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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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18.08.2013
 

„Ein bildungspolitischer Skandal“
Bildungsforscher Peter May über die die Rechtschreibfähigkeiten deutscher Schüler

„Tatsächlich verlassen nicht nur in Hamburg, sondern in ganz Deutschland viele Jugendliche die Schule, die diese Grundfertigkeiten [= Lesen, Schreiben und Rechnen] nicht sicher beherrschen. Das ist ist ein bildungspolitischer Skandal.“

So Peter May im Interview mit Insa Gall in der „Welt am Sonntag“. Daß die Rechtschreibreform folglich ihr Ziel verfehlt hat, wird mal wieder nicht betrachtet.


Quelle: Welt am Sonntag
Link: http://www.welt.de/print/wams/hamburg/article119126514/Ein-bildungspolitischer-Skandal.html


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Kommentare zu »„Ein bildungspolitischer Skandal“«
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Kommentar von Pt, verfaßt am 16.12.2016 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#10677

Ich möchte hiermit auf folgende Petition hinweisen:

Für den Erhalt des Schreibschriftunterrichts an allen Grundschulen

Marie A. v. Geyr Deutschland

Es gibt Grundschulen in NRW und einigen anderen Bundesländern, die den Kindern keine Schreibschrift mehr beibringen. An diesen Schulen wird versucht, eine "Grundschrift" zu etablieren, deren Erfolgschance beim Schriftspracherwerb bis jetzt mit keiner wissenschaftlichen Studie belegt wurde. Es wird an den Kindern getestet, ob und wie gut die Kinder mit der Grundschrift flüssig schreiben lernen (s.o).

Folgende Probleme sind schon jetzt zu beobachten:

Die betroffenen Kinder können keine Schreibschrift mehr lesen.

Die Kinder schreiben wesentlich langsamer, als geübte Schreibschriftschreiber.

Die Kinder haben Schwierigkeiten die Wortgrenzen einzuhalten.

Die Kinder brauchen mehr Platz zum Schreiben als die Schreibschriftexperten.

Die Feinmotorik wird weniger ausgebildet.

Es scheint auch die Fehlerquote (weiter) anzusteigen, da flüssige Schreibschrift auch die Rechtschreibung positiv beeinflußt.

Das Schriftbild ist für die Eltern und Lehrer (der weiterführenden Schulen) schwer zu entziffern.

Die betroffenen Kinder erhalten wesentlich weniger Schriftsprachbildung als die Kinder, die klassischen Schreibschriftunterricht erhalten. Somit entsteht ein echter Wettbewerbsnachteil.

Es gibt mit der Lateinischen Ausgangsschrift und der Schulausgangsschrift zwei potente Schreibschriften, mit denen Kindern -mit Fleiß -aber erwiesenermaßen flüssig schreiben lernen. Diese Schriften müssen im Lehrplan verankert werden. Die Grundschrift wird nie zu einer Schreibschrift, da sich nicht einmal die Hälfte aller Buchstaben verbinden lassen (www.handschrift-schreibschrift.de



Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.07.2015 um 14.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#10118

Ich glaube, daß Gymnasiasten deswegen in der deutschen Rechtschreibung schwächeln, weil sie in allen anderen Fächern ihren Verstand benutzen sollen, das aber bei der Rechtschreibung nicht dürfen, was manchen schwerfällt.


Kommentar von Hamburger Abendblatt, 22. Juli 2015, verfaßt am 24.07.2015 um 00.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#10117

In diesem Text sind zwölf Fehler

Im Rechtschreiben liegt ein permanenter Zwang, der nur erträglich wird, weil wir ihn so lange einüben, dass wir ihn schließlich nicht mehr oder kaum noch bemerken. Für einige hingegen ist die Alphabetisierung ein lebenslanger Prozess, weil sie immer wieder über das richtige schreiben nachdenken müssen, immer wieder stutzen, und zwar nicht nur bei neuen und unbekannten, sondern auch bei altbekannten Wörtern. Ich gehöre zu diesen unsicheren Alphabeten. Der Schüler aus meiner Grundschulzeit, der die besten, weil fehlerfreihesten Diktate schreiben konnte, leitet heute eine Mülldeponie bei Hamburg und sagt – was ich sofort nachvollziehen kann –, es sei eine wunderbare Beschäftigung, dieses Chaos zu überblicken, diese Dinge, die da weggekippt werden, verbrauchte wie halbverbrauchte, die von Planierraupen hin- und hergeschoben werden, darüber die Möwenschwärme. Vieleicht ist diese Beschäftigung seine Antwort auf den Rechtschreib Zwang, den er fraglos erduldete. Jetzt schreibt und ließt er nicht mehr. Ich sage das ohne jeden Triumph. Er muss nur noch Häkchen machen. Und dann natürlich seine Inizialen, wenn wieder ein Zehntonner den Dreck abkippt. Ich vermute, viele Menschen beantworten die frühe Alphabetisierung mit einer späteren Verweigerung zu Schreiben – und zu Lesen. Andere wiederrum reagieren mit Überanpassung, sie studieren Germanistik, schreiben […] Gedichte oder vergleichen Sprachen. Diese Disziplinierung durch Schreiben, die ich als einen Würgegriff in Erinnerung habe, hat bei mir möglicherweise dazu geführt – und zwar, um Luft zu kriegen –, das ich erzählte, also mit einer an der Mündlichkeit ausgerichteten Form die Schreibübungen beantwortete. Ich bog den Druck durch Erzählen ab, wobei ich, auf die Situation, das Bild konzentriert, die Wörter in der schriftlichen Form varierte, die Schreibweise nach Klang und Rythmus umbaute. Selbstverständlich fand das bei Herrn Blumenthal, meinem Lehrer, kein Verständnis. Seine Antwort waren Fünfer.

Quelle: Uwe Timm: Die Stimme beim Schreiben, München 2005, S. 272-273.

http://www.abendblatt.de/hamburg/article205494735/In-diesem-Text-sind-zwoelf-Fehler.html


Kommentar von Hamburger Abendblatt, 23. Juli 2015, verfaßt am 24.07.2015 um 00.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#10116

Bildung
Auch Hamburger tun sich schwer mit dem Rechtschreibtest
Von Peter Ulrich Meyer

Schulpolitiker kritisieren nach verheerenden Ergebnissen in den Vergleichsarbeiten die aktuelle Politik des Bildungssenators.

Hamburg. Die schlechten Ergebnisse der schriftlichen Überprüfungen in Klasse 10 haben eine Debatte über Schulqualität und Leistungsstand der Hamburger Schüler ausgelöst. Wie berichtet betrug die Durchschnittsnote aller 68 staatlichen und privaten Gymnasien im Fach Deutsch 3,7, in Mathematik 3,6. Eine zentrale Ursache für das Deutsch-Ergebnis ist das schlechte Abschneiden der Schüler in einem Rechtschreibtest (...).

Die Zehntklässler fanden im Durchschnitt nur knapp 40 Prozent der Fehler. Doch die Schüler sind nicht die einzigen, die Schwierigkeiten mit dem Text des Schriftstellers Uwe Timm haben, in den die Prüfer der Schulbehörde zwölf Fehler eingebaut hatten. Das Abendblatt hat am Mittwoch in der Innenstadt die Probe aufs Exempel gemacht.

Nico Richter, 27, aus Eilbek und Hendrik Scharnke, 46, aus der Neustadt waren sofort zum Versuch bereit. "In wichtigen Schreiben achte ich sehr auf die Rechtschreibung, im Alltag aber dafür eher nicht", sagte Scharnke, der zugab, immer wieder unsicher zu sein, weil er die alte Rechtschreibung gelernt hat. Die beiden entdeckten ein paar Fehler. Am Ende fehlten lediglich zwei – vermeintlich. Denn einige waren wirklich auch welche, andere dafür nicht. Mit dem Ergebnis waren sie aber trotzdem zufrieden. So erging es auch Olaf Jensen, 56, aus Klein-Borstel, dessen Sicht auf das Thema Rechtschreibung besonders ist. "Wenn ich etwas lese, dann ist mir die Rechtschreibung eigentlich egal, wenn ich den Inhalt verstehe", sagte er. "Und beim Schreiben unterstützen mich heutzutage zum Glück Programme." Auf der Straße halfen diese keinem, vielleicht fand auch deswegen niemand der Befragten alle zwölf Fehler.

Claudia Wackendorff, die Vorsitzende der Elternkammer, fordert, dass der Rechtschreibung, aber auch der schriftlichen und mündlichen Ausdrucksfähigkeit in der Schule ein hoher Stellenwert zugeordnet wird. "Das sind Kernkompetenzen, die nicht für das Abitur, sondern auch beim Finden eines Ausbildungs- oder Arbeitsplatzes – ja im Leben allgemein – wichtig sind", so Wackendorff, die die von der Schulbehörde bereits eingeleiteten Maßnahmen zur Verbesserung der Rechtschreibleistung für richtig hält. Allerdings liege der Schwerpunkt in den Klassen eins bis sechs und werde den älteren Schülern daher nicht helfen.

Harte Kritik kommt von FDP-Schulpolitikerin Anna von Treuenfels. "Schulsenator Ties Rabe muss dringend nachsitzen, um endlich vernünftige Rechtschreiblehre in Hamburgs Grundschulen zu garantieren." Sie lehnt die Lernmethode "Lesen durch Schreiben" strikt ab, bei der die Schüler zunächst unkorrigiert Fehler machen dürfen. "Außerdem sind mehr Stunden in Deutsch und Mathematik, gegeben von ausgebildeten und nicht von fachfremden Lehrern, in den weiterführenden Schulen längst überfällig", so die Liberale weiter. Die Erhöhung der Fachlehrerquote und der Mathematik-Wochenstundenzahl hatte Rabe bereits angekündigt.

Auch Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus hält es für erforderlich, dass Kinder frühzeitiger als bisher auf Fehler in der Rechtschreibung hingewiesen werden müssen. "Es muss darauf geachtet werden, dass alle Kinder gut gefördert werden", sagte Boeddinghaus. "Wenn mehr Kinder Abitur machen, darf es nicht so sein, dass die Qualität des Abiturs sinkt."

"Die Ergebnisse der schriftlichen Überprüfung sind kein Grund zum Jubeln", sagte die Grünen-Schulpolitikerin Stefanie von Berg. Die Ergebnisse könne man aber nicht allein den Schulen oder der derzeitigen Schulpolitik anlasten. "Gute Rechtschreibung entsteht sehr viel dadurch, dass Kinder und Jugendliche lesen", sagte von Berg. Dies sei aber immer weniger der Fall. Beim Blick aufs (Zentral-)Abitur empfiehlt sie Gelassenheit, sagte aber auch: "Es wäre angezeigt, vor allem die Abiturprüfungen an sich einer strengeren Prüfung zu unterziehen."

http://www.abendblatt.de/hamburg/article205498361/Auch-Hamburger-tun-sich-schwer-mit-dem-Rechtschreibtest.html


Kommentar von Hamburger Abendblatt, 22. Juli 2015, verfaßt am 24.07.2015 um 00.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#10115

Bildungspolitik
Deutschtest überfordert Hamburgs Zehntklässler
Von Peter Ulrich Meyer

Ergebnisse der Vergleichsarbeiten der zehnten Klassen an Gymnasien sind erschütternd. Hier können Sie den Test selbst durchführen.

Hamburg. Das Ergebnis der diesjährigen schriftlichen Überprüfungen in Klasse 10 muss in vielen Familien wie ein Schock gewirkt haben. Die Durchschnittsnote, die die Schüler aller 68 staatlichen und privaten Gymnasien im Fach Deutsch erzielten, betrug 3,7. Vier von fünf Schülern erreichten nur die Note Drei oder schlechter. An 17 Gymnasien lag die Durchschnittsnote bei 4,0 oder schlechter. Das Ergebnis in Mathematik war mit einem Schnitt von 3,6 nur unwesentlich besser.

Interessant ist die Erklärung für das schlechte Abschneiden der Schüler in Deutsch. "Ausschlaggebend war die Rechtschreibaufgabe", so Behördensprecher Peter Albrecht. Die Schüler mussten in einem Text des in Hamburg geborenen Schriftstellers Uwe Timm (u. a. "Die Entdeckung der Currywurst") zwölf eingebaute Rechtschreibfehler entdecken. Die Benutzung eines Wörterbuchs war laut Albrecht erlaubt, ist aber offenbar häufig nicht realisiert worden. Das kann an der knappen Zeit gelegen haben oder auch daran, dass viele Schüler im Umgang mit einem Wörterbuch nicht mehr geübt sind.

