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12.11.2011
 

„Sprachen regulieren sich selbst“
Sabine Krome im Interview

Die Frage, wie sehr die deutsche Sprache durch Fremdsprachen beeinflusst und verändert wird, beschäftigt viele Menschen. In der politischen Debatte taucht immer wieder der Vorschlag auf, die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufzunehmen. Das Interview dazu mit der Chefredakteurin des Wahrig-Wörterbuches Sabine Krome führte Alexander Marinos.

General-Anzeiger: Immer wieder taucht in der politischen Debatte die Forderung auf, die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufzunehmen. Wie sinnvoll wäre eine solche Maßnahme aus Ihrer Sicht?

Sabine Krome: Dass in Deutschland Deutsch die wichtigste Sprache sein sollte, ist für mich persönlich unbestritten. Schon das jahrelange Gerangel um die Rechtschreibreform hat gezeigt, dass viele Deutsche schon "ihre" Orthografie und erst recht ihre Sprache ganz stark als Identitäts- und Kulturmerkmal begreifen. Die historische Besonderheit der deutschen Sprache ist ja, dass sie sich aus einer Sprachenvielfalt auf natürliche Weise zu einer Standardsprache entwickeln konnte, obwohl es über einen langen Zeitraum überhaupt keinen Zentralstaat wie zum Beispiel in Frankreich gegeben hat. Unsere (Sprach- )Geschichte hat auch gezeigt, dass ein "Schutz" der deutschen Sprache durch Gesetze weder möglich noch sinnvoll ist.

GA: Lässt sich Sprache überhaupt reglementieren?

Krome: Sprache lässt sich nur sehr bedingt reglementieren, und das ist auch nicht unbedingt sinnvoll. Von jeher haben sich Sprachen auf natürliche Weise als Mittel der Verständigung entwickelt. Sie haben eine starke Tendenz, sich selbst zu regulieren. So gibt es im Deutschen zwar eine verbindliche Rechtschreibung. Es gibt aber keine in allen Teilbereichen verbindliche Grammatik. Trotzdem haben wir ein ausgeprägtes Gespür dafür, was richtig ist und was nicht.

GA: Welche Verantwortung trägt jeder Einzelne, welche die Medien?

Krome: Natürlich haben vor allem Wörterbuchverlage als sprachpflegerische Institutionen und auch die Medien eine große Verantwortung gegenüber der Sprache. Aber hier zeigt sich oft genug, dass nicht so sehr die Anglizismen oder allgemein das Vordringen von Wörtern aus anderen Sprachen das Problem sind. Malträtiert wird die deutsche Sprache immer dort, wo Floskeln und leere Phrasen produziert werden. Darauf aufmerksam zu machen und ein Bewusstsein zu schaffen, sollte zuerst Aufgabe der Schulen, dann vordringlich der Medien sein.

GA: Viele Menschen regen sich vor allem über Anglizismen und das immer weiter um sich greifende "Denglisch" auf. Können Sie das nachvollziehen?

Krome: Sicher fallen vielen Menschen unsägliche Beispiele wie die verunglückten Sprüche von Werbetextern ein, so etwa Come in and find out. Englische Bezeichnungen für Telefontarife wie Sunshine oder Moonlight oder das nichtssagende Service Point anstelle von Infoschalter finden viele zu Recht unsinnig. Aber schon in Zeitungen ist der Anteil von Anglizismen erheblich geringer, in literarischen Texten ist er nur noch minimal. In Zeitungstexten konnte ein wesentlicher Anstieg von fremdsprachlichen Ausdrücken bislang nicht belegt werden. Außerdem unterschätzen viele die sprachschöpferische Kraft der deutschen Sprache: Im Deutschen sprechen wir beispielsweise von Euro-Rettungsschirm, der englische Fachausdruck ist euro bailout fund. Wir können mit unserem Wahrig-Textkorpus, also unserer digitalen Textsammlung mit mehr als zwei Milliarden Wortbelegen, jeden Tag mitverfolgen, wie zahllose neue deutsche Wörter gebildet werden: fremdschämen, bespaßen, Zornröschen und vieles mehr.

