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Blüthen der Thorheit

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08.05.2009
 

Matthias Wermke im Extra-Interview
„... die Akzeptanz der Reform zu stärken“

Zur unsäglichen Rechtschreibreform: Die Reformer haben oft zwei Varianten zugelassen: Soll doch die Schreibgemeinde entscheiden, was ihr lieber ist! Allerdings haben das die Wörterbuchverlage konterkariert: sie kennzeichnen in Gelb eine Vorzugsvariante aus.

In unserer Sprachberatung hat sich gezeigt: Fragesteller wollen gar nicht wissen, was alles zulässig ist! Sie wollen nur wissen, wie sie in einem bestimmten Fall schreiben sollen! Vereinfachung ist gut, Schreibvarianten sind schlecht. Durch die Nacharbeiten am neuen Regelwerk gibt es jetzt mehr Schreibvarianten, das ist nicht im Sinn der Schreibgemeinde. Deswegen haben wir in der 24. Auflage des Rechtschreib-Dudens Empfehlungen ausgezeichnet. Wir leisten damit einen Beitrag, die Akzeptanz der Reform zu stärken.

Und wann wird es die nächste Rechtschreibreform geben?

Ich hoffe, erst nach meiner Pensionierung!


Quelle: Wiener Zeitung
Link: http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabId=4664&alias=wzo&cob=413006

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Kommentare zu »„... die Akzeptanz der Reform zu stärken“«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2009 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#784

Sehr ähnlich wie der "Stehgreif" ist auch die ungemein häufige "Gradwanderung" (SZ 18.11.09) zu beurteilen. Die Metaphern funktionieren weiterhin, gerade weil sie "tot" sind, das ursprüngliche Bild also nicht mehr vorschwebt.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.09.2009 um 16.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#776

Frankfurter Rundschau zu Reinhard Kaisers Grimmelshausen-Übersetzung:

»Witzig ist auch, dass "Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch" – so der Titel der neuen Übersetzung – der erste Titel bei "Die Andere Bibliothek" des Eichborn-Verlags ist, der in der neuen Rechtschreibung erscheint. Ausgerechnet die olle Schwarte. "Ich bin bestimmt kein Freund der neuen Rechtschreibung – aber das mussten wir machen, wenn wir uns nicht von vornherein den Schulen verschließen wollten", sagt Kaiser.« (FR online 14.8.09)

In den Schulen würde nach heutigem Stand der Dinge der Simplizissimus auch in herkömmlicher Rechtschreibung gelesen werden. Es werden ja auch die neuerdings erschienenen Originalausgaben des Werther usw. angeschafft und gelesen. Eichborn hat sich mit der Entscheidung keinen Gefallen getan. Die Reformschreibung führt ausnahmslos zu einer Qualitätsminderung.

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 15.06.2009 um 20.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#746

Nachtrag zum Stehgreif:

Herr Künzer hat diese konsequente Weiterentwicklung à la Augst schon am 5.10.2008 in eine seiner trefflichen Listen aufgenommen. Ich hinke also (wie häufig) langsam hinterher.

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 13.06.2009 um 02.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#745

Schade, nun hat die Redaktion meinen vermeintlichen Fehler korrigiert. Das ist natürlich eigentlich sehr nett, und ich bin es auch selber schuld, denn ich hatte meine "Stehgreifkomödie" nicht extra mit Anführungszeichen gekennzeichnet, aber dennoch wollte ich damit eigentlich auf die verkorkste Etymologie der Mannheimer ("Tollpatsch", "Tipp", "Zierrat", "platzieren" etc.) hinweisen. Eben darauf, daß in diesen Fällen der durchgehende Stil des etymogelnden Laien wichtiger ist als die Ernsthaftigkeit der wirklichen Herkunft eines Wortes. (In diesem Sinne bitte ich auch das Zitat aus Oscar Wildes Komödie "The Importance of Being Earnest" zu verstehen.) So wie ich auch Sick gerne Hähme kühbelweise über irgendwelche Zeitgenossen kippen lasse, müssen sich die Mannheimer nun den Griff nach der unfreiwilligen Komik im Stehen gefallen lassen.