"Es wurden im Schnitt nur 4,7 von zwölf möglichen Punkten erreicht, also nur 39,2 Prozent", sagte Albrecht. Die Rechtschreibaufgabe sei deutlich am schlechtesten gelöst worden und habe den Durchschnitt insgesamt deutlich nach unten gezogen. "Es wird offensichtlich, dass ein Großteil der Schülerschaft der Klasse 10 die Rechtschreibung nicht sicher beherrscht", räumt Albrecht ein. Deswegen habe Schulsenator Ties Rabe (SPD) bereits 2014 einen Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Rechtschreibung präsentiert, der nun an den Schulen umgesetzt werde. Die Schüler sollen einen verbindlichen Basiswortschatz von 800 Wörtern am Ende der Grundschule sicher beherrschen. Regelmäßige verbindliche Rechtschreibtests sowie das Verbot von Lernmethoden wie "Lesen durch Schreiben", bei denen die Schüler jahrelang nicht auf die korrekte Rechtschreibung achten müssen, gehören ebenfalls dazu.

Die CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Karin Prien, die mit einer Kleinen Senatsanfrage die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten abgefragt hatte, fordert als Konsequenz insgesamt eine Stärkung der Basisqualifikationen. Außerdem müssten die Bildungspläne mit dem Ziel einer stärkeren Wissensvermittlung überarbeitet werden. Die Kernfächer Deutsch und Mathematik dürften in allen Klassenstufen nur noch von Fachlehrern unterrichtet werden. "In der Sekundarstufe I müssen beide Fächer zwingend ab sofort mit vier Stunden pro Woche gegeben werden", fordert die CDU-Politikerin.

Prien sorgt sich um die Qualität des Hamburger Abiturs, weil die Defizite, die in den schriftlichen Überprüfungen der Klasse 10 offenbar geworden seien, in der verbleibenden Zeit bis zur Reifeprüfung nur noch schwer aufzuholen seien. Dies gelte umso mehr, weil vom nächsten Schuljahr an Teile der Aufgaben der schriftlichen Abiturprüfung für alle Schüler gleich bundesweit zentral gestellt werden.

Prien sieht es so: "Nur die in Hamburg besonders laxen Bedingungen zur Einbringung von Kursen, die Abschaffung der verpflichtenden Zweitkorrektur und die Ersetzung von schriftlichen Leistungen durch Präsentationen oder besondere Lernleistungen verhindern noch, dass die Hamburger Schüler im Ländervergleich beim Abitur völlig abgehängt werden." Die "inflationäre" Vergabe des Abiturs unter der Verantwortung der SPD – ein Plus von fast 20 Prozent seit 2012 – werde mit einem "massiven Niveauverlust" erkauft.

Schulsenator Rabe will nicht nur mit einem flächendeckenden Programm zur Verbesserung der Rechtschreibleistungen gegensteuern: Der SPD-Politiker hat auch eine "Mathematik-Offensive" gestartet. Kern der Initiative ist mehr Unterricht. Vom nächsten Schuljahr an sollen die Schüler in allen Jahrgängen der Sekundarstufe I (Klassen fünf bis zehn) mindestens vier Mathestunden pro Woche haben. Dafür wird die sogenannte Wochenstundenzahl (Summe der Wochenstunden der Klassen fünf bis zehn) von 22 auf 24 an allen Stadtteilschulen und Gymnasien erhöht.

Ebenfalls vom kommenden Schuljahr an sollen von Klasse sieben an nur noch studierte Mathematiklehrer das Fach unterrichten. Spätestens vom Schuljahr 2017/18 an soll das auch für die fünften und sechsten Klassen gelten. An den Grundschulen soll eine Fachlehrerquote von mindestens 50 Prozent sichergestellt werden.

Die schriftlichen Überprüfungen in Klasse 10 treten an die Stelle einer von insgesamt vier Klassenarbeiten. In Deutsch umfasste die Überprüfung vier Aufgaben, eine davon war der Rechtschreibtest. Außerdem ging es um Textvergleiche und eine Interpretation. Für die Beantwortung der Aufgaben hatten die Schüler 135 Minuten Zeit, zusätzlich 20 Minuten zum Einlesen.

http://www.abendblatt.de/hamburg/kommunales/article205494559/Deutschtest-ueberfordert-Hamburgs-Zehntklaessler.html


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2014 um 16.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9948

"Hamburg orientiert sich bei dem Katalog an Bayern, wo die Grundschüler schon seit Jahren einen Grundwortschatz einüben müssen. Die Hamburger Liste umfasst sogar 100 Wörter mehr als das bayerische Vorbild, wie Rabe mit gewissem Stolz anmerkte." (HA 5.6.14)

Wäre die Liste doppelt so lang, wäre Ties Rabe doppelt so stolz, das ist eben seine Denkweise. Trotzdem werden die Hamburger Schüler auch in Zukunft zu den schlechtesten gehören, die bayerischen zu den besten. Daran ändert auch die Länge von Wunschzetteln nichts.

Übrigens lernen die bayerischen Kinder nicht nur Fröhlichkeit, sondern sogar Recycling, das auf dem Weg nach Norden (Berlin, dann Hamburg) verlorengegangen ist. Gebt's auf, ihr Nordlichter!


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2014 um 11.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9947

Lieber Germanist, das sind aber zwei verschiedene Probleme. Gibt es eigentlich Untersuchungen, wie leicht oder wie schwer man eine typologisch verschiedene Fremdsprache lernt? Dabei ergibt sich ja noch die Frage, wie man das messen kann: Wann hat jemand ebenso gut Russisch gelernt wie (ein anderer) Englisch?
Das andere Problem ist die Orthographie. Sollte es fürs Einprägen nicht eine größere Rolle spielen, ob die Orthographie "tiefer" oder "flacher" ist? Im Türkischen sind die Wörter ja auch sehr lang, aber orthographisch sind sie nicht besonders schwierig.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.06.2014 um 09.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9946

Ich glaube, Rechtschreibmuster werden als Bilder im Gehirn gespeichert und beim Schreiben als Vergleich herangeholt nach dem Prinzip "das sieht richtig oder falsch aus". Außerdem hängt es davon ab, ob man eine synthetische Sprache wie das Neugriechische mit langen zusammengesetzten und gebeugten Wörtern oder eine analytische wie das Englische mit lauter ungebeugten Kurzwörtern lernt. Deshalb fällt Osteuropäern das Lernen westeuropäischer Sprachen leicht und Westeuropäern das Lernen osteuropäischer Sprachen schwer.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2014 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9945

Aus der Hamburger Handreichung:

"Der Basiswortschatz ist nicht dazu da, auswendig gelernt zu werden. Ein solches Auswendiglernen ohne Nachdenken über die Rechtschreibmuster wird fruchtlos bleiben. Erst das Erlernen von Rechtschreibstrategien ermöglicht deren Anwendung beim Schreiben neuer, unbekannter Wörter und damit die Beherrschung der Rechtschreibung."

Das ist es wieder, das Herumhacken auf "Auswendiglernen" und die Vorliebe für "Strategien". In Wirklichkeit üben die guten Rechtschreiber einen Kernwortschatz ein und verfahren dann analogisch, unterstützt von ausgedehnter Lektüre. Von Strategien wissen sie nichts. Die Lehrer, die so etwas schreiben, befolgen ja auch keine Strategien, sondern müssen sich solche erst mühsam aus verfehlten Rechtschreibdidaktiken erarbeiten.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2014 um 07.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9944

Was haben die Grundschulen eigentlich bisher getrieben? Das fragt man sich wieder einmal, wenn man das Trara hört, mit dem die Kultusministerien die Wiederentdeckung der Rechtschreibung als Unterrichtsgegenstand feiern. Ehrlich wäre es, die Rechtschreibreform zu erwähnen, ohne deren verwirrende Folgen diese Wiederentdeckung nicht nötig und nicht möglich gewesen wäre. Aber das kann man von den Kultusministerien nicht erwarten, deren Tun ja weithin einer großen Illusionsschau ähnelt. Dort sitzen, ebenso wie in Staatsinstituten für Schulqualität (oder wie immer sie heißen mögen) Hunderte von ehemaligen Lehrern, die sich mit dem Ausstoß von belanglosen, aber überformulierten Texten wichtig tun.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2014 um 07.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9943

Nun hat also auch Hamburg seinen Basiswortschatz:

www.shz.de/hamburg/meldungen/hamburg-basiswortschatz-deutsch-wird-pflicht-id6756971.html

Die Verfasser der Handreichung konnten es nicht lassen, dem schlichten Unterfangen den üblichen Stuß beizufügen:

Die Wortschreibung ist im Deutschen an die Silbenstruktur geknüpft. Die
Schreibsilbe ist eine „informationsreiche, sprachliche Wissenseinheit“ (Hinney
(2010), S. 71).


"Informationsreich" ist nichtssagend, und eine "Wissenseinheit" ist die Silbe nur, wenn man sich der kognitivistischen Mystifikation anschließt.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.01.2014 um 08.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9771

Das Hamburger Abendblatt bringt einen weiteren Artikel über die Pläne des Senators, den Rechtschreibunterricht an den Schulen zu verbessern, dazu wieder einen lobenden Kommentar von Peter Ulrich Meyer. Die Rechtschreibreform wird nicht erwähnt, das ist tabu. (Wie im Rat für deutsche Rechtschreibung, der sein eigenes Hauptthema niemals erwähnt.)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2013 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9758

Das kann ich nicht beurteilen, aber bitte nicht den Rechtschreibwortschatz mit dem Grundwortschatz verwechseln! Diese Verwechslung hat schon viel unnütze Polemik hervorgerufen. Gewisse Untersuchungen haben ja ergeben, daß Erstkläßler etwa 6000 Wörter kennen, und da will die Schulbehörde nicht mehr als 700 abverlangen usw. – das hat tatsächlich vor Jahren mal die Gemüter sehr erregt.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.12.2013 um 17.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9757

Ohne "Bairischen Grundwortschatz" kann man nicht mehr alle Fernsehsendungen verstehen. Gelegentlich braucht man auch den "Österreichen Grundwortschatz".


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.12.2013 um 17.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9756

Auch Hamburg will sich am bayerischen Rechtschreibwortschatz orientieren.

In keinem der Berichte wird die Rechtschreibreform erwähnt, das ist das große Tabu. Die Zeitungen sitzen im selben Boot wie die Schulbehörden.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.12.2013 um 12.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9755

Hamburg will jetzt auch einen gemeinsamen Rechtschreibwortschatz für die Grundschule einführen. Sonderbar, daß es den dort noch nicht gibt. In Brandenburg umfaßt er 700 Wörter und entspricht dem bayerischen:

http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/.../2011_11_25_GWS_1_WEB.pdf

Dort findet man neben anderem Didaktikergeschwätz auch folgenden Einleitungssatz:

Für einen kompetenten Umgang mit der Schriftsprache müssen, sowohl lesend als auch schreibend, bestimmte Kompetenzen erworben werden.

Ich übersetze: Um lesen und schreiben zu können, muß man lesen und schreiben lernen.

Wer hätte das gedacht!


Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.12.2013 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9753

Wenn man Google nach "Zahl 72" fragt, findet man noch eine ganze Menge anderer Besonderheiten, z.B. daß 72 der ganzzahlige Anteil von 2 * (pi hoch pi) und auch von (pi * e) hoch 2 ist oder daß sich in 72 Jahren der Frühlingspunkt um genau ein Grad verschiebt. Aber die Regel mit der Zinsrechnung ist, zugegeben, die praktischste, kannte ich noch nicht.
Trotzdem ist die 72 keine Ausnahmezahl, denn wenn man nur lange genug sucht, findet man ähnlich Überraschendes für jede Zahl. Ich mag die 76, weil das Produkt von zwei beliebigen Zahlen, die auf 76 enden, immer wieder auf 76 endet (wie sonst nur bei 25 und trivialerweise bei 00 und 01).


