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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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13.01.2009
 

Großbuchstaben statt Definitionen
Bemerkungen zu Peter von Polenz

Peter von Polenz, ein Kritiker der Rechtschreibreform, hat seine "Deutsche Satzsemantik" bei de Gruyter noch einmal nachdrucken lassen, nur das Vorwort ist in Reformschreibung.
Ich hatte mir vor etwa 20 Jahren einige Notizen zu dem Buch gemacht, die vielleicht einige Leser interessieren, weil sie eine Schwäche der neueren Sprachwissenschaft deutlich machen:

Deutsche Satzsemantik. Berlin, New York 1985.

Eine große Rolle spielt bei P. der Begriff der "Komprimierung" von Texten, worunter er so etwas wie einen großen Wert der Proportion "Inhalt"/"Ausdruck" versteht. Die heutige deutsche Sprache wird mehrfach durch ihre Neigung zu komprimiertem Ausdruck gekennzeichnet und diese Neigung als Charakteristikum moderner Lebensgestaltung dargestellt; teilweise schließen sich sprachkritische Bemerkungen an. – Was jedoch Komprimierung eigentlich sei, bleibt so unklar wie der Begriff "Inhalt". P. lehnt zu Beginn das naive Tennisball- oder Transportmodell für den "Inhalt" von Sprache ab, behält aber die ziemlich fragwürdige Saussuresche Metapher von Ausdrucks- und Inhaltsseite bei. Stellenweise scheint es, als verstehe er unter einem komprimierten Inhalt ein hohes Maß an Mitzuverstehendem oder vom Hörer zu Erschließendem. (Es gibt viele verschiedene Inhalts-Begriffe: Was der Sprecher meint, was der Hörer versteht, was die Worte bedeuten, worauf sich die Worte beziehen, unter welchen Umständen ein Satz gebraucht wird/vorkommt, welche Wirkung er beim Empfänger hat usw. – Von allem scheint bei P. gelegentlich etwas anzuklingen, auch wenn die Begrifflichkeiten unvereinbar sind.)

Auch in der "Zusammenfassung" am Schluß des Buches wird die ganze Unklarheit des Inhalts-Begriffs noch einmal deutlich:

"Die grammatikalischen Satzstrukturen sind nicht immer verläßliche Widerspiegelungen des Satzinhalts; zwischen Inhalt und Ausdruck besteht weitgehende Inkongruenz." (342)

Aber wie kann man Inhalt und Ausdruck überhaupt vergleichen? Versucht man, Inhalt als Verwendungsbedingungen zu verstehen – was doch immerhin möglich erscheint –, so wird ein solcher Vergleich vollends sinnlos. Als Verwendungs- oder Vorkommensbedingung gefaßt, ist der Inhalt natürlich niemals in der Äußerung selbst genannt, deren Verwendungsbedingung er ist.

Nähme P. seine eigene Auffassung von der Substantiv-Valenz ernst, müßte er den relationalen Charakter des Inhalts-Begriffs (also die Zweiwertigkeit des Substantivs Inhalt) anerkennen und irgendwie erklären, was es heißen soll, daß Inhaltsteile nicht ausgedrückt werden (ebd.), d.h. daß eine Äußerung einen Inhalt haben kann, dem kein Ausdruck entspricht: Wovon ist er dann eigentlich der Inhalt? Das ist auch mit dem Modell von Inhalts- und Ausdrucksseite nicht klarzumachen, ja es widerspricht Saussures These von der Untrennbarkeit der beiden Seiten (wie bei einem Blatt Papier) geradewegs. (Saussure selbst scheint dieses Bild allerdings gar nicht benutzt zu haben.)

Wenn es heißt:

"Zu Satzinhalten gehören auch verborgene Inhaltsteile, die sprachlich nicht ausgedrückt, aber aus Kontext und Vorwissen mitzuverstehen bzw. zu hinterfragen sind." (244)

– so ist das Transportmodell nicht überwunden, der Koffer mit den Inhalten hat nur gewissermaßen ein Geheimfach hinzubekommen.

Ebenso fragwürdig ist die Rede von "komplexen Inhalten". Als Indiz von Komplexität wird der Aufwand an Worten genommen, die jeweils zu einer Paraphrase nötig sind oder zu sein scheinen. So stecke in dem Suffix -ik (von Satzsemantik) der Inhalt 'Lehre, bzw. System, in der/dem man beschreibt und erklärt, wie...' (Fig. 1, S.27), wobei die Komponenten „Lehre, in, man, beschreibt und erklärt, wie“ als Ausdrücke für Inhaltskomponenten zu verstehen seien. Es wären demnach 5 Inhaltskomponenten in dem kurzen Suffix enthalten, und das wäre ein Beispiel komprimierten Inhalts. Das Problematische scheint mir zu sein, daß die Form der Paraphrase von den Zufälligkeiten der Paraphrase-Sprache (hier also des Deutschen) sowie von der jeweiligen Auffassung des Paraphrasierenden vom bezeichneten Gegenstand selbst abhängt, oder genauer gesagt: davon, was der Paraphrasierende in der Situation des Paraphrasierens für erwähnenswert hält und was von seiner Einschätzung eines imaginierten Rezipienten der Paraphrasenbotschaft mitbestimmt wird. Es ist m.E. nicht so, daß ein gemeinter Gegenstand oder Sachverhalt gleichsam von sich aus einen bestimmten deskriptiven Ausdruck hervorruft. Dennoch verhalten sich viele Linguisten so, als ob gerade dies der Fall wäre, als ob es gewissermaßen natürliche Standardanalysen für beliebige Sachverhalte und folglich unter den vielen möglichen, situationsabhängig sehr unterschiedlichen Versprachlichungen eine ausgezeichnete Paraphrase gäbe. (Der Glaube an Standardanalysen und das praktische, unreflektierte Arbeiten mit solchen ist eine eigene Untersuchung wert. [Von mir inzwischen veröffentlicht.] Auch P.s Buch ist davon durchzogen, besonders hinsichtlich der Kasusrollen-Zuweisung, s.u.)

28: Folgende Formulierungen sind nach P. Ausdrucksvariationen von

"extrem explizit (a) bis extrem komprimiert (e):

a: Ich frage dich hiermit, ob du mit dem, was ich dir vorgeschlagen habe, einverstanden bist.
b: Bist du damit einverstanden?
c. Einverstanden?
d: o.k.?
e: hm?"

Zweifellos werden die Äußerungen immer kürzer, aber in welchem Sinne sollen sie komprimierter werden?

Die Äußerung a enthält ein sogenanntes performatives Verb. Dem Formtyp nach ist sie eine Behauptung; erst in einer zweiten, pragmatischen Interpretation kann sie als Frage gedeutet werden. Zwingend ist das allerdings nicht, auch nicht durch das hinzugefügte hiermit, das, wie alle Deiktika, nicht vollkommen eindeutig auf die Äußerung selbst verweist. Jedenfalls ist die Formulierung a nicht so eindeutig wie die Äußerung b. Der Fragecharakter kommt in b expliziter zum Ausdruck als in a, wo er eher versteckt war. Denn b ist eine Frage, a nennt sie nur. Das Anaphorikon damit ist auch nicht weniger explizit als die entsprechende Umschreibung in a; denn keine der beiden Äußerungen kann ja ohne einen Kontext gedacht werden, innerhalb dessen der Verweis seinen Bezug erhält. "Das, was ich dir vorgeschlagen habe", kann unmittelbar vorangegangen sein, es kann aber auch weiter zurückliegen. Das schlichte damit aus b dürfte den Bezug also sogar eindeutiger herstellen. (Die Äußerung b läßt allenfalls die Möglichkeit offen, daß der Vorschlag nicht vom Sprecher selbst, sondern aus anderer Quelle kam; dies wird aber in c bereits wieder unmöglich, so daß P. mit dieser Deutung, die gewissermaßen quer zur zunehmenden Komprimierung verläuft, gar nicht gerechnet haben dürfte.) Bezöge man den Kontext ein, wie es zweifellos geschehen muß, so dürfte auch die Äußerung c völlig eindeutig sein. Die Äußerungen d und e sind lediglich Synonyma von einverstanden und schon deshalb nicht weniger explizit als dieses.
In keinem Falle wird gezeigt, daß eine der Äußerungen mehr Kontextelemente zu ihrem Verständnis erfordert als die andere. Vielmehr muß in allen Fällen ein Vorschlag als vorerwähnter Bezug vorausgesetzt werden.

Schon dieses kleine Beispiel zeigt also, daß der Begriff des "Expliziten" bzw. "Komprimierten" ziemlich unbedacht verwendet wird.

Vgl. auch an späterer Stelle P.s Ausführungen über eine in Holland zu findende zweisprachige Inschrift für Hotelgäste; die niederländische lautet in wörtlicher Übersetzung:

Wollen Sie bitte, bevor Sie hineingehen, darauf achten, daß Sie keinen Teer an Ihren Schuhen haben.

Die deutsche dagegen:

Wir bitten unsere Gäste auf Teerschuhe zu achten.

Polenz ist so sehr bestrebt, dem deutschen Text "Komprimierung" zuzuschreiben, daß er meint, "der Höflichkeitszusatz 'bitte' ist im Vollzugsverb 'bitten' mitausgedrückt" (231), – obwohl doch gerade dieses performative Verb die explizitere Version und die Partikel bitte nur deren konventionelle Komprimierung ist. – Darüber hinaus wirft der Textvergleich wieder die Frage auf, was unter "Komprimierung" eigentlich zu verstehen sei. Der deutsche Satz enthält einfach weniger, er überläßt dem Leser mehr Interpretationsarbeit. Kann man aber deshalb sagen, das Herauszuinterpretierende sei im Grunde im Satz enthalten, nur eben zusammengestaucht? Sind Andeutungen stets „komprimiert“?

Die allerkürzesten, empraktisch eingebetteten Äußerungen wären dann die semantisch "komprimiertesten", weil sie besonders vieles nicht erwähnen, was zu ihrer Deutung notwendig ist. Aber diese Wissensbestände sind ja u.U. ganz einfach zugänglich und gegeben. Die These, sie seien außerdem noch in der Äußerung verpackt – und wie anders soll man "Komprimierung" verstehen – scheint überflüssig und irreführend.

