zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Theodor Icklers Sprachtagebuch

Die neuesten Kommentare


Zum vorherigen / nächsten Tagebucheintrag

Zu den Kommentaren zu diesem Tagebucheintrag | einen Kommentar dazu schreiben


12.03.2006
 

Die Macher
Ein Dokument zur Beleuchtung des Hintergrundes,

auch zum „Fall Güthert“:

Protokollnotiz
zu dem Gespräch der im Rat für deutsche Rechtschreibung vertretenen Wörterbuchverlage
[Mit den ursprünglichen Kommentaren von Th. Ickler in eckigen Klammern]

Ort: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim
Zeit: 20. Mai 2005, 9.00 bis 16.15 Uhr
Anwesende:
a) für die Wörterbuchverlage: Matthias Wermke, Werner Scholze-Stubenrecht, Ralf Osterwinter (alle: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG); Ulrike Steiner (öbv & hpt Verlag GmbH & Co. KG); Sabine Krome (Wissen Media Verlag GmbH)
b) für die Geschäftsstelle: Kerstin Güthert

[Als die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung noch existierte (sie wurde Ende 2004 wegen Unfähigkeit entlassen und durch den „Rat für deutsche Rechtschreibung“ ersetzt), pflegte sie folgenden Brauch: Ungefähr zwei dutzendmal traf sie sich mit den privilegierten Wörterbuchredaktionen (Duden, Bertelsmann, ÖWB) zu meist zweitägigen Beratungen. Dort wurden ohne Kenntnis der Öffentlichkeit (nur Innenminister Schily wies im Bundestag einmal darauf hin, daß es solche Treffen gegeben habe) die inoffiziellen und dennoch durchgreifenden Änderungen des mißratenen Reformwerks beschlossen, Änderungen, die zu einer erheblichen Umgestaltung der reformierten Wörterbücher seit 1996 führten, bis die amtliche Revision des Jahres 2004 sowieso alles zu Makulatur machte. Letzten Endes war diese konspirative Praxis aber der Anfang vom Ende, denn die ständigen Änderungen der Wörterbücher veranlaßten zuerst die FAZ und dann auch den Axel Springer Verlag und andere Unternehmen, sich vom wachsenden Wirrwarr völlig zu verabschieden und zur normalen Erwachsenenorthographie zurückzukehren.

Nun scheint sich im „Rat“ das alte Verfahren nahtlos fortsetzen zu sollen. Neben den ausdrücklich eingesetzten Arbeitsgruppen, die Vorlagen für die Revision des Regelwerks erarbeiten, hat sich in aller Stille eine Arbeitsgruppe „der im Rat für deutsche Rechtschreibung vertretenen Wörterbuchverlage“ gebildet. Sie besteht aus Redakteuren von Duden, Bertelsmann-Wahrig und dem Österreichischen Wörterbuch, trifft sich ganztägig und erarbeitet Gegenentwürfe – und zwar unter Mitwirkung der Geschäftsführerin des Rates, ohne daß der Rat als ganzer davon etwas weiß, geschweige denn, daß er sie dazu beauftragt hätte. (Schon die Ausschreibung der Geschäftsführerstelle und ihre Besetzung fand ohne den Rat statt; das „Institut für Deutsche Sprache“, die eigentliche Brutstätte und Propagandazentrale der Rechtschreibreform, macht so etwas ganz allein.)

So fanden die Ratsmitglieder eine Woche vor dem nächsten Sitzungstermin nicht nur die förmliche Beschlußvorlage zur Getrennt- und Zusammenschreibung in ihrer Post, sondern auch gleich noch den Gegenentwurf der parallel beratenden „Verlagsgruppe“. Die auf der 3. Ratssitzung vereinbarte Überprüfung von Auswirkungen der Revision auf den Wortschatz war bereits in einem am 19.5.2005 versandten Papier geleistet. Bei der neuen Vorlage handelt es sich streckenweise um einen veritablen Gegenentwurf zur Beschlußvorlage der vom Rat eingesetzten Arbeitgruppe.

Der Verfasser dieser „Protokollnotiz“ ist nicht angegeben, die professionelle Gestaltung läßt auf die Dudenredaktion schließen. Um so dringender stellt sich die Frage, was die Geschäftsführerin dort zu suchen hatte. Übrigens ist nur Wermke Mitglied im Rat, die anderen beiden Herren aus der Dudenredaktion sind es nicht. Wenn ich selbst mich mit Freunden zusammensetzen wollte, um einen Gegenentwurf dieser Art auszuarbeiten, käme es mir nicht in den Sinn, die Geschäftsführerin des Rates für deutsche Rechtschreibung dazuzubitten. Oder war sie die Einladende?
Diese Bedenken bestehen unabhängig von der Tatsache, daß einzelne Einwände der Verlagsgruppe durchaus berechtigt sind. Die Beschlußvorlage ist in der Tat nicht abstimmungsreif, wie ich in einem gesonderten, bereits versandten Kommentar gezeigt habe.]


Die drei Wörterbuchverlage haben nach der Aprilsitzung des Rats für deutsche Rechtschreibung eine umfassende Überprüfung der Neufassung von § 34 auf den Wortschatz vorgenommen. Sie treffen sich zu diesem Gespräch mit dem Ziel, zu einer gemeinsamen Einschätzung über die Anwendbarkeit der neuen Regeln zu gelangen. Dazu gehen die Teilnehmer die von den Verlagen vorbereiteten Listen durch und legen dabei die neue, erst am Vortag per E-Mail-Attachment verschickte "Beschlussvorlage über den Gesamtkomplex der Getrennt- und Zusammenschreibung" zu Grunde.
Die bei der Diskussion gemachten Beobachtungen – die auf der Überprüfung der Buchstabenstrecke A–F basieren – und die sich daraus notwendigerweise ergebenden Klarstellungen sind angehängt. Die Teilnehmer verständigen sich darauf, Protokollnotiz und Anhang allen Ratsmitgliedern ergänzend zur Kenntnis zu geben. Weiterhin ist vorgesehen, nach entsprechendem Beschluss durch den Rat die begonnene Arbeit fortzusetzen und die Buchstabenstrecke G-Z zu überprüfen. Diese Überprüfung soll möglichst bis zum 15. Juli abgeschlossen sein. Die Ergebnisse sind auf das amtliche Wörterverzeichnis zu übertragen und sollen dann – im Sinne der größtmöglichen Transparenz – unverzüglich auf die Homepage des Rats eingestellt werden.