GA: Wie groß ist der Einfluss von Fremdsprachen auf das Deutsche?

Krome: Historisch gesehen war der Einfluss von Fremdsprachen schon immer recht hoch: Mit den Römern und später mit den Mönchen wurden lateinische Wörter ins Deutsche integriert, mit der französischen Hofkultur, vor allem im Barock, wurden auch französische Wörter heimisch.

So ist das Deutsche im 15. und 16. Jahrhundert stark durch die antiken Sprachen Griechisch und Latein bestimmt worden, die ja als Gelehrten- und Wissenschaftssprachen die Basis zumindest der gesamten westeuropäischen Sprachen darstellen. Auf dieser Basis sind etliche deutsche Lehnwörter entstanden. Man denke zum Beispiel an Orthografie, Chirurg oder Epidemie, die aus dem Griechischen stammen, oder an Wörter aus dem Lateinischen wie Kaiser von Caesar, Familie von familia oder Schule von scola; außerdem an Justiz, Argument, Autor, Literatur, multiplizieren, Abstinenz, Infektion, Datum, Register, Kopie.

Im 17. und 18. Jahrhundert hat das Französische als Ausdruck kultivierter Hofetikette ganz entscheidend an Einfluss gewonnen und auch die deutsche Sprache geprägt. Das zeigt sich heute noch an zahlreichen Begriffen aus Architektur - Balkon, Fassade, Nische, Souterrain - , Militärwesen - Bravour, Deserteur, Etappe -, Gesellschaft - Etikette, Ball, Intrige -, Essen - Delikatesse, Terrine, Konfitüre, Kompott - oder Mode mit Manschette, Garderobe, Frisur und Teint. Seit dem Zweiten Weltkrieg, vor allem aber seit den 80er Jahren, ist - als Ausdruck der Globalisierung - eine Dominanz englischer Begrifflichkeiten zu verzeichnen - Tendenz steigend. Hier finden sich Wörter aus allen Lebensbereichen: Bodyscanner, bloggen, twittern, Flashmob, Public Viewing, App, Gigaliner, chillen, chatten, cool, Cybermobbing, iPad, Segway, Floating, Homeoffice. Bereits etablierte Neologismen sind Wörter wie E-Mail, timen, downloaden. Diese Bereiche scheinen in unserem Lebensumfeld allgegenwärtig, tatsächlich machen sie aber nur einen Bruchteil des Gesamtwortschatzes der deutschen Sprache aus.

GA: Ist die Sprache der Deutschen im Herzen Europas besonders vielen Einflüssen ausgesetzt?

Krome: Die geografische Lage hat mit sprachlichen Einflüssen nicht unbedingt etwas zu tun. Nehmen Sie das Englische. Es wurde im Verlauf seiner Geschichte, vor allem durch die normannische Invasion 1066, stark durch das Französische geprägt. Man schätzt den romanischen Anteil im modernen englischen Wortschatz heute auf 60 bis 70 Prozent! Der Anteil ist so elementar, dass man nicht mehr von Fremdwörtern sprechen kann. Fremdsprachliche Einflüsse sind also keine Besonderheit des Deutschen.

Sprachliche Einflüsse werden immer dort wirksam, wo Menschen verschiedener Sprachen miteinander in Kontakt treten. Meist geschieht dies über den Handel: Im Mittelalter waren französische Luxus- und Kulturgüter hoch begehrt. Man kann heute anhand von Quellen gut nachvollziehen, wie sich an den Handelsrouten französische Wörter ausbreiteten. Heute findet der Sprachkontakt vorwiegend über - digitale - Medien statt. So hat eben auch das Englische so stark an Bedeutung gewonnen. Da Englisch heute die am weitesten verbreitete Sprache ist, hat das konsequenterweise in fast allen Ländern zu einer größeren Bedeutung auch der englischen Sprache geführt.


