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Blüthen der Thorheit

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07.06.2012
 

Lange Recherche, kein Ergebnis
Bindestrich-Debatte um die Grundschule Achmer

Es könnte alles so einfach sein. Sollte man meinen. Eine Schule möchte einen neuen Namen. Sie hat sich wirklich etwas dabei gedacht. Die Stadt als Schulträger hat nichts dagegen. Die Ratsgremien sagen Ja. Jetzt muss nur noch das Schild an die Schule. Sollte man meinen.

Aber so einfach ist das offenbar nicht. Denn Deutsch ist bekanntermaßen eine Sprache mit vielen Fallstricken - in diesem Fall in Gestalt eines Bindestrichs. Und deshalb sagt der Schulausschuss doch nicht gleich Ja und das Schild wird erst mal nicht aufgestellt.

Aber zunächst zur Vorgeschichte: Die Grundschule Achmer sieht sich der Natur verbunden. Entsprechende Themen stehen immer wieder auf dem Stundenplan. Der aus Achmer stammende Naturkundler Rolf Hammerschmidt ist gern gesehener Dauergast an der Schule. Man erkundet gern und häufig die Umgebung, den Wald und besonders gern auch den Bühner Bach, der nördlich der Grundschule vorbeifließt und sich im Ortsbild bereits im Straßennamen „Am Bühner Bach“ manifestiert hat. Wegen dieser Ausrichtung der Schule könnte sich Rektorin Renate Settelmeyer durchaus vorstellen, auf den Titel „Umweltfreundliche Schule“ hinzuarbeiten. Die Gremien der Schule überlegen, wie man diese Orientierung nach außen tragen kann, und beantragen die Umbenennung der Grundschule Achmer in „Bühner Bach Schule“. Ganz ohne Bindestrich.

Der Vorschlag kommt auf den Tisch der Verwaltung. Man erstellt die Vorlagen für die Ausschusssitzung, wobei das erste Malheur passiert: Auf grünem Papier ist hier von der „Bühner Bach-Schule“ zu lesen. Ansonsten hält sich die Verwaltung an § 107 des Niedersächsischen Schulgesetzes (NSchG) in der Fassung von 1998, wo es unter dem Stichwort „Namensgebung“ heißt: „1.Der Schulträger kann im Einvernehmen mit der Schule dieser einen Namen geben. 2 Über einen entsprechenden Vorschlag der Schule hat der Schulträger innerhalb einer angemessenen Frist zu entscheiden.“ „Normalerweise macht die Schule einen Vorschlag und wir machen nichts dran“, meint der Erste Stadtrat Ulrich Willems dazu. Und empfiehlt dem Ausschuss ein Ja.

So einfach sollte es dann doch nicht gehen. Ein Mitglied der neuen Mehrheit mit pädagogischem Hintergrund stolperte über die fehlenden Bindestriche. Schließlich sollen die Jüngsten doch schon im Grundschulalter die korrekte Rechtschreibung lernen. Die Hotline des Dudeninstituts wurde bemüht. Dort erhielt man die Auskunft: Zwei Bindestriche müssen es sein, da sich die beiden Namensbestandteile „Bühner“ und „Bach“ beide auf Schule beziehen, deshalb eine Einheit bilden und „durchgekoppelt“ werden müssen.

Dem Ersten Stadtrat Ulrich Willems lässt das keine Ruhe. Aus persönlicher Neugier“ recherchiert er im „Amtlichen Regelwerk: Regeln und Wörterverzeichnis. Entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung“ , das bindend ist für die Schulrechtschreibung. Fazit der Recherchen: Beides geht. Mit oder ohne Bindestrich.

Und weil damit nichts klar ist, beschließt der Ausschuss mit den Stimmen der neuen Mehrheit, die Lösung des orthografischen Problems dem Verwaltungsausschuss zu überlassen. Vorher soll jedenfalls noch einmal gründlich recherchiert werden.

Annegret Christ-Schneider allerdings konnte Sinn und Zweck der Vertagung nicht ganz nachvollziehen: „Auch wenn die davor und dahinter Butterblumen setzen würden, hätten ich nichts dagegen“. Das allerdings entspricht den Rechtschreibregeln nun wirklich nicht.


Quelle: www.noz.de
Link: http://www.noz.de/lokales/64519200/bindestrich-debatte-um-die-grundschule-achmer

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Kommentare zu »Bindestrich-Debatte um die Grundschule Achmer«
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.07.2012 um 23.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=183#938

Das mit den Straßennamen ist in allen slawischen Sprachen so, weil die Straße ja nicht dem Namensgeber gehört. Eine Brücke kann aber ursprünglich einen Besitzer haben, deswegen heißt die Karlsbrücke in Prag Karluv most, dem Karl seine Brücke, denn Kaiser Karl IV. hat sie mit eigenem Geld bauen lassen.
(Man soll sich nicht wundern, daß es in westslawischen Ländern so viele "Martina-Kirchen" gibt. Das ist keine heilige Martina, sondern der Genitiv von Martin, die Kirche des Martin, die Martinskirche.)