Anhang

Anhang 1: Bei Anwendung der in der Beschlussvorlage vom 19.05.05 vorgesehenen Regeln auf das Wörterverzeichnis wurde Folgendes festgestellt:
1) Anwendbarkeit der Regeln: Unter Berücksichtigung der in der Anlage genannten Klarstellungen ist zu erwarten, dass sich die Regeln mit Ausnahme von § 34(4) umsetzen lassen.
2) Einstufung der Regeln: Die Regeln entsprechen weder der alten noch der neuen Rechtschreibregelung. Sie produzieren – hauptsächlich im Anwendungsbereich von §34(2.1) – bisher nicht vorkommende Zusammenschreibungen, zum Beispiel:
• abwärtsgehen (= nach unten gehen), auseinandersetzen (= voneinander getrennt setzen), daheimbleiben, abseitsstehen (= nicht dazugehören) nach § 34(1.2)
• abhandenkommen, zunichtemachen, zupasskommen nach § 34(1.3)
• armwerden (neben arm werden), feinmahlen (neben fein mahlen), violettfärben (neben violett färben) nach § 34(2.1)

[Diese Zusammenschreibungen sind mit ganz wenigen Ausnahmen (armwerden) schon bisher durchaus üblich gewesen, so daß man keinesfalls behaupten kann, sie seien „nicht vorgekommen“ – mögen sie nun im Duden gestanden haben oder nicht. Der Duden hatte in einigen Fällen festgesetzt, daß in wörtlicher Bedeutung getrennt, in übertragener zusammengeschrieben werden solle, z.B. bei abwärtsgehen. Das war jedoch völlig unrealistisch. Die Wörterbuchverlage untersuchen insofern nicht, wie vereinbart, die Auswirkungen der Revision auf den Wortschatz, sondern den Änderungsbedarf in ihren Verlagsprodukten. Das interessiert die betroffene Sprachgemeinschaft nicht.

Die Orientierung an den Wörterbüchern statt am Sprachgebrauch selbst war schon in der Ausarbeitung „Zu den quantitativen Auswirkungen der Neufassung von § 34 auf den Wortschatz“ erkennbar. Sie gab vor, „auf der Basis umfangreicherer Korpora“ zu ermitteln, es waren aber offenbar keine Textkorpora gemeint, sondern Wörterbücher.

Mit dieser Fehlentscheidung geht zusammen, daß allgemein die Annahme zugrunde gelegt wird, die Schreibweise der einzelnen Wörter sei aus den Regeln abzuleiten und gegebenenfalls auch zu ändern. Eigentlich sollte aber die Regel den tatsächlichen Schreibbrauch zu beschreiben versuchen.

Man erkennt: Die neue Orientierung des Rates für Rechtschreibung am tatsächlichen Sprachgebrauch spricht dagegen, ausgerechnet die Wörterbuchverlage mit der Aufgabe zu betrauen, die Auswirkungen der Reform auf den Wortschatz zu untersuchen. Die Verlage haben schon durch die bisherige Umsetzung der „alten“ Reform beweisen, daß ihnen der tatsächliche Sprachgebrauch gleichgültig ist. Wie Frau Wahrig-Burfeind einmal treffend bemerkte, verzeichnen die Wörterbücher erstmals nicht mehr den Sprachgebrauch, wie er ist, sondern so, wie er nach den Vorstellungen der Kultusminister sein sollte. Damit entfällt die Bezeichnung „Korpus“.]


3) Konsequenzen der Regelung:
a) Es gibt auch bei dieser Regelung Grenzfälle, die festgelegt werden müssen. Dies betrifft insbesondere § 34(2.1) und § 34(2.2). Zum Beispiel ist schwer zu entscheiden, ob klein in klein?schreiben (= in kleiner Schrift schreiben) modal oder resultativ ist und dementsprechend nach § 34(2.1) (klein schreiben/kleinschreiben) oder § 34(2.3) (klein schreiben) gehört. Ein anderes Problem stellt das Kriterium der Idiomatisierung dar, zum Beispiel ist fraglich, ob in den Verbindungen (mit einem Argument) allein?stehen (= isoliert sein) und (einer Sache) fern?stehen (= keine Beziehung zu einer Sache haben) eine hinreichende Idiomatisierung vorliegt. Hier empfehlen die Wörterbuchverlage dringend, folgende Toleranzklausel einzufügen, die bei nicht ausreichend vorhandener Idiomatisierung beide Schreibungen zulässt:
E7: Lässt sich in einzelnen Fällen keine klare Entscheidung darüber treffen, ob eine idiomatisierte Gesamtbedeutung vorliegt, so bleibt es dem Schreibenden überlassen, getrennt oder zusammenzuschreiben.
Diese Erläuterung ist – in Abhängigkeit von dem Beschluss zu § 34(4) – entweder im Anschluss zu § 34(2.2) oder (entsprechend abgewandelt) am Ende von § 34 anzuführen.

