurde diesbezüglich nicht eine Chance vertan, indem nur eine begrenzte Auswahl von Fällen zur Bearbeitung vorgesehen wurde?

BLÜML: Dem Rat wurde eine Prioritätenliste vorgegeben, die sich an der öffentlichen Kritik an der deutschen Rechtschreibung orientierte, wie das die KMK und die MPK eindeutig formulierten. Darüber kann man diskutieren, und das wird auch geschehen – jedoch nur dann, wenn auch die grundsätzliche Kleinschreibung der Substantive mit Gegenstand der Diskussion ist – eine Art der Schreibung, wie sie schon die Urväter der deutschen Germanistik, die Brüder Grimm, verwendeten.

WAGNER: Die „gemäßigte Kleinschreibung“, die er hier als wünschenswert erkennen läßt, führt nach unabhängigen Untersuchungen zu einer Reduktion der Lesegeschwindigkeit. Damit wünscht er sich hier etwas, was dem widerspricht, was er bei Frage 9 als positiv vermerkt hat – daß die Reform nicht zu Nachteilen für die Lesenden geführt habe.

Wie ist der Rat ausgestattet, welche technischen Mittel stehen ihm zur Verfügung, die ihm gestellten Aufgaben und Erwartungen erfüllen zu können, die weitere Entwicklung von Sprache und Rechtschreibung zu beobachten und darauf zu reagieren? Wie handhaben dies unsere Nachbarländer?

BLÜML: Der Rat hat eine fixe Infrastruktur am Institut für deutsche Sprache in Mannheim – mit einer Geschäftsführung und (geringer) Personalunterstützung. Die dem Rat gestellte Aufgabe kann bewältigt werden, wenn die bisher angebahnte Zusammenarbeit mit den Wörterbuchverlagen fortgesetzt wird. Es ist meines Erachtens sicher notwendig, die Koordinationsstelle am IdS in Mannheim mit zusätzlichen Ressourcen im Hinblick auf eigenständige Forschung im Bereich der Rechtschreibung auszustatten.

Meines Wissens sind in der Schweiz und in Österreich nur Gremien zur Mitarbeit im Bereich der Rechtschreibreform eingesetzt, derzeit jedoch keine Forschungsstellen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn es zu überstaatlichen Übereinkünften hinsichtlich einer Forschung in diesem Bereich käme.

Sie gehörten ja schon dem Vorgängergremium an, der Zwischenstaatlichen Kommission, und waren zuletzt deren Vorsitzender. Die Kommission hat von 1997 bis 2004 insgesamt sieben Jahre gearbeitet, und doch muß jetzt noch so viel nachgebessert werden. Warum geschieht das erst jetzt?

BLÜML: Die Kommission hatte den eindeutigen Auftrag, die Umsetzung der neuen Schreibung zu begleiten und zu beobachten. Ihre ersten Änderungsvorschläge (1. Bericht der Kommission) wurden mit dem Hinweis nicht angenommen, dass der Übergangszeitraum als Beobachtungszeitraum zu nützen sei und allfällige Änderungsvorschläge erst zum Ende dieser Übergangsfrist zu erstatten seien. Die Kommission hat diese Interpretation der Wiener Übereinkunft als zielführend akzeptiert.

WAGNER: Die „Wiener Absichtserklärung“ wurde 1996 unterzeichnet, in vielen Schulen in einigen deutschen Bundesländern begann der Unterricht nach den reformierten Regeln bereits im Herbst 1996, der allgemeinverbindliche Start der Reform war aber erst 1998. Wozu war die „Vorlaufphase“ gedacht? Die Zwischenstaatliche Kommission stellte in ihrem ersten Bericht von Ende 1997 (!) bereits unumgänglich notwendige Änderungen am Regelwerk fest. Daraufhin wurde die „Mannheimer Ahörung“ abgehalten, in deren Ergebnis die Änderungsvorschläge der Kommission abgelehnt wurden; die Kommission ist quasi abgeblitzt. „Die Kommission hat diese Interpretation der Wiener Übereinkunft als zielführend akzeptiert“ – gezwungenermaßen!

