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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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20.03.2010
 

Nicht immer leicht
»Wermke sagt Ade«

Fortschreitende Selbstauflösung des Dudenverlags – und Beginn der Selbstauflösung des Rechtschreibrats?

Aus dem »Mannheimer Morgen«:

»Matthias Wermke, langjähriger Leiter der Dudenredaktion, verlässt den Mannheimer Verlag Bibliographisches Institut AG. (...) Er betonte, sein Weggang erfolge auf eigenen Wunsch. Es habe keine Konflikte gegeben, und auch der Wechsel in den Eigentumsverhältnissen – Mehrheitsgesellschafter ist seit Frühjahr 2009 der Cornelsen Verlag – habe nicht zu der Entscheidung beigetragen. Es seien gute Jahre bei Duden gewesen, sagt Wermke, aber, so ergänzte er mit Blick auf die Rechtschreibreform, nicht immer leichte. Sie und deren einzelne Stufen musste das Wörterbuch mitvollziehen. (...) Wermke, der Ende des Monats den Verlag verlässt, war in seiner Eigenschaft als Redaktionsleiter auch Mitglied im Rat für Rechtschreibung.«

(www.morgenweb.de/nachrichten/kultur/20100320_srv0000005581986.html)

(Weiteres Material dazu – Korrespondenz von Herrn Ickler mit Herrn Wermke – siehe hier. Red.)



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Kommentare zu »Nicht immer leicht«
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Kommentar von R. M., verfaßt am 02.11.2016 um 20.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#10653

Es wird kein privat finanziertes Wörterbuch dieser Größenordnung mehr geben, und angesichts der zunehmenden Feindseligkeit der Wissenschaftsförderung gegenüber der Publikationsform Buch vermutlich auch kein öffentlich gefördertes.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2016 um 12.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#10651

Das zehnbändige "Große Wörterbuch" von 1999 war wohl das letzte größere Unternehmen, bevor der Dudenverlag kurz und klein geschlagen wurde. Auch der Duden-Korrektor, den es jetzt wieder gibt, wird von einem anderen Unternehmen weitergeführt. Die Kinderbücher hat Fischer übernommen usw.
Das von der Reform greulich verhunzte Wörterbuch ist ein ganz passender Abschluß der Verlagsgeschichte. Man hat dem Teufel ein bißchen mehr als den kleinen Finger gereicht. Nun gibt es schon seit Jahren überhaupt kein so großes Wörterbuch der heutigen deutschen Sprache mehr. Die Rechtschreibung hangelt sich von Empfehlung zu Empfehlung. Der Rechtschreibrat schweigt.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 04.03.2011 um 04.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8528

Die Suche nach "Matthias Wermke" ergibt bei Google für den Zeitraum "Letztes Jahr" zwar rund achthundert Treffer, aber beim Überfliegen der ersten hundert fällt nichts Aktuelles auf. Ganz im Vordergrund stehen die Aktivitäten eines jungen Berliner Szenekünstlers mit demselben Namen, der mit Kurzfilmen ("Die Neonorangene Kuh", "Regionalverkehrt" u. ä.) durch die Lande tourt. Sein Internetauftritt lautet www.stopmakingsense.de, was auch wieder an den Namenszwilling vom Duden erinnert.

Matthias Wermke senior ist Mitglied bei Facebook. Vielleicht erfahren ja seine "Freunde", was er treibt.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 07.04.2010 um 05.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8153

Ich möchte noch etwas zu der Behauptung sagen, mehr Verantwortung als Matthias Wermke trage dessen Vorgänger Günther Drosdowski, weil zu dessen Zeit die Würfel fielen, und Drosdowski hätte sich folglich in den vorangehenden Entscheidungsprozeß seinen Protest wirkungsvoller einbringen müssen oder jedenfalls können, während Wermke keinen Einfluß mehr ausüben konnte.

Mein Einwand: Allein anhand des Regelwerks war nur schattenhaft zu erahnen, welche Schwierigkeiten sich (1) bei der Anwendung dieser Regeln auf den gesamten Wortschatz und vor allem (2) beim täglichen Schreiben auftun würden.

(1) entspricht der Erarbeitung der reformierten Wörterbücher, die ab Mitte 1996 erschienen. Wie lange hat die Arbeit an der ersten Auflage gedauert: ein halbes Jahr, ein ganzes Jahr? Wenn man ein ganzes Jahr annimmt, offenbarte sich die Fülle der Schwierigkeiten innerhalb des Hauses Duden ab Mitte 1995. Da war Wermke bereits Leiter der Dudenredaktion.

(2) entspricht der Umstellung bei den meisten Zeitungen ab Mitte 1999; die meisten Unternehmen der Wirtschaft setzten erst danach die Rechtschreibreform um. Somit erreichte das Ärgernis die meisten Anwender mit voller Wucht erst zu einer Zeit, als Drosdowski schon längst ausgeschieden war.

Man stelle sich vor, daß ein Kleinwagen von Mercedes im Elchtest umkippt oder bei einigen Toyotas die Gaspedale klemmen. Der Produktionsleiter streitet die Probleme bei sämtlichen Befragungen ab und wird anschließend wie folgt verteidigt: "Das ist verständlich. Die Konstruktionszeichnungen wurden schon vor vier Jahren abgesegnet. Der Fehler war damals nicht ernst genommen worden und muß deshalb jetzt verleugnet werden. Als Kunde kann man doch nicht erwarten, daß der Hersteller ehrlich ist."


Kommentar von stefan strasser zu 8149, verfaßt am 28.03.2010 um 22.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8150

Angesichts solcher Listen stelle ich mir wieder einmal die Frage, was bedeuten Einträge eigentlich?
Wenn also im amtlichen Wörterverzeichnis etwa steht: wund laufen, wundlaufen. Bedeutet das dann, daß man beide Schreibweisen sowohl verwenden kann, wenn man (bereits) verwundet läuft oder wenn man läuft, bis man davon eine Wunde bekommt?
Oder wenn steht: wohl durchdacht, wohldurchdacht – bedeutet das, daß man beide Schreibweisen gleichwertig verwenden kann, wenn etwas möglicherweise durchdacht oder aber gut durchdacht ist?
So müßte es eigentlich sein, allerdings habe ich das Gefühl, die Wörterbücher weisen von Fall zu Fall doch wieder unterschiedliche Bedeutungen zu. Das mag zwar sinnrichtig sein, läuft aber der amtlichen Regelung doch zuwider, oder?

Und dann gibt es natürlich die Frage, welche Einträge gibt es überhaupt? Zusammenschreibungen sind klar, (angeblich) gleichwertige Getrenntschreibungen stehen offenbar daneben oder als separate Einträge mit Querverweis.
Wenn aber keine Getrenntschreibung genannt ist, dann heißt das nicht, daß es sie nicht gibt, sondern nur, daß sie anerkanntermaßen eine andere (nämlich die wörtliche) Bedeutung hat, oder?


Kommentar von Kurt Albert, verfaßt am 28.03.2010 um 19.00 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8149

Duden und Wahrig

Der Vergleich der amtlichen Wörterliste mit den beiden aktuellen einbändigen Wörterbüchern – "Universalwörterbuch" (Duden) und "Deutsches Wörterbuch" (Wahrig) –, den ich am 23. März avisiert habe, ist jetzt unter www.muellers-lesezelt.de/rezensionen/regelwerk-synopse.pdf einsehbar.


Kommentar von Stiller Handwerker, verfaßt am 26.03.2010 um 12.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8146

Was mir beim Lesen dieses Themas ins Auge springt: Über die Jahre bin ich immer wieder erstaunt, wie Herr Ickler das alles meistert. Immer sachlich, stets weitsichtig und nie beleidigend – und nie trocken "akademisch", sondern stets allgemein verständlich bleibt – ach, was sag ich, wer vermag es schon, so lebendig und dabei so fundiert zu schreiben, zudem, wie mir das bei den Briefen gerade wieder auffiel, eben weil er aus einer persönlichen, souveränen Perspektive heraus schreibt, das gleitet nie ins Distanzierte und Theoretische ab. Das wollte ich an dieser Stelle schon mal gesagt haben. Wie erfrischend das ist!

*

Wermke –

Ich kann mich noch gut an die Euphorie der Anfangsjahre erinnern, alle fühlten sich von einer Last befreit, nicht nur von den Kohl-Jahren. Warum war das trotz der hier immer wieder genannten Gründe machbar, warum machten praktisch alle Fachleute – "Kompetenzen" – mit?

Dazu eine kleines Beispiel:

Ich werde jedenfalls nie vergessen, wie mir eine promovierte und gestandene Lektorin einen kurzen Text für ein Vorwort auf den Schreibtisch legte. Ich überflog den Text, verfing mich beim Wort "Vers-tand", so am Zeilenende umbrochen. Ich blickte etwas spöttisch auf, und sie: "Das wird doch jetzt immer so getrennt!" Toll, nicht.

Die Reformer waren hervorragend im Marketing! Sie verkauften sich als Neuerer, als die, die etwas vereinfachten. Sozusagen die Volkssprache für alle. Wer will bitteschön da dagegen sein! Das ging nicht. Egal ob nun promoviert, habilitiert oder sonst was – die mußten ja besonders aufpassen, wollten sie nicht als "die da oben" gelten, als Miesepeter eben.

Und es funktioniert (trotz alledem) bis heute. Man wähnt sich in einer Gemeinschaft, mit "Tipp", "dass", "Einzige" und "Stillleben" gehört auch klein Hans dazu. So einfach ist das. (Merkwürdig finde ich daran, daß auf praktisch jeder Seite diese Insignien auftauchen, egal ob Anschreiben oder Journal.) – Wie bei iPhones und iTunes. Sie verkaufen Gefühle. Und das funktioniert nun mal. Die Presse agiert nach dem selben Schema, insofern war mir bald klar, daß sie auf den Zug aufspringt. Und Politiker nutzen das als willkommene Volksnähe (bis hin zum bekannten Interview, wo eine Kultusministerin zugab, früher da auch Rechtschreibfehler gemacht zu haben, welch Raffinesse!).

