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01.08.2015
 

Heike Schmoll
Chaos im Schreiben und Denken

Zehn Jahre nach der offiziellen Einführung der Rechtschreibreform ist die Bilanz dieses obrigkeitlichen Gewaltaktes so ernüchternd wie eh und je. Sie hat ruinöse Folgen für Sprache und Denken.

Zehn Jahre nach der offiziellen Einführung der Rechtschreibreform ist die Bilanz dieses obrigkeitlichen Gewaltaktes der Kultusbürokratie an der Sprache so ernüchternd wie eh und je. Die Rechtschreibreform hat nichts vereinfacht, die Fehler bei „dass“ und dem Relativpronomen „das“ haben sich vervielfacht und niemand wird behaupten können, das liege nur an den Rechtschreibprogrammen der Computer. Ganz im Gegenteil: Ausgerechnet die Kultusminister haben Schülern gegenüber mit langfristigem Erfolg den Eindruck vermittelt, Orthographie sei weniger wichtig, Zeichensetzung weitgehend dem eigenen Stilempfinden überlassen. Inzwischen werden sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr los und müssen feststellen, dass Kinder am Ende der Grundschulzeit nicht einmal die kulturellen Standardtechniken beherrschen.

Der Schaden an der Sprache wiegt weit schwerer. Was Sprachwissenschaftler, Rechtschreibkritiker und nicht zuletzt die Frankfurter Allgemeine Zeitung von Anfang an befürchteten, ist eingetreten. Die Rechtschreibreform hat ausgerechnet in einer Zeit, in der Gleichmacherei ohnehin auf allen Ebenen eingesetzt hat, zu einer sinnentstellenden Entdifferenzierung der Sprache geführt. Das gilt in besonderem Maße für die Getrennt- und Zusammenschreibung. Viele der feinen Unterschiede sind geradezu sprachlich und gedanklich planiert worden.

Die Verantwortung dafür tragen die Kultusminister, die vor zwanzig Jahren die Rechtschreibreform beschlossen haben, ohne deren Tragweite zu erkennen, was der frühere bayerische Kultusminister Hans Zehetmair zugibt. Auch von der schweigenden Mehrheit seiner Kollegen, die allesamt nicht mehr im Amt sind, wird man annehmen können, dass ihnen die Rechtschreibreform bestenfalls gleichgültig war und sie abgenickt haben, was die Amtschefs längst beschlossen hatten. Kaum einer dürfte die neuen Regeln zur Kenntnis genommen haben. Bei keinem hatte der unmittelbare Zusammenhang von Sprache und Denken die Zweifel genährt.

Zehetmairs Eingeständnis, das ihn schon vor einigen Jahren zur tätigen Buße als Vorsitzender des Rechtschreibrats motiviert hatte, ändert leider nichts an der Gesamtbilanz einer überaus teuren und überflüssigen Reform. Zwar hat der Rechtschreibrat manchen sprachlichen Unsinn begradigt, aber zu einer Rücknahme der absurden Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung ist es nicht gekommen, von einer Reform der Reform kann jedenfalls nicht die Rede sein. Dazu waren die Beharrungskräfte der Reformer viel zu stark. Vor allem aber hatte der einzig kritische Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg im Rechtschreibrat sein Amt aus Protest niedergelegt.

Den heutigen Zustand wird man ohne Übertreibung als sichtbares Schreibchaos charakterisieren können. Das offenbart spätestens der Blick in Internetforen. Wer nicht zum Umlernen gezwungen war, hat zumindest in seinem privaten Schriftverkehr die bewährte Rechtschreibung beibehalten. In den Schulen werden die neuen Regeln gebimst, aber es dürfte kaum einen erfahrenen Lehrer geben, der behaupten würde, sie hätten das Schreibenlernen vereinfacht. Und seit wann ist es Aufgabe der Kultusbürokratie und der Schule, den Kindern vorzugaukeln, dass Lernen einfach und ohne Anstrengung zu bewältigen sei. Es handelt sich dabei wohl eher um einen pseudopädagogisch verbrämten Betrug und um Sprachideologie. Denn ursprünglich stand hinter der Reform eine kleine Gruppe von Linguisten aus Ost und West um den Siegener Germanisten Gerhard Augst, die selbst die damals geltende Rechtschreibung, die regelmäßig durch neue Dudenauflagen verwässert wurde, als „elaborierten Code“ zur Unterdrückung breiter Volksschichten sahen und die Sprachgemeinschaft aus dem Joch der Regeln befreien wollen. Aber das Gegenteil ist eingetreten. Das sprachliche Unvermögen vieler Bildungsferner hat die Rechtschreibreform nicht etwa bemäntelt, sondern noch greller vor Augen geführt.

