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22.05.2010
 

Das Problem ist wohlbekannt
Das St. Galler Tagblatt berichtet über die SOK-Tagung

Die Schweizer Orthographische Konferenz SOK bilanziert den Stand der Rechtschreibe-Unordnung und kritisiert den Schülerduden.

«Rechtschreibung» gibt es nur noch im Plural – dies machte die Frühjahrstagung der Schweizer Orthographischen Konferenz SOK vorgestern in Zürich deutlich. Der Gossauer Gymnasiallehrer und Reformkritiker Stefan Stirnemann erinnerte in seinem Bericht zur «Lage der Rechtschreibungen» an die wichtigsten Mängel der 1996 eingeführten Reform, namentlich auf dem Gebiet der Grossschreibung und der Getrennt- oder Zusammenschreibung. Das inzwischen wohlbekannte Musterbeispiel: «wohlbekannt» oder «wohl bekannt» sind zweierlei.

Lehrmittel mit Fehlern

Zwar haben die in der SOK organisierten Reformgegner, darunter zahlreiche Medien wie auch unsere Zeitung oder die Nachrichtenagentur sda, in den letzten Jahren ein eigenes Regelwerk entwickelt, das den Anforderungen an Schreibsicherheit, inhaltliche Differenzierung und Respekt vor dem «Sprachgefühl» (Stirnemann) Rechnung trägt und im Zweifelsfall der früheren Orthographie den Vorzug gibt: «bei Varianten die herkömmliche». Und die Schweiz erhielt dafür in Zürich denn auch Applaus von Gästen aus Deutschland und Österreich.

In Schulen und Verwaltungen gilt jedoch die neue Rechtschreibung, und namentlich in der Bundeskanzlei und bei den Erziehungsdirektoren beisse man mit Verbesserungsvorschlägen «auf Berner Granit», erklärte SOK-Aushängeschild und Nationalrat Filippo Leutenegger.

Gravierend sei die Lage in den Schulen, wie mehrere Redner hervorhoben: Seit August 2009 gilt fehlerwirksam die neue Rechtschreibung nach den Vorgaben des Schülerdudens. Dieser weise jedoch in vielen Fällen genau jene Varianten als nicht korrekt aus, die inzwischen selbst vom Rat für Rechtschreibung wieder für zulässig erklärt worden sind.

Auf die Seite der Reformkritiker stellten sich Autoren: Nicole Pfister Fetz vom Schweizer Autorenverband AdS und der österreichische Schriftsteller Ludwig Laher, der auch im Rat für Rechtschreibung sitzt, betonten die Wichtigkeit einer literarisch statt bürokratisch legitimierten Orthographie.

Die Verunsicherung bleibt

Allerdings: Viele Schülerinnen und Schüler kämpften heute mit Schreibproblemen auf elementarster Ebene; im Vergleich dazu diskutierten die Reformkritiker auf Champions-League-Niveau. Dennoch sei Widerstand wichtig, sagte der Basler Linguist Rudolf Wachter: «Eine Orthographie muss unauffällig sein – nur dann taugt sie etwas.» Das Schlimmste sei das Unsicherheitsgefühl beim Schreiben – und dieses ist, wie SOK-Mitglied Gottlieb F. Höpli hervorhob, zeitgleich mit der Orthographiereform durch die schnellen, häufig im Dialekt geschriebenen SMS- und Mailtexte noch labiler geworden.

Doch genau von solcher Schreibsicherheit ist man auch 2010 weit entfernt.

Peter Surber

(Link)



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Kommentare zu »Das Problem ist wohlbekannt«
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Kommentar von B Janas, verfaßt am 31.08.2010 um 19.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=652#8262

Vielleicht sind ja alle rundum zufrieden und fühlen keinen Äußerungsbedarf mehr. Im Ernst berührt es aber seltsam, daß eine kritische Öffentlichkeit keinen Bedarf für eine Evaluierung erkennt, zumal das Verfassungsgericht sie doch, zwar implizit aber deutlich genug, gefordert hat. In Karlsruhe selbst ist die Sache wohl längst abgehakt und -geheftet, und die Vierte Gewalt hakt nicht mehr nach.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 31.08.2010 um 11.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=652#8261

Ich vermisse begeisterte Lobgesänge der Reformbefürworter, insbesondere von Lehrer- und Elternverbänden, über wesentlich verbesserte Rechtschreibleistungen in den Schulen, speziell in den Hauptschulen. Es scheint mir, daß darüber lieber geschwiegen wird. Als Erfolg wird immer nur die Durchsetzung der Reform gelobt, und die Durchsetzung scheint das eigentliche politische Ziel gewesen zu sein als Test, was man mit dem Volk machen kann, wenn man es geschickt genug einfädelt.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.06.2010 um 22.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=652#8230

Angesichts der leeren deutschen Staatskassen halte ich es für nützlich, an die völlig unnötigen, weil nur durch die Staatsräson verursachten, volkswirtschftlichen Kosten der Rechtschreibreform zu erinnern. Zu diesem Thema sind hier seinerzeit einige wertvolle Beiträge erschienen.


