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31.05.2007
 

Stefan Stirnemann
Goethe oder das Tagblatt?

In seiner Funktion als Merker äußert sich Stefan Stirnemann zu dem, was im Mai im St. Galler Tagblatt zu lesen war.

Als einst in einer Lateinstunde des Gymnasiums Friedberg vom deutschen Stil die Rede war, streckte eine Schülerin den schlanken Finger und bekannte sich zu Goethes schöner Sprache. Eines frühen Wintermorgens öffnete im müden Vorortszug ein junger Mann einen blauen Band mit Goethes autobiographischen Schriften und redete, nach dem Grund gefragt, von Bruggen bis Gossau über Sprachschönheit und Sturm und Drang. So spricht Goethe: «Schreiben ist ein Missbrauch der Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede.» Sollte also das Tagblatt auf Papier und Ersatzmittel verzichten? Jeden Tag um zehn Uhr könnte der Chefredaktor von St. Laurenzen herab mit schallender Stimme die Neuigkeiten verkünden; der Abonnent erhielte ein silbernes Hörrohr. Bis es so weit ist, lesen wir und messen die geschriebene Sprache an der gesprochenen. Ich zitiere die Stellen mit Artikeltitel (wo nötig), Tag und Seite; Hervorhebungen sind kursiv.

Die Kraft der Formen

Wer prallt ab, der Puck oder der Spieler? «Dessen scharfer Schuss liess Jonas Hiller abprallen» (4. Mai, Seite 37). Auch hier muss der Wenfall stehen: «Dann hätte dies in Deutschland ein Sturm der Entrüstung ausgelöst» (Keine Gnade für Ex-Terroristen, 8,5). Retten wir den Genitiv! «Einige Jahre vor Dani Göldin haben sich die Mundart-Rocker von Piggnigg St. Gallen musikalisch angenommen» (14,37). «Die Stadt muss sich dem brachliegenden Feld der Arbeit mit Kindern annehmen» (18,39) Schwieriger zu verbessern ist dies: «So wird er zu jenem Grenzgänger zwischen den Blöcken, ohne die gemässigte Politik sich nicht behaupten kann» (Lehren aus dem Untergang, 3,23). Gemeint ist sicher, dass Richard von Weizsäcker zu einem jener Grenzgänger wurde, ohne die. . . Hier sind Einzahl und Mehrzahl vertauscht: «Der Leiter René Stadler war überzeugt, dass solche Auftritte die Motivation der Jugendlichen steigert» (15,49). «Kadetten fehlen noch ein Sieg» (26,41). «Derweil machen sich die Behörden Gedanken, wie es das Unrecht aus der Welt schaffen kann» (15,2). Auch geschriebene Formen wollen gesprochen werden; ihre Kraft oder Schwäche wird am besten mit Zunge und Ohr geprüft.

Das Brummen der Bären

Goethe verteidigt die Mundart: «Der Bär brummt nach der Höhle, in der er geboren ist.» Verachten die Ostschweizer ihre Höhle? Von Mundartrockern heisst es, sie sängen «im kratzenden Ostschweizer Dialekt» (14,37). Niklaus Meienberg schrieb gar von «giftigen Schreien» (Verschiedene Heimaten). Das ist falsch und schadet wie alles, was man sich einreden lässt. Ein Aarauer darf sagen, dass unter unseren Mundarten, die alle ihre Schönheiten haben, die Ostschweizer Laute besonders schön und heimatlich klingen – ob sie vom Rheinufer, von Hügeln und Felsen oder steinernen Stadthäusern widerhallen. Wer schreibt, darf freilich mundartliche Sätze und Wörter nicht einfach übernehmen: «Es ist den Moslems ihr gutes Recht, ihre Religion in unserem Land zu leben» (Verdrängungskampf, Leserbrief, 18,7). Besser: das gute Recht der Moslems. Verbreitet ist die Scheu vor dem hochdeutschen Partizip «gespeist»: «während die unteren und mittleren Einkommen bestenfalls mit Brosamen abgespiesen würden» (Die SP will einen Sitz zulegen, 25,13).

