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22.06.2014
 

Auf ins Wortgefecht!
Der "Hamburger Basiswortschatz"

Im Durchschnitt machen Kinder heute doppelt so viele Rechtschreibfehler wie vor 40 Jahren – und statt "Spag[h]etti" genügt "Nudel".


Schulbehörde, Besprechungsraum 1416. Ein letztes Mal treffen sich die Experten für den Deutschunterricht, um zu beraten, welche Wörter ein Viertklässler in Zukunft schreiben können muss.

"Spagetti ohne h, das schreibt doch so kein Mensch", sagt einer.

"Aber es steht als zweite mögliche Schreibweise im Duden: ›Spaghetti, Spagetti‹", sagt Heinz Grasmück.

"Ja, aber das ist Unsinn, das hat sich nicht durchgesetzt."

"Mag sein. Aber in Bayern müssen Kinder nur die Schreibweise Spagetti kennen. Wenn wir das streichen, heißt es: Der Senator hält sich für klüger als der Duden und die Bayern."

Schweigen. "Wir könnten einfach Nudeln nehmen", sagt eine Fachreferentin. Grasmück nickt erleichtert. "Gute Idee." Der Hamburger Basiswortschatz ist um ein Wort ärmer: Spaghetti. Und um eines reicher: Nudel.

An diesem Mittwoch hat Schulsenator Ties Rabe die 785 Wörter vorgestellt, die jeder Hamburger Grundschüler künftig schreiben können muss. Einmal im Jahr soll die Rechtschreibung nun bei jedem Schüler bis zur zehnten Klasse überprüft werden. Dazu folgt bald eine Broschüre, die Lehrern erklärt, worauf sie im Deutschunterricht stärker achten sollen.

Im Durchschnitt machen Kinder heute doppelt so viele Rechtschreibfehler wie vor 40 Jahren. Zwar sind die Werte in den vergangenen zehn Jahren in Hamburg nicht schlechter geworden, aber aufgeschreckt durch einen Magazin-Titel (Die neue Schlechtschreibung) hat die Schulpolitik im vergangenen Jahr das Thema für sich entdeckt. Der vielen Lehrern unterstellte Laissez-faire-Unterricht, in dem jedes Kind erst einmal schreiben durfte, wie es wollte, wurde verboten. Stattdessen gibt es nun wieder klare Regeln.

Der Mann hinter den Regeln ist Heinz Grasmück, 51, Leiter des Referats B52-1 in der Schulbehörde, zuständig für die Unterrichtsentwicklung Deutsch, Künste und Fremdsprachen. In den vergangenen Monaten hat er versucht, die richtigen Worte zu finden. Jene Wörter, die künftig Pflicht für jedes Hamburger Kind sind. Nun bespricht er die Liste ein letztes Mal mit seinen Kollegen. "Zentral ist: Ich muss mich für jedes Wort rechtfertigen können", sagt Grasmück. "Warum steht das drin? Und warum das nicht?"

Der Referatsleiter greift zu einer der farbigen Mappen, in die er sein Material einsortiert hat. Etwa 135.000 Stichwörter stehen im Rechtschreib-Duden, ein durchschnittlicher erwachsener Deutscher kennt etwa 50.000 Wörter, 12.000 bis 16.000 Wörter verwendet er beim Sprechen selbst. Nun sollen etwa 800 Wörter den Basiswortschatz eines Grundschülers bilden, so hat es der Senator vorgegeben. Damit müssen Hamburgs Grundschüler etwa hundert Wörter mehr schreiben können als ihre Altersgenossen in Bayern.

Grasmück gehört zu den Menschen, für die Falschschreibung so etwas wie Körperverletzung ist. Unten, am Eingang des Einkaufszentrums, in dem die Behörde untergebracht ist, steht: "Herzlich Willkommen". Er schüttelt den Kopf. "›Herzlich willkommen‹, müsste es heißen, schließlich ist willkommen hier ein Adjektiv."

Bittet man Grasmück, zu erklären, wie er die Wörter ausgewählt hat, schaut er ernst, spricht von Graphem-Phonem-Korrespondenz, vom germanischen Initialakzent, Morphemkonstanz und Schreibdiphthongen. Und von der erdrückenden Bürde des Normativen. Der erste Teil des Wortschatzes war leicht, sagt Grasmück. "Es gibt 200 Wörter, die sind immer gleich, egal, über welches Thema man schreibt, da gibt es zahlreiche Studien. Aber welche Wörter darüber hinaus benutzt werden, hängt vom Thema ab. Nehmen wir das Beispiel Fußball: Bundesliga, Champions League, Trainer, Abseits, da braucht man viele Fachwörter."