BLÜML: Sie hat den Schreibgebrauch beobachtet, sie hat die Kritik aufgearbeitet, sie die Situation in den Medien beobachtet – und hat im 3. Bericht eine ausführliche Darstellung der Diskussion geliefert - mit möglichen Änderungsoptionen. Die definitiven Änderungsvorschläge auf Grund der Beobachtungen im gesamten Zeitraum hat die Kommission in ihrem vierten Bericht 2004 niedergelegt und den verantwortlichen Stellen (KMK in Deutschland, EDK in der Schweiz, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kunst in Österreich) übermittelt. Darin sind zahlreiche Anpassungsvorschläge enthalten, die zB im Duden 2004 schon vorweg umgesetzt wurden.

Es ist schlicht unfair, der Kommission jetzt vorzuwerfen, sie hätte allfällig nötige Änderungen auf Grund der Schreibwirklichkeit nicht erkannt und zur Umsetzung vorgeschlagen. Das hat sie getan – und das wurde auch von den staatlich zuständigen Stellen beschlossen.

WAGNER: Hier bietet sich die Gelegenheit, Hintergrundinformationen anzureißen und den Rat insgesamt zu bewerten: Auch die Kommission hatte (2004) schon die GZS überarbeitet und vor allem viele Zwangsgetrenntschreibungen wieder aufgehoben (bei adjektivisch gebrauchten Partizipien). Der Rat hat die GZS nochmal und in noch stärkerem Maße in Richtung der herkömmlichen Schreibungen hin verändert; damit ist klar, wo das eigentliche Problem liegt: Diese Korrekturen waren wegen des Grundkonzeptes der Reform erforderlich, und daher gehört die gesamte Reform auf den Prüfstand. Das macht der Rat aber nicht. Warum?

Letztlich ist der Rat nur ein „zweiter Aufguß“ der Kommission: Eine ganze Reihe der österreichischen und Schweizer K.-Mitglieder finden sich jetzt im Rat wieder, und von den Institutionen, die zuvor einen Vertreter in den K.-Beirat entsandt hatten, finden sich die meisten nun mit einem Vertreter im Rat wieder. Die wollten schon damals nur so wenig wie möglich an der Reform ändern, und daß jetzt relativ viel geändert werden soll (aber nur bei der GZS, in allen anderen Bereichen bleibt der Änderungsumfang deutlich hinter den Erwartungen zurück), liegt allein am Druck, den die Dt. Akademie für Sprache und Dichtung ausgeübt hat. (Das sollte im Zweifelsfall Herr Ickler noch mal kritisch beäugen.)

Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten für die Vorschläge des Rates; werden sie von der KMK umgesetzt werden?

BLÜML: Ich gehe davon aus, dass die meisten Änderungsvorschläge des Rates von den staatlichen Stellen akzeptiert werden und dass diese dann auch in entsprechenden staatlichen Verlautbarungen und in den Wörterbüchern umgesetzt werden – sonst hätte man das Gremium des Rates für deutsche Rechtschreibung nicht schaffen müssen.

MARKNER: »Die Antworten sind als solche nicht sonderlich bemerkenswert, aber bei den sachlichen und sprachlichen Fehlern schrecke ich hoch. Mit anderen Worten und Wörtern: Blüml ist halt ein schlichtes Gemüt (was wir schon wußten), und er hat mit der deutschen Sprache Schwierigkeiten (was in diesem Maße noch nicht sichtbar wurde). Aber das Beste ist: Ebenso wie für Hinz und Kunz existiert für ihn ein Wort nicht, solange es nicht im Duden steht. Und dieser Mann beschäftigt sich seit zwanzig Jahren beruflich mit Sprache und Orthographie! Bitte diese vier Stellen drucken, sie sind wirklich entlarvend.«

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2008 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11632

Der alte Goethe hatte, wie vorgestern in der FAS stand, "Pros-tataprobleme". Das sind Probleme der "Vors-teherdrüse".
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 14.03.2008 um 12.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11655

Im uns von Alexander Glück zugänglich gemachten "Interview mit Herrn Blüml vom Dezember 2005 zusammen mit den Marginalien von J.-M Wagner und R. Markner" wortschöpft Blüml Vorwörter und strebt so dem Deutschen Sprachpreis zu oder entgegen.