Zur Person

Geboren in Nienburg/Weser, studierte Sabine Krome Anglistik und Germanistik an der Uni Freiburg und der University of Sussex in England. Anschließend war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und der Landesbibliothek Hannover. Nach der Promotion 1988 ging sie zur Redaktion Bertelsmann Lexikon. Krome ist Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung und seit 2010 Chefredakteurin bei Wahrig.


Quelle: Bonner General-Anzeiger
Link: http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=news&itemid=10028&detailid=962846


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Kommentare zu »„Sprachen regulieren sich selbst“«
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 28.02.2014 um 22.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#9818

In allen nach der Völkerwanderung von Slawen besiedelten deutschen Gebieten z.B. in Ost-Niedersachsen und Nordbayern (Franken) findet man solche Ortsnamen-Mischbildungen.


Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 28.02.2014 um 19.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#9817

Korrektur: Die DLF-Sendung wird seit neuestem als "Europa heute" annonciert. (Stochastisches Ereignis? Lichtblick?)
Zufällig heute morgen dort zu hören: "Auch auf dem Lande geht man sich aus dem Wege." Auch öfter zu hören oder lesen: "In diesem Punkte", "In erheblichem Umfange". Man sollte dem Dativ-e nicht zu früh das Totenglöckchen läuten.

"Es ist sehr interessant, welche Orte deutsche oder slawische Gründungen sind..."
Aber mit vielen Detailteufeln:
Wer vom Namen Sankt Peterburg auf eine deutsche Gründung schließt, liegt bekanntlich ziemlich daneben. Und die Umbenennung in Petrograd hatte auch nichts mit irgendwelchen Wechseln der Machthaber zu tun.
Hat Berlins Schwesterstadt Cölln an der Spree einen deutschen oder einen slawischen Namen?
Der Name Neustettin ist eine deutsch-slawische Mischbildung.
Schloß Charlottenburg wurde in der Nähe des Dorfes Lietzow erbaut, das dann in der neugegründeten Stadt Charlottenburg aufging. Aber eine eigentliche Umbennenung ist das nicht. (Der Straßenname Alt-Lietzow existiert bis heute.)
Böhmisch-Rixdorf südlich von Berlin war eine Siedlung tschechischer Protestanten, die von den Hohenzollern gerufen wurden, ebenso Nowawes bei Potsdam, das in den 1930er Jahren in Babelsberg umbenannt wurde. Deutsche oder slawische Gründungen?



Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.02.2014 um 14.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#9816

Es ist sehr interessant, welche Orte deutsche oder slawische Gründungen sind und welche nur während der preußischen oder österreichischen Herrschaft deutsche Namen hatten und ob sie danach ihre Gründungsnamen zurückbekamen.


Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 25.02.2014 um 19.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#9815

In der Sendung "Europa Heute" (So der Titel in den Programmzeitschriften) im Deutschlandfunk wurde heute über den Front National in Forbach berichtet. Alle sprachen nur von "Forbáck". Anscheinend kam in der Redaktion niemand auf die Idee, daß man einen deutschen Namen auch deutsch aussprechen könnte. Interessant auch, daß man anscheinend in Forbach mit antideutschen Ressentiments Wahlkampf machen kann.



Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 25.02.2014 um 14.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#9813

Man könte auch sagen, das Zarenreich lebt weiter. Die Bevorzugung der (groß-)russischen Namen ist ja alt. Der Brockhaus von 1905 nennt zwar den polnischen Namen Kijów, kennt aber sonst nur Kiew (spr. kijeff).
Im Radio kam diese Tage durchaus ein Bericht aus "Lemberg". Es sind nicht alle so verbissen wie etwa Gremliza in konkret, für den die Stadt alle paar Jahrzehnte ihren Namen ändert. (Eine Stadt hat den Namen, der ihr vom Staat verordnet wird, punktum.)



