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25.10.2013
 

Rechtschreiben – eine Grundkompetenz in Schule und Gesellschaft
Ein „guter Einblick in die Arbeit des Rats“

Eine aktuelle Stellungnahme des Rates für deutsche Rechtschreibung.

Rechtschreibung hat im öffentlichen Leben einen hohen Stellenwert. (1) In einer Schriftgesellschaft ist sie eine Grundkompetenz, da sie einen schnellen und problemlosen schriftlichen Austausch sichert. Daher ist eine einheitliche Schreibung, um die sich alle gesellschaftlich relevanten Einrichtungen und jede einzelne Schreiberin und jeder einzelne Schreiber bemühen, ein hohes kulturelles Gut.
Zwar haben Rechtschreibleistungen viele Ursachen, die besondere Verantwortung der Schulen für eine befriedigende Rechtschreibkompetenz und eine produktive Haltung zum richtigen Schreiben steht aber außer Frage. Das Bildungssystem hat in der jüngsten Vergangenheit große Anstrengungen unternommen. Mit der Ausrichtung auf eine Kompetenzorientierung wurden in den Schulen viele wegweisende Ansätze initiiert, um die Leistungen der Schülerinnen und Schüler zu heben. Dass dies auch bei der Rechtschreibung nötig ist, zeigen Leistungsmessungen der jüngsten Vergangenheit. (2)
Der Rat für deutsche Rechtschreibung, der auch die ständige Beobachtung des schulischen Sprachgebrauchs zur Aufgabe hat, erachtet daher im Sinne einer Weiterentwicklung und Verbesserung der Gesamtsituation Folgendes für dringend wünschenswert:
1. Genügend Lern- und Übungszeit für den Erwerb der Orthographie in der Schule.
Dem Rechtschreiben als Grundkompetenz in einer Schriftgesellschaft ist in den Lehr- und Bildungsplänen als Rahmen und in den Schulcurricula vor Ort ein angemessener Umfang und eine angemessene Zeit zuzugestehen, um Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, orthographische Fertigkeiten auszubilden. (3)
2. Bildungs- und Lehrpläne mit einem orthographischen Spiralcurriculum, das sich über die gesamte Schulzeit erstreckt.
Spiralcurricula sollten auf heute akzeptierten linguistischen, rechtschreibdidaktischen und lernpsychologischen Theorien und Modellen fußen und alle Schulstufen umfassen. (4)
3. Die Formulierung von Mindeststandards für die Orthographie.
Die Mindeststandards sollten die in der Regelschule zu erwerbenden orthographischen Kompetenzen ausweisen. (5)
4. Eine Lehreraus-, -fort- und -weiterbildung, in der die deutsche Orthographie fachwissenschaftlich, fachdidaktisch und lerntheoretisch angemessen berücksichtigt ist.
Gerade weil Rechtschreiben eine Grundfertigkeit mit einer hohen Wertschätzung in der Öffentlichkeit ist, braucht es eine geeignete und kontinuierliche Lehreraus-, fort- und -weiterbildung für alle Lehrkräfte, nicht nur für die des Fachs Deutsch. Daher sind ein Kerncurriculum für die Hochschulausbildung und Eckpunkte für die Fort- und Weiterbildung von großer Bedeutung. (6)

