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27.06.2009
 

Torsten Harmsen
Totales Schreib-Chaos

Man erinnert sich: Die mehr als ein Jahrzehnt dauernde Rechtschreibreform sollte die deutsche Schriftsprache einfacher und einheitlicher machen.
Milliarden wurden dafür ausgegeben. Am Ende stand eine Reform der Reform, die größere Unübersichtlichkeit brachte als zuvor. Jetzt machen die im Juli erscheinenden neuen Ausgaben der großen deutschen Standard-Wörterbücher alles noch komplizierter. Der Duden (Bibliographisches Institut) und der Wahrig (Bertelsmann/Cornelsen) unterscheiden sich in Hunderten ihrer Empfehlungen voneinander. Wie einer schreibt, hängt jetzt davon ab, welches Buch er zufällig zu Hause hat. Ein wahres Chaos - nicht nur für Lehrer und Schüler.

Eine vorab kursierende Liste der Berliner Forschungsgruppe Deutsche Sprache führt gut 350 dieser Abweichungen auf. So empfiehlt der Duden zum Beispiel "Asyl suchend", der Wahrig "asylsuchend". Weitere Unterschiede: "bismarcksche" oder "Bismarck'sche" Sozialgesetze, "Schimäre" oder "Chimäre", "tschau!" oder "ciao!", "Kortison" oder "Cortison", "Dönerkebab" oder "Döner Kebab", Kakofonie" oder "Kakophonie", "seit Neuestem" oder "seit neuestem", "Play-back" oder "Playback".

Wie konnte das passieren? Nachdem die Reform zu einem heillosen Streit geführt hatte, ließ der im Jahr 2004 zur Streitschlichtung eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung bei Tausenden Wörtern mehrere Varianten zu. Der Duden hob daraufhin rot den ursprünglichen Reformvorschlag hervor ("Dienst tuend") und unterlegte seine eigene Empfehlung ("diensttuend") in Gelb. Nun, gerade mal drei Jahre danach, rückt er seine Empfehlungen an die erste Stelle und lässt den Rotdruck bei den Reformvarianten einfach weg. Man erkennt nicht mehr, was alt und was neu ist.

Der Wahrig wiederum empfiehlt vor allem die Schreibweisen, auf die sich die Nachrichtenagenturen 2006 einigten. Diese hatten sich damals - so ein Sprachforscher - mit einem komplizierten Mix aus Alt und Neu hinter den Wörterbüchern versteckt. Im Gegensatz zum Duden aber hebt der Wahrig auch noch die Reformvarianten hervor - in Blau.

Wie soll je wieder Einheitlichkeit in die Sprache kommen? Wahrscheinlich wird das nie geschehen. Jeder macht, was er will. Der Rechtschreibrat, der die Reformkorrekturen behutsam lenken sollte, scheint erledigt zu sein. Sein Vorsitzender Hans Zehetmair sagte, man wolle von nun an "intensiv in der Stille arbeiten und die Sprache beobachten". So als Hobby.

Bis in alle Ewigkeit können nun die Herren beim Scrabble über Varianten parlieren und sich dabei in ihren hoch subventionierten Ratssesseln räkeln (Wahrig) beziehungsweise rekeln (Duden).


Quelle: Berliner Zeitung
Link: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0627/feuilleton/0073/index.html


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Kommentare zu »Totales Schreib-Chaos«
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Kommentar von Leserbrief, Münchner Merkur, verfaßt am 04.08.2009 um 22.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7916

02.08.09 | Im Blickpunkt
Für die praktische Arbeit untauglich
Georg Anastasiadis: „Das Elend geht weiter“; Kommentar 21. Juli

„Auch wenn der Duden-Verlag bisher mit jeder Neuauflage des einstigen Klassikers den Eindruck zu erwecken suchte, das Thema ,Rechtschreibreform‘ sei damit endgültig durchgesetzt und erledigt, ist die Kritik an den von ihm vorgeschlagenen Reformschreibungen niemals verstummt und erweist sich jedesmal erneut als nur zu berechtigt. Die aktuelle Neuauflage fordert diese Kritik sogar noch mehr heraus als ihre Vorgänger. Aufgrund des in sich widersprüchlichen und vielfach die grammatikalischen Gegebenheiten missachtenden Regelwerks sind die Schreibungen weiterhin uneinheitlich und oftmals sprachwidrig. Im Jahr 1996 war jedoch der Neuschrieb rot hervorgehoben und daher klar erkennbar, 2000 und 2004 wurden im Rahmen des Rückbaus ,zusätzliche Schreibungen‘ eingeführt, wobei Neuschreibungen und Altschreibungen als solche gekennzeichnet nebeneinanderstehen. 2006 kamen die gelb unterlegten Duden-Empfehlungen hinzu. Jetzt, im neuen Duden von 2009, gibt es außer den Erläuterungskästen nur noch Schwarzdruck und die speziell gekennzeichneten Duden-Empfehlungen, so dass man die Zugehörigkeit zu alt bzw. neu nicht mehr erkennen kann. Die dadurch geschaffene Verwirrung macht den Duden für die praktische Arbeit untauglich.“
Dr. Maria Theresia Rolland, Sprachwissenschaftlerin aus Bonn

http://www.merkur-online.de/leserbriefe/praktische-arbeit-untauglich-427519.html


Kommentar von Der Tagesspiegel vom 21.07.2009, verfaßt am 31.07.2009 um 14.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7888

Fremdschämen für It-Girls

Der aktuelle Duden enthält 5000 neue Wörter – bei der reformierten Rechtschreibung bleibt es vorerst.

