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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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15.11.2011
 

15 Jahre sogenannte neue Rechtschreibung
Zwei Beiträge aus den „Schweizer Monatsheften“

Die Schweizer Monatshefte heißen nun Schweizer Monat, folgen aber weiter den SOK-Empfehlungen. Neu ist René Scheu alleine Herausgeber und Chefredaktor. Er hat Artikel freigegeben, die letzten November veröffentlicht wurden – zu damals 14 Jahren sogenannte neue Rechtschreibung.


«Auch im Gedicht Regeln beachten!»

Die Reformer lassen die Autoren nicht mehr ausdrücken, was sie ausdrücken wollen.

Von Stefan Stirnemann

Der deutsche Dichter Durs Grünbein hat die dritte Satire des Römers Juvenal übersetzt und mit einem packenden Essay eingeleitet. In der Übersetzung verwendete er die ad­verbiale Formel «eines Tages», schrieb sie aber, dem Auge und Ohr ungewohnt, «einestags», worauf der gewissenhafte Sekretär, der das Manuskript prüfen musste, einen Blei­stift ergriff und mit drei beschwörenden Ausrufezeichen an den Rand setzte: «!!Auch im Gedicht möglichst Regeln beachten!»

Wo stehen diese Regeln? Im Rechtschreibwörterbuch. Das heute weitestverbreitete und einflussreichste hat seinen Namen vom Gymnasiallehrer Konrad Duden (1829–1911), der im Jahre 1880 erstmals sein «Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache» herausgab. Es ist im Laufe seiner Geschichte immer wieder als Gesetzbuch missverstanden worden. Walter Heuer aber, einst Chefkor­rektor der NZZ und Verfasser der Sprachschule «Richtiges Deutsch», stellte ihm ein anderes, treffenderes Zeugnis aus und nannte es «ein sehr nachsichtiges, oft wohl zu nach­sichtiges, den Entwicklungen der lebendigen Sprache weit offenes Regelbuch». Mit dieser Nachsicht und Offenheit war vor vierzehn Jahren Schluss, als der Duden die soge­nannte neue Rechtschreibung mit all ihrem Höllen­- und Regelzwang übernahm.

Man tat es widerwillig; der Leiter der Dudenredaktion, Günther Drosdowski, schrieb 1996 dem Reformkritiker Theodor Ickler: «Mir erlegten Anweisungen der Kultusmi­nisterien und die Verlagsräson auf, dass ich die Reform mit trage, aber es ist nicht meine Reform.» Drosdowski hätte die zahlreichen Fehler der Reform öffentlich kritisieren müssen, anstatt sie zu verbreiten. Die folgenden langen Jahre waren gezeichnet von heissblütigen Auseinandersetzungen und halbherzigen Verbesserungen – den bisher letzten Versuch legte der Rat für deutsche Rechtschreibung im Jahre 2006 vor. Und heute?

Heute müssen die Dichter ihre Texte vor untauglichen Rechtschreibregeln schützen. Das hat die Interessengemein­schaft österreichischer Autorinnen und Autoren getan, in­dem sie mit den Schulbuchverlagen einen Vertrag aushan­ delte, der Eingriffe in die Gestalt der Texte verbietet: «Im Rahmen der Freiheit der Kunst nehmen Autorinnen und Autoren das Recht in Anspruch, eine vom verordneten Stan­dard abweichende Rechtschreibung zu verwenden. Dieses Recht auf Integrität eines Kunstwerkes schließt ausdrück­lich die Ablehnung ganzer Orthographiereformen oder bestimmter Teile davon ein.» Abgelehnt wird die Reform inzwischen auch von ihren Auftraggebern, den Kultusmini­stern Deutschlands, wie einer Stellungnahme der Ministe­rin Wanka, die im Jahr 2005 Präsidentin der Kultusmini­sterkonferenz war, zu entnehmen ist: «Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.»