Der Satz

Niemand darf zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.

wird so explizitiert:

Niemand darf (von jemandem) dazu gezwungen werden, daß er mit der Waffe Kriegsdienst leistet. (232, Indizierungen weggelassen)

Mehr Worte werden gemacht, zweifellos, aber inwiefern ist der längere Ausdruck auch expliziter? P. scheint das Wesentliche darin zu sehen, daß eine versteckte zweite Prädikation ans Licht gezogen wird. Nähme man hinzu, was an früherer Stelle ausgeführt ist, so müßte man noch weiter explizitieren: mit etwas, was eine Waffe ist, zu etwas, was Kriegsdienst ist (oder: zu etwas, was Dienst für etwas ist, was Krieg ist? Und wären diese Abstrakta nicht ebenfalls in Prädikationen aufzulösen?)

Ich meine übrigens, daß die Auflösung von „Spatz“ in „etwas, was ein Spatz ist“ keine Explizitierung kompakter Ausdrucksweise sein kann. Es ist vielmehr der Versuch, für die Zweiheit der Zeichenfunktionen von Referenz und Denotation/Prädikation Ausdrücke bereitzustellen.

Als Komprimierung gelten natürlich auch die Prädikat- und Subjektanhebungen (234f.): Sie hört ihn klavierspielen statt Sie hört, daß er Klavier spielt. (Wobei zu bedenken wäre, daß die beiden Sätze nicht gleichbedeutend sind.)

29: P. interpretiert vergleichend die Zehn Gebote und einen Grundgesetzabschnitt über Grundrechte. Interessant ist zunächst, was er als Inhalt beider Texte angibt:

"Beide Texte schreiben Grundprinzipien gesellschaftlichen Verhaltens vor: Was Menschen tun oder unterlassen sollen bzw. dürfen, um als Mitglieder einer gesellschaftlichen Großgruppe anerkannt zu sein."

P. nimmt hier einen wohl als soziologisch zu verstehenden Standpunkt ein, den die Verfasser der Texte, zumal des ersten, durchaus nicht teilen dürften. Zwar meint Polenz, die Texte aus der "Perspektive laienhafter Textbenutzer (die ja doch wohl die hauptsächlichen Adressaten dieser Texte sind)" zu analysieren, aber selbst aus dieser Sicht scheint die soziologische Auffassung zumindest des Dekalogs abwegig. Denn nach Auffassung der "Textbenutzer" geht es bei den Zehn Geboten um den Willen Gottes und nicht um Anerkennung als Mitglieder einer gesellschaftlichen Großgruppe.

35: "Sehr wesentliche Inhaltsteile stehen also im Text gar nicht drin."

(Absonderliche Auffassung, im Grunde zerstört es die Inhaltsmetapher.)

43: Hier zitiert P. zustimmend Peter Braun, der meint, die heute üblichen kürzeren Sätze enthielten nicht weniger, sondern mehr Information als die expliziteren. Was soll Information, gleichbedeutend mit Inhalt, hier heißen? Es scheint sich einerseits um alles "Gemeinte" und "Mitgemeinte" zu handeln, andererseits um die Verstehensvoraussetzungen. Das ist aber durchaus zweierlei. Man kommt auch von der Enthaltenseins- und Transportmetaphorik nicht los. Wenn der Empfänger einer Nachricht sehr viel wissen muß, um die Nachricht zu verstehen, ist dann die Nachricht reich oder arm an Information/Inhalt? Die Verkürzung der Sätze und die Verwendung von Kurzwörtern scheint einfach auf eine hinsichtlich ihres geteilten Wissens homogenisierte Kommunikationsgemeinschaft hinzudeuten.

52ff.: P. beklagt, daß seit Boethius Logik und Grammatik vermischt seien. Aber in der Antike gab es keine Notwendigkeit, sie auseinanderzuhalten. Was ist überhaupt Logik? Grammatik einer Orthosprache. Man müßte also zuerst die normale und die ideale Sprache trennen; gerade dies war aber nicht der Fall. Eigenartigerweise sieht P. S. 56 den Nutzen der Valenztheorie darin, daß sie eine "konsequente grammatikalische Entsprechung der mehrstelligen Prädikatenlogik" sei (vgl. auch ebd. 61). Folglich kann nicht die Gleichsetzung von Logik und Grammatik der Fehler gewesen sein, sondern es gab in der Logik wie in der Grammatik einen gleichgerichteten Fortschritt von ein- zu mehrstelligen Prädikaten. Das Verhältnis von Logik und Grammatik bleibt insofern ungeklärt.

68f.: Die Inschrift „Sie fahren mit Abstand am besten“ auf einem Autobahn-Schild wird in einer ihrer Lesarten als Mahnung so paraphrasiert: "Wir ermahnen/erinnern Sie daran, daß" usw. – Polenz glaubt also auch hier die Sprechhandlung explizitieren zu können, indem er ihre Benennung in den Satz selbst aufnimmt. Daß dies ein Irrtum ist, wurde bereits gezeigt. Daraus folgt auf der nächsten Seite eine ebenso fehlerhafte Darstellung als Baum-Diagramm. Der Sprechhandlungstyp erscheint als Bestandteil des Satzinhaltes, mit dem er aber in Wirklichkeit gar nichts zu tun hat. Sprechakttypen liegen auf einer "höheren" Ebene als Satzinhalte und sind nicht an das Satzformat zu binden. (Diese kritische Bemerkung gilt vor allem für den ganzen umfangreichen Teil 2.2 über den "Handlungsgehalt", bei dem die Beschränkung auf das Satzformat am wenigsten einzusehen ist.)

Überhaupt ist die Beschränkung auf das Satzformat an vielen Stellen nicht einzusehen. Es scheint so, als stehe Satz oft für "Rede" i.S.v. "parole". Z.B. wird angenommen, daß sich verschlucken "satzsemantisch" ein pseudoreflexives Verb sei, weil mit sich nicht auf den sich Verschluckenden Bezug genommen wird (127). Aber was hat das mit dem Satz zu tun?


Das Buch macht in weitestem Umfang von Versalienschreibungen Gebrauch, wobei stellenweise (z.B. S.99) der Eindruck entsteht, als strömten entsprechende Bezeichnungen, die ja nicht dasselbe bedeuten sollen wie ihre allgemeinsprachlichen Dubletten, deren Bedeutung aber auch nicht definiert wird, in unerschöpflicher Fülle aus einem nirgendwo eingeführten Reservoir (Verzeichnis s. u.). Dabei kennt Polenz die Gefahr:

"Die Gewohnheit der Versalienschreibung ist jedoch noch vorwissenschaftlich, stark intuitiv und ungenau. In wissenschaftlichen Klassifizierungen darf man sich nicht mit der Zuordnung des Sprachmaterials zu ad hoc gebildeten Schlagwörtern begnügen." (205)
Diese Einsicht bleibt aber folgenlos. Und doch hängt an der Versalienschreibung ein großer Teil der semantischen Analysen dieses Buches. - Was soll es denn heißen, wenn einem bestimmten Text von Habermas zugeschrieben wird, er drücke AUTONOMIEBEWUSSTSEIN und MODERNITÄTSANSPRUCH aus? Wenn die so ausgezeichneten Wörter nicht das bedeuten, was sie gemeinsprachlich bedeuten, dann müßte ihre abweichende Bedeutung erklärt werden; andernfalls hätte ebenso gut x und y stehen können, und es wäre deutlicher geworden, daß eben gar nichts erklärt wird. (Aus diesem Grunde ist auch die Diskussion darüber müßig, ob Referenz eine HANDLUNG, ein ZUSTAND, ein VORGANG (gar ein "abstrakter semantischer VORGANG"!) oder eine EIGENSCHAFT von Wörtern ist (S.117); denn solange alle diese Begriffe undefiniert in Versalien auftreten, weiß man nicht, was sie bedeuten. Allerdings nennt P. das Referieren S. 91 ohne Versalien eine "Teilhandlung", sicher der Sache nach verkehrt, was aber immerhin zu erkennen gibt, daß HANDLUNG = Handlung ist.) Übrigens sind viele der Versalienwörter noch bildungssprachlicher und voraussetzungsreicher als das zu Paraphrasierende selbst.

Was Polenz als "Satzinhalte" beschreibt, sind in Wirklichkeit Konstruktionen in einer semantischen Orthosprache, die ihrerseits in lockerem Anschluß an die "Prädikatenlogik" angesetzt, aber sonst nicht gerechtfertigt wird. Es wird einfach so getan, als sei die Problematik einer semantischen (eindeutigen) Orthosprache bereits gelöst – von einer anderen Disziplin –, und das Ergebnis könne durch die Linguistik gebrauchsfertig übernommen werden.

101f.: Wie naiv das Vertrauen auf die Prädikatenlogik ist, zeigt sich, wenn P. den Satz Gott redete alle diese Worte so analysiert, als sei reden ein Prädikat mit zwei Argumentstellen. Damit ist die naive Sicht unserer natürlichen Sprache einfach übernommen, wonach es zwei Entitäten gibt, die als Partner des Verbs auftreten, den Sprecher und seine Worte. Es liegt nahe, dahinter die Produktmetapher des Sprechens zu vermuten, die ja bis zum heutigen Tage viele Linguisten verführt. Ich weise darauf hin, daß Reden auch ganz anders analysiert kann: als ein Verhalten mit bestimmten Eigenschaften, so daß dasjenige, "was" gesagt wird, als "Wie" des Verhaltens erscheint und gewissermaßen adverbial ausgedrückt werden könnte.

"Immer wenn man eine Prädikation/Aussage macht, muß es etwas geben, worüber man das Prädikat aussagt. Dieses Etwas ist aber nicht von vornherein in der außersprachlichen Wirklichkeit gegeben; es muß vom Sprecher/Verfasser im Zusammenhang mit seiner Aussage satzsemantisch konstituiert werden, ist Objekt einer Teilhandlung des Satzinhalts." (116)
– Wieso "satzsemantisch"?
– Was heißt konstituieren?
– Wie kommt es zu dem Ausdruck Teilhandlung des Satzinhalts? – Ist der Satzinhalt selbst auch eine Handlung?

