zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Blüthen der Thorheit

Die neuesten Kommentare


Zur vorherigen / nächsten Thorheit

Zu den Kommentaren zu dieser Thorheit | einen Kommentar dazu schreiben

27.06.2009
 

»Das war ein echter Fehler«
»Ganz schlecht ist schlecht«

Das Dialekt sprechende Kind vom Lande als Direktor des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim. Ludwig Eichinger Gast der »Zeitgespräche«

»Wir sind ja auch zuständig für die Rechtschreibreform. Ich gestehe es.« Das Geständnis kommt ihm leicht über die Lippen, und Ludwig Eichinger schmunzelt dabei. Doch der Direktor des Instituts für deutsche Sprache (Mannheim) verteidigt die neuen Regeln trotzdem vehement: Was Duden und andere dem Volk vor hundert Jahren verordnet hätten, das sei einfach nicht mehr tragbar gewesen. Ist das heute gültige Regelwerk tragbar?

Na ja: Es ist erträglich, erfuhren die fünfzig Zuhörer des jüngsten »Zeitgespräches«, zu dem Katholische Erwachsenen-Bildung und Stadt den Sprach- und Dialektforscher in den Spitalhof eingeladen hatten, wo ihn Ulla Heinemann (Realschulrektorin) und Nobert Vogel (Professor der Erziehungswissenschaften, beide Tübingen) nach allen Regeln der Fragekunst verhörten: Ist Deutsch noch zu retten? Oder bringen Denglisch, Jugendslang, SMS & Co. die Sprache vollends um?

Die Antwort des Niederbayern, der sich als »Dialekt sprechendes Kind vom Lande« unter Jugendlichen aus anderen Regionen einst fühlte »wie ein Tier im Zoo«: Keine Bange, die Sprache wird überleben, auch wenn sie sich verändert. Aber zur internationalen Verständigung ist Englisch unumgänglich, und »dagegen sollte man vernünftigerweise nicht kämpfen«. Und die englischen Brocken, von Meeting bis »Coffee to go«? »Was es gibt, das braucht es«, bleibt Eichinger gelassen, findet allerdings die Ausdrucksweise (vor allem der Werbeleute) »manchmal schrecklich albern«.

Tut mir Leid? Tut ihm leid, »das war ein echter Fehler« bei der Rechtschreibreform. Aber Gämse oder Gemse, Stängel oder Stengel? Für Ludwig Eichinger ist, was viele - auch Reutlinger - nervt, offenbar gar nicht so wichtig: »Bären oder Beeren, die meisten hören den Unterschied doch gar nicht«, aber die Deutschen müssten sich eben auf die eine oder andere Schreibweise einigen.

Und die muss halt lernen, wer Deutsch schreiben will. Ein paar Fehler lasse man ja jedem durchgehen, aber »ganz schlechte Rechtschreibung ist auch schlecht«.


Quelle: Reutlinger General-Anzeiger
Link: http://www.gea.de/detail/1297924

Diesen Beitrag drucken.


Kommentare zu »»Ganz schlecht ist schlecht««
Kommentar schreiben | älteste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 17.07.2009 um 10.12 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=153#760

In der Sendung "Planet Wissen" auf BR Alpha am 14.07.09 um 21.45 Uhr, in der es um die deutsche Sprache und deren Dialekte bzw. Mundarten ging, kam Ludwig Eichinger kurz zu Wort. Er beschrieb kurz die Afgabe des IdS: die Sprachentwicklung zu beobachten, in die Sprachentwicklung jedoch nicht korrigierend einzugreifen. An die Rechtschreibreform wird er in dem Zusammenhang wohl nicht gedacht haben.

 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 02.07.2009 um 15.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=153#754

"... aber die Deutschen müssten sich eben auf die eine oder andere Schreibweise einigen."
Hatten wir diese Einigkeit nicht längst?
Wozu noch viele Worte verlieren und sich über all den Unsinn ärgern, die Einordnung unter die "Blüthen der Thorheit" genügt.