[Dieser Einwand ist ebenso berechtigt wie die vorgeschlagene Toleranzregel. Allerdings ist die Begründung zurückzuweisen: Nicht wegen Abgrenzungsschwierigkeiten im Sinn der angenommenen Kriterien ist Fakultativität der Zusammenschreibung anzusetzen, sondern weil die Schreibwirklichkeit entsprechend variabel ist. Dies und nur dies darf Richtschnur einer orthographischen Empfehlung sein. Der Sinn der Orthographienorm besteht darin, Ratsuchende über die in hochwertigen Texten übliche Schreibweise zu informieren.]

b) Die Regelung in § 34(2.1) erzeugt eine große Anzahl von Variantenschreibungen und führt in Verbund mit den anderen Bestimmungen zu einer lexikografisch unbefriedigenden Darstellungspraxis, vgl.:
blind blindfliegen (§ 34(2.2)), blindmachen/blind machen (§ 34(2.1)), blindschreiben (§ 34(2.2)), blind verstehen (§ 34(2.3)), blind vertrauen (§ 34(2.3)).
Ähnlich verhält es sich mit den in § 34E1 genannten Proben. Die Anführung der beiden Proben erzwingt – wie bereits das modifizierte Regelwerk 2004 – die Aufnahme auch jeweils der Wortgruppe in den Artikel, vgl.: dabei dabeisitzen, aber dabei sitzen

[Die Beispiele unter § 34 (2.3) sind in der Tat irritierend unterschiedlich, wie ich selbst bereits kritisiert habe. Diese und andere Schwierigkeiten würden verschwinden, wenn der Rat sich darauf beschränkte, den tatsächlichen Schreibbrauch empirisch zu ermitteln, statt Normen von irgendwelchen theoretischen Annahmen abzuleiten. Daran sind schon viele gescheitert – warum sollte es heute einer Arbeitsgruppe in wenigen Stunden gelingen?

Entgegen den Vorstellungen der aufgelösten Zwischenstaatlichen Kommission und insbesondere ihres Geschäftsführers, die leider in der vorgeschlagenen Revision ihre Fortsetzung finden, geht es bei näher kommen und freundlich grüßen überhaupt nicht um „Verbindungen“ – wie es in schlechter Kontinuität auch diesmal wieder heißt –, die in irgendeiner sinnvollen Weise vergleichbar wären. Leider kann sich auch die Beschlußvorlage nicht dazu aufraffen, hier deutlich zu sagen, worum es grammatisch geht. Ursache mag sein, daß immer noch keine Bezugsgrammatik erarbeitet ist, die mit dem Phänomen der Verbzusätze im umfassenden Sinn zurande kommt. Solange das so ist, orientiert man sich zweckmäßigerweise am Usus. (Dazu würde übrigens auch gehören, eine seit Jahrhunderten übliche Schreibweise wie leid tun nicht deshalb ausrotten zu wollen, weil sie sich „keiner grammatischen Analyse fügt“!)]


c) Die Erläuterung E5 zu § 34(2.1) ist in der jetzigen Formulierung unbefriedigend, da sie die Wörterbuchverlage dazu zwingen würde, jeweils auch die Getrenntschreibung anzuführen – bei , und ist jedoch allein die Zusammenschreibung üblich. Die Wörterbuchverlage setzen sich daher für die Streichung von „normalerweise“ ein; E5 lautet dann:
E5: Bei den reihenbildenden Bestandteilen fest-, tot- und voll- wird zusammengeschrieben, zum Beispiel:
festbinden, -drehen, -nageln …, totschlagen, -stechen, -treten …, vollgießen, -stopfen, -tanken …

[Die Behauptung, bei diesen Objektsprädikativen (darum handelt es sich) sei „allein die Zusammenschreibung üblich“, ist schlicht falsch. Zum Beispiel wird den Mund (zu) voll nehmen meistens getrennt geschrieben: Die Musterknaben haben das Maul zu voll genommen (SZ 18.1.1996). Zwischen halbtot schlagen, halb tot schlagen und halb totschlagen bestehen feine Unterschiede, alle drei Schreibweisen sind berechtigt.]

d) Die Regelungsalternativen in § 34(4) sind höchst problematisch, da das Kriterium der übertragenen Bedeutung oftmals nicht greift. Unklar ist z.B. die Schreibung von (auf dem Sofa) kleben?bleiben, (etw.) bleiben?lassen, (etw.) bewenden?lassen. Andererseits ist in Einzelfällen – trotz übertragener Bedeutung – Zusammenschreibung nicht vorgesehen, vgl. (etw.) kommen sehen. Die Wörterbuchverlage sprechen sich infolgedessen dafür aus, von der ohne Ausnahme funktionierenden Regel Verb + Verb = Getrenntschreibung nicht abzugehen.

[Der Einwand trifft zwar zu, aber die radikale Lösung im Sinne der überholten Reform von 1996 entfernt sich weit vom Schreibbrauch und versucht auch gar nicht erst, sich darauf einen Reim zu machen. Warum werden wohl gerade die Positionsverben seit langem und immer konsequenter mit bleiben und lassen zusammengeschrieben? In der revidierten Fassung vom November 2004 findet man bereits kennengelernt und sitzengeblieben – die Rückkehr zur landesüblichen Zusammenschreibung war also bereits angebahnt. Hier gegen eine unwiderstehliche Tendenz der Sprachgemeinschaft anzukämpfen und mit Schaederscher Unempfindlichkeit den gordischen Knoten durchzuhauen wird in der Sprachgemeinschaft auf wenig Beifall stoßen. Es kann doch nicht die Folge einer von den Wörterbuchverlagen vorgenommenen Untersuchung zu den Auswirkungen der Regeln sein, daß ganz erhebliche Teile der üblichen deutschen Schreibweise aus dem Verkehr gezogen werden.]