Alles, worauf der Sprecher laut eigener Auffassung "Bezug nimmt", ist für P. "BEZUGS-Objekt", denn das Konstituieren solcher Objekte sei "ein elementares Sprechhandlungsrecht jedes Sprechers" (119). Mit dem Konstituieren ist offenbar das Zeigen ebenso wie das Fingieren gemeint. Bezugsobjekt ist alles, was der Sprecher mit irgendeinem das aufnehmen kann: "Handlungen, Vorgänge, Zustände in Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft, oder ganze Sinnzusammenhänge des vorausgegangenen Kontextes". Es ist also die sprechereigene oder besser, von der Sprache selbst nahegelegte Auffassung von einem "Etwas" als Bezugsobjekt, die hier ohne weiteres zu wissenschaftlicher Anerkennung kommt. Hypostasierung unter Anleitung einer mißdeuteten Grammatik. Genau wie bei der Phänomenologie der "inexistente" Gegenstand des intentionalen Aktes. [Gegen diese naive Zeichentheorie habe ich seither einiges veröffentlicht, vgl. „Wirkliche Zeichen“ in der Fs. Munske.]

Zu den Reflexiva ist noch zu bemerken, daß P. die problematische Meinung teilt, Fritz rasiert sich sei "eine sprachökonomische Pronominalisierung der unüblichen, aber sinnvoll verständlichen Form" Fritz rasiert Fritz (127). (Ich lasse Indizierungen weg, da sie das Problem nur verschieben und außerdem nicht zur Objektsprache gehören, um die es hier geht.) Fritz rasiert Fritz ist m.E. keine mögliche Ausdrucksweise, wenn es sich nicht um verschiedene Personen gleichen Namens handeln soll. Die Interpretation im Sinne der Personenverschiedenheit ist vielmehr zwingend. (Die vermeintlich vereindeutigende Indizierung Fritz1 rasiert Fritz1 verschiebt das Problem insofern nur ein wenig, als dann eben natürlicherweise zwei Personen namens Fritz1 (Fritz-Eins) angenommen würden.)

Bei der Nichtanerkennung des Ergänzungsstatus für das Reflexivum bei unecht reflexiven Verben (im Sinne P.s) wäre noch zu sagen, daß das Reflexivum zwar nicht erfragbar und nicht erststellenfähig ist, aber dennoch die Kasusstelle besetzt, d.h. kein kasusgleiches weiteres Objekt mehr zuläßt.

Das Kapitel über Prädikatsklassen übernimmt eine intuitive und naive Klassifikation der Welt ohne irgendeine Rechtfertigung. Warum sollte z.B. Ich bin der Herr dein Gott (S. 164) eine "Eigenschaft" ausdrücken? Aber solche Fragen sind müßig, da wir statt Definitionen nur Versalienschreibungen (ZUSTAND, EIGENSCHAFT usw.) finden,. also wieder das bekannte, von Anna Wierzbicka kritisierte ignotum per ignotius.

Nicht nachvollziehbar ist die Bestimmung der Kontinuativa als "Bezeichnungen für unbestimmte Mengen, deren Elemente nicht als zählbar, sondern als untrennbar 'zusammenhängend' angesehen werden" (166). Die Beispiele Wolle, Milch usw. lassen nichts von Elementen erkennen, so daß der Begriff der "Menge" hier kaum im logischen Sinne gebraucht sein kann.

Ebenso unverständlich ist mir die Deutung der Kollektiva als "Zusammenfassung einer Menge zu einer Einheit im Singular". Sollte in Geflügel (ebd.) eine Menge Flügel zu einer Einheit zusammengefaßt sein? Hier wird die formale Wortbildungsstruktur ohne Umstände semantisch interpretiert, ohne daß es zu einer wirklichen Bedeutungsanalyse käme. Im übrigen hält sich P. hier an Leisi, auch bei den problematischen Klassen der Partitiva (Rad) und Privativa (Riß).

S. 167 wird Kunst in einer bestimmten Lesart als "EIGENSCHAFT" gedeutet und mit folgendem Beispiel illustriert: Sie beherrscht die Kunst des Ausgleichens. Das führt zu der sonderbaren Folge, daß man eine Eigenschaft "beherrschen" kann. Übrigens scheint mir die Lesart Kunst = TÄTIGKEIT (ebd.) auch nicht unproblematisch.

Der Leuchter diente ihm als Mordwaffe. (168)

– Hier sei der Leuchter das "Instrument". Dem liegt offensichtlich eine Überlegung über den gemeinten Sachverhalt zugrunde, und dabei wird eine naive "Standardanalyse" vorgenommen. Dabei hilft die Bedeutung des Verbs mit. Der Leuchter hat aber die Instrumentfunktion nicht in bezug auf das „Dienen“, sondern, was hier irrelevant ist, in bezug auf den Mord. Noch deutlicher wird der Einfluß der Verbbedeutung bei folgendem Beispiel:

Die Zunahme der Jugendkriminalität kommt von der Zunahme der Arbeitslosigkeit. (Ebd.)

Hier soll das Subjekt den "Inhaltstyp" "Folge eines Vorgangs" ausdrücken.

Nicht nachvollziehbar ist für mich, daß in Laß dich nicht gelüsten das Akkusativobjekt den AGENS eines HANDLUNGS-Verbs repräsentieren soll (173). (Die Quasi-Imperativfähigkeit des Verbs ist kein Kriterium, da unzählige Nichthandlungsverben ebenfalls imperativfähig sind. Andererseits versteht P. z.B. das Verb meinen als Bezeichnung einer "kognitiven bzw. kommunikativen HANDLUNG" (288), obwohl es kaum imperativfähig sein dürfte. Meinen ist nicht einmal ein Verhalten.)

170ff.: Die Liste der Tiefenkasus (die P. mit Recht nicht mehr "Kasus", sondern "Rollen" nennt) stellt nichts Geringeres dar als eine Ontologie, eine Klassifikation der Sachverhaltstypen. Sie wird nicht näher gerechtfertigt. Ihr Charakter ist, wie fast immer bei solchen Versuchen, begrifflich hybride: aus mentalistischen und physikalistischen Kategorien gemischt. Dadurch ist sie sehr sprachnah. Z.B. wird die Rolle ADDITIV auf PARTITIV und POSSESSIV bezogen (von denen sie eigentlich mit einer kausativen oder resultativen Beziehung ableitbar wäre), d.h. sie vereinigt so Verschiedenes wie Teil und Besitz.

174f.: Hier wird wieder einmal der semantische Rahmen von Verben des Gebens behandelt. Er besteht nach P. aus Agens, Contraagens und Additiv. Die DUDEN-Grammatik wird dafür kritisiert, daß sie lediglich einen formalen Rahmen (Subjekt+Prädikat+Dativobjekt +Akkusativobjekt) verzeichne, der nach P. auch noch anderen semantischen Aussagerahmen dient: ich gewöhne ihm etwas ab, ich befehle ihm etwas, ich verleide ihm etwas. Es wird nicht begründet, inwiefern dies andere semantische Rahmen sind. Andererseits sollen bewilligen, spenden, spendieren... zum selben Rahmen gehören wie geben. P. versucht nicht, für alle gleichen Konstruktionen einen gleichen Aussagerahmen zu finden, obwohl m.E. die Ähnlichkeit z.B. von verleiden und bewilligen doch sehr naheliegt. Kurzum, die Zugehörigkeit von Verben zu bestimmten Klassen wird nicht einmal ansatzweise gerechtfertigt.

176: Hier werden auch Wortbildungen als Ausdrucksweisen bestimmter Rollen angeführt, was m.E. in die Schwierigkeit führt, daß die Inkorporation von Objekten in "ornative Verben" teilweise nur noch dem etymologischen Blick zugänglich ist. So bedeutet nach P. trösten offenbar "Trost in jemandes Verfügung bringen" (allerdings enthält er sich in diesen Fällen einer ausdrücklichen Paraphrase), ebenso wären segnen, schützen, berechtigen, begünstigen, beauftragen usw., ja sogar amnestieren aufzulösen.

An diese kaum noch nachvollziehbaren Deutungen schließt sich ein Nachhutgefecht mit Weisgerbers "inhumanem Akkusativ" an. Dabei begeht Polenz, obwohl inzwischen versöhnlicher geworden, den Fehler, Weisgerber unter Hinweis auf Verbkonstruktionen zu kritisieren, die den Menschen im Akkusativ und trotzdem als handlungsfähigen Interaktionspartner und die Handlung selbst als wohltätig in dessen Interesse" darstellen, also z.B. unterstützen, auszeichnen, versorgen, beherbergen usw. (178). Das ist aber kein Einwand, weil Weisgerber gerade hier seine Deutung ansetzen würde und P. überhaupt nicht darauf eingeht, ob in solchen Konstruktionen tatsächlich der Mensch als Partner und nicht als Objekt dargestellt wird. Daß die Verben lexikalisch-semantisch eine Wohltat (oder, um im Konzept zu bleiben: eine Begünstigung) ausdrücken, bezweifelt ja auch Weisgerber nicht. P. konzediert, im Sinne der Sprachkritik müsse man jeweils prüfen, ob "kontextsemantisch" die Rolle CONTRAAGENS oder PATIENS vorliege. Aber nach welchen Kriterien prüft man das? Darüber schweigt Polenz leider, und so steht Weisgerbers Deutung undiskutiert dagegen. S. 178 führt P. ohne Diskussion den Begriff "handlungssemantisch" ein, was die Lage noch unübersichtlicher macht. Das Wort handlungssemantisch verrät immerhin, daß es im Grunde um Ontologisches geht, jedenfalls nicht mehr um Sprachliches. P. vermutet über 100 Aussagerahmen-Typen im Deutschen "oder besser: in unserer heutigen Kommunikationskultur" (180). Wenn diese Bemerkung richtig ist, scheint es fraglich, ob solche Verhältnisse wirklich in einer "umfassenden Inhaltsgrammatik der deutschen Sprache" (ebd.) behandelt werden sollten. Es scheint sich ja um sprachunabhängige Kategorisierungen zu handeln.