Das mit dem Zynismus will ich da hinterfragen. Manch einer spöttelte vielleicht, das gehört sich ja, aber mehr? Angst? Sehr selten. Eher das typische Scheinsouveräne, so die lockere Geste, ph, is mir doch wurscht.

Rechtschreibung, so wurde mir in den Jahren erst so richtig klar, ist etwas, was man haßt, daher das Abfällige, oder einfach das "Ist mir doch egal" oder die gebetsmühlenartige Mär von der angeblich so sperrigen und dümmlichen deutschen Sprache. Was haben Germanisten da alles publiziert, wie etwa Heinz Schlaffers "Die kurze Geschichte der deutschen Literatur." Alles formelle Sch –. Die Deutschen hätten ja eh nie so geschrieben wie sie reden würden. Wieso sollen sie infolgedessen so schreiben?!

Und es lebt die Propaganda munter fort, erst gestern in einem linken Blog – da antwortete einer auf "Du könntest mal mehr auf deine Rechtschreibung achten" mit "Gibts ja doch noch ne Rechtschreibpolizei seit der Rechtschreibreform!"

Das ist unauslöschbar. Es wird bleiben. Es war und ist ein gesellschaftliches Phänomen. Diktat klingt nach Diktatur, Korrigieren nach Bevormundung, Formales nichts als Hinderungsgrund, Auswendiglernen als überflüssiges autoritäres Mittel der Ewiggestrigen. Der Duden wird als tolerantes Werk, die unsäglichen Schreibungen als Varianten und einzig denkbaren empfunden. Kürzlich sagte eine Linguistin (auf die Frage, warum sie in ihrer Doktorarbeit alle Hebel des Reformunsinns einbaute) zu mir, wir werden da eh weg kommen von der Schrift und wieder zum Sprechen zurückkehren und so weiter. Welch verheißungsvolle Zukunft!

Ich habe noch etwas die Jahre gelernt. Kollegen wie Autoren, Volontäre wie Wissenschaftler, kaum einer zeigte so etwas wie Interesse an seiner Rechtschreibung, ja, wer will schon gerne kritisiert werden. Intuition, Sprachvermögen, Selbstverständnis seiner Muttersprache gegenüber? Mir graust. (Übrigens gerade die Naturwissenschaftler entpuppten sich da mit als Uninteressiertesten, die verließen sich stets auf die Lektoren, wenn überhaupt.) Und irgendwie fällt mir da so eine verquere Naziideologie ein, in etwa, daß dem Deutschen die Form, das Schöne nicht entspreche, eher das Geradeheraus, das Freie und Wilde, das Unverstellte, sprich, das Schriftlose (das Rätselhafte und nie Greifbare) ist des Genies – und das gepaart mit einhergehender spezifischer Angst vorm Horror vacui. Wer spürt sich denn schon hier, wem wird das zugetraut, wem läßt man Freiraum? Das ungleiche Paar sorgt für Dynamit & Denunziation, ein unaufhörliches einander Beäugen.

Und das Lavieren, wie kreativ das nun ist, es paßt gut in die Zeiten der "Nicknames". Aber das gehört nun wirklich woanders hin. Oder doch?

Ich stelle mal Herrn Wermke den allseits beliebten Herrn Krüger vom Hanser Verlag zur Seite (ich tue es mal etwas bösartig, das will ich mir auch nicht nehmen lassen), sein tonangebendes Programm für die genießenden Intellektuellen unter uns, ab etwa Mitte Vierzig, also so zum Rotwein im mediterranen Gefilde, für diese Klientel darf alles in bester Orthographie gedruckt werden – im Kinderprogramm, ebenfalls tonangebend, unter keinen Umständen, da sind die Zwänge zu groß (Preisverleihungen, Vertrieb, Bibliotheken etc.). – Für mich nichts weiter als der Inbegriff einer Spaltung der Gesellschaft. Das ist nun aber wirklich ein anderes Thema.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2010 um 18.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8142

Nicht aus der gemeinsamen Zeit im Rechtschreibrat, sondern aus der einzigen persönlichen Begegnung bei meinem Besuch in der Dudenredaktion Anfang 1997 kenne ich Wermkes Ansicht über die Reform.
In den Sitzungen des Rechtschreibrats, an denen ich teilgenommen habe, war er immer recht still.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 25.03.2010 um 17.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8141

Da Prof. Ickler den Hrn. Wermke aus einer gemeinsamen Zeit im Rechtschreibrat offensichtlich einigermaßen kennt, wird es wohl so sein, wie er schreibt.
Eine Frage bleibt aber trotzdem, nämlich die Frage, warum die Dudenempfehlungen häufig nicht den herkömmlichen Schreibungen entsprechen, sondern eher den nicht sinnrichtigen der Urreform?
Wenn auch das nicht von der Redaktion, sondern von irgend einem geheimnisvollen Management vorgegeben wurde, dann ist/war Hrn. Wermkes Position doch eher die eines weisungsgebundenen Pressesprechers als die eines leitenden Managers mit Handlungsspielraum.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2010 um 15.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8140

Da es sich hier um eine Tatsachenfrage handelt, möchte ich (noch einmal) mitteilen, daß Wermke und Scholze-Stubenrecht (und daher wohl die gesamte Dudenreaktion) sich über die schlechte Qualität der Reform keinerlei Illusionen machten; das weiß ich aus ihrem eigenen Munde. Drosdowskis "Mosern" bezieht sich auf seine Mitwirkung im Internationalen Arbeitskreis, wo er kein Vollmitglied war, sondern nur beratendes, ein geduldeter Gast sozusagen.
Die Dudenleute wußten auch, daß die Rechtschreibreform ohne den Duden ausgeheckt wurde und u. a. den Zweck hatte, dem Duden das Genick zu brechen (Blüml hat es später recht unverblümt gesagt). Man lese noch einmal die Dokumente zum GEW-Kongreß "vernünftiger schreiben" von 1973. Auch Mentrup ist voller Haß auf den Duden, und er war lange Zeit der führende Reformer, bevor Augst ihn ausbootete.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 25.03.2010 um 12.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8139

Wenn man einen Fehler der Vorgesetzten nicht mit Vernunftgründen abstellen kann, hilft es nur, ihn voll gegen die Wand fahren zu lassen nach dem Muster des Braven Soldaten Schweik.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.03.2010 um 11.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8138

Eine interessante Frage. Auch wenn das formal gesehen Spekulationen sind: Ich halte es für nahezu unvorstellbar, daß es die Duden-Redakteure nicht immer wieder gegraust hat, wenn sie den Rechtschreibduden und andere Werke so "reformieren" mußten, wie es Professor Ickler beispielsweise in der untenstehenden Besprechung zusammengefaßt hat. Wie sie dann in der täglichen Routine und auf Dauer damit umgingen, ist eine andere Frage; ich habe hierfür den Begriff "Zynismustraining" gewählt. Man macht etwas, was man für falsch hält, was einem total gegen den Strich geht, was einen immer wieder empört – und winkt dann ab. Man sagt sich: "Was soll's. Ich kann nichts dafür. Dann mache ich eben diese ..., wenn es mir befohlen wird."

In ähnlicher Weise halte ich es für undenkbar, daß Wermkes Vorgänger Drosdowski, wie inzwischen bekannt, die Reform für sehr mißlungen hielt und dies intern auch regelmäßig geäußert hat (Professor Ickler hat das als "mosern" bezeichnet) – und Wermke selbst die Reform von Anfang an prima fand. Wie man damit umgeht, wenn man die eigene Meinung regelmäßig verleugnet, ist wiederum eine andere Frage. Die kognitive Dissonanz hat oft zur Folge, daß der Betreffende sich irgendwann mit seinen Äußerungen identifiziert und seine ursprüngliche Meinung intensiv in sich unterdrückt, um den Widerspruch nicht mehr oder nicht mehr so heftig empfinden zu müssen. Am Anfang (und immer wieder, trotz aller Übung im Verleugnen) meldet sich jedoch das Gewissen, mehr oder weniger vernehmlich.

Auch ich habe das Zynismustraining der Rechtschreibreform immer wieder durchlaufen. In gewisser Weise ist es lebensnotwendig, Zumutungen mit Zynismus zu beantworten, wenn man sich nicht gegen sie wehren kann. Sonst geht die eigene Ausgeglichenheit vor die Hunde. Dafür habe ich durchaus Verständnis.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 25.03.2010 um 09.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8137

Weil von Unterstellungen die Rede ist: ist es vollkommen undenkbar, daß jemand, von dem was er macht, wirklich überzeugt ist, auch wenn ihm der eine oder anderen Nachteil vermutlich schon bewußt ist?
Wieso überwiegt hier die Annahme, daß Wermke in seinem Inneren von der Untauglichkeit der Reform überzeugt ist und sich dadurch permanent verstellen mußte? Warum soll nicht das genaue Gegenteil der Fall sein? Reichlich kreatives Betätigungsfeld war und ist durch die Reform ja genug vorhanden.
Oder gibt es (mir nicht bekannte) Belege, daß Wermke sich permanent verstellte?


Kommentar von B Janas, verfaßt am 25.03.2010 um 08.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8136

Natürlich ist es müßig, über Wermkes persönliche Befindlichkeiten und Angelegenheiten zu spekulieren. Schade wär's nur, wenn er am Ende sein Wissen mit ins Grab nimmt, statt dem Historiker noch Fingerzeige zu geben, wie sein Wirken denn gerecht einzuordnen sei. Aber ändern würde das ja auch nichts mehr.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.03.2010 um 05.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8135

Es versteht sich, daß ich in meinen Kommentar nur meine eigene Meinung sage. Manchmal ist es nötig, sich zusätzlich ausdrücklich zu distanzieren.

