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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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02.01.2008
 

Peter Müller
Endlich ein Konsens in Sicht
„Zu viele Varianten treiben die Kosten hoch und werden deshalb von den Buchdruckern seit je abgelehnt“

Im Fachblatt „Schweizer Journalist“ (12/2007) stellt der Beauftragte für Rechtschreibung und Direktor Marketing & Informatik der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) vor.


Die verunglückte Rechtschreibreform hat zahlreiche Probleme hinterlassen. Zwei sind für unsere Branche besonders gravierend: die Erschwerung des Lesens und die Vervielfachung der Varianten.

Erschwerung des Lesens

Die Rechtschreibreform hat durch die Einebnung von Bedeutungsunterschieden das Lesen erschwert. Das ist ein fataler Ansatz in einer Zeit, in der das Lesen und die Zeitungen in der Defensive sind. Gefordert ist vielmehr, dem Leser den Zugang zu den Texten möglichst zu erleichtern, u.a. durch eine Rechtschreibung, die Bedeutungsunterschiede durch Unterscheidungsschreibung kennzeichnet.

Genau dies hat im September 2004 Nationalrätin Kathy Riklin in einem Postulat gefordert: „Erreicht werden soll dieser Konsens namentlich durch eine Änderung des neuen Regelwerkes, wodurch die bisher möglichen Bedeutungsdifferenzierungen durch Zusammen- und Getrenntschreibung erhalten bleiben.“ Der Bundesrat antwortete im November 2004, er teile das Anliegen der Postulantin, und versprach, sich für eine entsprechende Änderung des Regelwerkes einzusetzen.

Der neue Rat für deutsche Rechtschreibung sollte in der Folge den von der Zwischenstaatlichen Kommission angerichteten Schaden begrenzen. Die Konferenz der Erziehungsdirektoren EDK entsandte allerdings wiederum die bisherigen Mitglieder der aufgelösten Kommission in den neuen Rat. Es kam, wie es kommen musste: Parallel zu den neuen formalistischen wurden auch die Schreibweisen der bisherigen semantischen Rechtschreibung wieder erlaubt, aber ohne die Bedeutung zu differenzieren! Das Resultat, die Regelung 06, ist ein heilloses Durcheinander: wohl bekannt kann nun auch wieder wohlbekannt geschrieben werden, soll aber das gleiche bedeuten. Das Anliegen der Postulantin Riklin ist damit natürlich keineswegs erfüllt.

Vervielfachung der Varianten

Resultat der Schadensbegrenzung ist eine Vervielfachung der Varianten. Varianten sind in der grafischen Industrie seit je unbeliebt. Sie sind kostentreibend, weil sie zu Unsicherheit und vermehrter Korrekturarbeit führen und weil Hausorthographien erstellt werden müssen, um im einzelnen Betrieb die erwünschte Einheitlichkeit zu sichern.

Die politisch Verantwortlichen wissen, dass die Reform einen Scherbenhaufen hinterlassen hat. Aber sie haben sich vom Thema verabschiedet, es gibt hier keine Lorbeeren mehr zu holen. Johanna Wanka, die ehemalige Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), bekannte in einem Interview mit dem Spiegel im Januar 2006 freimütig: „Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.“

In dieser verfahrenen Situation formierte sich 2006 die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK), mit dem Ziel, in der Deutschschweizer Presse wieder eine sprachrichtige und einheitliche Rechtschreibung zu etablieren. Zunächst war die Variantenflut einzudämmen. Dies geschieht ganz einfach durch die Anwendung des Grundsatzes „Bei Varianten die herkömmliche“ (siehe Kasten). Varianten sind jedoch nur unterschiedliche Schreibweisen, die das gleiche bedeuten. Alles andere sind unechte Varianten. Die SOK empfiehlt, in diesen Fällen den Bedeutungsunterschied kenntlich zu machen.

In einigen Fällen hat die Regelung 06 nicht nur unechte Varianten zu echten erklärt, sondern eine unterscheidende Schreibweise eliminiert. Bekanntestes Beispiel ist wohl greulich/gräulich, das nur noch mit ä geschrieben werden soll.

