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22.10.2010
Deutsch ist in, die Reform ist out
Reichert will’s nicht mehr hören

Klaus Reichert, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, äußert sich im Interview mit der Deutschen Welle in einer Nebenbemerkung auch zur Rechtschreibreform:

Also geht es beim Stichwort "Gutes Deutsch" nicht unbedingt nur um korrekte Schreibweise oder Aussprache?

Nein. Die sogenannte "Rechtschreibreform" ist ja jetzt vom Tisch und einige der unsinnigsten Entscheidungen dort sind mit Hilfe unserer Sprachwissenschaftler von der Deutschen Akademie ohnehin schon korrigiert worden. Aber das ist jetzt kein Thema, das kann man im Grunde auch nicht mehr hören.


Quelle: Deutsche Welle
Link: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6131359,00.html

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Kommentare zu »Deutsch ist in, die Reform ist out«
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Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 04.01.2011 um 19.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=657#8439

Noch etwas Unterhaltsames aus der Geschichte der Darmstädter Akademie, heute so zutreffend wie damals.

Als auf der Herbsttagung 1979 die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung neben Raymond Aron und Sir Karl Popper auch den ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel als neues Mitglied wählte, gab Thomas Bernhard in der FAZ vom 26. November 1979 in einem offenen Brief seinen Austritt aus der Akademie bekannt.
In einem Brief an Claus Peymann vom 26. November 1979 gibt er eine erste private Erklärung für seinen Austritt: „Herr Walter Scheel, der deutsche Präsident, ist in die sogenannte Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gewählt worden, da bin ich ausgetreten. Ich habe mich immer gefragt, was eine solche Akademie ist, und bin immer nur auf den Begriff Blödsinn gekommen. Jetzt hatte ich einen Anlaß zu verschwinden.“ Tatsächlich war Scheel am 30. Juni 1979 aus dem Amt des Bundespräsidenten ausgeschieden, was Bernhard wohl nicht wußte.

Am 7. Dezember 1979 hat Bernhard seinen Austritt dann auch noch öffentlich in der FAZ erklärt: „Die Wahl Scheels, des ehemaligen Bundespräsidenten, zum Ehrenmitglied der Akademie für Sprache und Dichtung war für mich nur der letzte definitive Anlaß gewesen, mich von dieser Akademie für Sprache und Dichtung zu trennen, die meiner Meinung nach weder mit Sprache noch mit Dichtung das Geringste zu tun hat und deren Existenzberechtigung jeder vernünftig Denkende mit gutem Gewissen selbstverständlich verneinen muß. Seit Jahren habe ich mich nach dem Sinn dieser sogenannten Darmstädter Akademie gefragt und mir immer wieder sagen müssen, daß ein solcher Sinn doch nicht darin bestehen kann, daß eine Vereinigung, die letzten Endes doch nur aus dem kühlen Grunde der Selbstbespiegelung ihrer eitlen Mitglieder gegründet worden ist, jährlich zweimal zur Eigenbeweihräucherung zusammenkommt und da, nach vom Staat bezahlter teurer, weil Luxusanreise in guten Darmstädter Hotels großbürgerlich aufgetragene Speisen ißt und Getränke trinkt, um eine knappe Woche lang um ihren abgestandenen faden Literaturbrei herumzureden.“

Noch mehr kann ich hier unmöglich zitieren. Die Lektüre der Texte lohnt sich allemal, auch wenn man bedenkt, daß Bernhard 1970 den Büchner-Preis besagter Akademie erhalten hatte. Nachzulesen sind die beiden Textauszüge in dem soeben bei Suhrkamp erschienenen Band „Der Wahrheit auf der Spur. Reden, Leserbriefe, Interviews, Feuilletons“ (hrsg. von Wolfram Bayer, Raimund Fellinger und Martin Huber). Meine beiden Textauszüge findet man ebd. auf den Seiten 178 und 180 (siehe auch hier: www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=634#7978).

 

Kommentar von SL, verfaßt am 05.11.2010 um 21.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=657#8330

Warum gibt es eigentlich so viele Duckmäuser unter den Sprachwissenschaftlern?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2010 um 08.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=657#8310

Die Rechtschreibreform ist für Herrn Reichert mit einer peinlichen Erinnerung verbunden (sein schulmeisterliches Auftreten gegenüber Mitgliedern wie Wulf Kirsten), darum will er nicht mehr daran erinnert werden. Anderen geht es ähnlich.

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 26.10.2010 um 00.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=657#8309

Dieses "mit Hilfe unserer Sprachwissenschaftler" zielt wohl vor allem auf Eisenberg, der ja auch die Akademie auf Reformkurs gebracht hat. Meines Wissens sind übrigens "einige der unsinnigsten Entscheidungen", nämlich die Heysesche s-Schreibung (die nachweislich seit Jahr und Tag nicht funktioniert) und die depperten Augstschen Etymolegeien noch nicht korrigiert worden. Und warum nicht? Weil auch die Damen und Herren im Darmstädter Elfenbeinturm nicht wagen, hieran zu rühren.

