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05.08.2012
 

«Nicht nur Eliteförderung»
Gespräch mit dem Präsidenten des Schweizer Lehrerverbandes

Die Matura steht in der Kritik. Der neue ETH-Rektor bemängelt, die Anforderungen seien zu tief. Untersuchungen zeigen, dass die Kenntnisse vieler Maturanden in wichtigen Fächern tatsächlich ungenügend sind. Doch Gymnasiallehrer entgegnen, für die Maturität seien nicht nur gute Schulnoten wichtig.

NZZ am Sonntag: Der neue Rektor der ETH, Lino Guzzella, sagt, dass man in der Schweiz «relativ einfach» zu einer Maturität kommen könne. Stimmt das?

Beat Zemp: Nein, im internationalen Vergleich ist die Quote der Jugendlichen, die eine Matura machen, sehr tief. Und im Pisa-Test sind wir in der Spitzengruppe. Es gibt viele Schüler, die sich zwölf oder mehr Schuljahre anstrengen und kämpfen müssen, damit sie schliesslich die Maturaprüfung gerade noch knapp bestehen. Andere wiederum könnten zwar mehr leisten, begnügen sich aber mit relativ bescheidenen Noten, weil das reicht. In jeder Klasse hat es zudem auch gute und sehr gute Schüler, die in allen Fächern die Bestnote anstreben.

Sollte man die Anforderungen in einzelnen Fächern hinaufschrauben?
Die Anforderungen müssen in allen Fächern hoch, aber für durchschnittlich begabte Gymnasiasten auch erreichbar sein. Die Schweizer Gymnasien können nicht nur Eliteförderung betreiben und das ETH-Modell kopieren, weltweit die besten Lehrer zu holen, ihnen die höchsten Löhne zu bezahlen, sie auf Englisch unterrichten zu lassen und aus aller Welt nur die besten Schüler aufzunehmen. Würden wir beispielsweise die heutigen Prüfungsaufgaben in Mathematik noch schwieriger machen, gäbe es einfach noch mehr ungenügende Noten. Damit ist niemandem geholfen.

Ist es nicht bedenklich, dass 40 Prozent aller Maturanden in der schriftlichen Maturaprüfung in Mathematik eine ungenügende Note schreiben?
Man muss hier zwei Gruppen unterscheiden: Die erste Gruppe schafft es oft trotz Nachhilfeunterricht und gutem Willen nicht, während der letzten drei bis vier gymnasialen Schuljahre mathematische Begriffe und Sätze so zu verstehen, dass dann bei den schriftlichen Maturaaufgaben eine genügende Note herauskommt. Dank der Kompensation mit genügenden Noten in anderen Fächern besteht diese Gruppe die Maturaprüfung aber dennoch. Die zweite Gruppe könnte zwar intellektuell durchaus mehr in Mathematik leisten, geht aber ganz bewusst den Weg des geringsten Widerstands und holt sich die guten Kompensationsnoten in Fächern, für die sie weniger Aufwand treiben muss.

Professoren klagen über die mangelnden sprachlichen Fähigkeiten der Studenten – in den schriftlichen Arbeiten formulierten sie schlecht und begingen viele orthographische Fehler. Können Sie die Klage nachvollziehen?
Diese Klage ist so alt wie die Schule. Das gleiche Klagelied haben die Professoren vor 40 Jahren über die Generation der damaligen Studenten gesungen. Die Textstile verändern sich, und die Orthographie hat mehrere Reformen durchlebt. Niemand wird heute behaupten, er könne völlig fehlerfrei nach den neuen Rechtschreiberegeln schreiben. Es gibt aber noch andere Gründe für diese Klage. Ein Drittel der Schweizer Schüler spricht zu Hause nicht die Schulsprache. Sie kommen oft aus bildungsfernen Schichten, in denen viel weniger gelesen und geschrieben wird, was auch für einen Teil der Schweizer Schüler gilt. Einige schaffen es dann mit viel Aufwand bis zur Maturität, trotz ihren sprachlichen Defiziten.

Was halten Sie vom Plan, dass an der Matura in Mathematik und in der Erstsprache keine ungenügenden Noten mehr erlaubt sein sollen?
Nichts. Hätten wir dieses Kriterium vor 40 Jahren eingeführt, dann wären daran viele Leute gescheitert, die heute dank ihrem Studium eine verantwortungsvolle Tätigkeit ausüben und einen guten Job machen. Wir haben aber der Erziehungsdirektorenkonferenz vorgeschlagen, das bestehende Noten-Kompensationssystem zu verschärfen und zu verlangen, dass wenigstens der Durchschnitt der beiden Noten in Erstsprache und Mathematik genügend sein muss. Damit würde man die einseitig mathematisch oder sprachlich Begabten nicht bestrafen. Gleichzeitig wird es aber eng für die Minimalisten, die in den beiden Fächern immer nur das Nötigste tun.

Sollte der Anteil der Jungen, die in der Schweiz eine Matura machen, steigen?
Ja, aber nur moderat. Jedes Jahr kommen Tausende gut ausgebildete Akademiker in die Schweiz, um hier zu arbeiten und sich niederzulassen. Die meisten von ihnen tun alles dafür, dass ihre Kinder ins Gymnasium kommen. Würden wir stur an den heutigen Maturaquoten festhalten, käme es zu einem Verdrängungskampf.

Wäre es nicht besser, man würde die Matura in der Schweiz stärker vereinheitlichen? Eine gute Note, die ein Schüler bei einem schlechten Lehrer erzielt, ist eigentlich wenig wert.
Eine Einheitsmatura wäre der falsche Weg. Damit würde man einen Prüfungsdrill mit bestimmten Aufgabentypen fördern. Die Gymnasien müssten sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, auf dem dann die Prüfungsaufgaben basieren würden. Damit sänke das Niveau. Wenn hingegen alle Lehrpersonen, die im gleichen Abschlussjahrgang an einer Schule unterrichten, zusammen eine Maturaprüfung konzipieren, dann ist am besten Gewähr geboten, dass es nicht zu stossenden unterschiedlichen Bewertungen bei der Maturaprüfung kommt.

Interview: Francesco Benini

NZZ am Sonntag, 5. August 2012, Hintergrund, Seite 18–19



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Kommentare zu »«Nicht nur Eliteförderung»«
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Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 11.08.2012 um 17.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=683#9044

Wenn der Präsident des Schweizer Lehrerverbandes sagt: „Niemand wird heute behaupten, er könne völlig fehlerfrei nach den neuen Rechtschreiberegeln schreiben“, was sagt das denn über die Reform?
Und was sagen Reformer oder deren Umsetzungshelfer dazu? Mir klingt diesbezüglich noch irgendwo im Ohr „Die Umsetzung der Reform verläuft bei uns problemlos“, offenbar kann ‚Umsetzung‘ verschiedenste Bedeutungen haben …


Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.08.2012 um 17.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=683#9043

Mit seinen Kindern lieber korrekten Dialekt anstatt schlechtes Hochdeutsch reden.



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