Mit der kurz darauf von neuem dargestellten Theorie vom "Subjektschub" (= AGENS-Schwund) in der neueren deutschen Sprache steht Polenz übrigens Weisgerber besonders nahe; die Denkweise ist die gleiche, ebenso das Fehlen eines Bewußtseins von der Beweisbedürftigkeit der vorgelegten Deutung grammatischer Erscheinungen. Die zentrale These lautet ja, daß "Sachverhalte, die in Wirklichkeit keine HANDLUNGEN sind bzw. in deren 1. Bezugsstellen keine intentional/absichtlich handelnden Lebewesen ernsthaft gemeint sind, im sprachlichen Ausdruck wie HANDLUNGEN dargestellt werden." (189) Solche Bestimmungen machen offensichtlich Untersuchungen über die "Wirklichkeit" erforderlich, ferner über die Frage, was der Sprecher "ernsthaft meint" usw. (vgl. dazu P. selbst 190).

So kritisiert P. die Aussage, daß "die Kultur unter den Hoheitsanspruch der Länder fällt", mit folgendem Argument: "Hier wird sprachlich verundeutlicht, daß die 'Kulturhoheit' nicht einfach wie ein Naturereignis irgendwohin 'fällt', sondern von bestimmten Verfassungsgebern, dahinterstehenden Interessengruppen und Machthabern auf die Bundesländer beschränkt worden ist." (191)

Zunächst ist nicht bewiesen, daß die sprachliche Formulierung das Gemeinte "wie ein Naturereignis" darstellt. Es wird auch nicht gezeigt, daß "viele Leser gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, daß Politik auch die Möglichkeit enthält, solche historischen Systeme wie Verfassungen und Gesetze bei mehrheitlichem Bedarf auf legalem Wege infragezustellen und gegebenenfalls zu ändern."
Sollte es wirklich Bürger geben, die Verfassung und Gesetze für naturgegeben und unveränderlich halten – wo doch in den Zeitungen tagtäglich von Gesetzes- und auch Verfassungsänderungen die Rede ist? – Andererseits scheint es sachlich unangemessen, den in Verfassung und Gesetz ausgedrückten Willen jederzeit auf seinen konkreten Urheber zurückzuführen. Denn erstens will man ja im Rechtsstaat durch die Kodifizierung gerade eine gewisse verläßliche Dauer und Unabhängigkeit der Normen vom schwankenden Willen täglich wechselnder Mehrheiten erreichen; zweitens hat das Gesetz durchaus eine gewisse Eigenständigkeit sogar gegenüber dem Willen seiner Urheber. Denn der ursprüngliche Wille bei seiner Kodifizierung ist nur eine der relevanten Quellen für die Auslegung seiner gegenwärtigen Bedeutung. An diese juristisch vieldiskutierten Dinge soll hier nur erinnert werden, um die Verwendung eines unpassenden Maßstabes zu verhindern. In P.s Argumentation schwingt wohl noch etwas von der basisdemokratischen Begeisterung der sechziger und siebziger Jahre mit, als seine sprach- und ideologiekritischen Ansichten sich herausbildeten. "Veränderbarkeit" war seinerzeit ein wichtiges Schlagwort.

Polenz erkennt durchaus, daß die in einer Sprache vorhandenen sprechaktbezeichnenden Verben noch keine wissenschaftliche Sprechaktklassifikation hergeben (205). Allerdings verstehe ich nicht, wieso er meint, die Zahl solcher Verben sei "ohne Zweifel" (204) größer als die Zahl der Sprechakttypen. Das Gegenteil könnte doch ebensogut zutreffen.

Im folgenden beschäftigt sich P. dann erklärtermaßen mit "Handlungstypen", in Wirklichkeit aber mit orthosprachlichen Fassungen solcher Handlungstypen. Daher schreibt er auch den Handlungstypen "Bezugsstellen" zu, was ja nur in bezug auf eine Sprache Sinn ergibt.

230: Polenz erwägt, die Kontakt- und Beziehungsfunktion zu den nicht-obligatorischen Komponenten des Satzinhalts (?) zu rechnen, wie ja auch die metasprachliche und poetische Funktion nicht-obligatorisch seien. Das beweist aber nur, daß auch metasprachliche und poetische Funktion (im Sinne Jakobsons) nicht auf der gleichen Ebene stehen wie die ursprünglichen Bühlerschen Funktionen oder Funktionsdimensionen des sprachlichen Zeichens. Die Frage, ob es stillose Texte geben könne (ebd.), ist mangels Theorie so sinnvoll wie die, ob es farblose Gegenstände gebe.

Zum Kapitel über komplexe Inhalte habe ich oben bereits einige vorgreifende Bemerkungen gemacht. S. 235f. wird wiederum die Wortbildung als Indiz komplexer Inhalte herangezogen, so daß etwa die kausativen und faktitiven Verben allesamt komplexer Art wären, weil sie ein Hyperprädikat 'bewirken, daß' enthalten. Polenz erkennt auch grundsätzlich die These der TG an, daß noch eine Inchoativ-Komponente herauszupräparieren wäre (a bewirkt, daß es dazu kommt, daß p) und bemerkt dazu nur, daß solche noch weitergehenden Paraphrasen "kaum noch normalsprachlich" seien – ein ziemlich unzugehöriges Argument, wenn es um eine semantische Analyse geht; denn wenn diese Komponenten wirklich zu unterscheiden sind, müssen sie auch in der Semantiksprache ausgedrückt werden, und die Forderung, die Beschreibungssprache müsse zugleich normalsprachlich sein, ist ziemlich willkürlich.

Schwerer wiegt der auch von P. erwähnte Gedanke, daß keineswegs die Wortbildung das Kriterium dafür sein darf, ob ein Verb kausativ/faktitiv ist (legen zu liegen, setzen zu sitzen, fällen zu fallen, weißen zu weiß usw.). Die Theorien, auf die sich P. hier bezieht, sind denn auch konsequenter und deuten fast jedes transitive (Handlungs?)-Verb als Kausativ zu einem zugrundeliegenden Vorgangsverb. Das mag für die "Textanalyse keine Rolle" spielen (237); aber was besagt das angesichts der durchgreifenden Entkomprimierungsvorschläge in diesem Buch? Merkwürdig hilflos wirkt es auch, wenn P. für die Generative Semantik feststellt, daß deren Kausativierungs-These "über Wortbildungsbeziehungen hinaus" gehe, und anschließend bemerkt, das gehöre nicht zur Wortbildungslehre. Natürlich nicht, aber es trifft dennoch den Kern der Komprimierungsthese, die P. selbst vertritt. Gerade die Beschränkung auf die Wortbildung ist nicht gerechtfertigt, da es doch um Inhalte geht!

Die semiotische Charakterisierung der generativ-semantischen Dekompositionen ist m.E. noch zu klären, da der Weg zu "atomaren Prädikaten" von der Generativen Semantik selbst nicht begründet wird. Ich werde mich damit in einer besonderen Arbeit über "Standardanalysen" beschäftigen. [Inzwischen veröffentlicht.]
Es scheint sich hauptsächlich um Schritte in Richtung eines gewissen Physikalismus zu handeln, denn zunächst trifft die Zerlegung Handlungsausdrücke, die zu Nichthandlungen dekomponiert werden. Allerdings geht die Analyse nicht immer konsequent genug in diese Richtung, sondern läßt mentalistische Ausdrücke übrig (vielleicht weil die ganze Richtung grundsätzlich mentalistisch ist).

Eine bedenkliche Berücksichtigung der Wortbildung findet sich wiederum auf S. 277, wo P. hämmern, hobeln, pinseln als "extrem komprimierte instrumentale Verbableitungen" charakterisiert und als Beispiel pinseln so umschreibt: 'Farbe auf eine Fläche bringen, indem man sie mit einem Pinsel auseinanderstreicht'. Das ist einerseits zu viel, denn pinseln heißt nichts anderes als 'sich mit einem Pinsel betätigen', in transitiver Lesart 'etwas mit einem Pinsel bearbeiten'; andererseits zu wenig, denn zu einer vollständigen Beschreibung des Anstreichens von Flächen gehört ja noch mehr (z.B. der Transport der Farbe vom Eintauchen des Pinsels bis zum Abstreifen auf der Fläche usw.)


Zu den Hypersätzen (ab 214) ist zu sagen: Erstens sind die S. 214 erwähnten Beispiele teilweise keineswegs "performativ" (z.B. ich weiß, daß). Zweitens sind Sätze, die eine Satzverknüpfungsrelation benennen wie ist der Grund dafür, daß (im Kapitel über Satzverknüpfungen) nicht im selben Sinne Ausdruck der Relation wie weil usw. – Vgl. die Diskussion von DOHERTY mit E. LANG über Einstellungsausdrücke. Ich vermute ist in erster Interpretation ein Protokollsatz über eine psychische Einstellung. In zweiter Interpretation jedoch bei nichtreferentieller Deutung psychologischer Rede ist es wirklich ein Ausdruck der Einstellung, und in dritter Interpretation kann auch "Einstellung" noch in nichtmentalistische Diktion überführt und interaktional erklärt werden.

Die sprachkritischen Entlarvungen von Vagheiten und Hintersinn sind zwar großenteils plausibel, artikulieren aber meist nur das ohnehin Naheliegende. Theoretisch wird das Verständnis von Bedeutung und Semantik nicht gefördert.

