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05.12.2004
 

Ein „Geschenk für unsere Kinder“ – ein „Verbrechen an unseren Kindern“

In einem offenen Brief vom September klärt Reformveteran Andreas Digeser (Groß- oder Kleinschreibung?: Beiträge zur Rechtschreibreform, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1974) Marcel Reich-Ranicki darüber auf, warum in der Rechtschreibdiskussion Bedenken der Schriftsteller nichts zu suchen haben.

Es gehe vielmehr um nichts Geringeres als um Wohl oder Wehe unserer Kinder, und es sei »notwendig und unumgänglich«, »dass für die Schriftsteller eine andere Rechtschreibung gilt als für die Schüler unserer Grundschulen.«

Den vollen Wortlaut des Briefes finden Sie auf der Website der Rechtschreibkommission oder gleich hier.




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Kommentare zu »Ein „Geschenk für unsere Kinder“ – ein „Verbrechen an unseren Kindern“«
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Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 05.11.2010 um 19.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=30#810

An Digesers Lebenslauf, wie er in einem Artikel der Badischen Zeitung dargestellt ist, fiel mir folgende Stelle auf: "Zehn Jahre lang, von 1955 bis 1965, unterrichtete Digeser am Theodor-Heuss-Gymnasium Schopfheim. Unmittelbar danach wurde er als Professor für Englisch an die Pädagogische Hochschule Freiburg berufen."

Studiert hatte er Anglistik, Romanistik und Germanistik, zum Dr. phil. wurde er in Anglistik und Germanistik promoviert. Diese Fächer dürfte er auch am Gymnasium unterrichtet haben. Daher scheint er mir in Sachen Rechtschreibreform ein Überzeugungstäter zu sein, der die "Not" der Schüler aus eigener Anschauung mitbekommen hat.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2010 um 13.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=30#808

Nachdem nun auch Andreas Digeser verstorben ist, dürfte es nicht uninteressant sein, einiges aus dem Archiv zu veröffentlichen.

Segensreich

Kleine Dokumentation aus Anlaß des Ablebens von Andreas Digeser (Nov. 2010)


Auf dem Rücken der Schwächsten
 
Schulbücher nach der Rechtschreibreform
 
von Theodor Ickler (Rhein-Neckar-Zeitung 29./30.12. 2001)
 
Die sogenannte Rechtschreibreform ist handstreichartig eingeführt worden. Einen Tag nach der Unterzeichnung der „Wiener Absichtserklärung“ lag das neue Bertelsmann-Wörterbuch in den Buchhandlungen, und auch die ersten umgestellten Schulbücher waren gedruckt, so daß im Sommer 1996, also zwei Jahre vor dem geplanten Inkrafttreten der Neuregelung, in den Schulen der meisten Bundesländer mit der Einführung begonnen werden konnte. Von der angekündigten  Erprobungsphase war keine Rede mehr, die Umstellung galt als endgültig. Die Kultusministerien gaben denn auch bekannt, Schulbücher in bisheriger Rechtschreibung ab sofort nicht mehr genehmigen zu wollen.
Zu diesem Zeitpunkt lag das amtliche Regelwerk noch nicht in seiner endgültigen Fassung vor, es fehlte auch noch das amtliche Wörterverzeichnis, ganz zu schweigen von bitter nötigen Kommentaren, die das ungemein schwerverständliche Paragraphendickicht erläutert hätten. Die Schulbuchverlage versuchten notgedrungen, sich einen Reim auf die neuen Regeln zu machen. Mißverständnisse und Übertreibungen konnten nicht ausbleiben. Wenn sogar die erfahrene Dudenredaktion zu dem Schluß kam, „wiedersehen“ und zahlreiche ähnliche Wörter – durchweg von hoher Gebrauchshäufigkeit – würden nunmehr getrennt geschrieben, dann ist es kein Wunder, daß die schlechter informierten Schulbuchbearbeiter entsprechende Änderungen vornahmen. Es dauerte Jahre, bis dieser Irrtum behoben werden konnte.
Vielfach wurde die neuen Getrenntschreibung übergeneralisiert: Wasseramseln, so erfahren wird aus dem Gymnasiallehrwerk des Klett-Verlags, „ernähren sich von Wasser bewohnenden Insektenlarven“ (Natura. Klett 1998).
Aber auch und gerade da, wo die Neuregelung „korrekt“ angewandt ist, leidet der Sinn: Im Geschichtsbuch I (1997) des Cornelsen-Verlags heißt es, daß „sich die Menschenaffen und die Menschenvorfahren auseinander entwickelt hatten“ - als hätten sich die einen aus den anderen entwickelt, während sie sich in Wirklichkeit in verschiedene Richtungen, also „auseinanderentwickelt“ hatten.
Im ersten Übereifer strichen die Verlage eine Unmenge von Kommas, die nicht mehr stehen müssen, aber durchaus noch stehen dürfen und um der Lesbarkeit willen auch stehen sollten. Dabei trafen sie manchmal das Richtige, oft aber auch nicht.
„Es war, wie Fanny, das Kindermädchen, sagte, Platz in der Hölle um die ganze Stadt Wien und alle ihre Menschen zu verschlingen.“ (Canetti in Sprachbuch 9, Bayerischer Schulbuch-Verlag 1997) – „Warum weigern Sie sich nicht Licht anzudrehen, wenn Sie von Elektrizität nichts verstehen?“ (Dürrenmatt in Kennwort 10, Schroedel Verlag 1997) - „Nie hatte ich den Mut meine Absichten und Wünsche euch zu sagen, denn ich wusste, dass sie mit den euren nicht übereinstimmten.“ (Hermann Hesse in Verstehen und Gestalten 10, Oldenbourg Verlag 1996, auch die Kleinschreibung der Anrede ist neu.)
Aber auch die eigenen Texte der Schulbuchautoren leiden unter der Kommastreichung, selbst wo sie jetzt als „korrekt“ gilt: „Um weitere Bruderkriege unter den Stämmen zu vermeiden griffen Abu Bakr und sein Nachfolger Umar auf den Plan Mohammeds zurück den islamischen Staat nach Norden zu erweitern.“ (Geschichtsbuch 1, Cornelsen 1997) - „Da haben wir in Anbetracht unserer höchsten Milde und im Hinblick auf unsere immerwährende Gewohnheit allen Menschen Verzeihung zu gewähren geglaubt diese Nachsicht auch auf die Christen ausdehnen zu müssen.“ (ebd.)
Ebenso häufig wurden Kommas getilgt, die nach wie vor verbindlich sind: „Nun aber fürchteten sie ihr König würde nie ans Ziel kommen.“ (Geschichtsbuch I, Cornelsen 1997.) - „Nachdem Marius zum Konsul gewählt war erhielt er den Auftrag Krieg gegen den Numiderkönig Jugurtha zu führen.“ (ebd.)
Nach einem „hinweisenden“ Wort muß der Infinitiv neuerdings selbst dann durch Komma abgetrennt werden, wenn er nicht erweitert ist: „Er haßt es, zu arbeiten.“ Anfangs hielten viele, darunter das Bayerische Innenministerium, aber auch der einflußreiche Schulbuchautor Gerhard Schoebe gewisse Wortgruppen für solche kommapflichtigen Elemente: „Die Anwältin rief zu dem Zweck, noch rechtzeitig zur Verhandlung zu kommen, ein Taxi herbei.“ (Grammatik kompakt, Oldenbourg 1997) - Das ist jedoch ebenso unrichtig wie die von Schoebe vermutete Weglaßbarkeit des Kommas in: „Wie gesagt es war mitten im Winter.“ Solche Irrlehren durchziehen jetzt die Deutschbücher, die zudem auch ihre Wortschreibung durch die Reform bis zum grammatisch Fehlerhaften entstellt haben: „Die meisten Verbzusätze sind gleich lautend (!) mit einer Präposition oder einem Adverb.“ (Schoebe)
Das vollkommen überflüssige, jetzt aber obligatorische neue Komma als drittes Satzzeichen nach wörtlicher Rede wurde zunächst oft vergessen, zum Beispiel in Erstlesebüchern: „'Es hat geschneit!'“ ruft sie. (Williams: Mein Schneemann friert. Carlsen 1996) – „'Seid ihr sicher?'“ fragt Bauer Huber. (Nagel: Zwei Ferkel stehen Kopf. Carlsen 1996) Inzwischen findet man diesen Fehler in Büchern seltener, wohl weil dieses Komma leicht programmierbar ist. Schüler vergessen es natürlich fast immer; auf diese neue Fehlerquelle hatten Pädagogen schon früh, aber vergeblich hingewiesen.
Die fakultativen Kommas vor erweitertem Infinitiv sind unter genau gleichen Bedingungen einmal gesetzt und dann wieder weggelassen, ohne erkennbaren Grund. Selbst wenn neuerdings dauernd vom „stilistischen Komma“ gesprochen wird - wie soll sich ein Gefühl für den Wert dieses Kommas ausbilden? Eine entsprechende Anfrage beantwortete der Ernst Klett Grundschulverlag so: „Dass unter nahezu gleichen Bedingungen einmal ein Komma steht und das andere Mal nicht, lässt sich kaum vermeiden, so lange (sic) die Wahlmög­lichkeit besteht. Und an dieser Situation kann ein Verlag leider nichts ändern.“ (Brief vom 30. 9. 1997)
Was die literarischen Texte aus neuerer Zeit betrifft, die in den Sprach- und Lesebüchern abgedruckt sind, so ist mit ihnen eine urheberrechtliche Frage verbunden. An einigen Beispielen war bereits zu erkennen, daß die Bearbeitung zu gewissen Veränderungen von Stil und Bedeutung führt. Sehen wir uns noch einmal die veränderte Kommasetzung an: „Törleß seufzte unter diesen Gedanken und bei jedem Schritte, der ihn der Enge des Institutes näher trug, schnürte sich etwas immer fester in ihm zusammen.“ (Musil in Sprachbuch 10, Bayerischer Schulbuch-Verlag 1997, Komma nach „Gedanken“ gestrichen) – „Ich versprach ihm daher auch nur kurz mir noch überlegen zu wollen, was mit ihm geschehen werde.“ (Musil ebd., Komma nach „kurz“ gestrichen)
Ist hier nur eine gewisse Undeutlichkeit die Folge, so muß man bei Christa Wolf schon von einem ernsten Anschlag auf ihren eigentümlichen Stil sprechen: „Damals, im Sommer 1971, gab es den Vorschlag doch endlich nach L., heute G., zu fahren und du stimmtest zu.“ (ebd., zwei Kommas gestrichen) - „Nimm bloß den Sonnenplatz, dessen alten Namen du nicht ohne Rührung ins Polnische übersetzt auf den neuen blauen Straßenschildern wieder fandest.“ (ebd., Kommas vor und nach „nicht ohne Rührung“ gestrichen, die Aufspaltung von „wiederfandest“ ist ein zusätzlicher Schnitzer)
Besonders rücksichtlos gingen die Bearbeiter gegen Thoams Mann vor. Dessen „Krull“ beginnt nun so: „Indem ich die Feder ergreife um in völliger Muße und Zurückgezogenheit – gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde (sodass ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärts schreiten können), indem ich mich also anschicke meine Geständnisse in der sauberen und gefälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papier anzuvertrauen beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem geistigen Unternehmen nach Vorbildung und Schule denn auch gewachsen bin.“ Abgesehen von der Änderung bei der Wortschreibung – „sodass“ und „vorwärts schreiten“  – sind drei Kommas gestrichen. Weiter heißt es: „Hier blühen ... jene berühmten Siedlungen, ... hier Rauenthal, Johannisberg, Rüdesheim und hier auch das ehrwürdige Städtchen, in dem ich wenige Jahre nur nach der glorreichen Gründung des Deutschen Reiches das Licht der Welt erblickte.“ Im Original stehen nach „ich“ und „Reiches“ Kommas; durch ihre Beseitigung werden Stil und Rhythmus völlig verändert.
Als diese folgenschweren Eingriffe bekannt wurden, erklärten zahlreiche bekannte Autoren, u. a. Aichinger, de Bruyn, Grass, Sarah Kirsch, Kunert, Kunze, Hermann und Siegfried Lenz, Muschg und Walser, daß sie jede Anwendung der Rechtschreibreform auf ihre Texte ablehnen. Die Verlage und die Inhaber der Autorenrechte untersagten den Schulbuchverlagen solche eigenmächtigen Veränderungen und verpflichteten sie zur Rücknahme in den nächsten Auflagen. Das „Sprachbuch 10“ zum Beispiel wurde daraufhin nochmals überarbeitet und aufs neue herausgebracht. Übrigens setzen die Reformer selbst die Kommas wie bisher, und die führenden Schweizer Mitglieder der Rechtschreibkommission haben schon 1996 in ihrem „Handbuch Rechtschreiben“ gefordert, die bisherige Kommasetzung im wesentlichen beizubehalten.
Bekannte Merkverse wurden für die neuen Sprachbücher umgeschrieben: „Aber, Atem, Eber, eben, Osten: Buchstaben so ganz allein, liebes Kind das darf nicht sein.“ Daraus wurde: „A-ber, E-ber, e-ben, O-fen, U-fer: Vokale stehen auch allein, das finden sie besonders fein.“ - Eine eigene Pointe besteht darin, daß die „besonders feinen“ neuen Trennungen nicht einmal von der Reformkommission benutzt werden; nur an den Schulen sollen sie „keine Fehler“ mehr sein.
Doch mit alldem nicht genug. Die Rechtschreibkommission hat unterderhand einen großen Teil der neuen Regeln bereits wieder zurückgenommen. Damit sind die umgestellten Schulbücher schon jetzt überholt. In „Verstehen und Gestalten“ Bd. 7 (Oldenbourg 1997) wird erwartet, daß die Schüler „hochbegabt“ und „vielversprechend“ getrennt schreiben; inzwischen ist aber laut neuestem Duden (22. Auflage), der in Absprache mit der Kommission verfaßt und von dieser für zuverlässig erklärt wurde, die Zusammenschreibung auch wieder möglich, oft sogar unumgänglich. Rund 15 Millionen gerade erst angeschaffte (oder von Bertelsmann geschenkte)  Wörterbücher können von Lehrern nicht mehr benutzt werden, da sie für Korrekturzwecke untauglich sind.
Am meisten leidet die Sprachfähigkeit der Kinder. Wie hatte der führende Reformer, Gerhard Augst, im Jahre 1982 gesagt, als er sein Unternehmen noch nicht im Ernst als „Erfolg versprechend“ ansehen durfte? „Eine Änderung geltender Konventionen und Normen über den Schüler zu erreichen, ist zwar verlockend und wäre, wenn es gelänge, auch am erfolg­versprechendsten, aber sie setzt an am schwächsten Glied in der Kette.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.



