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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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01.08.2008
 

mdr Info
„Totgeburt durch Konstruktionsfehler“
(„Sie ziehen ziemlich vom Leder“)

Das sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, zehn Jahre nach Einführung der neuen Rechtschreibung. Sie hat zu höheren Fehlerquoten in Schulen geführt.

In dem Interview-Mitschnitt (3 min 32 s) wird vom Moderator auch der "hoffnungsvolle Blick in die Schweiz" erwähnt.



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Kommentare zu »„Totgeburt durch Konstruktionsfehler“«
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Kommentar von Inge Müncher, verfaßt am 16.08.2008 um 02.51 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7311

Jan-Martin Wiardas Artikel vom 14.08.2008 in der ZEIT online erscheint mit der Überschrift „Dummer s-Laut“ und dem Untertitel „Sprachschützer klagen Rechtschreibreform an. Doch die Belege sind schwach“ (siehe hier). Den s-Laut, stimmlos (scharf) oder stimmhaft klingend, würde ich nicht als „dumm“ bezeichnen, sondern die neue s-Regel ist unvollständig, oberflächlich von nicht intelligenten Leuten aufgestellt. Jan-Martin Wiardas berichtet, daß die Forschungsgruppe deutsche Sprache behaupte, Verstöße gegen die konkrete Schreibung des s-Lautes kämen doppelt so häufig vor wie vor der Umstellung. Jedoch ihre Belege dafür seien schwach.

Ich hatte mehrere weitere Belege aufgeführt und wollte nun meinen Text ins Kommentarfeld übertragen, aber bei der Anmeldung heißt es immer bei verschiedenen Versuchen: „Benutzername.... E-Mail-Adresse wird nicht akzeptiert“. Was mache ich falsch? Die Überschrift regt schon zum Widerspruch an, aber auf der anderen Seite bin ich froh, daß gegen die s-Schreibung wieder Artikel erscheinen. Möglichst viele Reformgegner müßten eigentlich zu diesem Artikel einen Kommentar mit überzeugenden Belegen schreiben.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.08.2008 um 23.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7310

Unlogisch: Die Reformschreibung soll leichter unterrichtbar sein, ergibt aber mehr Fehler. Also wird sie nicht gut genug verstanden. Wenn sie nicht besser gelehrt werden kann, taugt sie nichts.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 15.08.2008 um 11.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7307

Sicher, Zehetmair hat den Journalisten etwas behumst. Aber der wollte ja auch behumst werden und hat sich darum gehütet, genauer nachzufragen. Daß es keine Untersuchungen in stefanowitscher Qualität gibt, wußte (oder ahnte) der natürlich auch.

Stefanowitsch hat sich übrigens zwischenzeitlich mal zu einer sprachwissenschaftlichen Fachkonferenz (einer echten, auf der echte Studien mit echten Daten und echten Ergebnissen präsentiert werden) abgemeldet. Echte Ergebnisse (vielleicht), aber offenbar ohne echte Relevanz.


Kommentar von R. M., verfaßt am 15.08.2008 um 11.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7306

Zehetmairs Ausdrucksweise ist keineswegs verkürzt, sie ist schlicht betrügerisch.

Daß die Reformumsetzung amtlicherseits lediglich als „zufriedenstellend“ bezeichnet wird, ist aber in der Tat bemerkenswert. Da war man doch ganz andere Erfolgsmeldungen gewöhnt.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.08.2008 um 11.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7305

Man muß die Behörden-Antworten lesen wie Arbeitszeugnisse: "zufriedenstellend umgesetzt" ist nicht "erfolgreich umgesetzt". Ziel der Reform war nicht die gute Umsetzung, sondern weniger Fehlern bei Wenigschreibern. Wenn in einer Firma eine voraussichtlich qualitätssteigernde Arbeitsmethode zu mehr Fehlern führt als vorher, wird sie sofort abgestellt. Nur der Staat kann folgenlos Geld verschwenden und Mißerfolge schönreden; letzteres scheint sogar ein Hauptanliegen zu sein. Nach jeder Reform müssen die Bürger hartnäckig nach dem Erfolg fragen.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 15.08.2008 um 11.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7304

Es gibt eine einfache Methode, Auskunft über Z.s "Untersuchungen" zu erhalten. Der sogenannte Rat für deutsche Rechtschreibung pflegt eine "Bibliografie", die einen offenbar umfassenden Anspruch hat: "... die sich in zahlreichen, zum Teil bibliografisch nur schwer zugänglichen Veröffentlichungen (z.B. Festschriften) niederschlägt. Für Ergänzungen, die Sie bitte direkt Herrn Weber (E-Mail: weber@grammatik.ids-mannheim.de) mitteilen, sind wir Ihnen daher dankbar."