––

Verzeichnis der von Polenz verwendeten Begriffe in Versalienschreibweise

ABGESCHWÄCHTE WEISE
ABLEHNEND GEGENÜBERSTELLEN
ABLENKEN
ABSCHWEIFUNG
ABSICHTSERKLÄRUNG
ABWEHR
ABWERTUNG
ADDITIV
ADRESSATEN-IMAGE
AGENS
AGENTIV
ÄHNLICH
ALLGEMEINES WISSEN
ALS BEKANNT VORAUSSETZEN
ALS REGEL GEWUSSTES
ALS WAHR VORAUSSETZEN
ALS WITZIG ZEIGEN
ANDEUTEN
ANDROHEN
ANGABEN
ANGEBOT
ANGEDROHTES
ANGESPROCHEN FÜHLEN
ANKÜNDIGEN
ANNAHME
ANNAHMEN MACHEN
ANNEHMEN
ANPASSUNG
ANREDE
ANSPIELUNG
ANWENDEN
ÄRGER VERDRÄNGEN
ARGUMENTIEREN
ART UND WEISE
AUFFORDERN
AUFZÄHLEN
AUSDRÜCKEN
AUSSAGEKERN
AUSSCHLUSS
ÄUSSERN
AUTONOMIEBEWUSSTSEIN
BEDEUTEN
BEDEUTETES UND GEMEINTES
BEDINGTES
BEDINGUNG
BEDINGUNGSETZEN
BEGINN
BEGRÜNDEN
BEGRÜNDENDES
BEGRÜNDETES
BEHAUPTEN
BEHAUPTUNG ENTGEGENSETZEN
BEKANNT
BEKANNT>NEU
BEKANNTES
BELUSTIGUNG
BENEFAKTIV
BERICHTEN
BESCHEIDENHEIT
BESCHREIBEN
BEWEGUNG
BEWERTEN
BEWERTUNGEN
BEWERTUNG ENTGEGENSETZEN
BEWIRKUNGSVERSUCH
BEWUSST
BEZIEHEN
BEZIEHUNG
BEZUG(NEHMEN)
BEZUGNAHME
BEZUGNEHMEN
BEZUG OFFENLASSEN
BEZWEIFELTES
BLOSSSTELLEN
CAUSATIV
CAUSATIV-INCHOATIVES
CHARAKTERISIEREN
COMITATIV
CONTRAAGENS
DANK
DANKBARKEIT
DAUER
DER FALL IST
DURATIV/ANDAUERND
EIGENSCHAFT
EIGNUNG
EINFÜHREN
EINFÜHRUNG
EINSCHÄTZEN
EINSCHÄTZUNG
EINSTELLUNG
ENDE
ENGLISCH
ENTSCHULDIGUNG
EREIGNIS
ERFRAGEN
ERGÄNZEN
ERHEITERN
ERINNERUNG
ERKENNEN
ERKLÄRUNG
ERLÄUTERN
EROTISIEREN
ERWARTEN
ERWARTUNG
ERZÄHLEN
EUPHEMISTISCH
EXEMPLIFIZIEREN
EXISTENZ-PRÄSUPPOSITIONEN/-VORAUSSETZUNGEN
FIRMA
FLUSS
FOLGE
FOLGERN
FOLGERUNGEN
FREUDE ÄUSSERN
FÜR-WAHR-HALTEN
GARANTIE
GATTUNG
GEGENTEIL
GEGENÜBERSTELLEN
GEMEINSAMES WISSEN
GEMEINT
GEMEINTES
GESAMTHEIT
GESAMTMENGE
GEWUSSTES
GLEICH
GLEICHSETZEN
GLEICHZEITIG
GRAD
GRUND
GRUSS
HANDELN
HANDLUNG
HANDLUNGS-ZWECK
HERUNTERSPIELEN
HINREICHENDE BEDINGUNG
HINTERFRAGEN
HINWEISE BERICHTEN
HÖHER
HYPOTHESE
HYPOTHESE-SETZEN
IDENTIFIKATION
IDENTIFIZIEREN
IDENTIFIZIERUNG/DETERMINATION
IDENTIFIZIERUNG/GLEICHSETZUNG
ILLOKUTION
IMAGE
IMAGE-BESTÄTIGUNG
INCHOATIV/ZUSTANDSBEGINN
INSTRUMENT
INSTRUMENTAL
IRONIE
IRONIE VERSTEHEN
IRONISCH
IRONISCH BEHAUPTEN
IRONISCHE ERKLÄRUNG
IRONISCH MITMEINEN
KAUSATIV
KENNZEICHNEN
KENNZEICHNENDE REFERENZ
KENNZEICHNUNG
KLASSIFIZIEREN
KLASSIFIZIEREND BEZUGNEHMEN
KLASSIFIZIERUNG
KLAUSEL
KOMMENTIEREN
KONTAKT UND BEZIEHUNG
KORREKTUR
KRITISCHE BEHAUPTUNG
KRITISIEREN
LESERSELEKTION
MANIPULIEREN
MÄNNLICH
MASSNAHMEN
MEINEN
MEINUNG BEEINFLUSSEN
MESSUNG
MITBEDEUTEN
MITBEDEUTETES
MITBEHAUPTEN
MITBEZIEHEN
MITBEZUG
MITGEMEINT
MITGEMEINTES
MITMEINEN
MITVERSTANDENES
MITVERSTEHEN
MITZUVERSTEHENDES
MITZUVERSTEHENDES OFFENLASSEN
MODERNITÄTSANSPRUCH
NACHZEITIG
NAHEGELEGTES
NENNEN
NEU
NEUES
NEUGIER
NICHT GEMEINT
NOTWENDIGE BEDINGUNG
ORIENTIERUNG
ORT
ORTSREFERENZ
PARTEI
PATIENS
PATIENS
PERLOKUTION
PERLOKUTION/BEWIRKUNGSVERSUCH
PERMISSIVES
POETISIEREN
PRÄDIKAT
PRÄDIKATION
PRÄDIKATION/AUSSAGE
PRÄDIZIEREN
PRÄDIZIEREN/AUSSAGEN
PRAGMATISCHER GEHALT/HANDLUNGSGEHALT
PRÄZISIEREN
PROPOSITIONALE EINSTELLUNG
PROPOSITIONALER GEHALT/AUSSAGEGEHALT
PROVOZIEREN
QUANTIFIZIEREN
QUANTIFIZIERUNG/GRÖSSENBESTIMMUNG
QUELLENANGABE
RATSCHLAG
RAUM
REDEERWÄHNUNG
REDEN
REFERENZ
REFERENZSTELLE(N)/BEZUGSSTELLE(N)
REFERIEREN
REFERIEREN/BEZUGNEHMEN
RELATIONEN/AUSSAGENVERKNÜPFUNGEN
RESPEKTSBEZEUGUNG
RESULTAT
RHETORISCHE FRAGE
SATZINHALT
SCHWACH
SELBSTDARSTELLUNG
SICH ANBIEDERN
SICH BEZIEHEN
SOLIDARISIEREN
SOLIDARISIERUNG
SPANNUNG WECKEN
SPEZIFIZIEREN
SPOTT
SPRACHSPIEL
SPRECHEREINSTELLUNG
SPRECHERHANDLUNG
STÄNDIG WIEDERHOLT
STELLUNGNEHMEN
STILLE FOLGERUNGEN
STILLE FOLGERUNG NAHELEGEN
STRAFANDROHUNG BEGRÜNDEN
STÜTZEN
SUBSTITUTIV
TÄTIGKEIT
TÄUSCHUNGSVERSUCH
TEILMENGE
TEXT
THEMA-RHEMA
TYPUS
ÜBERREDEN
ÜBERTREIBUNG
ÜBERZEUGEN
UNERSCHÜTTERLICHKEIT BEWEISEN
UNTERHALTUNG
UNTERHALTUNG
UNWAHR
UNZUREICHENDE BEDINGUNG
VERALLGEMEINERN
VERALLGEMEINERUNG
VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN
VERBERGEN
VERFAHREN
VERFREMDUNG
VERFREMDUNG
VERGANGEN
VERGLEICH
VERGLEICHEN
VERHALTEN
VERHALTEN
VERHALTENSWEISE
VERHARMLOSUNG
VERMUTEN
VERNEINEN
VERNEINUNG
VERPFLICHTUNG
VERSPRECHEN
VERSTEHEN
VERURSACHUNG
VERWUNDERUNG
VORAUSGESETZTES
VORAUSSAGEN
VORAUSSETZEN
VORAUSSETZUNG
VORGANG
VORINFORMIEREN
VORWISSEN
VORWURF
VORZEITIG
WAHR
WAHRHEIT
WEIBLICH
WERBEN
WIDERSPRECHEN
WIDERSTREBEN
WIEDERBEZIEHEN
WIEDERBEZUG
WIEDERERKANNTES
WIEDERHOLUNG
WIEDERHOLUNG
WIEDERERKENNEN
WISSEN
WITZIG UNTERHALTEN
ZEITPUNKT
ZEITRAUM
ZEITREFERENZ
ZITIEREN
ZUERKENNUNG
ZUGEBEN
ZUR BEDINGUNG SETZEN
ZUR KENNTNIS NEHMEN
ZUSAMMENFASSEN
ZUSICHERN
ZUSTAND
ZUSTAND
ZUSTAND
ZUSTANDSBEGINN
ZUSTANDSENDE
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ZUSTANDSPRÄDIKAT
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Kommentare zu »Großbuchstaben statt Definitionen«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2019 um 07.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#42004

Es hat wenig Sinn, mugan mit „dispositionell“, sculan mit „deontisch“ und wellen mit „volitiv“ zu umschreiben. (Schrodt, Ahd. Grammatik II, 2004, S. 6)

Die "semantische Dekomposition" ("Semanalyse") gibt sich meistens mit irgendwelchen Assoziationen zufrieden oder verfährt wie hier nach dem Muster ignotum (oder sogar notum) per ignotius.

Wer würde darauf kommen, die Wortbildungsbedeutung von feindlich als „explikativ“ zu bestimmen (Altmann/Kemmerling)? Was erklärt ein solches Etikett?

