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Blüthen der Thorheit

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08.06.2005
 

Herausforderung

Wieder einmal bewies Österreichs resolute Kulturministerin, daß das Bewußtsein das Sein bestimmen möchte.

In ihrem Hause, so teilte Elisabeth Gehrer mit, sei das Wort »Problem« verpönt und durch »Herausforderung« ersetzt worden. Bei George Orwell hieß derlei »Neusprech«. (Ulrich Weinzierl, Die Welt, 8. 6. 2005)




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Kommentare zu »Herausforderung«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.11.2016 um 03.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=56#1885

Natürlich kann man es so sehen. Wenn ich Guten Morgen sage, übe ich auch Druck aus, der andere muß ja antworten. Das gilt für jede Äußerung.

Mir war nur aufgefallen, daß der "Druck" viel häufiger als früher die Schlagzeilen beherrscht.

Das Ausgucken eines Bundespräsidenten ist ein Kapitel für sich und fördert wohl die Politikverdrossenheit mehr als vieles andere.

„Zum vierten Mal sucht Angela Merkel einen neuen Bundespräsidenten.“ (Tagesspiegel 31.10.16)

Es gibt selbstfahrende Autos, vielleicht könnte man das selbstrepräsentierende Staatsoberhaupt entwickeln. Dann entfällt dieses unerfreuliche Theaterstückchen mit den prominenten Wahlleuten usw.

(Ob man nicht doch von verdienten Altpolitikern abrücken und auf Literaten zurückgreifen sollte; wenn Kermani wg. Islam nicht geht, vielleicht die ebenfalls paulskirchengeweihte Carolin Emcke?)

Erbmonarchie und Papstwahl sind oder werden immerhin noch mit einem gewissen Geheimnis umgeben (Brimborium, wenn man so will), aber die Ersatzbeschaffung im Fall des Buprä ist so ordinär, daß es schwer fällt, dem Auserwählten dann mit Respekt zu begegnen, aufzustehen, wenn er reinkommt usw. Vielleicht bedarf es eines beherzten Reformators, diese mittelalterliche Mystifikation auch noch aufzugeben.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 31.10.2016 um 23.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=56#1884

Hier scheint mir die Rede vom „Druck“ durchaus angemessen. Scholz wirft der der CDU doch vor, „aus reiner Parteitaktik … dem Ansehen der Demokratie zu schaden“. Das ist starker Tobak unter Koalitionspartnern, jedenfalls mehr als eine bloße „Meinungsäußerung“.

Dahinter steht doch noch die unausgesprochene Drohung mit einer rot-rot-grünen Mehrheit in der Bundesversammlung. Die erste Reaktion auf die Äußerungen Gabriels aus den Reihen der Grünen war zwar nicht ermutigend, das könnte sich aber vielleicht noch ändern.

Solange Frau Merkel dazu schweigt, umso stärker erweckt sie den Eindruck, daß sie nach der Absage von Lammert und anderen keinen überzeugenden Kandidaten in der Hinterhand hat. Damit droht sich die Situation wie bei der Wahl Gaucks zu wiederholen, als sie zähneknirschend auch für ihn stimmen mußte.

Die Bundeskanzlerin wird es wohl nicht als freundlichen Akt bewerten, sie in diese Lage zu bringen. Wenn sie geglaubt hat, mit dem Koalitionspartner ein „gentlemen’s agreement“ über ein Stillhalteabkommen erreicht zu haben, so hat sie sich anscheinend geirrt, was auch ihrem Ansehen nicht förderlich wäre.

Sie hätte ja wissen müssen, daß Sozis keine gentlemen sind.

Wenn all das kein Druck ist …


 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.10.2016 um 12.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=56#1883

Also etwa so:

Im Ringen um die Nachfolge von Joachim Gauck erhöht die SPD den Druck auf Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Olaf Scholz forderte die Union dazu auf, den Weg für die Wahl von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zum Bundespräsidenten freizumachen. "Steinmeier ist der Politiker, den sich die meisten Deutschen als Staatsoberhaupt wünschen. Wer diesen Wunsch aus reiner Parteitaktik missachtet, schadet schnell dem Ansehen der Demokratie", sagte Scholz dem in Berlin erscheinenden "Tagesspiegel am Sonntag".