Hintergrund
(1) Vgl. z. B. Nationaler Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland (2009): Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife, S. 22 f. (Online unter: http://www.arbeitsagentur.de/ zentraler-Content/ Veroeffentlichungen/Ausbildung/Kriterienkatalog-zur-Ausbildungsreife.pdf); zur Einschätzung der Rechtschreibleistungen und ihrer Entwicklung vgl. auch Anmerkung (2) unten.
(2) Soweit Leistungsmessungen vorliegen, fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus. So sind die Recht-schreibleistungen in Südtirol besser als in Deutschland; vgl. Beck, Bärbel & Dahl, Dominique (2006): Sprachliche Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern der neunten Jahrgangsstufe in Deutsch. Zentrale Befunde der Studie Deutsch-Schülerleistungen-International in Südtirol (online unter: www.schule.suedtirol.it/pi/downloads/desi_bericht_suedtirol.pdf) , wobei die Autoren allerdings auf die unterschiedliche Stichprobe, die für das Ergebnis verantwortlich sein könnte, hinweisen (a.a.O., S. 38).
Zu deutschen Ergebnissen vgl. Thomé, Günther & Eichler, Wolfgang (2006): Rechtschreiben Deutsch. In: DESI-Konsortium (Hrsg.): Unterricht und Kompetenzerwerb in Deutsch und Englisch. Ergebnisse der DESI-Studie. Weinheim: Beltz, S. 104-119. Danach können nur 22 % der getesteten Schülerinnen und Schüler in der 9. Schulstufe als kompetente Rechtschreiber angesehen werden; ebenso: Kompetenzstufenmodell zu den Bildungsstandards im Kompetenzbereich Rechtschreiben (online unter: www.iqb.hu-berlin.de/bista/dateien/Deutsch_KSM_Ortho.pdf). In dieser Erhebung erreichen 27,2 % der Schülerinnen und Schüler der 9. Schulstufe die in den Standards der deutschen Kultusministerkonferenz formulierten Erwartungen nicht. Diese Zahl bezieht sich auf die Normierungsstichprobe, bei der Erhebung selbst ergaben sich 26,24 % (s. Bremerich-Vos, Albert. (2010): Ein Modell der Stufen orthografischer Kompetenz am Ende der Sekundarstufe I, Vortrag auf dem 18. Symposion Deutschdidaktik, Bremen. In der vom Rat für deutsche Rechtschreibung veranlassten Untersuchung über alle deutschsprachigen Länder hinweg (vgl. Ossner, Jakob (2011): Rechtschreibreform und Rechtschreibpräferenzen am Ende der Pflichtschulzeit. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes, Hft. 1, 2011, S: 84-97) zeigt sich, dass die untersuchten Klassen erhebliche Unterschiede aufweisen. Längsschnittuntersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Leistungen in der Orthographie gesunken sind. Vgl. z.B. Steinig, Wolfgang; Betzel, Dirk; Geider, Franz Josef & Herbold, Andreas (2009): Schreiben von Kindern im diachronen Vergleich. Münster: Waxmann, S., 243 ff.; Langzeitstudie über Rechtschreib- und elementare Rechenkenntnisse bei Ausbildungsplatzbewerbern. Ludwigshafen: BASF 2009; Birkel, Peter & Stammet, Claudia (2008): Die Entwicklung der Rechtschreibfähigkeit von Schülern der Grund- und Haupt-schule aus Sicht einer Neueichung des WRT. In: Schneider, Wolfgang; Marx, Harald & Hasselhorn, Marcus (Hg.): Diagnostik von Rechtschreibleistungen und -kompetenz. Göttingen: Hogrefe.
(3) In der Längsschnittuntersuchung von Steinig et al. (2010) wird die Vermutung geäußert, dass die Unterrichtszeit zurückgegangen sei. Eine Befragung aller einschlägigen deutschsprachigen Behörden konnte diese These nicht unmittelbar bestätigen. Von 38 befragten Behörden (Kultusministerien der 16 Bundesländer Deutschlands; Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur Österreichs; Regierungsräte der deutschsprachigen Schweizer Kantone; Schulamt des Fürstentums Liechtenstein, Deutsches Bildungsress-ort Südtirols sowie Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens) geben 24 an, dass der zeitliche Umfang gleich geblieben sei, drei sehen eine Erhöhung (wobei Zusatzkurse für LRS eingerechnet werden), vier eine Verringerung gegeben; die restlichen geben an, dass eine Aussage wegen der oben ge-schilderten Neuausrichtung des Bildungswesens nicht möglich sei.
(4) Die AG Schule des Rats für deutsche Rechtschreibung hat Lehrpläne der verschiedenen deutschspra-chigen Länder und Bundesländer verglichen und kommt zu dem Ergebnis, dass a) Grundlagen für eine Rechtschreibdidaktik in der Schule nicht klar sind b) Spiralcurricula so gut wie nie ausgewiesen sind c) Rechtschreiben zu früh im Curriculum endet.
(5) Zur Frage der Mindeststandards vgl. Klieme, Eckhard et al. (2007): Zur Entwicklung nationaler Bildungs-standards. Bonn, Berlin (Online unter: www.bmbf.de/pub/zur_entwicklung_nationaler_bildungsstandards.pdf).
(6) Die pauschale Darstellung, wie sie z.B. in Deutschland in den „ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung“ (online unter: www.kmk.org/.../2008/2008_10_16-Fachprofile-Lehrerbildung.pdf) von 2008 geschieht, reicht dazu nicht aus.