So, nun habe ich die Pointe erklärt, wodurch der Witz bestimmt nicht besser geworden ist.

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 12.06.2009 um 23.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#744

Nein nein, Herr Albert. Solange es die Marke "Duden" gibt, wird sie uns auch mit "relaunchten" oder "reloadeten" Auflagen beglücken. Wenn ein neues Wörterbuch erscheint, zieht das andere nach. Allein, um schon den Anschluß (an was eigentlich?) nicht zu verpassen. Daß beide dann eigentlich aus dem gleichen Hause kommen, ist Ironie der Geschichte und wird als solche lediglich von unverbesserlichen Pessimisten wie uns wahrgenommen. Das ist ja gerade das Schöne an der Realsatire aus dem Hause Wahnschrieb: Die Akteure wissen gar nicht, daß sie in einer Stegreifkomödie mitwirken. Vor allem gilt: Nichts zugeben, sich keine Blöße geben, denn "[i]n matters of grave importance, style, not sincerity is the vital thing" (Oscar Wilde).

 

Kommentar von Kurt Albert, verfaßt am 12.06.2009 um 19.54 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#743

Wermke: Mehr Unsinn als Thorheit

Allein drei Aussagen in dieser kurzen Interviewpassage sind grundfalsch.

Wer sich in der Sprachberatung auskennt, weiß, daß viele Anfrager gerade froh sind über die Varianten und diesen Spielraum (der ja oft genug Unfugschreibungen der Reform zu umgehen hilft) nutzen wollen. Sicherlich möchten daneben viele einfach einen schnell zu verstehenden und leicht umzusetzenden Rat, wie man denn schreiben solle.

Zweitens ist die Formulierung "Vereinfachung ist gut, Schreibvarianten sind schlecht" eine Grobheit der Schriftkultur gegenüber und zeigt Ignoranz in der Frage, warum und mit welchem Ziel diese Varianten 2004/2005 zustande gekommen sind. (Gab es nicht auch im "alten Duden" zahlreiche Varianten?)

Drittens haben die Gelbunterlegungen im "Duden 1" keinesfalls die Akzeptanz der Reform gestärkt (mein Gott!, welche Blöße sich Wermke hier gibt), sondern vielmehr das Mißtrauen in sie.

Und die Schlußbemerkung, witzig gemeint: Das sind die Ausflüchte derer, die eine schlechte Sache mitmachen, aus Opportunismus, aus Spitzfindigkeit, aus Gott weiß was, und sich schlau herausreden wollen. Das spielt keine Rolle.

PS: Dieser Tage (Juni 2009) gibt Bertelsmann bekannt, daß der neue "Wahrig" in Zusammenarbeit mit Cornelsen (!) im Juli neu herauskommt ...! Wird uns auch die famose Dudenredaktion in den nächsten Wochen mit einer "relaunchten" Ausgabe ihres "Vorzimmerbuchs" beglücken? Oder wird vielleicht Cornelsen dies verhindern? Oder auch nicht?

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 09.06.2009 um 16.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#742

Überhaupt noch nicht amtlich geregelt ist die Getrennt- oder Zusammen- oder Bindestrichschreibung von mehrgliedrigen Inflektiven, früher Erikative genannt nach Erika Fuchs, der deutschen Übersetzerin von Donald Duck.

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 20.05.2009 um 16.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#740

Lieber Herr Stiene,

eine Ergänzung wollte ich tatsächlich liefern und dazu einen bescheidenen Erklärungsvorschlag, jedoch keineswegs eine Klarstellung. Etwas so Endgültiges steht mir hier auch gar nicht zu!

In ihren beiden ersten Zitaten (Feuerbach und Storm) wird „zurzeit“ im Sinne von „jetzt“ gebraucht. Auf die Verwendung im Sinne eines „seinerzeit“ bei Richter und Schurz wiesen Sie schon selber hin. Auch ist im zweiten Schurz-Zitat die Kleinschreibung unmöglich, da zu „Zeit“ noch ein Genitivobjekt tritt. In diesem Sinne scheint mir die Kontraktion als Bedeutungsdifferenzierung zu fungieren.

