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01.04.2008
 

Das Tagblatt der Zukunft
Tip(p)s vom «klugscheisser.ch»-Team

Die jungen Merker des St. Galler Tagblattes wenden sich gegen die „Vorgaben der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK)“.

Die neusten Leserzahlen sprechen Klartext: 15 000 Leser hat das Tagblatt im letzten Halbjahr laut Medienanalyse der Wemf verloren. Ganz anders die Gratiszeitungen: Sie legten wieder kräftig zu. Gerade Jugendliche informieren sich heute meist bei «20 Minuten» und Co. – Bezahlzeitungen wie das Tagblatt werden jedoch immer weniger gelesen.

Wie soll das Tagblatt dieser Entwicklung begegnen? Hat das Tagblatt so längerfristig eine Zukunft? Wir sind überzeugt: Ja, das Tagblatt könnte auch im Zeitalter der Gratiszeitungen wieder neue Leser gewinnen und seine Position als Tageszeitung der Ostschweiz verteidigen. Aber nur, wenn bald grundlegende Änderungen vorgenommen werden. Und diese müssen weit über die bisherigen Faceliftings hinausgehen!

Deshalb blicken wir in diesem Merker für einmal nicht zurück, sondern voraus. Wir haben uns Gedanken gemacht, wie das Tagblatt der Zukunft aussehen könnte.

Tagblatt muss schrumpfen

Eines der grössten Probleme des Tagblatts ist für uns sein Format. Wer morgens mit Bus oder Zug unterwegs ist, kennt das Problem: Es ist eine echte Herausforderung, das Tagblatt zu lesen, wenn links und rechts jemand sitzt. Kein Wunder, lesen die meisten Pendler lieber die handlicheren Gratiszeitungen im Tabloid-Format. Wir wünschen uns auch das Tagblatt in einem kleineren Format.

Doch wäre das Tagblatt nach einem Wechsel zum Tabloid-Format noch von den Pendlerzeitungen zu unterscheiden? Ja! Das hat es diesen Monat selbst bewiesen. Am 7. März erschien eine 40seitige Beilage zu den St. Galler Regierungs- und Kantonsratswahlen (siehe Bild). Diese wurde im Tabloid-Format und im gewohnten Tagblatt-Design gedruckt. Die Beilage wirkte seriös, war aber im Gegensatz zum eigentlichen Tagblatt sehr handlich!

Turnverein und Männerchor

Aber nicht nur das Äussere des Tagblatts muss sich ändern, auch inhaltlich muss es neue Wege gehen. Heute versuchen die Redaktoren häufig einen schier unmöglichen Spagat zwischen amtlichem Publikationsorgan und grosser Tageszeitung zu machen. Häufig kommt das Tagblatt deshalb wie ein Gemischtwarenladen daher.

Ein Beispiel: Die Lokalteile der kleineren Gebiete berichten immer wieder über die Hauptversammlungen von Vereinen. «Neues Logo für den MV Rheineck» (4. März), Männerchor Waldkirch: «Vizepräsident wird Präsident» (25. März), Turnerinnen Andwil: «Sechs fleissige und vier neue Turnerinnen» (25. März) – so die Schlagzeilen. Im Lokalteil der Stadt St. Gallen sind solche Meldungen nie zu finden. Es ist nicht nachvollziehbar, wieso die Hauptversammlung der Andwiler Turnerinnen ins Blatt kommt, die HV eines St. Galler Turnvereins jedoch nicht.

Oder ein anderes Beispiel: Am 4. März erschien auf der Lokalseite «st. gallen und umgebung» der Artikel «Politik statt Sonntagszopf». Dieser handelte von einem ungleichen Ehepaar: Die Frau politisiert bei der CVP, ihr Mann bei der SVP – und beide kandidierten sie für den St. Galler Kantonsrat. Eine witzige und aussergewöhnliche Geschichte. Völlig unverständlich, dass sie auf «St. Gallen und Umgebung» versteckt wurde. Eine solche Geschichte interessiert in der ganzen Ostschweiz.

Zu den Gewichtungsproblemen kommt es, weil auf den Lokalredaktionen zum Teil sehr unterschiedliche Mentalitäten herrschen. Es gibt keine einheitliche Themengewichtung, und für verschiedene Redaktionen gelten offenbar unterschiedliche Qualitätsstandards. Jede Redaktion funktioniert wie ein eigener Mikrokosmos. Eine Zusammenarbeit findet kaum bis gar nicht statt. Das Tagblatt bräuchte dringend eine Instanz, die die Arbeit der Lokalredaktionen kontrollieren und koordinieren würde.