Auch ich distanziere mich, auch ich frage: Woher wollen wir das wissen? In diesem Strang wurde von Anfang an unterstellt, wie schon andernorts, daß Matthias Wermke gezwungen war, im Dienste seines Arbeitgebers Werbung für die Rechtschreibreform zu machen. Unterstellt wurde, daß er sich sonst ruiniert hätte. An beidem habe ich starke Zweifel. Auch mich interessieren Schubladen wie "großer Schurke", "Fiesling" oder "Held" wenig. Meine Herangehensweise besteht in der Frage, wie sich jemand verhalten hätte, für den es ein selbstverständlicher Anspruch ist, möglichst nicht zu lügen (zum Beispiel nicht regelmäßig gegenüber der Öffentlichkeit, nicht, wenn es erhebliche Folgen hat, nicht, wenn es nicht unbedingt sein muß). Als Leiter der Dudenredaktion hätte sich jemand mit diesem Grundsatz anders verhalten.

Als ab Mitte 1999 alle möglichen großen Firmen meinten, im Gefolge der großen Zeitungen die Rechtschreibreform umsetzen zu müssen, stellte ich mir die Frage, ob ich Kurse bei diesen Firmen anbieten soll. Als Trainer für neue Rechtschreibung hätte ich damals vermutlich sehr viel Geld verdienen können. Die vielen Kontakte und das Unterrichten hätten mich gereizt und hätten mir gut getan; die Aufgabe wäre viel spannender und unterhaltsamer gewesen als das mühsame Korrgieren irgendwelcher Texte an einem einsamen Schreibtisch. Ich hätte mir zudem sagen können: "Wenn ich es nicht mache, machen es andere, was ist also dabei?" Entscheidend war für mich, daß ich anderen etwas eingetrichtert hätte, was ich selber für den größten Mist halte. Das kam für mich nicht in Frage, die Vorstellung ekelte mich geradezu. Deshalb habe ich diese ansonsten verlockende Möglichkeit verworfen.

Wenn mir – eine theoretische Überlegung – als einem Angestellten dieselbe Aufgabe aufgetragen worden wäre, hätte ich gesagt: "Gut, aber nur unter der Bedingung, daß ich immer sagen kann, was ich von dieser oder jener Regel und von der Rechtschreibreform insgesamt halte. Sonst mache ich das nicht." Wenn mein Arbeitgeber darauf nicht eingegangen wäre, dann hätte ich mich schnellstmöglich nach einer anderen Arbeit umgesehen. Ganz einfach.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 24.03.2010 um 10.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8133

Geisteswissenschaftler, die sich ja im wesentlichen mit den Hervorbringungen des Menschen beschäftigen, haben offensichtlich auch, was durch Menschen betriebene Änderungen dieser Hervorbringungen betrifft, einen offeneren Standpunkt als Naturwissenschaftler.
Naturwissenschaftler verlangen üblicherweise Beweise, Herleitungen, nachvollziehbare Argumente, usw. um Neues oder Verändertes zu akzeptieren. Wenn es einmal akzeptiert ist, wird es verteidigt, bis ggfs. ein neuer Beweis auftaucht, der eine Revision erfordert.
Rechtschreibänderungen akzeptiert der typisch Naturwissenschaftler dann, wenn eine auf Argumente gestützte „Beweisführung“ bezüglich Nutzen vorliegt.
Geisteswissenschaftler interessieren Argumente wenig, sie stehen auf dem Standpunkt, was der Mensch hervorgebracht hat, das kann er auch wieder verändern, Argumente hin oder her. Und kreativ sind sie dabei ja, siehe den schon einmal angesprochenen bunten Duden.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2010 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8132

Das geht mir nun wirklich alles viel zu weit. Was wissen wir schon von diesen Dingen? Noch einmal: Ich habe Herrn Wermke nicht zum Helden stilisieren wollen und habe es auch nicht getan. Sein Privatleben geht mich nichts an. Mit dem Hause Duden verbinde ich positive und negative Erfahrungen, hatte aber nie einen Grund, Wermke für den großen Schurken zu halten. Fieses Verhalten habe ich genug wahrgenommen, aber nicht von ihm. Meine Dudenrezensionen zeigen schonungslos die Fehler auf, die gemacht wurden, aber das ist ein ganz andere Kategorie. Im übrigen habe ich am Anfang gesagt, was ich sagen wollte, und das sei nun wirklich mein letztes Wort, solange nicht neue Tatsachen bekannt werden.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 24.03.2010 um 09.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8131

"Eben!" möchte ich nach der erneuten Lektüre der untenstehenden Besprechung von Professor Ickler ausrufen. Man muß sich das mal vorstellen, was die Dudenredakteure Tag für Tag für einen Müll produzieren, wenn sie ihre eigenen Werke aufgrund der Rechtschreibreform und der diversen Revisionen immer neu umschreiben, indem sie die lächerlichsten Schreibweisen und Anweisungen eintragen, zigtausend Wörter "nach Metzgerart" zerhacken (ganz richtig, der Ausdruck) und dabei auch noch die Zitate aus ihrem einzigartigen Korpus fälschen. Sie müssen sich seit Jahren vorkommen wie die letzten Deppen. Die Demütigung eines Schülers, der als Strafarbeit hundertmal hintereinander "Ich muß meine Hausaufgaben machen" schreiben soll, ist überhaupt nichts gegen diese permanente Entwürdigung intelligenter Sprachwissenschaftler.

Matthias Wermke hätte nun seinerzeit als Leiter der Redaktion – so stelle ich mir das jedenfalls vor – mit jedem einzelnen dieser Kollegen zunächst vertraulich sprechen und ihn offen fragen können, wie er mit diesem Zwang zur aktiven Mithilfe bei der Entstellung der Rechtschreibung zurechtkommt. Auf diese Weise hätte er tausendfach Indizien und Belege dafür sammeln können, daß es geradezu seine Pflicht ist, schon den eigenen Mitarbeitern zuliebe mit der Geschäftsführung zu sprechen und zu fragen, ob es nicht möglich sei, einen Kurs einzuschlagen, der den eigenen Leuten und darüber hinaus natürlich der ganzen Sprachgemeinschaft eine frühere Rückkehr zu erträglichen und fruchtbaren Verhältnissen ermöglicht. Nämlich indem man nicht mehr die Reform als Inbegriff der Notwendigkeit anpreist, sondern als Problem, bei dessen Lösung die Dudenredaktion mithelfen werde.

Ganz im Gegensatz zu der von Matthias Wermke tatsächlich verkörperten platten Reformpropaganda hätte dies dem Duden in der Öffentlichkeit Vertrauen und jede Menge Sympathie eingebracht, und genau dasselbe hätte sich in der Redaktion eingestellt: Man hätte Matthias Wermke als jemanden anerkannt und geschätzt, der die von der Reform verursachten Nöte der Mitarbeiter ernst nimmt und sich für die Kollegen einzusetzen versucht. Das hätte er also besten Wissens und Gewissens den Geschäftsführern anbieten können: "Die Reform ist nun einmal da, und wir müssen unser Können einsetzen, um daraus die bestmöglichen Wörterbücher zu machen. Wir wissen aber auch, daß jede Menge Probleme gibt und noch viele Reparaturen fällig sind, und wir wollen unser Bestes zur Lösung beitragen. Wir sollten einen ehrlichen Kurs einschlagen, sonst wird das Vertrauen bald verspielt sein, das man mit unserem Namen verbindet."

Wenn die Geschäftsführer dann gesagt hätten: "Sind Sie wahnsinnig, so verderben wir uns ja die Verkaufszahlen!", hätte die Antwort lauten müssen: "Kurzfristig ja, aber langfristig gilt das Gegenteil. Darauf kommt es doch an. Ein Unternehmen lebt von seinem langfristigen Kapital, nicht von einem vorübergehenden künstlichen Boom." Dann hätte es weitergehen können wie zuvor skizziert.

Für den schwer vorstellbaren Fall, daß allein ein solches ehrenhaftes Vorgehen eine gerichtsfeste Kündigung nach sich gezogen hätte: Ich möchte bezweifeln, daß Matthias Wermke wirtschaftlich auf genau diesen seinen Posten angewiesen war, was in vorigen Beiträgen immer unterstellt wurde. Woher wollen wir das wissen? Ich habe trotz einiger Suche nicht viel über sein Privatleben herausgefunden. Er hat eine britische Frau, und es scheint sich um jene Kathleen Wermke zu handeln, die eine Professur am Zentrum für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen in Würzburg innehat. Von seinem Privatleben hieß es an einer Stelle, man finde ihn manchmal mit seiner Frau auf dem Golfplatz; von einer Rolle als Familienvater war nicht die Rede. Wo ist da der Zwang, eine Familie zu ernähren, der jemandem zum Sklaven seiner Firma machen kann? Und überhaupt, seit wann können Führungskräfte grundsätzlich keine neue Stelle in der Wirtschaft finden, wenn ihnen die Bedingungen an ihrem bisherigen Arbeitsplatz nicht mehr zumutbar erscheinen?

Man könnte eher mutmaßen, daß die tägliche aktive Verhunzung der Wörterbücher im Hause Duden das beste Zynismustraining war, das man sich vorstellen kann. Von da aus ist es ein nicht mehr ganz so weiter Schritt, den ganzen Reformschrott in der Öffentlichkeit als Premiumware anzupreisen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2010 um 06.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8130

Über den Zehnbänder von 1999 war ich in der Tat entsetzt, habe ihn auch entsprechend rezensiert; mein Text steht in "Regelungsgewalt", aber ich darf ihn vielleicht noch einmal hier einrücken.

