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22.03.2007
 

Roland Reichenbach
Von guten und bösen Wörtern

Ein Leser hat uns auf diesen bemerkenswerten Aufsatz in der Internetzeitschrift Parapluie aufmerksam gemacht.
Wir bedanken uns herzlich für den Hinweis!



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Kommentare zu »Von guten und bösen Wörtern«
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.04.2007 um 19.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5852

In allen Bedeutungen von "gemein" trifft zu: Die Deutschen haben wieder einen gemeinen Staat und eine gemeine Regierung.


Kommentar von Kelkin, verfaßt am 16.04.2007 um 12.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5849

Die Ersetzung von 'gemeines' durch 'gemeinsam' halte ich für eine didaktische Hilfestellung, da offenbar niemand Abiturienten zutraut, eine vom heutigen Sprachgebrauch abweichende Bedeutung z.B. aus noch existierenden Komposita zu erschließen (gemeinsam, Gemeinwohl). Es sollte also (meinem Eindruck nach) vermieden werden, daß Schüler ihre Prüfungszeit über der Frage vergeuden, warum das Band denn plötzlich so gemein ist.

Dazu mag man stehen, wie man will. Aus dem Betrieb bin ich lange raus, aber ich vermute, diese Gedichte wurden im Unterricht (und dort u.U. ohne lexikalische Vorverdauung) voranalysiert. Das kann dazu führen, daß solche didaktischen Aufbereitungen Prüflinge auch verwirren können, wenn sie sich an den Originaltext erinnern.


Kommentar von R. M., verfaßt am 03.04.2007 um 17.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5816

Vielen Dank für die ausführlichere Darstellung. Mit dem vermeintlichen Lautstand wurde und wird viel Schindluder getrieben.

Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band ist für heutige Leser nicht leicht zu verstehen. Das gibt aber keiner Kommission die Lizenz, das Gedicht nach Gutdünken umzuschreiben.


Kommentar von AH, verfaßt am 03.04.2007 um 17.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5815

Noch einmal zu Hoffmannswaldau, betr. "süßer Blitz", und anderen "Kleinigkeiten" des Zentralabiturs in NRW. Ich bitte um Nachsicht für die notwendige Ausführlichkeit, denn es kommt noch schlimmer.

Der Hinweis auf die "Originalschreibweise" ist in Ordnung, nur geht es m. E. darum hier nicht, sondern um Fragen der Textabschrift und allenfalls der Textnormalisierung. Es scheint mir abenteuerlich zu glauben, die Aufgabensteller hätten die tatsächlich vorhandene, aber nicht maßgebliche Handschrift des Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (die Schreibung ist akzeptabel), die Erstausgabe von 1695 oder überhaupt irgendein "Original" benutzt.

Zur Überprüfung am "Originaltext" kann man die als zuverlässig geltenden "Neudrucke deutscher Literaturwerke, Tübingen 1961" heranziehen, welche auf die Erstausgabe von 1695 zurückgreifen. Dieser Neudruck gibt die schwankenden barocken Druckergepflogenheiten (nicht: des Dichters Schreibweise) wieder, hat "gemäßigte Kleinschreibung", und dort steht auch "süsser, fuß, muß". Auf diesen Neudruck dürften (indirekt) alle "guten" heutigen Drucke zurückgehen, original oder normalisiert. Danach sieht das 2. Quartett so aus (ich zitiere nach: Gedichte und Interpretationen. Renaissance und Barock. Stuttgart: Reclam 1982, S. 331; dort finden sich auch die o.a. Informationen des Interpreten Christian Wagenknecht zur Textkonstituierung, dem ich hier mehr traue als der in der FAZ zitierten Kommission der "Schulleiter, Fachlehrer, Wissenschaftler und Schulaufsichtsbeamte[n]"):

Der augen süsser blitz / die kräffte deiner Hand /
Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen /
Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen /
Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.