Anhang 2: Klarstellungen
Klarstellungen betreffen die Paragrafen 34(2.2) und 34(2.3). Sie haben sich bei der Überprüfung als unabdingbar herausgestellt, da ansonsten bestimmte Fallgruppen nicht geregelt sind. Darüber hinaus werden die Formulierungen der Paragrafen 33E, 34(1.2) und 37E3 und E4 an die Befundlage angepasst. Die gegenüber der Beschlussvorlage geänderten Stellen sind grau unterlegt.
§ 33 E In manchen Fällen stehen Zusammensetzung und Wortgruppe nebeneinander, zum Beispiel: danksagen/Dank sagen (er sagt Dank), gewährleisten/ Gewähr leisten (sie leistet Gewähr), staubsaugen/Staub saugen (er saugt Staub); brustschwimmen/Brust schwimmen (er schwimmt Brust), delfinschwimmen/ Delfin schwimmen (sie schwimmt Delfin), marathonlaufen/Marathon laufen (sie läuft Marathon); staubsaugen/Staub saugen (er saugt Staub).

§ 34E1 E1: Zur Unterscheidung von Verbpartikel und selbstständigem Adverb: Bei Zusammensetzungen liegt der Hauptakzent normalerweise auf der Verbpartikel (vgl. wiedersehen, zusammensitzen), während bei Wortgruppen das selbstständige Adverb auch unbetont sein kann (vgl. wieder sehen, zusammen sitzen). Wenn das Betonungskriterium nicht zu einem eindeutigen Ergebnis führt, hilft in vielen manchen Fällen eine der folgenden Proben weiter: (1) Das Adverb kann im Aussagesatz vor dem finiten Verb an erster Stelle stehen, die Verbpartikel hingegen nicht, vgl.: Dabei wollte sie nicht immer sitzen, sondern auch ab und zu mal stehen (Adverb dabei), aber Dabeisitzen wollte sie nicht immer (Verbpartikel dabei-). (2) Zwischen Adverb und Infinitiv können ein oder mehrere Satzglieder eingeschoben werden, zwischen Verbpartikel und verbalem Bestandteil hingegen nicht, vgl.: Sie wollte dabei nicht immer sitzen, sondern auch ab und zu mal stehen (Adverb dabei), aber Sie wollte nicht immer dabeisitzen (Verbpartikel dabei-).

§ 34(2.2) Es wird zusammengeschrieben, wenn der adjektivische Bestandteil zusammen mit dem verbalen Bestandteil eine neue, idiomatisierte Gesamtbedeutung bildet, die nicht auf der Basis der Bedeutungen der einzelnen Teile bestimmt werden kann, zum Beispiel:krankschreiben, freisprechen, (sich) kranklachen, vollquatschen; besserstellen (= jmds. finanzielle Situation verbessern), festnageln (= festlegen), heimlichtun (= etw. verbergen wollen), kaltstellen (= (politisch) ausschalten), fertigmachen (= massiv zusetzen), übrigbleiben (= keine andere Wahl haben), heiligsprechen, verlorengehen

[All dies ist weit von der Sprachwirklichkeit entfernt, wiederum scheint nur das Wörterverzeichnis der eigenen lexikographischen Produkte zugrunde gelegt worden zu sein. Es liegt auf der Hand und läßt sich jederzeit nachweisen, daß z. B. übrig+bleiben in jeder Bedeutung sowohl getrennt als auch zusammengeschrieben wird. Auch krank+schreiben wird teils getrennt, teils zusammengeschrieben.
besserstellen ist nicht unbedingt auf die finanzielle Situation bezogen – und warum soll gerade hier die Gesamtbedeutung nicht aus den Bestandteilen ableitbar sein (falls dies überhaupt irgendwo bei der Lexembildung der Fall sein sollte)?]


§ 34(2.3) In den anderen Fällen wird getrennt geschrieben. Dazu zählen insbesondere Verbindungen mit morphologisch komplexen, erweiterten oder gesteigerten Adjektiven, zum Beispiel:bewusstlos schlagen, ultramarinblau streichen, ganz nahe kommen, näher kommen, bereit erklären, klein beigeben, herzlich danken, kritisch denken, freundlich grüßen

[Natürlich ist bei bereiterklären auch die Zusammenschreibung längst üblich. Was soll mit dem Beispiel klein beigeben eigentlich verhindert werden? Daß jemand schreibt kleinbeizugeben oder weil er kleinbeigab? Das Beispiel gehört eher in die Rubrik freundlich grüßen; d. h. es ist eigentlich überflüssig.]

§ 37E3 E3: Dieser Regel folgen auch lexikalisierte, ursprünglich aus dem Englischen stammende bzw. aus englischen Einheiten gebildete Komposita: Bandleader, Cheerleader, Chewinggum, Mountainbike, Bluejeans, Hardware, Swimmingpool. Zu den verschiedenen Fällen von Bindestrichschreibung vgl. § 45.

§ 37E4 E4: Aus dem Englischen stammende Bildungen aus Adjektiv + Substantiv können zusammengeschrieben werden, wenn sie den Hauptakzent auf dem ersten Bestandteil nur einen Hauptakzent tragen, also Hotdog oder Hot Dog, Softdrink oder Soft Drink, aber nur High Society, New Age Electronic Banking oder Joint Venture. Zu den verschiedenen Fällen von Bindestrichschreibung vgl. § 45.

[Der Zusammenhang von Betonung und Schreibung ist nicht so klar. Zum Beispiel wird im neuesten Duden-Fremdwörterbuch für Jointventure/Joint Venture unabhängig von der Schreibweise nur Hauptakzent auf dem zweiten Teil angesetzt. Hier liegen viele Probleme verborgen, die nicht in aller Eile gelöst werden können. Die Fremdwortschreibung soll ja auch Gegenstand künftiger Beratungen sein.]