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2013 um 08.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9752

Ein befreundeter Mathematiker fragt mich, was es mit der Zahl 72 auf sich habe. Nun, wenn man 72 z. B. durch die Inflationsrate teilt, kriegt man ungefähr heraus, nach wieviel Jahren das angelegte Geld nur noch die Hälfte wert ist. Damit kann man dann die Verzinsung vergleichen. Ich dachte, das macht jeder so, deshalb hatte ich auf eine Erläuterung verzichtet.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2013 um 12.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9751

Zinseszinsrechnung kann ich auch nicht mehr, habe aber inzwischen die Zahl 72 verinnerlicht, von der ich wiederum in der Schule nichts gehört hatte, die ich aber jetzt praktisch jeden Tag anwende.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 09.12.2013 um 11.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9750

Nach meiner Lebenserfahrung braucht jeder Mensch das kleine Einmaleins, die Dreisatz-Rechnung, die Bruchrechnung (und das Bewußtsein, daß Dezimal- und Zinsrechnung nur Sonderfälle der Bruchrechnung sind und sich auf diese zurückführen lassen,) sowie die Fähigkeit, lineare Gleichungen mit einer Unbekannten aufzustellen und zu lösen. Wenn Grundschüler das Letztere dürften, könnten sie Textaufgaben viel leichter lösen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2013 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9749

Ein gewöhnlicher Zeitgenosse weiß nichts von "Nachfolger", er weiß nur, wie man die nächste Zahl bildet. Dabei hält er sich an die auswendig gelernte Folge der Grundzahlen, nicht wahr? Darum kann er die Folge auch "im Schlaf" hersagen (zweitausendelf, zweitausendzwölf, ...)

Darum haben so viele Menschen auch Probleme damit, eine Textaufgabe (oder eben eine Aufgabe im täglichen Leben) in die berechenbare Form zu bringen. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gern eine sehr einfache Aufgabe aus einem Grundschul-Lehrbuch:

Ein Radfahrer will in 7 Tagen 680 km weit fahren. Während der ersten 5 Tage schafft er täglich 92 km. Wie viele km muß er dann täglich mehr zurücklegen, wenn er jeden Tag die gleiche Strecke fährt?

Wenn erst einmal die berechenbare Formel gefunden ist, geht's in den meisten Fällen hurtig weiter. Die Variabilität der Textaufgaben verhindert jene Automatisierung. Gerade darum können Mathematiklehrer nicht darauf verzichten, denn sie wollen ja Einsicht, nicht Auswendiglernen fördern.


Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.12.2013 um 00.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9748

Was nützt ein mechanisches Rechnen, wenn man gar nicht weiß, was überhaupt gerechnet werden soll? Da ich gerade beim Skat war – angenommen, ein Spieler hat zum Schluß gegenüber den drei anderen folgenden Punktestand:
–215
+190
–320
Welche Zahl soll man nun von welcher anderen subtrahieren? Die negativen von den positiven oder umgekehrt? Man muß doch wissen, was man tut, was "subtrahieren" bedeutet, erst dann kann man "drei hin, eins im Sinn" überhaupt anwenden.

Jeder, der die natürlichen Zahlen auswendig kennt, weiß auch, daß die 9 genau um 1 größer ist als die 8 usw., er weiß, selbst wenn ihm das so nicht bewußt ist, daß jede Zahl genau einen Nachfolger und bis auf die 0 jede genau einen Vorgänger hat, daß es in der Folge keine Lücken gibt, daß jeder Abstand 1 ist. Damit ist doch schon ein gewisses Verständnis gegeben. Niemand kennt nur eine auswendig gelernte Zahlenfolge.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2013 um 06.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9746

Da habe ich Zweifel. Unser intelligentes Verhalten ruht auf einem breiten Fundament von nichtintelligentem, gewohnheitsmäßigem. Die mathematischen Beweise, die uns in der Schule vorgeführt wurden, waren im Augenblick wohl einsehbar, aber diese Einsicht ist samt Beweis dann doch bald vergessen worden. Ein "mechanisches" Rechnen ("drei hin, eins im Sinn") ist geblieben.

Ganz elementar: Die Reihe der natürlichen Zahlen (ich drücke mich unmathematisch aus) existiert doch überhaupt nur als auswendig gelernte. Darauf bilden wir dann alles andere ab.

Das Dezimalsystem wird einfach benutzt, nie reflektiert.

Die meisten Menschen kommen mit babylonischer Mathematik durchs Leben, nur wenige brauchen die griechische.


Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.12.2013 um 23.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9745

Lehrer sollten bei 9jährigen nichts darauf geben, womit sie zufrieden sind. Auswendig gelernte, im Grunde rein mechanische Verfahren sind Halbwissen, das man auch schnell wieder vergißt. Ich habe subtrahieren nicht in der Schule, sondern beim Skat gelernt. In der Schlußabrechnung mußten Gewinne und Verluste genau aufgehen. (Natürlich haben wir in dem Alter nicht um Geld gespielt. Wer die meisten Punkte hatte, war einfach Sieger, das war Ansporn genug.)


Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.12.2013 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9741

Die Borgen-Methode können die Schüler nach der Grundschule gleich wieder vergessen, denn in der fünften Klasse lernen sie, von einem Minuenden mehrere Subtrahenden abzuziehen, und dafür taugt die Borgen-Methode überhaupt nicht. Folglich wird ihnen auf den weiterführenden Schulen als Erstes das Ergänzungsverfahren beigebracht. Nach einiger Übung ist das auch schneller, und Mathematiker suchen immer den kürzesten Rechenweg.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.12.2013 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9740

Ja, das wäre natürlich am besten. Aber nach meiner Erinnerung (und Erfahrung im Laufe der Schulkarriere von drei eigenen Kindern) ist es fast unmöglich. Die mathematisch Interessierten und Befähigten unterscheiden sich von den anderen so sehr wie vielleicht in keinem anderen Fach. Was den einen spannend vorkommt, ist für die anderen tödlich. Die Frage ist, ob man hier der Neigung und Begabung frühzeitig folgen oder darauf bestehen soll, daß mathematische Einsicht für jedermann unabdingbar ist.
Wie geht man mit musikalischem Talent um? Aber vielleicht ist das kein guter Vergleich, weil ein nennenswerter Musikunterricht ja kaum stattfindet. An meinen Kindern ist er sozusagen spurlos vorübergegangen, an mir eigentlich auch. Meine Jüngste spielt seit ihrem sechsten Lebensjahr Klavier, aber davon hat der Musikunterricht in der Schule keine Notiz genommen, und sie hatte auch keine Lust, es jemals zu erwähnen. So war eben die Atmosphäre. Die Lehrer und die Mitschüler haben es also in den 12 Jahren nicht erfahren. Dies nur als Beispiel, wie ein öder Schulunterricht und eine im Grunde doch gleichgerichtete private Betätigung (mit einem Durchhaltevermögen, das für Schulfächer nur höchst selten aufgebracht wird) nebeneinander herlaufen. Eine andere Tochter schriftstellert, aber ihre Deutschlehrer wären die allerletzten gewesen, an die sie mit ihrem Interesse herangetreten wäre. Die spöttelten schon, wenn sie erfuhren, daß das Mädchen Thomas Mann kannte und eben nicht nur die "Welle" und solchen Mist.


Kommentar von stefan strasser zu 701#9737, verfaßt am 05.12.2013 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9739

Liest man im Text des Grundschullehrplans Bayern nach, stellt man fest, die Verfasser trauen Schülern schon zu, die Logik von Rechenoperationen auch zu verstehen und dieses Verständnis auch sprachlich auszudrücken.

Im 3. Jahrgang werden im Lehrplan beide Subtraktionsverfahren angeführt, das Abziehverfahren wird mit Beispiel dargestellt, das Ergänzungsverfahren ohne.

Ich vermute, unter den 9jährigen gibt es solche und solche, die einen sind nur zufrieden, wenn sie die Logik verstanden haben und sind keineswegs überfordert, wenn sie mehr als eine mögliche Methode kennengelernt haben; die anderen sind froh, wenn sie "ein" Kochrezept erhalten, wie man vorgeht. Beide Gruppen sollte ein Unterricht bedienen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2013 um 08.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9738

Das ist eine interessante Frage. Da es um die Grundschule geht, dürfte mathematische Einsicht (hier in die logische Gleichwertigkeit verschiedener Rechenverfahren) einen großen Teil der Schüler überfordern. Bei den Grundrechenarten ist für den Durchschnittsschüler vielleicht das Einüben eines einzigen Verfahrens günstiger. Man erinnert sich an die Grundlegung der Mathematik in der Mengenlehre: mathematisch befriedigender, aber pädagogisch ein Irrweg. Die meisten Menschen brauchen praktisches Rechnen, nicht mathematische Einsicht. Sie werden daher entgegen den guten Absichten des Lehrers von sich aus auf den Mechanismus zurückgehen, weil sie die Aufgaben des Alltags (Einkaufen, Geld anlegen, also Bruchrechnen, Prozentrechnen, Zinsrechnung) sonst gar nicht bewältigen können. Im Gymnasium mag es anders sein, aber fünf Jahre nach dem Abitur ist nur bei einer Minderheit noch etwas hängengeblieben.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 03.12.2013 um 15.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9737

Ich war bisher der Meinung, Schulausbildung hat als Hauptzweck, die Schüler in den vermittelten Gegenständen kompetent zu machen. Neuerdings muß sowas offenbar speziell betont werden.

Nochmals zu SZ vom 2. 12. 13 "Umstrittenes Abziehverfahren bleibt"

Unter Kompetenz verstehe ich etwa, eine Subtraktion durchführen zu können. Dazu würde meiner Meinung nach gehören, einem Schüler beide Standardmöglichkeiten, also Ergänzungsverfahren und Entbündelungsverfahren, zu erklären und es dem Schüler zu überlassen, welche Methode ihm besser liegt. Logisch sind beide identisch, der Übertrag wird entweder auf den Minuend subtraktiv oder auf den Subtrahend additiv weitergerechnet. Gerade das formale Bestehen auf einer einzigen Methode scheint mir nicht das zu sein, was ich unter Kompetenzorientierung verstehe!


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 03.12.2013 um 14.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9736

Was ist bei kompetenzorientierten Lehrplänen anders als bei den bisherigen, offenbar nicht kompetenzorientierten?

SZ-Artikel vom 2.12.13: „Es geht uns vor allem darum, nicht Fehler in der Vordergrund zu stellen, sondern intelligentes Wissen zu vermitteln“, […] Klingt modern, hieße im Umkehrschluß allerdings, bisher wurde unintelligentes Wissen vermittelt und Fehler standen im Vordergrund!?

"Es ist nicht wichtig, dass Kinder alle Verkehrsschilder kennen. Sie müssen verstehen, was sie bedeuten." Das ist in der Tat bahnbrechend! Bisher wurden Verkehrsschilder offenbar nur als bedeutungslose Grafiken vermittelt, jetzt neuartig sollen sie im Unterricht auch Funktionen bekommen, wem das wohl eingefallen ist?

Frage: Haben denn die vermittelten Kompetenzen die gleichen Namen wie die Unterrichtsfächer oder werden ganz neuartige zusätzliche Kompetenzen vermittelt? Ohne diese Information hängt der an Kompetenzorientierung interessierte Leser doch ziemlich in der Luft.

Möglicherweise ist die Kompetenzorientierung aber auch nur ein Zeitgeistattribut der Didaktiker, um ihr Wirken zu dokumentieren und damit ihr Dasein zu rechtfertigen …


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2013 um 07.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9734

Bayern stellt seinen neuen Grundschullehrplan vor. Er sei "kompetenzorientiert". Anscheinend waren Lehrpläne bisher nicht kompetenzorientiert, d. h. was die Schüler am Ende konnten, war gleichgültig. Ich kann mich nicht erinnern, daß es tatsächlich so war.