Die SOK empfiehlt in diesen Fällen, bei der Unterscheidungsschreibung zu bleiben. Bei ihrer Arbeit zur Eindämmung der Varianten und Wiederherstellung der Unterscheidungsschreibung hat die SOK Empfehlungen zu weiteren Unzulänglichkeiten der Regelung 06 erarbeitet. Dabei handelt es sich um willkürliche Änderungen, offensichtliche Fehler, Komplizierungen und die Missachtung des Schweizer Usus.

Ein Beispiel: Anscheinend willkürlich herausgepickte ä-Schreibungen und Einzelfallregelungen. Die von e auf ä geänderten Schreibweisen sind willkürlich herausgepickt. Mit der gleichen Begründung der „Stammschreibung“ hätte man auch belägt (wegen Belag), dänken (wegen Gedanken) und Dutzende weiterer Wörter verändern können. Die SOK empfiehlt deshalb, diese geänderten Schreibweisen nicht zu beachten.

Falsche Herleitungen und Tageszeiten

Der „Blick“ titelte am 16. August 2004 in einem Artikel über die Rechtschreibung: „Streicht das Belämmerte!“ In einigen Fällen hat die Regelung 06 als angebliche Erleichterung für Primarschüler nämlich falsche Herleitungen nicht nur als Variante erlaubt, sondern zur einzigen Schreibweise erhoben: belämmert (statt: belemmert), platzieren (statt: plazieren), nummerieren (statt: numerieren), Plattitüde (statt: Platitüde) usw. Das ist nicht akzeptabel, und die SOK empfiehlt deshalb wie der „Blick“, diese falschen Herleitungen nicht zu verwenden.

Bei den Angaben von Tageszeiten wie heute abend kann selbst nach den Kriterien der Regelung 06 kein Substantiv stehen. Die SOK empfiehlt die überzeugende, einfache Lösung von Walter Heuer, dem früheren Chefkorrektor der NZZ: Die Bezeichnungen der Tageszeiten werden in Verbindung mit heute, gestern, morgen oder wenn sie neben dem Namen eines Wochentags ohne Artikel stehen, klein geschrieben: heute abend; Dienstag morgen. Steht der Artikel vor dem Tagesnamen, so wird die Verbindung zusammengeschrieben: ein Sonntagabend. Geht der Fügung eine mit dem Artikel verschmolzene Präposition (am, zum) oder bis voraus, so sind je nach Betonung beide Schreibweisen richtig: am Mittwochmorgen/Mittwoch morgen, bis Freitagabend/Freitag abend.

Gross- und Kleinschreibung

In einigen Fällen hat die Regelung 06 zu unnötigen Komplizierungen geführt, zum Beispiel bei der Gross-/Kleinschreibung von pronominal und adverbial gebrauchten Ausdrücken. Im 19. Jahrhundert wurden solche Ausdrücke ziemlich konsequent gross geschrieben. Demgegenüber hat die moderne Rechtschreibung des 20. Jahrhunderts den kleinen Buchstaben gewählt. Die Regelung 06 bleibt in einigen Fällen beim kleinen Buchstaben (ein bisschen, vor allem), schreibt in anderen den grossen vor (der Erstere, im Übrigen) und erlaubt in weiteren Fällen beide Möglichkeiten (der eine/Eine, der andere/Andere, bei Weitem/bei weitem, aufs Beste/aufs beste). Die SOK hält diesen (Teil-)Schritt zurück ins 19. Jahrhundert für sinnlos und empfiehlt die Kleinschreibung.

Schweizer Usus bei der Fremdwortschreibung

Die Regelung 06 nimmt bei der Schreibweise von Fremdwörtern ungenügend auf unseren Usus Rücksicht. Als Grundsatz gilt der SOK: bei fremder Aussprache fremde Schreibweise (siehe Kasten). Bei der ph/f-Schreibung empfiehlt sie die einfache Regel, Foto, Fotograf, Grafik, Telefon und Telegraf und deren Ableitungen mit f zu schreiben, alle andern Wörter mit den Stämmen phot-, phon- und graph- jedoch nicht.