Lokalredaktionen nutzen

Auch sonst müssten die Lokalredaktionen besser eingebunden werden. Es erstaunt immer wieder, dass die kleinen Internet- und Gratiszeitungen oft bessere und spannendere Geschichten recherchieren als das grosse Tagblatt. So druckte das Tagblatt zum Beispiel am 28. März eine Meldung der Kantonspolizei über einen Mann, der in Oberbüren illegal Reifen im Wald entsorgt hatte. Die «20 Minuten»-Redaktion machte mehr aus der Geschichte: Sie fand heraus, dass der Täter dank einer Nonne überführt werden konnte. Gerade bei solchen Geschichten wäre das Tagblatt eigentlich im Vorteil: Mit seinen Lokalredaktionen ist es in der ganzen Ostschweiz viel besser vertreten als die kleinen Medien, die meist nur eine einzige Ostschweizer Redaktion haben. Die Tagblatt-Redaktoren müssen wieder öfters selbst recherchieren und mehr miteinander zusammenarbeiten – nur so kommen spannendere Geschichten ins Blatt.

Ein Durcheinander

Beim Tagblatt der Zukunft sollte auch die Seiteneinteilung überarbeitet werden. Zum Beispiel beim Sport. Heute finden sich nicht nur im «sport»-Bund Wettkampfberichte. Auch in den Lokalbünden tauchen immer wieder Sport-Seiten über das regionale Sportgeschehen auf. Diese Seiten gehören zum restlichen Sport!

Auch Kulturinteressierte haben's nicht leicht. Die Berichte zu Kultur-Themen verteilt das Tagblatt sogar auf drei Bünde: Im «wirtschaft & kultur»-Teil wird über grössere Kulturthemen geschrieben, im «region»-Bund gibt's jeweils eine Seite zum lokalen Kultur-Geschehen, und die neusten Kinofilme werden jeweils in der Wochenagenda im Bund «sport» vorgestellt. Wobei der Leser auch hier nicht immer sicher sein kann, alle Filme zu finden: Grössere Filme schaffen es manchmal auch, im «wirtschaft & kultur»-Teil erwähnt zu werden.

Informationen ins Netz

Um junge Leser abzuholen, muss das Tagblatt aber auch noch an einem ganz anderen Ort ansetzen. Die Zeitung muss besser mit dem Internet verknüpft werden. Bis anhin werden nur die Texte aus der Zeitung auf die Tagblatt-Homepage übernommen. Dabei könnte das Tagblatt mit einem besseren Internetauftritt viele Punkte holen: Es könnte Hintergrund- und Zusatzinformationen im Internet bereitstellen. Zum Beispiel könnten weitere Fotos zu einem Thema, die nicht gedruckt wurden, im Internet publiziert werden. Oder die Beiträge von Tele Ostschweiz und Radio aktuell könnten zu den jeweiligen Themen verlinkt werden. Ohne grossen Aufwand könnte das Tagblatt hier ein multimediales Internetportal aufbauen. Und das ist längst überfällig. Denn: Andere Zeitungen sind dem Tagblatt hier einen Schritt voraus.

Neue alte Rechtschreibung

Und noch etwas sollte sich beim Tagblatt der Zukunft dringend ändern: Nach dem jahrelangen Hin und Her um die neue Rechtschreibung hat das Tagblatt aus unserer Sicht einen Schritt zurück gemacht. Neuerdings hält sich das Tagblatt nämlich nicht mehr an die neue Rechtschreibung, sondern befolgt die Vorgaben der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK). So ist ein «Tipp» im Tagblatt beispielsweise plötzlich nur noch ein «Tip». Das verwirrt uns junge Leser, die in der Schule die neue Rechtschreibung lernen müssen. Falsch geschrieben wird sonst schon genug – da brauchen wir nicht auch noch eine eigene Tagblatt-Rechtschreibung!

Übersichtlicher und spannender

Für das Tagblatt gibt es viel zu tun, wenn es im immer härteren Lesermarkt bestehen will. Wir jungen Leser wollen eine übersichtliche, multimediale und vor allem spannendere Zeitung. Wenn es das Tagblatt dorthin schafft, wird hoffentlich auch der Leserschwund aufhören.