Die Abiturvorlage gibt aber keineswegs diesen oder irgendeinen anderen "Originaltext" wieder, sondern das Sonett ist in jeder Hinsicht normalisiert, optisch und orthographisch. Diese Normalisierung fällt letztlich in die Verantwortung der Aufgabensteller; die angegebene Textgrundlage sollte man unverändert wiedergeben, Abweichungen begründen. In der Normalisierung sind jetzt z.B. alle Substantive großgeschrieben, die gesamte Zeichensetzung ist modernisiert, auch sonst sind Veränderungen vorgenommen worden. Ich betone: Dagegen ist nichts einzuwenden, solange man sich an die gängige Praxis der Normalisierung hält. Dies bedeutet, daß an die gegenwärtige (in diesem Fall, warum auch immer: an die klassische, nicht"amtliche") Rechtschreibung angeglichen wird, und zwar, wie es so schön heißt in den Reclam-Bändchen, als sie noch auf der Höhe waren: "unter Wahrung des Lautstandes". In der Abituraufgabe erscheint daher z. B. richtig "diß" als "dies", "kan" als "kann", "corall" als "Korall", "kräffte" als "Kräfte", "hertze" als "Herze", allerdings auch "umb" als "um", was nicht unumstritten ist.

Ein germanistischer Schlauberger könnte jetzt argumentieren, Hoffmannswaldau bzw. sein Drucker habe regional das -ü- in "süß" möglicherweise kurz gesprochen und man dürfe ausgerechnet dies nicht antasten. Wie ist dieser Lautstand nachzuweisen? Und selbst wenn es hier tatsächlich um dessen Wahrung ging, hätte diese Ausnahmeschreibung natürlich als beabsichtigt kommentiert werden müssen. Oder erwartet man, daß Schüler derart knifflige Probleme historischer Rechtschreibung ohne Kommentar durchschauen?

Noch einmal: "süsser" ist in in einem durchgehend normalisierten Text alt wie neu falsch, bzw. hätte begründet werden müssen. Oder man hätte das Gedicht konsequent nach dem "Original" in dem erwähnten Neudruck darbieten müssen, wie es in Schulbüchern bei Barockgedichten durchaus Praxis ist (vgl. u.a "Texte, Themen und Strukturen").

Ein nachträglicher Blick in die angegebene Druckvorlage, Conradys "Das Buch der Gedichte, Cornelsen 2006, S. 106", findet einen völlig unproblematischen normalisierten Text: "süßer, Fuß, muß" und auch: "als ein gemeines Band". Als Quelle nennt Conrady u.a. die oben erwähnten "Neudrucke" von 1961. In Conradys "Anmerkungen zum Nachdruck 1997" heißt es lapidar: "Die Regeln der 1998er Rechtschreibreform sind in diesem unveränderten Nachdruck zur Vermeidung größerer orthographischer Uneinheitlichkeit [...] nicht angewendet worden." Den gleichen Textbefund zeigen verschiedene andere normalisierte Drucke für den Schulgebrauch in klassischer wie neuer Rechtschreibung, überall steht "süßer, gemeines". Dort sehen sich ferner manche durchaus veranlaßt, dunkle Textstellen wie "Für welchen solches fällt" und "gemeines Band" zu erklären, was gar nicht so leicht ist.

Im übrigen ist "süsser" ein vergleichsweise geringes Problem, aber ein symptomatisches. Der casus belli ist jedoch "gemeinsam Band", fast das Gegenteil vom Ursprungstext! Falls man deutsche Gedichte ernst nimmt, entspricht dieser Lapsus einer Mathematikaufgabe, in der ein Aufgabenschritt nicht lösbar ist. Diese Textvariante habe ich noch nirgendwo gesehen, ich kann nur spekulieren: Ist das ein bloßer Abschreibfehler, oder haben hier die Aufgabensteller - was ich fast nicht zu unterstellen wage, vgl. jedoch unten zu Rilke! - ihre zweifelhafte Interpretation in den Text gemogelt, um sich eine lästige Fußnote zu sparen? Im Cornelsen-Lehrbuch "Texte und Methoden, Bd. 2" (Vorläufer von "Texte, Themen und Strukturen") heißt es nämlich in der Anmerkung zur Stelle: "allen gemeinsames Schicksal"!