In wenigen Fällen sieht die SOK Varianten vor, z.B. bei festen Redewendungen. In solchen Wendungen vom Typ im dunkeln tappen ist eine klare Entscheidung für Gross- oder Kleinschreibung in der Tat nicht immer möglich. Die SOK empfiehlt daher, die Schreibweise dem Schreiber zu überlassen und damit auch hier die Regelung 06, die Grossschreibung verlangt, nicht anzuwenden.

Der Ball liegt beim Verband

Die Arbeitsgruppe der SOK hat zu den fehlerhaften Bereichen der Regelung 06 zahlreiche Sätze aus Literatur und Zeitungen geprüft. Ihr geht es nicht um einen Kampf zwischen alter und neuer Rechtschreibung: ohnehin ist die angeblich neue Rechtschreibung in vielen Fällen die alte des 19. Jahrhunderts. Es geht um eine sachliche Auswahl der guten Schreibweisen; Kriterien sind Sprachgebrauch und Sprachrichtigkeit. Diese Auswahl hat die SOK getroffen; sie kann auf ihrer Website www.sok.ch konsultiert werden.

Eine wachsende Zahl von Zeitungen und die Nachrichtenagentur SDA sind bereit, die Empfehlungen der SOK zu übernehmen. Die NZZ (in Deutschland die FAZ) schreibt schon bisher weitgehend, wie von der SOK nun empfohlen. Ein Konsens in der leidigen Rechtschreibfrage zeichnet sich damit ab. Erwartet wird noch eine Stellungnahme des Verbandes Schweizer Presse. Das Thema ist traktandiert. Auch die Politik wird es aufgreifen.



Kopfzeilentext: Die sogenannte neue Rechtschreibung erschwert das Lesen. In einer Zeit, in der das Lesen in der Defensive ist, ist das Gegenteil gefordert: dem Leser den Zugang zu den Texten zu erleichtern.


Kasten: Empfehlungen der SOK

• Bei Varianten die herkömmliche ...
(d.h. wenn nach den Regeln 06 zulässig)
– aufwendig (nicht: aufwändig)
– aufs äusserste gespannt sein (nicht: Äusserste)
– recht haben (nicht: Recht)
– hochachten (nicht: hoch achten)
– wie war’s? wie hältst du’s (nicht: wars, dus)
– selbständig (nicht: selbstständig) (eigentlich keine Variante)

• ... auch bei Kommasetzung und Silbentrennung:
– er empfahl, dem Lehrer nicht zu widersprechen
– Chir-urg (nicht: Chi-rurg)
– her-auf (nicht: he-rauf)

• Bedeutungsdifferenzierungen beachten:
– wohl durchdacht / wohldurchdacht
– viel versprechend / vielversprechend
– Handvoll / Hand voll
– dichtmachen / dicht machen
– deutsch-schweizerisch / deutschschweizerisch

Auch wo die Regeln 06 eine Schreibweise eliminiert haben:
– greulich / gräulich
– wenn ich schriee / wenn ich schrie

• Falsche Herleitungen und falsche Grossschreibung nicht beachten:
– belemmert (nicht: belämmert)
– Zierat (nicht: Zierrat)
– Quentchen (nicht: Quäntchen)
– plazieren (nicht: platzieren)
– greulich (nicht: gräulich) (grauenhaft)
– Tolpatsch (nicht: Tollpatsch)
– Platitüde (nicht: Plattitüde)
– numerieren (nicht: nummerieren)
– heute abend (nicht: heute Abend)
– Dienstag morgen (nicht: Dienstag Morgen)

• Bei Fremdwörtern den Schweizer Usus beachten:
– Caramel (nicht: Karamell)
– Caritas (nicht: Karitas)
– Communiqué (nicht: Kommuniqué)
– Couvert (nicht: Kuvert)
– Crème (nicht: Creme, Krem)
– Début (nicht: Debüt)
– Menu (nicht: Menü)
– Tea-Room (nicht: Tearoom)



(Der „Schweizer Journalist“ will mit einer Startauflage von durchschnittlich 10.000 Exemplaren alle zwei Monate die Journalisten in der Schweiz erreichen und sich darüber hinaus gezielt an Führungskräfte in Verlagen, an Meinungsbildner in Politik und Wirtschaft, an Verantwortliche für Marketing und Werbung, an Mitarbeiter in Pressestellen und PR-Agenturen, an Pressefotografen und Layouter richten.)