Quelle: Rat für deutsche Rechtschreibung
Link: http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/download/stellungnahme1310.pdf


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Kommentare zu »Rechtschreiben – eine Grundkompetenz in Schule und Gesellschaft«
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Kommentar von R. M., verfaßt am 24.09.2016 um 21.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=704#10610

»Kompetenzzentrum für Bodenwelten« (Eigenwerbung eines großen Teppichhauses)


Kommentar von DiePresse.com, verfaßt am 24.07.2014 um 14.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=704#9960

Lehrer-Anwärter scheitern an Deutsch

http://diepresse.com


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 08.12.2013 um 14.46 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=704#9747

"Mit der Ausrichtung auf eine Kompetenzorientierung wurden in den Schulen viele wegweisende Ansätze initiiert, um die Leistungen der Schülerinnen und Schüler zu heben."

Wer vom Schulbetrieb und von den Diskussionen der letzten Jahre über Fachcurricula etwas mitbekommen hat, kann getrost wahrheitsgemäß behaupten: Das Gegenteil ist wahr. Schon die gleichzeitig beschlossene Absenkung der Notengrenze zwischen Ausreichend und Mangelhaft verweist auf die wahren Motive: Es geht letztlich darum, mehr Schülern einen Abschluß zu ermöglichen, und die Absenkung des Anforderungsniveaus ist das einfachste Mittel dazu.

Natürlich klingt "Kompetenzorientierung" richtig gut; wenn man aber z. B. ein Englisch-Lehrbuch aufschlägt und z. B. sieht, wie wichtige grammatische Hinweise und Regeln drastisch reduziert und auf kleine gelbe Notizzettel ("stickies") am Seitenrand verbannt werden, versteht man schnell, was gemeint ist: Es reicht, sich irgendwie "mit Händen und Füßen" verständlich zu machen - grammatisch korrektes Englisch ist nur noch am Rande von Interesse. Beinahe lustig wird die "Kompetenzorientierung", wenn man sich die zu den Lektionen angebotenen Grammatikübungen anschaut (ein paar davon gibt's tatsächlich noch): Immer wieder findet man Übungen vom Typ "Write down at least one really good question for each answer." Welche Kompetenz wird denn da eingeübt?

Wer eine gewachsene einheitliche Orthographie zerstört mit der Behauptung, eine einheitliche Schreibung erreichen zu wollen, der findet es wohl auch normal, Schülern beizubringen, auf eine gegebene Antwort die richtige Frage zu finden ...


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 04.11.2013 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=704#9656

Zu #9655 "Speiße": Was nur zeigt, daß man nicht bei allem nach der Aussprache richtig schreibt, aber besonders nicht nach Regeln, und schon gar nicht nach vereinfachten. Wem die Muttersprache ein kurzes "a" in Glas und Gras eingegeben hat und keine so klare Unterscheidung zwischen sth. und stl. "s", dem sollte man halt erstmal "auch die richtige Aussprache" beibringen? Nur ein/e verbohrte/r Pädagogin/e kann sowas verlangen — und das tut sie/er auch nur, weil er/sie ja ihre/seine bezahlte Amtsstelle berichtgerecht ausfüllen muß.
Wobei aber wohl alle wissen: Gut fürs Schreibenlernen ist viel Geschriebenes lesen, an dem nicht von Nichts-Könnern herumgefummelt worden ist.


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 04.11.2013 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=704#9655

Heute in einem Flyer eines nahegelegenen Restaurants: "Speiße"


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 31.10.2013 um 11.19 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=704#9652

Bemerkenswert die Schreibweise "Orthographie", "orthographisch", nur ein einziges Mal "graf".