Das «klugscheisser.ch»-Team

redaktion@klugscheisser.ch


Link: http://www.tagblatt.ch/tagblatt-alt/tagblattheute/hb/eserbriefe/tb-fm/art823,220816


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Kommentare zu »Das Tagblatt der Zukunft«
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Kommentar von „klugscheisser“, verfaßt am 31.12.2008 um 14.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#7485

Merker auch in Zukunft!
Zuletzt noch dies: Wir finden es beachtlich, dass es den Tagblatt- Merker überhaupt gibt. Dass eine externe Kritik im eigenen Blatt abgedruckt wird, ist nicht selbstverständlich. Das zeigte sich auch, als wir Ende März einen ziemlich angriffigen Merker veröffentlichten, der danach im Forum einer deutschen Sprachforschungs-Homepage diskutiert wurde. Schon bald schossen dort die Spekulationen ins Kraut, was hinter diesem «Merker» stecken könnte. Diskutiert wurde unter anderem, ob er ein Aprilscherz des Tagblatts sei oder ob ein «Profi der Konkurrenz» hinter dem Text stecke. Am witzigsten fanden wir die Mutmassung, dass der Merker aus der Feder «eines etwas ungeduldigen (und ziemlich törichten) Kronprinzen für das Amt des Chefredaktors» stammen solle. Offensichtlich konnte sich keiner der Diskutierenden wirklich vorstellen, dass eine Zeitung eine solche Kritik im eigenen Blatt abdrucken würde. Das Tagblatt hatte diesen Mut und dafür wollen wir uns bedanken. Wir hoffen, dass es die Institution «Merker» auch in Zukunft gibt.

Das «klugscheisser.ch»-Team

redaktion@klugscheisser.ch

(St. Galler Tagblatt, 31. 12. 2008, http://www.tagblatt.ch/magazin/tb-fm/MERKER;art329,1233076)


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 12.04.2008 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6667

Nachtrag. Bei Sitta und Gallmann scheinen mir die "Prinzipien" eine doppelte Funktion zu erfüllen. Zum einen dienen sie dazu, das Realitätsprinzip (Kalauer, pardon) zuzulassen, nur um es dann wegen der mit ihm verbundenen evidenten Unzuträglichkeiten sogleich wieder aus der Theorie hinauszueskamotieren. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu Althusser (und zu ernsthafter Theorieanstrengung überhaupt). Zum anderen erlaubt gerade die Disparatheit der Prinzipien, nach Belieben zu verfahren. Wo Disparatheit in reiner Form auftritt, also in der Logik, gilt entsprechend "ex contradictione quodlibet".


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 12.04.2008 um 14.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6666

Lieber Herr Metz, vielen Dank für Ihre erhellenden Ausführungen.

Die Sitta-/Gallmannschen Theoriebemühungen erinnern ein wenig an Louis Althussers Versuch in den 60er und 70er Jahren, den Marxismus strukturalistisch zu retten; ein Versuch, der bekanntlich im Wahnsinn endete. Diesen Gefallen werden uns die beiden jedoch nicht tun, weil sie gar nicht sehen, daß ein Problem bekommt, wer von disparaten ("konkurrierenden") Prinzipien ausgeht, die je für sich genommen unzureichend sind und zusammengenommen nicht konsistent.

Zumindest halten sie sich gar nicht mit diesem Problem auf, sondern wechseln gleich auf die "Ebene" der Regeln, deren Seinsweise nicht als die eines Vorfindlichen, sondern eines Festgelegten näher bestimmt wird, die also dem Grammatiker, Syntaktiker oder Fundamentalorthographen zur freien Verfügung stehen. Und sollte es auf der Ebene der Regelkonstruktion einmal klemmen, also eine Ausnahme vorkommen, wechseln sie auf die Ebene der Einzelfallfestlegung, auf der der Beweis für die Unzulänglichkeit des Konstrukts umgehend verschwindet.