Link: http://www.schweizer-journalist.ch/index.cfm?todo=zei&page=66#vorschau


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Kommentare zu »Endlich ein Konsens in Sicht«
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Kommentar von b.eversberg@tu-bs.de, verfaßt am 04.01.2008 um 08.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6373

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich rufe *nicht* nach einem Herkules. (Aus E. Engels Nachworten zu den letzten Auflagen, nach dem Weltkrieg, ist ein solcher Ruf herauszuhören...) Ohne Eingriffe wirkmächtiger Personen oder Institutionen hatte die Schriftsprache ab 1945 einen, wie ich meine, nicht schlechteren Zustand erreicht als zu Engels Zeit, obgleich die "Welscherei" den Anglizismen wich. Die gutgemeinten Eingriffe der Reform haben Schäden angerichtet, die nur ohne Eingriffe verschwinden können, bis auf -ss. (Mittlerweile glaube ich, daß das ß verschwinden wird.)
Wirkung verspricht, meine ich, am ehesten das Vorhalten eines Spiegels. Der Zustand der Schriftsprache wäre leidenschaftslos beobachtend und vergleichend aufzuzeichnen und öffentlichkeitswirksam darzubieten. So etwas schafft derzeit nur der schmalspurige, systemtreue und effekthaschende B. Sick, ab 16.1. wieder auf Tournee.
Das Wirken der SOK wird in deutschen Medien, Scheuklappen fest geschlossen, betreten verschwiegen. Gleichwohl kann das eine oder andere aus der SOK immerhin durchsickern.


Kommentar von B.Eversberg, verfaßt am 03.01.2008 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6370

Die Kulturschande hat uns einen Augiasstall bereitet. Gebraucht wird folglich ein Herakles.
Eduard Engel beginnt 1911 seine vor kurzem hier ziterte, unglaublich material- und kenntnisreiche "Deutsche Stilkunst" mit dem Satz:
"Unter allen schreibenden Kulturvölkern sind die Deutschen das Volk mit der schlechtesten Prosa". Seine Belege sind erdrückend.
Wenn seitdem kein glanzvoller Wandel stattfand, was kann angesichts dessen eine orthographische Ausmistung wirklich erreichen?


Kommentar von GL, verfaßt am 03.01.2008 um 08.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6369

Und wenn wir schon bei den Griechen sind: als Liebhaber der griechischen Literatur bin ich nur froh, einige Werke in herkömmlicher Rechtschreibung zu besitzen, wie z.B.

Die Griechen und wir
- (von Paul Cartledge)
Große Prozesse im antiken Athen
- (von Leonhard Burckhardt und Jürgen von Ungern-Steinberg)
Xenophon. Sokratische Denkwürdigkeiten
- (von Christoph Martin Wieland)
Griechische Orakel
- (von Veit Rosenberger)
Lexikon der Mythologie
- (von Herbert Gottschalk)
Homer Ilias
- (mit Versübersetzung von Roland Hampes)
Odyssee
- (mit Übertragung von Johann Heinrich Voß)

Was sich die „Reformer“ erlauben, ist eine Kulturschande!!

Werden wir weitere zehn Jahre warten müssen auf den berühmten Heimkehrer Odysseus, um endlich wieder Ordnung im Hause zu haben?


Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 03.01.2008 um 01.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6368

Um nun nicht nur Hiobsbotschaften aus dem Land der Eidgenossen zu verbreiten, kommt noch schnell der Hinweis, daß die neueste Homerübersetzung aus dem Manesse Verlag, die im September 2007 vorlag, nach wie vor in normaler Rechtschreibung erscheint. Und das, obwohl Manesse inzwischen zur gleichgeschalteten und gleichschaltenden Verlagsgruppe Random House gehört. Das bißchen Konservativismus scheint Manesse sich tatsächlich zu leisten.
Der Verlag schreibt von der Neuübersetzung der Odyssee von Kurt Steinmann ausdrücklich, hiermit liege die "Odyssee" "in einer Ausgabe für das 21. Jahrhundert" vor. Na bitte, und das in normaler Rechtschreibung!

http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=221814


Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 03.01.2008 um 00.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6367

Da wir mit dem Diogenes Verlag ja durchaus noch in der Schweiz sind, gebe ich im folgenden mal ein paar Auszüge aus dem "Guestbook". Ich vergaß übrigens darauf hinzuweisen, daß es zuerst "Gästebuch" und erst dann, wenn man dem Verweis folgt, "Guestbook" heißt. Verstehe das, wer will.
Ich habe lediglich vollständige Sätze, die Uhrzeiten und natürlich die Namen weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht genau den Einträgen im Gästebuch. Auf störende Hinweise durch sic habe ich bei dieser Textfülle verzichtet.

21.5.2007
[...] Es ist allmählich egal, wie Einzelne über die neue Rechtschreibung denken. Jetzt ist sie zumindest üblich und wird an den Schulen unterrichtet. Es ist sowohl arrogant als auch ignorant, die neue Rechtschreibung nicht schleunigst umzusetzen. Wenn tatsächlich ein/e Schüler/in zu einem Buch greifen sollte: Welche Irritation, mal abgesehen davon, dass Jugendliche völlig berechtigt über die Erwachsenen den Kopf schütteln.
[…]

5.4.2007
Lese gerade Donna Leon: Beweise, dass(!) es böse ist, und bin total empört, dass Sie immer noch die alte Rechtschreibung benutzen. Sie unterminieren alle Versuche rechtschaffener Schulen, den neuen Generationen ein korrektes deutsches Schriftbild beizubringen.
[Der Herr Professor unterschreibt natürlich mit allen Titeln. Argumentum cum auctoritate! Pardon, diesen Kommentar konnte ich mir nicht verkneifen.]

18.3.2007
Hallo, bin ein wenig überrascht (genau genommen unangenehm überrascht), dass auch in Copyright 2007 Ausgaben Diogenes immer noch an der alten deutschen Rechtschreibung festhält. Wollen Sie konservativ, oppositionell, unmodern oder kostensparend (?) sein - mir fällt nix Gescheites als mögliche Begründung ein? Würde mich interessieren.
[…]

Um keine so einseitige Berichterstattung zu bieten, hier mal eine Bitte in entgegengesetzter Richtung:

24.3.2007
Sehr geehrtes Lektorat Diogenes!
Ich möchte Sie ausdrücklich darin bestärken, bei der normalen deutschen Rechtschreibung zu bleiben und nicht die "Schlechtschreibreform" anzuwenden. Sie ist weder "modern" noch sinnvoll, steckt voller Fehler und verursacht grammatikalischen Unsinn.
Mit herzlichen Grüßen
[...]

Und sofort fällt, wie auch im Schreiben von Herrn Bluhme, auf, daß hier ein anderer Ton herrscht. Es gibt eben Reformkritiker, die argumentieren können und blind-fanatische Kreuzzügler.
Daß der Verlag nun mit dem Dummschrieb – danke, Frau van Thiel – noch so seine Probleme hat, zeigt dieses Schreiben einer Leserin, die übrigens auch normale Rechtschreibung verwendet:

25.6.2007
Sehr geehrte Damen und Herren,
eigentlich bin ich ein großer Dick Francis Fan, aber das Buch "Scherben" hat mich in den Wahnsinn getrieben! [...] Das Erste, was mir auffiel:
Mal wurde in den Dialogen die persönliche Anrede groß geschrieben, mal klein. Eine Regel konnte ich nicht erkennen. Dann die Kommasetzung...auch etwas dubios.
[...]