DUDEN: Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in zehn Bänden. 3., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. Mannheim u. a. 1999.


Die Neubearbeitung dieses Werkes unterscheidet sich vom achtbändigen Vorgänger hauptsächlich durch zwei Neuerungen. Zum einen hat nun jedes Stichwort eine neue Zeile bekommen, was neben der nicht sehr erheblichen Erweiterung des Stichwortbestandes den vergrößerten Umfang erklärt; zum anderen wurde das Werk „in neuer Rechtschreibung verfasst“. Obwohl es sich keineswegs um die amtliche Neuregelung handelt, war die sogenannte Rechtschreibreform der einzige Grund, warum das Werk sofort nach dem Abschluß der zweiten Auflage völlig umgearbeitet werden mußte. Daher sollen die Folgen der orthographischen Umstellung im Mittelpunkt dieser Besprechung stehen.
Die zwischenstaatliche Rechtschreibkommission, die mehrheitlich aus den Verfassern der Neuregelung besteht, war bekanntlich schon im Dezember 1997, also lange vor dem Inkrafttreten der Reform, zu der Einsicht gelangt, daß wesentliche Korrekturen an der Vorlage „unumgänglich notwendig“ seien. Da die Kultusminister, besonders aber das Bundesinnenministerium jedoch darauf bestanden, die Reform ohne jede Änderung in Kraft zu setzen, gerieten die Reformer in eine peinliche und die Wörterbuchverlage in eine geradezu existenzgefährdende Lage. Es sprach sich nämlich herum, daß die Reform keinesfalls Bestand haben werde; Hausorthographien der Zeitungsverlage und Nachrichtenagenturen sprossen aus dem Boden, und der gesamte Wörterbuchmarkt bis hin zu den Enzyklopädien brach nach der kurzen Blüte des Jahres 1996 nahezu völlig zusammen. Das Haus Duden hatte jedoch beschlossen, gleichsam alles an die Front zu werfen, das heißt sämtliche Verlagsprodukte so schnell wie möglich auf die Neuschreibung umzustellen und sogar jede Erinnerung an die immerhin auch für die Schulen noch bis 2005 gültige und in der Literatur weiterhin fast ausschließlich gebrauchte Orthographie auszulöschen. Als einzige lassen daher die Dudenbücher nicht mehr erkennen, wie bisher geschrieben wurde und in der seriösen Literatur weiterhin geschrieben wird.
Hinter den Kulissen ging allerdings die Reform der Reform ihren Gang. Die Rechtschreibkommission lud ihre Freunde und Geschäftspartner zu zehn exklusiven Gesprächsrunden ein und teilte ihnen mit, wie die neuen Regeln auszulegen und welche Veränderungen in der nächsten Zukunft zu erwarten seien. Nur aus den zuletzt erschienenen Neubearbeitungen der Bertelsmann-Rechtschreibung, des Bertelsmann-Wahrig und eben des Großen Wörterbuchs von Duden können andere Interessierte (auch potentielle Mitbewerber auf dem Wörterbuchmarkt) erfahren, was die Kommission plant.
So sah man bereits im neuen Bertelsmann-Wahrig, daß schwerbehindert und ähnliche Wörter – entgegen dem klaren Wortlaut der amtlichen Regelung – wieder zusammengeschrieben werden. Auch eine lange Reihe von Wörtern wie aufsehenerregend wurde wiederhergestellt, nach Bertelsmann-Wahrig wenigstens im Falle der Steigerung (womit solche Monstrositäten wie noch Aufsehen erregender, am Aufsehen erregendsten vermieden werden), nach dem vorliegenden Wörterbuch ohne jedes Wenn und Aber. Hatte der Rechtschreibduden vielsagend und vielversprechend aufgelöst, so wollte der neue Bertelsmann-Wahrig sie „auch“ wiederzulassen; Dudens Großes Wörterbuch kennt schon gar nichts anderes mehr. Dasselbe gilt für blutsaugend und blutbildend, die jetzt wieder genauso geschrieben werden wie blutreinigend und blutstillend, nämlich zusammen. Das sind erhebliche Abweichungen von der amtlichen Vorlage. Irgendwann werden die Kultusminister sich zu dieser auf kaltem Wege durchgeführten Reform der Reform bekennen müssen, denn die Diskrepanz muß den Lehrern und anderen professionell mit Rechtschreibkorrektur Befaßten allmählich störend auffallen.
Der Rechtschreibduden brachte in vielen Millionen Bänden die Fehldeutung unters Volk, wiedersehen und ein Dutzend ähnliche Wörter müßten nach der Neuregelung getrennt geschrieben werden. Das Große Wörterbuch stellt natürlich fast alle diese Verben wieder her. Nur wiederaufnehmen, wiedereinführen, wiederherrichten und ein paar andere sind aus unerfindlichen Gründen noch nicht wiederhergestellt; aber das ist sicher nur eine Frage der Zeit. Immerhin ahnt man, warum der Rechtschreibduden nicht längst in einer korrigierten Neuauflage erschienen ist: Millionen Käufer der ersten Auflage würden alsbald merken, daß sie vom orthographischen Leitwörterbuch eine untaugliche Version, sozusagen einen Fehldruck erworben haben. Was dagegen in den Tiefen eines wenig verbreiteten zehnbändigen Werkes verborgen ist, fällt bei weitem nicht so auf.
Zu den Wörtern, die nach der Reform besonders uneinheitliche Darstellungen in den Wörterbüchern gefunden haben, gehören die Zusammensetzungen mit wohl-. Die Rechtschreibkommission hat es sich daher besonders angelegen sein lassen, die Wörterbuchverlage auf eine einheitliche Linie zu verpflichten. In der Tat sind die Abweichungen zwischen dem neuen Bertelsmann-Wahrig und dem vorliegenden Wörterbuch geringer geworden. Ganz verschwunden sind sie nicht. Schwer zu verstehen ist, warum die Redaktion nun anders als noch beim reformierten Rechtschreibduden die Getrenntschreibungen wohl riechend, wohl schmeckend eingeführt hat. Aus der Darstellung ergibt sich, daß die Bearbeiter folgende Steigerungsformen annehmen: wohl schmeckend, besser schmeckend, bestschmeckend. Das ist abwegig. besser riechend, besser schmeckend sind Komparative von gut riechend, gut schmeckend. Im Rechtschreibduden finden wir ganz richtig: wohlriechend: noch wohlriechendere Blumen; wohlschmeckend: die wohlschmeckendsten Speisen. Band 9 des Großen Duden („Richtiges und gutes Deutsch“) lehrt auch nach der Reform noch: „Die Vergleichsformen lauten wohlschmeckender, wohlschmeckendste.“ Es fällt auf, daß das neue Wörterbuch diese geläufigen Vergleichsformen gar nicht mehr anführt; in den vom Vorwort erwähnten „mehreren Millionen Belegen“ sowie „umfangreichen elektronischen Textkorpora“ scheinen sie nicht ein einziges Mal vorzukommen. Übrigens muß das wohlriechende Veilchen nicht nur zum wohl riechenden werden, sondern, da botanische Namen groß zu schreiben sind, zum Wohl riechenden Veilchen. Das wird nicht nur die Botaniker begeistern. Zur Botanik noch eine kleine Überraschung: Die Neuschreibung Ständelwurz für die als potenzsteigernd geltende Stendelwurz ist – Ständer hin, Ständer her – einfach wieder gestrichen.
Gegen die eindeutschenden Schreibweisen Typografie und Topografie wäre eigentlich wenig einzuwenden, wenn man einmal von der allzu feinsinnigen, obgleich folgenlosen Unterscheidung absieht, daß nach der amtlichen Regelung jenes „Hauptvariante“, dieses „Nebenvariante“ sein soll. Überraschenderweise wird nun beides zurückgenommen; es heißt Typographie und Topographie, basta.
Wörter wie schwerbehindert, schwerbeschädigt sind wiederhergestellt, und zwar unter dem Vorwand, sie seien „Amtsspr.“. Allerdings soll es weiterhin schwer kriegsbeschädigt heißen, und in allen diesen Fällen kommt es bei Substantivierung unerklärterweise zur Zusammenschreibung: der Schwerkriegsbeschädigte; schwer krank, der Schwerkranke usw. Der Trick, eine Schreibung als „amtssprachlich“ zu erklären und damit der Reform zu entziehen (weil Fachsprachen grundsätzlich der Reform nicht unterworfen sind), überzeugt ohnehin nicht. So ist der Ausdruck Rechtens sein gesetzes- und rechtssprachlich wie nur irgendeiner; gleichwohl soll er nur noch klein geschrieben werden. Apropos: Die Kleinschreibung hungers [sterben], ein vielgerühmtes Glanzstück der Reform, ist gestrichen, es heißt wie bisher Hungers sterben. Schon der neue Bertelsmann-Wahrig hatte keinen eigenen Eintrag hungers, sondern brachte die Neuschreibung nur beiläufig beim Substantiv Hunger unter.
Die bisherige Rechtschreibung wird zwar tunlichst totgeschwiegen, aber insgeheim wirkt sie doch noch fort. Sonst wäre nämlich gar nicht zu verstehen, warum die Einträge der Wortgruppen wohl riechend usw. genau dort eingeordnet sind, wo zuvor die unzerhackten Wörter standen. Das heißt, man weiß ganz genau, daß der Benutzer diese Einheiten des deutschen Wortschatzes zu finden erwartet. Irgendwie scheinen sie doch noch zu existieren.