Der Fundamentalorthographie begegnet ihr Gegenstand offenbar nur auf der Ebene der Prinzipien als eine von ihr selbst unterscheidbare krude und widerständige Wirklichkeit; alles andere hat sie immer schon im Griff. Da kann es nicht groß verwundern, wenn sie gleichsam im Vorbeigehen auch festlegt, wer wann Dreifachkonsonanten als störend empfindet. – Das ganze Unternehmen kann man, je nach Laune, als gelunge Parodie von Theoriebildung empfinden oder als eher bedrückendes Beispiel dafür, wie weit Wissenschaftler sich manchmal verirren.


Kommentar von R. M., verfaßt am 12.04.2008 um 11.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6665

Die Schreibweise Tipps hat es „früher“ nicht gegeben.


Kommentar von K.M., verfaßt am 12.04.2008 um 00.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6664

Da fällt mir ein, daß ich neulich die englische Version des Web-Auftritts unserer Firma ändern mußte, weil meine neudeutschen Kollegen dort mehrfach "Tipps" geschrieben hatten. Und das, obwohl die deutsche Version noch vollständig in alter RS gehalten ist und so auch gepflegt wird. Aber was will man erwarten, wenn Pro7 mit "Entertainment Tipps Music" Werbung macht...

K.M.


Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 07.04.2008 um 11.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6650

Früher gab es Rubriken namens "Tipps und Tips", in denen Vermutungen und dazu passende Ratschläge gebracht wurden.
Würde man heute so etwas machen, verstünde das keiner. Das ist ein beklagenswerter Verlust.
Ich bin sicher, daß Google keine Seiten anbietet, die unter "Reisetips" Empfehlungen aussprechen und unter "Reisetipps" Mutmaßungen über Reisen anstellen.

Die Erklärungen der Reformer hören sich so wunderbar schlüssig und einleuchtend an, daß viele darauf reinfallen. Man muß sich schon die Mühe machen, einen Augenblick über eine Behauptung nachzudenken, damit einem auffällt, daß sie Quatsch ist.
Reformgegner tun das, und wer es tut, wird Reformgegner. Und wer mit dem spricht, der nicht darüber nachdenkt, gilt sofort als notorischer Nörgler und Haarspalter.


Kommentar von b.eversberg, verfaßt am 07.04.2008 um 08.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6649

Neue Schreibweisen sind vom Übel beim Suchen: Zwar gleichen Google und Yahoo inzwischen so manches aus, aber man bekommt doch unterschiedliche Ergebnisse, wenn man Kombinationen mit "Reisetipps" und "Reisetips" versucht. Wobei Google hier anscheinend beide fast gleichwertig behandelt, aber "Wandertips" nicht. Es bleibt blauäugig, daß die Software schon alles richten werde. Die selbstgeschaffenen Komplikationen waren jedenfalls überflüssig und bleiben kontraproduktiv.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.04.2008 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6648

Eine größere Erleichterung wäre es, für englische Fremdwörter nur eine einzige Schreibweise lernen zu müssen, nämlich die originale.


Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 06.04.2008 um 23.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6647

Da die Eidgenossen ungerührt an ihrer s-Schreibung festhalten, werden die Schweizer Schüler bereits um das Prunkstück der Reform betrogen. Jetzt soll auch noch der Tipp dran glauben! Da war mal ein geharnischter Protest der Klugscheisser fällig, keine Frage. Aber im Ernst: Sieht man von der schwer entscheidbaren Frage der Groß- und Kleinschreibung nach Doppelpunkt einmal ab, so entspricht das rund 1000 Wörter umfassende Pamphlet der besorgten Jugendlichen zu fast hundert Prozent sowohl der amtlichen Rechtschreibung von 2006 als auch den SOK-Empfehlungen. Die einzige Differenz betrifft die »40seitige Beilage«, bei der sich die engagierten Autoren (wenn denn nicht die »Tagblatt«-Redaktion das Original verfälscht hat) sogar einer »verwirrenden« klassischen Schreibung bedient haben. Das ist zwar eine rein quantitative Betrachtung, aber ich tue mich schwer mit der Vorstellung, daß so selbstbewußte und offensichtlich kompetente Schreiber und Leser durch einen Tip oder ein im übrigen ins Straucheln geraten könnten.