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 29.10.2013 um 10.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=704#9651

Auch hier werden die einzelnen Reformstufen in keinerlei Zusammenhang mit den beobachtbaren Ergebnissen gebracht. Die Reformpakete sind für den Autor sakrosankt und die Leute (Schüler, Lehrer und alle anderen) sollen gefälligst mehr Zeit und Aufwand investieren, um „die Kompetenz zu erwerben, bezüglich den neuen Schreibungen eine produktive Haltung einzunehmen“, oder direkt gesagt, um den Neuschrieb zu beherrschen. Von der einst versprochenen Vereinfachung, klareren Logik und Ausmistung von Ungereimtheiten hört man nichts mehr.

Alles in allem ein verklausuliertes Eingeständnis des Scheiterns der Reform und auch ein Eingeständnis, daß reformbedingte Nebeneffekte zusätzlichen Schaden angerichtet haben. Die guten Tips, die zwecks Abhilfe gegeben werden, klingen da ein wenig wie Hohn.


Kommentar von Kätzer, verfaßt am 26.10.2013 um 08.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=704#9647

Die "Stellungnahme" mag keinen guten Einblick in die Ratsarbeit geben, aber aufschlußreich ist das Dokument dennoch.

Zunächst einmal ist die Bezeichnung merkwürdig. Auf der Website des Rates wird das Dokument als "Stellungnahme: Der Rat für deutsche Rechtschreibung zum Rechtschreibunterricht" bezeichnet. In der PDF-Datei ist der Titel: "Rechtschreiben – eine Grundkompetenz in Schule und Gesellschaft". Normalerweise nimmt man zu einer Behauptung, einer These oder einem Ereignis Stellung. Meine Vermutung: Der Rat nimmt zu den Hiobsbotschaften in der Presse Stellung, traut sich aber nicht, dies deutlich auszusprechen.

Formales:

In der Überschrift wird ein Wort getrennt, was allen typographischen bzw. gestalterischen Gepflogenheiten widerspricht. Außerdem ist die Trennung vollkommen unnötig, und es wirkt amateurhaft.

Die Liste der Fußnoten (und etwas anderes ist es trotz des Umfangs nicht) ist unter der Überschrift "Hintergrund" aufgeführt. Das ist ebenfalls äußerst unüblich, zeigt aber, daß dem Rat das Übliche sch***egal ist.

Zum Inhalt:

Rechtschreibung hat im öffentlichen Leben einen hohen Stellenwert.

Das ist zu bezweifeln und zumindest unglücklich formuliert, aber irgendwie muß der Rat ja seine Bedeutung herausstellen.

In einer Schriftgesellschaft ist sie eine Grundkompetenz, da sie einen schnellen und problemlosen schriftlichen Austausch sichert.

Erneut eine ganze Reihe (und in der Reihung erst recht) schiefer Formulierungen: "Schriftgesellschaft", "Grundkompetenz" (ein Kniefall vor der Kompetenzmanie der heutigen Didaktik), "da sie einen schnellen und problemlosen schriftlichen Austausch sichert" – plump und unpräzise.

Daher ist eine einheitliche Schreibung, um die sich alle gesellschaftlich relevanten Einrichtungen und jede einzelne Schreiberin und jeder einzelne Schreiber bemühen, ein hohes kulturelles Gut.

Läßt man den Nebensatz weg, erhält man "Daher ist eine einheitliche Schreibung ein hohes kulturelles Gut." Das kann man mit Recht bezweifeln, und so etwas wie "wünschenswert" oder "erstrebenswert" hätte ausgereicht – und auch weniger geschwollen geklungen. Wahrscheinlich sollte der Vorsitzende gebauchpinselt werden, von dem diese Formulierung wohl stammt.

Ganz doll ist dann der Nebensatz: "alle gesellschaftlich relevanten Einrichtungen" – man könnte meinen, die DDR existierte noch! "und jede einzelne Schreiberin und jeder einzelne Schreiber" – politische Korrektheit; immerhin kann man damit Zeilen füllen, wenn man nichts zu sagen hat. "bemühen" – eine "Freudsche [reformiert: Freud'sche] Fehlleistung"? Daß die meisten mit der Reformorthographie ihre liebe Mühe haben, ist immerhin hinlänglich bekannt.

