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01.03.2008
 

Stefan Stirnemann
Dem Merker eine Schuldbefreiung

Diesmal geht der Merker auch auf das Vademecum des St. Galler Tagblattes ein, den ersten Leitfaden einer großen Tageszeitung, welcher die Empfehlungen der SOK aufgenommen hat.


Friedrich Rückert (1788–1866) war Dichter und Gelehrter, ein Meister der Sprache und Sprachen, der mit seinen Übersetzungen zwischen Weltgegenden und Weltsichten vermittelte. Einer wie er täte not – wir brauchen heute Vermittlung, und nur der kann diesen Dienst tun, der sich aufs Wort versteht.
Rückert beginnt sein Gedicht Mohammeds Spruch von den Lehrern so: Mohammed sprach: Die besten von allen / Menschen, die auf der Erde wallen, / Der göttlichen Gnaden Mehrer, / Sind die Lehrer.

Lehrer und Merker haben etwas gemeinsam, sie schütteln sich in einer traurigen Gegend die Hand. Ist der Lehrer, wenn er sich selber missversteht, vor allem dazu vorhanden, Fehler zu brandmarken, so hat der Merker, nimmt er seinen Auftrag ernst, erst recht das Falsche zu suchen. Und dass, wer da sucht, finden wird, das steht in der Bibel. Der Lehrer ist vielleicht müde und hat keine Kraft, zu prüfen, ob nicht das, was der rundköpfige Kleine in der ersten Reihe schrieb und was ihm so falsch vor den Lehreraugen flimmert, irgendwo klug, einfach nur eigentümlich überlegt ist. Und der Merker, sitzend vor dem Februar-Stapel des Tagblattes, reibt sich die Stirn und seufzt: „Hoffentlich finde ich in jeder Nummer rasch drei deutliche Fehler“ – ohne daran zu denken, dass doch jeder Fehler in einem grossen Ganzen steht, das keineswegs falsch ist. Und er will nicht nur seiner Pflicht genügen, er will auch seinen Scharfsinn beweisen. Thomas Mann schrieb am 11. Juli 1950 an Theodor W. Adorno über einen Kritiker, der im Roman „Doktor Faustus“ das Gras wachsen hörte: „Aber man will eben so viel wie möglich ‚merken’.“ Die eigentliche Aufgabe wäre doch, dem anderen bescheiden das Richtige, Wahre und Schöne zu zeigen. Da sie dies so leicht vergessen, bedürfen Merker wie Lehrer einer Schuldbefreiung.
Zunächst werde die Schuld des Merkers weiter gehäuft; ich zitiere die Stellen mit Artikeltitel (wo nötig), Tag und Seite; Hervorhebungen sind kursiv.

Versehen

Von Königin Hortense und Louis Bonaparte heisst es versehentlich: „Von 1906 bis 1910 sind sie Königspaar von Holland“ (Heiraten für die Macht, 23,19). Es war hundert Jahre früher, wie aus dem schönen Artikel klar hervorgeht. Aus dem gehaltvollen Bericht über das Trogener Kantaten-Konzert: „Meyer zeigte nach, wie die Lichtmess-Kantate einen Bogen schlägt vom Canticum Simeonis bis zum weltumspannenden Heilsversprechen“ (Gottesdienst und Gotteskrieg, 18,21). Gemeint ist zeichnete nach oder zeigte. Auch im Beitrag über Ludvík Kunderas Gedicht „Erinnerung an St. Gallen“ sind zwei Ausdrücke vermischt: „ein Buch mit einer Werkauswahl auf deutscher Sprache“ (15,21). Richtig wäre auf deutsch oder in deutscher Sprache. Verwirrung beim Geschlecht herrscht im Gespräch mit Thomas Minder: „Wie hoch ist das ideale Managersalär? – Den sollen die Aktionäre festlegen“ (Manager an die kurze Leine, 27,7). Scheu vor dem Akkusativ: „Die Biographie spiegelt ihn als Dozent und Fachreferent“ (Weltverbesserer mit Lebensplan, 4,11). Verlangt ist: Dozenten, Fachreferenten. Dieselbe Scheu im Artikel über Bahnen in Freizeitparks: „Den Sturzflug in Richtung Hölle und der Stop vor der Hölle hat Markus Eigenmann berechnet“ (15,45). Ein weiterer falscher Fall: „Im Gottesdienst gedenkt die St. Galler Dom-Musik Paul Huber“ (Lokaljournal, 16,49). Richtig wäre der Genitiv wie hier: „So erstaunt es nicht, dass Bern dieses zweiten grossen Sohnes gedenkt“ (Albrecht von Haller, 7,21). Der harte Laut statt des weichen schlüpfte in diese Anzeige: „Ostern alleine? Hack dich bei mir ein“ (treffpunkt, 23,26). Gemeint: Hak dich ein. – Wie vermeidet man solche Verschreiber (es sind in Wahrheit Verhörer)? Der alte Rat ist, seine Texte aufmerksam laut zu lesen. Hätte man doch Zeit dafür!