Die Stärkung des »Stammprinzips« (nach Augst und Gallmann/Sitta) soll die Schreibung vereinfachen. Ob tatsächlich ausgerechnet Schreibanfänger und Wenigschreiber in solchen Kategorien denken? Und glaubt wirklich irgend jemand, daß der gewaltsame Eingriff in einen sehr kleinen, willkürlich ausgewählten Teil eines wiederum sehr kleinen Teils der Schreibwirklichkeit im Namen irgendeines Prinzips je eine Vereinfachung bewirken könnte? In entwickelter Orthographie schrieb und schreibt man Tip und Trip, fit und hip, Jet und Job, Pop und Flop. Das mag dem Stammprinzip widersprechen (wegen tippen und trippen, fitter und hipper, jetten und jobben, poppig und floppen), ist aber dennoch konsequent und entspricht der Praxis, einsilbige Wörter englischen Ursprungs orthographisch unverändert ins Deutsche zu übernehmen. Welchen Sinn soll es haben, eine einzelne Blume aus dieser Rabatte herauszurupfen und in ein anderes Beet zu verpflanzen? Gibt es irgendwelche Belege dafür, daß Schüler inzwischen weniger »Tip(p)-Fehler« machen? War das Wort überhaupt je eine nennenswerte Fehlerquelle? Und was wäre gewonnen, wenn sich tatsächlich herausstellen sollte, daß heute mehr Schüler Tipp statt Tip als früher Tip statt Tipp schreiben, daß sich aber zugleich, wegen der Vorbildwirkung, Fehlschreibungen wie Tripp und Flopp häufen? Mit Verlaub, das ist doch alles Pippifax!

Und dann noch etwas Grundsätzliches: Wie begründen die Reformer eigentlich ihre Zuversicht, daß die Stärkung des Stammprinzips (was ja wohl heißen soll: seine konsequentere Anwendung) die Rechtschreibwelt ein kleines bißchen besser macht? Wäre diese Welt mit Schreibungen wie *Ältern, *Buss, *hätzen und *hassst womöglich noch besser? Woher wollte man vor der Reform wissen, welche Konsequenzen das Drehen an den Stellschrauben der verschiedenen Prinzipien in der Sprachwirklichkeit haben wird? Ein bißchen mehr Stammprinzip auf Kosten des ästhetischen Prinzips hier, noch ein Schuß grammatisches Prinzip zu Lasten des Homonymieprinzips dort? Gallmann/Sitta stellen selbst fest, »dass die Prinzipien insgesamt nicht in dem Sinne ein geordnetes System bilden, dass jedes für sich in seinem jeweiligen Wirkungsbereich scharf vom anderen abgegrenzt wäre«. Es könne »auch nicht die Rede davon sein, dass innerhalb der Prinzipien selbst festgelegt wäre, wie weit sie gelten bzw. welchen Bereich der Schreibung sie betreffen.« Kann man sie also beliebig für anwendbar oder eben nicht anwendbar erklären? Offenbar ja, denn dafür gibt es ja die Regeln: »Sie [die Prinzipien] sind von verschiedenen Seiten her entwickelt worden, ihre Wirkungsbereiche überlappen sich zum Teil. Dabei ergänzen sie einander manchmal, häufiger aber stehen sie im Widerspruch zueinander: Es kommt zu einer Konkurrenz der Prinzipien […]. Abhilfe schaffen hier die Rechtschreibregeln; auf ihrer Ebene wird festgelegt, wann welches Rechtschreibprinzip wie anzuwenden ist« (Gallmann/Sitta: Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, Duden, 1996, S. 43 f.). Nun hören die Prinzipien aber nicht auf, einander zu widersprechen, wenn sie gleichsam mal an- und mal ausknipst werden. Und sie hören, wenn es sie denn gibt, auch nicht auf zu wirken. Aber wie wirken sie? Was tut der Schreiber bewußt, was halb- und was unbewußt? Hat jemand einmal objektiv untersucht, ob ein Schreibanfänger tatsächlich »Tip« mit »tippen« assoziiert und deshalb komplett verwirrt ist, wenn er erfährt, daß man das Wort mit nur einem p schreibt? Was, wenn er »Tip« völlig normal findet und daraus »tipen« ableitet? Oder wenn ihm weder »Tip« noch »tippen« Schwierigkeiten bereiten? Machen sich Schreibroutiniers womöglich ganz falsche Vorstellungen von den Sorgen und Nöten orthographischer Grünschnäbel?