Übersetzung des ersten Absatzes: "Eine einheitliche Schreibung ist wünschenswert, weil sie das Lesen geschriebener Texte erleichtert." Das wußte man schon vor Jahrhunderten, und es ist wohl nur erwähnenswert, weil die Reform die Einheitlichkeit zerstört hat.

Zwar haben Rechtschreibleistungen viele Ursachen

Autsch! Gibt es im Rat niemanden, der die Veröffentlichungen gegenliest? Im Rat sitzen doch Deutschlehrer, die ihren Schülern eine solche Formulierung gewiß nicht durchgehen ließen – oder etwa doch?

die besondere Verantwortung der Schulen für eine befriedigende Rechtschreibkompetenz und eine produktive Haltung zum richtigen Schreiben steht aber außer Frage.

Wiederum ziemlich verunglücktes Deutsch (das "aber" wirkt angesichts des satzeinleitenden "und" besonders deplaziert), aber davon abgesehen: Was ist eine "befriedigende Rechtschreibkompetenz"? Liegt die Latte inzwischen so niedrig? Und was zum Teufel ist eine "produktive Haltung zum richtigen Schreiben"?

Das Bildungssystem hat in der jüngsten Vergangenheit große Anstrengungen unternommen.

Erneut ein merkwürdiger und außerdem inhaltsleerer Satz, denn man erfährt nicht, was das Ziel der Anstrengungen war und worin diese Anstrengungen bestanden. "Bildungssystem" ist reichlich vage. Schließt es auch die Hochschulen ein? Welcher Zeitraum ist mit der "jüngsten Vergangenheit" gemeint? Doch nicht etwa die Jahre seit 1996?

Mit der Ausrichtung auf eine Kompetenzorientierung wurden in den Schulen viele wegweisende Ansätze initiiert, um die Leistungen der Schülerinnen und Schüler zu heben. Dass dies auch bei der Rechtschreibung nötig ist, zeigen Leistungsmessungen der jüngsten Vergangenheit.

Die beiden Sätze stehen in keinem inhaltlichen Zusammenhang. Schon der erste Satz ist bloßes Wortgeklingel und enthält keinerlei Aussage zum Erfolg der "wegweisende[n] Ansätze". Der zweite Satz konstatiert bestenfalls ein davon unabhängiges Defizit, schlimmstenfalls einen eklatanten Widerspruch. Die Fußnote 2 bezieht sich lediglich auf die Probleme; von den "wegweisenden Ansätzen" erfährt man dort nichts.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung, der auch die ständige Beobachtung des schulischen Sprachgebrauchs zur Aufgabe hat

Es gehört nicht zur Aufgabe des Rates, den schulischen Sprachgebrauch zu beobachten, sondern, bestenfalls, die Rechtschreibleistungen der Schüler (Was ist mit den Lehrern?). Daß es mit den Leistungen nicht zum besten steht, kann auch diese "Stellungnahme" kaum verbrämen.

erachtet daher im Sinne einer Weiterentwicklung und Verbesserung der Gesamtsituation Folgendes für dringend wünschenswert:

"Weiterentwicklung" und "Verbesserung" gehören zu den Euphemismen deutscher Bildungspolitik. Übersetzung: "Wir haben Mist gebaut und müssen zusehen, wie da wieder herauskommen, ohne das Gesicht zu verlieren." Interessant ist, daß der Rat die nicht näher erläuterte "Gesamtsituation" als negativ einschätzt.

1. Genügend Lern- und Übungszeit für den Erwerb der Orthographie in der Schule.
Dem Rechtschreiben als Grundkompetenz in einer Schriftgesellschaft ist in den Lehr- und Bildungsplänen als Rahmen und in den Schulcurricula vor Ort ein angemessener Umfang und eine angemessene Zeit zuzugestehen, um Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, orthographische Fertigkeiten auszubilden.


Und was ist daran neu?

2. Bildungs- und Lehrpläne mit einem orthographischen Spiralcurriculum, das sich über die gesamte Schulzeit erstreckt.
Spiralcurricula sollten auf heute akzeptierten linguistischen, rechtschreibdidaktischen und lernpsychologischen Theorien und Modellen fußen und alle Schulstufen umfassen.