Ermessensfragen

Was ist richtig (sprachlich, nicht politisch): „USA erkennen Kosovo an“ (19,1) oder „Die Schweiz anerkennt Kosovo“ (28,1)? Diese Frage wird von Stilforschern schon lange besprochen; Eduard Engel schreibt in seinem klassischen Werk „Deutsche Stilkunst“ (1911), dass „Ich anerkenne“ bei Goethe ziemlich oft vorkomme und „besonders häufig bei den grossen neueren Schweizern, wie denn überhaupt der gebildete Sprachgebrauch in der Schweiz mehr und mehr auf die Nichttrennung hinausgeht.“ Aber keineswegs falsch in den Ohren klingt heute noch „Ich erkenne an“. Dieser Satz ist mit Wörtern überladen: „In einigen sozial weiter entwickelten Staaten als die Schweiz ist die paritätische Betreuung im Gesetz verankert“ (Väter werden ausgeschlossen, 1,7). Vorschlag: In Staaten, die sozial weiter entwickelt sind als die Schweiz. „Doch sofort fügt er an, dass Erfolge nicht allein das Seligmachende seien“ (Badminton ist Webers halbes Leben, 16,53). Ist nicht das Alleinseligmachende gemeint? „Im Schulheim Kronbühl kam es offenbar seit längerer Zeit zu Gruppenbildungen innerhalb der Mitarbeiter“ (20,37). Besser: unter den Mitarbeitern. Nicht gerade den Nobelpreis für Wortwahl verdient dieser Satz: „Abends fasst eine Tageszusammenfassung die Ereignisse zusammen“ (Die Baustelle in der Baustelle, 22,30). – Wie wird man im Reiche des Ermessens urteilsfähig? Indem man, wie Thomas Mann es nennt, seine Sprachphantasie nährt und gute Bücher liest. Auch dafür brauchte man Zeit.

Vademecum

Friedrich Rückert schliesst sein Gedicht, indem er Gott jenen Lehrer belohnen lässt, der den Kindern Ehrfurcht beibringt. Ehrfurcht ist die Haltung, die alle Weltgegenden und Weltsichten verbinden kann. Ist nicht das, was wir vor allem lernen und weitergeben sollten, die Ehrfurcht vor der Muttersprache und vor dem, was sie uns überliefert?
Das neue Vademecum des Tagblattes beginnt so: „Unsere Sprache ist unser kostbarstes Gut. Sprachpflege ist deshalb für eine Tageszeitung weder fakultativ noch luxuriös, sondern eine ihrer Existenzbedingungen.“ Wenn der Merker dieser Pflege hilft, so trägt er hoffentlich einen Teil seiner Schuld ab.
Zum Wiederlesen empfehle ich den Beitrag „Rein in die Arbeitswelt“ (23,36). Er berichtet von jungen Leuten, die noch Jüngeren dabei helfen wollen, im Beruf und damit in unserer Welt Fuss zu fassen.

Nach Rückert haben am Segen, den der gute Lehrer wirkt, auch das Kind und die Eltern teil: Wenn der Lehrer, streuend den Samen / Göttlichen Worts, zum Kinde sprach: / Sag: ‚In Gottes, des Allbarmherzigen, Namen!’ / Und es sagt das Kind ihm nach: / ‚In Gottes, des Allbarmherzigen, Namen!’ / So schreibt Gott seines Namens wegen / In das Buch einen dreifachen Segen: / Dem Kinde eine Huldverleihung, / Dem Lehrer eine Schuldbefreiung, / Den Eltern des Kindes eine Verzeihung.

(Link)



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Kommentare zu »Dem Merker eine Schuldbefreiung«
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Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 26.05.2008 um 17.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=577#6761

Nachtrag: Ich habe meinen Notizzettel von dem Gespräch wiedergefunden, und er hatte es offenbar sogar so gesagt: Die Programmiersprache ist ein Ausdrucksmittel, darin denkt man.


Kommentar von Adelung, verfaßt am 21.04.2008 um 08.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=577#6681

Auch ich finde die Programmiersprache RSR völlig unbrauchbar.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 18.04.2008 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=577#6679

„Unsere Sprache ist unser kostbarstes Gut. Sprachpflege ist deshalb für eine Tageszeitung weder fakultativ noch luxuriös, sondern eine ihrer Existenzbedingungen.“

Neulich unterhielt ich mich mit einem befreundeten Informatiker, und dabei kamen wir auch auf die Datenbankbenutzung mittels PHP (Hypertext Preprocessor) und SQL (Structured Query Language) zu sprechen. Von dieser Nutzungsweise hielt er aber gar nichts: Der zugehörige Maschinencode sei teilweise schlampig ausgeführt, weshalb manchmal nicht (bzw. nicht nur) das passiere, was eigentlich gewünscht war. Sinngemäß kam er zu dem Fazit: Wenn die Programmiersprache nicht funktioniert, ist das für einen Programmierer geradezu katastrophal, denn sie ist sein Werkzeug, sein Ausdrucksmittel; Einschränkungen in der Funktionalität der Programmiersprache bedeuten Einschränkungen für seine Arbeitsmöglichkeiten.

(Eigentlich ist das trivial, aber ich finde, daß doch mal explizit darauf hingewiesen werden sollte. Die Parallele zur Rechtschreibreform liegt auf der Hand.)



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