Der neue Duden ist dicker als je zuvor. Die 25. Auflage des Wörterbuchs der deutschen Sprache, die jetzt ausgeliefert wurde, ist mit rund 135 000 Stichwörtern der umfangreichste Duden seit der ersten Ausgabe von 1880. Seit der 24. Auflage von 2006 sind mehr als 5000 Wörter hinzugekommen. Das macht die Jubiläumsauflage zu einer Fundgrube für Neologismen, die aus Ereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft 2006 („Fanmeile“, „Sommermärchen“) oder der aktuellen Finanzkrise („Bad Bank“) geboren wurden. Nicht nur Sport („snowkiten“) und Politik („Vätermonat“) generieren ständig neue Begriffe. Auch gesellschaftliche Phänomene wie der „Ehrenmord“ oder neue emotionale Qualitäten wie „fremdschämen“ brennen sich ins öffentliche Bewusstsein.

Die Duden-Redaktion zeigt sich geschlechtersensibel. Die „Regenbogenfamilie“ mit einem gleichgeschlechtlichen Elternpaar ist jetzt orthografisch anerkannt. Etliche Wörter, die bislang nur in der männlichen Form auftauchten, finden sich nun auch in der weiblichen: Neu aufgenommen wurden etwa die „Angsthäsin“ und die „IT-Fachfrau“ – „IT“ steht für Informationstechnik. Die Computerspezialistin ist nicht zu verwechseln mit dem „It-Girl“ – laut Duden eine „(junge) Frau, die durch starke Medienpräsenz, vor allem in Gesellschaft von Prominenten, einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist“. Mit dem englischen „It“ ist das „gewisse Etwas“ gemeint. Andere neue Tätigkeitsbezeichnungen wurden gleich in beiden Formen aufgenommen: „Dopingarzt“ und „Dopingärztin“.

Ablesen lässt sich auch, dass an den deutschen Hochschulen vieles in Bewegung gekommen ist. Neu aufgenommen wurde etwa die 2005 gestartete „Exzellenzinitiative“, vom Duden als „Initiative von Bund und Ländern zur Förderung herausragender wissenschaftlicher Forschung“ erklärt. Die Adressatinnen des Programms finden sich im von den Medien geprägten Neuwort „Eliteuniversität“. Ihren Weg in den Duden hat auch die „Campusmaut“ gefunden, eine trendige Neuschöpfung für Studiengebühren. Die vielen Neologismen, vor allem die Anglizismen, sind das Interessanteste am neuen Duden, sagt Kerstin Güthert, Geschäftsführerin des Rats für deutsche Rechtschreibung. Der Duden gehe damit auf die Bedürfnisse der Schreibenden ein.

Dass die Duden-Redaktion keine neuen Empfehlungen im Hinblick auf die vorläufig abgeschlossene Rechtschreibreform gibt, wundert Güthert nicht. 2006 hatte der Rat für deutsche Rechtschreibung etliche Änderungen vor allem in der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Groß- und Kleinschreibung durchgesetzt: So darf man seitdem neben „kennen lernen“ auch wieder die alte Form „kennenlernen“ schreiben, statt „Leid tun“ darf es nur noch „leidtun“ heißen. Der Rat hat 39 Mitglieder aus deutschsprachigen Ländern, sie werden unter anderem von Sprachakademien und Verlagen entsandt.

Wie schon 2006 gibt der Duden eigene „Variantenempfehlungen“. So ist es nach der Reform der Reform möglich, „gewinnbringend“ oder „Gewinn bringend“ zu schreiben, der Duden empfiehlt „die früher vorwiegend übliche Zusammenschreibung“. Die Reformregel, zwei Verben grundsätzlich getrennt zu schreiben, dagegen erklärt die Redaktion für „so eindeutig und einfach, dass wir ihre Anwendung auch bei übertragenem Gebrauch empfehlen“. Folglich soll es laut Duden immer „sitzen bleiben“ heißen – auch wenn es um Klassenwiederholungen geht. Nur bei „kennenlernen“ wird für die Zusammenschreibung plädiert.