II. Ein Vergleich der Abiturvorlage zu Fontanes "Irrungen, Wirrungen" mit der als Textgrundlage angegebenen Reclamausgabe von 1994 in klassischer Rechtschreibung bestätigt mir gerade, daß es sich wirklich nicht um editorische Überlegungen handelt, sondern einerseits um Nachlässigkeiten beim Abschreiben (die Schreibkraft ist schuld! oder vielleicht gar ein Korrekturprogramm?), andererseits um willkürliche Eingriffe nach nicht untypischen Verwirrungen der NRS (wer hat die veranlaßt?)

Hier die "kleine" Liste, ich zitiere zuerst meine Reclamausgabe von 1994, dann die Abiturvorlage:
S. 3, Z. 7: Schritte zurückgelegenes] Schritt zurück gelegenes;
8: Wohnhaus, trotz aller Kleinheit] Wohnhaus, trotz aller Kleinigkeit [!]; 12: ebendies] eben dies; S. 4, Z. 4:halbmärchenhafte]
halb märchenhafte; 12: hin- und herklapperte] hin und her klapperte; 23: 'rüberkommen] rüberkommen; 26: hab] hab'; S. 5, Z. 2: 'ran] ran; 15: wahrhaben] wahr haben.

Mit "Kleinheit/Kleinigkeit" haben wir einen ähnlichen casus wie oben. Was, wenn ein Abiturient sich an diesen Differenzen gestoßen hätte? Denn sie konnten es merken, da ihnen Exemplare der Pflichttexte in einer unkommentierten Textausgabe zur Einsichtnahme zur Verfügung gestellt werden mußten. Jedenfalls werden in zahlreichen Abiturklausuren Zitate stehen, die nicht Fontanes Text entsprechen!

III. Der Anfang von Rilkes "Malte Laurids Brigge" entspricht, soweit ich sehe, der angegebenen Textvorlage, bis auf dies: Die Ausgabe hat nur "11. September, rue Touillier", die Abiturvorlage "Paris, 11. September, rue Touillier". Also wieder das Einmogeln einer Erläuterung in den Text ohne Kennzeichnung? Außerdem vollzieht die Abschrift die optische Gliederung nicht richtig nach. Die genannte Winkler-Ausgabe von 1999 macht Absätze mittels Einrückung um ein Geviert und Abschnitte mittels Durchschuß, die Abiturvorlage nur Absätze mittels Einzug, nach Z. 29 fehlt eine Abschnittmarkierung.

Demnächst sollte das MSW vielleicht doch lieber, wie es alle Lehrer bei kritischen Texten tun, einfach eine anerkannte Textvorlage kopieren, aufkleben und wieder kopieren!

Es ist im übrigen - worauf ich ursprünglich hinauswollte - bemerkenswert, daß im 11. Jahr seit der Rechtschreibreform immer noch alle Abiturtexte, bis auf den armen Enzensberger, in klassischer Rechtschreibung vorgelegt werden müssen, weil es keine zuverlässigen in neuer gibt und geben kann. Daß bei der Herstellung der Abiturvorlagen durch Abschrift (jedes Blatt mit "Hoheitszeichen" des MSW im Kopf und der Fußzeile "Nur für den Dienstgebrauch") die dargestellten Mängel auftreten, stellt sowohl der NRS als auch dem ministeriellen Umgang mit ihrer eigenen Verordnung als auch dem arroganten Anspruch an das Zentralabitur ein miserables Zeugnis aus.

Ich fasse zusammen und bewerte: Es ist ausgerechnet beim ersten Zentralabitur in NRW bei den Aufgaben im Fach Deutsch (hier: Leistungskurs) in einem unerhörten Maße schludrig gearbeitet worden, angeblich von einer ganzen Kommission. Aber man muß das alles natürlich nicht so verbissen sehen, getreu der auch sonst (vgl. Duden-Zulassung) verfolgten Devise des MSW des Landes NRW: Was wir machen, ist richtig, basta! Seht zu, wie ihr damit zurechtkommt!

Genug über diese philologischen "Kleinheiten"! Was mag wohl die Überprüfung der übrigen Abiturvorlagen erbringen? Ich mag mir das im Moment nicht antun.