Das Deutsch der Vampire

Als DJ Bobo am Eurovision Song Contest mit seinem Vampirlied den grossen Exorzismus erlebte, sagte er: «Mein Ego ist schwerst angeschlagen» (12,10). So zu sprechen ist nicht einmal Graf Dracula erlaubt; der Rat für Rechtschreibung untersagt es in § 36 (1.2) des neusten Regelwerks, das gesteigerte Adverb «schwerst» frei zu verwenden; möglich sind nur Bildungen wie «schwerstbeschädigt». Was meint der Rat zum folgenden Satz: «Was anderseits in Russland gilt, wenn einmal einer blau ist oder blau macht, das sagt die Untersuchung leider nicht» (Salzkorn, 2,1)? Antwort: «blaumacht» müsste es heissen – und das salzkörnige Wortspiel, es ist ja auch ein Spiel der Betonungen, soll sehen, wo es bleibt.

In einer der «Wahren Geschichten» steht: «Eine ganze, leicht gräulich schimmernde Cervelat glitt in den Kübel» (Alles wurscht, 18,41). Die neuen Rechtschreiber verbieten das Adjektiv greulich, und wir sind unsicher, ob die Autorin die Farbe oder das Gefühl meint. Was unsere Bildungspolitik hier anrichtet, ist schwerst lächerlich und kostet schweres Geld.

Das Menschenrecht der Leser

Mein Vor- und Mitmerker Kurt Felix hat treffend die Vermischung der Sprachen gebrandmarkt. Dass das Übel von selber verschwindet, ist so wahrscheinlich wie ein Seeungeheuer, das aus dem Vierwaldstättersee auftaucht und tutet. Man muss nachhelfen. Wie? Der Schreiber denke daran, dass der Leser verstehen möchte. Bei uns versteht man am ehesten Deutsch. Peter Sloterdijk schreibt über Daniel Libeskinds Jüdisches Museum und denkt nicht an den Leser. Was genau ist eine Fulguration, was eine apparition und was sind voids? Wer deutet den Rätselsatz: «Auf dieser Ebene gelesen, verkörpern die voids den Symbolismus der Abwesenheit» (Architektur als Friedenskunst, 19,26)? Der Leser hat auch ein Recht darauf, dass der Autor nicht nachlässig ist. Was sind Verlustbarkeiten? Eine Kreuzung aus Vergnügen und Lustbarkeit (Das Sterben leben, 9,42)? Humor ist eine Fähigkeit, «um berufliche Karriere zu machen» (21,21) – wo sonst als im Beruf macht man Karriere? Zur «Medien-Hochzeit mit Pflichten» lesen wir: «Der Konzentrationsprozess ist unaufhaltsam und logisch, weil er Qualität sichert (. . .). Doch was logisch ist, muss nicht zwingend gut sein» (26,2). Kann, was nicht zwingend gut ist, die Qualität sichern? Woher das Eszett im Wort regelmäßig? Es ist, zusammen mit einigen Sätzen, aus dem Internet-Lexikon «Wikipedia» ins Tagblatt gerutscht (Rhetorische Silbenzerquetscher, 4,50).

Muttersprachen

Hochdeutsch ist unsere zweite Muttersprache, die wir brummend sprechen und schreiben. Ihr Reichtum gibt so viel Arbeit, dass sie auf allen Schul- und Lebensstufen eine Hauptsache sein müsste: mit Goethe, mit dem Tagblatt. Unsere dritte Muttersprache hat Hiroko Bachmann-Nishida genannt, oder ist sie die erste? «Musik ist heilend. Lasst eure Kinder ein Instrument spielen oder lasst sie singen. Musik bringt Gedanken und Körper zusammen, vereint Himmel und Erde» (7,28). Hier schliesst sich eine kleine Besprechung an: «Schuberts Natur – am Wasser zu singen» (3,25), die zum Wiederlesen empfohlen sei.

Der Mai war ein guter Zeitungsmonat. Vorwärts, Tagblatt!

(Link)



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Kommentare zu »Goethe oder das Tagblatt?«
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Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 05.06.2007 um 23.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=544#5965

Auch im „Tagblatt“ suchen Subjekte verzweifelt ihre Prädikate oder umgekehrt – der Leser indessen den Sinn [selber schuld]. Irgendwie erinnert das Ganze so oder so an den Glockenton, der seine Glockentönin nicht finden kann, denn er fliegt in falscher Richtung.



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