Aha, ein "Spiralcurriculum" als Lösung aller Probleme. Das Konzept stammt aus den 60er Jahren und ist heiße Luft, weil es nichts als Selbstverständlichkeiten enthält und außerdem dehnbarer als ein Kaugummi ist.

Interessant ist aber, daß die Experten im Rat es für notwendig halten, den Rechtschreibunterricht auf die gesamte Schulzeit auszuweiten. Das war einmal anders. Die zu diesem Unterpunkt eingefügte Fußnote enthält die Bemerkung: "Die AG Schule des Rats für deutsche Rechtschreibung hat Lehrpläne der verschiedenen deutschsprachigen Länder und Bundesländer verglichen und kommt zu dem Ergebnis, dass ... c) Rechtschreiben zu früh im Curriculum endet." Übersetzung: "Die Curricula gehen nach wie vor von vorreformatorischen Zuständen aus."

Noch interessanter ist die Formulierung: "sollten auf heute akzeptierten linguistischen, rechtschreibdidaktischen und lernpsychologischen Theorien und Modellen fußen". Was "heute akzeptiert" bedeuten soll, ist unklar, denn man erfährt nicht, wer hier was akzeptiert. Vermutlich geht es um die Mehrheitsmeinung im Rat. Die "Theorien und Modelle[]" sind dann die Krönung, denn die Empirie scheint nach wie vor keine Rolle zu spielen.

3. Die Formulierung von Mindeststandards für die Orthographie.
Die Mindeststandards sollten die in der Regelschule zu erwerbenden orthographischen Kompetenzen ausweisen.


Nochmals: Was ist daran neu? Die Fußnote verweist auf einen allgemein gehaltenen Text.

4. Eine Lehreraus-, -fort- und -weiterbildung, in der die deutsche Orthographie fachwissenschaftlich, fachdidaktisch und lerntheoretisch angemessen berücksichtigt ist.
Gerade weil Rechtschreiben eine Grundfertigkeit mit einer hohen Wertschätzung in der Öffentlichkeit ist, braucht es eine geeignete und kontinuierliche Lehreraus-, fort- und -weiterbildung für alle Lehrkräfte, nicht nur für die des Fachs Deutsch. Daher sind ein Kerncurriculum für die Hochschulausbildung und Eckpunkte für die Fort- und Weiterbildung von großer Bedeutung.


Auch wenn der Rat es nicht zugeben wird, handelt es sich hier um eine Forderung nach der Rückkehr zu den Verhältnissen der 50er und 60er Jahre – nicht ideal, aber besser als der heutige Zustand. Außerdem scheint auch der Rat endlich eingesehen zu haben scheint, daß das Motto "Jede Schulstunde ist eine Deutschstunde" gar nicht so dumm war.


Zu den Fußnoten nur zwei Bemerkungen:

1. In Fußnote 3 findet sich die drollige Trennung "Bildungsress-ort". Das Dokument wurde mit Word 2013 erstellt, und es zeigt, daß nicht einmal ein Weltkonzern wie Microsoft mit der Reformschreibung klarkommt. Es ist aber auch ein weiteres Indiz für den Mangel an Professionalität am IDS.

2. Bei dem Satz "die restlichen geben an, dass eine Aussage wegen der oben geschilderten Neuausrichtung des Bildungswesens nicht möglich sei" in derselben Fußnote handelt es sich um einen blinden Verweis.


Gesamtbewertung:

Ein Text in unglaublich schlechtem Deutsch, der die üble Tradition der Schlamperei und Täuschung des Internationalen Arbeitskreises bzw. der Zwischenstaatlichen Kommission fortsetzt. Im übrigen handelt es sich um eine kaum verbrämte Bankrotterklärung der "Rechtschreibreform". Der Rat sollte aufgelöst und durch kompetentes Personal ersetzt werden, das wenigstens über ein Minimum an Verantwortungs- und Qualitätsbewußtsein verfügt.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2013 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=704#9643

Auf diesen Text (von der Website des Rechtschreibrates) wies mich Frau Güthert hin und meinte, er gebe einen "guten Einblick in die Arbeit des Rats", was ich allerdings nicht finden kann. Meine Anfrage nach den letzten Sitzungen und meinen Hinweis darauf, daß die letzte "aktuelle Meldung" zwei Jahre alt ist, will sie weitergeben.



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