Nachbemerkung 2006: Nachdem ich mich über die unzulässige Beteiligung "unserer" Geschäftsführerin an den Geschäften der Wörterbuchverlage beschwert hatte, rief der Vorsitzende mich an und bat mich, mit der angeblich unerfahrenen Geschäftsführerin nachsichtig zu sein und weiter mitzumachen.



Diesen Beitrag drucken.

Kommentare zu »Die Macher«
Kommentar schreiben | neueste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 12.03.2006 um 12.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3318

Nägel mit Köpfen

Es ist von bestechender Konsequenz, wenn nun die Wörterbuchverlage im wahrsten Sinne des Wortes auf eigene Rechnung an der reformierten Rechtschreibung weiterarbeiten. Schließlich ist für den Anwender und Ratsuchenden Orthographie das, was er im Wörterbuch findet. Ganz klar ist auch, was die Profis vom Rechtschreibrat halten: nichts. Nachdem die KMK den Rat nur eingesetzt hatte, um ihn alsbald wieder zu entmachten, sehen die wirtschaftlich orientierten Kreise nun zu Recht keinen Grund mehr, auch nur den Schein zu wahren. Sie machen einfach business as usual gemäß ihrer Interessenlage. Das hat etwas von Offenheit und Ehrlichkeit. Zu einem Machtkampf wird es gar nicht erst kommen, werden doch die politisch Verantwortlichen allem, was die Wörterbuchmacher ausbrüten, stillschweigend ihren Segen erteilen – Rat hin oder her. Sogar das Gütesiegel "amtlich" wird weiter verwendbar bleiben. Die Geschäftsführerin aber stellt das missing link dar.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.03.2006 um 15.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3320

Es muß aber eine Instanz über den Wörterbuchverlagen geben, welche die Wörterbücher qualitätprüft. Die Stiftung Warentest hatte es mal versucht, aber die bräuchte eine wirklich unabhängige wissenschaftliche Beratung. Ich würde Prof. Ickler und Prof. Munske und die FDS vorschlagen.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 12.03.2006 um 15.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3321

Daraus wird nichts, obwohl das auch Im Sinne Prof. Icklers wäre: Prüfung und Zulassung der Wörterbücher (für den Schulgebrauch wohlgemerkt!) durch eine unabhängige Stelle. Eher schaffen sich die Verlage eine eigene Prüfinstanz, so nach dem Muster "Freiwillige Selbstkontrolle". - Spannend wird es übrigens wieder, wenn die jetzt so traulich vereinten DUDEN und Bertelsmann wieder als Konkurrenten in Erscheinung treten werden. Oder gibt´s bis dahin nur noch einen?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.03.2006 um 16.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3322

Eine Prüfung und Zulassung für den Schulgebrauch ist immer politischen Einflußnahmen ausgesetzt. Nein, es müßte eine Qualitätsprüfung für den allgemeinen Markt sein. Wenn ein Wörterbuch für den "Normalverbraucher" für gut beurteilt wird, können sich diesem Urteil die Schulbehörden nicht so einfach in den Weg stellen. Eine Qualitätsprüfung für den "Normalschreiber" außerhalb der schulischen Zwänge ist sogar noch wichtiger, auch wenn sie den Verlagen nicht paßt. Für Waschmaschinen usw. genügt ja auch keine "Freiwillige Selbstkontrolle", um Mängel aufzudecken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.03.2006 um 16.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3323

In England geht es auch ohne staatliche Prüfung, warum nicht auch bei uns? Ich habe zwar eine Schulbuchzulassung für Wörterbücher vorgeschlagen, aber ich meine es natürlich nicht ernst, sondern will bloß dem Staate geben, was ihm hierzulande nach verbreiteter Auffassung zusteht. Wörterbücher, die nicht die üblichen Schreibweisen dokumentieren, erledigen sich selbst.
Übrigens funktioniert die Schulbuchzulassung weitgehend nach dem Grundsatz: Läßt du mein Buch zu, lasse ich dein Buch zu. Die Gutachter sind meist Lehrer, die sich durch den Unterricht nicht ausgelastet fühlen und daher selbst Schulbücher machen. (Ausnahmen seien um Nachsicht ersucht.)
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 13.03.2006 um 10.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3324

Daß sich Wörterbücher, die nicht dem allgmeinen Sprachgebrauch entsprechen, von selbst erledigen, mag in "normalen" Zeiten und langfristig gesehen zutreffen. Seitdem aber die deutsche Orthographie dogmatisch geworden ist, sollte eine neutrale Instanz darüber wachen, daß die herrschende Lehre rein und unverfälscht wiedergegeben wird. Die Selbstbescheinigung der Verlage ist zwar ein bequemer Notausgang für die Kultusbehörden, aber auf die Dauer muß da doch eine Aufsicht her. (Wie heißt diese Stelle noch bei der katholischen Kirche?) - Ich habe den Eindruck, daß ich den DUDEN Newsletter in immer kürzeren Abständen erhalte. Auch ist die Sprachberatung nunmehr länger geöffnet. Also: Falls jemanden zwischen acht und achtzehn Uhr der orthographische Schlag oder Infarkt ereilen sollte - ihm kann schnellstens geholfen werden. Es geht um Minuten!! Und in der übrigen Zeit: einfach einen kühlen, feuchten Lappen auf die Druckseite legen und einen Schnaps trinken.
 