(Leserbrief von Digeser zu Icklers Beitrag)

Man fasst es nicht
 
Zu: „Auf dem Rücken der Schwächsten“ von Theodor Ickler, 29./30. Dezember 2001
 
Nun hat es sich herumgesprochen, welche segensreichen Auswirkungen die Rechtschreib-Neuregelungen in der Schule haben. Die Interessierten sind froh über die verlustlosen Vereinfachungen und Klärungen, und die Nicht-Interessierten merken, dass sie beim Lesen kaum Veränderungen bemerken. Da meldet sich Professor Ickler wieder zu Wort und will uns einreden, die Neuregelungen seien „handstreichartig“ und „auf dem Rücken der Schwächsten“ eingeführt worden.
Als Belege sollen ein paar ungewohnte Getrenntschreibungen und ein paar Kommazählungen dienen, die bei näherem Hinsehen fast alle das Gegenteil beweisen: sinnvolle Vereinfachungen und Erleichterungen, ganz besonders für Schüler, die schreiben lernen müssen.
Die Vereinfachungen bei etlichen Kommaregeln führen dazu, dass Schüler sich nicht mehr in unsinniger Weise ihre Deutschnoten ruinieren lassen müssen (vgl. M. Rutschky: „... grausige Kindheitserinnerungen an den Deutschunterricht“). Seien wir ehrlich: Kaum irgendein Erwachsener beherrschte die alten Regeln. Das Weglassen bestimmter Kommas in literarischen Texten verändert Stil und Rhythmus nicht. Trotzdem würde ich sie in dem wunderschönen Satz von Thomas Mann, den der Verfasser heranzieht, als Lesehilfe beim Vorlesen lieber stehen lassen. Die neuen Kommaregeln sind ja alle fakultativ.
Die unübersehbar große Leistung der Reform liegt in der Groß-/Kleinschreibung, wo man umfangreiche Zweifelsfallgruppen in die Regelbereiche zurückgeführt hat (obwohl einige Bremser sich mit fünf oder sechs Ausnahmefällen durchgesetzt haben). Man braucht nur einen kurzen Blick auf früher Geltendes zu werfen, um sich zu erinnern: mit Bezug auf; in bezug auf; auf dem trockenen, auf dem Trockenen (sitzen); im bösen, das Böse; im Dunkeln (herumsuchen), im dunkeln (tappen); im Folgenden (= im folgenden Text); das folgende (= dieses), das Folgende (= das, was folgt); beim alten, beim Bisherigen (bleiben); als Ganzes, im ganzen (betrachten), aufs Ganze (gehen); fährt rad, fährt Auto, fährt Ski; macht mir angst, macht mir Sorge; Angst haben, recht haben. Absolut chaotisch! Nach der Neuregelung schreibt man alle Substantive und Substantivierungen durchweg groß.
Alle diese und viele weitere Verbesserungen erwähnt Ickler nicht. Stattdessen verblüfft er den Leser am Schluss mit einem Paukenschlag, der uns Schrecken einflößend ins Ohr dröhnen soll: „Am meisten leidet die Sprachfähigkeit der Kinder.“ Man fasst es nicht. Nirgends in Icklers Artikel findet sich auch nur die Spur eines Hinweises, der diese völlig abwegige Behauptung stützen könnte.
Prof. Dr. Andreas Digeser, Meisenweg 6, 79650 Schopfheim
 
(Rhein-Neckar-Zeitung 12./13. 1. 2002; Leserbriefe)

–-

(Digeser zu Scheuermann)

Verunglimpfung statt Argumentation

Zu: "Unterschied zwischen Theorie und Praxis", Leserbrief von Dr. Wolfgang
Scheuermann, RNZ v.19.1.

Wer keine Argumente hat, verlegt sich auf persönliche Verunglimpfungen. Der andere Diskussionsteilnehmer ist zu alt (sprich: vertrottelt), hat den Kontakt zur Realität verloren oder will ihn gar nicht, hat mangelnde Kenntnisse und bringt falsche Beispiele. Wahrscheinlich merkt Dr. Scheuermann gar nicht, dass das ein höchst negatives Licht auf ihn wirft.
Ginge es ihm um die Sache, hätte er leicht feststellen können, dass fährt rad tatsächlich geltende Schreibung vor der Reform war. Er hat sich wohl nie der Mühe unterzogen, das Chaos der alten Regelungen zu analysieren. Anders Prof. Ickler, der in einem Brief an mich einräumt: "Ich habe übrigens nie die alte Dudendarstellung verteidigt, ...". Wenn einer wie ich seit 35 Jahren mit der Rechtschreibproblematik befasst ist und überdies auf
umfangreiche Studien der Laut-Buchstaben-Beziehung in anderen Sprachen zurückgreifen kann, so ist das ein unschätzbarer Vorteil. Man möge es trotzdem Jüngeren nicht zum Vorwurf machen, wenn sie davon keine Ahnung haben. Es ist aber immerhin interessant zu sehen, dass viele kenntnisreiche Ältere selbstlos die verlustlosen Vereinfachungen gutheißen, auch wenn sie für sich an Schreibgewohnheiten festhalten, während viele Jüngere starrsinnig und unflexibel unseren Kindern die Verbesserungen versagen wollen. Was wäre wohl gewesen, wenn unsere Großeltem, die bis ans Lebensende Thür und Thor schrieben, darauf gedrungen hätten, dass das auch für ihre Enkelkinder so weiter gelten müsse? Übrigens interessant festzustellen:
Sachfeme Polemik und Stimmungsmache, aggressiv und militant, findet sich immer nur bei den Reformgegnem, nicht bei den Befürwortern.

