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31.07.2015
 

Thomas Steinfeld
Wir basteln uns unser Deutsch

Verlage und Autoren haben ihre eigenen Vorstellungen von richtiger Schreibweise, auch zehn Jahre nach der Reform gibt es keine einheitliche Schreibung. Und es gibt gute Gründe, warum sich das nicht ändern dürfte.

Keiner redet mehr gern über die Rechtschreibung. Es soll "Frieden" herrschen. Aber es gibt diesen Frieden nur, weil man nach langen Jahren erbitterten Streits irgend etwas Verbindliches haben wollte, wenn es sein musste, auch ohne Grund. Diese Regel besteht für die meisten Verlage in der dritten Fassung der reformierten Rechtschreibung aus dem Jahr 2006, der Reform der Reform von 2005, so wie sie im Duden von 2011 dargestellt wird. Bei vielen Verlagen, auch bei den Nachrichtenagenturen, gibt es aber zusätzlich Hausorthografien, die in den zahllosen Fällen Ordnung schaffen sollen, in denen die reformierte Schreibung Varianten zulässt, neue Unklarheiten schafft oder schlicht gar keine Regelung vorsieht. Diese Bemühungen sind allerdings nur von beschränkter Wirkung: Nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach aus dem Jahr 2008 erklärten fast achtzig Prozent der Deutschen, man wisse bei vielen Wörtern nicht mehr, wie sie geschrieben werden sollten. Die zwanzig Prozent, die wissen (oder zu wissen meinen), wie man schreibt, dürften jeweils etwa zur Hälfte die alte oder die neue Rechtschreibung benutzen.

Nach dem Willen der Reformer sollte die Rechtschreibung einfacher werden. Das wurde sie nicht. Wenn es tatsächlich eine Wirkung der Rechtschreibreform gibt, so ist es diese: Sie hat die Unsicherheiten im Umgang mit der Schriftsprache ins Unendliche vergrößert. Es ist nicht zu erwarten, dass sich an diesem Zustand in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Das liegt zum einen in der Anwendung der Reform: Es gibt nach wie vor kaum eine Publikation, in der irgendeine Variante der Rechtschreibung konsequent verwendet wird. Viele deutsche Literaturverlage, also etwa Hanser oder Suhrkamp, benutzen zwar meistens eine Variante der neuen Rechtschreibung, respektieren aber den Wunsch mancher Autoren, weiter die alte Orthografie zu benutzen. So ist es bei Botho Strauß, bei Peter Handke, bei Martin Mosebach, bei Sibylle Lewitscharoff, und so war es bei Günter Grass. Bei Neuausgaben oder Wiederauflagen historischer Werke wird in der Regel an der Orthografie nur wenig - falls überhaupt - etwas verändert. Und weil der allergrößte Teil des gesamten Buchbestandes vor dem Jahr 2006 gedruckt wurde und zum Beispiel in Bibliotheken steht, ist der Variantenreichtum der deutschen Rechtschreibung groß - und macht keineswegs vor der Schule halt.

Den "Thunfisch" kann man auch "Tunfisch" schreiben, die "Thuja" aber nicht "Tuja"

Es liegt aber auch an der Reform selbst, dass die deutsche Rechtschreibung ein großer Zweifelsfall bleiben wird. Viele reformierte Schreibungen sind ungrammatisch oder unlogisch: Der "Stängel", der "Tollpatsch" oder das hässliche Wort "aufwändig" gehen auf falsche Etymologien zurück. Der Rechtschreibrat empfiehlt "leidtun", besteht aber gleichzeitig auf "leid sein". Den "Thunfisch" kann man auch "Tunfisch" schreiben, die "Thuja" aber nicht "Tuja". Die Großschreibung der Tageszeiten - "heute Abend" - verkennt deren adverbialen Charakter. Man soll "eislaufen" klein schreiben, "Rad fahren" aber groß. Und die altertümelnden Großschreibungen von "im Allgemeinen" oder "im Voraus" werden noch vermehrt, durch "seit Langem" oder "bei Weitem" zum Beispiel.

Da verwundert es nicht, dass manch ein Unsicherer das Nachschlagen bleiben lässt und erklärt, die normierte Rechtschreibung sei ein Werk des neunzehnten Jahrhunderts und Goethe sei auch ohne sie zurechtgekommen.

Einen Fall aber gibt es, in dem ein großer deutscher Verlag - und ein Verlag zudem, der in deutschen Schulen sehr präsent ist - sich aus dem Gerangel der Revisionen und Alternativen verabschiedet hat, und zwar ohne dass es deshalb zu einem Aufschrei gekommen wäre: Der Reclam Verlag folgt schon seit mehreren Jahren weder dem Rat für deutsche Rechtschreibung noch den Empfehlungen des "Duden", sondern hat sich der "herkömmlichen" Orthografie angeschlossen, so wie sie von der Orthografischen Konferenz der Schweiz vorgeschlagen wird (mit Ausnahme von "ss" und "ß", wo es bei der reformierten Variante bleibt). Ihren Wörterlisten liegt die Rechtschreibung der Neuen Zürcher Zeitung zugrunde. Der "Duden", so der Reclam Verlag, sei ohnehin nie maßgeblich für die deutsche Rechtschreibung gewesen, weder institutionell noch inhaltlich.


Quelle: www.sueddeutsche.de
Link: http://www.sueddeutsche.de/politik/buecherbranche-wir-basteln-uns-unser-deutsch-1.2590759


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Kommentare zu »Wir basteln uns unser Deutsch«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2015 um 07.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=723#10157

Ich weiß nicht, wie weit die Süddeutsche Zeitung (Jakob Osel) Brügelmanns Ansichten richtig wiedergibt, es ist auch gleichgültig.

"Schüler schreiben aber immer nur so, wie die Gesellschaft es erwartet". Vor Jahrzehnten sei Akkuratesse im Alltag bedeutsamer gewesen, heute bitte kaum ein Chef die Sekretärin zum Diktat. Man hat Schreibprogramme, verlässt sich auf die Autokorrektur-Funktion - wobei diese allerdings irren kann, wie die SZ-Illustration (links) mit Praxisbeispielen zeigt. Zudem spiele Werbung mit Fehlern, sagt Brügelmann: "Da werden Sie geholfen", hieß es in einem Spot der Fernsehfrau Verona Feldbusch, später Pooth. "Das passt generell zu einem lässigeren Umgang. Man kann heute zu einem Termin zehn Minuten zu spät kommen; und eben Rechtschreibfehler machen."

Die Gesellschaft erwartet, daß die jungen Leute korrekt schreiben, sie lernen es aber trotzdem nicht. Daher die breite Ratgeberliteratur und die Bewerberseiten in der Zeitung. Den Schulabgängern wird wieder und wieder eingeschärft, was sie sich auf keinen Fall leisten dürfen: zu einem Termin zehn Minuten zu spät kommen und Rechtschreibfehler machen. Auch die spielerischen Fehler einer Fernsehfrau haben wie alle Spiele die Funktion, die Norm zu festigen. Was soll also das ganze Gewäsch?



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