 

Kommentar von Schwäbisches Tagblatt, 27. Juni 2009, verfaßt am 29.06.2009 um 22.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=153#753

Weil out sein in sein kann
Kurzweiliger Abend über richtiges Schreiben und provozierendes Sprechen

Die Rechtschreibreform erregt die Gemüter. Der Linguist Ludwig Eichinger ist gegen mehr Normierung und für gelassene Beobachtung. Beim 79. Zeitgespräch am Donnerstag im Spitalhof erläuterte er kurzweilig, wie alles kam. Und wie wird‘s? Schlechter nicht, aber anders.

Reutlingen. Ein Spaziergang durch die Sprache sollte es werden, sagte Ulla Heinemann zur Einleitung. Die Rektorin der Tübinger Albert-Schweitzer-Realschule befragte zusammen mit dem Pädagogik-Professor Norbert Vogel den Gast der katholischen Erwachsenenbildung.

„Die Leute meinen ja, sie hätten früher alles richtig geschrieben.“ Nach der halben Zurücknahme der Rechtschreibreform ist die Verunsicherung groß, weil Varianten zugelassen sind. Auch wenn eine IT-Firma in Seattle verlange, eine bevorzugte Variante zu definieren, beschränke man sich hauptsächlich darauf, die Sprachentwicklung zu dokumentieren.

Der Bayer Ludwig M. (für Maximilian) Eichinger ist erst seit 2002 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Dessen Aufgabe ist die Erforschung und Dokumentation der deutschen Gegenwartssprache. Seine Wort- und Grammatikschätze sind im Internet für jeden verfügbar, der sich einloggt. Wer spezielle Fragen hat, kann diese mailen. Es kostet nichts.

War Eichinger bisher als „bildungsbürgerlicher Alltagssprecher“ ohne Anglizismen ausgekommen, wird es im Zusammenhang mit dem Internet plötzlich sehr denglisch und erfinderisch: „Woher kommt das I in Simsen?“, fragte Eichinger. „Mailen ist ein deutsches Verb zum Substantiv Mail, wenn ein Partizip schwierig ist, wie downgeloaded sagt man halt heruntergeladen.“ In die andere Richtung geht‘s auch. Ein Computer ist ein Rechner, ein Jet ein Flieger: „In meiner Kindheit war das noch ein Spielzeug.“

„Was es in der Sprache gibt, das brauchen wir auch.“ Seit 300 Jahren gebe es immer wieder höchst vergebliche Versuche, Fremdwörter aus dem Sprachschatz zu tilgen.

Die SMS sei eine neue Textsorte mit nur 160 Zeichen: „Man muss auch eine ordentliche SMS schreiben können.“ Eichinger entdeckt typische Kürzungsstrategien. Ähnliche hätten die Mönche bei Handschriften auf teurem Pergament auch gehabt, die statt mm ein m mit Strich drüber schrieben.

Allerdings sei sprachbehindert, wer nur SMS schreiben und Dialekt sprechen kann. Eine vernünftige Rechtschreibung zu beherrschen, bleibe eine Grundqualifikation. Ebenso ein an den Standard angelehntes Hochdeutsch. Das dürfe durchaus eine regionale Färbung haben. Er selber könne auch noch „ein höheres Hochdeutsch“ sprechen. Er konnte.

Sorgen über die verrohende Jugendsprache zerstreute Eichinger. „Die wollen sich zusammenschließen und uns erschrecken.“ Out sein ist da in. Die in der Jugendsprache typische türkische Intonation sei eine Kontaktsprache mit einer großen integrativen Wirkung.

Paul Schlegl vom Katholischen Bildungswerk fragte nach einer Modernisierung der kirchlichen Sprache. Eichinger – als guter Katholik und Benediktiner-Zögling sei er konservativ – bekannte, dass er immer noch sein Licht unter den Scheffel stellen und nichts von Glühbirne in einer modernisierten Bibel lesen wolle. „Ich liebe den biblischen Text.“ Aber man brauche gute Prediger, sagt er. Sprechen ist auch hier was anderes als Lesen.