Auf Rechtschreibfehler von Schülern hinzuweisen, bringt nichts, wenn diese nicht auf die Neuregelungen zurückzuführen sind. Das hat man gerade bei einer Diktatseite in dieser Zeitung wieder gesehen. Dass es in der Übergangszeit bei älteren Schülern ein paar Schwierigkeiten geben würde, war zu erwarten. Sogar Dr. Scheuermann gibt zu, dass die Lehrer die Vorzüge inzwischen erkannt haben. In einem Faltblatt des Vereins für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege, Schwaig, heißt es (hoffentlich nicht von Prof. Ickler zu verantworten?): "Wenn Ihre Kinder in der Schule die 'neuen' Regeln lernen müssen, geben Sie ihnen gute Bücher in der 'alten' Rechtschreibung und erklären Sie ihnen die Unterschiede und die Vorteile bzw. Nachteile." Das ist unverantwortlich, ja skandalös. Leute, die so ihre Kinder in Konflikt mit Schule und Lehrern bringen, klagen dann bitterlich über die Schreibverwirrungen ihrer Kinder (so auch Prof. Ickler in einem Brief an mich). Im gleichen Faltblatt wird auch für "Das Rechtschreib-Wörterbuch" von Prof. Ickler geworben. Der Autor wird auf dem Umschlag nicht genannt, was wohl suggerieren soll, dass statt eines Einzelgängers ein breites Gremium von Experten dahintersteckt und dass dieses Buch Gültigkeit für alle Sprachteilnehmer beansprucht. Gibt es nicht noch ein paar Linguisten, die solche eigenen Regelwerke mit dem gleichen Anspruch hervorbringen könnten? Das Ergebnis ist die laute, beharrlich wiederholte Klage, dass die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung zerstört sei. Wäre das der Fall, so wären allein die ewiggestrigen Reformkritiker verantwortlich. Sie berufen sich darauf, dass auch die Experten - allerdings (fast) nur bei der vertrackten Getrenntschreibung - zu gewissen Veränderungen und Zugeständnissen bereit sind. Und sie behaupten, die "so genannte Reform" ziehe neue Reformen nach sich (!). Dabei haben sie vergessen, dass die Duden-Redaktion jahrzehntelang seit 1955 immer wieder Neuerungen eingebracht hat, was dazu führte, dass alle Institutionen und Privatleute stets die neueste Ausgabe des Wörterbuches kaufen mussten.
Natürlich muss das System immer weiter fortgeschrieben werden. Das sollten auch protestierende Schriftsteller bedenken, deren Werke, sofern Zeiten überdauernd, selbstverständlich laufend der aktuellen Rechtschreibung angepasst werden. Wer druckt heute noch Grimmelshausen oder Goethe in deren Originalschreibung (Goethe z. B. sein/seyn mit durchaus verständlicher Unterscheidungsschreibung)? Inhalt und Stil bleiben natürlich bei solchen graphischen Veränderungen unberührt.

Es muss doch allen Eingeweihten klar sein: Hätten wir die Neuregelungen
(besonders bei der Groß/Kleinschreibung) nicht gehabt, so bekämen wir jetzt
wieder eine breit ausufernde Kampagne zur rigorosen Zerstörung tragender
Pfeiler des deutschen Rechtschreibsystems wie schon in den 70er Jahren. Dies
bedenkend, sollten eigentlich alle involvierten Linguisten an einem Strang
ziehen.

Professor Dr. Andreas Digeser, Schopfheim



(Ickler an Digeser, 13.1.2002)

Sehr geehrter Herr Digeser,

hiermit überreiche ich Ihnen noch einen ergänzenden kleinen Aufsatz.

Welche Verwirrung in den Schulen herrscht, bekommen Sie vielleicht nicht mehr so gut mit wie ich mit meinen Töchtern in der 3. bzw. 8. Klasse.

Darf ich Sie mal nach einer Einzelheit fragen? Sie halten also die Kleinschreibung bei recht haben für absurd? Wie steht es denn mit wie Recht du damit hattest usw.? Das ist nach allen Regeln der Grammatik falsch, und aus diesem Grunde haben die Reformer in ihrem gerade fertiggestellten dritten Bericht vorgesehen, diese und manche andere Unsinnsschreibung wieder zurückzunehmen. (Dieser Bericht bedeutet nichts anderes als die dritte Rechtschreibreform innerhalb von vier Jahren. Wie Sie sehen werden, müssen im laufenden Jahr alle Rechtschreibwörterbücher usw. nochmals neu gedruckt werden. Problematisch ist allerdings die Spaltung der Kommission, denn da Österreich und die Schweiz den neuen „Beirat“ nicht mittragen, tagt nur noch die deutsche Hälfte der Kommission zusammen mit diesem Beirat.)

Ich habe übrigens nie die alte Dudendarstellung verteidigt, sondern die tatsächlich praktizierte Rechtschreibung vor der Reform. Dazu habe ich ein neues Wörterbuch gemacht, mit sehr einfachen und klaren Regeln und 60.000 Einträgen, die an keiner Stelle zu grammatisch falschen Formen führen wie die Neuschreibung. Mein Kommentar zur Reform umfaßt in zweiter Auflage 300 Seiten, das läßt sich natürlich in einen kurzen Zeitungsbeitrag nicht darstellen, aber wenn Sie eine Beweisführung suchen – sie liegt längst vor, und Sie wissen es.

Mit den besten Wünschen



(Jochems an Ickler 31.1.2002)

Lieber Herr Ickler,

herzlichen Dank für Ihre Mail. Die Schneckenpost (wie das junge Volk sagt)
brachte heute morgen einen vierseitigen Brief von Herrn Digeser. Zum größten
Teil widmet er sich Fragen der Rechtschreibung und der Rechtschreibreform im
Englischen und Französischen, was ja sein eigentliches Fachgebiet ist. Ein
paar allgemeine Bemerkungen könnten Sie aber interessieren. Wiederum: Bitte
streng vertraulich! Mir fällt besonders auf, wie konziliant Herr Digeser
auch schreiben kann. Vielleicht gehört er zu den wenig selbstbewußten
Menschen, die in jeder Art von Kritik einen Angriff sehen und entsprechend
reagieren. Aber lesen Sie selbst:

(Digeser an Jochems:)

Was Sie als "überzogene Schärfe" bezeichnen, vielleicht nicht ganz zu
Unrecht, kommt nur in meinem für Sie persönlich bestimmten Brief vor, nicht
jedoch in der für die Veröffentlichung vorgesehenen Erwiderung auf Dr.
Scheuermann. Übrigens: Ihre Verurteilung der Experten als "Stümperriege" ist
als viel schärfer zu werten, da pauschal auf eine ganze Gruppe bezogen. Sind
Sie selbst so viel kenntnisreicher als die alle zusammen? Ich denke darüber
hinaus, dass Sie ganz gut verstehen, wen ich mit "ignoranten Kritikern"
meine; jedenfalls nicht Sie und nicht alle, deren Namen Sie in Ihrem Brief
nennen; auch des Weiteren z. B. nicht Augst, Borchmeyer, Denk, Heller.
Munske, mit dem ich interessante Diskussionen hatte, ist ein besonderer
Fall: Alle Eingeweihten schütteln verständnislos den Kopf darüber, dass er
jahrelang an den mit den Kollegen zusammen gefundenen Lösungen beteiligt war
und dann, wohl weil er bei ein paar Entscheidungen überstimmt wurde, sich
nicht nur beleidigt zurückzog, sondern gleich die gesamte Reform verteufelte
und damit alle Kollegen rüde vor den Kopf stieß. Man darf wohl annehmen,
dass jenes Faltblatt des Vereins für dt. Rechtschreibung sich auf Munske
bezieht, wenn es dort heißt, ein Fachmann rate für die Wörterbuchbenutzung
"Alles, was rot ist, ist falsch." Das ist ganz im Sinne aller, die meinen,
man dürfe überhaupt nichts ändern. Warum hat er dann so lange und so
intensiv mitgearbeitet?

Auch Sie vertreten offensichtlich jenen Standpunkt: "...wenn man willkürlich
in eine gewachsene Rechtschreibung eingreift". Das wird dann von den Laien
gleichgesetzt mit "wenn man in die Sprache eingreift." Damit ist der
fundamentale Irrtum, dem ganze Heerscharen von Kritikern unterliegen,
deutlich benannt. In der Rechtschreibung ist so gut wie nichts gewachsen,
sondern alles gemacht. Anpassungen und Veränderungen haben laufend
stattgefunden: natürlich alle gemacht. Da wächst nichts. Die Sprache als
solche, in die man nicht willkürlich eingreifen sollte, bleibt von solchen
"Retuschen", wie Sie es nennen, völlig unberührt - es sei denn, man schafft
gewaltsam ein ganzes Teilsystem wie die 'Großschreibung' ab (auch dieses
System gefunden und willkürlich in Regeln gefasst) und bewirkt damit, dass
manche, die schreiben, den Klammersatzbau zu vermeiden trachten: eine nur
von Fachleuten zu verstehende sekundäre Rückwirkung auf das, was wir unter
Sprache verstehen. Vgl. dazu Leonard Bloomfield (1887-1949): "Writing is not
language but merely a way of recording language by means of visible marks."
[...]
Hilfe, wer stoppt mich? Sie haben Recht: Es gibt unter Diskussionspartnern
noch ein paar Brücken der Kommunikation. Aber leider scheinen, wie Sie
selber sagen, unter den Befürwortern die meisten schon resigniert aufgegeben
zu haben. Vielleicht weil sie, wie ich, auch persönlich polemisch
angegriffen wurden? Oder auch, weil ihre Argumente als gar nicht
diskutierfähig beiseite gefegt wurden?

(Jochems dazu:)

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was dem in der Sache entgegenzuhalten
wäre. Immerhin gibt mir Herrn Digesers Bemerkung über Herrn Munske zu
denken. Sie darf übrigens auf keinen Fall weitergegeben werden. Da Herr
Munske ja ohne jeden Zweifel einer der Urheber der gegenwärtigen
Verwerfungen ist, könnte man von ihm ein wenig mehr Einsatz für deren
Behebung erwarten. Ebenso unentschieden verhält sich freilich Herr
Eisenberg. Auch er trägt viel Schuld. Hätte er 1993 in Bonn eindeutig im
Namen des Germanistenverbandes den Augstschen Entwurf abgelehnt, wäre es
nicht zu den Folgen gekommen. Aber wo soll man hier anfangen, wo aufhören?
Herr Stetter wäre noch zu nennen, Herr Veit, Herr Weinrich, Herr Maas,
schließlich sogar noch Herr Bierwisch. Die Linguisten in Deutschland sind
wahrlich kein Verein der Ritterkreuzträger.

Gerade höre ich von Frau Rolland, daß ein erweiterter Nachdruck des Duden
2000 in den Buchhandlungen liegt. Im Vorwort fand sie den Hinweis, in
einigen Fällen sei man von der Neuregelung abgewichen. Leider hatte sie sich
nicht die genaue Formulierung aufgeschrieben, aber dem müßte man doch
unbedingt nachgehen.