In den Schulen hat die mehrere Milliarden teure Rechtschreibreform die Fehlerquote nahezu verdoppelt. Darüber hinaus häufen sich die Klagen der Handwerksbetriebe, Unternehmen und des gesamten akademischen Betriebs über Auszubildende, die es trotz eines funktionierenden Rechtschreibprogramms ihres Computers (ganz gleich nach welcher Schreibung) schaffen, sich mit fehlergespickten Lebensläufen zu bewerben.

In den Verlagen, selbst in Deutschbüchern finden sich nach wie vor mehrere Schreibungen nebeneinander, weil sich immer mehr Autoren weigern, ihre Texte wegen des befürchteten Sinnverlustes in die reformierte Rechtschreibung transformieren zu lassen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat eine eigene Hausorthographie entwickelt, doch auch hier muss die Rechtschreibkorrektur in den Computerprogrammen mitunter wieder korrigiert werden. Wer nun meint, das Land habe wahrlich wichtigere Probleme, sollte nicht übersehen, dass die Rechtschreibreform ein Indiz für eine allgemeine Nivellierung im Denken ist, deren Folgen nicht nur im Bildungssystem ruinös sind.

In einer früheren Fassung dieses Kommentars war der Linguist Peter Eisenberg fälschlicherweise als „Peter Eisenmann“ bezeichnet worden. Wir bitten um Entschuldigung.


Quelle: Kommentar in der F.A.Z.
Link: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kommentar-chaos-im-schreiben-und-denken-13729172.html


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Kommentare zu »Chaos im Schreiben und Denken«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.08.2015 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=724#10166

In der FAZ vom 5.8.15 kritisieren drei Leser im Anschluß an Heike Schmolls Artikel die Rechtschreibreform. Dr. Sigrid Mulas schreibt:

„Alles wahr, alles richtig. Doch warum das Gejammer? Die F.A.Z. als die führende deutsche Tageszeitung hätte seinerzeit die Möglichkeit gehabt, durch Beibehaltung der tradierten Rechtschreibung ein wichtiges Fanal zu setzen. Lange hat sie nicht widerstanden.“


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2015 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=724#10155

Es wäre mal der Überlegung wert, ob und warum Kindern die Grundfertigkeiten noch beigebracht werden sollten, die heute auch von Maschinen übernommen werden können. Bücher über das Weltwissen von Kleinkindern zu schreiben ist eine einträgliche Mode geworden, Andererseits wird geklagt, daß Schulanfängern sich nicht mehr die Schuhe binden oder auf einer geraden Linie gehen können. Wer kann noch einen Knopf annähen oder ein Loch im Strumpf stopfen? Wer kann sich etwas zu essen kochen? Das wird in kostenpflichtige Survival-Camps und Abenteuerurlaube verlagert.
Man diskutiert über Lehrpläne, Informatik- und Lateinunterricht und musikalische Frühausbildung, aber die Virtualisierung der Lebenswelt geht dem ja weit voraus und ist vielleicht das größere Problem.

Den lebensunfähigen Professor gab es übrigens wirklich. Ich war mit einem bekannt, der nach dem Tod seiner Frau völlig hilflos war. Einmal lud er uns zum Abendessen ein. Er hatte eine Packung geschnittenes Brot und eine Dose Corned beef auf den Tisch gestellt, die er aber nicht zu öffnen verstand. Es war ihm alles peinlich, weil er merkte, daß etwas nicht so war wie früher, aber er kam nicht drauf.

Sollte es so weit kommen, daß der moderne Mensch versagt, wenn ihm die kleinen und großen Apparate nicht zur Verfügung stehen? Daß er nichts notieren kann, weil er das Schreiben nicht mehr gelernt hat?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2015 um 06.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=724#10154

Die allermeisten reformbedingten Änderungen sowie die darauf beruhenden Fehler sind dumm und ärgerlich, führen aber nicht dazu, daß der Leser etwas anderes als das Gemeinte versteht. Also Fälle wie sich auseinander entwickeln/sich auseinanderentwickeln. Auch die Verschlimmbesserungen von 2006 haben daran nichts geändert. Es ist für das Verständnis gleichgültig, ob jemand die Muskeln spielenlässt oder spielen läßt usw. - es ist nur eben eine überflüssige Erschwernis durch Eisenbergs Einfall.
Auch Änderungen in literarischen Texten haben manchmal zu einer Entstellung des Sinns geführt (Stefan Stirnemann hat einiges gefunden), aber natürlich fällt das nicht sehr ins Gewicht angesichts der unvermeidlichen Deutbarkeit auch der besten Prosa.
Die Rechtschreibreform ist durch und durch fehlerhaft und überflüssig, aber man sollte sie aus den richtigen Gründen ablehnen. Der von Frau Schmoll vermutete Einfluß auf unser Denken gehört nicht dazu - oder nur indirekt, sofern die ganze Aktion uns an die "seelenruhige Hinnahme des Absurden" gewöhnt hat.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.08.2015 um 23.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=724#10152