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 03.07.2012 um 22.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=183#937

Auch das Genitiv-s wäre keine Ausrede. Man kann zwar sagen Vaters Haus, aber nicht das Vaters Haus, geschweige denn die Eberhard Karls Universität.

Im Russischen werden solche Namensgebungen immer mit dem Genitiv gebildet (nicht mit einem "Possessiv-Adjektiv"). Die Gogol-Straße heißt im Russischen "uliza imeni Gogolja" – wortwörtlich: Straße des Namens Gogols.

Die Leibniz Universität Hannover ist anscheinend ein eingetragenes Markenzeichen. Ihr Präsident hat jedenfalls gesagt (lt. Wikipedia): "Der Verzicht auf Bindestriche erleichtert auch den Einsatz der Marke im internationalen Bereich. Dabei nehmen wir den Verstoß gegen die Rechtschreibregeln in Kauf.“ Im Französischen oder Russischen wird das aber wenig helfen. Der "internationale Bereich" ist für den Präsidenten offenbar nur der angelsächsische. Mit Leibniz Universität Hannover wird der Präsident aber auch im angelsächsischen Bereich nicht weit kommen.

Der Wikipedia-Autor weiß es aber besser: "Da der Name der Universität jedoch ein Eigenname ist, besteht keine grundsätzliche Bindung an die Regeln der Rechtschreibung. Der von der Universitätsleitung bestimmte Name der Institution ist damit ihr korrekter Name und bestimmt dessen lexikalischen Eintrag."

Das widerspricht allerdings den klaren, alten wie neuen Dudenregeln.

N.B. Der Große Meyers von 1905 schreibt "Eberhard Karls-Universität". In den Regeln von 1901 war dieser Fall noch nicht behandelt.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.07.2012 um 22.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=183#936

Das Genitiv-s in alten Universitätsnamen könnte von mittellateinischen aus Namen gebildeten Adjektiven kommen, als die Unterrichtssprache noch Latein war. In dieser Zeit hat Kaiser Karl IV. in Prag die Universitas Carolina gegründet, heute Univerzita Karlova v Praze, auf Deutsch Karlsuniversität. Die Hussiten setzten die Abspaltung einer deutschen Universität durch, die Kaiser Ferdinand als Universitas Carolo-Ferdinandea oder Karl-Ferdinands-Universität gründete.
Die Ludwig-Maximilians-Universität in München wurde von Herzog Ludwig IX. in Ingolstadt gegründet und von Kurfürst und König Maximilian I. Joseph nach Landshut verlegt.

 

Kommentar von Paul Westrich, verfaßt am 03.07.2012 um 19.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=183#935

Die Universität Tübingen wurde nach zwei "Knülchen" benannt. Nach Graf Eberhard im Bart (oder Barte) und nach dem württembergischen Herzog Carl Eugen. Auf meinem Diplom-Zeugnis steht Eberhard-Karls-Universität Tübingen", auf der Promotions-Urkunde "Eberhard-Karls-Universität zu Tübingen". Erst vor wenigen Jahren wurden die Bindestriche offensichtlich bei der Schaffung eines neuen "Corporate Design" eliminiert. Aus dem Fugen-s wurde dadurch, wenn ich es richtig beurteile, ein Genitiv-s. Dies ist aber falsch, denn es ist ja nicht die Universität eines Mannes namens Eberhard Karl. Wenn man sich schon an die USA anpaßt (und ich sehe nichts anderes in dieser Sache), dann hätte man das s in Karls weglassen müssen, so wie es z.B. auch der französische Namen "université Eberhard Karl de Tübingen" zeigt. Just my 2 cents.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.07.2012 um 11.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=183#934

Viele altehrwürdige deutsche Universitätsnamen enthalten ein Genitiv-s und brauchen daher eigentlich keine Bindestriche. Das Genitiv-s bzw. bei Zischlauten der Apostroph ist außer Mode gekommen. Schade, daß wir keine Possessiv-Adjektive bilden können wie die slawischen Sprachen.

 

Kommentar von ppc, verfaßt am 03.07.2012 um 11.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=183#933

Bei der "Eberhard Karls Universität Tübingen" könnte die Sachlage etwas anders sein. Wenn nämlich der Knülch, nach dem sie benannt ist, Eberhard Karl hieß, dann wäre es ein schlichter Genitiv. Alternativ hätte man sie dann natürlich auch nennen können: "Die Universität von dem Eberhard Karl".

 

Kommentar von Rubbeldikatz, verfaßt am 28.06.2012 um 19.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=183#932

Die Universität Hannover ist hier nicht allein. auch das "Leibniz Kolleg Tübingen" verzichtet auf die Durchkoppelung ebenso wie die "Eberhard Karls Universität Tübingen" seit etwa 2 Jahren. Siehe dazu hier.

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.06.2012 um 14.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=183#931

Benannt nach dem Keks.

 

Kommentar von ppc, verfaßt am 25.06.2012 um 11.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=183#930

Noch peinlicher ist die "Leibniz University Hanover" – ja wenn sie denn nun so hieße. Stattdessen hat irgend ein Gehirnakrobat den Namen "Leibniz Universität Hannover" quasi in Beton gegossen, angeblich weil es im Ausland keine Bindestriche gibt.

Dümmer geht's nümmer.


 

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