Ändern könnte sich an solchen Tipps erst etwas, nachdem der Rechtschreibrat Ende 2010 seinen ersten Bericht zur Sprachbeobachtung vorlegt hat, sagt Kerstin Güthert. „Usus-Untersuchungen“ sind seit 2006 die Hauptaufgabe des Rats. Schwerpunktmäßig würden derzeit Schreibungen beobachtet, die schon 1996 geändert wurden, sagt Güthert. So wird anhand großer Textkorpora getestet, ob sich eine Schreibweise unter professionellen Schreibern durchgesetzt hat. Aber auch die 2006 liberalisierte Getrennt- und Zusammenschreibung werde beobachtet.

Ob sich bereits abzeichnet, dass es weitere Änderungen der Rechtschreibreform geben könnte, will Güthert nicht verraten.

www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Duden-Rechtschreibung;art304,2852595


Kommentar von inge Müncher, verfaßt am 26.07.2009 um 14.56 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7865

Artikel und Leserbriefe gegen die neue Rechtschreibung sind kaum in deutschen Zeitungen zu finden, jedoch ist als Ausnahme in der Berliner Zeitung der Artikel „Totales Schreib-Chaos“ von Torsten Harmsen veröffentlicht worden, und der Münchner Merkur äußert sich hier in einem Kommentar, geschrieben von Georg Anastasiadis, zum gegenwärtigen Rechtschreibchaos. Dafür danke ich! Auch in Österreich, in der Wiener Zeitung, ist das möglich, eigentlich selbstverständlich. Zu Robert Sedlaczeks Artikel „Spaß statt Spass - so viel Zeit muss sein“ vom 10.06.09 habe ich dreimal einen Kommentar eingereicht, und sie wurden alle in der Wiener Zeitung Online veröffentlicht: 1. „Die unvollständige s-Regel“, 2. „Nicht wegen spasso“, 3. „Der Spaß und sein Stammwort“. Den letzten Kommentar hatte ich als Antwort auf einen anderen Kommentar geschrieben. Es ist also auch eine Diskussion möglich, wenn auch dort nur im Ansatz.

Bisher habe ich noch in keiner deutschen Zeitung - nur in der „Deutschen Sprachwelt“ (Ausgabe 36) - etwas oder ausführlich über das Bemühen der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK) gelesen. Die SOK ruft die Politischen in einer Resolution auf, die Rechtschreibreform am 1. August 2009 in den Schweizer Schulen nicht notenwirksam werden zu lassen, da das amtliche Regelwerk von 2006 widersprüchlich und mit Fehlern behaftet sei. Deshalb fordert sie ein Moratorium für Schulen und Verwaltung, also einen gesetzlich angeordneten Aufschub. Große Schweizer Zeitungen wie die NZZ, die Chefredaktorenkonferenz und der Verband der Schweizer Presse, die Schweizer Nachrichtenagentur (SDA) und die Schweizer Fachjournalisten stimmen den Rechtschreibvorschlägen der SOK zu, bei Varianten die herkömmliche Schreibweise zu wählen. Am 20. August 2009 wird eine Anhörung in der nationalrätlichen Bildungskommission durchgeführt.

Unter www.sok.ch findet man die Empfehlungen der SOK zur deutschen Rechtschreibung, auch eine Fülle von Aufsätzen, Argumenten und Bildern (unter TAGUNGEN) von der Frühjahrstagung am 4. Juni 2009 der SOK im Züricher Zunfthaus „Zur Waag“. Auch eine kostenlose Mitgliedschaft ist möglich für alle Personen, die Ziele und Empfehlungen der Gesellschaft unterstützen. (Unter www.sok.ch findet man: Beitrittserklärung.) Mitglieder erhalten auch Mitteilungen über alle Vorhaben der SOK.


Kommentar von Münchner Merkur, 21. 7. 2009, verfaßt am 20.07.2009 um 17.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7808

Duden- und Wahrig-Redaktion haben gerade ihre neuen Standardwerke zur deutschen Rechtschreibung vorgelegt. 13 Jahre nach der völlig verunglückten Rechtschreibreform und drei Jahre nach ihrer teilweisen, leider viel zu mutlosen Rücknahme wäre das eigentlich eine gute Gelegenheit gewesen, das entstandene Rechtschreibchaos einzudämmen und sich auf gemeinsame Schreibweisen zu verständigen, nach der Regel: "Bei Varianten die herkömmliche." Leider genügt schon ein flüchtiger Blick in die beiden Nachschlagwerke, um ein betrübliches Fazit zu ziehen: Chance vertan.

Rechtschreibreform, Teil 3: Der Schrecken geht weiter, die Verunsicherung hält an. Während die Wahrig-Redaktion wenigstens den löblichen Versuch unternimmt, bei den vom "Rat für deutsche Rechtschreibung" seit 2006 erlaubten Schreibvarianten jeweils wieder der bewährten den Vorzug zu geben, hält der Duden am Murks der Schreibreform unerschrocken fest. Das führt dann zu solch absurden Schreibempfehlungen wie rekeln (statt räkeln), tief greifend (statt tiefgreifend), Leben zerstörend (statt lebenzerstörend) oder goethesche Dramen (statt Goethe'sche Dramen). Bewährte Schreibweisen wie "jedesmal" dagegen bleiben verboten, weil man vergessen hat, sie bei der Reform der Reform wieder zuzulassen (anders als "ein paarmal", das nie verboten wurde).