Viele herzliche Grüße nach Spardorf,

Ihr Helmut Jochems



(Jochems an Digeser 17.2.2002, zu dessen Leserbrief)
 
Sehr geehrter Herr Kollege Digeser, vermutlich haben Sie sich als
Ruheständler nicht mehr mit Computern und dem Internet anfreunden können und
ersparen sich so die zeitaufwendigen Trakasserien, die neben den zahlreichen
guten Seiten leider auch part and parcel  der modernen
Informationstechnologie sind. Immerhin habe ich gestern im Internet Ihren
kürzlichen Leserbrief zur Rechtschreibreform lesen können, der mich an
unseren Gedankenaustausch von 1997 erinnert. Haben Sie nicht auch den
Eindruck, daß sich seitdem die Gewichte sehr verschoben haben? Angesichts
der schrecklichen Geschehnisse in der Welt mag man sich nur ungern über die
häufig abenteuerliche Orthographie aufregen, in der selbst renommierte
Zeitungen darüber berichten. Aber auch bei normalem Lauf der Dinge wäre das
vorübergehend sehr prononcierte Interesse an der Rechtschreibung inzwischen
erlahmt. In der Presse ist sie allemal nicht mehr newsworthy.
 
Aus Ihrem Leserbrief könnte man herauslesen, daß Sie mit der gegenwärtigen
Rechtschreibsituation in Schule und Öffentlichkeit zufrieden sind. Leider
kennt man aber nur den Zustand der Presseorthographie, denn was an den
Schulen los ist, wird erst nach dem 1. August 2005 offenbar werden. Dann
nämlich werden die Kultusminister den Beweis dafür antreten müssen, daß die
Reform den Schülern leichter erlernbare und verläßlicher handhabbare
Schreibungen beschert hat. Was geschieht aber, wenn sich beide Annahmen als
falsch erweisen? Frau Rutschky hat schon vorsorglich einen Rückzieher
gemacht. Sie führt die schlechten deutschen PISA-Ergebnisse darauf zurück,
daß man 1996 nicht eine radikal vereinfachte Rechtschreibung nach dem
Vorbild der finnischen eingeführt habe.
 
Sie sprechen in Ihrem Brief von "Bremsern". Für Frau Rutschky gehören Sie
aber auch zu den culprits, denn offenbar war im Vorfeld von 1996 nicht die
Regularisierung, sondern die Abschaffung der Substantivgroßschreibung das
große Thema. Sie haben zwar das große Verdienst, die "Revoluzzer und
Radikalinskis" (wie der sächsische Wissenschaftsminister sagt) um ihren
ideologischen Triumph gebracht zu haben, ohne jedoch gegen deren bodenlose
Ignoranz in sonstigen Rechtschreibfragen etwas ausrichten zu können.
 
[...]
 
Sehr geehrter Herr Kollege Digeser, was soll man jetzt den Kultusministern
raten? Wäre es nicht am besten, sie zögen sich ganz aus der
Rechtschreibregelung zurück? Das Regelwerk von 1996 ist heute schon so
antiquiert wie fast alles, was sozialistische Bildungsideologen in unseren
aktiven Jahren in die Welt setzten. Unsere Rechtschreibung wird sich gewiß
irgendwann wieder normalisieren - mit oder ohne einstimmigen Beschluß der
KMK. Lohnt es sich wirklich, für den Wechselbalg der unbedarften
Weltverbesserer noch eine Lanze zu brechen?
 
Mit sehr herzlichen kollegialen Grüßen bin ich ...
 


(Digeser an Jochems)

Sehr geehrter Herr Kollege Jochems,

in Kreuztal: Sie müssten doch bei Ihrer streng konservativen Einstellung
eine Kampagne starten, damit man Kreuzthal schreibt, wie es sich gehört?
Danke für Ihren Brief vom 17.1.02. Ich lege Ihnen meine Erwiderung auf den
Leserbrief von Dr. Scheuermann bei. Ich denke, dieser letztere muss
weitgehend Ihre Zustimmung gefunden haben. Sie schlagen in Ihrem Brief an
mich ganz ähnliche Töne an, wenn sie auch nicht alle so böswillig,
verleumderisch und bescheuert klingen wie bei Scheuermann. Jedenfalls habe
ich durch meine Erwiderung schon die meisten Ihrer Fragen beantwortet -
sofern es sich wirklich um Fragen handelt.

Ich arbeite seit zehn Jahren mit dem Computer und freue mich über die
deutliche Erleichterung und Zeitersparnis. Sollte ich (demnächst?) einmal so
verwirrt sein, wie Sch. es annimmt, werde ich es Sie wissen lassen, wenn ich
noch kann. Ihre Äußerung, ich gehörte zu den culprits kann ich leider nur
durch einen dichten Schleier des Unverständnisses sehen. Da haben Sie
gewaltig daneben gegriffen. Was glauben Sie, hätte ich wohl gegen die von
Ihnen behauptete "Ignoranz" anderer Leute ausrichten können, um nicht
schuldig zu werden? Einfach lächerlich!

Ihr Staatsminister-Meyer-Zitat ist interessant. Danke. Ich unterschreibe
jedes Wort. Auch er versteht wohl wie ich mehr als nur die deutsche
Rechtschreibproblematik. Man hat durch die Neuregelungen den Wildwuchs
(diesen kritischen Ausdruck benutzt auch Prof. Ickler) bei uns auf dem
Gebiet der Zusammenschreibung erfolgreich etwas beschnitten (zuhause,
inderregel usw.). Er hat Ausländern immer mehr Schwierigkeiten beim Lesen
bereitet - völlig unnötigerweise. Auch im Englischen tauchen mehr und mehr
"illegale" Zusammenschreibungen auf (ganz gängig schon; "anymore"). Aber
obwohl es im Englischen (wie im Frz.) - ganz im Gegensatz zu den falschen
Behauptungen der dt. Reformgegner - ständig neue
Rechtschreibreform-Bestrebungen gibt, hat man noch nie gehört, dass
irgendjemand die Zus./Getrenntsehreibung in eine Regulierung pressen will.
Ich hätte, hätte man mich gefragt, auch für das Deutsche davon abgeraten.
Man gerät allzu leicht in Teufels Küche damit. Allein bei den heißgeliebten,
wenngleich meist unsinnigen und verqueren Unterscheidungsschreibungen stößt
man auf hartnäckigen Widerstand. Neue Einzelveränderungen müssen natürlich
möglich sein, ohne dass gleich die militanten Gegner aufschreien und
behaupten, die gesamte Reform sei gescheitert und man sehe ja: es gebe
laufend neue Reformen.

Dass Sie bei Ihrer Aufzählung dessen, was Ihnen nicht gefällt, sich strikt
auf den Bereich der Getrenntschreibung beschränken, spricht leider nicht für
Ihre Kompetenz. Sie bewegen sich da im Rahmen des Dauergeredes der
ignoranten Kritiker. Schade!- Zu bedenken bitte ich Sie auch, dass es bei
Sprache, anders als in der Mathematik, durch ungesteuerten Sprachwandel
immer Grenzfälle gibt, die sich nicht ganz leicht in ein Regelsystem fügen,
dass aber andererseits die unvermeidlichen Änderungen keinen Eingriff in
"die Sprache" bedeuten. Das müssen auch jene Schriftsteller inzwischen
gemerkt haben, die einen unheilvollen Einfluss auf die mit dieser Materie
nicht vertrauten Massen der Sprachteilnehmer hatten und noch haben. Die
Leute dachten: Die stellen Sprache, also die müssen es ja wissen. Weit
gefehlt. Schauen Sie sich mal schriftliche Äußerungen einiger Schriftsteller
zu dieser linguistisch-sprachpsychologisch komplizierten Sache an!

Mit freundlichen Grüßen



(Jochems an Digeser, Januar 2002, Auszug)

Sie haben zwar das große Verdienst, die "Revoluzzer und Radikalinskis" (wie
der sächsische Wissenschaftsminister sagt) um ihren ideologischen Triumph
gebracht zu haben, ohne jedoch gegen deren bodenlose Ignoranz in sonstigen
Rechtschreibfragen etwas ausrichten zu können. Freilich ist es
Staatsminister Dr. Hans-Joachim Meyer aus Dresden nicht besser ergangen.
Lesen Sie nur, was er 1998 vor dem Deutschen Bundestag zum besten gegeben
hat:

Die Neuregelung räumt mit einer Marotte auf, die sich im Deutschen zum
Schrecken der Schulkinder und der Ausländer immer mehr eingebürgert hat,
nämlich, daß Begriffe und Vorstellungen, die durch mehr als ein Wort
ausgedrückt werden, zusammengeschrieben werden müssen. Dafür gibt es
überhaupt keinen zwingenden Grund. Ob ich nun sage "Wir müssen uns bald
wiedersehen" oder "Wir sehen uns bald wieder": In beiden Fällen drücken die
beiden Wörter "wieder" und "sehen" die gleiche Vorstellung aus. Aber nur in
einem Fall, nämlich wenn die beiden Wörter unmittelbar nebeneinander stehen,
muß man sie zusammenschreiben. Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. [...]
Meine Damen und Herren, lassen Sie sich von einem Anglisten sagen: Im
Englischen gibt es ähnliche Zusammensetzungen. Kein Mensch kommt auf die
Idee, dort eine Regel aufzustellen, daß alle diese Wörter
zusammengeschrieben werden müssen. Dadurch spart man sich im Englischen
viele Schulstunden und sehr viele Tränen.