Welche Teile der Reform beruhen auf weithin anerkannten Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung und welche auf bloßen Vermutungen und unbewiesenen Behauptungen? Daß man in grauer Vorzeit »Schiffahrt« und nicht »Schifffahrt« schrieb, begründen Gallmann und Sitta (ebd., S. 42, Hervorhebung von mir) mit dem ästhetischen Prinzip: »Ästhetische Gründe standen hinter der sogenannten 3-Buchstaben-Regel […]: Danach wurden bei Wortzusammensetzungen drei aufeinander folgende gleiche Buchstaben nur dann geschrieben, wenn auf den dritten ein Konsonant folgte (Fetttropfen), nicht aber bei nachfolgendem Vokal (Fettopf). Hier schätzt man heute die verwirrende Wirkung der drei gleichen Buchstaben geringer ein und lässt immer alle drei Buchstaben stehen: wie bisher Fetttropfen, so neu auch Fetttopf.« Woher wissen diese Leute das?! Wer ist »man«?

Und noch ein Letztes: Wieso soll ausgerechnet das Stammprinzip (bzw. das »Prinzip der Schemakonstanz«) das Schreiben erleichtern? Gallmann/Sitta (ebd., S. 34) führen zur Erläuterung dieses Prinzips aus: »Das Lesen wird erleichtert, wenn man verwandte Wörter und Wortformen möglichst ähnlich schreibt. Der Grund dafür ist wohl, dass wir beim Lesen nicht Buchstaben um Buchstaben erfassen, sondern größere Einheiten, also Wortteile und ganze Wortformen. Diese ordnen wir Schriftbildern zu, die wir in irgendeiner Weise in unserem Gehirn abgespeichert haben.« Es wird also das Lesen erleichtert. Herr Augst sah das offenbar anders.


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 02.04.2008 um 13.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6638

Auch bei "Zeitung in der Schule" kommen die Texte der Schüler normalerweise erst nach gründlicher Bearbeitung ins Blatt, insofern gibt es eine Parallele. Ungewöhnlich ist dagegen, daß die Redaktion einen Beitrag komplett selbst schreibt und diesen dann noch zu einem Generalangriff auf die Konzeption des eigenen Hauses nutzt. Möglicherweise strebt das St. Galler Tagblatt ja ganz neuen Ufern zu; dann wäre der "Klugscheißer"-Artikel ein geschickter Marketing-Schachzug ("Schaut her, wir hören auf unsere jungen Leser..."). Dafür plaudert der Verfasser jedoch zu viele Interna aus. Ich glaube deshalb eher an die Aktion eines etwas ungeduldigen (und ziemlich törichten) Kronprinzen für das Amt des Chefredaktors.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 02.04.2008 um 09.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6637

Mir erscheint die Klugscheißerei als ein halbgares Produkt vom Typ "Zeitung in der Schule". Ähnlichem verdanken wir ja wohl auch den Umfall der FAZ.


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 02.04.2008 um 08.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6636

"Das verwirrt uns junge Leser." Der Satz klingt in der Tat nicht wie der von einem jungen Leser, sondern wie von einem, der auf seine Jugendlichkeit hinweisen möchte. Daß der Verfasser speziell etwas gegen die SOK hat, bezweifle ich dagegen. Dafür steht der Passus zu weit unten, zumindest in einem Text, der von so viel blattmacherischer Professionalität zeugt bzw. so sehr von dem, was in der heutigen Generation der Blattmacher als professionell gilt. Das beginnt bei der Empfehlung des Tabloid-Formats und geht bis in die Details, z.B. bei der Stärkung der lokalen Kompetenz durch "eine Instanz, die die Arbeit der Lokalredaktionen kontrollieren und koordinieren würde"; die Bezeichnung "Redaktionsleiter" für diese Instanz wird gerade noch vermieden.

Daß es zwischen den Redaktionen des Tagblatts überhaupt Koordinationsprobleme gebe, daß sie Themen unterschiedlich gewichteten und nach unterschiedlichen Qualitätsstandards arbeiteten, kann sowieso nur einem Insider auffallen, oder jemandem, der die diversen Ausgaben des Blattes über einen längeren Zeitraum hinweg sehr genau beobachtet hat: also einem Profi von der Konkurrenz. Der wiederum würde sich nicht öffentlich den Kopf der Tagblatt-Herausgeber zerbrechen.