Das DWDS-Corpus listet bei einer Suche nach „zurzeit“ bis zum Jahr 1984 (also noch a. r.!) immerhin 965 Treffer auf. Meine – wohlgemerkt nur kursorische – Überprüfung ergab, daß die Kontraktion stets im Sinne von „jetzt“ gebraucht wird.

Aus meiner Suche bei zeno.org stelle ich im folgenden ein paar Beispiele hierher und lasse wiederum die philologischen Auslassungszeichen weg, kürze aber in den Sätzen selbst nicht. Von den zahlreichen Briefen Wilhelm Buschs nehme ich nur einen auf und beschränke auch die anderen Autoren jeweils auf einen Beleg, um diesen Beitrag nicht noch weiter auszudehnen. Die Erscheinungsdaten habe ich ergänzt, um meine These von der Entstehungszeit überprüfbar zu machen. Und natürlich habe ich die Texte nicht noch mit anderen, womöglich textkritischen Ausgaben oder den Erstdrucken verglichen. Aus dem 17. Jahrhundert habe ich Grimmelshausen (aus der alten Bong-Ausgabe von H.-H. Borcherdt) und aus dem 18. Jahrhundert Jacobi aussortiert.

„Auch bei uns geht es gut zurzeit – die Familie ist befriedigt und munter von Borkum zurück gekehrt.“ (Brief von Wilhelm Busch an Letty Keßler, 27.7.1905)

„Wir vom ...ten Landsturmbataillon sind der x-ten Etappen-Inspektion zugeteilt und haben zurzeit als Garnison eine kleine Stadt in Nordfrankreich.“ (Klabund, Blumentag in Nordfrankreich [Erzählung] aus: Der Marketenderwagen, 1916)

„Doch er ist zurzeit verhindert.“ (Christian Morgenstern, Antwort i. A. [Gedicht] aus: Palma Kunkel, 1916)

„Lassen wir diese Frage um so völliger auf sich beruhen, als ich zurzeit ja ungefähr vor lauter Arbeit und Kampf in der Lage jener Männer bin, die annoncieren: Wegen Mangels an Gelegenheit von Damenbekanntschaft usw. usw.“ (Ida Boy-Ed, Vor der Ehe [Roman], 1915)

„Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge auf den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächtig gewordenen Loisa Kwáßnitschka, zurzeit flüchtig, gelenkt und unter einem verfügt, die Untersuchungshaft gegen Athanasius Pernath, Gemmenschneider, dermalen noch unbescholten, aufzuheben, und das Verfahren gegen ihn einzustellen.“ (Gustav Meyrink, Der Golem [Roman], 1915)

„In großen, festen Zügen steht die Adresse da:
»Frau Charlotte v. Magnussen aus Berlin, zurzeit Innsbruck, Tirolerhof.«“ (Dora Duncker, Jugend [Erzählung], 1907)

„»Und hier«, fuhr der Kastellan, während er auf einen großen, aber leeren Goldrahmen zeigte, mit einer immer volltönender und beinah feierlich werdenden Stimme fort, »hier in diesem Goldrahmen befand sich die Hauptsehenswürdigkeit des Schlosses: der Spiegel aus Bergkristall. Der Spiegel aus Bergkristall, sag ich, der sich zurzeit in den skandinavischen Reichen, und zwar in dem Königreiche Schweden, befindet.«“ (Theodor Fontane, Cécile [Roman], 1887)

„Menschen wie ich sind vielmehr der Überzeugung, daß es zurzeit einmal wieder Problem geworden ist.“ (Otto Erich Hartleben, Hanna Jagert [Drama], 1893)

„Auch von Kniffen war die Rede, mit denen man den Spitzeln ihr Handwerk sauer machen könne. Patzke witzelte, er werde zurzeit wie ein General behandelt: Vor seinem Hause hab’ er nämlich ’nen Doppelposten, und wenn er ausgehe, folge ihm seine Leibwache.“ (Bruno Wille, Glasberg. Roman einer Jugend, die hinauf wollte [Roman], 1920)

