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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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04.08.2015
 

Rechtschreiben ist beliebig geworden
Leserbriefe

Das darf doch nicht wahr sein. Jetzt nach zehn Jahren kommt der damalige Kultusminister Zehetmair darauf, dass die Rechtschreibreform überflüssig war.

Mein Gott, ich habe mich halt ein wenig getäuscht. Weiß der Minister a. D. eigentlich, was er angerichtet hat? Heute ist Rechtschreiben mehr oder weniger beliebig geworden. Das Schlimmste aber ist, dass durch Neudrucke Unsummen von Geldern verschleudert wurden. Es sind ja nur Steuergelder. „Das sollte nie mehr vorkommen, die Lektion haben alle gelernt“, meint Zehetmair. Und damit hat sich’s. Ich bin dann kurz mal weg in Pension.

Fritz Tischer München

Herzlichen Dank für die Zuschrift von Herrn Ertl. Er spricht genau den Kernpunkt an. Zehetmair lächelt und meint: „Nun ja, da hab‘ ich mich eben getäuscht.“ Kein Wort der Entschuldigung, dass er schuld war, und sinnlos Gelder verpasst wurden. In Firmen werden Schuldige haftbar gemacht. Warum gilt das nicht für die Politik?

Wolfgang Sellinger Eichstätt

Die Katze ist aus dem Sack. Die Karten liegen auf dem Tisch. Nach einer zehnjährigen Anlaufzeit wird die zu Recht als völlig überflüssig (Zehetmair) erkannte Rechtschreibreform in ein neues Licht gerückt. Es hat sich bestätigt, dass das seinerzeit von einem 39-köpfigen Experten-Gremium erarbeitete Werk trotz vieler Ungereimtheiten und Inkonsequenzen und das schließlich verabschiedete Regelwerk und die damit geschaffenen Regeln sozusagen auf Bewährung erlassen wurden. Und jetzt nur noch Makulatur? Schade um das viele Papier und Geld, das diese vom Inhalt her nichtsnutzige Reform schon verschlungen hat. Makulatur hat auch ihren Preis. Wie gehen die Verlage damit um? Wer garantiert uns denn, dass nach weiteren zehn Jahren nicht wieder jemand auf die glorreiche Idee kommt, einer dann auch wieder neuen Rechtschreibreform ein As aus dem Ärmel zieht und ein neues Chaos verursacht. Herr Vordemann regt in seinem Begleitwort als eine wirkliche Schreiberleichterung an, im Deutschen die Groß- und Kleinschreibung, wie sie in England, Frankreich und Italien üblich ist, einzuführen. Aber da ist Vorsicht geboten, um Missverständnissen vorzubeugen. Nur ein Beispiel: „Sie hat in Moskau liebe genossen.“

Fred Hufnagel Seefeld

Ein Dankeschön für die treffende Zuschrift von Hans-Jörg und Franziska Vogel vom 3. August 2015. Sie sprechen etwas ganz Wesentliches aus. Bücher, vor allem Kinderbücher, wurden aus dem Verkehr gezogen. Es entstand sowohl ein finanzieller als auch kultureller Verlust ohnegleichen. Und was sagt der löblich Einsichtige, der damals trotz erbitterten Widerstands so kluger Leute wie Friedrich Denk stur blieb mit lächelndem Antlitz: „Ich habe mich halt ein wenig getäuscht. Und ich bin dann mal kurz weg.“ Fürwahr ein schönes Vorbild eines Schulministers für unsere Jugend.

Frank Tetzner Hochdorf

„Späte Einsicht“ und „Blödsinnige Reform“; Leserbriefe 3. August und 31. Juli, „Rechtschreibreform war überflüssig“; Titelseite 30. Juli


Quelle: merkur.de
Link: http://www.merkur.de/lokales/leserbriefe/leserbriefe/orthographie-rechtschreibung-reform-5318325.html


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Kommentare zu »Rechtschreiben ist beliebig geworden«
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Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 07.08.2015 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=726#10184

Der Thienemann Verlag war mal ganz mutig, und prompt muß die taz (Ausgabe von heute) sich über das Negerkind Jim Knopf echauffieren. Da könnte man sich die Haare raufen, wenn dieses Käseblatt es noch wert wäre. Der Höhepunkt kommt dann zum Schluß:
Der Thienemann Verlag muss laufend entscheiden, ob er Kindern und ihren Vorlesern [keine Vorleserinnen!] ein möglichst antirassistisches Erlebnis im Sinne Michael Endes bietet, oder sich an den ursprünglichen Autorentext klammert. Der Verlag hat entschieden, weder das eine noch das andere zu tun, denn die Jubiläumsausgaben erscheinen in neuer Rechtschreibung. Ungefragt, denn die entstand ja erst ein Jahr nach Endes Tod.
Und so bleibt "Jim Knopf" an das weiße Herr-Ärmel-Bürgertum gerichtet, das zwar leidenschaftlich darüber streiten kann, ob Rassismen denn wirklich welche sind, aber kein Eszett an der falschen Stelle toleriert.
Ein " Eszett an der falschen Stelle" ist so selten, daß es wohl eher wie ein exotisches Insekt aufgespießt wird. Aber als taz-Autor muß man ja nicht wissen, worüber man schreibt.



Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 05.08.2015 um 17.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=726#10176

Abgesehen von »g/Gut und b/Böse« werden auf dem Foto Schreibweisen von 1996 solchen von 2006 gegenübergestellt. Man muß die Überschrift wohl wörtlich nehmen: wir sehen links die alte neue Rechtschreibung und rechts die neue neue Rechtschreibung.


Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 05.08.2015 um 15.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=726#10175

Apropos: Das dpa-Foto zum jW-Artikel ist schon interessant! "Jemandem freund sein", "das ist klasse" usw. als neue Schreibweisen? Das wäre ja mal was!


Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 05.08.2015 um 15.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=726#10173

Im Ergebnis wurde eine komplizierte und widersprüchliche Rechtschreibung ersetzt durch eine komplizierte und widersprüchliche Rechtschreibung.
Doch muss seit 2005 eine Rechtschreibung unterrichtet werden, die schlechter ist als die vorige und immer noch von der Sprachgemeinschaft abgelehnt wird.
Warum also der Unsinn? Am Beginn, 1980, gehörte zu den ehrenwerteren unter den Zielen, Bildungsschranken zu beseitigen. Doch können soziale Probleme nur sozial gelöst werden, nicht durchs Herumpfuschen an Bildungsvorgaben.
Warum das Gemäkel? Das sind doch klare Aussagen, denen wir vermutlich nicht widersprechen werden. Und gerade die junge Welt hält ja bis auf den Sündenfall mit Pseudo-Heyse tapfer an der bewährten Rechtschreibung fest, bis hin zu Feinheiten wie den Trennungen Flek-ken oder Hekt-ar.


Kommentar von Oberbayerisches Volksblatt, 5. August 2015, verfaßt am 05.08.2015 um 13.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=726#10171

Rechtschreib-Katastrophe

Die Orthographie-Reform und ihre Folgen. Die vor zehn Jahren in Kraft getretene Rechtschreibreform sei „überflüssig“ gewesen, befand dieser Tage ihr Mit-Erfinder, Bayerns Ex-Kultusminister Zehetmair.

Überflüssig? Das ist der Euphemismus des Jahres. Die Reform war eine Katastrophe, und noch immer stehen wir fassungslos vor den rauchenden Trümmern: Vergleichsstudien zeigen, dass die Rechtschreibfähigkeiten von Schülern seit Inkrafttreten des neuen, „modernen“ Regelwerks (und dessen späterer Teil-Rücknahme) dramatisch nachgelassen haben. Heute ist nur noch jeder fünfte Neuntklässler in der Lage, fehlerfreie Texte zu verfassen. Die Misere setzt sich an den Unis fort, wo Dozenten klagen, es fehle den Studenten an Grundkenntnissen der Grammatik und Syntax .

Ziel der Reformer war es, bildungsfernen Schichten durch eine vereinfachte Rechtschreibung den Aufstieg zu erleichtern. Damit sind sie gescheitert, und zwar grandios: Neue Freiheiten, etwa in der Getrennt- und Zusammenschreibung, haben gerade Bildungsferne in ihrem irrigen Glauben bestärkt, alles sei erlaubt (heute liest man: „nach der Augenoperation kann der Patient wiedersehen“ statt „wieder  sehen“). Das Ergebnis ist Chaos, und die Erkenntnis: Keine Reform und keine Gleichmacherei kann verhindern, dass die Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift elementar ist für den sozialen Aufstieg.

Mit ihrem Überfall auf den Kulturschatz Rechtschreibung haben die Sprach-Marxisten leider nicht nur nichts erreicht, sondern an anderer Stelle erheblichen Schaden angerichtet. Eine ausdifferenzierte Orthographie dient(e) dazu, lesefreundliche Texte zu verfassen – und nicht dazu, den Schreibenden das Leben möglichst leicht zu machen. „Schiefgehen“ meint eben etwas anderes als das (im Zuge der Schreibreform zeitweise verlangte) „schief  gehen“.

(...)

(www.ovb-online.de)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.08.2015 um 12.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=726#10170

Am schönsten ist der Schluß:

Die Geschichte der Rechtschreibreform markiert damit den Weg von wohlmeinendem Egalitarismus zu neoliberaler Barbarei.

Hätten Sie's gewußt? Die Reform als "neoliberale Barbarei"!

Man ist gegen den Neoliberalismus, also muß alles, wogegen man außerdem noch ist, neoliberal sein. (Aber man macht mit...)


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 05.08.2015 um 10.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=726#10169

Zwei Tage später sieht es dortselbst bei Kai Köhler nicht besser aus. Wie sehr sich doch die Mär von der Vereinfachung bzw. leichten Erlernbarkeit hält!


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.08.2015 um 06.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=726#10168

Anfang August des Jahres 2005 wurde in Deutschland etwas erlassen, das „Rechtschreibreform“ genannt wurde.

So beginnt das Gefasel von Wiglaf Droste in der Jungen Welt vom 3.8.15.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.08.2015 um 05.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=726#10167

Alles gut und richtig, aber leider setzt sich die Zahl 10 fest. Es sind 19, liebe Leute, und für Zehetmair kann man 20 sagen, denn 1995 hat er sich erstmals mit der Reform beschäftigt.

(Ich komme auch deshalb nicht darüber hinweg, weil es 20 Jahre meines Lebens waren...)



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