Gerade finde ich in der heutigen Internetausgabe der New York Times folgende
englische Partizipialkomposita: peacekeeping, aforementioned, labor-saving.
In amerikanischen Zeitungsredaktionen teilt man offenbar Prof. Meyers
Ansichten nicht. Bei uns ist auch der Duden von Auflage zu Auflage anderer
Meinung. Was halten Sie von den Änderungen in der reformierten Reformausgabe
von 2000? Bei zahlreichen zusammengesetzten Partizipien von
"abscheuerregend" über "hitzeabweisend" bis "zeitraubend" ist wieder
Zusammenschreibung zulässig, mehr noch: gesteigert ("am
abscheuerregendsten") oder intensiviert ("äußerst zeitraubend") ist die
Getrenntschreibung jetzt ausgeschlossen. Leider fehlt der Hinweis, daß auch
als Prädikativum ("... ist hitzeabweisend", nie: "... ist Hitze abweisend")
die Getrenntschreibung grammatisch falsch ist. Auf alle Fälle ist hiermit
ein wichtiger Schritt weg von den anstößigen Einträgen in den millionenfach
gekauften Wörterbüchern der Jahre 1996 bis 1999 getan. Leider ist es aber
bei "Dienst habenden Beamten", "Feuer speienden Bergen", "Fleisch fressenden
Pflanzen", "Laub tragenden Bäumen" und sogar bei "Daten verarbeitenden
Anlagen" geblieben. Schlimmer noch: "die Not leidende Bevölkerung", aber
"notleidende Kredite" (fachsprachlich!). Dagegen sind "blutsaugend",
"epochemachend", "erholungsuchend" (jedoch nicht "arbeitsuchend"),
"musikliebend" und andere wieder ins Wörterbuch zurückgekehrt - auch ohne
Steigerungsmöglichkeit. Der Mut der Dudenredaktion, sich über unzumutbare
Regeln hinwegzusetzen, verdient Anerkennung, ihre Inkonsequenz bei der
Wiederherstellung der richtigen Schreibungen freilich nicht. Im August 2000
sagte eine an der 22. Auflage beteiligte Mitarbeiterin, bei den
Redaktionsarbeiten sei oft heftig um einzelne Schreibungen gerungen worden.
Generell setze sich zunehmend die Position durch, daß die Beobachtung der
faktischen Sprachverwendung ein höheres Gewicht erhalte als der Anspruch der
Regelfestsetzung. Von dieser aufgeklärten Sicht sind die Mitglieder der
Zwischenstaatlichen Kommission für Rechtschreibung und ihre Auftraggeber
noch weit entfernt.



(Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung:)

Den nachfolgenden offenen Brief hat uns Herr Prof. Dr. Andreas Digeser, emeritierter Professor für Anglistik/Amerikanistik und Sprachwissenschaft (Freiburg) zur Veröffentlichung überlassen.
Es handelt sich um einen ausgewogenen, argumentativen Beitrag in der aktuellen Diskussion, den der „Spiegel“ bisher nicht veröffentlicht hat, der aber für die Leser unserer Website interessant sein dürfte.

Offener Brief an Marcel Reich-Ranicki

Sehr geehrter Herr Reich-Ranicki,
Sie kritisieren im SPIEGEL (Nr. 32 / 2.8.2004, Seite 144) eingehend die deutsche Rechtschreibreform – das Reförmchen, wie viele enttäuscht sagen, die mehr erwartet hatten. Sie beschränken sich in Ihrer Kritik fast ganz auf die Getrennt- und Zusammenschreibung (Bereich B im Regelwerk) so wie schätzungsweise 95 Prozent aller Kritiker (sofern überhaupt seriös). Dies zeigt, welch ein angreifbares Kapitel das ist. Hätte man doch nur die Finger davon gelassen: „Si tacuisses...“. Der kluge Konrad Duden hütete sich, diese Problematik anzutasten, als er 1901 die Grundlage für eine vereinheitlichte deutsche Rechtschreibung legte (übrigens mit deutlichem Hinweis auf die immer nötige Weiterentwicklung). Diese in Jahrzehnten wild gewachsenen Schreibgewohnheiten als Festlegungen in ein überschaubares Regelwerk zu zwingen, erscheint mir als geradezu unmöglich. Auch bei den Orthografie-Diskussionen in England, USA und Frankreich, um nur einige zu nennen, hat man diese Schwierigkeiten weitgehend ausgespart. (Ich erwähne am Rande, dass ich glaube, dass monolinguale Menschen kaum eine Chance haben, die äußerst komplizierten Vorgänge bei der Umsetzung von Lautung in Schreibung zu verstehen). Man überlässt das Trennen von Wortteilen (Morphemen) den oft gefühlsmäßig getroffenen Entscheidungen der schreibenden Menschen, eine Handhabung, wie man sie auch an Ihren Beispielen erkennen kann. In England gibt es noch strenge Literaten, denen anymore ein Gräuel ist; aber das hat sich längst durchgesetzt.
Vieles, was die Experten im Bereich Getrenntschreibung entschieden haben, ist durchaus in Ordnung und hat den modischen Trend, Wortketten durch Zusammenschreibung aneinanderzuhängen (genauso, sogenannt, inderregel), erfolgreich gestoppt. Dies auch mit Rücksicht auf die fremden Leser des Deutschen, die mit Recht stets die unnötig langen Wortzusammenschreibungen beklagten. Diese entsprechen den höchst zahlreichen englischen compound words, nur dass diese getrennt geschrieben werden und dadurch leichter verständlich und flüssiger lesbar sind. Manche Entscheidungen bleiben angreifbar. Ihr Beispiel von der frisch gebackenen Ehe erinnert daran, dass der Schriftsteller Rainer Kunze schon 1997 empört geschrieben hat, neu verheiratet sei doch etwas völlig anderes als neuverheiratet, das eine wohl „erst gerade“ und das andere „erneut“. Leider habe ich nie begriffen, welches nach seiner oder allgemeiner Meinung welches ist. Die Menschen unterliegen dem Irrtum zu glauben, getrennt bedeute konkret und zusammen im übertragenen Sinne. Sitzen bleiben hat mindestens fünf Bedeutungen, davon die meisten figürlich: Der Schüler ist sitzen geblieben; die Frau ist sitzen geblieben; der Bauer ist auf seinen Kürbissen sitzen geblieben usw. Die Experten erkannten: Die Meinung, man könne mit der Getrennt- bzw. Zusammenschreibung Bedeutungsunterschiede suggerieren, ist ein Irrglaube. Und so entschieden sie folgerichtig: sitzen bleiben wie stehen bleiben, liegen bleiben. Ausdrücke wie frisch gebacken, tief schürfend taugen bestens für die figürliche Bedeutung, auch wenn sie getrennt geschrieben sind.
Anders wohlverdient, wohlvertraut: wohl kann man nicht abtrennen, weil es dann als Adverb mit einer eigenen Bedeutung auf sein Bezugswort abstrahlt. Das gleiche gilt für schwer: schwer behindert ist eben nicht das gleiche wie schwerbehindert. Das ist einer jener Fälle, wo in der gesprochenen Sprache (aber eben nicht in der geschriebenen) die Betonung den Unterschied markiert, so wie bei wieder holen und wiederholen. Was sagen Sie zu Gewinn bringend, gewinnbringender als ...; das Gewinnbringendste? Einfach „miserables, falsches Deutsch“? Oder nur ein Beispiel für die Nicht-Beherrschbarkeit des komplexen Problems der Getrennt- und Zusammenschreibung? Da haben wir noch viel Stoff für unaufgeregte Diskussionen.
„Nicht besser ist es um die Großschreibung bestellt“, sagen Sie, und dann schreiben Sie weiter über die Getrenntschreibung. Es ist klar, dass, wo getrennt wird, neue Großschreibprobleme auftauchen können. Aber um der guten, wichtigen Sache willen darf ich Sie bitten, mit mir den Sprung in den Bereich D des Regelwerkes, Groß- und Kleinschreibung, zu wagen. Dort ist alles fabelhaft einfach, durchschaubar und leicht erlernbar geregelt. Die zahllosen Ausnahmeregelungen aus der Zeit von 1955 bis 1990 sind verschwunden. Sie waren munter sprudelnde Fehlerquellen – auch für professionelle Schreiber. Jetzt gilt eine klare Regel: Alle Substantive und Substantivierungen werden großgeschrieben.
Nun gab es zwei Fachleute, die eine Fallgruppe, für welche schon Übergang zur Großschreibung beschlossen war, nachträglich wieder auf Kleinschreibung festlegten: vor kurzem, bei weitem usw. Aber dabei handelt es sich nur um fünf bis sechs Ausdrücke. Dann gibt es da noch die spät gefällte Entscheidung, es tut mir Leid großzuschreiben. Es gibt kaum einen Kritiker, der dieses Beispiel nicht heranzieht. Ich habe diese Großschreibung von Anfang an abgelehnt, und sie ist wohl mittlerweile schon wieder revidiert worden.
Alles in allem ist jedenfalls dieser Kernbereich der Reform, die Groß- und Kleinschreibung, hervorragend gut geregelt und durch seine Vereinfachungen ein Geschenk an unsere Kinder. Ein voller Erfolg! Wer wollte die Verantwortung dafür übernehmen, wenn diese Leistung vernichtet würde? Sie sicherlich nicht; das sehe ich schon aus einigen Ihrer „wohlbedachten“ Bemerkungen.
Bevor ich zu den Verursachern der von Ihnen mit großem Zorn ausgerufenen Katastrophe komme, möchte ich an einem einzigen, rasch herausgegriffenen Beispiel zeigen, wie die Leute, ohne nach Gründen für Änderungen zu fragen, oft höhnisch und spöttisch mit der Reform umgehen. Da ist in einem Nebensatz von „Albernheiten wie Flusssand“ die Rede. Dabei handelt es sich um die alte Regelung, dass man bei drei gleichen Konsonanten-Buchstaben einen wegzulassen hat, obwohl alle drei vorhanden sind, also nicht Esssucht, sondern Essucht. Folgte aber ein weiterer Konsonant, so musste man den ausgeschiedenen Konsonanten, also hier das dritte s, wieder einfügen: Essstörung; denn sonst käme bei Trennung am Zeilenende ein amputiertes Wort auf die neue Zeile: *Ess-törung. Das würde den Lesefluss doch sehr ‚tören’. Alle unsere Kinder mussten diese komplizierte Regelung lernen, und die heutigen Erwachsenen zeigen durch ihre abfälligen Bemerkungen, dass sie das eben nicht gelernt haben. Einfach alle Buchstaben zu schreiben, die ja vorgegeben sind, ist eine schlanke Lösung für das sonst verzwickte Problem. Bei jeder einzelnen Neuerung muss man sich also fragen: Was hat die Fachleute bewegt, da etwas zu ändern? Fast immer handelt es sich um begrüßenswerte Vereinfachungen. Kennt man die Gründe nicht, kann man nicht guten Gewissens mitreden.
Damit komme ich zum Knackpunkt meines Briefes. Sie schreiben: Die Reform war von Anfang an „unzweifelhaft eine Katastrophe“. Die Leser werden sagen: ein Paukenschlag, wie wir ihn von Marcel Reich-Ranicki kennen. Aber wer trägt die Schuld an dieser Katastrophe? Eine Gruppe von Schriftstellern ist schuld daran; das muss endlich einmal ganz klar und offen gesagt werden. Kaum wurden die ersten Neuerungen bekannt, starteten jene Schriftsteller eine riesige Protest-Kampagne und dekretierten, dass alle Texte nur genau so gedruckt werden dürften, wie sie sie schreiben. Obwohl sich nicht alle Schriftsteller beteiligten, war das schon eine Art Todesstoß für die Reform. Denn die große Masse der Menschen, ohnehin gern und bequem in den alten Schreibgewohnheiten verharrend, erkannte unbesehen die Schriftsteller als Autoritäten in Rechtschreibfragen an und sah sich in der Ablehnung auch kleinerer Veränderungen bestätigt: Schriftsteller „stellen Schrift“ und wissen in dieser Sache am besten Bescheid. Ein fundamentaler Irrtum!
Diese Literaten haben in vollem Maße Unrecht. Erstens haben orthografische Veränderungen keinerlei Einwirkungen auf die Inhalte der Texte. Der ganze Mythos des unerlaubten Eingriffs von Reformen dieser Art in die lebendige Sprache und ihre Entwicklung ist blühender Unsinn. Wäre meine Oma Schriftstellerin gewesen, so hätte sie eines Tages überrascht festgestellt, dass ihr Verleger Tür und Tor druckte, obgleich sie doch selbstverständlich Thür und Thor geschrieben hatte. Sie hätte jedoch gleich erkannt, dass sich damit an der Bedeutung samt allen Konnotationen nichts, aber auch gar nichts änderte: Es handelte sich immer noch um die gleiche Tür und das gleiche Tor und die gleiche Tür-und-Tor-Aussage. Jene Schriftsteller hatten im Nu einen enormen Popanz aufgebaut, und viele Millionen samt Nicht-Schreibern und Intellekuellen fielen darauf herein.
Zweitens werden alle literarischen Texte, sofern sie eine gewisse Lebensdauer haben, unweigerlich automatisch modernisiert und dem gerade gängigen Rechtschreibsystem angepasst. Niemand druckt Gryphius oder Gellert, Klopstock oder Claudius heute in deren originaler Schreibung. Goethe, der noch gar nicht lange zurückliegt, unterschied noch zwischen sein und seyn (Verb oder besitzanzeigendes Fürwort). Diesen Unterschied hat man irgendwann sang- und klanglos aufgegeben, ohne dass es Goethes Texten im Geringsten geschadet hätte. Bitte überlegen Sie noch einmal, ob wirklich die Reformer „alle zeitgenössischen Schriftsteller auf einmal“ brüskiert haben. Möglicherweise haben jene Schriftsteller sich sehr unüberlegt und völlig grundlos aufgespielt.
Damit Sie verstehen, warum ich so auf Sie einzuwirken versuche, dass Sie Ihren großen Einfluss in Richtung Vernunft geltend machen, muss ich erklären, warum die Reform ungeheuer wichtig ist und eben nicht „so unnötig wie ein Kropf“ oder „etwas Missratenes“. In den 70er Jahren kämpfte ich in Rundfunk, Fernsehen und Printmedien für die Erhaltung der Großschreibung. Karl Korn von der FAZ stellte mir eine Großformat-Seite zur Verfügung, erschienen 1974, wo ich (auf 22 Schreibmaschinenseiten) den Lesern erkären konnte, warum die so genannte Substantiv- Großschreibung für die deutsche Sprache mit ihrem Klammersatzbau und ihrer besonderen Morphologie unbedingt erhalten werden muss. Im Fernsehen stritt ich zusammen mit dem Verleger Klett (Vater) für die Großschreibung. Ein bekannter Schriftsteller, der sich auch für die Großschreibung zu kämpfen bereiterklärt hatte, sagte zwei Tage vor der Diskussion, einer live-Sendung, im Fernsehen ab. Er hatte sicherlich (allzu spät) erkannt, dass er zwar sagen konnte, er sei für die Großschreibung – aber sonst nichts. Und das wäre viel zu wenig gewesen. Jedenfalls: wir Großschreiber obsiegten schließlich.
Allerdings waren wir Fachleute uns einig, dass die deutsche Großschreibung keinesfalls so bleiben konnte, wie sie war, nämlich mit allen chaotischen Regelungen. Das hätte sehr schnell die Kleinschreiber wieder auf den Plan gerufen. Also arbeiteten wir für den Bereich Groß- und Kleinschreibung ein neues Regelwerk aus, das dann vom Internationalen Arbeitskreis für Orthografie in Mannheim fast unverändert übernommen wurde. Viele heutige Intellektuelle haben gar nicht realisiert, dass diese neue Version der Garant für die Erhaltung der Großschreibung ist.
Würde man eine Umfrage bei den Literaten machen, würde sich, so meine ich, herausstellen, dass sie nahezu alle für die Erhaltung der Großschreibung sind. Wenn jetzt dieser Kernbereich der Reform zerschlagen wird, wenn man die undurchdringlichen Verwirr-Regelungen aus der Mottenkiste holt, ist die Großschreibung gegen die dann wieder erstarkende Macht der Kleinschreiber nicht zu retten.
Außerdem wäre das ein Verbrechen an den Kindern und Lehrern, die seit sechs Jahren die neuen Schreibformen mit Erfolg und Leichtigkeit praktizieren.
„Was tun?“, fragen Sie. Die Reform bietet keine Anlässe, verärgert oder aufgebracht zu sein. Also müssen die Menschen zuerst von der viel befahrenen Bahn des Zorns herunterkommen und gemächlich in die Straße der Vernunft einbiegen. Statt jede kleine Neuerung, egal, wo sie einzuordnen ist, als unerhört zu verteufeln, ohne nach den Gründen und Hintergründen zu fragen, müsste man die Einzelheiten studieren und dann, erst dann, mit Sachkenntnis urteilen. Also nicht ‚gefühlig’, sondern sachlich; und kein bisschen polemisch oder populistisch. Stellen Sie sich vor, da nimmt ein prominenter Politiker, ein Ministerpräsident, an einer RTL-Fernseh-Show teil, wo Rechtschreibkenntnisse getestet werden. Er schneidet nur mittelmäßig ab, wird wütend und nutzt dann seine ihm von der Politik verliehene Macht, um öffentlich gegen die Reform zu Felde zu ziehen.
Dabei hat er nicht einmal gemerkt, dass in all den nicht ganz kurzen Testaufgaben (so gut wie) keine Neuregelungen im Reform-Sinne enthalten waren! Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie manche Kritiker in blindem Eifer die Ablehnung der Reform betreiben.
Gestatten Sie mir also, dass ich drei Vorschläge zum weiteren Verfahren mache:

