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Blüthen der Thorheit

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28.10.2004
 

Denn sonst zweifelt der Leser automatisch

Wie der Duden-Verlag den zur orthographischen Inkompetenz vergatterten Verlegerkollegen aus der von ihm mitverantworteten Patsche helfen will.

Von der »Brockhaus Duden Neue Medien GmbH« erhielten Verlage heute ein faszinierendes Angebot, das leider trotz der daraus entgegenschlagenden Frechheit von unseren Weißkrägen vermutlich nicht durchschaut, sondern sogar als interessant empfunden werden wird. In einer Situation, in der im deutschsprachigen Raum eine Rechtschreibunsicherheit herrscht wie nie zuvor, will sich die »Firmenkundenbetreuung« des Duden-Verlags marktnah dafür starkmachen, dem selbst im Verlagswesen völlig verunsicherten Schreibvolk aus der von ihr mitverantworteten Patsche zu helfen. Das klingt dann so:

»Zeit ist Geld! Wir alle stehen heute unter Zeitdruck und daraus resultieren Fehler. Doch Drucksachen mit Fehlern fallen durch – ganz besonders wenn es sich um Bücher handelt! Deshalb lohnt es sich, gerade auch der korrekten Schreibung besonderes Augenmerk zu widmen. Denn sonst zweifelt der Leser automatisch nicht nur an der Qualität der Rechtschreibung, sondern auch an den anderen Fähigkeiten des Autors und des Verlags.

Machen Sie Ihren Mitarbeitern deshalb das Nachschlagen leicht und stellen Sie Ihnen den »Duden – Die deutsche Rechtschreibung« in Ihrem Netzwerk zur Verfügung! So hat jeder ganz einfach Zugriff auf das Standardwerk der deutschen Sprache und kann Unsicherheiten und Zweifelsfälle schnell und einfach klären.«

Für 112 € kann der bis vor der Reform rechtsschreibsichere Verlag 10 Netzwerklizenzen erwerben, braucht er 50 Netzwerklizenzen, kostet das 482 €. Im Beiblatt wird die Unsicherheit dokumentiert durch das Beispiel »Probe fahren oder probefahren? Jetzt endlich Rechtschreibsicherheit für alle!« Alle Unsicherheiten verschwinden, so verspricht es die Werbung, »einfach per Mausklick«. Und natürlich werden wieder die geheimnisvollen »5.000 Wörter« angepriesen, die man ohne den neuen Duden ja keinesfalls korrekt schreiben könnte, also »Ich-AG, B2B-Geschäft, Ökotourismus oder Spamfilter«.

Die ganze Werbeaktion läuft unter der Überschrift: »Neu: Die neue Rechtschreibung 2004«. Man darf also jetzt schon auf den Jahrgang 2005 gespannt sein, der dann natürlich wieder sein Geld kosten wird. Vielleicht entwickelt sich unter den Sammlern der jährlich erscheinenden Ausgaben daraus gar eine Kennerschaft, die die Qualitäten der verschiedenen Jahrgänge zu verköstigen weiß und sich darüber in Fachkollegien mit kulinarischen Erörterungen ergötzt.

Die Reformer jedenfalls sind am Ziel. Ohne Duden blamieren sich – wenn es nach ihm geht – selbst Schriftsteller und Verleger. »Denn sonst zweifelt der Leser automatisch …«

Walter Lachenmann




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Kommentare zu »Denn sonst zweifelt der Leser automatisch«
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Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 03.11.2004 um 19.33 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=22#16

So ist es immer schon gewesen: Diejenigen, die sich darin befleißigen, Beine zu amputieren, sind dieselben, die den Verstümmelten dann Krücken und Rollstühle verkaufen.
Oder anders gesagt: die Peiniger sind identisch mit den Tröstern. Eine Erkenntnis, die ich aus eigenem Erleben gewonnen habe.

 

Kommentar von Lando Fiorini, verfaßt am 29.10.2004 um 09.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=22#15

Interessant ist hier doch, wie selbst der Duden-Verlag in seiner Werbung darauf abhebt, daß der Leser "automatisch" auch an den sonstigen Fähigkeiten des Urhebers zweifelt, wenn er Rechtschreibfehler macht. Gerade dem sollte durch die Reform doch abgeholfen werden! Jetzt will der Duden aus diesem alten Vorurteilsschema erst recht Kapital schlagen und zwar ausgerechnet bei denen, die bislang die Hochburg des orthographischen "Herrschaftswissens" fest in der Hand hatten: die Verlage.
Fazit: Jetzt kennt sich in der Orthographie überhaupt keiner mehr aus. Peinlich ist das für alle. Helfen kann hier nur der Duden, aber das kostet was.


 

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