Es gibt eine ganze Menge von Wörtern, bei denen erhebliche Bedeutungsunterschiede zwischen Getrennt- und Zusammenschreibung bestehen. In früheren Beiträgen kann man sie finden. Die Bezeichnung "Varianten" ist irreführend und hinterhältig.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.08.2015 um 12.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=724#10149

Zu Herrn Künzer: Ja, sicher, da haben Sie schon recht, wir alle haben ja den Verlust von Nuancierungsmöglichkeiten die ganzen Jahre über immer wieder herausgearbeitet. Aber ich würde das Verhältnis zwischen Schreibweise, Sprache und Denken trotzdem nicht so eng sehen. Man sucht sich dann eben andere Wege, um seine Meinung rüberzubringen. Erst auf einem sehr hohen stilistischen Niveau könnte man sich über die Neuschreibung wirklich ärgern, weil sie Ausdrucksmöglichkeiten beseitigt hat.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 03.08.2015 um 10.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=724#10148

„Inzwischen werden sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr los und müssen feststellen, dass Kinder am Ende der Grundschulzeit nicht einmal die kulturellen Standardtechniken beherrschen.“

Dieser Umstand beruht m. E. auch darauf, daß die Mehrzahl der Deutschlehrer ohne jegliche eigene Schulung der Reforminhalte und auch wegen der nicht vorhandenen Intuitivität der div. Neuregelungen die Gefolgschaft verweigerte und den Rechtschreibunterricht außen vor ließ. Wer kann es ihnen verdenken? Man darf nicht vergessen, daß selbst die Dudenredaktion mehrere Anläufe benötigte, um eine halbwegs den neuen Regeln entsprechende Ausgabe zu verfassen.

Die Resultate wurden eben erst viele Jahre später sichtbar und heute tun viele notgedrungen so, als ob die Beherrschung der Kulturtechnik Schreiben ohnehin nicht mehr wichtig wäre.


Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 03.08.2015 um 08.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=724#10146

> Die Getrenntschreibung hat auch keine feinen Unterschiede im Denken "planiert",
> die Reform hat das Denken überhaupt nicht berührt.

Der Zusammenhang zwischen Denken, Schreiben und Lesen kann schon zur Folge haben, daß Störungen beim Lesen auf das Denken durchschlagen. Warum darf man nicht mehr "alles mögliche" schreiben, warum nicht mehr "er weiß, wieviel verlorenging"? Wieso muß das "alles Mögliche" heißen, wieso "er weiß, wie viel verloren ging"? Da wurde planiert und simplifiziert. Der Schreiber muß nicht mehr über feine Unterschiede nachdenken, der Leser kann sie nicht mehr wahrnehmen.

> Eisenberg

Mit Sowohl-als-auch kommt man durchs Land.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.08.2015 um 04.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=724#10143

Vor zehn Jahren wurde zwar die zweite Revision der Reform bekanntgegeben, aber sonst spielen die "zehn Jahre" keine Rolle. Die Reform ist praktisch seit 19 Jahren in Kraft, und diese lange Zeit zusammen mit den beiden amtlichen Revisionen ist das eigentliche Ärgernis.
Insofern ist mir auch Heike Schmolls Leitartikel nicht verständlich. Der Titel "Chaos im Schreiben und Denken" scheint mir auch verfehlt. Die Getrenntschreibung hat auch keine feinen Unterschiede im Denken "planiert", die Reform hat das Denken überhaupt nicht berührt.
Zehetmairs Vorsitz im Rechtschreibrat dient auch nicht der "tätigen Reue" (das ist bloß seine eigene Propaganda), sondern der Rettung der Reform. Dieser hat sich auch Peter Eisenberg (nicht Eisenmann) verschrieben, von dem Schmoll sagt, er sei der einzige kritische Sprachwissenschaftler im Rat gewesen und habe sein Amt aus Protest niedergelegt. Sollte sie ihn mit mir verwechseln? Eisenberg hat sich zwar gegenüber Kollegen immer reformkritisch gegeben, aber in der eigenen Praxis hat er sich um die Rettung der Reform bemüht und mir ja bei der Mannheimer Anhörung entgegengerufen: "Die Rücknahme der Reform wäre eine kulturpolitische Katastrophe." Dabei war die Reform noch ganz frisch und in den Schulen noch fast gar nichts geschehen. Damals haben wir vermutet, daß er seinem Parteifreund Wernstedt zu Hilfe kommen wollte.
Auf ihre "Hausorthographie" braucht sich die FAZ auch nichts einzubilden. Ein gelegentlicher Stengel wird höchstens als Schlamperei wahrgenommen.

Das allgemeine bildungspolitische Lamento mit seinen Übertreibungen, die wir ernsthaften Reformkritiker nie mitgemacht haben, ist bestenfalls nutzlos.



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