Kommentar von R. M., verfaßt am 03.04.2007 um 10.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5808

Im Original stehen sicherlich zwei lange Fraktur-s. Regeln im heutigen Sinne gab es damals noch nicht, nur mehr oder minder regelmäßige Gebräuche.


Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 03.04.2007 um 01.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5806

Vielleicht stehen dort zwei lange s, vielleicht auch nicht. Über die Jahrhunderte haben sich die s-Regeln mehrfach geändert. Auch müßte man anschauen, wie der Autor generell schreibt, bevor man einen solch kurzen Text analysiert und daraus Schlüsse zieht.


Kommentar von R. M., verfaßt am 02.04.2007 um 11.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5805

Im Original stehen sicherlich zwei lange Fraktur-s.


Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 02.04.2007 um 11.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5804

Ist das wirklich die Originalschreibweise? Ein Faksimile eines zeitgenössischen Drucks oder ein Autograph wäre mir zur Beurteilung dieser Frage lieber. Einer Antiqua-Übertragung sieht man normalerweise nicht an, ob derjenige, der sie erstellt hat, sich mit dem Unterschied zwischen runden und geschweiftem s wirklich auseinandergesetzt hat. Der ganze (kurze) Text enthält ja außer dem "süssen" keine einzige Stelle, an der unsereiner heute innerhalb des Wortes ein ß schreiben würde.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 02.04.2007 um 11.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5803

Neue "böse Wörter":
"Siemens": bisher Einheit der elektrischen Leitfähigkeit 1/Ohm; jetzt auch: Einheit für Schmiergeld (wirtschaftliche Leitfähigkeit), (der Gegenwert in (Millionen) Euro ist noch nicht festgelegt).
"Siemenssches Prinzip": bisher Erregung des Feldmagneten durch den im Anker induzierten Strom; jetzt auch: Organisationsprinzip für Schmiergeldzahlungen (genaue Definition ist noch nicht festgelegt).


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 31.03.2007 um 22.36 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5802

Hoffmannswaldau pflegte - wie einige andere seiner Zeit - eine recht eigenwillige Schreibung. Nun kann man also darüber nachdenken, warum eben ein solcher Text - sogar quellengetreu, d.h. nicht didaktisch zugerichtet - ins Abitur geriet. Hat da vielleicht jemand wider den Stachel gelöckt?

Da in Schulen rundum und zum Quadrat gekupfert wird, können auch Ministerien nicht widerstehen. Wie denn wohl auch? S wär o Wunder!


Kommentar von R. M., verfaßt am 29.03.2007 um 23.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5801

Süsser blitz, fuß, muß sind die Originalschreibweisen Hofmannswaldaus.


Kommentar von AH, verfaßt am 29.03.2007 um 23.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5800

Schriftliches Zentralabitur NRW (im Leistungskurs Deutsch):
Das Sonett "Vergänglichkeit der Schönheit" von Hoffmannswaldau bekam als Rechtschreibung verpaßt: "süsser [!!] Blitz, Fuß, muß". Quelle soll sein: K.O. Conrady, Das Buch der Gedichte, Cornelsen [!] 2006. War das Conrady oder Cornelsen? Brechts zum Vergleich gestelltes Gedicht "Entdeckung an einer jungen Frau" hat "daß, laß" usw., nach "Frankf.a.M. 2000", also wohl suhrkamp. Der Romananfang von Rilkes "Malte Laurids Brigge" hat "daß" usw., nach einer Ausgabe von 1999. Fontanes "Irrungen, Wirrungen" hat "daß, mußte, bißchen" usw., nach "Stuttgart 1994", also wohl Reclam, obwohl man eine neuere Ausgabe in "amtlicher" NRS hätte zugrundelegen können. Manfred Durzaks Rezension zum "Vorleser" hat "daß, läßt" usw., nach "Literatur für Leser 2000". Und Enzensberger? Hat den Fehler gemacht, im "Spiegel" zu publizieren: "dass, so weit (= soweit, wenn!), fassbar" usw. Die Umtexte, also Aufgaben und Erläuterungen, frönen natürlich der NRS ("Schlusssatz," aber: "sogenannte"). Dieses amtliche Chaos hat doch was, oder? Aber den Schülern sollen bei Rechtschreibverwirrung bis zu zwei Notenpunkte abgezogen werden!