1. Lassen wir doch die Fachleute (nicht etwa „Beamte“, die nach Ihrer Meinung alles „kaputtgemacht“ haben) weiterhin an der Getrenntschreibung (Bereich B) arbeiten und akzeptieren wir ggf. mögliche fakultative Öffnungen. Ob etwas getrennt oder zusammengeschrieben wird, ist doch bei näherem Hinsehen von sekundärer Bedeutung. Zetern wir also nicht gleich, als ob in diesem Reformkapitel jeder neue Vorschlag große Verwirrung stiften müsste und jedes Mal eine Reform der Reform bedeutete. Denken wir an Dudens ausdrückliche Aufforderung zur Weiterentwicklung der deutschen Orthografie!

2. Ich plädiere nachdrücklich dafür, dass wir die Groß- und Kleinschreibung (Bereich D des Regelwerkes) so erhalten, wie sie von den Experten (nicht von irgendwelchen „Beamten“ aus der „Kultusbürokratie“) vorgegeben wurde. Nachgewiesenen Erfolg sorgfältig bewahren und keinen Rückfall in die unzumutbaren Zustände der Vor-Reform riskieren! Ich rufe allen Ernstes dazu auf, dass wir Rücksicht nehmen auf die Kinder, die Lehrer und die Eltern, indem wir uns zur Reform nur noch strikt sachlich und verantwortungsbewusst äußern.

3. Alles andere kann, wenn es um eine Kurzbetrachtung der Reform geht, als marginal eingestuft werden. Fast alle neuen Festlegungen in den Bereichen A, C, E und F des Regelwerkes sind sinnvoll und akzeptabel, teils Vereinfachungen, teils Klärungen. Angeregt durch Ihren Hinweis auf griechisch demos und kratein, „das Herrschen des Volkes“ (Demokratie), greife ich aber doch noch eine Fallgruppe aus dem Bereich F, Worttrennung am Zeilenende, heraus. Bei den Fremdwörtern war vor der Reform die Trennung nach etymologischen Silben vorgeschrieben, also Chir-urg, Si-gnal, parallel; aber seltsamerweise nicht bei allen. So galt Ka-te-go-rie, tran-si-tiv und eben nicht Kat-ego-rie, trans-itiv. Sehr verwirrend! Die Reformer gaben kurzerhand die Trennung nach Sprechsilben frei.
Die sprachgeschichtlichen Zusammenhänge sind bei der übergroßen Mehrheit aller Menschen ohnehin – längst oder neuerdings – verloren gegangen. Würden Sie mich auffordern, Ab-itur zu trennen, um darzulegen, dass ich Lateinkenntnisse habe? Nein, bitte nicht, ich will mich doch nicht lächerlich machen. Aber tatsächlich war Ab-itur laut Duden bis vor einigen Jahren verbindlich vorgeschrieben.
Müsste ich entscheiden: ein Herz für Kinder oder Zurschaustellung meines ‚hohen‘ Bildungsgrades, so würde ich mich gnadenlos für die Kinder entscheiden.

Dabei fallen mir unweigerlich die heutigen FAZ-Leute ein, die schon vor vier Jahren, als sie im Alleingang die Reform zurücknahmen, ganz unverblümt schrieben, Vereinfachungen in der Rechtschreibung dienten doch nur der Volksverdummung. Mal sehen, ob sich wirklich weitere Zeitungen oder Zeitschriften dieser Meinung anschließen. Karl Korn, so glaube ich, hätte das nicht gutgeheißen.

Und dann verblüffen Sie die Leser mit einem überraschenden Schlusswort: „Es wäre verheerend, sollte es sich einbürgern, dass für die Schriftsteller eine andere Rechtschreibung gilt als für die Schüler unserer Grundschulen“. Da muss ich nun direkt und ohne Wenn und Aber widersprechen. Das wäre im Gegenteil absolut notwendig und unumgänglich. Will man in der Orthografie irgendeinen Fortschritt erreichen, eine Vereinfachung, eine von der Vernunft gebotene Anpassung an den natürlichen Sprachwandel, so müssen selbstverständlich die Jungen anders schreiben als die Alten. Vergessen wir nicht, dass dabei die Inhalte der Sprache gänzlich unberührt bleiben! Meine Großeltern schrieben Thür und Thor, ich Tür und Tor. Das hat uns sprachlich in keiner Weise entzweit.