Ich habe dort angefragt und von Prof. Eichinger folgende Auskunft erhalten:

In der etwas verkürzten Redeweise des Interviews hat sich der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung mit den angesprochenen „Untersuchungen“ darauf bezogen, dass die im Rat vertretenen Institutionen, Verlage, Presseagenturen usw. in der entsprechenden Sitzung des Rates davon berichtet hatten, dass in ihren Bereichen die Umsetzung der letzten Regelung ohne größere Probleme umgesetzt worden seien.


Kommentar von Charlotte, verfaßt am 15.08.2008 um 10.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7303

Der Unmut bei Lehrern und Eltern scheint größer zu werden:
Die letzten Beiträge im "lehrerfreund.de"-Forum sind sehr interessant (ganz nach unten scrollen).


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 14.08.2008 um 20.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7296

Mal gesetzt den Fall, es gäbe eine solche Untersuchung – Herr Z. oder wer auch immer wäre schön blöd, sie nicht zu präsentieren. Eine stichhaltige und sauber angefertigte Studie, die nachvollziehbar den Erfolg der Reform nachweist, würde die Diskussion sofort beenden.

Es ist ja nicht so, daß wir gegen die Reform wären, weil wir gegen Reformen sind. Wir sind gegen diese Reform, weil wir berechtigte Zweifel am Sinn und an den Erfolgsaussichten dieser Reform haben.

Diese Tatsachen – die anzunehmenden Folgen einer positiven Studie und die Art der Begründung der Reformkritik – zusammengenommen lassen nur einen vernünftigen Schluß zu: Eine Studie, die zu einem positiven Ergebnis über die Folgen der Rechtschreibreform von 1996 kommt, existiert nicht.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 14.08.2008 um 20.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7295

Kann eine Untersuchung, die man kennt, nicht vorliegen?
Fingerprinz denkt in diese Richtung.
Zeitungsmeldungen zufolge hatte Dr. Zehetmair gemeint: "Die Untersuchungen, die ich kenne, belegen, dass es an den Schulen keine Probleme gibt."
Kann es also sein, daß bekannte Untersuchungen nicht vorliegen, obwohl sie etwas belegen?
Nun gut, Windfähnchen wehen im Wind und Wind kann sich drehen; was wohl in diesem Fall auf den Fähnchenrückseiten zum Vorschein kommt ...


Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.08.2008 um 12.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7294

Im "dtv-Atlas zur deutschen Sprache" wird die "Einsilberdehnung" erwähnt, die "im Mittelbairischen und Ostfränkischen in jedem Fall gilt", auch im Alemannischen und Bairischen.
Mir sind auch die bairischen Demonstrativpronomen "dös" und "des" geläufig, die lang gesprochen werden. (Der Genitiv "des" ist im Bairischen weniger gebräuchlich.) Vielleicht ist das lang gesprochene "das" die Verhochdeutschung von "dös oder "des".


Kommentar von fingerprinz, verfaßt am 14.08.2008 um 02.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7292

Der arme verdienstvolle Vorsitzende! Von "Fundiertem", das ihm gar "vorliege", spricht er ja nirgends. Wir dürfen es ihm daher auch nicht unterstellen.

Zehetmair pflegt vielmehr unter Windfähnchen Zustimmung zu suchen. Will man dies etwa nicht untersuchen heißen?! (Nur eben gemäß Anspruch und Bedürfnis von KMK und Reformern.)

Was erwarten wir denn anderes? Von wissenschaftlichen Expertisen ist bei den Genannten ohnehin wohl kaum die Rede, dagegen um so eher von jenen simpeln Wimpeln.


Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 13.08.2008 um 20.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7291

Singt Herr Dr. h. c. mult. Hans Zehetmair nicht in seiner Heimatstadt im Gesangsverein? Wer weiß, ob da nicht auch der eine oder andere Herr Lehrer Lämpel mitsingt. (Wer orgelt schließlich heute noch!) In einer Gesangspause kann man dann ja ganz zwanglos in ein Gespräch über dieses und jenes Thema kommen. Und schon hat man am nächsten Tag eine fundierte Untersuchung über die Erfolge der Rechtschreibreform vorliegen.

Die Sangeskunst vermag schließlich manches zu verklären. Wo man singt, da laß dich nieder. Böse Menschen haben bekanntlich keine Lieder.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 13.08.2008 um 20.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7290

Eine Totgeburt namens "orthographische Erleichterungspädagogik", andere sagen dazu trotz der Konstruktionsfehler einfach nur Rechtschreibreform!
Solche Analysen kann Dr. Zehetmair nicht meinen, wenn er über ihm vorliegende (problemlose) Untersuchungen berichtet. Wahrscheinlich spricht seinesgleichen (Seinesgleichen?) mit einfachen Lehrerverbandspräsidenten auch nicht – obwohl – Bayern, das wären sie ja beide ...


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 13.08.2008 um 18.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7289

O. Höher (#7287): "Warum hat Österreich dieses Prunkstück sonst 1901 bedenkenlos über Bord geworfen?"

Lesen Sie dazu mehr unter http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=391 ("Orthographische Legenden" von R. Markner; F.A.Z., 3. 2. 2006, S. 40).


Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 13.08.2008 um 17.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7288

Daß in Süddeutschland "das" "daaas" ausgesprochen wird, ist mir erstmals vor Jahren bei Paul Breitner aufgefallen (und auch jetzt bei Kraus, dessen Tonfall ansonsten eher an Franz Beckenbauer erinnert [keine Abwertung]).
Das wirft für mich die Frage auf, ob süddeutsche Kinder folgerichtig "daß" (lang gesprochen) und "dass" (kurz) schreiben; ob die Lehrer das dann in dieser Weise interpretieren oder es für den altbekannten "das vs. daß/dass"-Fehler halten, ist eine weitere Frage.


Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 13.08.2008 um 16.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7287

Mir ist aufgefallen, daß Kraus nicht nur den bereits angesprochenen Fehler begeht und die s-Schreibung als "logische" Vereinfachung preist, sondern vielmehr auch eine phonetische Unterscheidung hat. Er spricht 'daaas', um den Artikel (und womöglich auch das Relativpronomen) zu kennzeichnen, und 'dasss', um den Subjunktor klar zu bezeichnen. Das habe ich in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen in der Schule nicht erlebt. Phoentisch gab es da keinen Unterschied. Deshalb war auch die Unterscheidung zwischen dem Subjunktor 'daß' und 'das' als 'dieses', 'jenes' oder 'welches' sehr hilfreich.

Ist das nun lediglich eine bairische Spezialität, die Kraus da offensichtlich unbewußt vorführt oder wird das inzwischen – zusammen mit dem Lang- und Kurzvokalblödsinn – tatsächlich so an Schulen vermittelt? Ich komme nicht aus Bayern (oder besser: Süddeutschland) und bin daher wirklich auf Informationen angewiesen. (Ich glaube mich allerdings zu erinnern, daß mich Münchener Bäcker schon fragten "Waaas kann i für Sie tuan?")

Um nochmal auf dem vermeintlichen Trüffel der Reform, der s-Schreibung, herumzureiten. Denn dieser Budenzauber ist ja tatsächlich von Anfang an dabei. Und man kann ohne Übertreibung feststellen: Das klappt nun nachweislich seit 1996 nicht. Mich interessiert daher herzlich wenig, ob das in Lehrerzimmern nicht mehr, oder vielleicht doch noch, diskutiert wird. Die Fakten sprechen gegen dieses Modell. Ganz ehrlich hat es ja schon im 19. Jahrhundert offensichtlich nicht funktioniert. Warum hat Österreich dieses Prunkstück sonst 1901 bedenkenlos über Bord geworfen?

Wir sind tatsächlich die einzige Spezies auf diesem Planeten, die absolut lernresistent ist. Na Hauptsache, wir halten uns für die Krone der Schöpfung! Zählen kann dieser einsame Gipfel der Evolution ja wohl auch nicht. Da nun an den von Herrn Ickler so genannten Nicht-Gelenkpositionen zwischen s, Doppel-s und ß zu unterscheiden ist, gibt es nun drei Alternativen, wo es bislang nur zwei gab. Wie kann – rein rechnerisch – etwas, das sich vermehrt hat, einfacher und leichter lernbar sein? Vielmehr hat sich die Anzahl der Fehlerquellen vermehrt. Der gepriesene Pilz stinkt somit!


Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 13.08.2008 um 15.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7286

Ich fand's schon recht erhellend, was der Mann über die Wirklichkeit in den Schulen gesagt hat: Heyse wird ernsthaft kontrolliert, bei allem anderen Kraut und Rüben.

Das deckt sich mit Aussagen mir bekannter Lehrer, die außer Heyse alles nach bewährter Rechtschreibung verfassen.


Kommentar von K.Bochem, verfaßt am 13.08.2008 um 13.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7285

Der DL-Vorsitzende irrt, wenn er meint, die Schulen müßten einfach nur die Regel, "ß" nach langem und "ss" nach kurzem Vokal, den Schülern konsequenter beibringen. Das Gegenteil ist nach meiner Kenntnis der Fall: In allen Grundschulen, die ich kenne - und das sind schon einige - wird diese Regel regelrecht zu Tode geritten mit dem Ergebnis, daß die Kinder dann nach allen langen Vokalen "ß" und nach allen kurzen "ss" schreiben. Da man nach der Einschulung das sichere Erkennen einer Vokallänge bzw. -kürze trainiert, kann man sich darauf verlassen, daß die Wörter und Texte fast konsequent den neuen Fehlertypus hervorbringen (u.a. Atlass, hassten (laufen), Lisste, Apfelmuß).


Kommentar von n.n., verfaßt am 13.08.2008 um 11.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=600#7284

Interessant, daß Kraus das eigentliche Problem der s-Schreibung falsch benennt. Das Problem der Kurzformel "nach langem Vokal kommt Eszet, nach kurzem Doppel-s" ist ja nicht, daß Sie nicht zu vermitteln wäre, sondern daß sie schlichtweg in dieser Einfachheit nicht gilt.



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