Ach ja, dann ist da noch der Skandal, den die FAZ bereits unter "Durchgefallen" aufgespießt hat. In Hoffmannswaldaus Gedicht steht als Antithese zu "Das Haar, ... des Goldes Glanz" ... "als ein gemeinsam Band". Richtig muß es heißen: "als ein gemeines Band". Der Textfehler ist erheblich interpretationsrelevant, weil sinnentstellend, und wird wohl noch die Korrekturvorgänge beschäftigen, denn wie ist das zu bewerten, falls jemand diese Textstelle als Beleg herangezogen hat? Gnädig übersehen? Anzumerken ist noch, daß der Relativsatz im 2. Vers des 2. Quartetts "Für welchen solches fällt..." für den Durchschnittsleser unverständlich ist und hätte kommentiert werden müssen. Dies gilt auch für die Schlußmetapher "Herze...aus Diamant". Das Bild ist nicht stimmig zum Kontext; Interpreten streiten sich, ob hier die Dauerhaftigkeit des Diamanten die Antithese zur Vergänglichkeit bilden soll oder ob schon Ironie vorliegt durch den Hinweis auf die Härte des Diamanten. Das kann ein Abiturient nicht lösen. Dafür hat man aber die leichter verständlichen Stellen "Der Augen...Blitz" als "Blick", '"zeitlich" als "mit der Zeit", "denn" als "dann" erläutert.
Insgesamt erweist sich das Gedicht trotz seiner Sonettform als wenig geeignet für eine Prüfungsaufgabe zum Thema "vanitas-Gedanke" im Barock. Die Verursacher in NRW berufen sich nun darauf, diese Aufgabe sei bereits in Bayern gestellt worden und könne deshalb nur in Ordnung sein. Ja mei, wo san mer denn? Muß das Ministerium in NRW jetzt bereits die Aufgaben aus anderen Ländern (falsch) abkupfern. Haben sie niemanden, der eigenständig vier Abituraufgaben entwickeln kann, wie es Tausende von Lehrern in den letzten Jahrzehnten in den Weihnachtsferien mußten? Liest in NRW in solchen Dingen kein philologisch Geschulter die Aufgaben gegen und bringt eine Linie hinein? Seit zwei Jahren quält man die betroffenen Lehrer durch immer neue Vorgaben und Erlasse und erst jüngst durch stundenlange Konferenzen zu den peinlich einzuhaltenden Formalia des hochwichtigen Zentralabiturs, mit dem Schule erst recht eigentlich erfunden werden soll. Wird sich das "Ministerium für Schule und Weiterbildung" wohl für diesen Reinfall beim ersten Zentralabitur entschuldigen bei den darunter leidenden Schülern wie Lehrern der LK Deutsch, die dafür ihren Kopf hinhalten müssen?


Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 25.03.2007 um 20.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5799

Seneca stellt mit einer gewissen Resignation fest, daß man nicht für das Leben, sondern für die Schule lerne. Insofern manipuliert die uns geläufige Fassung den Gedanken des alten Stoikers mit fröhlichem, zielgewissen Optimismus.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 25.03.2007 um 19.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5798

Seneca, Briefe an Lucilius 106, 12 (nach Klaus Bartels, VENI VIDI VICI)


Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 25.03.2007 um 14.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5797

Recht häufig wird gerade von Schulmeistern ein lateinischer Spruch genannt, der angeblich von Seneca stammt: "Non scholae sed vitae discimus." (Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir)

Seneca hat das aber gerade andersherum geschrieben: "Non vitae sed scholae discimus."



Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 24.03.2007 um 22.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5796

Die Schule hat in Deutschland die Armee als zentrale staatliche Institution ersetzt. Als in den 60er Jahren ein Generalinspekteur die Parole ausgab, die Bundeswehr sei "die Schule der Nation", war die Entscheidung längst gefallen – schon die Wortwahl zeigt, daß der Paradigmenwechsel bereits vollzogen war. Die Antwort, die dem braven Soldaten damals zuteil wurde, lautete: "Die Schule ist die Schule der Nation." Das war nur auf den ersten Blick eine witzige Replik. Sie hatte über die Provokation hinaus Bestand und erweist sich heute als eine furchtbare Tautologie.