Nun zu einem besonders betrüblichen Kapitel. Wie erwähnt, beruft sich das Wörterbuch auf „authentisches Quellenmaterial“. „Es wertet mehrere Millionen Belege aus der Sprachkartei der Dudenredaktion sowie umfangreiche elektronische Textkorpora aus.“
Der Sinn der Belege war schon in der vorigen Auflage unklar. Unter Violine steht zum Beispiel: „Ein Mann mit einer V. stellte sich am Rande des Bürgersteigs auf und begann zu spielen (Remarque, Triomphe 156)“. Was erfährt man daraus? Der Nachweis, daß es dieses Wort gibt, ist überflüssig. Um einen Erstbeleg handelt es sich natürlich nicht, und besondere Kollokationen werden auch nicht dargeboten. Unter Beiträger liest man: „Selbstverständlich unerwähnt bliebt jedoch, dass der herausragende US-B. wegen Mordes und fortgesetzten Wahnsinns nicht weit von Oxford entfernt in einem Irrenhaus einsaß.“ Ist das für Beiträger typisch, und was ist überhaupt ein „US-Beiträger“? Derart sinnlose Zeilenschinderei mit unspezifischen Beispielen bläht das Werk nur unnötig auf.
In der Neubearbeitung kommt jedoch noch etwas Neues, Unerhörtes hinzu. Das „authentische Quellenmaterial“ wird keineswegs in seiner authentischen Form angeführt, sondern nach den Maßgaben der Rechtschreibreform umgeschrieben. Dabei geht die Redaktion weit über die Änderung von ß in ss hinaus; sie greift in die Grammatik und Semantik der Texte ein.
Zu wohlbehütet hieß es im Achtbänder: „Sie hatte eine wohlbehütete Kindheit genossen (Jaeger, Freudenhaus 171)“. Die Neuauflage bringt dieselbe Stelle als Beleg für getrennt geschriebenes wohl behütet: „Sie hatte eine wohl behütete Kindheit genossen (Jaeger, Freudenhaus 171)“. Zu wohldurchdacht: „bald wurde deutlich, daß er eine wohldurchdachte Konzeption vortrug (Heym, Schwarzenberg 39)“. Neuauflage: eine wohl durchdachte Konzeption. Nicht einmal dem Altbundespräsidenten nutzt es etwas, daß er geschrieben hat: „ein Verständnis von Kultur, das uns aus der deutschen Geistesgeschichte wohlvertraut ist (R. v. Weizsäcker, Deutschland 104)“. Sein eindeutiger Text muß in der Neuauflage als Beleg für zweideutiges wohl vertraut herhalten.
Hans Magnus Enzensberger, der die deutsche Sprache doch wahrhaftig beherrscht wie nur irgend jemand, soll geschrieben haben: Die Passage ist zu nichts sagend (!), um hier zitiert zu werden. Anna Seghers schrieb von blaugewürfeltem Wachstuch, Thoman Mann von tiefliegenden Augen, Hans Hellmut Kirst von gutgewachsenen Beinen, Gerhart Hauptmann von einer schwarzgeränderten Anzeige, Arnold Zweig von hochgestellten Vorgesetzten, Heinrich Böll von halbgeöffneten Lidern; unser Wörterbuch weiß es besser: blau gewürfelt, tief liegend, gut gewachsen, schwarz gerändert, hoch gestellt, halb geöffnet muß es nach dem Willen der Kultusminister heißen, und so wird es zitiert. Aus ebensowenig (Enzensberger) wird ebenso wenig, aus kennengelernt (Jens) kennen gelernt, aus fertiggestellt und selbstgestellte Fragen (G. Vesper) fertig gestellt, selbst gestellte Fragen. Der Benutzer muß aus den „Belegen“ schließen, daß die verordnete Getrenntschreibung in der deutschen Literatur wohlbegründet sei – eine geradezu orwellsche Verfälschung der Wirklichkeit.
Das Verfahren betrifft noch andere Gebiete der Sprache. Wer sich kundig machen will, ob die volksetymologische Neuschreibung Zierrat (mit Anlehnung an Rat) literarisch belegbar ist, stößt neben Christoph Ransmayr auf Max Frisch, der – als gelernter Architekt! – diese ignorante Schreibweise benutzt haben soll. In der vorigen Auflage waren jedoch beide Stellen als Belege für die unter Gebildeten übliche Schreibweise Zierat angeführt. Hermann Broch werden die Gämsen untergeschoben. Anna Seghers soll einbläuen geschrieben haben, wie die „Anfänger und Wenigschreiber“, denen der Reformer Augst mit diesen nunmehr obligatorischen Neuschreibungen zu Hilfe kommen wollte. Statt mit Hilfe sollen Manfred Hausmann 1932 und alle Zeitungen ohnhin seit eh und je mithilfe geschrieben haben, der „Spiegel“ gar Tipp im Jahre 1966; es stimmt aber alles nicht. Horst Stern schrieb substantielle Nahrung, daraus wird substanziell. „Die Unvermeidlichkeit des Bestehenden hatte ihr angst gemacht (Chr. Wolf, Nachdenken 92)“. Neuauflage: „hatte ihr Angst gemacht“ – der Unterschied ist deutlich spürbar. Christa Wolf schreibt auch dutzendmal, zitiert wird Dutzend Mal. Hochhuth: aufs tiefste beschämt, Duden: aufs Tiefste beschämt. Es macht einen Unterschied, ob Handke und Ransmayr wirklich im Voraus geschrieben haben, wie man jetzt lesen muß, oder im voraus, wie es in der vorigen Auflage stand und allgemein üblich ist. Remarque, Marion Dönhoff, der Germanist Bausinger und alle anderen schrieben selbständig, doch Duden macht daraus selbstständig – nicht nur eine andere Schreibung, sondern ein anderes, recht kakophones Wort, von dem fast sicher ist, daß die betroffen Autoren es nicht verwendet hätten. Die törichte Neuschreibung im Wesentlichen wird der Zeitschrift „Natur“ von 1991 untergeschoben, das nicht minder törichte des Weiteren Patrick Süskind: dass man ihn des Weiteren nicht belästigte. Marion Gräfin Dönhoff schreibt angeblich im Klaren sein und der so genannte Leihwagen-Prozess, Thomas Mann des Öfteren, Willy Brandt unter der Hand – alles frei erfunden. Edgar Hilsenrath soll geschrieben haben: Er hat den armen Kerl so windelweich gehauen, dass er mir fast Leid getan hat! Hier hört der Spaß endgültig auf, da Leid tun grammatisch falsch ist (vgl. so Leid es mir tut) und es nicht hingenommen werden kann, daß ernstzunehmenden Schriftstellern grammatische Schnitzer angedichtet werden. Remarque und Süskind müssen sich nachsagen lassen, sie hätten Recht, der Marquis hatte Recht geschrieben zu haben, was ebenfalls nicht stimmt.
Bei Franz Werfel findet sich die fleischgewordene Bitterkeit, wozu die vorige Auflage des Wörterbuchs ausdrücklich vermerkte, daß es sich um ein Adjektiv handele. Diese Angabe ist nun gestrichen, das „authentische“ Zitat umgeschrieben (Fleisch gewordene Bitterkeit) und unter das Substantiv Fleisch gestellt. Der Beleg von Annette Kolb daß Währingers einen Bücherschrank ihr eigen nannten stand in der vorigen Auflage unter dem Adjektiv eigen, jetzt ist er umgeschrieben und soll das Substantiv Eigen belegen! Botho Strauß kann auch kein Deutsch: Wären sie nicht Feind mit aller Welt. In Wirklichkeit hat er natürlich feind geschrieben. Die Wendung jdm. Feind sein, die es nicht gibt, wird als „veraltend“ gekennzeichnet, das Adjektiv feind aber, das es gibt, soll es nie gegeben haben. Entsprechend steht es mit jdm. freund sein; es ist mitsamt dem früheren Beleg getilgt, und an seine Stelle tritt ein unbelegtes Freund sein.
Auch wo es „nur“ um die Schreibweise geht, sind die Eingriffe durchaus nicht gleichgültig, sie verändern gleichsam das Gesicht eines Textes. Botho Strauß schreibt Phantast, die Neuauflage zitiert in der Form Fantast. Ob Strauß damit einverstanden wäre? Oder Joachim Fest mit deplatziert, wo er deplaciert hatte? Es ist schwer vorstellbar. Luis Trenker schrieb Wächte, Duden weiß es wiederum besser: Wechte hätte er schreiben müssen. Bei Barbara Frischmuth föhnt jemand das Haar; die vorige Ausgabe des Wörterbuchs hatte noch fönt. Jeder Beleg mit überschwenglich ist in überschwänglich geändert. Da die Handvoll nicht mehr existiert, heißt es jetzt bei Erich Loest tatsächlich eine Hand voll Häuser auf einem Wiesenteller, wie ich es vor Jahren mit Schaudern vorausgesagt hatte. Angeblich wurde schon vor dreißig Jahren regelmäßig rau, so genannt und 15-jährig geschrieben, so daß dies gar keine Neuerungen der Reform wären. Sämtliche Schriftsteller von Jean Paul über Kirst und Kreuder bis in die Gegenwart haben laut Duden immer nur schnäuzen geschrieben! Die Frommsche Wohnungstür (Fallada) wird zur frommschen und die Kuhschen Töchter (Fontane) werden zu kuhschen. Wenn in einem einzigen Satz von Reich-Ranicki drei Änderungen vorgenommen worden sind (darunter die Ersetzung von in Frage durch infrage), so ändert sich der Gesamteindruck schon in einem Maße, mit dem der Verfasser vielleicht nicht einverstanden gewesen wäre.
