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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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23.08.2009
 

Hans Krieger
Vom Duden für dumm verkauft

Duden & Co machen sich wieder wichtig. Wenn man schon mit einer Rechtschreibreform die allgemeine orthographische Verunsicherung herbeiverordnet hat (nicht nur in der Sozialpolitik nennt man Verschlechterungen »Reform«), dann muß diese Verunsicherung auch geschäftlich genutzt werden.
Drei Jahre ist es immerhin schon her, daß der Deutsche Rechtschreibrat die Reform reformiert und damit neue Wörterbücher nötig gemacht hat. Und irgend etwas muß in so langer Zeit doch wohl passiert sein, das die Anschaffung eines noch neueren Rechtschreibwörterbuches unabdingbar macht. Orthographisch ist aber rein gar nichts passiert; nicht einmal die Schilder »Ausfahrt freihalten« müssen in »Ausfahrt frei halten« geändert werden, wie die Süddeutsche Zeitung herausgefunden zu haben glaubt, denn freihalten durfte man schon bisher nur einen Gast, aber keine Ausfahrt. Warum also Neuauflagen bei Duden wie beim Konkurrenzunternehmen Wahrig?

Dumme Frage! Wo soll man denn nachschauen, wie »Abwrackprämie«, »Bad Bank« oder »Börsenzocker« geschrieben werden? Oder »Datenklau«, »Ehrenmord«, »Nacktscanner«? Gar nicht zu reden von der ungemein geläufigen und orthographisch eminent schwierigen »Herdprämie«. Oder der »Angsthäsin«, die in Zeiten der Gleichberechtigung neben dem »Angsthasen« ihr lexikalisches Daseinsrecht fordert. 5000 solcher Wortschatzbereicherungen hat der neue Duden anzubieten. Also, Leute, kauft den neuen Duden, damit ihr nicht dumm dasteht, wenn ihr Wörter wie »Kreditklemme« oder »Produktpiraterie« schreiben wollt. Oder gar »abbusseln«.

Wer partout den neuen Duden nicht kaufen will, kann ja den neuen Wahrig nehmen; das dient auch der Konjunkturbelebung. Der hat zwar etwas weniger neue Stichwörter im Angebot, ist dafür aber um vier Euro billiger. Und er ist eine echte Alternative. Nicht nur, weil er die aktuelle Version der amtlichen Regeln abdruckt, die man im neuen Duden vergeblich sucht. Nein, nicht nur die Packungsbeilage, sondern auch das Produkt selber unterscheidet sich. Hier herrscht mal wirklicher Wettbewerb: Es steht nicht nur was anderes drauf, es ist auch was anderes drin.

Schreibt man »ratsuchend« oder »Rat suchend«, »leer stehend« oder »leerstehend«, »totgeglaubt« oder »tot geglaubt«, »minutiös« oder »minuziös«, »Drainage« oder »Dränage«? Kommt ganz drauf an, in welches Wörterbuch man guckt. Solche Konkurrenz belebt das Geschäft. Und wunderbar ist es eingerichtet, daß beide Wörterbuchunternehmen zum gleichen Lehrmittel-Großkonzern Cornelsen gehören. Das ist Marktwirtschaft pur.

Waren das noch Zeiten, als eine druckfertige Duden-Auflage eingestampft werden mußte, weil der damalige bayerische Kultusminister Zehetmair noch einigen Unsinn aus dem Reformkonzept gestrichen haben wollte. Auf die Frage eines Spiegel-Redakteurs, ob er das denn verantworten könne, antwortete der Minister ungerührt: »Da haben sich die Herren halt verspekuliert.« Später, als Vorsitzender des Rechtschreibrates, war Zehetmair weniger mutig und ließ sich von der Kultusministerkonferenz den Abbruch der Reform der Reform diktieren, bevor die Absurditäten der neuen Regeln zur Groß- oder Kleinschreibung und zur Laut-Buchstaben-Relation überhaupt erörtert waren. Weswegen heute ein Schüler bestraft werden kann, weil er noch weiß, daß der »Tolpatsch« nichts mit »toll« zu tun hat, der »Zier(r)at« keine Ratsperson mit der Zuständigkeit fürs Dekorative ist und »morgen« in der Verbindung »heute morgen« kein Substantiv, sondern ein Zeitadverb ist.

Die Rechtschreibreform war ein Geniestreich, der viele Fliegen mit einer Klappe schlug. Vorexerziert wurde, wie man auf außerdemokratische Weise und ohne Rechtsgrundlage eine »Reform« durchpeitscht, die das Volk nicht will, und Gehorsam erzwingt. Die bitterste Lehre war, daß auch das Verfassungsgericht sich düpieren ließ und dem »Staat« zubilligte, zu dürfen, was er weder darf noch dürfen darf: die Sprache verändern. Der »Staat« war in diesem Fall aber die Kultusministerkonferenz, die gar kein Verfassungsorgan ist und keine rechtsverbindlichen Beschlüsse fassen kann. Aus »Gründen der Staatsraison« wurde, nach dem Geständnis einer Kultusministerin, an der Reform festgehalten, als alle, auch die Kultusminister, längst wußten, daß sie »falsch« war.