Aus dem Privatgebiet des Handschriftlichen in die Öffentlichkeit des Drucks

Ob in einem Text die ungewohnte Bildung «einestags» steht, das entscheidet nicht der Duden oder ein Korrek­turprogramm. Es geht hier vielmehr um Möglichkeiten des Ausdrucks und Stils, die ein sprachbewusster Lektor mit dem Autor klärt. Der Lektor steht an der Grenze zwi­schen dem «Privatgebiet des Handschriftlichen» und der «Öffentlichkeit des Drucks», um Begriffe zu verwenden, die Christian Morgenstern, der auch Lektor war, in einem Brief an Robert Walser prägte. Diese Grenze überschreitet der Autor von Berufs wegen, und dabei beugt er sich bei aller künstlerischen Freiheit einer Gegebenheit: da er ge­lesen und verstanden werden will, will er für seine Texte die bestmögliche Form; er beugt sich, oder besser fügt und neigt sich dem Sprachgefühl und den Lesegewohnheiten der Sprachgemeinschaft. Hie und da wagt er etwas Neues, und wenn seine Neubildung aufgenommen und weiterverwen­det wird, so findet sie schliesslich einen Platz im Wörter­buch. Was im Wörterbuch steht, bestimmt also letztlich die Sprachgemeinschaft, und Regeln sind tauglich, wenn sie aus dem allgemein Üblichen abgeleitet werden. Mit Beginn der Rechtschreibreform aber stellte sich eine Kommission des Staates über die Sprachgemeinschaft und entzog ihr zahllose Wörter. So stand im Duden des Jahres 1996 plötzlich statt «greulich»: «gräulich», statt «wohlbekannt»: «wohl bekannt», statt «wiedersehen»: «wieder sehen».

Die Willkür, mit der die Reformer vorgingen, zeigt sich am Wort «behende» (flink), das zu «behände» umgedeutet wurde. Begründung: «Wer ‹behände› ist, ist ‹schnell bei der Hand›.» In Wahrheit dachte schon Luther nicht mehr an die Herkunft des Wortes und übersetzte 1534 einen der Sprüche des Alten Testamentes so: «Sechs Stück haßt der Herr: Füße, die behende sind, Schaden zu tun.» Diesen Sprachgebrauch bestätigte am Ende des 18. Jahrhunderts der Orthograph Johann Christoph Adelung: «Behende stammt unstreitig von Hand ab, aber der Begriff ist so sehr geändert worden, daß die Abstammung zur Verständlich­ keit nichts beitragen kann, sondern selbige nur stören wür­ de, daher behält man in allen solchen Fällen lieber das e bei.» So blieb es, bis der Staat eingriff.

Entlastung vom Transport semantischer Informationen

Regeln müssen sich nicht im Wörterbuch bewähren, son­dern in lebendigen Sätzen. Wer im Wörterbuch liest, dass «wohlbekannt» als «wohl bekannt» zu schreiben sei oder dass man – eine der halbherzigen Verbesserungen des Rates für Rechtschreibung – unterschiedslos «wohl bekannt» und «wohlbekannt» verwenden könne, der ist geneigt, zuzustim­men. Beim Lesen von Sätzen aber merkt er, dass er nicht versteht. Die Reformer haben, wie sie sagten, die Absicht, «die Schreibung vom Transport semantischer Informationen zu entlasten». Damit wird Schreiben sinnlos; wer schreibt, will doch gerade semantische Informationen weitergeben. Die Reformer lassen die Autoren nicht mehr ausdrücken, was sie ausdrücken wollen. Das zeigen ein paar Beispiele aus Poesie und Prosa, wobei immer ein ganz alltägliches Wort in Frage steht.

Friedrich Rückert: «Die Verwandlungen des Abu Seid von Serug oder die Makamen des Hariri»
Grau macht die Zeit, die greuliche;
Trau nicht auf die untreuliche!
Sie lacht dir einen Augenblick,
Und grinst dann, die abscheuliche.

Die «gräuliche» Zeit, wie die Reformer verlangen, ist eine «angegraute» Zeit, und das meint Rückert nicht.

Franz Kafka: «In der Strafkolonie»
«Es ist ein eigentümlicher Apparat», sagte der Offizier zu dem Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermassen bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat.
Der Rat für Rechtschreibung meint, dass ein «doch wohl bekannter» Hinrichtungsapparat dasselbe sei.

Ingeborg Bachmann: «An die Sonne»
Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Daß ich wieder sehe und daß ich dich wiederseh!