Kommentar von Red., verfaßt am 17.06.2010 um 10.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=652#8228

Der Tagungsbericht von Karin Pfeiffer-Stolz:
www.stolzverlag.de/de_blog_kategorie_11.html


Kommentar von DRS2.ch, 19. Mai 2010, verfaßt am 26.05.2010 um 14.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=652#8219

Kritik an Rechtschreibreform gewinnt an Schwung

Die neue Rechtschreibung ist ein ewiges Thema. Seit dem 1. August 2009 ist sie für Schulen und für die öffentliche Verwaltung verbindlich. In der Praxis herrscht mittlerweile grosse Unsicherheit: Jedes Medienhaus beispielsweise pflegt eine eigene Hausorthografie.

Die Frühlingstagung der Schweizer Orthografischen Konferenz, eines Zusammenschlusses von Sprachwissenschaftlern und von Praktikern aus der Presse und dem Verlagswesen, steht am 20. Mai im Zunfthaus zur Waag in Zürich denn auch unter dem Titel «Sprachsicherheit».

(Quelle mit Link zu einer MP3-Datei, um den Beitrag hören zu können. Darin u. a. folgende Passage [O-Ton Stefan Stirnemann]:
„Man muß darauf hoffen, daß die Politik ihr Mandat zurückgibt, daß zum Beispiel in der Schweiz die Erziehungsdirektoren sich damit einverstanden erklären, daß dieses Regelwerk wirklich unabhängig – unabhängig von Politik, unabhängig von Wirtschaft – überprüft wird. Da findet man sicher Leute, die das können, und wenn das gemacht wird, ist das Problem gelöst.“)


Kommentar von SOK, 20. Mai 2010, verfaßt am 26.05.2010 um 14.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=652#8218

Schweizer Schülerduden laut SOK „unbrauchbar“

Die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) hat an ihrer sechsten Tagung vom 20. Mai in Zürich den Schweizer Schülerduden als „unbrauchbar“ bezeichnet. Das für Schulen verbindliche Referenzwerk unterschlage zahlreiche auch nach neuer Rechtschreibung gültige herkömmliche Varianten. Werde nach ihm korrigiert, würden den Schülern richtige Schreibweisen als Fehler angestrichen, was ein Skandal sei. Die SOK fordert deshalb, den von den beiden Schweizer Reformern Peter Gallmann und Thomas Lindauer herausgegebenen Schülerduden zurückzuziehen.

Der Schülerduden konterkariere die Bestrebungen des Rates für deutsche Rechtschreibung noch dreister als der Duden, so die SOK weiter. Dieser gibt bei Variantenschreibungen eine Empfehlung für eine bestimmte Schreibweise ab. Besonders bei der umstrittenen Getrennt-/Zusammenschreibung wird dabei häufig die reformierte Getrenntschreibung empfohlen. Der Rat hat diese Einschränkung, die seinen Intentionen zuwiderlaufe, scharf kritisiert.

Mitveranstalter der unter dem Titel „Sprachsicherheit“ stehenden Tagung war der neugegründete Verein Medienkritik Schweiz. Erstmals wirkte auch der Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz AdS mit. Der AdS weist in einer Eingabe an die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur auf die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Lage hin und unterstützt den Weg der SOK. Erstunterzeichner sind Jürg Amann, Urs Faes, Thomas Hürlimann, Charles Linsmayer, Pirmin Meier, Klaus Merz, Adolf Muschg, Suzann-Viola Renninger, Peter von Matt, Gisela Widmer, Urs Widmer, Peter Zeindler.

In einem von Nationalrat Filippo Leutenegger moderierten Podium zeigte sich, dass man nach wie vor von einer einheitlichen und sprachrichtigen Rechtschreibung weit entfernt ist. Es diskutierten: Nicole Pfister Fetz (AdS), Gottlieb F. Höpli (Verein Medienkritik Schweiz), Dr. Ludwig Laher (IG Österreichische Autorinnen und Autoren, Rat für deutsche Rechtschreibung), sowie Prof. Dr. Rudolf Wachter (Universitäten Basel und Lausanne, SOK).

Ludwig Laher berichtete, dass die Autorinnen und Autoren Österreichs in einem Vertrag mit den Schulverlegern erreicht haben, dass ihre Texte in Schulbüchern nicht ohne ihre Zustimmung an neue Normen angepasst werden dürfen. In den Schulbüchern Österreichs werden damit wieder literarische Texte in herkömmlicher Rechtschreibung erscheinen. Dies wertet auch die SOK als wichtigen Erfolg im Kampf gegen amtlich verordnete Eingriffe in Sprache, Schrift und Gestalt eines Textes.

In der SOK sind Vertreter der Presse, der Literatur und der Sprachwissenschaft vereinigt. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, die Sprachrichtigkeit und Einheitlichkeit der Rechtschreibung in Presse und Literatur zu fördern. Ihre wichtigste Empfehlung, „Bei Varianten die herkömmliche“, wird in der Schweizer Presse weitgehend umgesetzt. Auch weitere Empfehlungen der SOK werden befolgt, und sie wirken zunehmend auch in Deutschland.

(http://www.sok.ch/ bzw. http://www.sok.ch/index___id=tagungen!20mai10.html)



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