»Falsch« ist aber nicht nutzlos. Erreicht wurde eine tiefgreifende Aushebelung des Sprachgefühls und damit eines Fundaments des genauen und differenzierten Denkens. Früher schrieb man regelkonform, um möglichst präzise verstanden zu werden, und nicht, um einer Regel zu gehorchen; das gilt zumindest für diejenigen, auf die es für die Erhaltung und Weiterentwicklung der Sprachkultur ankommt. Nach der Reform ist vieles so willkürlich und undurchschaubar, daß nur zwei Möglichkeiten bleiben: Man gehorcht dem Reformdiktat (beziehungsweise einer seiner Varianten), oder es ist einem wurscht. Beides nimmt dem kritischen Bürger etwas von seiner Mündigkeit, und das nützt den Herrschenden ebenso wie den Marktinteressen.

Unlängst war in einer Wochenzeitung zu lesen, die deutsche Politik sei im Denken viel zu brav und konventionell, und wo sie »wild zu wachsen« drohe, werde sie »von politisch korrekten Gartenzwergen ziemlich schnell wieder zu Recht gestutzt«. Gemeint war selbstverständlich nicht, daß sie gestutzt wird und das mit Recht. Daß »zurechtgestutzt« trotz Reform noch immer die übliche Schreibung ist, wußte der Autor vermutlich nicht, aber er kannte die neue Faustregel, daß im Zweifelsfall getrenntgeschrieben werden muß, und folgte dem Prinzip: lieber dreimal zu oft gehorcht als einmal zu wenig. Das war in einem Blatt, das sich der linken Opposition zurechnet, und Thema war die mangelnde Bereitschaft der Deutschen zum Widerstand, ihr Schafsgehorsam.


Quelle: Ossietzky 17/2009
Link: http://www.sopos.org/aufsaetze/4a91420655e28/1.phtml


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Kommentare zu »Vom Duden für dumm verkauft«
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Kommentar von Y.N., verfaßt am 13.09.2009 um 17.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=633#7976

Vielleicht tut es not, die 25. Auflage zu beschaffen,
um zu erfahren, daß Not sein/werden
man wie früher not sein/werden schreiben darf.


Kommentar von Würmseer Besucher, verfaßt am 13.09.2009 um 12.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=633#7975

Lieber Germanist,

die Zeitschrift DEUTSCHE SPRACHWELT hat die Wahlprogramme der sechs im Bundestag vertretenen Parteien geprüft (ist als PDF erhältlich, ich habe den Link hier noch nicht gesichtet):

http://www.deutsche-sprachwelt.de/nachrichten/neues_detail.php?id=572

Eine kleine Episode zur NPD-freien-Stadt (ich schreibe ihn mal hier, da - noch? - kein Wahlkampf-Thema im Forum eingestellt ist; die Redaktion kann denselben ja verschieben, wenn angebracht. Danke!):

Ich war kürzlich am Starnberger See in einem dieser netten Örtchen mit meiner Tochter in einer Eisdiele, oben an der Hausecke ein Straßenschild:

"Schloss-Straße"

Endlich! Endlich habe ich diese Schreibung gefunden, ich wußte es, sie muß es geben!

Jedoch - auf der gegenüberliegenden Seite, der rechten Straßenseite:

"Schloßstraße"

Ich photographierte das zum größtem Vergnügen meiner Tochter. Da kam eine ortsansässige Dame auf mich zu und fragte mich, warum ich denn Straßenschilder photographiere. Meine Tochter und ich zeigten ihr unsere Entdeckung.

Verdutzt erwiderte sie, das wäre noch niemanden aufgefallen, die "Schloss-Straße" wurde vor etwa 20 Jahren (also wohl vor 96!) angebracht, die "Schloßstraße" vor ein paar Jahren (also genau umgekehrt wie gedacht). Sie wandte sich um zu einer ebenfalls Ortsansässigen, die sich daraufhin gleich als Wortführerin darstellte: Das müsse sofort geändert werden, das müsse doch mit drei "s" geschrieben werden – Sie zeigte Weltläufigkeit mit jeder großen Geste!

So ging denn mein Ansinnen nach hinten los, jetzt stand ich da als dankenswerter Großstädter, der beflissentlich auf die gehörige Reform schulmeisternd – Im weiteren Gespräch mußte ich mal wieder bemerken, wie 300% und "bedingungslos" stramm diese Über-Engagierten sind, Diskussion zwecklos. Der ganze Ort ist übrigens übersät mit diesen Schildchen "NPD hat hier nichts zu suchen", an jeder Ecke wird auch der "Abfallsünder" gemahnt; ich mag mir jedenfalls nicht ausdenken, wie es in der Schulbücherei "zugeht".