Ein zentraler Punkt stellt daher auch der Bereich Schrift dar. In Deutsch müsse noch mehr Wert darauf gelegt werden, dass Kinder von Beginn an richtig schreiben, sagt Wilhelm. "Fehler werden daher künftig schon früher korrigiert. Die Kinder sollen noch früher lernen, Silben richtig zu schreiben", sagt Wilhelm. Die Grundschrift, eine vom Grundschulverband entwickelte Variante der Druckschrift, die in mehreren Bundesländern erprobt wird, werde es indes auch künftig in Bayern nicht geben, sagt Spaenle: "Bayern favorisiert die Ausgangsschrift", also eine Form der Schreibschrift. (SZ 2.12.13)

(Der Grammatikfehler am Anfang ist weithin üblich, eine Folge des Synonymenzwangs: "darstellen" statt "sein", aber der Nominativ wird beibehalten.)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.11.2013 um 15.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9724

Auch die begrenzten Rechtschreibwortschätze der Schule (800 bis 1000 Wörter) können nicht in nennenswertem Maße als motorische Programme eingeübt werden, sondern werden unter Kontrolle durch das Auge geschrieben (um es mal kurz und ungenau auszudrücken). D. h., man schreibt so, daß es "richtig aussieht", also vertraut, also so, wie man es gelesen hat.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.11.2013 um 15.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9723

Entweder man läßt die Schüler Tausende verschiedene Wörter lernen oder zeigt ihnen, daß es Wortfamilien gibt, in denen aus einer Wortwurzel sehr viele verwandte Wörter abgeleitet sind. Natürlich gibt es auch einige isolierte oder dissoziierte Wörter, die man speziell lernen muß. Ich sehe Sprache als Baukasten, und ich glaube, Kinder würden das gerne auch so sehen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.11.2013 um 10.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9722

"Ganz genau so?" Damit es nicht ein Streit um Worte wird, möchte ich bloß wiederholen, daß die Kenntnis einer Wortschreibung aufgrund von Lesen (Gesehenhaben) meiner Ansicht nach etwas vollkommen anderes ist als die Beherrschung einer motorischen Fertigkeit durch Üben. Natürlich kann man alles unter "Üben" subsumieren, aber das ist dann kein besonders nützlicher Begriff mehr.
Üben ist, wenn man dreißigmal MAMA schreibt oder dreißigmal die C-Dur-Tonleiter aufwärts und abwärts spielt. Aber die wenigsten Schreibweisen werden auf diese anderswo durchaus sinnvolle Weise eingeübt. Man schreibt nicht dreißigmal widerspiegeln, Kammmolch, pleitegehen oder verwandt, nicht wahr? Wenn wir uns darauf einigen können, dann sind wir auch einig, daß die "Übungsaufgaben" jeweils verschieden gestellt werden müssen, und das ist dann doch praktisch ziemlich wichtig.


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 24.11.2013 um 09.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9721

Wieso ist das "offensichtlich falsch"? Rechtschreiben muß geübt werden, ganz genau so wie das Spielen eines Instrumentes oder das Fußballspielen. Nichts anderes sagt die Lehrerin.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2013 um 06.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9720

„Rechtschreiben muss trainiert werden wie Klavierspielen oder Fußball.“

Offensichtlich falsch. Das bloße Schreiben erfordert am Anfang das Einüben einer motorischen Fähigkeit, aber das Rechtschreiben kommt in der Hauptsache vom Lesen. Natürlich muß der Lehrer darauf bestehen, daß so geschrieben wird, wie man es gelesen hat, also wie die anderen schreiben. Aber wer mit dem Stift richtig schreiben kann, kann es auch mit der Tastatur, und er kann sogar Korrektur lesen, obwohl all diese Dinge motorisch ganz verschieden sind. Wie wäre es mit "Schreiben durch Lesen"?


Kommentar von www.zvw.de, 22. November 2013, verfaßt am 22.11.2013 um 21.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9719

Schorndorf
Methoden gegen die Rechtschreibkatastrophe

Schorndorf und Umgebung. „Die Rechtschreip-Katerstrofe“ – so titelte unlängst „Der Spiegel“ und gab der Methode „Lesen durch Schreiben“ die Schuld am sinkenden Rechtschreib-Niveau. Doch so einfach ist’s nicht, wehren sich Grundschullehrerinnen und -lehrer aus Schorndorf, die Erstklässler auch erst mal ganz kreativ drauflosschreiben lassen. Schließlich berichten auch Anhänger der klassischen Fibel-Methode von schlechter werdenden Rechtschreibfähigkeiten.

(siehe www.zvw.de/inhalt.schorndorf-methoden-gegen-die-rechtschreibkatastrophe)

(Ende des Textes:)

Die in den Klassen 5 und 6 der beiden Schorndorfer Gymnasien Deutsch unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer sind sich nicht einig, ob und inwieweit die in verschiedenen Grundschulen angewandten Methoden die spätere Rechtschreibung beeinflussen. Sie sind sich aber einig und beschreiben’s als das grundlegendere Problem, dass Rechtschreibung heutzutage einen geringeren Stellenwert hat und weit weniger wertgeschätzt wird, als das bei früheren Schüler- und Lehrergenerationen der Fall war. Und da kommen dann, unabhängig von der Methode, die Grundschullehrerinnen und ihre wenigen männlichen Kollegen ins Spiel. „Es kommt mehr auf die Lehrerpersönlichkeit an als auf die Methode“, glaubt Deutschlehrerin Katharina Loheide vom Max-Planck-Gymnasium, die genauso wie ihre Kollegin Saskia Waiblinger vom Burg-Gymnasium zu wissen glaubt, dass für jüngere Kolleg(inn)en an den Grundschulen eine gute Rechtschreibung weniger wichtig ist als für ältere. Entscheidend aus Sicht von Katharina Loheide, die am MPG einen von immerhin 17 Schülerinnen und Schüler besuchten Deutsch-Förderkurs betreut, ist, wie sehr Rechtschreibung geübt wird, denn: „Rechtschreiben muss trainiert werden wie Klavierspielen oder Fußball.“

Rechtschreiben gilt als unfein

Die unterschiedlichen Methoden, wie Rechtschreibung (und übrigens auch Schreiben) heute gelehrt und gelernt werden, fasst Lothar Klering (MPG) so zusammen: „Keine Grundsätze, viele individuelle Ansätze.“ Und die Opfer solcher Trends an den Gymnasien sind Schüler und Lehrer gleichermaßen. Die Lehrer, die, wie Noreen Aehlich-Bleßmann (BG) sagt, zur Korrektur eines von einem Fünftklässler geschriebenen Aufsatzes mittlerweile genauso lange brauchen wie zur Beurteilung eines Zehntklässler-Aufsatzes. Und sich dann noch, wie Dorothea Schlink-Zykan ergänzt, vor die schwierige Entscheidung gestellt sehen, was sie denn bei der Note abziehen sollen bei einem eigentlich gut und fantasievoll geschriebenen Aufsatz, der vor Rechtschreibfehlern strotzt. „Ich kann nicht eine 1 oder 2 geben, wenn ein Aufsatz voller Fehler ist“, sagt die Pädagogin in Übereinstimmung mit ihren Kolleginnen und Kollegen vom MPG, die auch wissen, dass sie bei diesem von der Schulleitung gedeckten Verhalten – „Es ist kein unfreundlicher Akt, die Note in solchen Fällen zu ändern“, sagt Fachschaftsleiter Eckehard Ermert - nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei vielen Eltern auf Unverständnis stoßen. Er vermisse „die Motivation, Fehler abzustellen“, sagt Ermert, der immer wieder feststellt: „Es gilt als unfein, sich mit Rechtschreibung zu befassen.“ Was ein Problem spätestens beim Abitur werden kann, weil dort, wie Ermert zu bedenken gibt, der Rechtschreibung künftig wieder mehr Gewicht gegeben werden soll. Was wiederum im krassen Widerspruch dazu steht, dass, wie Ermerts Fachschaftsleiterkollege Harald Bay vom BG berichtet, eine extreme Rechtschreibschwäche in Klasse 5 und 6 auch ohne per Attest nachgewiesene Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) nur einen bedingten Einfluss auf die Note haben darf, während das von Klasse 7 an ohne besagten Nachweis nicht mehr gilt. Aber: „Bei vielen tut sich was nach der Pubertät“, sagt Bay aber auch und bestätigt die Feststellung seiner Kollegen vom MPG, wonach die Rechtschreibung – von Grammatik gar nicht zu reden – in den Klassen 8, 9 und 10 den niedrigsten Stellenwert hat. Der ist fast so niedrig wie der Stellenwert des muttersprachlichen Unterrichts in Deutschland. Und der, sagt Ermert, ist so niedrig wie in keinem anderen europäischen Land.

Trend zur Sprachvereinfachung

„Die Schwachen sind schwächer als früher und die Schere zwischen denen, die gut, und denen, die schlecht rechtschreiben, geht weiter auseinander“, fasst Katharina Loheide ihre Erfahrungen zusammen. Was zur Folge hat, dass sich Deutschlehrerinnen und -lehrer auch ein Stück weit von ihren Idealen verabschieden und teils selbstkritisch, teils resignierend feststellen, dass sie ihre Ansprüche herunterschrauben und zum Beispiel Diktate gezielt vereinfachen (müssen). Erst recht, wenn es ihnen nicht gelingt, ihre andere Fächer unterrichtenden Kollegen dazu zu bringen, Rechtschreibfehler wenn schon nicht zu werten, dann doch wenigstens anzustreichen. Manche tun’s, andere nicht. Wie weit der Trend zur Sprachvereinfachung schon fortgeschritten ist, zeigt ein Blick auf die Fremdsprachen. Auch da kommt’s inzwischen nicht mehr drauf an, dass jedes Wort und jede Endung richtig geschrieben sind und jeder Akzent sitzt, auch da wird bei der Notengebung schon unterschieden zwischen relevanten und nicht relevanten Fehlern.


Kommentar von R. M., verfaßt am 09.11.2013 um 19.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9672

Im Rheinland sagt man »Fluchzeuch«.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 09.11.2013 um 14.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9671

Warum noch niemand auf die Idee kam, Schwimmen, Radfahren, Autofahren oder Schachspielen nach dem Prinzip „Lesen durch Schreiben“ zu vermitteln? Vermutlich deshalb, weil bei konsequenter Vorgangsweise Ersoffene, Verunfallte und total Schachunkundige absehbar wären …

Üblicherweise erlernt doch nicht nur der Mensch all seine Basisfähigkeiten durch Nachahmung nach Vorbild. Der Nachahmer versucht dabei, das Vorbild möglichst gut zu kopieren und das Vorbild achtet auf Fehler beim Nachahmer und bessert sie ggfs. aus. Das ist angeboren, dazu braucht man keine Didaktiker.

Die Frage daher, wieso soll es ausgerechnet beim Schreiberwerb ganz anders sein?

Oder gibt es tatsächlich eine der Methode „Lesen durch Schreiben“ äquivalente Lehrmethode in irgend einer anderen Disziplin?


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 09.11.2013 um 08.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9670

Nehmen wir das Wort Butter.

Nehmen wir doch einmal ein ganz anderes Allerweltswort, das fast ausschließlich aus Rechtschreibfallen besteht: Flugzeug.

Viele Kinder, vor allem wenn deren Artikulationsfähigkeit noch nicht voll ausgebildet ist, neigen dazu, ein anlautendes "f" (ich erspare mir hier die phonetische Transkription) als "pf" zu sprechen: "pfür", "pfort" usw., und wenn man heutzutage Radio hört, dann stellt man fest, daß viele dies bis ins Erwachsenenleben beibehalten. Ein gutes Beispiel ist die amtierende Bundesfamilienministerin.

Der Übergang vom "f" bzw. "pf" zum aleovolaren "l" ist ebenfalls schwierig, und viele Kinder sprechen so etwas wie "pfnug". Es dauert eben ein wenig, bis die Nachahmung rein mündlich funktioniert.

Als nächstes kommt der lange Vokal "u". Bekanntlich gibt es im Deutschen mehrere Möglichkeiten, die Vokallänge in der Schrift anzuzeigen, und häufig wird sie überhaupt nicht markiert. Beim Buchstaben u kommt ein lernendes Kind noch relativ glimpflich davon, denn die einzig wahrscheinliche Längenmarkierung wäre ein folgender Buchstabe h. Das setzt natürlich voraus, daß Kinder in der Lage sind, all die Regeln zu befolgen, die den Reformern so wichtig waren.

Aber weiter im Text bzw. Wort: Auf das lange "u" folgt, gesprochen, die Auslautverhärtung, also k oder ck? Keineswegs, denn hier greift das Stammprinzip: g.

Die meisten Kinder und viele Erwachsene durchschauen Zusammensetzungen in Allerweltswörtern wie "Flugzeug" nicht, weshalb nach dem ersten Bestandteil der Zusammensetzung die nächste Falle lauert: ds, s, ts, tz oder z? Ginge es nach den Reformern, müßte man dazu Regeln lernen.

Im Fortgang wird es nicht leichter für die regelgeplagten Kleinen: eu, äu oder oi? Oder aber etwas, das sich die Reglementierer nicht vorstellen wollten, aber tagtäglich in deutschen Klassenzimmern geschrieben wird?

Am Ende der Rechtschreibfalle "Flugzeug" steht wieder die in der Schriftsprache ignorierte Auslautverhärtung.

Meine (rhetorische) Frage an die Didaktiker: Ist es nicht leichter, die Schreibweise eines Wortes einzuüben und zu memorieren, anstatt von Regeln auszugehen?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2013 um 07.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9669

Buchstabensuppe kann ein Anreiz sein, sich mit dem Alphabet zu beschäftigen, daher ja auch das satirische Schächtelchen "Dudelsuppe" (in Duden-Aufmachung), das ich noch in meinem Wörterbuchregal habe (woher eigentlich?)

In einer Besprechung des neuen Buches von Amos Oz erinnerte die ZEIT kürzlich an einen jüdischen Brauch:

"Nach uralter jüdischer Tradition bekommen in Israel die Erstklässler von ihren Lehrern am ersten Schultag Kuchen oder Schokolade. Eine Geste, die anknüpft an ein altes Ritual aus Diasporazeiten. Da durften die Kinder Honig von der Tafel schlecken, als Zeichen, dass sich das Studium der heiligen Buchstaben als genauso süß erweisen würde." (ZEIT 2.10.13)

Das war mir auch bekannt, und irgendwo hatte ich auch gelesen, daß das beliebte "Russisch Brot" auf solche Bräuche zurückgeht. Als Unterrichtsmittel könnte Russisch Brot gut verwendet werden, und nebenbei könnte man was für die Firma Bahlsen tun, natürlich abzüglich Mengenrabatt für das Kultusministerium.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2013 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9668

(Die peinliche Nichterwähnung der Rechtschreibreform hat schon wieder was Erheiterndes.)

Steinig benennt selbst das methodische Problem mit Aufsatztexten anstelle der hier offenbar zwingend gebotenen Diktate:

"Wenn ich auf Nummer sicher gehen will, schreibe ich häufiger Wörter, die ich kann, zum Beispiel Haus und nicht Bungalow. Wenn Fehler nicht so wichtig sind, traut man sich eher an seltene Wörter."

So läßt sich also entgegen der Behauptung gar nicht feststellen, ob der Wortschatz der Schüler größer geworden ist.

Dasselbe kennen wir aus dem Fremdsprachenunterricht: Man beschränkt sich auf die sicher beherrschten Wörter. Eine systematische Verzerrung der Fehlerdiagnose.

Muss die Schule dennoch zurück zum klassischen Fibelunterricht?
Nein, es kann kein Zurück in die Methodik der siebziger Jahre geben, wo oft so lange geübt wurde, bis man die Wörter nicht mehr sehen konnte.


War das nicht die Zeit der Ganzwortmethode beim Lesenlernen? Die Formel "Es kann kein Zurück geben" wird oft sehr pauschal angewandt, und der Fortschritt hat bekanntlich das Eigentümliche an sich, daß er größer ausschaut, als er ist. Aber gerade darauf bauen die Pädagogikprofessoren ihre Existenzberechtigung.

Noch einmal: Wir haben alle ziemlich schnell und sicher lesen und schreiben gelernt, obwohl das damals keineswegs die ganze Unterrichtszeit ausfüllte. Wenn früher die Ergebnisse besser waren, wie Steinig ja selbst feststellt, warum sollte man dann die früheren "Methoden" perhorreszieren?


Kommentar von Thüringer Allgemeine, 8. Oktober 2013, verfaßt am 08.11.2013 um 21.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9667

Wolfgang Steinig: "Die Schule muss Kindern mehr zutrauen"

Der Germanist Wolfgang Steinig zum richtigen Weg, schreiben zu lernen, zur Nachsicht bei Rechtschreibfehlern und zu den Erwartungen an gute Lehrer.


Machen Schüler im Jahr 2012 in der vierten Klasse mehr Rechtschreibfehler als Kinder, die früher in Klasse vier lernten?

Ja, zu diesem Ergebnis kommen wir in unserer Studie zum Schreibsprachwandel an der Grundschule über 40 Jahre, die übrigens weltweit einmalig ist.

Wie viele Fehler sind es denn?

Im Jahr 2012 sind es rund 16 Rechtschreibfehler auf hundert Wörter. Im Jahr 2002 waren es ungefähr zwölf und im Jahr 1972 nur rund neun Fehler.

Wie haben Sie das herausgefunden?

Ich habe einen kleinen Film von zwei Minuten Länge gedreht. Darin streiten Kinder um eine Puppe, eine Frau greift ein. Diesen Film haben annähernd tausend Viertklässler angeschaut und dann dazu einen Text geschrieben. Im Jahre 2002 wiederholten wir das in vierten Klassen an denselben Schulen wie 1972 und noch einmal 2012, wobei da noch vier Schulen hinzu kamen. Die Texte haben wir ausgewertet.

Können Sie denn die deutliche Zunahme von Rechtschreibfehlern erklären?

Da muss man vorsichtig sein, es gibt nicht nur einen Grund.

Welcher ist für Sie der wichtigste?

Die größere Toleranz gegenüber diesen Fehlern beim Lernen ab der ersten Klasse. Kinder lernen, was von ihnen gefordert wird. Sollen sie nach Gehör schreiben, entstehen recht früh bereits längere Texte. Wenn man sich nicht um die Rechtschreibung kümmern muss, ist das sehr angenehm. Man schreibt munter drauflos.

Aber spätestens ab Klasse drei wird Rechtschreibung plötzlich ganz wichtig. Die Kinder wundern sich, dass nun überall so viel Rot in ihren Heften ist. Die Motivation geht dann in den Keller. Es fällt schwer, ihnen nach dem unbeschwerten Schreiben nach Gehör plausibel zu machen, warum die Rechtschreibung jetzt aber unbedingt beachtet werden muss. Viele haben sich auch Falschschreibungen eingeprägt und müssen nun mühsam umlernen.

Verteufeln Sie das Lernen mit der Anlauttabelle?

Nein, das tue ich nicht. Es gibt einige wenige gute Anlauttabellen, mit denen die Kinder in den ersten Schulwochen erkennen können, dass es einen Bezug zwischen Lauten und Buchstaben gibt. Nur: Wenn man länger damit arbeitet, erkennen Kinder nicht, dass man nur wenige Wörter genau so schreiben kann, wie man sie hört.

Nehmen wir das Wort Butter. Nach dem Gehör würde man buta schreiben, denn man hört nicht, dass das Wort groß geschrieben wird, man hört auch nicht das doppelte t und auch die Endung -er kann man nicht hören. All das muss man lernen und kann nicht früh genug damit anfangen.

Damit das leichter geht, sprechen Lehrer an der Grundschule in einer etwas überbetonten Pilotsprache. Wie finden Sie das?

Mit der Pilotsprache versucht man, jeden Laut übernatürlich deutlich zu sprechen. Aber wie wollen Sie das mit einem Wort wie Butter machen? Wenn Sie das u deutlicher sprechen möchten, wird es automatisch lang, so wie das u in Bude. Und das t könnten Sie sowieso nicht zweimal sprechen. Wer das macht, meint den Kindern eine Eselsbrücke zu bauen, aber diese Brücke ist bei vielen Wörtern sehr wackelig.

Gibt es trotz der Fehler wenigstens einen Grund zur Freude?

Unbedingt. Zwar machen die Viertklässler 2012 mehr Fehler als die Viertklässler 1972, aber der Wortschatz ist deutlich gewachsen. Die Kinder schreiben kreativer. Vor allem Kinder aus bildungsstarken Familien haben hier einen großen Sprung nach vorne gemacht. Wenn ich auf Nummer sicher gehen will, schreibe ich häufiger Wörter, die ich kann, zum Beispiel Haus und nicht Bungalow. Wenn Fehler nicht so wichtig sind, traut man sich eher an seltene Wörter.

Werden seit 40 Jahren immer wieder die gleichen Rechtschreibfehler gemacht?

Nein, auch die Art der Fehler hat sich verändert. Die Fehler in der Großschreibung und bei der Konsonantenverdopplung wie im Wort Butter haben unverhältnismäßig stark zugenommen, teilweise sind sie um das Fünffache gestiegen. Das geschieht sicher nicht, weil die Kinder in den letzten 40 Jahren dümmer geworden sind, sondern weil ihnen dies nicht ausreichend vermittelt wurde.

Die Zahl der Fehler bei Wörtern und Buchstabenfolgen, die man nach Gehör korrekt schreiben kann, Wörter wie gut und rot, hat sich in den letzten zehn Jahren nicht erhöht. Kein Wunder, denn so lernen es viele Kinder ja mit der Anlauttabelle.

Muss die Schule dennoch zurück zum klassischen Fibelunterricht?

Nein, es kann kein Zurück in die Methodik der siebziger Jahre geben, wo oft so lange geübt wurde, bis man die Wörter nicht mehr sehen konnte. Aber der Deutschunterricht sollte beim Schreiben nach orthografischen Regeln von Anfang an konsequent sein. Er muss den Kindern mehr zutrauen.

Rechtschreibung müssen Kinder lernen, sie wird nicht mühelos erworben wie das Sprechen. Es ist eine Kulturtechnik, die man am besten lernt, wenn sie von Anfang an von einer kompetenten Lehrerin vermittelt wird. Und das muss keineswegs ein langweiliger Drill sein.

Gibt es im Hinblick auf die soziale Herkunft Unterschiede bei den Rechtschreibfehlern?

Ja. Wir unterscheiden hier drei Gruppen: Kinder aus der unteren Schicht, der unteren Mittelschicht und der oberen Mittelschicht. Bei allen drei Gruppen haben die Fehler zugenommen. Aber 1972 gab es kaum Unterschiede zwischen den sozialen Schichten. Das war schon 2002 deutlich anders. Und im Jahr 2012 machten Viertklässler aus der unteren Schicht im Schnitt knapp 19 Rechtschreibfehler, die aus der unteren Mittelschicht knapp 15 Fehler und die aus der oberen Mittelschicht reichlich 11 Fehler.

Auch beim Wortschatz geht die soziale Schere auseinander. Kinder aus unteren Sozialschichten schreiben weniger flexibel und interessant.

Würden Sie so weit gehen, zu sagen: Das Auseinanderdriften der Gesellschaft zeigt sich bereits in der Rechtschreibung?

Ja, ganz eindeutig! Die soziale Schere öffnet sich nicht nur im Ökonomischen, sondern auch in der Kultur. Um an unserer Schriftkultur partizipieren zu können, sollte man die Rechtschreibung beherrschen. Hier besteht die Gefahr, dass Menschen aus bildungsfernen Schichten abgehängt werden.

Muss Schule da nicht entgegenwirken?

Unbedingt. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Nach unseren Beobachtungen bekommen Kinder, die rasch kleine Texte schreiben, oft mehr Aufmerksamkeit als Klassenkameraden, die nur mühsam wenige Wortruinen zu Papier bringen. Das unterscheidet sich nicht sehr vom Sportunterricht, wo eigentlich wesentlich intensiver mit Kindern gearbeitet werden müsste, die bereits bei der zweiten Kniebeuge ins Schwitzen geraten, gewöhnlich aber sportlichen Kindern größere Aufmerksamkeit zuteil wird.

Erwarten Sie von den Lehrern da nicht zu viel?

Nein, wenn ein Kind schwach ist, dann muss es wesentlich mehr Aufmerksamkeit und Förderung bekommen als starke Kinder. Die Lehrperson entscheidet über die Qualität des Unterrichts. Sie muss die Starken fordern und die Schwachen fördern. Es darf nicht länger von der sozialen Herkunft der Familie abhängen, wer gut und wer schlecht ist.

Leider begünstigt unser selektives Schulsystem eine fatalistische Haltung: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, als ob das ein Naturgesetz sei.

Wie meinen Sie das?

Wenn ein Kind in der Grundschule schwach ist, wird es oft nicht intensiv genug gefördert. Denn es gibt ja schließlich ab Klasse fünf eine Schule für die Schwächeren und eine Schule für die Stärkeren. Da wird einfach selektiert und man ist das Problem los. Aber das ist, gesellschaftlich gesehen, die schlechteste Lösung.

Ein Lehrer darf seine Schwachen nie abschreiben, er muss sich darum mühen, dass die Starken die Schwachen mitziehen. In Finnland wird für jedes schwache Kind im Kollegium ein spezielles Förderprogramm entwickelt, damit es nicht abgehängt wird.

Wie sollte ein guter Lehrer denn sein?

Er muss durchsetzungsstark und zugleich sensibel sein und eine stabile Psyche und Gesundheit haben. Wichtig ist eine hohe fachliche und didaktische Kompetenz. Und er sollte viel Humor haben. Er übt einen der anstrengendsten und anspruchsvollsten Berufe aus, die es gibt.

Viele Lehrer klagen wegen der Überlastung oder werden krank.

Viele Lehramtsanwärter machen sich überhaupt nicht klar, was dieser Beruf bedeutet. Manchen fällt kein anderes Studium ein, da werden sie dann Lehrer. Diesen Beruf meinen sie zu kennen, aber das ist ein Irrtum. Universitäten und Schulbehörden müssen stärker darüber nachdenken, wer für diesen Beruf überhaupt geeignet ist. In Finnland werden die besten Abiturienten nicht Arzt oder Jurist, sie werden Lehrer.

Schüler simsen, mailen und chatten immer früher. Haben die neuen Medien Einfluss auf die Rechtschreibung?

Dieser Einfluss ist noch nicht eindeutig nachzuweisen. Eine neuere Untersuchung mit schweizerischen Schülern aus der Sekundarschule ergab keinen Zusammenhang. Sie wussten genau zu unterscheiden, ob sie privat mit elektronischen Medien oder einen Aufsatz in der Schule schreiben.

Aber sie schrieben schon verschieden. Was ist in elektronische Medien bei der Rechtschreibung anders?

Das kommt auf den Bereich an: Eine Kurznachricht per SMS, Mail oder Chat kann durchaus Tippfehler vertragen. Aber wer eine nicht private Mail schreibt oder eine eigene Homepage erstellt, sollte tunlichst darauf achten, dass er sich nicht durch dumme Fehler lächerlich macht. Das gilt auch für Online-Bewerbungen oder bestimmte Börsen im Internet. Wer fehlerhaft schreibt, hat bei Elitepartner sicher keine Chance.


Warum die Studie auch für Thüringen gilt

Die Bildung steht unter Länderhoheit. Schule unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland daher schon etwas. Das ist bekannt und in den Fähigkeiten der Schüler, die regelmäßig verglichen werden, auch bestätigt.

Daher könnte man leicht meinen: Was die Forscher in Siegen über Grundschüler in Nordrhein-Westfalen heraus fanden, gilt vielleicht kaum für Thüringen. Es gilt auch für Thüringen wie übrigens für ganz Deutschland. Alle Kinder sollen schließlich so viele Wörter wie möglich, Sätze und Texte in ihrer Muttersprache richtig schreiben können. Letzten Endes unterscheiden sich die

Lehrpläne kaum in den Lernzielen und angestrebten Fähigkeiten. Das macht ein Vergleich deutlich. Die Erwartung an Kinder, die das zweite Schuljahr abschließen, ist nach dem Lehrplan von Nordrhein-Westfalen, dass sie "formenklar und flüssig in Druckschrift schreiben sollen".

Im Thüringer Lehrplan steht für Schüler am Ende der Klasse zwei als erwartete Grundleistung: "flüssiges, formklares und leserliches Schreiben in der Druckschrift". Am Ende von Klasse vier ist das Kompetenzziel nach dem Lehrplan in Nordrhein-Westfalen: "Die Schüler schreiben flüssig in einer gut lesbaren, verbundenen Handschrift."

Von Thüringer Kindern wird am Ende der vierten Klasse "eine gut lesbare, individuelle Handschrift" erwartet. Damit ist offen gehalten, ob es eine Schreibschrift, also ebenfalls eine verbundene Handschrift sein soll, oder ob die je nach Können veränderte Druckschrift ausreicht.

(www.thueringer-allgemeine.de)


Kommentar von news aktuell / Stern TV, 24. Oktober 2013, verfaßt am 08.11.2013 um 21.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9666

Trotz schlechter Leistungen deutscher Schüler: Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft verteidigt im Streitgespräch bei stern TV moderne Lehrmethoden der Rechtschreibung

"Die modernen Methoden sind gut, weil sie die Kinder dort abholen, wo sie stehen", sagt Marlis Tepe live bei stern TV. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft machte im Gespräch mit Steffen Hallaschka deutlich, dass Kinder heute mit sehr unterschiedlichem Vorwissen in die Schule kommen: "Die einen können schon lesen, die anderen kaum sprechen", sagte sie. Und deshalb sei die Art, wie Kindern heutzutage Rechtschreibung beigebracht wird, genau richtig. "Man hat nach einer Methode gesucht, die alle abholt"

Thema der Sendung war das sogenannte "Lesen durch Schreiben"-Prinzip, das der Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen entwickelt hat. Es sieht vor, dass Kinder beim Einstieg in die Schriftsprache keine Regeln lernen, sondern ausschließlich so schreiben, wie sie hören und sprechen. Wie ein Wort wirklich geschrieben wird, spielt zunächst keine Rolle. Auch Fehler werden in der ersten Zeit nicht korrigiert.

Zu Gast zu diesem Thema war auch der CDU-Politiker Henryk Wichmann, der vor kurzem mit Entsetzen feststellen musste, dass seine zehnjährige Tochter überhaupt nicht in der Lage ist, orthographisch richtig zu schreiben. "Mit dieser Methode wird die Schere in der Klasse noch weiter auseinandergehen", sagt er im Studiogespräch bei stern TV. "Die Methode gehört mindestens eingeschränkt, wenn nicht verboten."

Kinder schreiben immer schlechter

stern TV hatte zuvor darüber berichtet, dass die Leistungen von Schülern in Rechtschreibung in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen haben: Laut einer Langzeitstudie der Universität Siegen machten Viertklässler vor 40 Jahren sieben Fehler bei 100 geschriebenen Wörtern. Im Jahr 2012 waren es mehr als doppelt so viele - nämlich durchschnittlich 16 Fehler.

Seit den 1990er Jahren wird das umstrittene "Lesen durch Schreiben"-Prinzip an deutschen Schulen eingesetzt. Inzwischen sehe man die Folgen bereits an den Universitäten, sagt Dr. Peter Kruck, der an der Ruhr-Universität Bochum lehrt. Er bemängelt, dass immer mehr Studenten die Orthographie nicht richtig beherrschen. Bei stern TV berichtet er von "haarsträubenden Fehlern in den Haus- und Examensarbeiten" seiner Studenten. Und: "Wir haben ein Riesenproblem in der Lehrerausbildung. Die stehen am Ende ihres Studiums da und sagen: Wir haben keinen Plan, wie Rechtschreibung funktioniert", so Kruck. "Die meisten Lehramtsstudenten schaffen es nicht, zwei bis drei Sätze fehlerfrei zu schreiben."

(www.finanznachrichten.de)


Kommentar von NDR Fernsehen, 28. Oktober 2013, verfaßt am 08.11.2013 um 21.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9665

"Willkommen im Chaos"

Wie sollen Kinder Rechtschreibung lernen?
von Melanie Thun

Richtig schreiben und lesen lernen in der Grundschule - das war einmal. Eine Rechtschreibkatastrophe - die haben wir angeblich. "Die neue Schlechtschreibung", "Grundschüler im Feldversuch", "Ein bildungspolitischer Skandal" schreibt die Presse. Was ist da los?

"Lesen durch Schreiben" heißt die Methode, nach der Kinder heute häufig unterrichtet werden. Ausgedacht hat sie sich Jürgen Reichen, ein inzwischen verstorbener Reformpädagoge aus der Schweiz. Er wollte vor allem eins: weniger belehren. "Es gibt natürlich eine Menge von Kindern, die eigentlich klüger sind als ihre Lehrerinnen und Lehrer", sagte er 1992. Deshalb entwickelte Reichen eine Methode, bei der Kinder sich das Lesen und Schreiben selbst beibringen: mit der sogenannten Anlauttabelle, einer Buchstaben-Tabelle mit Bildern. Lesen sollen die Kinder dabei auch automatisch lernen.

Wie funktioniert Lesen durch Schreiben?

"Ganz genau weiß kein Mensch, wie die Methode funktioniert, warum es auf einmal geht", sagt Lehrerin Conni Kastel. "Aber es ist tatsächlich so, dass die Kinder über das ständige Abhorchen von Wörtern, über das Isolieren von Lauten und Hinschreiben auf einmal Lesen können." Zu "furchtlosen Schreibern" sollen die Kinder herangezogen werden. Daher wird erst einmal nur korrigiert, wenn hörbare Wort-Teile fehlen. Sonne mit einem "n": Das ist erst einmal in Ordnung.

Genau so etwas ist Astrid Schulz-Evers ein Dorn im Auge. "Wir bekommen Berichte, dass viele Eltern zu Hause doch helfen, korrigieren, versuchen, dem Kind das richtig zu zeigen", sagt die Vorsitzende des Elternvereins in Schleswig-Holstein. "Da sind Familien von vornherein benachteiligt, in denen Eltern dazu nicht in der Lage sind oder sich eine entsprechende Nachhilfe finanziell auch nicht leisten können. Aus diesem Grund lehnen wir die Methode strikt ab."
Wissenschaftler sind sich uneins

Agi Schründer-Lenzen ist Professorin für Grundschulpädagogik an der Uni Potsdam: "Ein Prinzip der Reichen-Methode ist das der minimalen Hilfestellung. Und mit minimaler Hilfestellung kommen viele Kinder gerade aus bildungsfernen Familien nicht zurande. Sie brauchen unsere maximale Unterstützung." Auch Hans Brügelmann ist Grundschulpädagoge, befürwortet diese Methode aber: "Es geht nicht um richtig und falsch. Es geht darum: 'Du steigst ein, du praktizierst Vorformen, und ich sage dir, wie die Erwachsenen es schreiben, aber es ist nicht schlimm, wenn du das anfangs nicht kannst.' Kinder krabbeln erst und dann gehen sie. Niemand würde sagen: 'Das ist falsch, was du machst.' Sondern das ist für eine bestimmte Phase angemessen."

Studien haben allerdings gezeigt, dass diese Methode nicht besser ist, als irgendeine andere. Kinder, die sich quasi selber lesen und schreiben beibringen - schön nur in der Theorie? "Das ist eine schöne Utopie, die aber für die Praxis einer ganz normalen Schule und dann auch einer Schule der heutigen Zeit, in der wir ganz viele Schwierigkeiten bei vielen Kindern beobachten können, überhaupt die deutsche Sprache zu erlernen, einfach nicht günstig ist und von der ich sagen würde, man darf sie auch nicht weiter praktizieren", sagt Schründer-Lenzen.
Keine Einheitlichkeit an den Schulen

Tatsächlich kann jede Schule machen, was sie will. Kein Deutschunterricht gleicht dem anderen. Wann etwas korrigiert wird, ist jedem Lehrer selbst überlassen. Und so mag es Schulen geben, die von Anbeginn verbessern, andere, die es zwei Jahre lang nicht tun. Der Vorwurf dabei: Die Falschschreibung verfestigt sich dann im Gehirn der Kinder. Ist Schule ein Experimentierfeld mit Kindern als Versuchskaninchen? Die zuständige Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, Waltraud Wara Wende, müsste es wissen. "Ich glaube, Schule ist ein lebendiger Organismus. Ich kann Schule an dem Ort a und Ort b nicht identisch definieren. Weil die jeweiligen Schüler und Lehrer unterschiedliche Charaktere sind, muss man auch Individualität der Didaktik zulassen."

Lehrer, die begeistert sind, Eltern, die verzweifeln, Experten, die sich streiten, Bildungsminister, die für Lehrfreiheit plädieren. Deutschunterricht im Jahr 2013. Jeder, wie er lustig ist. Willkommen im Chaos.

www.ndr.de/fernsehen/sendungen/kulturjournal/rechtschreibung139.html (mit Link zu einem Audiobeitrag)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.10.2013 um 06.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9631

In Silben- und flachen Alphabetschriften führt Schreiben nach Gehör zu guten Ergebnissen, da es dem Wesen dieser Schreibsysteme entspricht. Vor allem wenn die Lernenden schon die Standardsprache (= "Schriftsprache") beherrschen, die oft karikierten Fehler der Kinder sind ja meist Dialektformen. Bei tiefen Alphabetschriften muß zusätzlich eine Menge gelernt werden, und das kann praktisch nur durch Lesen geschehen. Man lästert gern über die alte "Fibel-Methode" des Erstunterrichts, vergißt aber regelmäßig, daß mit dem ersten Schreiben das erste Lesen einherging.
Die nicht sehr gehaltvollen, aber jederzeit als zweckmäßig anerkannten Texte über OMA, MAMA und MIMI, die wir in der ersten Klasse sowohl lasen als auch selbst verfaßten, führten uns alle zusammen innerhalb weniger Monate zu einer grundlegenden Schreib- und Lesefähigkeit. Vielleicht habe ich es damals nicht mitbekommen, aber mir ist auch kein Fall von Legasthenie in meiner riesigen Volksschulklasse in Erinnerung. Nicht alle durften nach der vierten Klasse auf die Mittelschule oder gar das Gymnasium, aber die Rechtschreibleistung war, wenn überhaupt, nur ein ganz untergeordnetes Kriterium.
Natürlich habe ich fil statt viel geschrieben. weil ich dieses Wort in der Schule noch nicht hatte und es mir mangels Lektüreerfahrung auch noch nicht untergekommen war, aber das hat mir selbstverständlich nicht geschadet.

Jeder weiß das, der ganze Streit um die "Methode" hat etwas Unwirkliches.

In den Biographien und Autobiographien vieler Menschen steht, daß sie sich das Lesen selbst beibrachten. Wahrscheinlich hatten sie schon fremde Hilfe, haben es aber vergessen. Jedenfalls wollten sie so bald wie möglich lesen, in der richtigen Ahnung, daß die Bücher eine Wunderwelt enthielten. (Das Vorlesen wirkt unfehlbar in diesem Sinne.) Hier sollte man anknüpfen. Wie weit ist die Weisheit unserer Schulpädagogikprofessoren davon entfernt!


Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.10.2013 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9629

Schreiben nach Gehör scheint mir eine willkommene Methode zu sein, das von der Schulaufsicht geforderte Soll an schlechten Noten zu erfüllen, mit dem Grundschullehrer in Großstadt-Vororten mit vielen Akademikerkindern Schwierigkeiten haben. Manche Schüler schaffen nach einem Jahr Hauptschule doch noch den Weg in die Realschule, aber sie beurteilen dieses Jahr als "schrecklich".


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 16.10.2013 um 14.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9628

Diese Lesen-durch-Schreiben-Methode haut doch lediglich die Kinder in die Pfanne. Bis zum Ende der Grundschule glauben sie, es gehört so, wie sie es machen, und in den anschließenden Schulen wird ihnen klipp und klar gesagt, vieles sei falsch, was sie bisher gelernt haben.

Wie man so ein Konzept seitens der Schulverantwortlichen überhaupt praktizieren kann, bleibt unverständlich! Offensichtlich gibt es keine Stelle, die sich darum kümmert, ob der Abschluß des einen Schultyps zum Anschluß an den weiterführenden paßt?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2013 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9627

Beim "Stern" kann man wieder einmal einen Rechtschreibtest online machen. Der sichere Weg zum Nichtbestehen sind die reformierten Schreibweisen von 1996. Gerade mit diesen bestücken die Verfasser boshafterweise die Hälfte ihrer Testfragen:

jenseits von gut und böse
sich zu Eigen machen
Pleite gehen
aufeinander beißen


usw.

»Er sagte, dass er in die Kneipe gehen wolle und dass er Kai mitnehmen wolle ist die Lösung. Nach dem "und" folgt kein vollständiger Satz, daher gehört an diese Stelle kein Komma.«

(Aber 1996 war ein Komma nach § 73 möglich: Es war nicht selten, dass er sie besuchte(,) und dass sie bis spät in die Nacht zusammensaßen, wenn sie in guter Stimmung war.)

Der Test wird aber keineswegs als Gelegenheit benutzt, die Verfehltheit der ganzen Reform aufzuzeigen. Vielmehr wird der gutwillige Leser in die Pfanne gehauen, weil er die neuesten Wendungen der Reformer nicht so brav verinnerlicht hat wie die Neuregelung von 1996.


Kommentar von WDR.de, 29. September 2013, verfaßt am 15.10.2013 um 22.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9626

WESTPOL:
Das Rechtschreibchaos

Anfang der 1970er Jahre haben Kinder in der vierten Klasse bei 100 Wörtern sieben Rechtschreibfehler gemacht. Heute machen sie 16. Warum hat sich die Rechtschreibung so verschlechtert?

"PipiLankschrumf macht ser fil unsen", "Muta", "farat fan", "Bis SCHPETA". So wird in der Grundschule mitunter geschrieben. An der weiterführenden Schule kommt für viele Schüler der Schock. Was lange an der Grundschule geduldet wird, ist am Gymnasium nicht mehr erlaubt. Deutschlehrer Ingo Köhne ist entsetzt, wie viele Rechtschreibfehler seiner Schüler er anstreichen muss: "In der Praxis zeigt sich, dass viele Schüler Nachholbedarf haben. Wir wünschen uns eine frühzeitige Aufklärung der Kinder darüber, was richtig ist und falsch ist. Wenn wir das an unserer Schule leisten müssen, ist es eigentlich zu spät."

[. . .]
Wozu das Schreiben durch Hören langfristig bei den Schülern führt, ist allerdings bis heute nie wissenschaftlich untersucht worden.

FDP will eine Änderung, Ministerin Löhrmann hält dran fest

Die FDP-Landtagsfraktion fordert deshalb, die Methode auszusetzen. Ingola Schmitz, Bildungsexpertin der Landtagsfraktion: "Gerade die Kinder aus bildungsfernen Schichten und die Kinder mit Migrationshintergrund werden hier zu Verlierern unserer Gesellschaft gemacht, weil die Eltern nicht die Möglichkeit haben, die Fehler der Kinder zu Hause zu korrigieren." Aber Schulministerin Sylvia Löhrmann (B‘90/Grüne) will den Unterricht nicht ändern: "Ein Verbot von Methoden ist absolut nicht hilfreich. Zum einen gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die eine solche Vorgehensweise rechtfertigen. Zum anderen wäre dies für mich ein nicht akzeptabler Eingriff in die Eigenverantwortung der Schulen und die selbstständige Gestaltung des Unterrichts durch die Lehrkräfte." Die Schulministerin vertraut also weiter einer Methode, die höchst umstritten ist, nicht erforscht wurde und an der es berechtigte Zweifel gibt.

Die Grundschüler können am wenigsten dafür. Sie schreiben einfach unbekümmert weiter, so wie’s ihnen gefällt: "Fater", "BUTA", "Abentojer".

(www.wdr.de/tv/westpol)


Kommentar von Welt online, 13. Oktober 2013, verfaßt am 15.10.2013 um 22.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9625

"Van gen vir vidder tsum Tso bite?"

Rührende Kinderbriefe mit extravaganter Schreibweise: Schuld ist die Methode "Lesen durch Schreiben" des Schweizer Reformpädagogen Reichen. Mit dieser Chaos-Orthografie sind wir auf dem Holzweg.

Von Hildegard Stausberg

Siehe hier.

(Die Autorin ist diplomatische Korrespondentin der "Welt"-Gruppe)


Kommentar von BamS, 13. 10. 2013, verfaßt am 14.10.2013 um 01.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9624

Brief einer Viertklässlerin an ihren „Fata“
Rechtschreibschwächen dank falscher Lehrmethode?

Siehe hier.


Kommentar von Hamburger Abendblatt, 2.September 2013, verfaßt am 20.09.2013 um 19.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9595

Hamburger Kritiken
Wir essen Opa
Wenn ein falsches Komma uns zu Kannibalen macht. Von Hamburger Bildungsreformern und dem anarchischen Schreiben

Richtiges Deutsch ist der Wachtelkönig unter den Sprachen – man hört beide nur noch selten, ihr Zuhause ist die Rote Liste. Zumindest wird man den Eindruck nicht los, wenn Berufsjugendliche, Werber oder Politstrategen drauflosdichten: Ihr Hang zur englischen Sprache oder dem Kauderwelsch namens Denglisch ist so bekannt wie peinlich. Manche gehen mit unserer Sprache um, als sei sie eine in zufällige Ordnung gebrachte Buchstabensuppe.

Vermutlich kann man auch nur so erklären, wie die gefühlt 42. Generation der Hamburger Bildungsreformer auf die weltfremde Idee kommen konnte, Grundschüler lernten die Rechtschreibung am besten, wenn sie ohne Regeln einfach schreiben, was sie hören. Was Rechtschreibreformern nicht gelungen ist, führen Bildungsreformer nun durch die Hintertür ein: anarchisches Schreiben. Wohin das führt, beklagen in unschöner Regelmäßigkeit Lehrer und Professoren, Arbeitgeber und Eltern. In der Vergleichsstudie KESS von 2004 landeten die Hamburger Schüler dort, wo sie in Bildungsrankings ihren Stammplatz haben: knapp vor Bremen auf dem vorletzten Platz. Der Grundschulverband gibt auch frank und frei zu, an die Stelle von Rechtschreibung seien "inhaltliche Fragen und der sprachliche Ausdruck getreten". Hübsche Idee. Nur stellt sich die Frage, ob Inhalt und Ausdruck ohne Orthografie denkbar sind.

Spitzen wir es mal zu: Rudimentäre Deutschkenntnisse schaden der Gesundheit und dem Geldbeutel: Ja, ein falsches Komma macht uns schnell zu Kannibalen. Der Ausruf "Wir essen Opa" sollte jeden Großvater schocken, ein kleines Komma macht aus der Lebensgefahr eine Einladung.

Mitunter mache ich mir ernsthafte Sorgen, was aus Menschen werden soll, die mit der deutschen Sprache, Rechtschreibung und Zeichensetzung auf Kriegsfuß stehen – also aus der halben Jugend, wenn wir Kulturpessimisten glauben dürfen. Sie werden auf die Nepper, Schlepper und Bauernfänger im Internet hereinfallen, weil ihnen die Fehler gar nicht mehr auffallen. Längst schreiben auch Muttersprachler so, als hätten sie mit einer koreanischen Gebrauchsanweisung oder dem Microsoft-Übersetzer Deutsch gelernt.

Kürzlich hatte ich eine obskure Mail im Postfach, die das Dummdeutsch auf den Höhepunkt trieb. Es ging um anatomische Wundermittel für die Körpermitte, die auch sonst geradezu erstaunliche Wirkungen für das Sexualleben entfalten sollten. Um den Verkauf anzukurbeln, hatte der Verfasser ein paar Fragen formuliert, die das Übersetzungsprogramm offensichtlich überforderte. Da fragte doch der Absender zum Beispiel: "Jeder drückt die Freude des Geschlechtsverkehrs?" Oder: "Groß genug für Ihre Genitalien?" Aus dieser Perspektive hatte ich die Sache noch gar nicht betrachtet. Aber alle Zweifel räumt der Absender mit der rhetorischen Frage ab: "Er glaubt nicht, dass seine Ohren?"

Man muss gar nicht unter die Gürtellinie rutschen, um sich die Frage zu stellen, wie blöd man eigentlich sein muss, um diesen Lockangeboten zu erliegen. Oder wie schlecht gebildet.

Offenbar sind es viele. Denn so häufig wie ein Stau im Elbtunnel warnen Verbraucherschützer vor sogenannten Phishing-Mails, die mit richtigem Banklogo und falschem Deutsch um die Eingabe von Kontonummer und Geheimzahl bitten oder auf seltsame Seiten locken. Gerade der Umlaut, den einige Zeitgenossen als Kniefall vor der Globalisierung längst aus dem eigenen Namen tilgen, hat so manchen Muttersprachler vor einem wüsten Virus bewahrt. Oder wer drückt schon auf den Link, wenn angeblich die Deutsche Post dichtet: "Ein Fehler in der Leiferanschrift. Sie konnen Ihre Postsendung in unserer Postabteilung personlich kriegen." Entweder man kriegt die Krise oder hat sich den Computerabsturz redlich verdient. Rechtschreibkenntnisse schützen auch vor Enttäuschungen. Ein gewisser Brandon Elliott versprach mir kürzlich per Mail: "Sie haben als glückliche Person eines Pauschalbetrags von 1.500.000,00 ausgewählt worden." Auch den ganzen anderen vermeintlichen Nigerianern und Südafrikanern, die mir glorreiche Geschäfte vorschlagen, den libyschen Soldaten, die noch einen Schatz in Sirte verstecken, oder angeblichen Anwälte, die mit mir Erbschaften teilen möchten, rufe ich zu: Lernt gefälligst Deutsch. Bis dahin werde ich euer Kauderwelsch in den Papierkorb schieben.