Geht man davon aus, daß die Schule heute die zentrale Institution ist, um die herum sich die Gesellschaft organisiert bzw. staatlicherseits organisiert wird, nimmt vieles Sinn an, was andernfalls nur als vermeintlich zufällige Absurdität in den Blick kommt: zum Beispiel die unausgesprochene Grundannahme des Reformprojekts und seiner Adepten, Rechtschreibung sei dazu da, an der Schule unterrichtet zu werden. (Dem entspricht eine Art pädagogischer Okkasionalismus, für den beliebige Stoffe zum Anlaß für schulische Verrichtungen werden können. Wichtig ist nicht mehr der Inhalt, sondern der pädagogische Gestus, mit dem er vermittelt wird.) Oder auch der keineswegs sarkastisch gemeinte Ausspruch eines Bundeselternbeiratsvorsitzenden im Jahr 2004, der Gewinn der Rechtschreibreform liege darin, daß sie zu lebenslangem Lernen zwinge. Sogar die Rede von der "Staatsraison", die das Beharren auf der als Fehler erkannten Reform unausweichlich gemacht habe, wird verständlicher.

Die zunehmende Erbärmlichkeit der Ergebnisse des Schulunterrichts widerspricht dieser Annahme nicht, im Gegenteil. Im Maße eine zentrale Institution das Selbstbild einer Gesellschaft und deren Weltwahrnehmung konstituiert, kann sie keine Fehler mehr machen. Es gibt dann keine anderen Zwecke mehr, vor denen sie sich rechtfertigen müßte. Auch das bekannte "Non scholae…" wird sinnlos, wenn die Schule das Leben selbst ist.

Das deutsche Schulwesen wäre nicht das erste Beispiel dafür, wie eine Institution an ihrer Überhöhung zum Selbstzweck scheitert, zusammen mit der Gesellschaft, die sich in ihr imaginiert. So hatte sich in der Armee im nachfriderizianischen Preußen die Vorstellung durchgesetzt, Gewehre seien zum Exerzieren da. Die Quittung dafür gab es dann 1806 bei Jena und Auerstedt.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 23.03.2007 um 19.31 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5794

Das Bedürfniswesen kann auch die Gesamtheit der Notdurftdienste leistenden Einrichtungen sein. In gewissen Textumgebungen muß das Wesen dieses Wesenwortes gemütserheiternd offen bleiben.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.03.2007 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5793

Über das "Bedürfniswesen" bin ich leicht gestolpert, aber für Pädagogen wird es wohl ganz eindeutig eine Person bezeichnen.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 23.03.2007 um 16.03 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5792

Es hilft wenig, ins Deutsche auch noch eine Aspektdichotomie einzubringen, wo man in ihm schon schwer zu tun hat mit den - hier sei´s geklagt - Aktionsarten.

Es gab freilich einst Äußerungen wie "er ist bedankt" ("Zustands"passiv), während "Dir sei Lob und Dank bereit(-?)" noch einigermaßen funktioniert.

Irgendwie gelten solche "Zustands"feststellungen heute als leicht verstaubt oder gar monströs, weil der Vollzug der Dankeshandlung (leider) keinen Nachzustand hinterläßt und überdies die Unterscheidung einer unvollendeten Dankeshandlung von einer vollendeten solchen einige scholastische Finesse und lange Erfahrung in ihrer Handhabung erfordert.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 23.03.2007 um 16.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5791

Ich finde den Ausdruck "reinen Sprachgewissens" wirklich klasse und danke dafür und für die schnellen und befriedigenden Antworten und meinte eben "nur, daß man mal fragen kann" (um das mit Dirks Pauluns zitierfähigen Worten zu sagen), weil mich mal ein Deutschlehrer auf dieses "Problem" (mit "eigentlich"!) hingewiesen hatte. Die Red. kann also diese Sache jetzt ruhigen Gewissens aus "Von guten und von bösen Wörtern" nach "Darf man so sagen – oder schreiben?" verschieben.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.03.2007 um 15.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5790