Kommentar von jueboe, verfaßt am 01.04.2008 um 17.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6634

Aprilscherz? Nach über 10 Jahren Reform übertrifft die Realität doch noch immer jeden Aprilscherz.
Ich bin inzwischen bereit, nahezu alles zu glauben. Wenn demnächst ein Kultusminister eine Rechenreform mit einer Vereinfachung des Kleinen Einmaleins ankündigen würde, ich würde es der KMK glatt zutrauen.


Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 01.04.2008 um 17.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6633

Einverstanden, dann also kein Aprilscherz. Ich lasse mich jederzeit belehren.

Somit bleibt noch mein Hinweis auf den "Besserwisser", dem (Pardon, denen) hier aber deutliche Recherchefehler unterlaufen sind. Denn die reformierte Fassung der reformierten, reformierten Rechtschreibung, kurz (womöglich fehlt einmal "reformiert"): der Stand von 2006 ist nun wieder sehr nah an die normale Rechtschreibung gerückt. Deshalb müssen die Klugscheißer wohl zum Tip-Strohhalm greifen.

Ansonsten ist ihre Zeitung sehr gespickt mit Anglizismen (wie zu erwarten war) und deutlich farbenfroher als das "St. Galler Tagblatt". Farbenfroh ist aber auch der letzte Duden geworden. Ob das ein Qualitätsmerkmal ist?

Schließlich noch ein böser, wenngleich wahrer Hinweis auf die angesprochene Multimedialität (auch so ein alles heilendes Zauberwort): Schweizer Jugendliche verwenden schon längst den sonst in ihrem Lande verpönten Buchstaben "ß" in ihren Telephontexten (Danke, Herr Schatte). So wird dort aus der "Swiss" die "Swiß". Warum? Es spart einfach ein Zeichen. Vielleicht sieht es auch noch "cool" aus, das weiß ich nun nicht mit Bestimmtheit. Aber Auffallen gehört ja auch zum gesellschaftlichen Status.


Kommentar von (Red.), verfaßt am 01.04.2008 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6632

Es handelt sich nicht um einen Aprilscherz, das Druckdatum des Originaltextes war der 31. März (bitte dem angegebenen Link folgen). Zu den "Besserwissern" siehe auch hier: www.klugscheisser.ch


Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 01.04.2008 um 16.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6631

Womöglich ist das ganze auch nur ein Aprilscherz.

Wenn es freilich keiner ist, dann ist der wohl selbstgewählte Name symptomatisch: Klugscheißer. Ein anderes Wort dafür ist doch "Besserwisser". Eine Chance, mit besseren Argumenten zu überzeugen, hat man dann eh nicht. Der Klugscheißer weiß einfach immer alles besser.

Allerdings überwiegen bei mir die Zweifel wegen des Datums...


Kommentar von jueboe, verfaßt am 01.04.2008 um 16.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6630

"Das verwirrt uns junge Leser" – woher weiß der Autor das denn eigentlich?
Ist es etwa so, daß in der Schweiz ständig Jugendliche orientierungslos durch die Straßen torkeln und als hilflose Personen von der Polizei aufgegriffen werden, weil sie Tip mit einem p gelesen haben und deshalb in einen Zustand akuter Verwirrtheit verfallen sind? Dann jedenfalls wäre die Verwirrung nachweisbar und belegbar. Dem scheint aber wohl nicht so zu sein.
Die Aussage "Das verwirrt uns junge Leser" erinnert wegen ihres Intelligenzgehaltes eher an Doris Ahnen als an eine authentische Aussage aus dem Munde eines Jugendlichen und muß deshalb als vollkommen unglaubwürdig angesehen werden. Das Schöne an solchen Aussagen ist, daß niemand sie nachprüfen und damit auch nicht widerlegen kann.
Das ganze riecht nach plumpem Lobbyismus und Kommandojournalismus. Irgendjemand mit viel Geld und viel Einfluß versucht offenbar, die Arbeit der SOK zu torpedieren.


Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 01.04.2008 um 13.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6628

Wer erkannt hat, daß er sich auf einem Irrweg befindet, kommt um (mindestens) einen »Schritt zurück« nicht herum.


Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 01.04.2008 um 12.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=581#6627

Wieso sollte die Schreibweise "Tip" nach einer der neuen Rechtschreibungen falsch sein? Man darf doch hoffentlich weiterhin gelegentlich englische Fremdwörter einfließen lassen.



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