Die Auswahl der Wörter im Basiswortschatz beruht daher auf drei Aspekten: Welche Wörter werden häufig gebraucht? Welche Wörter werden in der Grundschule oft falsch geschrieben? Und: An welchen Wörtern lassen sich Besonderheiten der deutschen Rechtschreibung erläutern?

In Bayern, dem oft gepriesenen Schul-Musterland, gibt es seit 30 Jahren einen verbindlichen Wortschatz für Grundschulkinder. Brandenburg und Berlin haben die Wörter vor drei Jahren weitestgehend übernommen. Warum müssen es für Hamburg eigentlich andere sein?

"Der bayerische Wortschatz war auch bei uns die Grundlage", sagt Grasmück und reicht eine Tabelle über den Tisch. Er hat die Wörter des Basiswortschatzes in unterschiedlichen Farben dargestellt, um ihre Herkunft deutlich zu machen. Die genuin hamburgischen Begriffe sind blau: Düne, Ebbe, Flut, Hafen, Schiff. "Das sind landschaftstypische Wörter", sagt Grasmück. Dafür wurden aus Bayern gestrichen: Hecke, Fichte und Tanne. Außerdem seien Wörter aufgenommen worden, die in Bayern fehlen, die Kinder aber häufig brauchen: reiten, Heft, Fahrrad etwa.

Sieben Farben haben die Wörter in der Tabelle. Sie sind für Grasmück der Beweis, dass er sich die Aufgabe nicht leicht gemacht hat. Er hat Studien und Lehrmaterial ausgewertet, Arbeitsgruppen einberufen, Lehrer und Schulleiter befragt und natürlich auch mit Beamten aus anderen Bundesländern geredet.

In Berlin und Brandenburg gab es nach der Einführung des Wortschatzes Kritik. Ein solcher Fundus müsse je nach Klasse und Lernsituation angepasst werden, eine allgemeine Basis ergebe überhaupt keinen Sinn, hieß es. Grasmück will vermeiden, dass auch die Hamburger Schulbehörde in die Schusslinie gerät. Es soll bloß nicht der Eindruck entstehen, man habe nicht alles durchdacht. "Jedes Kind soll im Laufe der Grundschulzeit individuell 400 weitere Wörter in seinen Basiswortschatz aufnehmen", sagt Grasmück. Da könne bei einem Kind dann Pressing und Manndeckung stehen, bei einem anderen Sattel und Gerte.

Aber, das ist ihm wichtig, es werde natürlich für die Tests in Zukunft auch nicht reichen, nur die Wörter des Basiswortschatzes auswendig zu lernen. "Erst beim Schreiben neuer, unbekannter Wörter mit gleichem Rechtschreibmuster zeigt sich der Grad der Beherrschung der Rechtschreibung", sagt Grasmück. Konsonantenverdoppelung (fal-len), Dehnungs-h (Leh-rer), Umlautung (Ball, Bälle), Auslautverhärtung (Feld statt Felt) diese und andere Regeln sollen Kinder laut Bildungsplan schon heute am Ende der Grundschule kennen. Die Wörter im Basiswortschatz sollen lediglich helfen, die Regeln zu üben, sagt Grasmück.

Fast drei Stunden ist die Arbeitsgruppe Grasmücks Liste nun Wort für Wort durchgegangen. Sie haben diskutiert, ob das umgangssprachliche Pommes in die Liste soll (ja), das konfessionelle Weihnachten (ja), der für Kinder eher ungewöhnliche Plural Banken neben Bänke (nein). In einigen Fällen soll der Senator nun selbst entscheiden, bevor die Liste veröffentlicht wird. "Wir sitzen im Glashaus", sagt eine Beamtin. "Die werden was finden, um uns zu kritisieren."


Quelle: ZEIT
Link: http://www.zeit.de/2014/24/basiswortschatz-grundschule


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Kommentare zu »Auf ins Wortgefecht!«
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Kommentar von B.Troffen, verfaßt am 22.06.2014 um 18.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=709#9957

Erstaunlich? Je nun, wenn keiner sie fragt, dem sie Antworten schuldig wären, dann sagen sie halt nichts. Macht doch jeder so, der was verbockt hat.


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 22.06.2014 um 12.43 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=709#9956

"Im Durchschnitt machen Kinder heute doppelt so viele Rechtschreibfehler wie vor 40 Jahren"

Zu dieser überraschenden Erkenntnis kommt jetzt die ZEIT:

www.zeit.de/2014/24/basiswortschatz-grundschule

Erstaunlich, daß man hierzu von den Betreibern und Befürwortern der Rechtschreibreform nun gar nichts mehr hört, etwa dem IDS oder der Kultusministerkonferenz.



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