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.04.2017 um 09.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#34850

Fohlen unterscheiden sich von Küken dadurch, daß die einen das Merkmal EQUIN, die anderen das Merkmal GALLIN haben.
(http://www.christianlehmann.eu/ling/lg_system/sem/index.html?http://www.christianlehmann.eu/ling/lg_system/sem/semant_merkmale.php)

Wenn man darauf nicht achtet, versucht man vielleicht ein Huhn zu satteln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.11.2016 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#33970

Unter ausdrücklicher Berufung auf Polenz lehrt die Dudengrammatik § 976 „Komprimierung“ durch Wortbildung. In einem bestimmten Text sollen manche Wortgebilde „mehr Inhaltskompenenten enthalten“, d. h. „semantisch komplexer sein, als das ihre Ausdrucksseite repräsentiert“. Maßstab ist der Umfang einer Paraphrase. So soll Ameisenprojekt in einem bestimmten Text „Projekt zur Erforschung (des Verhaltens) von Ameisen“ bedeuten. In Wirklichkeit hat das Wort seine normale unbestimmte Wortbildungsbedeutung und wird vom Hörer auf das zuvor beschriebene Projekt bezogen. Es ist bekannt, daß die Wiederaufnahme im Text mit „merkmalärmeren“ (= allgemeineren, unbestimmteren) Ausdrücken geschieht. Das hat nichts mit Wortbildung zu tun.
Auf der Website einer Schule heißt es: Bei dieser Gelegenheit wird auch unser Ameisenprojekt „Ameisenstrasse“ vorgestellt. Sie können selbstgebastelte Ameisen aus verschiedenen Materialien wie Gips und Pappemaché anschauen und sogar ein Exemplar für Zuhause bei unserer „Ameisenauktion“. – Hier hätte demnach Ameisenprojekt wieder eine andere Bedeutung, und so bei jedem weiteren Text. Das würde für jedes Wort gelten, denn immer bezieht man sich auf etwas ganz Bestimmtes, jeweils anderes.
So könnte man auch nach der Beschreibung eines Elefanten sagen dieses Tier, und dann wäre Tier nach Barz und Polenz ein komprimierter Ausdruck für alles über den Elefanten Gesagte. Wenn es am Ende eines Märchens heißt Mein Märchen ist aus, dann „bedeutet“ Märchen hier nicht plötzlich die ganze Geschichte von Hänsel und Gretel, sondern das, was es immer bedeutet.

Man kann es sich unnötig schwer machen, gerade in der Semantik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.09.2016 um 06.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#33287

Zur Sprechakttheorie müßte ich eigentlich einen eigenen Faden beginnen, aber vorläufig noch diese Beobachtung:
Einerseits hat Austin zwar mit "Entschuldigungen" und solchen Sprechakttypen angefangen, aber es ist nie gelungen, ein unversales Repertoire aufzustellen. Von den vier Sprechakten des Protagoras und der gesamten klassischen Grammatik bis zu den 5000 Sprechakten am Leitfaden aller sprechaktbezeichnenden Verben hat man alles schon gesehen.
Andererseits sind auch die scheinbar eindeutigen Fälle für Interpretationen offen. Nehmen wir aus einem schönen Gedicht Theodor Storms folgende Zeilen:

Wär' ich hier nur nicht gegangen im Mai!
Leben und Liebe, - wie flog es vorbei!


Zwei Exklamativsätze, der erste als irrealer Wunschsatz gebildet, der zweite als w-Fragesatz und "Ausdruck des Staunens" gemäß neuerer Satzmodus-Theorie. Aber was drücken die Zeilen wirklich aus?

Von einer Linguistik, die nur mit selbstgemachten Sätzchen arbeitet, ist keine Antwort zu erwarten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2016 um 15.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#33283

Zu einer Nebenbemerkung im Haupteintrag: Die Sprachwissenschaft hat seinerzeit die Sprechakttheorie samt "Illokutionen" begierig aufgegriffen, aber der begriffliche Wirrwarr ist heute so groß wie eh und je. (Es fehlt an einer erschöpfenden Deduktion universaler Sprachfunktionen, dazu anderswo mehr.)

Wie bemerkt, wird praktisch nie begründet, warum ausgerechnet das Satzformat es sein soll, worin ein Sprechakttyp sich manifestiert. Wir sprechen doch nicht in einzelnen Sätzen. Konkret: Ein Entschuldigungsbrief kann insgesamt eine Entschuldigung sein, ohne daß auch nur ein einziger Satz darin eine Entschuldigung ist. Ebenso mit Aufforderungen usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2015 um 10.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#29485

Da haben Sie recht, und er ist nicht der einzige, dem ich in gewissem Sinne unrecht tue; aber ich muß meine Belege nachweisen, und es steht nun mal da, zur Warnung der Nachgeborenen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.07.2015 um 09.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#29484

Die »Motive« galt es zu entnazifizieren, daher die »Seme«. Aber eigentlich war Schulte-Sasse doch kein im eigenen Jargon ersaufender Gelehrter wie etwa jener Germanist, der ihm in der F.A.Z. den Nachruf schrieb.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2015 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#29479

In den siebziger Jahren war es nicht leicht, Literaturwissenschaft zu studieren. Man trieb "Theorie", aber noch nicht "Gender" (wodurch vieles dann wieder einfacher wurde). Viel benutzt wurde zum Beispiel eine "Einführung in die Literaturwissenschaft" von Jochen Schulte-Sasse (2012 verstorben) und Renate Werner. Da gibt es zur Charakterisierung eines Marlitt-Romans bzw. seiner Helden Seme wie weibliche Hingabe, zupackende Tätigkeit, Gemeinschaft zwischen sozial Hoch- und Niedrigstehenden, Familienorientierung, Verbindung von Gewerberaum und Lebensraum usw. Das sind in keiner Hinsicht "Seme", sondern locker hingeworfene bildungssprachliche Stichwörter, die etwas bezeichnen, was man traditionell "Motive" nennen könnte. Der Anspruch, mit Semen etwas Elementareres zu erfassen, ist ebenso aufgegeben wie die Forderung, daß die Seme ein kleines Inventar von wiederkehrenden Merkmalen sein müssen. Halbverstandener Strukturalismus.

Im selben Jahr mußten die Münchner Studenten ein vom dortigen Dozenten Michael Titzmann verfaßtes Buch "Strukturale Textanalyse" lesen, sehr dick und vollkommen unverständlich.
Diese roten UTB-Bände lagen bald darauf in den Ramschkästen, und man kann sie meistens heute noch bei Amazon für 1 Cent erwerben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.05.2015 um 12.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#28989

Jochen Schröder (Lexikon der deutschen Präpositionen) versucht die Bedeutung der Präpositionen durch rund 150 „semantische Merkmale“ zu erfassen. Sie sind in einer ans Lateinische angelehnten Sprache formuliert. Allerdings läßt sich kaum erraten, welche Präposition beispielsweise hier gemeint ist: [+ temp, + simul, + period, + moment, (+ kond), (+ lux / + meteor)]. (Das Buch ist aus verschiedenen Gründen unbrauchbar.)
„Himmelsrichtung“ wird als [celest] notiert, bei einigen anderen Wörtern versagt das Latein gänzlich. Für „Geselliges Beisammensein“ hat Schröder das Merkmal [party] vorgesehen; gebraucht wird es für „zu“: Heute gehen wir zum Konzert. Er kam gestern zu Besuch. (Nur weil in dt. Himmelsrichtung das Wort Himmel vorkommt, wird die Richtung doch nicht zu etwas Himmlischem! Schon im Englischen oder Französischen würde man das gar nicht verstehen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.01.2015 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#27680

Zur Pseudo-Formalisierung in den Sprachwissenschaften gehört es auch, wenn man ein Zustandsverb mit dem "Merkmal" [-dyn] versieht. Es ist nicht leicht, Zustand vs. Vorgang zu definieren (und dann noch Handlung!), aber mit der pseudowissenschafltichen Verfremdung zu -dyn wird die Sache erst recht unklar. Aber viele Autoren glauben anscheinend, damit hätten sie wunder was geleistet. Man sollte keine Texte lesen, in denen so etwas vorkommt. Sie können ja nichts Gescheites enthalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.11.2014 um 18.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#27389

Dasselbe merkmalesische Kauderwelsch wie bei Polenz findet man bei Christine Römer. Sie gibt die „Semantische Form“ von Krieg so an:

Y(X SOZIALE BEZIEHUNG (XY)):(X WOLLEN VERNICHTEN Y)) (in: Der Ginkgobaum 10, 1991)

Damit sei nachgewiesen, daß in Krieg eine „modale Komponente“ steckt.

(Nebenbei erfahren wir jetzt endlich, was Krieg ist.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2013 um 15.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#22519

Sie wissen nicht, was der Unterschied zwischen Zitze und Busen ist? Das ist doch ganz klar:

Busen - LEBEWESEN, PARTIELL, HUM, ORGAN, PAARIG, FEMININ, MILCH PROD

Zitze - LEBEWESEN, PARTIELL, ANIM, SÄUGETIER, ORGAN, PAARIG, FEMININ, MILCH PROD

(Eva-Maria Zimmermann: Semantische Analyse der Basismorpheme der Substantive der deutschen Gegenwartssprache. Stuttgart 1989)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2012 um 06.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#22002

Über den bestimmten Artikel kann man vielleicht in erster Annäherung sagen:

„Der bA steht vor Substantiven, die von Sprecher und Hörer aufgrund des (vom Sprecher als weitgehend gleich angenommenen) Vorwissens beider eindeutig identifiziert werden können.“ (Hans-Jürgen Grimm: Lexikon zum Artikelgebrauch. Leipzig 1987:31)
Dies drückt der Verfasser dann so aus:
„Unter der Bedingung + IDENT SIT KOMMUNIK PRÄINFORM ÄQU steht der bA.“ (ebd.)