Damit habe ich Ihre Frage „Was tun?“ in meinem Sinne beantwortet, und ich bin sehr neugierig zu erfahren, wie Sie darüber denken.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Andreas Digeser

 

Kommentar von Badische Zeitung vom Freitag, 31. März 2006, verfaßt am 31.03.2006 um 10.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=30#308

“Wildwuchs” nun geregelt
Vortrag zur Rechtschreibung

WEIL AM RHEIN (BZ). In seinem Vortrag über “Rechtschreibung und Rechtschreibreform” dieser Tage in der Realschule legte Professor Andreas Digeser mit Hilfe von eindrucksvollen Beispielen dar, warum die erforderlichen Veränderungen in der Schreibung kein Eingriff in die “lebendige” gesprochene Sprache sind. Die relativ geringfügigen Neuerungen seien notwendig gewesen, um wild gewachsene, irreführende und längst nicht mehr überschaubare Sonderregelungen in stimmige Regelsysteme zurückzuführen, meinte er. Wer diese Neuerungen beurteilen wolle, müsse sich daher bei jeder Einzelheit kundig machen, warum die Experten Verbesserungen vorgeschlagen haben.

Der Referent gab auch aufschlussreiche Einblicke in die Bemühungen um Rechtschreibreformen in England und Frankreich und berichtigte damit die Behauptung, solche Bestrebungen nach Verein-fachungen gebe es nur im deutschsprachigen Raum. Das Hauptkriterium für die Brauchbarkeit von Neuregelungen, so Digeser, sei die Frage, ob Erleichterungen für die Erlernbarkeit erzielt werden. Insoweit stelle die Reform einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der beruflichen Qualifikation der Schulabgänger dar. Die verbreitete Tendenz von Erwachsenen, an alten Schreibgewohnheiten festzuhalten, dürfe nicht dazu führen, dass den Kindern und Jugendlichen, auch denen mit Migra tionshintergrund, sinnvolle Vereinfachungen vorenthalten würden.

Digeser stattete die Teilnehmer mit selbst erstellten Arbeitspapieren aus, sodass diese weiterhin Orientierunghilfen im Umgang mit den nicht immer leicht zu behaltenden Details haben. Der Vortrag war überaus fundiert und bot eine Fülle von Hintergrundinformationen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2005 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=30#113

Freunde machen mich auf die Replik von Herrn Digeser aufmerksam. Ich lese und bin erstaunt. Erstens bezieht sich mein Ausdruck "schon recht betagte Vertreter der Sprachwissenschaft" erkennbar nicht auf Herrn Digeser, sondern auf die Reformer, von denen ich ihn im Text mehrmals deutlich unterscheide. Zweitens war es Herr Digeser selbst, der das Lebensalter als Argument ins Spiel brachte. Darauf bin ich eingegangen. In diesen Zusammenhang gehört, daß ein Emeritus nicht mehr den intensiven Kontakt zur Schule zu haben pflegt. Neu ist mir, daß "Emeritus" eine Verunglimpfung darstellt.
Für die anderen zitierten Ausdrücke bin ich nicht verantwortlich, da sie von anderen Personen verwendet wurden. An keiner Stelle verunglimpfe ich Herrn Digeser, bin nicht einmal sonderlich polemisch. Vielleicht hat er die Güte, meinen Text noch einmal daraufhin durchzusehen.
Zum übrigen spare ich mir einen Kommentar, es ist alles schon hundertmal gesagt worden, und in Kürze wird es sich erledigt haben.

 

Kommentar von Andreas Digeser, verfaßt am 29.05.2005 um 11.48 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=30#105

Kommentar von Andreas Digeser am 21.05.2005

Erwiderung auf Theodor Icklers Anmerkungen zu Digesers offenem Brief an M. Reich-Ranicki

Wer Teile der jüngsten Rechtschreibreform befürwortet, muss gewärtig sein, dass aufgebrachte Kritiker ihn persönlich angreifen: „schon recht betagt“; „der Emeritus Digeser“ (Ickler); „Aussage eines Literaturdidaktikers“; „Blickwinkel des Täters“ (Isleif); „eine naive Seele“ (Pfeiffer-Stolz). Miese Polemik statt Argumentation zur Sache. Dass selbst Ickler, dem ich schon seit Langem immer wieder Sachkenntnis bescheinige – eine Rarität bei den Reformkritikern – , zu solchen Mitteln greift, ist traurig. Das lässt seine Glaubwürdigkeit schrumpfen, und er stärkt damit ungewollt die Argumente des Diskussionspartners. Ich selbst habe es in den mehr als vierzig Jahren, in denen ich mich aktiv an der Rechtschreibdiskussion beteilige, noch nie nötig gehabt, andere polemisch zu verunglimpfen. – Die beiden anderen Kommentare (Isleif und Pfeiffer-Stolz) muss ich leider als gänzlich indiskutabel unerwähnt lassen.
Eine weitere unzulässige Methode ist es, Aussagen absichtlich falsch zu verstehen oder sie in einen Zusammenhang zu stellen, der offensichtlich nicht gegeben war. Ickler behauptet, nach meiner Meinung sollten die Alten den Jungen ganz generell zeigen, wie sie „anders schreiben“ müssen. Davon war in meinem Brief nirgends die Rede. Dass, wenn irgendetwas geändert werden soll – so wie es in den letzten hundert Jahren dauernd geschah – junge Leute vorübergehend mit ein paar Schreibvarianten von den Gewohnheiten älterer Menschen abweichen, ist eine allbekannte Erscheinung (That, Thor, Thür). Diese beschränkt sich aber auf ein winziges Feld; im Falle der letzten Reform handelt es sich um etwa 0,5 Prozent in einem laufenden Text.
Ähnlich verhält es sich, wenn Ickler behauptet, ich hätte „plötzlich Getrenntschreibung nach englischem Muster“ propagiert. Falsch! Ich stimme ihm vielmehr zu, dass eine solche Übernahme für die deutsche Sprache wegen deren ganz besonderer Syntax und Morphologie (Stichwort: Klammersatzbau) nicht taugen würde. Der Hinweis auf die entsprechenden Schreibgewohnheiten im Englischen sollte nur zeigen, mit welcher Gelassenheit in anderen Sprachen solche ’Probleme’ angegangen werden. Klar ist jedenfalls, dass Icklers Hinweis auf die Regelung, im Deutschen würden Zusammensetzungen immer zusammengeschrieben, hier keine Relevanz hat. Zahllose ‚Zusammensetzungen’ wurden und werden eben nicht zusammengeschrieben; m.a.W., es ist nicht geklärt, was man unter Zusammensetzungen zu verstehen hat und was nicht. Sonst wäre ja der endlose Streit über diese Fälle gar nicht entbrannt.
Dass man mit der Getrennt- bzw. Zusammenschreibung nicht Bedeutungsunterschiede schlüssig darstellen kann, ist längst jedermann bekannt. Insbesondere bleibt es ein hoffnungsloses Unterfangen, damit konkreten und metaphorischen Sprachgebrauch in der Schriftsprache voneinander abzugrenzen. Ickler weiß das genau. Trotzdem rügt er, dass ich das sage – und dass ich gleich einige Ausnahmen vorstelle.
Die neue Groß- und Kleinschreibung ist „fabelhaft einfach, durchschaubar und leicht erlernbar geregelt,“ schreibe ich. Icklers Beweis, dass das nicht stimmt: „Die Großschreibung fester Begriffe ist in vollem Umfang wieder zulässig.“ Er weiß selbstverständlich, dass ich nur von der Großschreibung der Substantive und Substantivierungen spreche. Die umstrittene Eigennamen-Großschreibung stellt eine ganz andere Problematik dar. Da diese von der Substantiv-Großschreibung großenteils überdeckt wird, bin ich in meinem Brief nicht darauf eingegangen.
Die Silbentrennung bei Fremdwörtern war vor der Reform ein kleines Chaos von Widersprüchlichkeiten. Die neue Regelung, dass man sie auch nach Sprechsilben statt nach Originalbestandteilen trennen kann, ist vernünftig. Es ist angesichts der vorherigen Unsicherheit schleierhaft, was Ickler dagegen haben kann. Morphologisch zu trennen, sei bei manchen Fremdwörtern die bessere Lösung, sagt er. Mag sein (wenngleich nicht bei Ab-itur); es bleibt ja jedermann freigestellt. Dass das Ganze nichts mit Kindern zu tun habe, halte ich aber für eine seltsam kurzsichtige Behauptung. Natürlich werden diese zu Jugendlichen und Erwachsenen, und, falls sie es wünschen, werden sie dann von der optionalen Regelung profitieren.
Der allerschlimmste Irrtum der Reformgegner ist es, ständig zu beklagen, Rechtschreibregelungen seien ein Eingriff in die lebendige Sprache. Die Sprache ist nahezu ungesteuert gewachsen und unterliegt Veränderungen, die wir gemeinhin als natürlichen Sprachwandel bezeichnen. Die Orthografie dagegen ist von Menschen gemacht und wird als solche von Menschen weiter entwickelt, und das seit jeher. Das berührt die Sprache und ihren mit Sprachgefühl gelenkten Gebrauch überhaupt nicht (es sei denn, eine umfassende Orthografie-Regelung wie die Substantiv-Großschreibung im Deutschen wäre betroffen). Schreibregelungen, wie sie nun einmal aus Normierungsgründen unerlässlich sind, beeinträchtigen die Bedeutungen in Texten in keiner Weise. Wandlungen in der Sprache können die Orthografie zu Veränderungen zwingen; aber nicht umgekehrt: Neuerungen in der Schreibweise wirken nicht auf die Sprache und ihren natürlichen Wandel ein.
Im Zusammenhang mit der „eigenständigen Entwicklung einer Sprache“ schreibt Ickler: „Aber wenn die Sprache sich tatsächlich wandelt, wenn also zum Beispiel seit Jahrhunderten sogenannt zusammengeschrieben wird ...“. Es ist jammerschade, dass Ickler in seinem Kommentar immer wieder und besonders mit diesem völlig abwegigen Halbsatz Sprachwandel und Schreibregelungen unzulässig durcheinander mischt in der Art, wie das von Scharen von Rechtschreibdiskutanten permanent betrieben wird. Das macht einen sprachlos.