Dabei hätte der sich gern fortschrittlich gebenden Duden-Redaktion ein Blick ins Internet genügt, um zu kapieren, dass die mit brachialer Gewalt durchgedrückten Neuschreibungen sich nicht einmal dort durchgesetzt haben. 69 Prozent der Internet-Nutzer schreiben Gemse – und nicht Gämse, 72 Prozent ziehen "selbständig" dem reformierten "selbstständig" vor, und wer das neudeutsche "Spagetti" eingibt, wird vom Computer wie selbstverständlich gefragt: "Meinten Sie: Spaghetti?" Längst haben die Bürger, die wahren Herren über Sprache und Rechtschreibung, ihr Urteil gefällt. Nur die Reform-Eiferer wollen ihre katastrophale Niederlage nicht eingestehen und setzen ihre Bekehrungsversuche unverdrossen fort. Georg Anastasiadis


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2009 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7805

Die Deutsche Welle berichtet heute über Klaus Reichert, den Präsidenten der DASD:
"Die Anarchie in der deutschen Rechtschreibung trieb Klaus Reichert, dem Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, vor ein paar Jahren tiefe Zornesfalten auf die Stirn. Die Rechtschreibreform und den damit einhergehenden Wildwuchs der Schreibweisen schmähte er als Missgeburt. Doch gegen die Macht des Faktischen kam auch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nicht an. Die Reform blieb und die Verwirrung bei vielen Deutschen auch."

Der Zorn des Präsidenten richtete sich vor allem gegen die eigenen reformkritischen Mitglieder um Wulf Kirsten. Näheres über den "Dolchstoß" unter http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=507
Sogar von einem Zweifrontenkrieg sprach der Präsident: gegen die Reformer und gegen die Reformkritiker, soweit sie nicht der Meinung waren, die "Machtverhältnisse" ließen nur noch den Eisenbergschen bzw. Hentigschen Kompromiß zu. Die "Macht des Faktischen" ist eine Erfindung der Akademie, also Eisenbergs, Hentigs, Reicherts.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2009 um 09.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7804

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung kann man vergessen. Außer Reiner Kunze und eben Peter Eisenberg interessiert sich kein einziges Mitglied für Sprache und Schrift. Dieses Desinteresse war schon immer ihr Markenzeichen, neben der sprichwörtlichen Verschnarchtheit, die bei jeder Tagung mit tödlicher Regelmäßigkeit in der Presse erwähnt wurde. Nur so konnte es ja auch geschehen, daß Vorstand und Mitglieder einmal dies und kurz darauf das Gegenteil davon billigten (um das Wort "beschließen" zu vermeiden, denn das wäre schon zuviel der Aktivität). Eisenberg benutzt die DASD für seine eigenen Zwecke, recht geschickt übrigens - und warum auch nicht? Sie hat nichts anderes verdient.
Was den Rechtschreibrat betrifft, so arbeitet er pro forma noch weiter bis zum Ende der sechs Jahre und wird dann aufgelöst. Man wird so tun, als sei dies von vornherein so geplant gewesen. Wer kann sich überhaupt noch an die verschiedenen Gremien erinnern, den Beirat zum Beispiel? Alle hatten dieselbe Aufgabe, alle waren dazu geeignet, die Verantwortlichkeiten zu atomisieren und unkenntlich zu machen.


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 16.07.2009 um 21.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7802

Das wäre für Eisenberg eine sogenannte Win-win-Situation. Solange er seine beiden Stellen nicht bekommt, kann er die Wirkungslosigkeit seiner Kompromißstrategie diesem Umstand anlasten. Sobald er sie doch bekommt, hat er nicht nur zwei Schüler versorgt, sondern kann das Eingeständnis seines Scheiterns trotzdem weiter hinauszögern – weil nämlich zwei zusätzliche Leute auch beim besten Willen im Rat oder andernorts nichts auszurichten vermögen.

Es gibt nur zwei Instanzen, die die Fortsetzung des Spiels unterbinden könnten. Die eine sind die Kultuspolitiker: indem sie (oder ihr Repräsentant Zehetmair) öffentlich erklären, daß Eisenberg sich auf die beiden Stellen keine Hoffnungen machen dürfe. Sie werden sich freilich hüten.