Damit scheint die Ebene der Formalisierung erreicht, in Wirklichkeit ist nur der alltagssprachliche Ausdruck durch eine abstruse Schreibweise verfremdet und ins Unverständliche verschoben. Man kann die Tatsache, daß etwas beiden Gesprächspartnern bekannt ist, nicht sinnvoll durch die Zeichen PRÄINFORM ÄQU ausdrücken. Der Text ist eigentlich nur (schlecht) verschlagwortet, und die Schlagwörter sind anschließend abgekürzt. Auf weitere Kritikpunkte gehe ich nicht ein. Das ganze Buch ist wertlos, niemand kann daraus den Artikelgebrauch erlernen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.09.2011 um 17.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#19200

Peter von Polenz ist übrigens am 24. August verstorben, Horst Haider Munske hat ihm in der FAZ vom 30. August einen Nachruf gewidmet.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 19.04.2010 um 00.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#16086

Lieber Herr Wagner, die Rechtschreibung selbst zu verändern, um den mit der zwangsweisen Vermittlung dieses (wie jedes anderen) Lernstoffes unvermeidlich einhergehenden Disziplinierungsdruck zu mildern, ist nur sinnvoll, wenn man annimmt, daß der Druck nicht von der Vermittlungsprozedur herrührt, sondern von dem Stoff selbst. Andernfalls hätte es genügt, den Kindern und Wenigschreibern das Leben durch eine tolerantere Benotung oder eine (hier schon einmal diskutierte) "abgestufte Obligatorik" zu erleichtern.

Daß ein gegebener Schwierigkeitsgrad nicht in der Natur der Sache liege und deshalb hinzunehmen sei, ist umgekehrt eine notwendige Bedingung dafür, die Orthographie selbst für ein Disziplinierungsinstrument zu halten. Unter dieser Voraussetzung gibt es nur einen Grund, Orthographie nicht ganz abzuschaffen: Schrift muß, um als "Code" zu funktionieren, einheitlich sein. Die Schülerideologie "Rechtschreibung ist dazu da, keine Fehler zu machen" korrespondiert hier mit ihrer Erwachsenenversion: "Rechtschreibung ist dafür da, daß alle gleich schreiben."
Die Einsicht, daß Schrift nicht deshalb verständlich ist, weil sie einheitlich ist, sondern deshalb einheitlich, weil sich die ihrer Verständlichkeit dienlichsten Lösungen durchgesetzt haben, kann in diesem Horizont nicht auftauchen.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 18.04.2010 um 20.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#16082

Nicht zuletzt die Vorstellung, die Orthographie sei zu vereinfachen, damit sie leichter erlernbar ist, setzt Disziplinierung als Zweck von Rechtschreibung voraus.

Welches Verständnis von "Disziplinierung" legen Sie hier zugrunde, lieber Herr Bärlein; wie äußert sie sich in diesem Fall?
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 18.04.2010 um 19.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#16079

Es ist ja nicht so, daß es keine Rechtschreibideologie gibt, die Orthographie als Disziplinierungsinstrument mißversteht. Diesem Verständnis entsprechen durchaus gängige Annahmen: Rechtschreibung sei dazu da, keine Fehler zu machen bzw. um an der Schule unterrichtet zu werden, zu zeigen, daß man sie kann, oder dazu, daß alle gleich schreiben. Nicht zuletzt die Vorstellung, die Orthographie sei zu vereinfachen, damit sie leichter erlernbar ist, setzt Disziplinierung als Zweck von Rechtschreibung voraus. Die Rechtschreibreform ist selbst nur eine Variante der Ideologie, die sie zu bekämpfen wähnt.

Demgegenüber ist eine Deutung von Rechtschreibung als Intelligenztest, ob bildungsbürgerlich oder nicht, in ihrer vordergründigen Fixiertheit auf den Schreiber zwar immer noch verquer, aber sie entspricht wenigstens dem tatsächlichen Zweck von Orthographie: Für den Leser verständlich schreiben kann nur, wer selbst verstanden hat, worum es geht, was sich wiederum darin erweist, daß er verständlich schreibt. (Deshalb auch ist die Idee, man könne die Rechtschreibung Korrekturprogrammen überlassen, nur dann nicht verrückt, wenn man das Lesen ebenfalls Maschinen überlassen will.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.04.2010 um 12.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#16077

Polenz schreibt:

„Hier wird ein Zusammenhang deutlich zwischen der nachlutherischen protestantischen Bibelwortlaut-Orthodoxie und einer Orthographie-Ideologie, die über die 'Sozialdisziplinierung' durch 'buchstabierendes' Lesen und Diktieren in preußischen und sächsischen Schulen (vgl. Gessinger 1980) bis zur bildungsbürgerlichen Überschätzung der Orthographie als Intelligenztest im 20. Jahrhundert reicht.“ (Polenz II:148)

Worin besteht denn der Zusammenhang? Wer hat Orthographie als Intelligenztest verstanden? Wird in anderen Ländern die Rechtschreibung anders gehandhabt oder geringer geschätzt?

Es wird wieder einmal die "Sozialdisziplinierung" samt "Bildungsbürgertum" entlarvt, aber die empirische Grundlage ist dünn.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 10.04.2010 um 18.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15974

Eine klare Tautologie wäre in meinem Verständnis etwa: Wegen der hohen Sterblichkeit war die Lebenserwartung niedrig. Hier läßt sich das eine aus dem anderen herleiten, und zwar in beiden Richtungen. Bei Lebenserwartung 30 Jahre funktioniert das nur mehr in einer Richtung. Aber das ist nicht mein Hauptargument; ich betrachtete in diesem Fall vorrangig die Hauptaussage, nämlich daß die Lebenserwartung in verschiedenen sozialen Schichten unterschiedlich war, die Begründung durch hohe Sterblichkeit ist natürlich tautologieverdächtig, aber in meinem Empfinden eben ein Ursachenhinweis. Ohne diesen Hinweis könnte man ja auch kriegerische Auseinandersetzungen oder Seuchen vermuten. Deswegen nannte ich es „keine klare Tautologie“.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 10.04.2010 um 11.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15973

Bei Borges heißt es irgendwo, sprechen bedeute, in Tautologien zu verfallen. Deshalb sollte man nicht zu streng mit ihnen sein, zumal auch die reine Tautologie nur in der Logik vorkommt. Leute, die noch nie ein Pferd gesehen haben und von einem "weißen Schimmel" hören, wissen danach immerhin, daß "weiß sein" ein mögliches Prädikat von "Schimmel" ist. Aussagen wie "Die Sonne scheint, und die Vögel singen" überraschen niemanden und sind nur deshalb keine Tautologien, weil die Sonne manchmal nicht scheint und die Vögel nicht immer singen. Trivial sind sie trotzdem (spannend wird es erst, wenn z.B. die Vögel scheinen oder die Sonne singt). Selbst Auskünfte wie etwa die, einer müsse wegen Geldknappheit sparsam einkaufen, läßt man sich beim Gespräch an der Ladentheke noch gefallen.

Ärgerlich wird Bräsigkeit erst als Denkstil, dann, wenn sie mit einem Erklärungsanspruch daherkommt. Unter der Voraussetzung genereller Substantivgroßschreibung z.B. ist die Auskunft sinnlos, ein Wort werde deshalb groß geschrieben, weil es ein Substantiv ist (wir hatten es hier vor längerer Zeit einmal davon). Manchmal habe ich den Eindruck, daß die Sprachwissenschaft zumindest teilweise nach diesem Muster aufgebaut ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2010 um 09.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15972

Es geht nicht um den Nachsatz, sondern um die Begründung mit "infolge". Daß Polenz auch sonst zu doppelt Gemoppeltem neigt, zeigt folgender Satz:

„Auch wenn man das Französischsprechen in Deutschland nicht einseitig als absolutistisches Herrschaftsmittel erklärt, sondern es auch als ein Mittel der Aufklärung, also des kulturellen und politischen Fortschritts gelten läßt, bleibt seine Sozialdistanzierungsfunktion ein Teil davon, denn moderne Bildung war gerade durch Französisch in Deutschland ein exklusives Privileg.“ (Polenz II:75)

("exklusives Privileg")

Der Satz ist auch ein schönes Beispiel dafür, wohin der Zwang zu unaufhörlichem Sortieren der Weltgeschichte nach "fortschrittlich" und "reaktionär" führt, den wir aus der DDR-Literatur seligen Andenkens kennen. Polenz ergeht sich in seinem zwar stoffreichen, aber auch ungeheuer weitschweifigen Werk über weite Strecken in allgemeinen, meist auf Wehler gestützten sozialgeschichtlichen Darlegungen und die "äußere" Sprachgeschichte, wobei der Bezug zur Sprache selbst und ihrem Wandel mehr suggeriert als analysiert wird. Was kann man aus dem zitierten, durchaus typischen Satz eigentlich lernen außer einem vagen "einerseits – andererseits"?

An einer anderen Stelle schreibt er:

"Die auf Privilegien orientierte Motivation des Fremdsprachenlernens, besonders des Lateins, äußert sich auch im Ausschluß der Frauen aus dieser Männerdomäne." Sogar Goethes Schwester habe nur moderne Fremdsprachen lernen dürfen. Das ist ja alles richtig, aber es fehlt der Bezug zu den Berufen, die Lateinkenntnisse erforderten und nur Männern offenstanden. Diese "geistigen Berufe" werden an anderer Stelle durchaus erwähnt, aber mit dem Begriff der Privilegienwahrung kommt man bei der Analyse der ständischen Gesellschaft nicht sehr weit.
 
 

Kommentar von stefan strasser zu 15931, verfaßt am 08.04.2010 um 23.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15956

Wenn man unter Tautologie versteht, zweimal mit unterschiedlicher Formulierung das selbe zu sagen, ist das Beispiel keine klare Tautologie. Es besagt doch, daß in reicheren Gegenden die durchschnittliche Lebenserwartung 30 Jahre war und in ärmeren Gegenden weniger als 30 Jahre.
Gemeinsam ist zwar die Ursache, nämlich eine hohe Sterblichkeit, die allerdings in ärmeren Gegenden eben noch höher war als in reicheren.
(Sterblichkeit verstehe ich so, daß eine hohe vorliegt, wenn Menschen bereits mit geringem Lebensalter versterben und eine niedrige dann, wenn sie erst mit hohem Alter versterben. Absolut ist sie natürlich immer 100%, das wurde in #15945 ja auch bereits protokolliert.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.04.2010 um 17.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15949

„Leibniz forderte deutsche Sprachpflege, nach Vorbild der Londoner Royal Academy ...“ (Polenz II:55)

Nach meiner Kenntnis hieß die Institution "Royal Society" und nicht "Academy"; Leibniz war Mitglied.
 