Herrn Markner stießen diese Vorwörter heftig auf. Im Polnischen wird eine solche Kreation als "kwiatek językowy" (dis)qualifiziert.

Das Gesagte also bitte unter die "Blüthen der Thorheit" einreihen.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 15.03.2008 um 23.20 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11667

Prüfung: Der Frager weiß mehr als der Befragte

Gemeint ist das von Blüml gegebene Interview, das ihn sogar ohne die Glossen von J.-M Wagner und R. Markner hinlänglich blamiert.

Blüml läßt an keiner Stelle Zweifel daran, daß er meint, es werde "Sprache" verschriftet. Dem ist nicht so, denn Verschriftung widerfährt Gedanken oder gesprochenen Texten, d.h. ihren einzelnen (meist satzförmigen) Äußerungen. In satzförmigen Äußerungen haben sich gleichende Lautketten verschiedene Funktionen, die sie als Repräsentanten bestimmter Wortarten tragen. Die Blamage der "Sprachrichter" im Falle leid / Leid tut Blüml etwas dümmlich wie folgt ab:

»Ich habe leichte Probleme mit der Bezeichnung „grammatisch falsche Schreibweise“. Wie allgemein bekannt ist, gibt es zahlreiche Grammatikmodelle, die versuchen, die gesprochene und geschriebene Sprache adäquat zu beschreiben – die ernsthaften wissenschaftlichen Modelle sind deskriptive Modelle, nicht präskriptive, wenngleich natürlich die Beschreibung langjährigen Gebrauchs letztlich die Empfehlung für den gegenwärtigen und künftigen Gebrauch darstellt. Deskription wird so – einfach übersetzt – zur Präskription. Ein schlichtes „Grammatisch-Falsch“ oder „Grammatisch-Richtig“ ist selten der Fall – außer in Fällen wie „Ich sage dem Mutter …“.«

Was hat die Dummschreibung sehr Leid tun mit Grammatikmodellen zu tun? Oder gar mit dem Wienerischen? Grammatisch sinnvoll oder sinnlos ist sehr wohl in den meisten Fällen entscheidbar. Das Sinnvolle / Sinnwahrende / Eindeutige(re) ist immer das Richtige.

Eine Veralberung des Publikums durch Blüml ist zudem, daß er von (leichter / schwerer) Lesbarkeit spricht (obwohl die Reformer nur den Schreibern aus der Not helfen wollten). Nach mehr als 30 Jahren Kommunikationswissenschaft hat sich herumgesprochen, daß es um die bessere oder schlechtere Rezipierbarkeit bzw. Rekonstruierbakreit i.S.v. Nachschaffen des (evtl. mündlich) Geäußerten, d.h. Gemeinten geht. Leichte Lesbarkeit ist abhängig von Schriftgöße, -enge und -typ etc. (evtl. von den Lichtverhältnissen) und hat mit Orthographie nicht das Geringste zu tun.

Blümls linguistisches Bewußtsein scheint ein für die Reformeiferer prototypisches zu sein, wenn dieses vielleicht auch (noch) nicht völlig kollektiviertes ist.
 
 

Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 17.03.2008 um 12.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11693

Mich hat es regelrecht bedrückt, daß sich der Mann angesichts sehr gründlich ausgeheckter Fangfragen mit schon nicht mehr anständiger Unverfrorenheit aufs Glatteis hat führen lassen und dort noch immer ganz unbeeindruckt seine Pirouetten dreht.