Die andere Instanz ist die Darmstädter Akademie, in deren Namen das Ratsmitglied tätig ist. Sie hat die Darbietung inzwischen über drei Jahre lang mit erstaunlichem Gleichmut hingenommen. Vielleicht wachen die Mitglieder ja auf, wenn sie erfahren, daß Zehetmair weitere Änderungsvorschläge des Rates inzwischen ausdrücklich ausschließt. Wenigstens diese Katze hat der Vorsitzende aus dem Sack lassen müssen, als klar war, daß sich mittlerweile nicht einmal die Wörterbuchverlage mehr um sein Gremium scheren.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2009 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7801

Der Rechtschreibrat durfte offiziell nie das sein, was er faktisch von Anfang an war: ein Reparaturbetrieb. Die Fiktion "Sprachbeobachtung" (und gelegentliche Anpassung der Regeln an den Sprachwandel, was freilich nur eine sehr langfristige Aufgabe hätte sein können) hat er von der Zwischenstaatlichen Kommission übernommen. Auch diese war nichtamtlich ausschließlich mit Reparatur beschäftigt, während just dies stets bestritten wurde.
Wenn nun der Rat tatsächlich die Reparatur nicht weiterführen darf (wg. Marktberuhigung), dann hat er einfach nichts mehr zu tun. Ein so riesiges und mit vielen Laien besetztes Gremium mit der Beobachtung der deutschen Sprache zu beauftragen ist absurd, da hat Eisenberg ja recht. Aber neue Stellen für die Sprachbeobachtung braucht es auch nicht, denn damit sind Hundertschaften von Germanisten ohnehin beschäftigt, auch Eisenbergs Schüler.Daß er noch mehr davon auf bezahlte Stellen bringen will, ist verständlich und für einen Professor normal, aber die Öffentlichkeit und den Steuerzahler muß das nicht bereitwillig stimmen.


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 16.07.2009 um 09.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7800

Die Darmstädter Akademie fordert ja seit März 2006 immer wieder, den Rechtschreibrat mit "arbeitsfähigen Strukturen" auszustatten, bislang stets mit der Begründung, die Revision der Reform müsse fortgesetzt werden – und bekanntlich bislang stets erfolglos. Neu ist deshalb an Eisenbergs Äußerung gegenüber der LVZ nur, daß die von ihm gewünschten beiden zusätzlichen bezahlten Stellen nicht etwa einer Fortsetzung der Revision dienen sollen (also zu "Brimborium", wie er das jetzt nennt), sondern der Aufgabe, der sich der Rat laut Zehetmair ohnehin schon widmet, nämlich der Sprachbeobachtung.

Vielleicht hat der Vertreter der Akademie immer noch nicht verstanden, daß die Rede von der Sprachbeobachtung eben die Formel ist, die die Untätigkeit des Rates camouflieren soll: um seine Überflüssigkeit nicht eingestehen zu müssen. Vielleicht glaubt Eisenberg aber auch allen Ernstes, eine Wiederbelebung des Rechtschreibrates geschickt einzufädeln, wenn er ein großes Stück Kreide frißt und "Brimborium" sagt. Die Vorgehensweise wäre dann etwa so unauffällig wie der Bau einer Bärenfalle, und die Erwartung, daß Politiker sich dort hineinlocken lassen, hätte fast etwas Rührendes. (Einen ähnlich tapsigen Charme hatte zuletzt im Frühjahr 2004 der Versuch der Reformer, den Kultusministern die Verfahrensherrschaft abzuschwindeln.)

Sicher ist, daß Eisenberg sich selbst und seiner Akademie bis zum bitteren Ende etwas in die Tasche lügen will. Vor einem Jahr, ja, da durfte er sich noch Hoffnungen machen. Damals hatte Zehetmair selbst noch weitere Vorschläge des Rates zu Änderungen der Reform in Aussicht gestellt. Heute schließt er sie ausdrücklich aus. Die Kultuspolitiker halten es offensichtlich nicht weiter für nötig, auf Zeit zu spielen.

Der Rat hat die ihm zugedachte Aufgabe erfüllt, sie brauchen ihn nicht mehr. Auch Eisenberg hat die ihm zugedachte Aufgabe erfüllt, und auch ihn brauchen sie nicht mehr. (Trotzdem, wer weiß, vielleicht zeigen sie sich sogar dankbar und spendieren ihm eines Tages die beiden Stellen. Aber weder für die Sprachbeobachtung noch gar für eine Fortsetzung der Revisionsarbeit, sondern damit er Ruhe gibt.)


Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 15.07.2009 um 19.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7799

Ich denke, die Brimboriumsvermeidungsaussage ist taktischer Natur, um seinen Status als Zehetmairs Liebling zu festigen.

Aber auf seine Aussagen zum Rückbaubedarf bei der GKS, zu sehen etwa bei
"als Erstes", "jeder Einzelne", "des Weiteren", sollte man ihn zu gegebener Zeit festnageln.


Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 15.07.2009 um 18.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7798

Gerade der Hinweis auf das "Brimborium" ist unwürdig und geradezu peinlich für Eisenberg.

Was bitte war denn sein großer Artikel in der "F.A.Z." anderes als "Brimborium"? Er war in puncto Rechtschreibung seit einiger Zeit aus den Medien verschwunden und mußte nun den nächstbesten Vorwand nutzen, um verzweifelt noch einmal als orthographischer Retter der Nation in die Medien zu kommen. Also nur Getöse, und lautstarkes noch dazu.