Text: Fred Keicher

(http://tagblatt.de/3219472/Nachrichten/Reutlingen)

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 29.06.2009 um 15.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=153#752

Es stimmt ja nicht, daß die Reform die Sprache an die Sprachentwicklung und durch sie notwendig gewordene zusätzliche Unterscheidungsschreibungen für nötige größere Genauigkeiten angepaßt habe. Das ist nur die amtliche Sprachregelung. Die genaueren Unterscheidungsschreibungen wurden ja wieder abgeschafft zurück zu größerer Ungenauigkeit; der Neuschreib ist absichtlich ungenauer gemacht worden. Man hat den Eindruck, daß es unerwünscht ist, wenn die Untertanen sich genauer auszudrücken vermögen als die Herrschenden. (Z.B. wurden in den USA früher Farbige verprügelt, wenn sie gewählter und gebildeter sprachen als die Weißen.)

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 29.06.2009 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=153#751

Die Sprache wird nicht überleben, "auch wenn sie sich verändert", sondern falls sie sich verändert, weil sie sich verändert. Es ist ein Wesen einer lebendigen Sprache, daß sie sich verändert.
Und genau das verhindern die Reformer. Sie konservieren die Sprache, werfen sie in ihrer Entwicklung um zweihundert und mehr Jahre zurück und pressen sie in ein Korsett aus Regeln und Vorgaben und EDV-Programmen, die stur vor sich hin rattern.

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.06.2009 um 13.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=153#750

»Wir sind ja auch zuständig für die Rechtschreibreform. Ich gestehe es.« Das Geständnis kommt ihm leicht über die Lippen, und Ludwig Eichinger schmunzelt dabei. Doch der Direktor des Instituts für deutsche Sprache (Mannheim) verteidigt die neuen Regeln trotzdem vehement: Was Duden und andere dem Volk vor hundert Jahren verordnet hätten, das sei einfach nicht mehr tragbar gewesen.

Es ist schon eine ziemliche Frechhheit, wie man in Mannheim auf dem armen Konrad Duden herumtrampelt und doch gleichzeitig ein Rechtschreibwörterbuch in seinem Namen herausgibt. Nicht das, was Duden vor hundert Jahren (!) verordnet hatte, war nicht mehr tragbar, sondern das, was die Mannheimer (!) Dudenredaktion im Laufe der Zeit daraus machte. Die frühen Auflagen unter Duden zeichneten sich durch weniger Regeln und eine größere Liberalität aus. Einen Gipfel der kaum noch zu durchschauenden Spitzfindigkeiten stellte dann vor allem der Wiedervereinigungsduden von 1991 dar. Denn hier konnte man Regeln finden, die nicht konsequent genug durchdacht waren und gerade in offenkundigen Lücken erst die Widersprüche dieser Regelwut zeigten. Die von Eisenberg angesprochenen Eitelkeiten, als alle beteiligten Linguisten versuchten, ihre privaten Steckenpferde in ein Regelwerk einfließen zu lassen und dabei den Bezug zur Sprachwirklichkeit verloren. So gesehen sind die Reformen seit 1996 eigentlich nur die Fortschreibung dieses Dilettantismus. Duden selbst hat damit nichts zu tun, denn der hätte ja – wie hier schon mehrfach erwähnt wurde – einen solchen Blödsinn ("das war ein echter Fehler"!) wie "es tut mir Leid" gar nicht erst in sein Wörterbuch aufgenommen. Merkt Eichinger wirklich nicht, daß er Duden ins Gesicht schlägt?

 

nach oben


Als Schutz gegen automatisch erzeugte Einträge ist die Kommentareingabe auf dieser Seite nicht möglich. Gehen Sie bitte statt dessen auf folgende Seite:
www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheitenB&id=153#kommentareingabe
Kopieren Sie dazu bitte diese Angabe in das Adressenfeld Ihres Browsers. (Daß Sie diese Adresse von Hand kopieren müssen, ist ein wichtiger Teil des Spamschutzes.)


Zurück zur vorherigen Seite | zur Startseite


© 2004–2017: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM