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29.06.2013
 

Stefan Stirneman
Die SOK am MAZ
Bericht von der Arbeit der Schweizer Orthographischen Konferenz

Vor sieben Jahren versuchte der Rat für Rechtschreibung, in der Auseinandersetzung um die Rechtschreibreform zu vermitteln. Er hatte und hat keinen rechten Erfolg. Hauptgebrechen des vermittelnden Regelwerks: die falschen Varianten vom Typ wohlbekannt gleich wohl bekannt.
Die Empfehlungen der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK) dagegen sind auf gutem Wege. Zu den vielen Anwendern hat sich der Reclam-Verlag gesellt. Im Jubiläumsjahr der Grimmschen Märchen berichtet ein Mitglied der Arbeitsgruppe vom Sprachkurs der SOK.

«Die Schweizer Journalistenschule», die vor ihrem Hauptnamen das Kürzel maz trägt (Medienausbildungszentrum), hat ihren Sitz im schönen Luzern, dicht beim Bahnhof und so nahe am blauen Vierwaldstättersee, dass man die Hörner der Schiffe rufen hört. Die Studentinnen und Studenten fahren aber nicht mit der «Schiller» nach Vitznau, sondern lassen sich in einer Lernumgebung, die ihresgleichen sucht, in alle Künste einführen, die sie für ihre anspruchsvollen Berufe nötig haben. Hier hält die SOK ihren Kurs ab. Unter dem trockenen Titel «Neue Rechtschreibung – Was gilt in den Schweizer Medien?» verbirgt sich das, was die Stärke der SOK ausmacht: «Man wird sprachbewusster», schrieb einer der jungen Studenten im Rückblick auf den eintägigen Lehrgang.

Zum Sprachbewusstsein gehört heute die Kenntnis der Rechtschreibreform und ihrer Geschichte. Man muss die Krankheit kennen, um sie zu heilen. Eine besondere Krankengeschichte hat das alte Wort fleischfressend. Sie wurde im letzten maz­-Kurs vorgestellt, der am 10. Juni stattfand.

Das Adjektiv fleischfressend ist die Nachbildung und Übersetzung eines griechischen und lateinischen Wortes; es hat die ältere Form fleischfressig oder fleischfrässig verdrängt.

Ein verwandtes Wort brauchten die Brüder Grimm in der Vorrede zu ihren Kinder­ und Hausmärchen (18. Oktober 1812): «Alles Schöne ist golden und mit Perlen bestreut, selbst goldne Menschen leben hier, das Unglück aber eine finstere Gewalt, ein ungeheurer menschenfressender Riese, der doch wieder besiegt wird, da eine gute Frau zur Seite steht, welche die Not glücklich abzuwenden weiß, und dieses Epos endigt immer, indem es eine endlose Freude auftut.» Wilhelm und Jacob Grimm sammelten nicht nur Märchen, sondern auch Wörter, und im dritten Band ihres «Deutschen Wörterbuches» (1862) führten sie das Wort fleischfressend auf und erklärten es mit dem lateinischen carnivorus. In unseren Tagen dichtete Erich Fried:

Usurpation

Eine fleischfressende Pflanze
hatte sich überfressen
an einem ganzen Schwein
sie war nicht groß genug

Ihre Blüten quiekten
ihr Stil begann sich zu bauchen
die Wurzel ringelte sich
zuletzt lief sie grunzend davon

Weder im Märchenbuch noch im Wörterbuch noch im Gedicht bereiten das Wort fleischfressend und seine Verwandten die geringsten Schwierigkeiten; die Schwierigkeiten brachte die Rechtschreibreform, eine finstere Gewalt und ungeheure wörterfressende Riesin. Die Reform machte diese Adjektive unkenntlich, indem sie sie in ihre Teile auflöste. Was hat sich aus dieser Tat entwickelt? Man verfolge die Einträge im Duden:

21. Auflage (1996), Beginn der Rechtschreibreform: «Fleisch fressende Pflanzen, Tiere». Die Begründung für die Auftrennung lautet: «Man schreibt getrennt, wenn bei Zusam­ menschreibung gegenüber der Wortgruppe kein Artikel und keine Präposition eingespart werden kann». Beispiel: «die Eisen verarbeitende Industrie».

22. Auflage (2000): «Fleisch fressende [alte Schreibung fleischfressende] Pflanzen, Tiere».

In der 23.Auflage (2004) ist schwups! die alte Schreibung wieder erlaubt: «Fleisch fressende auch fleischfressende Pflanzen, Tiere». Die Dudenredaktion begründet ihre Sinnesänderung nicht, sondern stellt sie nur fest: «Hier ist jedoch neben der Getrenntschreibung auch die Zusammenschreibung zulässig.»

24. Auflage (2006), nach dem Vermittlungsversuch des Rates für Rechtschreibung: «Fleisch fressende od. fleischfressende Pflanzen, Tiere». Die Entscheidung wird dem Zusammenhang überlassen, was immer man sich darunter vorzustellen hat: «Je nach dem Zusammenhang können Wortgruppen oder Zusammensetzungen vorliegen.» Beispiel:«Eisen verarbeitend oder eisenverarbeitend».

In der 25. Auflage (2009) erhält das wiederhergestellte Wort den ersten Platz: «fleischfressende od. Fleisch fressende Pflanzen, Tiere».

Ist in der nächsten Auflage die falsche Auftrennung wieder verschwunden? Der Schritt vom zweiten Platz ins Nichts wäre nicht gross. Die dumme Riesin Rechtschreibreform ist vielleicht dabei, sich selber zu beseitigen. Wir denken ans Rumpelstilzchen: «Das hat dir der Teufel gesagt!» schrie das Männchen, lief fort und kam nimmermehr wieder.

Noch aber ist das bösartige Männchen unter uns. Seinem Wirken verdanken wir die Verunstaltung unseres Wortschatzes. Ein Grundsatz der SOK lautet: Die Wörter sind so zu nehmen, wie sie gebildet worden sind, und so zu schreiben, dass man sie ohne Verunsicherung lesen kann. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe der SOK freuen sich, dass sie den Studentinnen und Studenten der Schweizer Journalistenschule diesen und andere Grundsätze weitergeben dürfen, und hoffen, dass die gute Zusammenarbeit weitergeht.

Im Internet unter sok.ch und maz.ch

(Wir danken dem Herausgeber dafür, diesen Text hier veröffentlichen zu dürfen.)


Quelle: Mitteilungen des Sprachkreises Deutsch I+II 2013
Link: http://sprachkreis-deutsch.ch/mitteilungen/


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Kommentare zu »Die SOK am MAZ«
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Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 12.07.2013 um 07.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=696#9453

Um das Beispiel "wild lebend" noch ein bißchen weiterzutreiben, könnte man auch den Menschen einbeziehen oder wenigstens Untermengen desselben, z.B. solche, die es lieben, exzessiv zu feiern.

"Blatt fressend" oder "Nest bauend" wäre sogar nach 1996er Regeln falsch gewesen, nach denen "blattfressend", aber "Blätter fressend", "nestbauend", aber "Nester bauend" hätte geschrieben werden müssen.

Was "Ausländer, die die Verwendung des Artikels und die Pluralbildung noch nicht beherrschen" (gemeint sind wohl Nicht-Muttersprachler und Deutschlernende, denn Österreicher oder Schweizer sind hier auch Ausländer) angeht, so ist der Rat für deutsche Rechtschreibung in Sachen Pluralbildung auch nicht viel weiter als Anfänger. Ich zitiere das "amtliche" Wörterverzeichnis: "Armvoll, Arm voll; zwei Armvoll, Arm voll Reisig", "Handvoll, Hand voll; zwei Handvoll, Hand voll Reis". Wenn das richtig wäre, müßte auch "drei Topf voll Reis" oder "vier Beet voll Blumen" gehen.


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 11.07.2013 um 21.12 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=696#9450

Das Adjektiv fleischfressend ist natürlich nur eines von vielen Opfern für Sinnverfälschung durch Getrenntschreibung: Neben Fleisch fressenden gibt es zum Beispiel die Blüten besuchenden, Staaten bildenden oder wild lebenden Tier- und Pflanzenarten. Vor allem letztere sind in einem Gesetzes- bzw. Verordnungstext wie der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) nicht nur mißverständlich, sondern geradezu gefährlich:

Waren früher wildlebende Arten – also die Kategorie der Wildtiere und -pflanzen im Gegensatz zu domestizierten Arten – geschützt, so sollen es heute wild lebende Arten sein, womit dann alle – auch verwilderte domestizierte – Arten gemeint sind, die ohne menschlichen Eingriff in der Wildnis, also Natur leben; im Umkehrschluß müßten Wildtiere in menschlicher Obhut ungeschützt sein ...

Besonderer sprachlicher Unfug sind Beispiele wie Blatt fressende oder Nest bauende Arten: Tiere können zwar Fleisch fressen oder Staaten bilden, aber bestimmt nicht Blatt fressen oder Nest bauen – das erinnert fatal an Ausländer, die die Verwendung des Artikels und die Pluralbildung noch nicht beherrschen.


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 30.06.2013 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=696#9423

Ein schöner Text. Die Aussage, der Rechtschreibrat habe in der Auseinandersetzung um die Reform zu "vermitteln" versucht, ist freilich sehr beschönigend. Was er – mit unbestreitbarem Erfolg – versucht hat, war, die Debatte über die Reform aus der Öffentlichkeit zurück ins Hinterzimmer zu holen. Dort sitzt er bis heute, und es ist nicht zu erkennen, wie sich an dieser Aufgabe etwas ändern könnte.



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