Herr Scholz äußert seine Meinung - wo ist denn da "Druck"? Das ist doch alles stark übertrieben.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.10.2016 um 04.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=56#1882

Es war bloß mein Eindruck, den ich nicht überprüfen kann, daß die Formel wegen ihrer bequemen Kürze besonders in Überschriften seit einiger Zeit besonders verbreitet ist. So etwas verstärkt sich selbst. Es würde mich nicht wundern, wenn es nun hieß, die SPD stehe unter Druck, weil Bartsch ihr ein Angebot gemacht habe. Jeder, der etwas verlautbart, übt Druck aus, bis zum Apothekerfunktionär.

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.10.2016 um 21.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=56#1881

Ei gewiß, die sogenannten Grünen möchten gerne mit Mrs Bill Clinton in den Krieg ziehen, um in Syrien eine Theokratie zu errichten – aber da wird nichts draus.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 27.10.2016 um 23.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=56#1880

Mir kommt der Ausdruck Druck auf nicht als besonders modisch vor.

Neu ist allerdings, daß allerlei Friedensbewegte wie die Grünen sich plötzlich fast schon bellizistisch benehmen und fordern, wegen der russischen Politik in Syrien noch viel mehr Druck auf Putin auszuüben. Wie das genau zu bewerkstelligen sei, bleibt allerdings etwas unklar.

Hieß das früher nicht etwas anders? Da sollten wir doch unverdrossen immer nur miteinander reden, dann würde sich auf wunderbare Weise doch alles zum Guten wenden.


 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.10.2016 um 06.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=56#1879

Noch ein paar Modeworte der letzten Zeit. Besonders in Überschriften: Druck auf jdn. Zum Beispiel In der Union wächst der Druck auf Merkel - die Arme! Dabei geht es nur um den Wunsch, sie wieder als Kanzlerkandidatin aufzustellen. Wenn jemand etwas "fordert" (= wünscht) oder auch nur anregt, heißt es gleich, er übe Druck aus.

Stark sind auch andere Ausdrücke: eine Fußballmannschaft zerlegt eine andere, die sich daraufhin neu erfinden muß.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.10.2016 um 04.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=56#1878

Wenn mich nicht alles täuscht, hat die Redensart hat ein Problem seither stark zugenommen. Oft auch so: Du scheinst ein Problem zu haben. Statt zu argumentieren, unterstellt man dem anderen eine Störung, fast genug für die Klapsmühle.

Wie anderswo schon erörtert, übernehmen Wörter die Konstruktion ihrer Synonyme:

Ich wünsche mir einen breiten Diskurs zur Lösung dieser Herausforderung. (Leserbrief FAZ 17.10.16)

Man löst Aufgaben, nicht Herausforderungen.

Das ist eine Form der Analogie und ein Pfad des Sprachwandels. Das Synonym ist um der Variation will oder als Kraftausdruck/Euphemismus gesetzt. Ähnlich:


Die Aufklärung ist eines Weltmarktführers jedenfalls nicht angemessen. (FAZ 19.10.16)

(= würdig)

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2005 um 16.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=56#115

"Problem" stammt aus der Wissenschaft und hat schon etwas von einem Modewort, aber "Herausforderung" erst recht - ein alberner Anglizismus (challenge). Das deutsche Wort ist "Aufgabe". Dazu fällt mir immer eine Unterscheidung ein, die Josef König mal getroffen hat: "Probleme" schafft sich der Wissenschaftler selbst, "Fragen" stellt das Leben - oder so ähnlich. Das muß man natürlich nicht so audrücken, aber die Unterscheidung selbst ist nützlich. Der theoretische Charakter, der dem Wort "Problem" immer noch anhaftet (trotz "Houston, wir haben ein Problem"), deutet an, daß man es auch einfach aufgeben und sich anderen Dingen zuwenden kann.

 

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