 

Kommentar von Ballistol, verfaßt am 13.03.2006 um 10.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3326

Zur Duden-Wahrig-Konkurrenz ist vielleicht ganz interessant zu wissen, welche Rolle der Brockhaus-Wahrig (6 Bde, frühe 80er Jahre) spielte. Der enthielt überwiegend Einträge, die ohne Quellenangabe aus dem Duden-Zehnbänder abgeschrieben waren. Dafür erntete er nicht geringe Kritik. Heute sind Duden und Brockhaus traulich vereint, aber ohne Wahrig. Duden, Brockhaus und BI gehören zusammen unter starker Beteiligung von Langenscheidt. Nun wäre es natürlich der Knaller schlechthin, eine Verbindung zwischen Bertelsmann (Random House) und Langenscheidt zu finden.
 
 

Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 13.03.2006 um 10.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3327

--> Kratzbaum

Eine sprachliche Glaubenskongregation halte ich für grundverkehrt. Wir haben derzeit soetwas — in Mannheim.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.03.2006 um 11.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3328

Der letzte und einzige Rechtschreibwörterbuchtest der Stiftung Warentest stammt vom Oktober 1999. Seit meinem Sohn im Jahre 2000 vom Buchhändler das Bertelsmannwörterbuch emfohlen wurde, das später als besonders fehlerhaft beurteilt wurde, halte ich nichts mehr von der Kundenberatung durch die Buchhändler. Die sind dazu nicht in der Lage oder anderen Interessen verpflichtet. Der normale Schreiber wünscht sich eine neutrale wissenschaftliche Empfehlung.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 13.03.2006 um 11.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3329

Lieber Herr Glück, ganz ernst gemeint war´s nicht - Übrigens: Neulich sah ich im Wartezimmer eines Zahnarztes ein Zahnspangenkind, das die drei f in Schifffahrt nicht nur hatte still lesen, sondern auch aussprechen wollen. Da gab´s dann was zu richten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2006 um 15.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3332

Noch eine wahre Geschichte: Ein junge Lehrerin schreibt "Dolchstoßlegende" an die Tafel. Dann sagt sie "Oh!", wischt das ß weg und schreibt "Dolchstosslegende". Murmeln und Gelächter im Klassenzimmer. Die Lehrerin dreht sich um, betrachtet ihr Werk noch einmal und stellt "Dolchstoßlegende" wieder her, mit rotem Kopf. So etwas spielt sich nun tausendmal am Tag in deutschen Schulen ab. War das nötig?

In amtlichen Texten sieht es auch nicht besser aus. Die Tourismuswerbung weiß nicht, ob sie für ein "Schloss" den "Einlaß" oder umgekehrt ankündigen soll. Das wird sich nie ändern. Die s-Schreibung ist Expertensache geworden.
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 13.03.2006 um 16.28 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3333

"Die s-Schreibung ist Expertensache geworden." Zufällig entdeckte ich in der 2004 erschienenen Dissertation von Swetlana Beloschnitschenko, Deutschsprachige Pilger- und Reiseberichte des 15. und 16. Jahrhunderts, S. 79 die Trennung "verfas-ste". Was sich sonst in dieser Arbeit tummelt, weiß ich nicht.
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 13.03.2006 um 17.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3334

Trennung "verfas-ste":

Trennungen dieses Musters findet man immer häufiger, zum Beispiel auch in der fehlerhaften Serie "Herder spektrum".

Beispiel für eine Trennung von einer Seite zur anderen:

"Vertrauen - wie auch das Mis-
strauen - wird in Familien weitergegeben ..."

("Trotz allem ich" von Verena Kast aus dem Jahr 2003, Seite 43 auf 44)

Früher wäre man empört gewesen. Heute ist man nur angewidert. Gefühlsmäßig setzt sich bei mir eine Abwehr gegen solche Bücher fest - ich meine gegen Bücher aus Verlagen, die so etwas unters Volk bringen.
 
 

Kommentar von Bardioc, verfaßt am 13.03.2006 um 17.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3335

Naja, irgendwie kommt da das ''Trenne nie st, ...'' wieder!
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.03.2006 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3336

Man würde eigentlich eher Misst|rauen erwarten.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.03.2006 um 18.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3337

Solche Fehler widerlegen die Behauptung der Reformer, die mißratene Reform hätte wenigstens das Sprachbewußtsein gefördert. Gefördert wurde jedoch die allgemeine Verunsicherung.
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 13.03.2006 um 19.26 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3338

Wenn wir schon bei der Schule sind, dann noch ein Schmankerl, das sich im aktuellen Rundschreiben eines Kölner Gymnasiums findet. Darin werden die Eltern um einen Unkostenbeitrag für irgendwelche "Aufwändungen" gebeten.
 
 

Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 13.03.2006 um 20.05 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3339

Auch nicht schlecht ...
ist der Hinweis von Selgros (Metro-Gruppe) zu den Geschäftszeiten:
„E i n l a s s s c h l u ß: 20 Uhr“
 
 

Kommentar von hainbuchenstab, verfaßt am 14.03.2006 um 08.39 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3345

Vor dem Bahnhof in Fulda gibt es einen Grill-Imbiß. Er wirbt mit fünf großen Schildern. Auf den drei älteren steht: "Bahnhofs-Grill" - auf den beiden neueren dagegen: "Bahnhof's Grill"!

Hier sollten wir uns hüten, überlegen den Kopf zu schütteln. Diese Leute machen sich über die Lachnummer RSR lustig!!!
 
 

Kommentar von hainbuchenstab, verfaßt am 14.03.2006 um 08.41 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#3346

Schlecht zu lesen. Nochmal: "Bahnhof ' s Grill".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2011 um 06.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#19180

Dudenredakteur Ralf Osterwinter scheint nun auch eine Dissertation abgeschlossen zu haben: "Die Rechtschreibreform (1996/1998) in Pressetexten: Eine kritische Analyse der Agentur-Orthographie und ihrer Umsetzung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung." Heidelberg:Winter 2011

Ich werde sie nicht lesen. Kritik der Agenturschreibung machen wir selber, außerdem ist der Gegenstand überholt, die Arbeit kommt mehr als zehn Jahre zu spät.