Wenn nun die Gegenseite auch etwas lauter wird, dann kommt auf einmal aus Eisenbergs Mund das Wort "Brimborium", um für Ruhe zu sorgen. Lächerlich ist das. Wer Geister ruft, darf sich später nicht aufregen, wenn er sie nicht mehr los wird.

Und geradezu peinlich ist Eisenbergs Hinweis auf den "Tollpatsch". Hätte er da nicht schon vor Jahren die Möglichkeit und auch die Autorität gehabt, den wieder zum Verschwinden zu bringen? Erneut ist das in meinen Augen nur lächerlich. (Und eigentlich auch ein bißchen armselig. Das erinnert mich an ein schmollendes Kind, mit dem niemand spielen will.)


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 15.07.2009 um 16.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7797

Vor allem: Wozu braucht Eisenberg zwei bezahlte Stellen, wenn nicht für "Brimborium"? Das mit der Sprachbeobachtung klappt doch auch mit Frau Güthert allein schon recht gut.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.07.2009 um 16.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7796

Die amtliche "Sprachregelung", über die Rechtschreibreform nicht mehr zu berichten, gilt weiterhin. Reparaturen sollen in aller Stille durchgeführt werden. So wie es in der Industrie der Brauch ist: Konstruktionsfehler niemals öffentlich zugeben, sondern still und heimlich nachbessern.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.07.2009 um 16.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7795

Eisenberg will Geld ("zwei bezahlte Stellen"), das ist klar, sonst aber ist nichts klar. Was soll denn nun beobachtet werden, das Sprachgefühl und die intuitiven Schreibweisen der Leute - oder die allmählich um sich greifende Anwendung der Reformschreibung durch Programme und Textproduzenten? Warum ärgert ihn nur die Empfehlung, zwischen mehreren zulässigen Schreibweisen zu wählen, wo doch gerade die mittlerweile unzulässig gewordenen oft dem Sprachgefühl entsprechen würden?
Die Wiederherstellung sprachrichtiger Schreibweisen würde ich nicht als "Brimborium" bezeichnen, das gehört sich einfach nicht.


Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 15.07.2009 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7793

Die Schreibzensur betrifft nur die offiziellen Kanäle. Mittlerweile eröffnet aber das Internet quasi jedem, am herkömmlichen Apparat vorbei zu publizieren. Was man dort liest, ist zwar nicht repräsentativ, aber es gibt dem Leser doch einen Eindruck von der Bandbreite des Schreibgebrauchs zumindest der Netizen.

Der Rechtschreibrat ist ein politisches Gremium. Sein Zweck ist es, die Kritiker einzulullen und darüber hinaus alles für gut zu befinden, was die Wörterbuchverlage in der Zukunft aus der Rechtschreibreform machen. Die Schubladisierung der amtlichen Regeln hat ja bereits begonnen (wie vor wenigen Tagen hier zu lesen war).

Was Zensur anlangt, hat der Bundesrat bekanntlich gerade seine Zustimmung zur Einführung einer Internetzensur gegeben. Das aktuell eingeführte Verfahren ist zwar technisch völlig untauglich, aber die Tür ist nun halt offen. Daß es nur ein Spalt ist, zählt wenig. Das Entriegeln der bisher verschlossenen Tür zählt.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.07.2009 um 13.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7792

Peter Eisenberg: "Der Rechtschreibrat soll in Ruhe untersuchen, wie die Menschen wirklich schreiben." Wie will man das feststellen? Jedes veröffentlichte Wort unterliegt der Rechtschreibzensur. Obwohl in Artikel 5, Absatz (1) Grundgesetz steht: "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten... Eine Zensur findet nicht statt." und auch die Art der benutzten Rechtschreibung eine Meinungsäußerung ist, kümmert das die Druckmedien nicht. Der Rat müßte dazu z.B. Leserbriefe im Original vor der Rechtschreibzensur erfassen können. Gedrucktes auszuwerten bestätigt nur die durch die Rechtschreibzensur hineinzensierte Reformschreibung. Aber so schreiben die Menschen ja nicht wirklich. Die Meinung der Menschen zur Reformschreibung zu berücksichtigen wäre etwas völlig Neues und Ungewohntes und noch nie Dagewesenes (jetzt: da Gewesenes).