Kommentar von Germanist, verfaßt am 25.02.2014 um 11.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#9812

Die Ukraine ist bekanntlich zweisprachig, deshalb muß man hier lebende Ukrainer immer nach ihrer Muttersprache fragen. Die russischen Namen im Deutschen verwundern auch nur diejenigen, die im Fernsehen gezeigte original-ukrainische Namen fließend lesen können. Aber es ändert sich schon etwas: Seit gestern heißt im deutschen Fernsehen die ost-ukrainische Stadt nicht mehr russisch Charkow, sondern ukrainisch Charkiw (ukrainischer Itazismus). Für viele Russen gilt Ukrainisch nur als kleinrussischer Dialekt.


Kommentar von R. M., verfaßt am 25.02.2014 um 10.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#9811

Die Beflissenen schreiben jetzt Lwiw statt Lwow. Lemberg darf es natürlich nicht sein.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.02.2014 um 06.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#9810

Warum sollten unsere Bezeichnungen ukrainischer Ortsnamen der slawistischen (slavistischen) Tradition entsprechen? Das tun die Bezeichnungen russischer Ortsnamen doch auch nicht. Und wurden die ukrainischen Namen vor der Gründung der Sowjetunion hierzulande anders geschrieben?

Meine zahlreichen ukrainischen Studentinnen hatten auch nie etwas einzuwenden und hielten sich selbst an hiesige Konventionen. Warum sollten wir es mit einem fremden Nationalbewußtsein weiter treiben als die Betroffenen?


Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.02.2014 um 18.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#9809

Ich habe mich immer gewundert, warum die deutschen Bezeichnungen ukrainischer Namen nicht der slawistischen Transliteration entsprechen. Jetzt habe ich herausgefunden, daß ukrainische Namen in ihrer russischen Schreibweise ins Deutsche transliteriert worden sind. Das russische Alphabet enthält spezielle ukrainische Buchstaben nicht. Direkt aus dem Ukrainischen transliteriert müßte es im Deutschen Ukrajina, Kijiv, Majdan usw. geschrieben werden. So lebt die Sowjetunion weiter.


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 14.11.2013 um 00.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#9686

Auf wissen.de, also gewissermaßen als Hausmitteilung, befindet sich ein anderes Interview mit Frau Krome aus dem Jahr 2011.

Hier ein paar Kostproben:

Dabei hätte man in der Anfangszeit des Rates, also 2005, tatsächlich von kriegsähnlichen Zuständen sprechen können.

Die grundlegende Reform ist auf jeden Fall abgeschlossen. Dafür wird der Rat für Rechtschreibung sorgen.

Ja, das [die Vereinfachung der Rechtschreibung] war ein Ziel. Ein weiteres war es, die Regeln logischer, systematischer und besser nachvollziehbar zu machen. Das ist meines Erachtens in großen Teilen gelungen: Es gibt deutlich weniger Regeln als früher und weniger Ausnahmeschreibungen. Für Schüler ist die neue Rechtschreibung auf jeden Fall leichter zu erlernen. In der Schule zum Beispiel ist die neue Rechtschreibung längst selbstverständlich, und Eltern, die noch die alte Rechtschreibung verwenden, werden als rückständig und als absolut uncool klassifiziert.

das ursprüngliche Anliegen der Reformer war gut, die Rechtschreibung, die sich über 100 Jahre lang überhaupt nicht verändert hatte, der heutigen Lebenswirklichkeit anzupassen.

Unfaßbar ...


Kommentar von Germanist, verfaßt am 02.12.2011 um 19.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#8752

"Vor den Reformen war die Rechtschreibung allgemein und freiwillig anerkannt." (Stefan Strasser) Genau das ist der Knackpunkt: Was allgemein und freiwillig anerkannt ist, kann vom Staat nicht einfach geändert werden (außer in einer Diktatur). Was vom Staat vorgeschrieben wird, genießt nicht automatisch allgemeine und freiwillige Anerkennung, erst recht nicht, wenn berechtigte Kritik sofort von Anfang an schlechtgeredet wird. Die Franzosen haben das diplomatischer gemacht: Alte und neue Rechtschreibung wurden als gültig erkärt, damit auf lange Sicht sich die bessere durchsetzen möge.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 02.12.2011 um 10.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#8749

Eine verbindliche Rechtschreibung im Sinn eines Gesetzes gab es nie.
Vor den Reformen war die Rechtschreibung allerdings allgemein und freiwillig anerkannt. Seit den Reformen gibt es das nicht mehr. Was sich Rechtschreibung nennt zerfällt immer mehr, selbst dem Rechtschreibrat dämmert diese Erkenntnis. Man macht unverständlich formulierte Regelparagraphen dafür mitverantwortlich. Tatsache ist, es gibt kaum Leute, die intuitiv sattelfest in der aktuellen Version sind, auch unter den Lehrern nicht (so gesehen ist die Zahl funktionaler Analphabeten bezogen auf das Regelwerk sicher wesentlich größer als 20%). Die Nachrichtenmedien haben spezielle Hausorthographien entwickelt und Bücher werden entweder klassisch oder in irgendeiner reformierten Mischorthographie gedruckt.

Mittlerweile hat man sich daran gewöhnt, tagtäglich selbst in Qualitätsblätteren sinnwidrige Schreibungen vorzufinden, die weh tun. Die Redundanz der Sprache ist allerdings Gott die Dank so groß, daß trotzdem in den meisten Fällen herüberkommt, was gemeint ist.

Ärgerlich ist halt, mit welch hohem Aufwand an Ressourcen und Geld dieser minderwertige Zustand ohne Not erzwungen wurde.


Kommentar von Dr. Maria Theresia Rolland, verfaßt am 29.11.2011 um 15.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=675#8735

Leserbrief, (so gekürzt erschienen im) General-Anzeiger, Bonn, 26./27.11.2011, S.37

Sprachschädigende Rechtschreibreform
Interview "Sprachen regulieren sich selbst" mit Sabine Krome

Frau Krome irrt: Seit der unseligen Rechtschreibreform gibt es keine "verbindliche Rechtschreibung" mehr. Es gibt vielmehr zahlreiche Variantenschreibungen, also solche, die als inhaltlich austauschbar gelten, in Wirklichkeit aber Bedeutungsunterschiede aufweisen, wie beispielsweise: "hierzulande/ hier zu Lande". Die erste Schreibung meint "hier bei uns", die zweite meint trockenes Land im Gegensatz zu "zu Wasser".
"Sprachen regulieren sich selbst" nur dann kontinuierlich, wenn nicht zuvor Reformer ohne Rücksicht die Sprache völlig durcheinandergebracht haben, zum Beispiel: Statt greulich (schrecklich) und gräulich (von grauer Farbe) gilt nur noch "gräulich". "Zierat" (Zier + Endung -at wie in Heim-at) wird verfälscht in "Zierrat", obwohl es sich keineswegs um einen "Rat" handelt.
Alles Geld, was in die Bildung gesteckt wird, verpufft, solange die Kinder nicht die den sprachimmanenten Gesetzmäßigkeiten entsprechende Rechtschreibung lernen dürfen; denn die Sprache ist die Grundlage für jedwede Bildung. Es gibt Betriebe, die in eigenen Kursen ihre Auszubildenden auf den Leistungsstand bringen, der früher beim Schulabgang selbstverständlich war.
Wann endlich reagieren die Verantwortlichen und nehmen die sprachschädigende Rechtschreibreform zurück?
Dr. Maria Theresia Rolland, Bonn



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