Osterwinter ist anscheinend nicht ausgelastet, er macht auch Rechtschreib-Seminare, knapp 300 Euro pro Person für drei Stunden: www.business-wissen.de.

Außerdem wirkt er an Abiturvorbereitung für betuchte Gymnasiasten mit:
Euroforum-Schülerakademie „Leistungsstark und lerneffizient zum Abitur!“ – vier Tage für rund 4000 Euro.

Da sind sogar noch Plätze frei.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.08.2011 um 14.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#19183

Es sind zwei Verlagsmitteilungen zu Osterwinters Dissertation verfügbar. Einmal die knappen Mitteilungen im Katalog der "Neuerscheinungen Frühjahr 2011" (auf dieser Seite "Osterwinter" als Suchbegriff eingeben) und einmal die folgende, etwas ausführlichere Verlagsmeldung (siehe hier):

Angaben aus der Verlagsmeldung

Die Rechtschreibreform (1996/1998) in Pressetexten : Eine kritische Analyse der Agentur-Orthographie und ihrer Umsetzung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung / von Ralf Osterwinter

Seit August 1999 stellen die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen ihr Textangebot in reformierter Rechtschreibung zur Verfügung. Zu den Presseorganen, die der Umstellung seinerzeit nur widerstrebend gefolgt waren, gehörte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Nur ein Jahr später kehrte das renommierte Blatt zur abgelösten Dudennorm zurück, mit der Begründung, dass durch die Neuregelung die Einheitlichkeit der deutschen Schriftsprache zerstört und wesentliche schriftsprachliche Differenzierungsmittel beseitigt worden seien. Die Studie analysiert aus linguistischer Sicht die Fundiertheit und Adäquatheit der Presse-Hausschreibung, die unter Federführung der dpa erarbeitet worden ist. Dabei gilt das besondere Augenmerk zum einen den Festlegungen, die zum Umgang mit der reforminduziert vermehrten graphematischen Variabilität getroffen worden sind, zum anderen den Fallgruppen, die explizit entgegen der schulamtlichen Norm reguliert worden sind. Der anschließende empirische Teil untersucht auf der Basis eines repräsentativen Auswahlkorpus die exakt einjährige Periode der Umsetzung dieser Agenturorthographie durch die FAZ-Redaktion, gibt Aufschluss über den Praktikabilitätsgrad der dpa-Hausschreibung und klärt die Frage, ob die öffentlichkeitswirksame Rückumstellung durch die Erfahrungen der Anwendungsphase hinreichend plausibel und legitim erscheint.

Ohne nun das Buch gelesen zu haben wage ich eine Zusammenfassung der These Osterwinters:

Die Begründung der FAZ, durch die Neuregelung der Rechtschreibung werde die Einheitlichkeit der deutschen Schriftsprache zerstört und wesentliche schriftsprachliche Differenzierungsmittel beseitigt, war hauptsächlich eine öffentlichkeitswirksame Werbestrategie. Denn die "exakt einjährige Periode der Umsetzung" war als Erfahrungszeit viel zu kurz, um genügend Erfahrungen in der Anwendung der reformierten Rechtschreibung zu sammeln. Zumal die Presse-Hausschreibung, die "unter Federführung der dpa erarbeitet worden ist", aus linguistischer Sicht nur als fundiert und adäquat zu bezeichnen ist. Zudem hat diese dpa-Hausschreibung einen hohen "Praktikabilitätsgrad", der aufgrund der geringen Erfahrungen mit ihr nachgerade die "öffentlichkeitswirksame Rückumstellung" der FAZ als nicht hinreichend plausibel und legitim erscheinen läßt.

Zusammen mit der zielgerichteten Auswertung des "repräsentativen Auswahlkorpus" kommt man auf 424 Seiten, für die man gewiß keine 56 Euro ausgeben muß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2011 um 15.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#19184

So wird es wohl sein, vielen Dank, Herr Höher!

Das Ganze ist Arbeitsbeschaffung für Nachwuchsgermanisten. Weder bei der dpa noch bei der FAZ gab und gibt es Fachleute, die hinreichend viel von Rechtschreibung verstehen. (Oder sie haben nichts mehr zu sagen, wie Kurt Reumann.) Natürlich sind die Begründungen hier wie dort fadenscheinig, und sie waren auch gar nicht ausschlaggebend, das braucht man doch nicht näher zu untersuchen. Ich war ja am Vorabend der nächsten Rückumstellung, also der Kapitulation der FAZ, bei den Herausgebern und kann sagen, daß die linguistischen Details wirklich keine Rolle spielten, auch nicht die bisherigen Erfahrungen.
Bedenkt man, daß noch zwei Revisionen folgten, kann man Untersuchungen wie die Osterwintersche nur als sinnlos ansehen. Das interessiert mit Recht niemanden mehr, nur die Germanistikseminare usw. werden das Buch anschaffen, weil sie eben alles anschaffen müssen und dank Studiengebühren nun auch können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2011 um 17.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#19185

Weil es schon eine Weile zurückliegt, will ich bei dieser Gelegenheit an meine kleine Dokumentation zur dpa erinnern:

Die Deutsche Presse-Agentur und die Rechtschreibreform
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2012 um 16.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=449#19988

Ich habe Osterwinters Dissertation nun doch gelesen, wenigstens teilweise (ganz wird sie niemand lesen) und habe mir folgendes notiert:

Im Vorwort bedankt sich der Verfasser, der während der Anfertigung dieser Dissertation Duden-Mitarbeiter war, bei seinem Chef Matthias Wermke sowie bei seinem Doktorvater Peter Gallmann. Damit ist die Parteilichkeit zugunsten der Rechtschreibreform bereits angedeutet. In der Zusammenfassung findet man folgende Aussage: „Die Attitüde, dass mit der Orthographiereform 'etwas völlig Überflüssiges durchgesetzt wurde', spiegelt die Verabsolutierung der Interessen hochgebildeter Vielleser bei gleichzeitiger Hintantstellung respektive Geringschätzung der nicht minder legitimen Bedürfnisse von Lernenden und Schreibenden wider.“ (324)
Das ist mit der Behauptung der Überflüssigkeit dieser Reform zwar keineswegs notwendig verbunden, aber Osterwinter offenbart hier sehr deutlich die Froschperspektive, aus der er die Rechtschreibung beurteilt.