Durch das Präfix "be-" wird das unvollendete (imperfektive) Verb "danken" zum vollendeten (perfektiven) Verb "sich bedanken", das eine abgeschlossene, beendete Handlung beschreibt.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 23.03.2007 um 15.24 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5789

Der Beitrag von Herrn Ludwig bewegt mich dazu, die Differenz zwischen "(jemandem) danken für etwas" und "sich (bei jemandem) für etwas bedanken" darzulegen.
Mit jedem der Verben beschreiben wir eine objektgerichtete Handlung, die eo ipso eine soziale ist. Ihre soziale Gerichtetheit kann durch Nennung des Sozialpartners explizit gemacht werden, falls dieser nicht der Adressat der Äußerung ist. Mit dem sog. "echten" reflexiven Verb tun wir mit der Äußerung dasselbe, nur weniger ökonomisch, d.h. etwas wortaufwendiger (von "mehr Worte aufwenden" und nicht von "~ aufwänden") und mit Verbiegung des Partnerdativs zur Präpositionalphrase. Wie so oft fällt wohl auch hier die ökonomischere Lösung mit der ästhetisch gefälligeren zusammen.


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 23.03.2007 um 15.14 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5788

Als Urheber der von Herrn Ludwig sicherlich mit einiger Berechtigung bestirnrunzelten Formulierung des Sichbedankens möchte ich zu meiner Rechtfertigung bemerken, daß ich sie reinen Sprachgewissens, allerdings auch ohne über ihre innere Logik oder Unlogik nachzudenken, verwendet habe. "Problematisch" ist daran meiner Ansicht nichts, die Formulierung gehört nun einmal zu den gebräuchlichen Ausdrucksweisen. Das versteht sich doch wohl von selbst. (Was ist eigentlich bei dieser Formulierung das "Selbst", das sich selbst versteht? Man müßte Heidegger fragen, wenn es ihn noch gäbe. Oder wenigstens Sloterdijk. Und wo kommen wir hin, wenn wir jede vertraute Redewendung auf diese Weise unters Mikroskop legen? Meine Antwort: Ins Stottern.)


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 23.03.2007 um 14.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5787

Liebe Freunde richtiger Verschriftung des Deutschen, ich hatte mit der Formulierung meiner Dankesbekundung (#5784) auch etwas darauf hinweisen wollen, daß der Ausdruck "wir bedanken uns" doch wohl irgendwie problematisch ist — oder sein sollte für Leute, die (noch) ein Ohr für Struktur und vielleicht sogar Stil haben. Ich bemerke heute, daß auch die anderen beiden Gesprächsteilnehmer hier bisher zum Ausdruck ihres Dankes von "sich bedanken" Abstand nehmen. Ist diese Frage überhaupt noch eine Diskussion wert? Zumindest wäre jedoch "j-m danken" kürzer als "sich bei j-m bedanken".


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 23.03.2007 um 12.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5786

Besten Dank für den Hinweis. Der Text wird vielen aus dem Herzen sprechen. Schade daß er in nicht in der FAZ oder SZ oder gar in der "taz" erschienen ist, sondern in elitärem Rahmen.


Kommentar von Thomas Roediger, verfaßt am 23.03.2007 um 09.55 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5785

Ein souveräner Denker!

"- die Transformation der Sprache der Tugenden in die Sprache der Kompetenzen,
- die Transformation der moralischen Sprache in die psychologische Sprache,
- die Transformation der Sprache des Handelns (des handelnden Subjekts) in die Sprache des Verhaltens (des sich verhaltenden Bedürfniswesens)."

Das sind klare Aussagen, kein Smalltalk. Vielen Dank, mich hat das in den späten Abendstunden hellwach gemacht (ich könnte glatt sagen, es hat mich "erhellt").


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 22.03.2007 um 22.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=537#5784

Klasse, dieser Aufsatz! Ich danke sehr für den Hinweis. Den sollten auch die KultusministerInnen lesen.



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