Ein Einwand noch zu Herrn Janas (657#8305): Daß das Thema keineswegs niemanden mehr interessiert, zeigen Leserbriefe, sobald Zeitungen wie die "Süddeutsche" oder die FAZ (bei mir bleibt die jetzt konsequent ohne Pünktchen) die Büchse der Pandora doch noch einmal öffnen. Und sei es auch nur versehentlich. Die Leidtragenden, wenn ich das mal so pathetisch formulieren darf, erachten eine Diskussion durchaus noch für notwendig. Die Schuldigen (oder Mitschuldigen) wollen eine Diskussion natürlich tatsächlich im Keime abwürgen, da sie nicht mehr an ihre (Mit-)Verantwortung erinnert werden wollen. Dabei könnte gerade die Darmstädter Akademie, die ja eigentlich nichts mit der sogenannten Staatsraison am Hut haben dürfte, einfach sagen: "Es war falsch, und wir machen da jetzt nicht mehr mit." Theoretisch könnte das so simpel sein. Aber Zehetmairs Ziehsohn will es sich nicht mit den Kultusministern verscherzen. Und so kommt die Staatsraison auch in Darmstadt wieder durch ein Hintertürchen herein.

 

Kommentar von B Janas, verfaßt am 25.10.2010 um 17.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=657#8308

Das ist in der Tat der Sachstand, was jedoch "sachlich geboten" wäre, darüber gehen die unreflektierten Empfindungen doch weit auseinander, und die verbreitete Gleichgültigkeit und Abstumpfung läßt das Entstehen eines Konsens wohl nicht mehr zu. Viele haben sich angewöhnt, als richtig zu nehmen, was der "Korrektor" durchläßt, und noch bequemer kann's kaum werden. Bloß nicht mehr dran rühren...
Die Betroffenen, m.a.W., fühlen sich nicht mehr als solche.

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 25.10.2010 um 15.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=657#8307

Das Thema »Rechtschreibreform« ist tatsächlich durch. Im wesentlichen ist alles dazu gesagt. Sachlich geboten erscheint es, die Reform als historische Kuriosität, als Verirrung und als fehlgeschlagenes Experiment ad acta zu legen und die bewährte Rechtschreibung weiterzuverwenden.
Immerzu auf's neue die Standardphrasen der Befürworter und der Gegner der Reform gegenüberzustellen, ermüdet mit der Zeit auch den wackersten Kämpfer.
Daß an der Reform festgehalten wird, liegt an der »Staatsraison«. Und solange keine Revolution kommt, die die KMK auf den Mond schießt, wird das auch so bleiben.

 

Kommentar von B Janas, verfaßt am 25.10.2010 um 11.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=657#8305

In einem Satz reklamiert Reichert für sich das Verdienst, die unsinnnigsten Entscheidungen korrigiert zu haben, und im nächsten würgt er jede Diskussion über weitere sinnvolle Korrekturen im Keime ab. Sind Sprachwissenschaftler eigentlich Wissenschaftler?
Ansonsten gibt es aber, soweit ich sehe, niemanden, der noch Verdienste an der Reform für sich beanspruchte, noch gibt es andere, die eine Diskussion für nötig erachteten.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2010 um 10.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=657#8304

„Das beginnt bei solchen Dingen wie dem Schwinden des Konjunktivs, der starken Verbformen oder der kompetenten Beherrschung der Grammatik. Das ist eine Erscheinung, die wir nicht nur bei den sozial schwächeren Schichten haben, sondern das geht durch die gesamte Gesellschaft.“ (Reichert)

Der Mann scheint sich zu wundern, daß nicht nur die armen Leute falsches Deutsch sprechen, sondern auch die Bessergestellten. Man hätte Bastian Sick zur Herbsttagung einladen sollen. Übrigens sollte der Präsident einer Sprach- und Literaturakademie nicht von "sozial schwachen Schichten" sprechen, wenn er arme Leute meint.

„Es ist ja auch ein interessantes Phänomen, dass von den 20 Autoren, die auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis standen, neun einen anderssprachigen Hintergrund hatten, also fast die Hälfte.“

Aber vielleicht stehen sie gerade deshalb auf der Longlist, weil sie Ausländer sind? Wogegen übrigens nichts zu sagen wäre. (Ich habe anfangs noch an der Verleihung des Adelbert-von-Chamisso-Preises mitgearbeitet, den nur deutsch schreibende Nichtmuttersprachler bekommen.)

„Hier tut sich sehr viel und ich glaube sogar, wenn man das als Prognose wagen darf, dass sich langfristig das Deutsche dadurch auch verändern wird, denn diese Autoren bringen natürlich eine andere Sprachkompetenz mit in das Deutsche hinein.“

Darauf deutet aber bisher nichts hin, und es ist auch schwer vorstellbar.

In der Süddeutschen Zeitung (online) sagte Reichert noch:

„Kein Franzose käme auf die Idee, das Französische zu verteidigen. Es ist einfach selbstverständlich, dass es gesprochen und geschrieben wird.“

Die Franzosen verteidigen ihre Sprache nicht? Das war mir nicht so klar.

 

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