Die Frage, wie die FAZ vor zwölf Jahren die damals von den Nachrichtenagenturen vereinbarte Orthographie umsetzte, ist nur von mäßigem Interesse. Die Reform selbst ist dem Verfasser durch die mindestens zwei Revisionen in unvorhersehbarer Weise davongeschwemmt worden, so daß die Themenstellung noch weiter ins allenfalls historisch Interessante entrückt ist und das jetzt vorliegende Werk kaum noch irgendeinen Leser finden dürfte.

Der Verfasser redet oft von zulässigen und unzulässigen Schreibweisen, ohne hinzuzufügen, daß dies nur im Hinblick auf die Schule Sinn hat. Die Agenturen und einzelne Zeitungen können ja schreiben, wie sie es für richtig halten.
Osterwinter geht nicht auf die Hintergründe bei den Agenturen ein. Er erwähnt zwar Albrecht Nürnberger, scheint aber nicht bemerkt zu haben, daß die scheinbare Zwangslage der Zeitungen angesichts der Agenturvorgaben etwas Paradoxes hatte, weil die federführende Deutsche Presse-Agentur ja den Zeitungsverlegern gehört. Wie ich gezeigt habe, berief sich die eine Seite auf die Vorgaben der anderen und umgekehrt. Die Modalitäten der Reformdurchsetzung gehen aus meinen Büchern klarer hervor als aus dieser Spezialuntersuchung.

Osterwinter erwähnt mich an mehreren Stellen, teilweise mit dem üblichen Zusatz, ich argumentierte „polemisch“ – was zutrifft und, da ich die Reform von Anfang an bekämpfte und mich aus keinem anderen Grund damit beschäftigte, auch nicht weiter verwunderlich sein sollte. Immerhin erkennt er stellenweise die sachliche Berechtigung meiner Einwände an, gibt ihnen allerdings nur zögernd nach. Man vergleiche seine Bemerkungen über „Recht haben“, wo ich seiner Ansicht nach mit Recht syntaktische Bedenken habe, die er aber offenbar für nicht so wichtig hält. An zahlreichen Stellen zitiert er meine Ergebnisse und übernimmt sie einfach, natürlich ohne ausdrückliches Lob, das weder im Hause Duden noch bei Gallmann auf große Begeisterung stoßen würde. (Schon gar nicht bei Sitta, über den auch kein kritisches Wort fällt.)
Ich hatte in meinem Büchlein „Falsch ist richtig“ geschrieben: „Ohne die Bereitschaft der Presse, die Rechtschreibreform umzusetzen, wäre das ganze Unternehmen zweifellos gescheitert, denn es ist nicht denkbar, in den Schulen eine veränderte Rechtschreibung zu unterrichten, wenn die wichtigste Textsorte des Alltags sich dauerhaft dagegen sperrt.“ Hierzu glaubt Osterwinter in einer Fußnote anmerken zu müssen: „Presse- bzw. Zeitungstexte lassen sich ob ihrer Vielfalt (Berichte, Kommentar, Reportagen, Interviews ...) gewiss nicht pauschal unter einer Textsorte subsumieren.“ (24) – Nun, das weiß ich auch und habe mehrmals darüber veröffentlicht, z. B. in Kap. 5 meines Buches „Die Disziplinierung der Sprache“. Aber in einem populären Sachbuch war ich nicht gehalten, einen definierten Textsortenbegriff anzuwenden.

Insgesamt kommt Osterwinter zu dem gleichen Ergebnis wie ich, daß die Agenturschreibung ohne hinreichende Fachkenntnis ausgearbeitet worden sei. Die „Verstöße“ der FAZ gegen die Reformschreibung halten sich in engen Grenzen (325). Auf die zwar geringfügige, aber doch deutlich wahrnehmbare Verschlechterung der Qualität aller umgestellten Zeitungen, auch der FAZ, geht er nicht ein. Daß auch objektiv schlechte und sogar grammatisch falsche Schreibungen „verständlich“ bleiben, hatten wir nie bezweifelt: „Verständnisprobleme für Lesende treten durch die neuen syntaktischen Fügungen bzw. Binnengroßschreibungen so gut wie nicht auf, da der jeweilige syntaktische Kontext für hinreichende Eindeutigkeit sorgt.“ (327) Wie gesagt: Froschperspektive.

Am Ende des Buches gibt es zwar Wörterlisten, aber ohne die Angabe der Stellen, an denen die fraglichen Schreibweisen behandelt sind.
 
 

nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail:
(Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz: refresh Image CAPTCHA Image
  Bitte tragen Sie die Zeichenfolge in das Feld rechts ein. Falls Sie Schwierigkeiten haben, sie zu erkennen, können Sie sich mit einem Klick auf die grünen Pfeile eine andere Zeichenfolge vorgeben lassen.
  TESTBETRIEB; das funktioniert noch nicht! Bitte wählen Sie zur Kommentareingabe wieder die neuesten Kommentare zuoberst aus.


Zurück zur vorherigen Seite | zur Tagebuchübersicht


© 2004–2018: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM