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08.09.2004
 

Reinhard Markner
Ohne Erfolgskontrolle

Über die Auswirkungen der Rechtschreibreform auf den Schreibunterricht wollen die Kultusminister lieber nichts wissen.
Die hessische Kultusministerin Karin Wolff ist sich ihrer Sache weiterhin sehr sicher: „Die schulischen Erfahrungen mit der Rechtschreibreform sind eindeutig positiv“, verkündet sie in einer kürzlich von ihr herausgegebenen Broschüre. Die Lehrer hätten „bei Befragungen, Untersuchungen und Erhebungen in verschiedenen Ländern jeweils mit überwältigender Mehrheit erklärt, dass die neuen Regeln leichter zu erlernen und besser zu vermitteln sind“.

Solche Aussagen sind es, die Harald Marx zunehmend kirre machen. Die deutschen Lehrer seien „diagnostisch nicht sehr bewandert“, wie zuletzt die PISA-Studie erwiesen habe. Man müsse sich schon die Mühe machen, die Schreibleistungen der Schüler selbst zu überprüfen. Aber das hat noch kein Ministerium getan.

Marx ist Professor für Pädagogische Psychologie in Leipzig. Seit acht Jahren untersucht er die Auswirkungen der Rechtschreibreform auf den Schreibunterricht an deutschen Schulen. Er hat darüber auf wissenschaftlichen Kongressen ebenso berichtet wie gegenüber Journalisten. Anfragen aus den Kultusministerien haben ihn jedoch noch nie erreicht.

Rund 1200 Schüler von der zweiten bis zur vierten Klasse haben mittlerweile das immergleiche Diktat geschrieben, einen Lückentext, in den 44 Wörter eingefügt werden müssen. Die Ergebnisse stellen der Reform kein gutes Zeugnis aus, ist doch die Zahl der Fehler seit 1996, als die neuen Schreibungen an den Schulen Einzug hielten, um bis zu 22 Prozent gestiegen. Das betrifft, wie Marx hervorhebt, gerade auch die besonders häufigen ss-Schreibungen. Die Schüler schreiben zwar jetzt „Schloss“ statt „Schloß“, aber sie schreiben auch „Fuss“ statt „Fuß“, und zwar immer öfter. Vielleicht haben sie die neue Regel gelernt, aber sie wissen sie jedenfalls nicht anzuwenden – so wie all jene Erwachsenen, die ihre Briefe „mit freundlichen Grüssen“ schließen.

Eine „interessante Studie“ sei das, bestätigt Karl Blüml, Stadtschulrat in Wien und Vorsitzender der vor ihrer Auflösung stehenden Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung. Aber heute, „nach so kurzer Zeit“, dürfe man die orthographischen Fähigkeiten der Schüler noch nicht überprüfen. Man solle damit warten, bis die ersten Kinder des Einschulungsjahrgangs 1996 ihre Matura oder ihr Abitur gemacht hätten. Es sei ja alles „eine Sache der Umgewöhnung“ und ein Test zum gegenwärtigen Zeitpunkt deshalb eigentlich „nicht seriös“.

Harald Marx ist nicht nur Dekan der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, er ist auch Herausgeber des „Jahrbuchs der pädagogisch-psychologischen Diagnostik“ und der Buchreihe „Deutsche Schultests“. Seriöser geht es nicht. Nachdem er 1999 die Resultate der ersten Testreihe veröffentlicht hatte, bat ihn die Rechtschreibkommission denn auch ausdrücklich, seine Untersuchungen fortzuführen. Am 9. November 2001 war er bei den Reformern in Mannheim zu Gast. Eine „muntere Diskussion“ sei das gewesen, erinnert sich Marx. In den dritten Bericht der Kommission – Berichtszeitraum: 1. 1. 2000 bis 31. 12. 2001 – sind ihre Ergebnisse nicht eingeflossen. Er trägt auf dem Titelblatt den Vermerk: „Redaktionsschluss: 8. November 2001“.


Link: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2004/0909/feuilleton/0055/index.html


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Kommentare zu »Ohne Erfolgskontrolle«
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Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 10.09.2004 um 08.42 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=93#22

Genial, so eine Persönlichkeitsspaltung!
Erst verkündet man als "Reformer", man solle mit einer Erhebung warten, bis die ersten Kinder des Einschulungsjahrgangs 1996 ihre Matura oder ihr Abitur gemacht hätten. Wenn diese lange Zeit dann vorüber ist, hört man aus denselben Mündern, jetzt sei es zu spät, man könne den armen Schülern nicht erneut zumuten, alles neu zu lernen ...



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