„Das Sprichwort, daß der Apfel nicht weit vom Stamme fällt, hatte sich bei diesen beiden Herren nicht bestätigt; denn war der Vater finster, zurückgezogen, kalt und abweisend gewesen, so war der Sohn leutselig, offen, freundlich und freigebig; war jener ein grimmig fanatischer Katholik, so war der Sohn der protestantischen Lehre zugeneigt, die er freilich zurzeit noch nicht umfaßt hatte, wie seine Mutter und sein schneller handelnder Bruder Hans von Küstrin.“ (Ernst von Wildenbruch, Das Riechbüchschen [Novelle, aus der Werkausgabe von 1911, Wildenbruch starb 1909, die Novelle konnte ich leider nicht datieren])

„Dennoch hatte ich an Heiraten bisher niemals gedacht. Während meines Waldlebens fehlte mir wie die Gelegenheit, so der geziemende Platz für eine Frau; ein Bürgerlicher im Hofdienst aber bleibt naturgemäß Junggesell, und das jus hagestolziatus, wo es überhaupt oder zurzeit noch bestand, hätte für ihn außer Kraft gesetzt werden müssen.“ (Louise von François, Der Katzenjunker [Erzählung], 1871)

„Da spricht der Herr Immanuel, der Angehörige eines Volkes, das Kant, den Verfasser der Schrift ›Vom ewigen Frieden‹ hervorgebracht hat – von den »Schwarmgeistern des Pazifismus« und stellt angesichts der »sogenannten Siegerstaaten« fest: »Somit ist der Kriegsgedanke zurzeit Wahnsinn.« Zur Zeit.“ (Kurt Tucholsky, Eine neue Wehrpflicht? [Artikel], 1922)

„So beschlossen die beiden, daß Hans die Verwaltung der Herrschaft übernehmen sollte, und wußten wohl, wie verschuldet der gesamte Besitz war, so daß er zurzeit im ganzen sogar eine passive Bilanz aufwies, aber freuten sich, daß sie dadurch ein Ziel für frohe Arbeit bekamen, denn sie glaubten, daß wir nur glücklich sein können in einer angestrengten Arbeit, die einen Erfolg hat.“ (Paul Ernst, Der schmale Weg zum Glück [Roman], 1904[?] [leider konnte ich nur die zweite Auflage von 1904 bibliographisch ermitteln])

„Wenn Sie in einiger Verfassung sind, sich zu verteidigen und Ihre wunderbare Herkunft zu erklären, so sollen Sie in dieser hochgelegenen Behausung willkommen sein, und ich, die ich zurzeit das Wort führe, da mein gichtkranker Oheim das Zimmer hütet, will ernst und weise mit Ihnen zu Rat gehen über die fernere Entwicklung Ihres merkwürdigen Lebenspfades!“ (Gottfried Keller, Das Sinngedicht [Erzählung], 1881)

„Unsere Wege trennten sich, kreuzten sich hier und da wieder, wir blieben immer irgendwie in freundschaftlichem Kontakt, und es bildete sich allmählich die Tradition heraus, daß S... in angemessenen Zwischenräumen bei mir anfragte, ob mein Herz und meine Hand – sei es auch nur die Linke – zurzeit verfügbar sei.“ (Franziska zu Reventlow, Von Paul zu Pedro [Roman], 1912)

„Gestern zur Mittagszeit geht Oskar an der Michaelerkirche vorüber und lüftet den Hut. Sie wissen, daß es zurzeit kaum eine Eigenschaft gibt, die für eleganter gilt als die Frömmigkeit.“ (Arthur Schnitzler, Der Weg ins Freie [Roman], 1908)

„Daneben war gegenüber den Goten, die zurzeit noch unangefochten im Besitz der Beute standen, um die Cethegus bereits im Geiste mit dem Kaiser haderte, sein Streben dahin gerichtet, sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in Parteiungen zu spalten und eine schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten.“ (Felix Dahn, Ein Kampf um Rom [Roman], 1876)

„Sie lehnte sich gegen einen Baumstamm und sah stumm in die Höhe. Und ihre wasserhellen Augen waren jetzt so blau wie der Osterhimmel. Dann sagte sie: »Zurzeit ist sie freilich dem Kinde noch bös gesinnt, denn sie meint, daß du es lieber hast als sie. Aber wenn du ihr den Willen tust und die Scham von ihr nimmst, wird sie sich wohl mit ihm versöhnen. Außerdem bin ich ja auch noch da, und ich hab’ Kinder sehr lieb.«“ (Hermann Sudermann, Miks Bumbillis [Erzählung]in: Litauische Geschichten, 1917)

„Wollte ich auch zurzeit noch gänzlich darüber schweigen, du würdest, günstiger Leser, dennoch wohl ahnen, daß es mit dem Stiftsfräulein von Rosen schön, oder wie sie sich sonst nannte, Rosengrünschön, eine ganz besondere Bewandtnis haben müsse.“ (E. T. A. Hoffmann, Klein Zaches, genannt Zinnober [Erzählung], 1819)

„»Freilich«, bestätigte Hickel trocken; »übrigens kann ich Ihnen sagen, daß das Sterben zurzeit nicht der beste Einfall von Ihnen wäre. Da könnte man unter Umständen auf Ihrem Grabstein lesen: Hier liegt der Betrüger Caspar Hauser.«“ (Jakob Wassermann, Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens [Roman], 1908)

„Dann saß ich wieder wochenlang in Bauernhöfen herum, baute monumentale Lodenhosen und Janker, wölbte auch manche Weiberjoppe ohne Wattebedarf und verachtete mich ein wenig. Ich hatte etwas geschrieben, das ich eigentlich gar nicht meinte, etwas gesungen, wovon ich zurzeit noch blutwenig spürte. Ich fürchtete und hoffte, daß meine Verse Verwendung finden könnten.“ (Peter Rosegger, Eine Herzensangelegenheit [autobiographische Erzählung], 1877)

Überall könnte man wohl „zurzeit“ durch „jetzt“ oder „momentan“ ersetzen.

 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 20.05.2009 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#738

Lieber Herr Höher, verbindlichen Dank für die Ergänzung und Klarstellung!

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 20.05.2009 um 13.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#737

Befummelte Orthographie hin oder her, wenn man bei zeno.org nur in deutscher Literatur nach "zurzeit" sucht, dann erhält man ungefähr 80 Treffer, die bis auf zwei Ausnahmen von Autoren des 19. Jahrhunderts stammen. Erweitert man den Suchraum, so gesellen sich noch zahlreiche Treffer aus Briefen Wilhelm Buschs dazu, die sogar aus der historisch-kritischen Ausgabe allesamt in Originalorthographie erscheinen.

Obwohl ich damit auf einer wackligen empirischen Grundlage stehe, scheint mir doch diese Kontraktion eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts zu sein. Autoren wie Goethe, Schiller, Hölderlin, Lessing, Wieland, Brockes usw. favorisieren die Getrenntschreibung "zur Zeit" (das habe ich kursorisch überprüft). Regionale Gemeinsamkeiten kann ich bei E. T. A. Hoffmann, Anzengruber, Keller, Storm, Hartleben, Klabund, Thoma und Tucholsky auch nicht finden, die diese Schreibweise rechtfertigen würde. Womöglich hat sie sich daher im 19. Jahrhundert ausgebildet und wurde dann durch die erste Rechtschreibreform wieder in ihre Bestandteile zerlegt. Dann würden zumindest Klabund, Thoma und Tucholsky gegen Duden geschrieben haben, was ja auch möglich ist.

 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 20.05.2009 um 10.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#736

Es liegt mir gänzlich fern, der Schreibung „zurzeit“ das Wort zu reden, und ich selbst habe sie auch noch niemals gebraucht. Trotzdem möchte ich hier ein paar zufällig gefundene, der Reformschreibung ganz unverdächtige Belege versammeln. Dokumentiert ist natürlich nur die Schreibung im Druck; ob sie mit der Originalschreibung des jeweiligen Verfassers übereinstimmt, müßte im einzelnen geprüft werden. Denn daß alle angeführten Autoren des 19. Jahrhunderts in den Ausgaben des 20. Jahrhunderts grundsätzlich orthographisch befummelt sind, versteht sich von selbst.