Jedenfalls war ich nach dem Eis recht unterkühlt und meine Tochter hörbar unausstehlich, der See aber hernach grandios.


Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 10.09.2009 um 00.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=633#7971

Ja, Horst Schlämmer hat sich geäußert, zumal Herr Kerkeling den »Großen Deutsch-Test« im Mai 2005 moderiert hat. Und weil es hier um den Duden geht, hier noch einmal die schönste Szene mit Dudenredakteur Scholze-Stubenrecht:

»Nach der Auswertung des Diktats, das alle Kandidaten geschrieben hatten, meldete sich Susan Stahnke, die ehemalige Sprecherin der Tagesschau, zu Wort. (Der nach neuer Rechtschreibung so richtige Testsatz Im Nachhinein war das für dich natürlich äußerst besorgniserregend hatte sie nachdenklich gemacht.)

Stahnke: "Ich hab' eine Frage: ob neben besorgniserregend – klein und zusammen –, Herr Dr. Scholze-Stubenrecht, auch Besorgnis erregend – also 'Besorgnis' groß – korrekt wäre."

Darauf Dr. Scholze-Stubenrecht (der als stellvertretender Leiter der Dudenredaktion die von seinem Hause präsentierte Sendung als Kommentator begleitete):

"Also, es ist so, daß – da kann man sehr schön den Unterschied zwischen alter und neuer Rechtschreibung erklären: Früher hieß das, besorgniserregend schreibt man zusammen, es sei denn, es steht so etwas wie äußerste oder große Besorgnis erregend davor, dann getrennt. Jetzt ist es umgekehrt: Man sagt, eigentlich schreibt man's getrennt, aber wenn so was wie äußerst oder sehr davorsteht, dann schreibt man's zusammen. Im Grunde genommen dasselbe wie früher."

(Zwischenruf aus dem Kandidatenkreis: "O mein Gott!", schallendes Gelächter im Publikum. Kommentar Hape Kerkeling: "Die armen, armen Kinder!")«


Kommentar von Germanist, verfaßt am 09.09.2009 um 22.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=633#7970

Hat Horst Schlämmer irgendwann irgendwas zur Rechtschreibreform gesagt?


Kommentar von Germanist, verfaßt am 09.09.2009 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=633#7969

Nachdem ich die Briefwahlunterlagen geholt hatte, habe ich die Internetseiten aller (in Bayern) zur Wahl stehenden Parteien nur auf alte oder neue Rechtschreibung durchgesehen. Alte Rechtschreibung findet man (leider) nur bei CM - Christliche Mitte, BüSo - Bürgerrechtsbewegung Solitarität, NPD - Nationaldemokratische Partei Deutschlands. Mein Fazit: Für eine bessere Rechtschreibung kann man eigentlich gar keine Partei wählen.


Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 09.09.2009 um 16.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=633#7968

In einem kleinen Punkt muß ich Herrn Krieger korrigieren:

Mein Hinweis in der SZ auf die Änderung der Schreibung von Ausfahrt freihalten in Ausfahrt frei halten bezog sich ausdrücklich auf den Vergleich der Regelungen von 1996 und 2004 mit der Revision von 2006, und vor 2006 war auch in der Reformorthographie Zusammenschreibung vorgesehen.

Im Vergleich zur 24. Auflage (2006) haben weder Duden noch Wahrig orthographische Veränderungen durchgeführt (von offensichtlichen Fehlern wie z. B. buntbemalen einmal abgesehen). Diese Tatsache hatte ich ebenfalls im Artikel recht klar zum Ausdruck gebracht.


Kommentar von Bernfried Janas, verfaßt am 09.09.2009 um 14.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=633#7967

Im linken Spektrum (wie auch unter anderen Unfehlbaren) gibt es eine besondere Art von Sensitivität der Wahrnehmungsorgane. Sie befähigt die damit Begabten, Artikel wie diesen gar nicht erst ins Bewußtsein treten zu lassen. Das ist enorm Effizienz steigernd.


Kommentar von E.GAL, verfaßt am 09.09.2009 um 13.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=633#7966

Neben allem gefällt mir in diesem vorzüglichen Artikel, daß er auf das Versagen der (Möchtegern-)Linken in herrlich zugespitzter Form hinweist (und damit auch endlich diese mit der Forderung konfrontiert, sich dieses Themas anzunehmen und damit endlich Politik zu machen, nachdem man hier gute 15 Jahre regelrecht versagt hat – am deutlichsten beim faktischen Ignorieren des Volksentscheids in Schleswig-Holstein).
Reformschreibung ist Untertanenschreibung – wenn dieser Aspekt dem linken Spektrum keine Ansatzpunkte für entsprechendes politisches Agieren bietet, dann lassen sie einiges an Möglichkeiten aus.



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