Die Reformer haben ihren Irrtum, dass man «wiedersehen» durch «wieder sehen» ersetzen könne, berichtigt. Der Schweizer Schülerduden (2006) hält an ihm fest.

Friedrich Nietzsche: «Götzen-Dämmerung»
«Erzieher tun not, die selbst erzogen sind, überlegene, vor­ nehme Geister.»
«Selbsterzogene» Erzieher haben einen anderen Werdegang. War von 1996 bis 2004 nur die Getrenntschreibung richtig, so gilt seither die falsche Gleichsetzung «selbst erzogen = selbsterzogen».

Hilde Domin: «Das ist es nicht»
deine Handvoll Asche
das ist es nicht
obwohl es auch das ist

Das Wort «Handvoll» (Hampfle, Hämpfeli) musste von 1996 bis 2006 getrennt werden, seither wird es mit «Hand voll» gleichgesetzt. «Deine Hand voll Asche» wäre ein ganz anderer dichterischer Einfall.

Erich Kästner: «Notabene 45»
Die Wirtschafterin kämpfte in der Küche wie ein Löwe. Doch sie brachte die heißersehnten und heiß ersehnten Bratkartoffeln trotzdem nicht zustande.
Das Adjektiv «heißersehnt» musste bis 2004 getrennt werden. Auch hier gilt heute die falsche Gleichsetzung.

Das Sätzebuch der Reformfehler hat tausend Seiten. Wer in ihnen blättert, muss zur Kenntnis nehmen, dass diese Fehler trotz vierzehn Jahren Kritik nicht wesentlich verbessert worden sind. Noch immer gelten Regeln, die man beim besten Willen nicht beachten kann.

Es ist besser, keine Satire zu schreiben!

Juvenals bekanntester Satz sagt, dass es manchmal schwierig sei, keine Satire zu schreiben (difficile est saturam non scribere). Wo träfe er schärfer zu als bei dieser Reform? Was immer man über sie schreibt, wird von selbst Satire. Aber nicht nur, weil es so einfach wäre, ist es besser, nicht satirisch zu werden. Eine Folge der Satire: auf schreiendstes Unrecht und gröbsten Unsinn antworten wir mit schallendem Lachen oder feinem Schmunzeln. Und über dem Lachen und Lächeln vergessen wir das Handeln, und wir vergessen es gerne. Die Flucht in die Satire hat eine lange Geschichte. Jetzt ist es Zeit, die Lage neuzubeurteilen und etwas zu tun.

Literaturhinweise

Wer wissen will, ob der Lektor dem Dichter Grünbein die adverbiale Formel «einestags» zugestanden hat, lese:
Durs Grünbein: «Bruder Juvenal. Satire als andauernde Gegenwart». In «Mythos im Alltag, Alltag im Mythos», hrsg. von Christine Schmitz. München: Wilhelm Fink, 2010.

Gewichtige Bemerkungen zur sogenannten neuen Rechtschreibung bietet:
Elmar Holenstein: «Chinesisches in europäischen Alphabetschriften». In «China ist nicht ganz anders». Zürich: Ammann, 2009.

In die Mitte der Probleme führt:
Ludwig Laher: «Ixbeliebige Wahr­-Zeichen? Über Schriftsteller-‹Hausorthographien› und amtliche Regelwerke». Innsbruck: StudienVerlag, 2008.

Eine knappe, anschauliche Übersicht über die herkömmliche Rechtschreibung gibt:
Horst Haider Munske: «Lob der Rechtschreibung, Warum wir schreiben, wie wir schreiben». München: C.H. Beck, 2005.

Reiner Kunze spricht als Dichter und Staatsbürger in:
«Die Aura der Wörter, Denkschrift zur Rechtschreibreform», Neuausgabe mit Zwischenbilanz. Stuttgart: Radius, 2004.

Die klassische Darstellung der Reform stammt von:
Theodor Ickler: «Die sogenannte Rechtschreibreform. Ein Schildbürgerstreich». St. Goar: Leibniz, 1997.

Die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) hat Empfehlungen erarbeitet, welche die Fehler der Reform beheben. Kurzfassung:
«Wegweiser zu einer einheitlichen und sprachrichtigen deutschen Rechtschreibung» (www.sok.ch).

Stefan Stirnemann, geboren 1960, ist Lehrer am Gymnasium Friedberg in Gossau SG und Gründungsmitglied der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK).


Von neuem

Ein Schriftsteller in Erklärungsnot

Von Jürg Amann

Man kann immer wieder von neuem von Neuem schreiben. Zum Beispiel von der neuen Rechtschreibung. Obwohl sie inzwischen auch schon wieder alt ist. Immerhin weniger alt als die alte. Auch wenn sie in vielem älter aussieht als diese. In die Jahre gekommen. Jedenfalls sieht sie alt aus. Und sie hat sich entsprechend ja auch schon ein paarmal überholt, will heissen, zurückbuchstabiert, wieder auf den Stand der alten Rechtschreibung gebracht, oder wenigstens beinahe, hinter und unter den sie in einem kollektiven, epidemischen Sündenfall der deutschsprachigen Kultusminister und ihrer willigen und willkürlichen Handlanger zurückgefallen war. Sie ist jetzt schon fast wieder die alte, wie sie im Lauf der Jahrhunderte bis in die feinsinnigsten Differenzierungen und Verästelungen hinein eben gewachsen war.

Und damit könnte es gut sein. Und damit könnte man es gutsein lassen. Wenn nur nicht das Chaos wäre, der Schlamassel, die Rechtsunsicherheit, die die Rechtschreibgelehrten durch die Neue Rechtschreibung und die neue Neue Rechtschreibung in der alten zuerst angerichtet und in der neuen alten dann hinterlassen haben. So dass jetzt jede bessere und schlechtere Zeitung ihre eigene Rechtschreibung hat und jeder bessere und schlechtere Verlag die seine. Und jeder bessere und schlechtere Schreibende genötigt ist, sein Sprachwesen gegen das Unwesen einer sogenannten Kulturpolitik, und seinen Sprachcharakter gegen die Charakterlosigkeit von deren Sprachverwesern zu behaupten.

Und ich – als Beispiel, das ich aus der eigenen Erfahrung kenne – aus Verlegenheit ins Impressum meiner neuen Bücher, die in meinem österreichischen Verlag erscheinen, Erklärungsnotsätze wie «Die Schreibweise des Autors orientiert sich an der schweizerischen moderaten neuen Rechtschreibung der Neuen Zürcher Zeitung» oder zuletzt «Die Rechtschreibung des Autors orientiert sich an den Empfehlungen der Schweizer Orthographischen Konferenz SOK» drucken lassen muss; während die Bücher, die in meinem Hamburger Verlag erscheinen, undeklariert einer moderaten deutschen neuen Rechtschreibung verpflichtet sind. Von den verschiedensten Schreibweisen in den verschiedensten Anthologien und den Nachdrucken in Schulbüchern gar nicht zu sprechen. Ein Unding natürlich. So dass man wahrscheinlich noch lange immer von neuem vom Neuen, das sich Neue Rechtschreibung nennt, schreiben muss. Bis eines Tages, hoffentlich, der Sprachfriede im Land und zwischen den Ländern wiederhergestellt sein wird. Und die Sprache auf wieder gesichertem Boden wieder weiterwachsen kann, wie es ihr selber richtig erscheint.

Jürg Amann, geboren 1947, lebt als Schriftsteller in Zürich.



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Kommentare zu »15 Jahre sogenannte neue Rechtschreibung«
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Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 22.11.2011 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=676#8714

Vielleicht ist für den einen oder anderen Leser des Beitrags von Jürg Amann nicht uninteressant zu erfahren, daß der Arche Verlag (um den es hier geht) seit 2008 zur Oetinger-Verlagsgruppe gehört. Seitdem wird dort auch kein Wert mehr auf Qualitätsorthographie gelegt.

www.buchmarkt.de

Dennoch meine ich, daß Amann sich entschiedener gegen den Neuschrieb hätte wehren sollen. Freilich sollte ein Verlag auch unter einer neuen Führung den Wünschen seiner Autoren entsprechen.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.11.2011 um 23.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=676#8713

Wenn man zur kommunistischen Zeit Prag besuchte, sah man eine gräuliche Stadt in einem greulichen politischen System.



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