– Anselm Feuerbach. Ein deutscher Maler: Leben, Briefe, Aufzeichnungen. Hg. von Karl Quenzel, 3. Aufl., Leipzig 1929, S. 374: „Ich bin wohl und zurzeit zu allem bereit.“
– Theodor Storm an Gottfried Keller, 9. Juni 1880 (Der Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Gottfried Keller. Vorwort v. Peter Goldammer, 2. Aufl., Berlin/Weimar 1967, S. 53): „Zurzeit sehe ich aus einer geräumigen Interimswohnung dem Baue meines kleinen Landsitzes zu.“

Anders zu bewerten ist „zurzeit“ in der (anscheinend außer Gebrauch gekommenen?) Bedeutung „seinerzeit“, „gerade“ bei:
– Ludwig Richter, Lebenserinnerungen eines deutschen Malers, hg. und ergänzt von Heinrich Richter, Leipzig o. J. (1909?), S. 475: „Das Telegramm kam vom Dresdener Oberbürgermeister aus München, wo selbiger sich zurzeit befand.“ (Vgl. dieselbe Formulierung S. 704.)
– Carl Schurz, Lebenserinnerungen, I. Band (Gernsbach 1970), S. 60: „Ich erinnere mich besonders lebhaft zweier Vorfälle, die zurzeit einen tiefen Eindruck auf mich machten.“ – S. 286: „mit derselben unbeherrschbaren Begeisterung, die mich zurzeit überwältigt hatte.“ Aber ebd., S. 17: „Mein Großvater ... hatte zur Zeit meiner ersten Erinnerung ungefähr sein sechzigstes Jahr erreicht.“

Ergänzen möchte ich, daß ich für die Schreibung „mithilfe“ bisher in der älteren Literatur keinen Beleg gefunden habe. Offenkundig eine Reagenzglas-Kreatur unserer Reformalchimisten.

Schließlich nutze ich das Postscriptum, um zwei Bücher zu erwähnen, die ganz frisch in unreformierter Schreibung erschienen sind:
– Richalm von Schöntal, Liber revelationum. Hg. von Paul Gerhard Schmidt (MGH, Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters, 24), Hannover (Hahnsche Buchhandlung) 2009.
– Gervasius von Tilbury, Kaiserliche Mußestunden. Otia imperialia. Eingeleitet, übersetzt und mit Anmerkungen versehen ... vom Verf. dieser Zeilen. Erster Halbband (Bibliothek der mittellateinischen Literatur, 6), Stuttgart (Anton Hiersemann) 2009.

 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 18.05.2009 um 14.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#735

Vor der Reform stand im Duden:
zur Zeit schweiz. meist u. österr. zurzeit
mit Hilfe

Seit der Reform steht im Duden:
zurzeit
mithilfe, mit Hilfe
(zurzeit und mithilfe in Rotdruck für "neue Schreibweise")

Daran haben die bisherigen Revisionen nichts geändert. zurzeit war und ist also seit der Reform obligatorisch, mithilfe war und ist seit der Reform eine Option neben mit Hilfe. Leider kein Gläschen Sekt.

Herr Bolz hat aber mit der Beobachtung recht, daß sich zur Zeit nicht ausrotten läßt. Im Rahmen kommender Revisionen sollte diese völlig einwandfreie Schreibweise wiederzugelassen werden. Dann können wir anstoßen.

 

Kommentar von R. H., verfaßt am 12.05.2009 um 18.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#734

Apropos "einst obligatorisch": Gilt zurzeit inzwischen wirklich wieder – wie im letzten Normalduden – als Variante? Das wär ja ein Gläschen Sekt wert! (Ich fürchte nur, es wird nichts draus.)

