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02.08.2015
 

Recht schreiben, so wie es euch gefällt?
Bilanz der Reform

Seit 1. August 2005 ist an unseren Schulen die neue Rechtschreibung Standard. Der Zankapfel in einer Jubiläumsbilanz.

Ende 2004 trat in Mannheim der Rechtschreibrat zur konstituierenden Sitzung zusammen. Sein erklärtes Ziel: Nichts Geringeres als die Wiederherstellung des "Sprachfriedens", (angeblich) bedroht durch den 1996 vorgelegten Regeltext für die neue deutsche Rechtschreibung.

Stichtag 1. August 2005

Am 1. August 2005 trat die Rechtschreibreform im Schulunterricht offiziell in Kraft: Per 31. Juli 2005 endete die siebenjährige Übergangsfrist für die Einführung der neuen Rechtschreibung und die festgelegte "Doppelkorrektur": Zuvor waren jene Schreibungen, die nicht der Neuregelung entsprachen, von Lehrern zwar zu markieren, aber nicht als Fehler zu bewerten gewesen. Die Rechtschreibreform war rasch ein Zankapfel erster Güte – von vielen begrüßt als überfälliges Entstauben der deutschen Sprache und Orthografie, von anderen als Untergang des Abendlandes, als Fallobst für Reformwütige gefürchtet. 1996 unterschrieben auf der Frankfurter Buchmesse 100 Autoren (darunter Siegfried Lenz und Günter Grass) eine emotionale Erklärung für einen Reformstopp. 1998 bescherten die Wirrnisse um die Frage, was gelten werde und was nicht, dem Duden Umsatzeinbußen.

Auch 2015 negieren Verlage noch resolut die "neuen" Regeln. Heute, zehn Jahre nachdem die neue Rechtschreibung amtlich wurde, darf also bilanziert werden. Rudolf Muhr, Linguist an der Universität Graz (Forschungsstelle Österreichisches Deutsch), hält fest, dass die Reform so sinnlos wie sie notwendig war: "Die Rechtschreibreform ist gescheitert, weil nicht echte Lern- und Schreibschwierigkeiten geändert wurden, sondern Marginalien und zusätzliche Probleme geschaffen wurden." Nur die Änderungen bei "dass" und "daß" stünden für die Schüler auf der Plusseite. Die "Schifffahrt" war für viele zum Kentern verdammt, die Schreibweise "Gräuel" sorgte für Grauen, und einiges war dem Volk hier zu "schnelllebig". 2004 sprachen sich 62 Prozent der Österreicher für eine Rückkehr zur alten Schreibweise aus. 2006 griff man dann tatsächlich teilweise das alte Regelwerk wieder auf. Die Konfusion war damit formvollendet – das Streben, Sprache zu modernisieren, bloß bedingt.

Formal notwendig

Sinnlose Kosmetik mit dem Schmirgelpapier also? "Nein, eine Normierung der orthografischen Form einer Schriftsprache ist notwendig, weil dies in dieser industriell-technischen Welt Grundvoraussetzung für die korrekte Beschreibung von Sachverhalten ist" meint Muhr. Allein: Bis auf Ausnahmen sei mit dieser Reform keine Erleichterung verbunden. "Das haben unsere Untersuchungen von 5000 Schülertexten gezeigt", so der Sprachexperte. Dort, wo die Regeln diffus sind (Groß- und Kleinschreibung oder Zusammen- und Getrenntschreibung), regiert ein Mischmasch. Das sieht auch Gerhard Ruiss von der Interessengemeinschaft der Autoren so: "Statt Klärungen in Zweifelsfällen herbeizuführen und Regeln zu vereinfachen, hat sie neue Zweifelsfälle und falsche Schreibungen geschaffen, die zurückgenommen werden mussten oder die jetzt als verordnete Variantenschreibungen existieren.

Die Reform war und ist überflüssig. Sie hat nicht einmal das Ziel erreicht, die Fehlerhäufigkeit zu verringern." Vielmehr hätten "Hausorthografien" sämtliche Schreibverbindlichkeiten aufgelöst. Recht schreiben – ganz, wie es euch gefällt also? In den letzten Jahren hat sich durch "smarte Phones" eine neue Dimension aufgetan: Die Frage, wie und welcher Orthografie folgend man schreibt, scheint – Dauerwischen auf Bildschirmen geschuldet – überlagert worden zu sein durch die Frage, was man schreibt. Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rechtschreibrates, sieht die deutsche Sprache "verkommen" und kritisiert vor allem deren Oberflächlichkeit: "Wenn man heute statt 'Hab dich lieb', dann ist das stark simplifiziert", wettert er.

Muhr sieht das österreichische Deutsch indes nicht in Gefahr: "Unsere Heimatsprache wird sich weiterentwickeln. Die Menschen verbinden damit einen Gutteil der persönlichen und sozialen Identität. Durch Zuwanderung wird der Zwang zur Berücksichtigung des eigenen Deutsch zunehmen und der Einfluss des Englischen zurückgehen."
Dafür, dass Sprache auch atmen muss, spricht die Tatsache, dass gleich 5000 neue Begriffe Aufnahme in die letzte Auflage des Dudens fanden: Auch "Compi", "App" und "Vollpfosten" sind nun ganz offiziell Deutsch.