Mit solchen Leuten kann man jede Sache durchsetzen.
 
 

Kommentar von stefan strasser zu 11629, verfaßt am 17.03.2008 um 19.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11703

Wenn mich nicht alles täuscht, kommt Hr. Blüml doch aus der Didaktikecke.
Theoretisch sollten sich diese Leute doch damit beschäftigen, wie man jemandem etwas Gegebenes so beibringt, daß es möglichst effizient erlernt und auch verstanden wird.
Weil das aber vielfach mühsam ist und echte Knochenarbeit darstellt (auch mit Wirkkontrolle und Vergleich zwischen verschiedenen Ansätzen, abgeleiteten Verfeinerungen, usw.), geht man einfach den Weg, nicht etwas Gegebenes zu unterrichten, sondern den Stoff inhaltlich so abzuändern, daß man jene Teile, von denen man annimmt, daß sie schwerer zu lernen sind, einfach nach eigener Phantasie modifiziert. Man nimmt also theoretisch an (nur in der eigenen Vorstellung), daß Lernende den solcherart modifizierten Stoff besser und leichter lernen werden*.

Unberücksichtigt bleibt natürlich, wie sich solche Modifikationen auf die Millionen bestehender – in diesem Fall – Schreiber auswirken, und eine Probe zur Feststellung der Tauglichkeit wird im Glaube an die eigne Fachkompetenz auch für überflüssig gehalten. Man führt also mit amtlicher** Unterstützung sofort hart ein und erlaubt nicht einmal mehr, die bewährten Schreibungen weiterzuverwenden; als Zeugen der Vernunft müssen sie eliminiert und damit verboten werden.
Je unverfrorener der Didaktiker hier vorgeht, desto größer ist die Aufmerksamkeit, die er damit erregt, und umso stärker wird er in einschlägigen Kreisen für einen kompetenten Fachmann gehalten.
Der Hr. Blüml ist halt ein Didaktiker, worüber soll man sich bei seinen Ansichten also wundern?


*Weil die genannte didaktische Vorgangsweise im naturwissenschaftlichen Bereich (noch) nicht anwendbar ist, bevölkern Didaktiker bevorzugt "geisteswissenschaftliche" Bereiche.

** Die Amtlichkeit nimmt natürlich an, daß Fachleute am Werk sind und daher hochwertige Arbeit leisten. Sie unterläßt, selbst Stichproben vom Inhalt zu prüfen. Damit kommt die Amtlichkeit in den Teufelskreis, ihre allererste Freigabe für immer beibehalten zu müssen, um sich nicht später das eigene Versagen nachsagen lassen zu müssen. Unglaublich viel Schwachsinn wird damit im Fall der Rechtschreibung quasi zum Prinzip erklärt.
 
 

Kommentar von stefan strasser zu 11628, verfaßt am 17.03.2008 um 19.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11704

Natürlich kann es immer zu Tippfehlern kommen.
Wenn aber in einem entsprechend formatierten pdf-Dokument, das offenbar als Lernhilfe für Schulen erstellt wurde, das nachfolgende Konstrukt zu lesen steht:

... „Idiomatisierung“ („übertragende Bedeutung der neuen Wortkombination“)

dann kann man sich zwei Fragen stellen:
1. Was versteht der Autor unter einer "übertragenden" Bedeutung?
2. Sollte das Wort "übertragende" einen Tippfehler beinhalten, warum fiel er dann niemandem auf, es soll ja schließlich ein Lehrbehelf sein?
In beiden Fällen werfen die möglichen Antworten kein gutes Licht auf die Autoren.
 
 

Kommentar von Mark Anton, verfaßt am 18.03.2008 um 09.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=982#11710

Denn Blüml ist ein ehrenwerter Mann. Das sind sie alle, alle ehrenwert.
 
 

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