Kommentar von Leipziger Volkszeitung, 14. 7. 2009, verfaßt am 15.07.2009 um 09.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7791

Zeichen der Zeit
Wahrig und Duden bringen Ende Juli neue Wörterbücher auf den Markt

Die neuen Wörterbücher sorgen schon vor ihrem Erscheinen Ende Juli für Diskussionen. Abweichende Schreib-Empfehlungen in Wahrig und Duden lassen an der Autorität eines allgemein verbindlichen Wörterbuchs zweifeln. Kritiker fordern erneut Nachbesserungen an der Rechtschreibreform. Zudem stellt sich die Frage, ob der Duden ähnlich wie der Brockhaus das Internet fürchten muss. Von Nina May

Abwrackprämie, Feinstaubplakette, Twittern: Dies sind die Zeichen der Zeit, Sprachkonstrukte, die unsere Wirklichkeit von Finanzkrise, Klimakatastrophe bis zur Digitalisierung umreißen. Sie zählen zu den 5000 Neuaufnahmen, die Wahrig wie Duden in ihren neuen Auflagen verzeichnen. Wahrig (Bertelsmann/Cornelsen) listet jetzt 130 000 Wörter auf, der Duden (Bibliographisches Institut) 135 000. In den Wörterbüchern wird unterschiedlich mit der Rechtschreibreform umgegangen: Im 25. Duden, der am 21. Juli erscheint, fällt die rote Markierung weg, die bisher Neuschreibungen kennzeichnete. Die Reform ist Status Quo – 13 Jahre, nachdem die Regeln erstmals präsentiert wurden. Duden-Pressesprecherin Angelika Boehm: „Generationen von Schülern kennen nichts anderes, die meisten Zeitungen sind darauf umgestellt, auch die Geschäftskorrespondenzen. Die Reform ist im Schreiballtag angekommen, deshalb gibt es für uns keinen Grund, sie grafisch anders zu behandeln.“

Der 9. Wahrig hinterlegt die Änderungen weiterhin in blau und orientiert sich zudem bei Schreib-Empfehlungen stärker an der Reform der Reform von 2006, die besonders umstrittene Bereiche wie Zusammen- und Getrenntschreibung behandelte. Auf Vorschlag des von den Kultusministern ins Leben gerufenen Rats für deutsche Rechtschreibung wurden vor 1996 erlaubte Varianten wie „glückverheißend“ neben „Glück verheißend“ wieder zugelassen. Die Wahrig-Redaktion orientiert sich an dem Mix aus Alt und Neu, auf den sich die Nachrichtenagenturen 2006 einigten und empfiehlt die erste Form, die Dudenredaktion die zweite. Zwar geben beide Wörterbücher sämtliche, auch für das Schüler-Diktat gültigen Varianten an, doch legen sie den Gebrauch einer bestimmten nahe. Bei Fremdwörtern etwa setzt Wahrig auf das Original, der Duden deutscht ein. Wie jemand schreibt, hängt also im Zweifelsfall davon ab, welches Wörterbuch er benutzt. Das lässt an der Autorität eines allgemeinverbindlichen (Wahrig) bzw. allgemein verbindlichen (Duden) Regelwerks zweifeln – und liefert den Reformgegnern neuen Zündstoff.

Für Reinhard Markner von der Forschungsgruppe Deutsche Sprache sind die neuen Wörterbücher ein Alptraum (Wahrig) bzw. Albtraum (Duden). „Dadurch, dass bereits nach drei und nicht wie bisher üblich nach fünf Jahren ein neuer Duden erscheint, werden die Bemühungen des Rats für deutsche Rechtschreibung konterkariert, weitere Nachbesserungen an der Rechtschreibreform auszuarbeiten.“ Der Vorsitzende des Rates, Hans Zehetmair, sagte jedoch unlängst der Aachener Zeitung, das Gremium wolle künftig nur im Stillen arbeiten: „Er wird nicht durch Beschlüsse weitere offizielle Empfehlungen geben.“ Peter Eisenberg, der für die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung im Rechtschreibrat sitzt, befürwortet das: „Wir müssen nicht immer gleich, wenn wir etwas erkannt haben, ein großes Brimborium machen“, sagte er dieser Zeitung. Stattdessen sollte der Rat erstmal in Ruhe binnen fünf Jahren untersuchen, wie die Menschen wirklich schreiben, bevor er neue Regeln aufstelle. Dafür fordert Eisenberg die Schaffung zweier bezahlter Stellen. Hinter der Forschungsidee verbirgt sich das Ideal der Akademie, das Sprachgefühl der Menschen als Richtlinie zu nehmen. „Die Schreib-Prozesse sind unbewusst, intuitiv. Dem widerspricht es, wenn die Wörterbücher eine von mehreren möglichen Varianten als die bessere herausstellen“, sagt Eisenberg. Reformbedarf sieht er weiterhin in den Bereichen Groß-/Kleinschreibung, Kommataregelung und vor allem bei den sogenannten Volksetymologien. „Tollpatsch hat weder etwas mit toll noch mit patschen zu tun, sondern bezeichnet eine ungarische Fußtruppe, die komische Schuhe trägt. Ein Doppel-L vorzuschreiben, ist keine Volks-, sondern eher eine Staatsetymologie, die den Bildungsbürger beleidigt.“

Der Duden gibt sich in seiner Jubiläumsausgabe sehr historisch und seinen Lesern deshalb erstmals eine Übersicht mit den „wichtigsten Stationen aus der Geschichte der deutschen Orthografie, mit besonderer Berücksichtigung des Duden“. Daraus lässt sich etwa ersehen, dass Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung im 16. wie Karl Duden mit seinem Wörterbuch im 19. Jahrhundert den Deutschen ihre Schreibvarianten austrieben. Unerwähnt bleibt jedoch eine gegenläufige Entwicklung der Gegenwart: In SMS, Chatbeitrag und Tweet lässt sich zumindest eine leichte Tendenz hin zu einem größtenteils von Regeln losgelösten Schreiben beobachten. Es bleibt also die leise Vermutung, dass die Rechtschreibung als einheitliches Konstrukt, das sich auf rund 1200 Wörterbuchseiten bannen lässt, nicht viel mehr ist als – eine Chimäre (Wahrig) beziehungsweise Schimäre (Duden).