Unerwünschte Belege, die in der achtbändigen Ausgabe des Wörterbuchs angeführt waren, werden in vielen Fällen kurzerhand gestrichen. Zum Beispiel hieß es unter wohlbedacht: „Wohlbedacht leitete er aus diesem Grunde mit einem Vorbericht des Verfassers die Erzählung ein (NJW 19, 1984, 1093).“ Das Wort ist jetzt getilgt und mit ihm der Beleg, ebenso die Belege zu wohlbegründet, wohlüberlegt und wohlschmeckend: „die Salzwasserforellen erwiesen sich als sehr wohlschmeckend (NNN 11.11.85)“. Hier hat die Redaktion offenbar nicht gewagt, in sehr wohl schmeckend zu ändern. Die Neuschreibung behände erinnert so penetrant an die Hände, daß bisherige Belege für behende wirklich nicht dazu passen: was sein behendes Kopfrechnen betraf (Th. Mann) usw.; sie sind allesamt gestrichen. – Bisher wurde voll mit zahlreichen Verben verbunden, und die vorige Auflage hatte Dutzende von Belegen mit vollkotzen, vollsaugen, vollstellen usw. Sie sind verschwunden. Korpus hin, Korpus her – wenn die Kultusminister anordnen, daß es solche Wörter nicht mehr gibt, dann haben sie auch in der Vergangenheit nie existiert; Duden beweist es durch Auswertung seines „authentischen Quellenmaterials“. Besonders schlimm hat es die sogenannten trennbaren Verben mit aneinander, aufeinander, auseinander usw. getroffen. Betrachten wir ein Beispiel: In der vorigen Auflage waren rund 40 Verben mit auseinander- angeführt und durch rund 65 Belege erläutert. Sie sind mitsamt den Belegen gestrichen. Das Millionenkorpus scheint überhaupt keine Beispiele für auseinandersetzen usw. zu enthalten. Es gibt zwar alle diese Verbzusatzkonstruktionen noch mit Getrenntschreibung, aber sie lassen sich, wenn man der Dudenredaktion glaubt, durch kein einziges Zitat belegen. Ebenso wurde mit aneinander, aufeinander, zueinander usw. verfahren, so daß insgesamt Hunderte von unliebsamen Belegstellen verleugnet werden. Der Vorsatz des Werkes, „die deutsche Sprache in ihrer ganzen Vielschichtigkeit zu dokumentieren“ und „den Wortschatz so vollständig und so exakt wie möglich“ zu beschreiben, klingt angesichts dieser Fälschung wie Hohn.
Mit dem Hinweis auf die seit je übliche orthographische Normalisierung alter Texte läßt sich das Vorgehen auch nicht rechtfertigen. Anders als Wolfram, Grimmelshausen oder Lessing arbeiten unsere zeitgenössischen Schriftsteller ja mit einer deutschen Einheitsorthographie, die sehr konsequent unterscheidet zwischen im allgemeinen und im Allgemeinen, greulich und gräulich usw.
Als neue Quelle ist die „Woche“ hinzugekommen und wird ausgiebig genutzt, da sie wegen ihrer weit vorauseilenden Umstellung automatisch die „richtigen“ Beispiele liefert. Die zweite umgestellte Ausgabe der „Zeit“ (17. Juni 1999; so weit reichen die Belege an das Erscheinungsdatum des Wörterbuchs heran) dient dazu, den Austriazismus zurzeit als die einzige in Deutschland übliche Form nachzuweisen; auch Augstein soll schon immer so geschrieben haben, zur Zeit hat es nach Duden nie gegeben. Der „Spiegel“ sprach angeblich von übel wollender Ignoranz, der Blick in die vorige Auflage zeigt aber, daß alle diese Belege umgeschrieben wurden.
Manchmal scheint die linke Hand nicht zu wissen, was die rechte tut. Die Dudenredaktion hat, wie gesagt, jahrelang geglaubt, wiedererkennen und wiedergeboren würden infolge der Neuregelung getrennt geschrieben. Davon rückt das Wörterbuch zwar nun ab, aber einige Belege werden dennoch im Sinne der Fehldeutung verfälscht: Elfriede war nicht wieder zu erkennen; ... wieder geboren zu werden. Überraschenderweise ist zufriedenstellend als Eintrag noch erhalten, während es unter zufrieden aufgelöst wird. warmhalten gibt es noch als Lemma, aber unter warm wird es getrennt. In einem Beleg unter von stößt man auf wohlschmeckend, das es ja nach den jüngsten Erkenntnissen der Redaktion nicht mehr gibt. vielsagend und vielversprechend sollen entgegen der amtlichen Regelung wieder zusammengeschrieben werden, aber unter viel sind sie noch getrennt (vgl. auch viel versprechend unter Auftakt). Unter eigentlich heißt es hast du recht, unter benoten steht noch im großen und ganzen. Unter V-Mann liest man von Tips, die neuerdings zu Tipps werden müßten.
Die Täuschung des Benutzers hat Methode. Wie schon im reformierten Rechtschreibduden spricht die Redaktion von den nach wie vor gültigen Schreibweisen als „früheren“ Schreibweisen und behauptet in der Einleitung sogar ausdrücklich, diese Schreibweisen seien „nicht mehr gültig“, obwohl sie in der Schule noch bis 2005 gültig sind und außerhalb der Schule, wie das Bundesverfassungsgericht bekräftigt hat, ohnehin niemand die neuen Schreibweisen zu übernehmen braucht. Im Anhang haben die Hauptmatadore der Reform einen propagandistisch gefärbten Abriß der Neuregelung untergebracht, der alle Probleme sorgfältig umgeht.
Werfen wir noch einen Blick auf die Silbentrennung: Das eher marginale Gebiet hat sich ja zum zentralen Problem der Neuregelung entwickelt. Schon frühzeitig bekämpften sich die Wörterbuchverlage mit dem Argument, der jeweils andere führe nicht sämtliche neuerdings zulässigen Trennungen an (Ob-struktion, Obs-truktion, Obst-ruktion). Der Rechtschreibduden erklärte, er gebe „nur die Variante an, die von der Dudenredaktion als die jeweils sinnvollere angesehen wird“. Besonders sinnvoll erschienen dem Duden: Anas-tigmat, Emb-lem, Emb-ryo, Emig-rant, E-nergie, E-pis-tyl, Lac-rosse, Me-töke, Monoph-thong, monos-tichisch, Pen-tathlon, Prog-nose, Katam-nese, Tu-ten-cha-mun und viele tausend ähnliche Trennungen, die man nicht einmal mehr als laienhaft bezeichnen möchte. Es ist unplausibel, daß jemand solche bildungs- und fachsprachlichen Wörter benutzen und zugleich so wenig von ihrem Aufbau wissen sollte, daß er sie nach Metzgerart zerlegen müßte. Das neue Wörterbuch verfährt uneinheitlich. Einerseits wird bei An-astigmat das (erste) Negationspräfix erkannt, andererseits schreitet die Trennung unorganisch fort: as-tigmat, obwohl unter as-tigmatisch der Hinweis auf Stigma nicht fehlt. Ebenso wird anas-tatisch getrennt, obwohl gleich dahinter die Herleitung (ana + statikos) zu finden ist. Dagegen wird demselben Benutzer zugetraut, daß er An-azidität ohne weiteres durchschaut. Im Grunde wäre es sogar einfacher, die griechischen Elemente a-/an- (Negation) und ana (Präposition), die ja in zahllosen Fremdwörtern vorkommen und bei der ungemein produktiven Lehnwortbildung eine Rolle spielen, stets gleich zu behandeln. Es würde die Durchsichtigkeit der ganzen Gruppe erhöhen. Hie-ro-gly-phe wird anders getrennt als Hi-e-ro-gramm und alle anderen Wörter mit demselben Erstglied. Das Element hypo- wird in rund hundert Einträgen sachgerecht abgetrennt, aber sobald die Buchstabenverbindung st in Sicht kommt, rasten die Neuschreiber aus: Hypos-tase usw.
Der feministische Tick führt wie schon in der vorigen Auflage dazu, daß männlichen Personenbezeichnungen mechanisch eine weibliche Form zur Seite gestellt wird. So finden wir Kanalbauerin, Videopiratin, Viehtreiberin, Vitalistin, Vizeadmiralin usw. – offenbar ohne Rücksicht darauf, ob diese Wörter im Textkorpus überhaupt vorkommen. Ein Wörterbuch hat jedoch, anders als die Wortbildungslehre, nur die belegten Wörter zu dokumentieren; andernfalls kann es die Frage nach dem tatsächlichen Wortschatz nicht beantworten.
Die Neuausgabe ist ungeachtet der neuen Zeilenaufteilung schwer lesbar. Das liegt hauptsächlich an der überaus kleinen und dünnen Schrift. Hinzu kommt das Verfahren, das jeweilige Stichwort in den Belegzitaten bis auf einen winzigen Rest abzukürzen, der nicht gleich in den Blick fällt; so etwa unter Videokonferenz: „Die neue Technologie verwandelt die immer schnelleren Personalcomputer in Kommunikationsgeräte, mit denen man elektronisch Post austauschen, -en halten oder über die Distanz am Bildschirm gemeinsam Dokumente bearbeiten kann.“ (Das Beispiel zeigt auch noch einmal, wie unergiebig solche Belege sind.)
Das Gesamturteil über die Neuauflage fällt nicht schwer. In den traditionellen Bereichen der grammatischen und semantischen Darstellung hat die erfahrene Redaktion gute Arbeit geleistet, und die Auswahl der Stichwörter ist immerhin annehmbar, auch was die Aktualität betrifft. Die von den Kultusministern angeordnete Verhunzung der Orthographie hat jedoch zu einer bisher undenkbaren Verrohung der lexikographischen Sitten geführt.
Im Vorwort findet man eine bemerkenswerte Selbsteinschätzung: „Dieses Wörterbuch ist zugleich ein Spiegelbild unserer Zeit und ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnisse.“ So ist es wohl, leider.