Um noch einmal die freundliche Mail von oben zu zitieren: "Danke fur Ihr Verstandnis."

(www.abendblatt.de)


Kommentar von NDR 90,3, 29. August 2013, verfaßt am 29.08.2013 um 13.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9565

Deutschunterricht kommt auf den Prüfstand

Die Abgeordneten der Hamburgischen Bürgerschaft haben sich am Mittwoch mehrheitlich für eine Überprüfung des Deutschunterrichts ausgesprochen. Vor allem die Lehrmethoden im Bereich Rechtschreibung sollen auf den Prüfstand, wie NDR 90,3 berichtete.

CDU: Schulbehörde ist ahnungslos

CDU-Schulexpertin Karin Prien sagte, der eigentliche Skandal sei, dass die Hamburger Schulbehörde nicht wisse, nach welcher Methode in Hamburg Rechtschreibung unterrichtet werde. Ebenso wie die Grünen will die CDU mit einer Expertenanhörung die Methoden für die Rechtschreibung überprüfen.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) beugte sich dem Druck und zeigte sich offen für die Kritik der Opposition. Man stehe am Anfang einer Debatte. Rechtschreibung habe etwas mit einem ganz primitiven Element in der Schule zu tun: mit üben, üben, üben, sagte der Senator. Im Schulausschuss soll weiter debattiert werden.

FDP mit radikalem Vorschlag

Keine Zustimmung fand der Vorschlag der FDP, die Lehrmethode für die Rechtschreibung komplett zu ändern. Nach dem Willen der Liberalen sollen Grundschüler künftig nicht mehr nach Hören schreiben, sondern gleich eine fehlerfreie Rechtschreibung erlernen. Drauflosschreiben sei keine vernünftige Lerngrundlage, so die Abgeordnete Anna von Treuenfels. Der SPD war dies zu wenig differenziert, auch Grüne und CDU mochten sich dieser Forderung nicht anschließen.

(www.ndr.de)


Kommentar von Hamburger Abendblatt, 29. August 2013, verfaßt am 29.08.2013 um 13.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9564

Rechtschreibung: Hamburg prüft Lehrpläne
Bürgerschaft will Anträge von CDU und FDP im Schulausschuss beraten. Kinder sollen besser schreiben lernen. Schulsenator Ties Rabe attestiert den Lehrern grundsätzlich gute Arbeit.

Von Peter Ulrich Meyer

Die Hamburgische Bürgerschaft wird sich intensiv mit den schwächer gewordenen Rechtschreibleistungen der Schüler beschäftigen. Der Schulausschuss wird dazu voraussichtlich zu einer Expertenanhörung einladen. Am Ende könnte eine Änderung der Bildungspläne mit dem Ziel stehen, dem korrekten Schreiben wieder mehr Gewicht zu geben und erwiesenermaßen erfolgreiche Methoden zum Erlernen von Lesen und Schreiben verbindlich festzuschreiben.

Den Anstoß hatte die FDP-Opposition geliefert, die in einem Antrag von einer "Rechtschreibkatastrophe" gesprochen und verbindliche methodische Vorgaben für die Schulen gefordert hatte. Die Liberalen verlangen außerdem, dass das umstrittene Verfahren "Lesen durch Schreiben" an Grundschulen nicht mehr angewendet werden darf. Die FDP stieß mit ihrem Vorstoß grundsätzlich auf offene Ohren auf der Senatsseite. Mit der Mehrheit der SPD-Abgeordneten wurden der FDP-Antrag und ein CDU-Antrag mit ähnlicher Zielrichtung am Mittwochabend zur weiteren Beratung in den Schulausschuss überwiesen.

"Dass wir an den Schulen große Probleme mit der Rechtschreibung haben, ist offensichtlich. Deswegen müssen wir jetzt genau hinsehen, was da geschieht", begründete der SPD-Schulpolitiker Lars Holster die eher seltene Überweisung eine Oppositionsantrags in den zuständigen Ausschuss. "Es lohnt sich, die Bildungspläne genau anzusehen und möglicherweise Veränderungen zu beschließen." Voraussetzung sei allerdings eine breite Zustimmung der Fraktionen. Holster lehnt die Methode "Lesen durch Schreiben" nicht grundsätzlich ab. "Es kann als Ergänzung vor allem für leistungsstarke Schüler eingesetzt werden, aber nicht allein als Lerngrundlage für alle Erstklässler", sagte der SPD-Abgeordnete.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) attestierte den Lehrern grundsätzlich gute Arbeit. "Dennoch müssen die Leistungen der Schüler weiter verbessert werden", sagte der Senator. Die Rechtschreibleistungen seien in den vergangenen zehn Jahren etwa gleich geblieben. Rabe: "Allerdings verweisen Experten darauf, dass das Niveau zuvor in den 90er-Jahren in ganz Deutschland deutlich gesunken ist."

Der SPD-Politiker forderte eine sorgfältige Aufklärung der Ursachen. "Vorschnelle Verbote bestimmter Schulbücher oder Lernmethoden helfen nicht." Allerdings sagte Rabe auch: "Kein Schüler kann sich die deutsche Rechtschreibung nur durch Ausprobieren und Kreativität aneignen. Gute Rechtschreibung kann ohne ständiges Verbessern und Üben nicht gelingen." Das darf als indirekte Kritik an der Methode "Lesen durch Schreiben" verstanden werden, die unter anderem darauf setzt, dass Schüler Worte so schreiben, wie sie sie hören. Der Lehrer korrigiert zunächst nicht.

Die FDP-Bildungspolitikerin Anna von Treuenfels ging dagegen hart mit der umstrittene Methode ins Gericht. "Hinter Lesen durch Schreiben verbirgt sich letztlich das muntere Drauflosschreiben der Kinder ohne vernünftige Lerngrundlage und ohne sinnvolle Fehlerkorrektur", sagte von Treuenfels. Aus der Senatsantwort auf eine Treuenfels-Anfrage ergibt sich, dass keine Grundschule ausschließlich nach der Methode "Lesen durch Schreiben" unterrichtet. Offen ist allerdings, wie viele Schulen das Verfahren als Ergänzung nutzen.

Die CDU-Bildungspolitikerin Karin Prien kündigte an, sich differenzierter mit dem Problem auseinandersetzen zu wollen, als es der FDP-Antrag nahelege. "Es ist ein unerträglicher Zustand, dass in einer Schule auf einer Klassenstufe nach unterschiedlichen Methoden unterrichtet wird", sagte Prien. Stefanie von Berg (Grüne) warnte davor, "das Kind mit dem Bade auszuschütten". Dora Heyenn (Linke) forderte, dass Schüler wieder mehr von Hand schreiben müssten, anstatt nur am Computer zu sitzen. Doch auch Grüne und Linke stimmten der Überweisung der Anträge von FDP und CDU zu.

(www.abendblatt.de)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.08.2013 um 14.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9560

"Die Relevanz von Rechtschreibung ist in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend infrage gestellt worden", sagt Schründer-Lenzen. "In den 70er- und 80er-Jahren, als reformpädagogische Ansätze populär wurden, sind die formalen Fertigkeiten von Schülern wie richtig schreiben und rechnen in den Hintergrund getreten. Beigetragen zu der Entwicklung habe zudem die Rechtschreibreform, die eigentlich als Vereinfachung gedacht, doch vielfach auch zu Verwirrungen geführt habe – und zu dem Gefühl, eigentlich sei es doch auch egal, wie man schreibe, wenn alle paar Jahre neue Regeln kämen. "Durch die Orientierung an Vergleichsarbeiten und die Standardisierung von Abschlüssen bricht jetzt jedoch etwas auf", hat Schründer-Lenzen beobachtet. Eltern begehrten auf: Sie beklagten sich über die schlechten Rechtschreibleistungen ihrer Kinder. (aus einem Bericht des Hamburger Abendblatts; siehe hier)


Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.08.2013 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9558

Was ist "Bildung"? Die einen können "alles außer Hochdeutsch" und die anderen "nicht alles, aber Hochdeutsch". Scolae aut vitae discimus?


Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.08.2013 um 11.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9557

Dabei heißt es schon extra bildungsfern und sozial schwach statt ungebildet und arm, damit es weniger diskriminierend und derb klingt.

Sind die Bezeichnungen ungebildet und arm eigentlich wirklich diskriminierend? Sie treffen zu oder auch nicht, und in diesem Artikel steht ja nicht, wer nicht Hochdeutsch kann, ist ungebildet und arm, sondern da steht, daß Ungebildete und Arme oft nicht gut Hochdeutsch können. Das ist etwas anderes.

Das Problematische an diesem Artikel ist, daß arm sein und ungebildet sein hier gleichsetzt werden, womit im Grunde zugegeben bzw. akzeptiert wird, daß manche sich Bildung nur nicht leisten können. Das sollte man überdenken und ggf. ändern.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.08.2013 um 00.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9556

Ich halte es für unangemessen, alle Elternhäuser, die die hochdeutsche Schriftsprache nicht oder noch nicht perfekt beherrschen, unter bildungsfern und sozial schwach einzuordnen. Damit würde z.B. in Bayern eine ganze alteingesessene Bevölkerungsschicht diskriminiert.


Kommentar von Hamburger Abendblatt, 19. August 2013, verfaßt am 19.08.2013 um 21.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=701#9555

Experte: Lernmethode benachteiligt sozial Schwache
Bildungsforscher schaltet sich in Debatte um das Programm "Lesen durch Schreiben" ein. Er sieht Probleme in Stadtteilen wie Wilhelmsburg, wo Kindern oft familiäre Unterstützung fehlt.

Von Insa Gall

Nach Auffassung des Hamburger Bildungsforschers Peter May benachteiligt die umstrittene Methode "Lesen durch Schreiben", nach der die Schüler an einigen Grundschulen in der Hansestadt die Rechtschreibung lernen, Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern.

Sie bei diesen Schülern einzusetzen, sei "pädagogisch falsch", sagt der promovierte Pädagoge, der als wissenschaftlicher Direktor am Institut für für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) tätig ist. Die Methode verlange, "dass andere als die Lehrkraft selbst als unterstützende Instanz auftreten". Und: "Das ist bei bildungsfernen Elternhäusern nicht immer gegeben."

Er habe in den 1990er-Jahren bei einem Projekt mit seinem Team die Leistungen von Schülern, die nach der Methode unterrichtet wurden, mit denen verglichen, die nach traditionellen Rechtschreiblehrgängen gelernt haben. " Vor allem Klassen aus sozial schwierigen Stadtteilen waren durch den ,Lesen durch Schreiben'-Lehrgang im Nachteil. Die Studien zeigen, dass die Anfangsmethode die Kinder mit ungünstigen Lernvoraussetzungen in der frühen Phase, in der sie besondere Unterstützung brauchen, eher verwirren", so May. Insofern sei es pädagogisch falsch, eine solche Methode bei Kindern einzusetzen, die sich der Schriftsprache nicht sehr selbstständig widmen können.

Das Erlernen der Rechtschreibung nach dem Prinzip "Lesen durch Schreiben" ist bei den Bildungspolitikern der Opposition in der Bürgerschaft stark in die Kritik geraten. Bei der Methode dürfen die Schüler zunächst die Wörter so schreiben, wie sie sie hören, ohne dass die Lehrer sie korrigieren – in der Hoffnung, dass sich die Kinder allmählich die korrekte Rechtschreibung aneignen.

Der Schreibkurs folge einem Prinzip, das der pädagogischen Philosophie der 80er- und 90er-Jahre entspricht, sagt May. Damals sei man dazu übergegangen, die formale Bildung, die sich in wiederholenden Übungen zeigte, zu überwinden mit intelligenten, kreativen, selbst gesteuerten Methoden.

Verboten wissen will May die Methode allerdings nicht, so wie es die FDP verlangt. Denn während sie die Kinder in Wilhelmsburg oder Rahlstedt-Ost möglicherweise überfordere, könnten Schüler in Wellingsbüttel oder Blankenese hervorragend damit die Rechtschreibung lernen. Entscheidend sei, so May, dass die Lehrer über die diagnostische Kompetenz verfügten, einschätzen zu können, was für ihre Klasse das Richtige ist.

(www.abendblatt.de)



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