Quelle: Kleine Zeitung
Link: http://www.kleinezeitung.at/s/chronik/international/4791452/Bilanz-der-Reform_Recht-schreiben-so-wie-es-euch-gefaellt


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Kommentare zu »Recht schreiben, so wie es euch gefällt?«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.08.2015 um 04.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=725#10165

Ich erinnere noch einmal an Horst Haider Munskes Entsetzen, als er erkannte, daß die Zeit bis 2005 nicht der Erprobung der Reform dienen sollte, sondern bloß der Umstellung auf die als endgültig angesehene. Die Reformer hatten tatsächlich die Absicht, an der Neuregelung in der Fassung von 1996 nichts mehr zu ändern. Wie zäh es weiterging, gegen ihren Widerstand zwei halbe Revisionen durchzusetzen, wissen wir ja noch. Inzwischen sieht die Reform recht harmlos aus, zumal alles von der s-Schreibung überwuchert wird, aber man sollte sich ab und zu das ganze Ausmaß der Zumutung von 1996 vor Augen halten. Sie war es, mit der die Kultusminister tatsächlich bis vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen wagten (und recht bekamen, Gott sei's geklagt!).


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 05.08.2015 um 01.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=725#10164

Reale Jahreszahlen zur Reform:
1996 Wiener Absichtserklärung und vorgezogene Einführung der Urreform an den meisten Schulen
1998 allgemeine Einführung der Urreform
2004 Revision der Urreform
2006 Revision der Version von 2004
2010/2011 Nachträge zur Version 2006

2005 endete an Schulen nur die Übergangsfrist für die damals sogenannt „unstrittigen“ Teile der damaligen Version 2004 (z. B. Stängel, dass). Der Rest sollte erst noch vom Rat überarbeitet werden – zu Beginn der Überarbeitung wurde sogar verlautet, daß sich der Rat nicht an den Formalismus „strittig – unstrittig“ halten werde, was letztlich 2006 dann aber unter politischem Druck doch geschah.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 04.08.2015 um 18.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=725#10162

Zu Herrn Strassers Frage siehe auch hier: www.fds-sprachforschung.de/index.php?show=news&id=721#10145.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2015 um 18.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=725#10161

Ich habe auch schon in meinen Erinnerungen gekramt, um herauszufinden, warum jetzt "10 Jahre RSR" begangen werden. In der offiziösen Chronologie des Rechtschreibrates ist für 2005 nichts Besonderes vermerkt. Bleibt also nur, daß in der Wiener Absichtserklärung eine Übergangszeit bis 2005 festgelegt war:

Folgender Zeitplan wird in Aussicht genommen:
1. Die Neuregelung der Rechtschreibung soll am 1. August 1998 wirksam werden.
2. Für ihre Umsetzung ist eine Übergangszeit bis zum 31. Juli 2005 vorgesehen.


Beide Jahreszahlen waren praktisch ohne Bedeutung. In den Schulen der deutschsprachigen Länder wurde die Reform nahezu ausnahmslos 1996 eingeführt, sehr rabiat zum Beispiel in Zehetmairs Machtbereich. Die Kultusbürokratie glaubte damals ebenso wie die Reformer selbst, sie hätten es endgültig geschafft und die neuen Regeln stünden wie in Erz gegossen. Daher die Wut, als wir ihnen umgehend die Fehler vorrechneten, die eine Revision unausweichlich machten.

Nächstes Jahr werden wir den 20. Geburtstag der Rechtschreibreform feiern, das steht schon fest.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 04.08.2015 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=725#10160

Was geschah eigentlich im derzeit immer wieder zitierten Jahr 2005?

Meiner Erinnerung nach sollten 2005 jene Teile der Reform 1998 in Schulen verbindlich werden, die 2004 revidiert wurden und die nicht Gegenstand der Überarbeitung durch den Rechtschreibrat waren. Die Überarbeitung durch den Rat wurde erst im Frühjahr 2006 beschlossen und sollte mit weiterer Übergangsfrist ab dem Schuljahr 2006/2007 vermittelt werden.

Wenn also derzeit alle von 10 Jahren Rechtschreibreform schreiben, zeugt das entweder von schlechtem Gedächtnis oder zumindest von mangelnder Recherche. 2005 war bezogen auf das Endergebnis ein relativ unbedeutender Zwischenschritt.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2015 um 06.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=725#10156

Wenn hier wie fast überall das "Zehnjährige" der Reform begangen wird, so entspricht dies der Strategie des IDS und des Rechtschreibrates (s. Website), die eigentliche Reform von 1996 tunlichst zu verschweigen. Es ist aber für den Hergang wesentlich, daß fast alle Schüler im deutschsprachigen Raum bereits seit 19 Jahren reformiert schreiben müssen. Das Handstreichartige der Einführung im Sommer 1996 gehört zur Sache. Es lieferte wie beabsichtigt das schlagendste, wenn auch lügenhafte Argument der Reformer: "Die Schüler schreiben schon reformiert, ein Zurück ist ihnen nicht zuzumuten."

Hat denn alle Welt schon vergessen, daß es so war?



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