Kommentar von Kurt Albert, verfaßt am 23.03.2010 um 18.53 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8129

Herrn Dörners Kommentar – besonders seinem zweiten und dritten Punkt – stimme ich gern zu.

Die "gelben" Duden-Empfehlungen scheinen mir besonders kritikwürdig, und vom "Rechtschreib-Duden 2009" wäre auch noch zu reden; vor allem sollte man an die Schäden denken, die das "Große Wörterbuch der deutschen Sprache" (1999) und das "Universalwörterbuch" der Dudenredaktion angerichtet haben! (Eine Synopse des "Universalwörterbuchs" und des "Deutschen Wörterbuchs" der Wahrig-Redaktion, die ich vor einiger Zeit ausgearbeitet habe, werde ich aus gegebenem Anlaß nun an geeigneter Stelle in den nächsten Tagen publizieren. Und wer einmal das "Große Wörterbuch der deutschen Sprache" von 1993 mit dem Machwerk von 1999 vergleicht, wird entsetzt sein.)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2010 um 17.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8128

Der Duden war nicht "deskriptiv", das war erst mein Wörterbuch, deshalb mußte ich es ja machen.


Kommentar von B. Janas, verfaßt am 23.03.2010 um 11.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8127

Je nun, hätte ja sein können. Aber sei's drum, die kritische Öffentlichkeit will's ja eh nicht wissen. Und was wüßte sie schon anzufangen mit dem Wissen.


Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 23.03.2010 um 11.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8126

Die Frage von Herrn Künzer trifft die Sache recht genau:

Während der Dudenverlag tatsächlich aus ökonomischen Überlegungen wenig tun konnte, um sich der Reform gänzlich zu verweigern, läßt sich beim besten Willen keine Begründung dafür finden, warum die Redaktion

• nicht versucht hat, im Rat darauf hinzuarbeiten, daß zumindest die sprachwidrigen Reformschreibungen wieder verschwinden (wirtschaftliche Gründe konnten keine Rolle gespielt haben, denn neu gedruckt mußten alle Werke des Verlags selbst bei einer Minimalrevision ohnehin werden),

• ihre eigene Hausorthographie bzw. später ihre Empfehlungen innerhalb des geltenden Regelwerks am laufenden Band verschlechtert hat (vgl. z. B. Duden-Praxiswörterbuch (1998), Duden-Kompaktwörterbuch (2003), Wörterbuch neue Rechtschreibung (2005) und Duden-Empfehlungen (2006)), wo die Redaktion anfangs noch (oft entgegen der damals noch existierenden »gezielten Variantenführung« der Reformer!) häufig die klassischen Schreibungen bevorzugte (z. B. bei -graph-/-graf- einzig und allein bei Biografie eine Änderung im Vergleich zum Duden von 1991 vorsah und ansonsten durchgängig die Verwendung der ph-Schreibung empfahl), und jetzt selbst dort, wo der Rat die Reform zurückgebaut hat, bei den meist minderwertigen Neuschreibungen bleibt und diese durchzusetzen versucht sowie

• den Ratsuchenden wider besseres Wissen grammatisch falsche Schreibungen nahelegt, obwohl das Regelwerk dies längst nicht mehr verlangt (z. B. das war Erfolg versprechend usw.).

Man könnte noch weitere Einzelheiten diskutieren, aber ich möchte an dieser Stelle abbrechen.

Tatsache ist, daß sich die Dudenredaktion sicher nicht gegen Heyse oder die Dreifachkonsonanten zur Wehr setzen konnte, aber hätte sie sich halbwegs richtig verhalten, so hätten wir jetzt eine amtliche Orthographie, welche mit der von der SOK empfohlenen weitestgehend deckungsgleich sein dürfte. Damit ließe sich zumindest leben. Daß dem nicht so ist, daran hat Herr Wermke keinen unwesentlichen Anteil, und dies sollte man nicht vergessen.


Kommentar von R. M., verfaßt am 23.03.2010 um 10.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8125

Frei wird er jetzt nicht sein, denn in solchen Fällen ist die Abfindung üblicherweise auch ein Schweigegeld. Aber warum sollte man überhaupt annehmen, daß er das Bedürfnis hat, sein Gewissen zu erleichtern?


Kommentar von B Janas, verfaßt am 23.03.2010 um 10.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8124

Hat Wermke eigentlich nicht erkannt, daß der "Duden" sein Paradigma um 180 Grad gedreht hat, von der Deskription zur Präskription? Denn ungerührt behauptete die Werbung: "Nur der Duden ist der Duden", das hätte er dann nicht zulassen können. Je nun, die Kunden haben's geschluckt, und damit auch, daß ihm die Legitimität dazu fehlte oder jedenfalls ungeklärt geblieben ist. Die Verfassungsrichter blickten ja nur auf das Verhalten der Kultusminister und nicht z.B. auf die Interessenverflechtungen der Gremienmitglieder, die den Schlamassel zu verantworten hatten. Ein Wermke hätte ja von Rechts wegen in dem Klub gar nicht sitzen dürfen, aber ein Problem hat er wohl weder darin gesehen noch in den nachfolgenden Eigenmächtigkeiten seines Hauses. Immerhin wäre er jetzt frei, und die Redlichkeit geböte es, diese Dunkelpunkte mal aufzuklären.


Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 23.03.2010 um 08.26 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8123

Ich stimme Herrn Wrase zu, möchte aber ergänzen, daß Herr Wermke heute auch beruflich bessere Perspektiven hätte, wenn er sich nicht jahrelang verhalten hätte wie ein nasser Fisch.

Es ist immer wieder traurig, daß die Menschen für irgendeine ...-raison das Gewissen schon an der Tür abgeben. Ich will nicht sagen, das sei typisch deutsch, aber in Deutschland hat es immer wieder ins Monströse geführt.


Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 23.03.2010 um 02.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8122

Wer ist denn für den bunten Duden verantwortlich, mit dem die Revision von 2006 unterlaufen werden sollte?


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 22.03.2010 um 20.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8121

Na gut, aber ich wundere mich auch über die Milde. Ich habe ja schon vorgeschlagen, daß wir zwecks Durchschnittsbildung beide Sichtweisen zusammenfassen, wäre das nicht fair?

Ich wundere mich auch über manches Argument. Der Leiter der Dudenredaktion ist doch nicht irgendein Lehrer (der nun wirklich überhaupt nichts ausrichten konnte), und auf der Straße wäre Matthias Wermke auch nicht gleich gestanden, wenn er sich wie von mir angedeutet verhalten hätte. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich unter Zwangsbedingungen verhalten kann: Es gibt doch nicht nur die Alternativen, sich lauthals in den Dienst der falschen Sache zu stellen oder aber sich heroisch und sinnlos im Kampf gegen sie aufzuopfern ("Märtyrertum"). Da gibt es viele Schattierungen dazwischen.

Wenn schon der Leiter der Dudenredaktion nichts bewirken konnte, weil er nur eine Marionette war, warum regen wir uns dann über die Untätigkeit der Hochschulgermanisten auf? Nach denen hat doch kein Journalist gekräht. Welcher Hochschulgermanist hat sich denn tagein, tagaus mit Rechtschreibung beschäftigt? Um so viel Gewicht in der öffentlichen Meinungsbildung zu bekommen wie Matthias Wermke, hätte so ein Germanist hundertmal so viel tun müssen wie er. Mindestens. Dafür habe ich nun wieder Verständnis, wenn sich diese Gruppe gesagt hat: "Da kann ich sowieso nichts machen, auf mich hört sowieso keiner."

Und vor allem: Dann könnten wir auch gleich alle Politiker mit Ausnahme einiger Großkopferten mit vollem Verständnis ausstatten, wenn sie das Volk mit irgendwelchen verlogenen Pseudoargumenten für schlechte Politik zumüllen. Die können doch auch sagen: "Wenn ich mich gegen die Parteiräson äußere, habe ich sehr bald nichts mehr zu melden. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als die Entscheidungen der Parteispitze zu unterstützen, auch wenn ich sie für schädlich halte." Dann ist bald niemand mehr für igend etwas verantwortlich, denn auch die Großkopferten – bis hinauf zum Bundeskanzler – werden ihre Ausreden finden (oder bei Bedarf konstruieren).

Das Heucheln, das Kuschen, das Sichverstecken und Mitschwimmen ist vielleicht das vorherrschende Muster, aber es gibt auch genügend Beispiele dafür, daß es anders geht, ohne gleich das eigene Leben zu ruinieren. Manche bleiben den Werten verpflichtet, für die sie angetreten sind, und nicht dem eigenen Vorteil. Manche fühlen sich den Menschen verantwortlich, für die sie da sein sollen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.03.2010 um 09.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8120

Ich hatte eigentlich nicht vor, mich nun fürsorglich über Herrn Wermke zu beugen, aber ich halte es weiterhin für ungerecht, den Ärger, den wir über den gesamten Verlauf der Dinge angehäuft haben, nun ausgerechnet auf ihn abzuladen.
Zum Beispiel vor dem Bundesverfassungsgericht hat er sich durchaus ehrenhaft verhalten. Andernfalls hätte ich auch nicht weiterhin mit ihm korrespondiert. (Mit anderen in die Reform verwickelten wollte ich bald nichts mehr zu tun haben.) Mir sind auch keine ausgesprochenen Gemeinheiten, wie von seiten des IDS oder soar einiger Ministerialräte, in Erinnerung.
Übrigens war die Stellung als Leiter der Dudenredaktion zunächst keine besonders "leitende", und die Rechtschreibung ist auch nur ein Teil der gesamten Arbeit gewesen. Die Lage war für einen Verlagsangestellten insgesamt schwierig, das muß man doch einsehen. Man könnte auch an Frau Wahrig-Burfeind denken, die diese schwierige Lage sogar in der Einleitung zu einem ihrer Wörterbücher klar ausgesprochen und trotzdem mitgemacht hat. Von Eisenbergs Doppelstrategie gar nicht zu reden. Und hier gab es überhaupt keinen Zwang.
Übrigens hat Wermkes Vorgänger Drosdowski in den vielen vorbereitenden Sitzungen zwar stets gemosert, aber mitgemacht hat er trotzdem. Was er wirklich dachte, wissen wir durch die Briefe an Gustav Korlén und mich, das war aber privat und wäre es gebleben, wenn ich es nicht nach seinem Tode publik gemacht hätte. Beim Verlag wußte man das alles natürlich.
Die Verlagsentscheidung war falsch, aber vor zehn oder 15 Jahren konnte man vielleicht damit rechnen, daß sich alles irgendwie ins Erträgliche (und Einträgliche) wenden ließe.