Macht das Internet dem Duden Konkurrenz?

Der Duden ist für die Sprache, was der Brockhaus einst im Bereich Wissen war. Eine Autorität – der Allgemeingültigkeitsanspruch erkennbar schon an dem Zusatz „der“. Der „Urduden“ (wie es auf Seite 150 der aktuellen Auflage heißt) von 1880 wurde „zum Grundstein für eine einheitliche Rechtschreibung im gesamten deutschen Sprachraum“. Doch das Undenkbare ist geschehen: Das Internet-Mitmach-Lexikon Wikipedia hat dem altehrwürdigen Biedermeier-Brockhaus den Rang abgelaufen, kann unter anderem viel schneller auf aktuelle Ereignisse reagieren. Könnte das auch einmal den Duden als bekanntestes deutsches Wörterbuch treffen?

Eigentlich könnte das im Abstand von mehreren Jahren herausgegebene Werk dem schnelllebigen Internet, das jeden Tag neue Trends generiert und wieder verpuffen lässt, Beständigkeit entgegensetzen und nur aufnehmen, was sich im Sprachgebrauch etabliert hat. Das ist jedoch nicht der Fall, denn eines der neuen Wörter der 25. Auflage ist „Herdprämie“. Nach der Diskussion um das Betreuungsgeld zum Unwort 2007 gewählt, ist es heute größtenteils wieder aus dem alltäglichen Wortschatz verschwunden. (Ähnliches könnte auch einmal für die „Abwrackprämie“ gelten, wenn die Wirtschaftskrise irgendwann durchgestanden sein sollte.) „Sommermärchen“ und „Fanmeile“ sind Modewörter eines lang zurückliegenden Fußball-WM-Taumels. „Erstis“ haben auch schon im vergangenen Jahrtausend „vorgeglüht“, ehe sie auf eine Party gingen und den Partner für eine künftige „Fernbeziehung“ kennen lernten. Dass neben „Ehrenmord“ auch „Stockbrot“ aufgenommen wurde, zeugt von einer gewissen Beliebigkeit. Und sagt wirklich jemand „urcool“? Bestimmte der mächtige Duden lange Zeit, wie die Deutschen schrieben, hinkt er dem Alltagsgebrauch der Sprache naturgemäß bisweilen Jahre hinterher.

Web-Wörterbücher wie woxikon.de sind jedoch noch sehr unvollständig und stellen keine ernsthafte Konkurrenz dar. Allerdings greift das demokratische Wikipedia-Prinzip auch bei der Google-Suche (welche Variante hat mehr Treffer – oft genug die falsche!), und weil Schreiben heute meist am Bildschirm geschieht, liegt der Klick ins Netz oft näher als der Gang zum Bücherregal. Könnte also das Internet den Wörterbüchern den Rang als Seismograph (Wahrig) bzw. Seismograf (Duden) der sprachlichen Wirklichkeit ablaufen? Der Dudenverkauf ließe wie beim Brockhaus etwas nach, gibt Duden-Pressesprecherin Angelika Boehm zu, sagt jedoch: „Aber die meisten Menschen wollen immer noch ein Gebrauchswörterbuch zu Hause haben.“ Zudem gebe es die – allerdings teils kostenpflichtige – Duden-Suche im Internet. Dass Tradition und Neuerung auch Hand in Hand gehen können, beweist das Medienpaket zur Jubiläumsausgabe, das auch ein Korrektur-Computer-Programm enthält. Beim Kauf kann man sich die Faksimile-Ausgabe des ersten Dudens von 1880 kostenlos herunter laden – als E-Book. may


Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 27.06.2009 um 21.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=620#7759

Wer hätte das gedacht! Kaum werden zwei neue Wörterbücher angekündigt, zeigt sich, daß die Rechtschreibreform entgegen den Äußerungen von Augst und den delirierenden Beschwörungen von Zehetmair doch noch ein Thema für die Presse ist.

Kein Wort freilich darüber, daß gerade die Presse durch ihre duckende Selbstgleichschaltung an der nun zu Recht beklagten Misere mitverantwortlich ist. Nun, immerhin kommt das vermeintlich erledigte Thema "Rechtschreibreform" auf diese Weise noch einmal an die breite Öffentlichkeit. Dafür allein muß man schon dankbar sein.



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