 

Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 08.04.2010 um 16.18 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15947

Danke, meine Herren, jetzt habe ich es auch mitbekommen, um was es ging. Da hatte ich schlicht den Wald wegen der Bäume nicht gesehen. Asche auf mein Haupt! ;-)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.04.2010 um 15.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15945

Die Sterblichkeit des Menschen ist immer gleich 100%, Schwankungen konnten bisher nicht festgestellt werden. Kinder hingegen überleben entweder das Kindesalter oder nicht, weshalb die Kindersterblichkeit unterschiedlich hoch sein kann.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.04.2010 um 15.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15944

Der Zusatz hätte, um es perfekt zu machen, heißen sollen:
..., in ärmlichen Gegenden infolge noch höherer Sterblichkeit noch niedriger.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.04.2010 um 15.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15943

Lebenserwartung und Sterblichkeit halte ich für zwei Seiten einer Medaille. Ebensogut könnte man sagen, weil viele Schüler krank waren, waren nur wenige gesund.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 08.04.2010 um 15.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15942

Wenn man "infolge hoher Sterblichkeit" wegläßt, ändert sich nichts an der Aussage. Auch ist nicht zu erkennen, was, im Unterschied zu Sterblichkeit, die Lebenserwartung sonst noch begrenzen könnte. Leben endet ausnahmslos durch Sterben. Es liegt also eindeutig eine Tautologie vor.
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 08.04.2010 um 14.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15941

Dies ist vermutlich eine Folge der unklaren Begriffe. Die durchschnittliche Lebenserwartung kann z.B. durchaus niedriger sein als etwa Mittelwert oder Median des Alters einer Bevölkerung, wenn beispielsweise hohe Säuglingssterblichkeit vorliegt – die verstorbenen Säuglinge würden nur beim Erwartungswert mitgezählt. Also nehme ich an, daß Herr Ickler mit der Annahme, daß hier eine Tautologie vorliegt, richtig liegt.
 
 

Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 08.04.2010 um 14.36 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15940

„Die durchschnittliche Lebenserwartung lag infolge hoher Sterblichkeit um 1700 bei etwa 30 Jahren, in ärmlichen Gegenden noch niedriger.“

Lieber Herr Ickler, ich habe lange darüber nachgedacht, finde hier aber weder eine Tautologie noch eine Begründung, sondern lediglich eine Feststellung. Man hätte den Umstand natürlich auch komplizierter formulieren können, etwa so:

„Die durchschnittliche Lebenserwartung lag infolge hoher Sterblichkeit um 1700 bei etwa 30 Jahren. In ärmlichen Gegenden erreichten die Menschen im Schnitt noch nicht einmal diese 30 Jahre.“

Oder habe ich hier etwas falsch verstanden?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2010 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#15931

Aus dem zweiten Band der Deutschen Sprachgeschichte (1999, S. 9):

„Die durchschnittliche Lebenserwartung lag infolge hoher Sterblichkeit um 1700 bei etwa 30 Jahren, in ärmlichen Gegenden noch niedriger.“

Manchmal kommt man sich selbst ganz vernagelt vor. Ist das nun eine Tautologie oder eine sinnvolle Begründung?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.02.2009 um 00.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#13906

Vermutlich weil er die Zwangsvorstellung hatte, in seinen Mehrbänder all das hineinpacken zu sollen, was er immer schon mal sagen wollte. Andreas Gardt hat es ihm nachgetan und Chomsky im Rahmen einer Geschichte der deutschen Sprachwissenschaft behandelt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2009 um 16.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#13905

Schon im ersten Band seiner Sprachgeschichte braucht Polenz quälend lange, bis er zum Thema kommt. Und man liest so etwas:

"Behavioristische Bedeutungstheorie: Bedeutung sprachlicher Zeichen wird als „Reaktion“ von Hörern/Lesern auf auslösende „Reize“ aufgefaßt. In dieser mechanistischen Sprachauffassung nach einer überholten amerikanischen Richtung der Psychologie wird Bedeutung ebenfalls zur festen Eigenschaft des Zeichens reduziert; daß die Sprachbenutzenden sowohl produktiv als auch rezeptiv Freiheiten zur Konstitution von „Gemeintem“ bzw. „Verstandenem“ haben, wird dabei ebenso ignoriert wie ihre Innovationskompetenz."
(Deutsche Sprachgeschichte. Bd. I, Berlin 2000, S. 46)

Hier ist alles falsch, das meiste geradezu absurd. Aber warum läßt der Verfasser sich überhaupt auf solche Dinge ein, wo es doch um die Geschichte der deutschen Sprache gehen soll?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2009 um 12.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#13827

Die Deutsche Sprachgeschichte ist leider in einem ziemlich schwerfälligen Stil abgefaßt, wofür ich aus dem besonders weitschweifigen dritten Band ein beliebiges Beispiel anführen will:
„Die Höhepunktepoche der Schriftlichkeitskultur war in Deutschland auch eine Blütezeit der Ideologisierung der Schriftartenwahl. Die Popularisierung des Schreibenkönnens war auch im 19. Jahrhundert nicht nur am Ziel der Verbesserung der Befähigung zur gesellschaftlichen Kommunikation orientiert.“ (S. 41)
Solche Sätze sind unheilbar, man muß zurück an den Anfang, noch mal nachdenken, was man eigentlich sagen wollte, und es dann so ausdrücken, wie es unter normalen deutschsprachigen Menschen üblich ist.

Auch inhaltlich ist das Werk ziemlich unbefriedigend. Der Verfasser erzählt über Dutzende von Seiten die deutsche Geschichte nach, meist nach Wehler, immer sanft sozialkritisch, und dadurch wird suggeriert, daß die Sprachgeschichte in die allgemeine und Sozialgeschichte eingefügt sei. Das ist aber ganz äußerlich, wie seinerzeit bei den DDR-Sprachgeschichten. Ein wirklicher Zusammenhang zwischen sprachlichen Entwicklungen und der Geschichte von „Staat, Wirtschaft, Gesellschaft“ (Überschrift) wird nicht gezeigt. Dazu immer der unterschwellige Verdacht gegen die Herrschaftinteressen der Mächtigen und Reichen, der vage Gestus der Aufklärung.
Außerdem wird zwar unendlich viel Sekundärliteratur zitiert, aber oft nur zu ganz belanglosen Aussagen, die keiner Beglaubigung bedürfen.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 21.01.2009 um 18.43 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#13806

In seinem Kommentar zu "Deutsche Satzsemantik" schreibt Theodor Ickler u.a.:

»29: P. interpretiert vergleichend die Zehn Gebote und einen Grundgesetzabschnitt über Grundrechte. Interessant ist zunächst, was er als Inhalt beider Texte angibt:

"Beide Texte schreiben Grundprinzipien gesellschaftlichen Verhaltens vor: Was Menschen tun oder unterlassen sollen bzw. dürfen, um als Mitglieder einer gesellschaftlichen Großgruppe anerkannt zu sein."

P. nimmt hier einen wohl als soziologisch zu verstehenden Standpunkt ein, den die Verfasser der Texte, zumal des ersten, durchaus nicht teilen dürften. Zwar meint Polenz, die Texte aus der "Perspektive laienhafter Textbenutzer (die ja doch wohl die hauptsächlichen Adressaten dieser Texte sind)" zu analysieren, aber selbst aus dieser Sicht scheint die soziologische Auffassung zumindest des Dekalogs abwegig. Denn nach Auffassung der "Textbenutzer" geht es bei den Zehn Geboten um den Willen Gottes und nicht um Anerkennung als Mitglieder einer gesellschaftlichen Großgruppe.«

Richtig. Meinen Studenten und mir fiel seinerseits (1987) in einem dem Buch gewidmeten Seminar auf, daß Peter v. Polenz reflexionslos einen appraisiven bzw. gebietenden Text mit einem Gesetzestext vergleicht, was textlinguistisch keinesfalls opportun ist. Vielleicht verfuhr er aber so, weil zuweilen auch von des Moses Gesetzen die Rede ist.

Wohlweislich steht Gerold Ungeheuer nicht im Personenverzeichnis. Der hatte ja einst versucht, die Paraphrasierer ein wenig zu disziplinieren. Mit wenig Erfolg, wie sich seit langem zeigt.

Abgesehen von der recht eigenen Handhabung jeder Art Paraphrase schien das Buch bereits 1985 ideologisch penetrant unterfüttert; heute umso mehr. Es finden sich in ihm ganze Passagen, die nicht von Sprache, sondern von Überzeugungen handeln.

Der Versalitis sind auch Harald Weinrich und viele aus dem Markeresisch-Lager erlegen. Manche Krankheiten sind nicht nur wie früher unter hochwohlgeborenen Damen einfach in Mode.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.01.2009 um 12.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1095#13757

Zum Tick mit den Versalien paßt, daß Polenz in seiner Sprachgeschichte seinerzeit die Kritik an der Rechtschreibreform im Kleingedruckten unterbrachte. Daraus und aus dem Umstand, daß er mehr den fehlgeleiteten Ehrgeiz der Betreiber als die Reform selbst aufs Korn nahm, konnte man schon damals schließen, daß der Wille zur Unterordnung grundsätzlich vorhanden war.

Skurril auch die Sache mit den Teerschuhen. Diese gibt es zwar wirklich – Holzsohlen mit Lederriemen –, aber in dem angeführten Satz müßte auch im Deutschen Teer an Ihren Schuhen stehen. Wie kann das fehlerhafte Deutsch von Ausländern ein Beispiel für die Tendenz zum komprimierten Ausdruck sein? Der Laie sagt: Man kann im Deutschen viele zusammengesetzte Wörter bilden, aber dafür werden die dann manchmal auch ziemlich lang. Polenz macht daraus eine »Theorie«.
 
 

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