Zusammengefaßt: Ich wundere mich ein bißchen über die außerordentliche Strenge, die Herrn Wermke hier entgegenschlägt. Ein Lehrer, der wegen der Rechtschreibreform seinen Dienst quittiert und mitsamt seiner Familie in die Arbeitslosigkeit geht, hat meinen Respekt, auch wenn ich solches Märtyrertum aus diesem Anlaß nicht gutheißen kann. Herrn Wermkes Haltung ist für mich nachvollziehbar, ich kenne natürlich seine Motive nicht näher, aber ich werfe ihm nichts vor.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 21.03.2010 um 21.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8119

Sollen wir jetzt eine Gedenkminute für den armen Matthias Wermke einlegen, der das schmerzliche Schicksal zu erleiden hat, daß er von seinem Arbeitgeber gezwungen wurde, seine Mitbürger im Dienste des Unternehmensprofits hinters Licht zu führen?

Das ist doch alles Quatsch. Er hätte ehrlich und bescheiden sagen können, daß er nicht wider besseres Wissen für die Reform sprechen möchte und so etwas mit seinem Verständnis von Aufrichtigkeit und Wissenschaft nicht vereinbaren kann. Er hätte außerdem sagen können, daß es für ihn eine Frage des Gewissens ist, gegenüber den (vielen Millionen) Kunden des Unternehmens verläßlich zu bleiben. Er hätte sagen können, daß er nichts tun möchte, was dazu geeignet ist, langfristig die Reputation des Hauses und sein eigenes Ansehen zu beschädigen, nebst zweifelhaften Aussichten für den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg. Er hätte, wenn man ihm drohend gekommen wäre, darum bitten können, von seiner leitenden Funktion entbunden zu werden und als normaler Redakteur weiterarbeiten zu dürfen. Nach einem solchen Rückzug wäre er auch nicht gleich zum Sozialfall geworden. Außerdem kann man sich mit seinen Qualifikationen etwas hinzuverdienen, wenn es denn sein muß: mit Vorträgen und Zeitungsartikeln, als Dozent oder Lektor ...

Wenn man ihm noch immer mit Kündigung gedroht oder diese ausgesprochen hätte, dann hätte er antworten können, daß man ihm nichts vorwerfen könne. Das Arbeitsgericht möchte ich sehen, das in diesem Fall die Kündigung abgesegnet hätte. Und wenn er einigermaßen fair und freundlich mit den Kollegen umgegangen ist, dann hätte man ihn auch nicht einfach rausmobben können.

Ich schlage die Arbeitsteilung vor, daß manche für Matthias Wermke Verständnis aufbringen, während ich ihn für einen ... sowie für einen ... und eine totale ... halte. Insgesamt werden wir ihm damit gerecht, behaupte ich mal.


Kommentar von R. M., verfaßt am 21.03.2010 um 21.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8118

Nun ja. Bei Wermke hat’s doch noch nicht einmal zum Ballen der Faust in der Tasche gereicht.


Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 21.03.2010 um 19.09 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8117

Lieber Herr Wrase, als (leitender) Angestellter stand ein Mann wie Wermke sicherlich unter gewaltigem Druck durch die Verlagsleitung. Da gab es sicherlich nur die Alternativen: mitmachen oder gehen. Aus Sicht einer Firmenleitung sind solche Leute austauschbar.

Wenn so jemand eine Familie zu ernähren hat, wird er sich sehr gut überlegen, was er aus der Situation macht. Es gibt andere, die aktiv und wissentlich und vor allem, ohne dazu gezwungen oder gedrängt worden zu sein, mitgeholfen haben, den Karren in den Dreck zu schieben. Um es mal flapsig zu formulieren: Es ist ungerecht, den Boten der schlechten Nachricht zu bestrafen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.03.2010 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8116

Da verlangen Sie zuviel, lieber Herr Wrase. Es hätte auch nichts genutzt, denn die gesamte Verlagspolitik war eben anders. Ein Angestellter muß seinen Job machen – oder gehen, aber das wäre ein Heroismus ohne Folgen für die Sache gewesen. Die Weichen waren schon früher gestellt worden. Auch sonst sehen wir ja weit und breit keinen, der sich entzogen hätte, nicht einmal unter denjenigen, die es überhaupt nichts gekostet hätte (ich meine vor allem die Germanistik-Professoren).


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 21.03.2010 um 17.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8115

Nun wüßte ich noch gern, was Matthias Wermke geantwortet hat. Zwar ist davon auszugehen, daß er auch in diesem Briefwechsel nicht eins zu eins ausgesprochen hat, was er wirklich über die Reform und ihre Urheber denkt. Aber es wäre sicherlich herauszulesen, daß er die Reform in Wirklichkeit in vielerlei Hinsicht für bescheuert hielt, während er sie in der Öffentlichkeit anpries.

Für mich ist die geduldige Bemühung, die sich Professor Ickler abgerungen hat, wieder einmal überaus bewundernswert, und der respektvolle Umgang ist mir aber auch ein Stück verständlicher, nachdem nun der persönliche Kontakt zu sehen ist.

Wermke hätte sich natürlich auch anders verhalten können. Da steht angeblich eine Verlagsentscheidung als unantastbare Order da, der sich alle Mitarbeiter selbstverständlich zu fügen hatten. Wenn diese Unantastbarkeit schon für Fehlentscheidungen einer Verlagsleitung gälte, könnte man ja wohl erst recht keinen Menschen mehr beschuldigen, der irgendwelche Befehle eines Unrechtsregimes exekutiert, obwohl er im Fall der Weigerung so gut wie nichts zu befürchten hat.

Professor Ickler sagt, Wermke sei "nicht schuld". Das ist hart an der Grenze der Wahrheit. Wenn ich sehe, wie etwas Falsches, Schädliches, Unrechtes geschieht, und ich tue nichts dagegen, dann mache auch ich mich schuldig. Ich war vielleicht nicht der Böse, aber mich trifft die Schuld, das Unrecht nicht abgewendet zu haben. Auch der unterlassene Versuch ist ein solches Versagen.

Da hatte Matthias Wermke einmal in seinem Leben die Chance, wirklich etwas Wichtiges für die deutsche Sprache zu tun, er hatte die Gelegenheit viele Jahre lang, aber er tat es nicht. Wer zwang ihn denn, mit seiner Reformpropaganda vor die Presse zu treten und die Reformgegner zu beleidigen? Wir wär’s mit einer schlichten Weigerung gewesen? Er hätte wahrscheinlich auch die Möglichkeit gehabt, mit seinem Insiderwissen der Reform den Rest zu geben. Das wäre seine Aufgabe gewesen.

Von so einem Menschen erwarte ich auch in Zukunft kein ehrliches Bekenntnis. Es gibt genug andere, die von sich behaupten können, sie seien nicht schuld an der "Entwicklung". Matthias Wermke gehört nicht dazu.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 20.03.2010 um 17.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8114

Damit hat sich Wermke auf die sichere Seite begeben, hatte er doch vor knapp einem Jahr die Hoffnung geäußert, daß es die nächste Rechtschreibreform erst nach seiner Pensionierung gebe (siehe unter den „Blüthen der Thorheit“: http://www.fds-sprachforschung.de/index.php?show=thorheiten&id=151).

Ob der zum Monatsende vakante Ratsposten neu besetzt werden wird?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2010 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=645#8113

Die Trennung ist ein weiterer Schritt in jener Entwicklung, die wahrscheinlich noch im laufenden Jahr das Nebeneinander von Duden und Wahrig beenden wird, wie vorausgesagt. Natürlich versucht man immer, solche Geschichten möglichst anständig über die Bühne zu bringen, aber es dürfte unerfreuliche Tatsachen im Hintergrund geben. Die Vermutungen, die Wermke dementiert, bevor sie jemand geäußert hat, werden wohl zutreffen.

Matthias Wermke ist an der ganzen unseligen Entwicklung nicht schuld, er hat sich recht gut geschlagen, wenn man bedenkt, daß er seinem Arbeitgeber zuliebe immer hart am Rande der Unwahrheit segeln mußte und die ständigen Auftritte in der Öffentlichkeit, bei denen er die Zuversicht der Reformer ausströmen mußte, nicht vermeiden konnte. Hoffentlich bin ich meinem Vorsatz, Wermke nie persönlich anzugreifen, einigermaßen treu geblieben. Aber das klingt ja nun schon fast wie ein Nachruf; das wäre bei einem so gescheiten Mann in den besten Jahren wirklich nicht angebracht. Nein, ich wünsche ihm ehrlich alles Gute; vielleicht schreibt er irgendwann seine Erinnerungen auf ...

Was die Verlagslandschaft betrifft, so nehme ich weiterhin an, daß eine Bereinigung stattfinden wird und daß der Name Duden erhalten bleibt. Wahrig hat nie diesen Ruf erreicht und ist im Grunde entbehrlich.



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