Da geht also noch etwas in der persönlichen Anrede durcheinander. Was mich natürlich ganz böse gleich fragen läßt, welche der zahlreichen reformierten Schulorthographien der Verlag denn seit April 2007 übernommen hat? Vielleicht kämpfen die Lektoren auch einfach noch mit dem Korrekturprogramm für den Dummschrieb. Ich werde es freilich nie herausbekommen, da der Verlag von mir nun keine müde Mark mehr sieht. Und, wenn ich mich so umsehe, ich war fleißiger Diogenes-Käufer.


Kommentar von GL, verfaßt am 02.01.2008 um 22.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6366

Von Herrn Daniel Keel habe ich mehr Charakter erwartet, wenigstens seiner Kundschaft gegenüber.


Kommentar von RvT, verfaßt am 02.01.2008 um 19.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6365

Ich bin ganz entsetzt, nachdem ich gerade auf dieser Seite hier gelesen habe, daß ausgerechnet der Diogenes-Verlag, dessen Bücher bisher sowohl normale Rechtschreibung enthielten als auch erfreulich sorgfältig korrigiert waren, eingeknickt ist. Und dann auch noch die Formulierung "wird es Sie freuen"! Zum Zähneknirschen ist das, bei Diogenes auch noch Dummschrieb zu finden!


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 02.01.2008 um 19.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6364

P. Müller: »In einigen Fällen hat die Regelung 06 zu unnötigen Komplizierungen geführt, zum Beispiel bei der Gross-/Kleinschreibung von pronominal und adverbial gebrauchten Ausdrücken. Im 19. Jahrhundert wurden solche Ausdrücke ziemlich konsequent gross geschrieben.«

Damit bietet sich die Möglichkeit, die Reformschreibung auf eine Stufe mit der th-Schreibung zu stellen. Kennt jemand Texte von vor 1900, in denen sowohl noch fleißig th benutzt wird als auch Schreibungen vorkommen, wie sie für die Reform typisch sind? Dann könnte man direkt zeigen, wie "neu" die Reformrechtschreibung ist! Motto: Es fehlt nur noch das th, und wir sind wieder dort, wo wir mal hergekommen sind.


Kommentar von David Konietzko, verfaßt am 02.01.2008 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6363

Das u in Chirurg ist durch Kontraktion des Endvokals des Erstgliedes mit dem Anfangsvokal des Zweitgliedes der Zusammensetzung entstanden; daher ist eine morphologische Worttrennung nicht möglich. Die vom nichtreformierten Rechtschreibduden vorgeschriebene Trennung Chir-urg verstößt gegen beide Prinzipien der deutschen Worttrennung (morphologische Trennung und Trennung nach Sprechsilben) zugleich. Anders als die SOK hätte ich mich deshalb für die Trennung nach Sprechsilben entschieden: Chi-rurg. In Herrn Icklers Rechtschreibwörterbuch sind beide Trennungen verzeichnet – wohl mit Recht, denn Chir-urg scheint zu verbreitet, um als falsch angesehen zu werden.


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 02.01.2008 um 17.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6362

die Steinschen Reformen (die von Stein persönlich initiierten Reformen)
die abelschen Gruppen (die Gruppen in der Art der von Abel untersuchten; insbesondere muß Abel nicht jede abelsche Gruppe gekannt haben)


Die Bezeichnung "abelsch" ist eine Eigenschaft, die eine beliebige Gruppe haben kann – oder auch nicht. Die Eigenschaft selbst hat nichts mit Nils Henrik Abel zu tun. Man wollte lediglich eine Bezeichnung für eine Eigenschaft finden, die manchen Gruppen innewohnt, anderen nicht. Man hätte abelsche Gruppen genausogut "rot" nennen können, nichtabelsche "blau". Auch heute, lange nach dem Tod Nils Henrik Abels, werden noch immer neue abelsche Gruppen entdeckt.

Andererseits haben die "Steinschen Reformen" sehr wohl etwas mit dem Herrn (von und zum) Stein zu tun. "Steinsch" ist hier also keine Eigenschaft: Eine Reform, die Frau Merkel durchführt, wird niemals "steinsch" sein.

