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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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12.09.2007
 

Reiner Kunze
Spottverse
Aus „lindennacht“

In Reiner Kunzes neuestem Gedichtband finden sich drei „Spottverse“ mitsamt folgender Erläuterung:

In den Jahren 1996 bis 2006 wurden auf dem Amtsweg zweihundert Jahre differenzierender Orthographieentwicklung in wesentlichen Bereichen für ungültig erklärt und die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung zerstört.

Kultusministerin Prof. W.: „Die Kultusminister wissen längst, dass die Reform falsch war … Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.“ Die Staatsräson – ein höheres Gut als die Sprache!


unstrittig

Die sprache hat den mund zu halten,
wenn die hohen staatsgewalten
sich für ihren vormund halten
und barbaren sie verwalten


staatsfromm

Der staat trieb der sprache die engel aus,
die engel flogen ins gotteshaus;
dort wartete auf die engel schon
die orthographische inquisition


justizirrtum

Die sprache erschien vor dem Hohen gericht,
die richter aber verstanden nicht
die sprache, die die sprache spricht,
und die sie verstanden, die hörten sie nicht


Reiner Kunze
lindennacht
gedichte

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007


Wir danken Reiner Kunze für die Erlaubnis, die Gedichte abzudrucken.


Link: http://www.reiner-kunze.com


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Kommentare zu »Spottverse«
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Kommentar von F.A.Z., 7. 4. 2008, verfaßt am 02.05.2008 um 14.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=557#6720

Als Nänie könnte man auch die Spottverse auf die "orthographische inquisition" der Rechtschreibreform bezeichnen. Nur hier, wo in drei Vierzeilern Klage geführt wird über den Tod der alten Rechtschreibung, nutzt Kunze das satirische Potential der epigrammatischen Stachelverse: "Die sprache hat den mund zu halten, / wenn die hohen staatsgewalten / sich für ihren vormund halten / und barbaren sie verwalten." An den aggressiven Schwung und die argumentative Schärfe seiner Denkschrift "Die Aura der Wörter", mit der Kunze seinerzeit in die Diskussion über die Orthographiereform eingriff und die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz attackierte wie kein zweiter deutscher Schriftsteller neben ihm, reichen diese Reimchen allerdings nicht heran. Hier gerät die notwendige Kürze des Epigramms in den Widerspruch zu Kunzes Forderung, die der alten Rechtschreibung innewohnenden Differenzierungsmöglichkeiten der Sprache unbedingt zu erhalten.

(Link)


Kommentar von Presseschau, verfaßt am 07.04.2008 um 14.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=557#6651

In seinem neuen Lyrikband „lindennacht“ versammle Reiner Kunze neben zahlreichen „Totengedichten“ – welche vor allem Schriftstellern und bildenden Künstlern gewidmet seien – und „Spottversen“ auf die Rechtschreibreform auch einige japanische Haikus sowie koreanische Sidchos, teilt die „FAZ“ mit. Der Experimentierfreude des Dichters könne man getrost die Intention, eine „Globalisierungspoetik“ betreiben zu wollen, zugestehen, meint Rezensent Wulf Segebrecht. Das Leitmotiv der Gedichte sei, wie der Titel schon nahe lege, die Linde, an welcher Kunze beispielhaft exerziere, dass „die bloße Widergabe“ von Naturphänomenen seinem „Anspruch auf Autonomie“ nicht gerecht werde.

http://www.berlinerliteraturkritik.de/index.cfm?id=17663


Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 15.10.2007 um 21.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=557#6210

In der Hoffnung auf diese Gemüts- und Geistesbewegung auch bei meinen Gesprächspartnern habe ich eines der Gedichte auswendig gelernt, um es bei passender Gelegenheit zitieren zu können. Diese Kürze ist wohl würziger als meine wahrscheinlich wortreichen Erklärungen.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 07.10.2007 um 15.59 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=557#6207

Reiner Kunzes drei Vierzeiler bringen mit Sicherheit heilsame Gemüts- und Geistesbewegung zustande, wenn sie großformatig einzeln ausgedruckt am Schwarzen Brett eines Instituts für Germanistik genossen werden können.


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 13.09.2007 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=557#6196

„Orthographische Inquisition“ – dies ist das passende Wort zur Klassifizierung des heute von mir geschilderten Erlebnisses (siehe Tagebuch).
Bravo, Reiner Kunze!


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2007 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=557#6195

Im neuen „Deutschbuch 9“ von Cornelsen (für Gymnasien in Bayern) sind immerhin drei Texte von Reiner Kunze abgedruckt – in originaler Rechtschreibung, wie alle Texte, bei denen sich die Inhaber der Rechte geweigert haben, der Umstellung zuzustimmen. Besonders bemerkenswert: auch die verbindenden Texte zum gekürzten Original „Fahnenappell“ sind in traditioneller Orthographie gehalten.

Über den sonstigen orthographischen Zustand des Buches werde ich bald im Tagebuch berichten.



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