 

Kommentar von Karl-Heinz Isleif, verfaßt am 12.12.2004 um 21.58 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=30#25

Da ich der Meinung bin, Sprache müsse sich frei entwickeln und die Regeln müßten hinterher angepaßt werden, wächst in mir beim Lesen eines solchen Briefes Vorbehalt. Der richtet sich in diesem Fall auch gegen den Angeschriebenen. Deshalb, weil er ein Kritiker ist, und damit einen Beruf ausübt, dessen Existenzberechtigung mir nicht einleuchtet. Und, weil ich nicht verstehe, warum die Aussage eines Literaturkritikers zur Rechtschreibung relevant sein soll. Gegen den Schreiber richtet sich der Vorbehalt ohnehin, weil er einer derjenigen ist, die glauben, in meine Sprache ‘regelnd’ eingreifen zu dürfen. Von oben, quasi.

Herr Digeser überrascht in seinem offenen Brief ziemlich am Anfang mit der Feststellung, “die Meinung, man könne mit der Getrennt- bzw Zusammenschreibung Bedeutungsunterschiede suggerieren, ist ein Irrglaube.” Man traut seinen Leseraugen nicht. ‘Zusammen schreiben’ bedeutet - zumindest nach meinem ‘Dafürhalten’ - nicht das gleiche wie ‘zusammenschreiben’. Viele mögen es allerdings ‘dafür halten’, wenn sie nur ungenügend Deutsch verstehen. Die Bedeutungsunterschiede muß man sowohl beim Schreiben als auch beim Sprechen ausdrücken (nicht suggerieren), sonst wird man nicht verstanden.
Ähnliche Beispiele gibt es zuhauf. Die Reformer rudern zwangsweise jedes Jahr widerwillig ein Stück zurück, so daß viele Schreibweisen nun wieder ‘erlaubt’ sind. Wer sich in den kurzen Intervallen den jeweils passenden Duden nicht leisten kann, bleibt allerdings unwissend auf der Strecke.

Die Reform komme den Kindern zugute, läßt der Schreiber anklingen. Das muß er so sagen, denn sie ist ja sein Werk. Dann elaboriert er: er würde sich ‘gnadenlos’ für Kinder einsetzen, wenn er sich entscheiden müßte. Welche Gnade? Wem gewährt er sie in der Regel, und warum muß er diese seine Gnade entziehen, wenn es um Kinder geht?

Der ‘Knackpunkt’ seines Briefes jedoch sei folgender: ‘Schriftsteller “stellen Schrift” und wissen in dieser Sache am besten Bescheid. Ein fundamentaler Irrtum!’ Na ja, die Schriftsteller verweigern ihm die Anerkennung als Experten, da versteht man seine Abneigung. Nur: die Sprachlehr- und Wörterbücher, die ich aus meiner Schulzeit gerettet habe, zitieren fast ausschließlich bekannte Schriftsteller und Dichter, wenn sie stellvertretende Beispiele anführen. Selbsternannte ”Wir Fachleute” kommen dort kaum zu Wort. Die Schriftsteller scheinen also doch nicht ganz so unbedarft zu sein, und es ist der Herr Professor Digeser, dem der fundamentale Irrtum unterlief.

Die Einzelheiten der Reform sind von wirklichen Fachleuten schon längst analysiert und als Fehlentwicklungen entlarvt worden. Wer mit dem eigenen Kopf denkt, dem kann man das Durch-ei-nan-der nicht zumuten. Protest ist die normale Reaktion. Auch läßt man sich als Erwachsener nicht gerne durch ein oktroyiertes kleines ‘du’ im Brief seine Vorstellung von Respekt verdünnen. Nein danke, solch ‘nachgewiesenen Erfolg’ sollte man lieber nicht ‘sorgfältig bewahren’, sondern rasch entsorgen.

In die ‘unzumutbaren Zustände der Vor-Reform’ möchte er nicht zurückfallen, sagt Herr Digeser. Komisch, die Zustände haben mich nie gestört. Wenn ich etwas nicht wußte, habe ich nachgeschlagen. Das funktionierte tadellos. Bis sich Herr Digeser entschloß, an die Zerstörung der Zustände zu gehen. Jetzt sind sie kaputt, die Zustände. Was blieb, ist ein Machwerk. Herr Digeser sieht die Dinge natürlich aus dem Blickwinkel des Täters und rechtfertigt sich. Das darf er. Mir als Opfer geht es aber um Wiedergutmachung.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2004 um 17.04 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=30#22

Anmerkungen zu Andreas Digesers offenem Brief an Marcel Reich-Ranicki

»Will man in der Orthografie irgendeinen Fortschritt erreichen, eine Vereinfachung, eine von der Vernunft gebotene Anpassung an den natürlichen Sprachwandel, so müssen selbstverständlich die Jungen anders schreiben als die Alten.«
Paradoxerweise sollen es aber die Alten sein, nämlich die teilweise schon recht betagten Vertreter der Sprachwissenschaft, die den Jungen zeigen, wie sie »anders schreiben« müssen. Und dieser Eingriff soll »Anpassung an den natürlichen Sprachwandel« sein? Dann wäre ja der natürliche, also von Eingriffen unberührte ungesteuerte Wandel der Maßstab? Aber wenn die Sprache sich tatsächlich wandelt, wenn also zum Beispiel seit Jahrhunderten sogenannt zusammengeschrieben wird und überhaupt Verbzusätze mit ihren Verben zusammengeschrieben werden – dann erklärt Digeser das für einen »modischen Trend« dem die Reform nun endlich entgegengetreten sei. Digesers Ansichten von den »in Jahrzehnten wild gewachsenen Schreibgewohnheiten« verraten weder Kenntnis der üblichen Rechtschreibung noch Zutrauen in die eigenständige Entwicklung einer Sprache.
Seltsamerweise rühmt der Englischdidaktiker die getrennt geschriebenen compound words des Englischen als vorbildlich. Sie sind aber keineswegs »leicht verständlich und flüssig lesbar« sondern im Gegenteil ein berüchtigtes Lesehindernis. Außerdem setzt sich Digeser leichtfertig über die Tatsache hinweg, daß Zusammensetzungen im Deutschen – auch nach der Neuregelung – immer zusammengeschrieben werden, gerade im Unterschied zum Englischen. Diesen systematischen Unterschied kann man nicht dadurch unterlaufen, daß man für einige Zusammensetzungen plötzlich Getrenntschreibung nach englischem Muster vorsieht.
»Die Meinung, man könne mit der Getrennt- bzw. Zusammenschreibung Bedeutungsunterschiede suggerieren, ist ein Irrglaube.« – Aber gleich danach bringt er selbst eine Reihe Beispiele, die genau dies belegen. Auch die Unterscheidung zwischen sogenannt und so genannt wäre hier zu nennen und war immer völlig klar, bis die Reform sie beseitigte. Die Reformer erkennen das an, indem sie in der Neubearbeitung seit Juni 2004 den Zusammenhang zwischen Getrennt- und Zusammenschreibung und Bedeutung wiederherstellen (samt sogenannt).
Die neue Groß- und Kleinschreibung findet er »fabelhaft einfach, durchschaubar und leicht erlernbar geregelt«. Ist das der Grund, weshalb die Reformer auch in diesem Bereich durchgreifende Änderungen in die Neubearbeitung eingeführt haben? Die Großschreibung fester Begriffe ist in vollem Umfang wieder zulässig, weitere Änderungen betreffen angebliche Ausnahmen (bei Weitem – jetzt auch groß).
»Gnadenlos für die Kinder«? – Die Silbentrennung bei Fremdwörtern betrifft größtenteils solche Wörter, die von Kindern überhaupt nicht benutzt werden. Solange es nicht verboten ist, Diphthong oder Hieroglyphe morphologisch zu trennen, wird diese Trennung immer die bessere bleiben, und wer nach Sprechsilben trennt, wird sich mit einer Trennung zweiter Klasse blamieren, mag sie auch jetzt »kein Fehler« mehr sein. Was den Kindern und Wenigschreibern zugute kommen sollte, wird sich gnadenlos zu ihrem Nachteil auswirken, wie jedes Vorenthalten nützlicher Information und Bildung.
Digeser rühmt sich, vor Jahrzehnten heftig für die Großschreibung gestritten und damit obsiegt zu haben. Er hat alle Reformer gegen sich. Die Großschreibung ist keineswegs notwendig, sie ist allerdings vorteilhaft, wie viele jener Regelungen, die Digeser ablehnt. Erstaunlich, daß die Reformkommission, die geschlossen für die Kleinschreibung votiert, dennoch diese Kröte schluckt, nur um wenigsten einen einzigen Fürsprecher auf ihrer Internetseite zu haben.
Digeser behauptet, daß die Schüler und Lehrer »seit sechs Jahren die neuen Schreibformen mit Erfolg und Leichtigkeit praktizieren«. Jeder weiß, daß das nicht zutrifft. Allerdings gibt es keine Begleituntersuchungen, und der Emeritus Digeser ist von der Schulwirklichkeit weit genug entfernt.
Wieso hat Konrad Duden »1901 die Grundlage für eine vereinheitlichte deutsche Rechtschreibung« gelegt? Sollte Digeser hier etwas verwechseln?


 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 07.12.2004 um 10.00 Uhr   Mail an
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Nur einer naiven Seele kann solches Denken entsprungen sein, mit all den offenen Widersprüchen. Schlimm: die Anbiederung an die Kinder, als deren Vormund man sich ausgibt.
Einerseits beklagt Digeser „Wildwuchs“ und gefühlsmäßigen Gebrauch der Schriftsprache vor 1996. Andererseits will er nicht wahrhaben, daß genau diese Lösung, nämlich den Gebrauch der Sprache ins Gefühl des Sprachbenutzers zu stellen, eine wahrhaft liberale und demokratische Regelung darstellt. Er will nicht wahrhaben, daß sein „Geschenk an die Kinder“ ein Danaergeschenk ist, denn ursprünglich sollten die Regeln in eiserne Formen gegossen werden. Die neuen Regeln sind starr und autoritär. Vor allem erschließen sie sich nicht durch logisches Denken oder Sprachgefühl.
Allein die Funktionsuntüchtigkeit dieser technokratischen Regeln führten zu einer Zerrüttung des neuen Systems, in dem nun einige Varianten miteinander konkurrieren mit dem Ergebnis, daß der Neuschreiber stets ein schlechtes Gewissen hat, weil er zwar weiß, daß es zwei Möglichkeiten gibt, aber hilflos zwischen beiden pendelt.
Was für ein Vorteil für unsere Kinder! Sie werden sich vom Schreiben bald ganz abwenden wollen.

 

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