Dieser Unterschied ist so markant, daß er unbedingt in der Schreibweise deutlich werden muß! Offenbar haben die Reformer diesen Unterschied aber nicht verstanden... Ich glaube, jedem Zweitkläßler leuchtet er auf Anhieb ein.


Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 02.01.2008 um 17.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6361

Eine weitere Einebnung, die nochmals eine Erwähnung wert ist.

Bislang:

die Steinschen Reformen (die von Stein persönlich initiierten Reformen)
die abelschen Gruppen (die Gruppen in der Art der von Abel untersuchten; insbesondere muß Abel nicht jede abelsche Gruppe gekannt haben)

Nach den Ideen der Reformer:

die Stein'schen/steinschen Reformen (gleichbedeutend)
die Abel'schen/abelschen Gruppen (gleichbedeutend)

Insbesondere gilt meine Vorfreude hier den nicht Abel'schen Gruppen (bislang: "nichtabelsche Gruppen"). Eine ungelenke Schreibweise wie anno 1800.

Dann auch die Französi'sche Revolution, alternativ die französische? Die Schweizeri'schen Zeitungen, alternativ die schweizerischen?


Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 02.01.2008 um 17.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=564#6360

Das ist ein überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Die Schweizer sind eben weniger vernagelte Prinzipienreiter als wir und stellen sachlich fest, was nicht funktioniert. In Deutschland hingegen werden die albernen Reste der sogenannten Reform mit Kreuzzugseifer verteidigt und weiterhin die Schulbüchereien "gesäubert". Staatsräson ist bei uns das Zauberwort. Österreich scheint da freilich noch dogmatischer vorzugehen, doch das hatten wir hier schon an anderer Stelle. Dabei sind die unreformierten ("alten") Bücher inzwischen viel näher an der aktuellen, vierten Fassung der Schulorthographie als reformierte Bücher mit den Schreibungen von 1998 bis 2004. Verb(r)annt werden sie von den Gutmenschen trotzdem im Namen der Kinder.

Traurig ist nur, daß ein schweizer Literaturverlag seit April 2007 bei dem deutschen Schwindel mitmacht, nachdem er so lange zäh und tapfer an normaler Rechtschreibung festhielt. Interessanterweise findet man das auf der Internetseite des Diogenes Verlages nicht etwa an prominenter Stelle, sondern klein, verschämt und versteckt im sogenannten "Guestbook". Warum eigentlich nicht Gästebuch? Folgendes ist dort der Wortlaut des Lektorats:

"Der Diogenes Verlag bevorzugte bisher, wie eine Reihe anderer Verlage und Zeitungen, die alte Rechtschreibung, weil die Neuerungen teilweise alles andere als überzeugend waren.
Nachdem mit den letztjährigen Reformen [gemeint sind die von August 2006] einige Verbesserungen erfolgten, wird es Sie freuen zu erfahren, dass auch wir seit diesem Frühling [2007] dem aktuellen Duden folgen.
Wo zwei Schreibungen zulässig sind, werden wir allerdings die bisherige bevorzugen, das bisschen (nicht eben kostensparenden) Konservativismus leisten wir uns weiterhin.
Seit Anfang April [2007] richtet sich der Diogenes Verlag nach den neuen Rechtschreibregeln, zumindest bei den Neuerscheinungen."

Von welchen "Verbesserungen" hier die Rede ist, bleibt freilich im Nebel. Vielleicht sollte man einmal nachfragen, beim ehemaligen "Verlag für Leser". Wer mir übrigens den Kreuzzug nicht glaubt, der lese einmal die Ereiferungen der Kreuzfahrer im erwähnten "Guestbook" nach. Da wird einem wieder angst und bange, pardon jetzt ja wohl "Angst und Bange". Der einzige Lichtblick dort ist die Abfuhr, die Tobias Bluhme der Verlagsentscheidung erteilt. Wieder einmal erweist sich ein Reformkritiker als rhetorisch versierter und inhaltlich sachlicher (etwa beim Preis-Leistungsverhältnis) als die Kreuzfahrer. Ich jedenfalls schließe mich dieser Haltung an und werde den Verlag fortant beim Bücherkauf ignorieren.



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