 

Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 12.05.2009 um 09.56 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#733

Mir fallen dazu noch die einst obligatorischen mithilfe und zurzeit ein, die mittlerweile schon wieder weitgehend vergessen sind.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2009 um 09.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#732

Wermke ist weisungsgebunden und kann daher nur mehr oder weniger peinliche Eiertänze aufführen. Die gelb unterlegten Empfehlungen sind ein ständiger Protest gegen die Reform und können schon deshalb kein Vertrauen in die Reform wecken, höchstens Vertrauen in den Duden, aber das scheint ja auch schiefzugehen.
Was die Varianten betrifft, so hat Lutz Götze wohl den Vogel abgeschossen, als er vor zehn Jahren in der Bertelsmanngrammatik schrieb:
„Unsicherheiten in der Schreibung bei teilweise lexikalisierten Formen wie anstellevon/an Stelle von, aufgrund von/auf Grund von sind unnötig; beide Formen sind normgerecht.“ (S. 312)

Aber die Unsicherheit kommt gerade daher, daß man nie weiß, bei welchen Zusammenrückungen die Schreibweise freigestellt ist und bei welchen nicht: zuliebe/zu Liebe? usw.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.05.2009 um 12.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#731

Im übrigen (Übrigen?) glaube ich, daß Hochdeutsch einfach zu schwierig ist und deshalb in ganz Deutschland durch das Bairisch Georg Lohmeiers ersetzt werden sollte. Das beherrschen in Bayern schon die kleinen Bauernkinder und muß deshalb leichter erlernbar sein.

 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 11.05.2009 um 03.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#730

Durch die Nacharbeiten am neuen Regelwerk gibt es jetzt mehr Schreibvarianten, das ist nicht im Sinn der Schreibgemeinde. Deswegen haben wir in der 24. Auflage des Rechtschreib-Dudens Empfehlungen ausgezeichnet. Wir leisten damit einen Beitrag, die Akzeptanz der Reform zu stärken.

Das ist wieder einmal irreführend und heftig zugunsten der Reform verdreht. Zu viele Varianten gab es nämlich nicht erst durch die "Nacharbeiten" am neuen Regelwerk, sondern durch dieses selbst. Deshalb hätte der Duden gleich 1996, also zehn Jahre früher, mit seinen farbigen Empfehlungen loslegen können. Die Reparaturarbeiten hingegen haben vor allem Varianten zugelassen oder wiederzugelassen, deren Anerkennung unvermeidlich war. Ein wesentlich größerer Beitrag zur Akzeptanz wäre es, jene wirklich überflüssigen, störenden Varianten zu kassieren, die von der Reform der Gemeinschaft überhaupt erst aufgenötigt wurden. Das kann freilich der Duden nicht auf eigene Faust leisten, aber er hat sich meines Wissens auch nicht im Rat für Rechtschreibung dafür starkgemacht.

Der Duden hat bei der Wahl seiner Empfehlungen nur zur Hälfte auf die Präferenz der Schreibenden geachtet, oft genug hat er gegen die mehrheitlichen Wünsche und zugunsten reformierter Varianten entschieden.

Und die größte, sinnloseste Variantenflut gibt es bekanntlich bei den Trennungen. Wo sind da bitte die segensreichen Dudenempfehlungen? Es wäre ohne weiteres möglich, einwandfreie und zu bevorzugende Trennstellen anders zu kennzeichnen als minderwertige, zu meidende Trennstellen: hier der bekannte senkrechte Strich an der Trennstelle, dort zum Beispiel ein in der Mitte unterbrochener senkrechter Strich. Noch viel besser wäre es, wie gesagt, die unbrauchbaren Reform-Trennstellen größtenteils wieder einzumotten. Herr Wermke, bitte: Taten statt Worte!

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 09.05.2009 um 14.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=151#729

Noch in den 80er Jahren konnte man regelmäßig sehen, hören und lesen: "Bauknecht weiß, was Frauen wünschen." Das bezog sich – heute nicht mehr unbedingt nachvollziehbar – auf die Vorzüge von Waschmaschinen.
Heute könnte man entsprechend sagen: "Duden weiß, was die Schreibgemeinschaft wünscht." Das ist schon ganz unmittelbar nicht mehr nachvollziehbar, zumal der Duden überhaupt keine Vorzüge mehr hat. Es sei denn, man sieht Vorzüge in gelbunterlegten Empfehlungen, die sich offenbar auf geheime empirische Erhebungen gründen.

Belustigend ist für mich zudem das offene Eingeständnis Wermkes, daß die Reform(en) nicht akzeptiert werden. Wie verblendet muß man eigentlich sein, um solch ein Armutszeugnis in der Öffentlichkeit abzugeben?

 

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