zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

Die neuesten Kommentare


Zur vorherigen / nächsten Nachricht

Zu den Kommentaren zu dieser Nachricht | einen Kommentar dazu schreiben


31.12.2006
 

Ende des Glaubenskrieges?
Stimmen (und Propaganda) zum Jahresende

Die Nachrichtenagentur ddp hat sich umgehört – aber nur bei den üblichen Verdächtigen.

„Die Sprache hat ihren Sinn wieder“ ließ sich der Vorsitzende des Rechtschreibrats, Hans Zehetmair, vernehmen. Wie sich die reformierte Rechtschreibung an den Schulen macht, interessiert ihn jedoch nicht, denn „das Wichtigste ist, es ist endlich Ruhe eingekehrt.“ An einer weiteren Reform der Reform werde er sich nicht beteiligen.

„Ein Glaubenskrieg ist es nicht mehr“ meint der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus; er sieht aber „eine gewisse Resignation“ in den Schulen, die irgendwann „in Beliebigkeit“ münden werde. Langfristig würden sich nur die Regeln zur s-Schreibung durchsetzen (»… dass auf kurze Vokale „ss“ und auf lange Vokale „ß“ folgt«). Sie würden ernst genommen und konsequent umgesetzt, dennoch seien die Fehler nicht weniger geworden.

Der Vorsitzende des Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, geht davon aus, daß die Rechtschreibreform in den Schulen akzeptiert wird und fügt hinzu: „Man hat sich mittlerweile mit der Realität abgefunden, dass die große Erleichterung nicht kommen wird.“ Er sieht allerdings noch ein Problem: Deutschland sei europaweit das letzte Land, das noch die Groß- und Kleinschreibung habe; dafür wünsche er sich „eine bessere Lösung“.

In Zusammenarbeit berichten Tagesspiegel und Zeit zusammenfassend unter der Überschrift „Rechtschreibung: Ende des Glaubenskrieges“ (die Freie Presse und die Märkische Oderzeitung übernehmen den ddp-Text): „Fast fünf Monate nach Einführung ist die Rechtschreibreform nach Ansicht von Experten in den Schulen angekommen. Dass Politiker sich noch einmal mit dem Thema beschäftigen, glauben sie nicht.“



Diesen Beitrag drucken.


Kommentare zu »Ende des Glaubenskrieges?«
Kommentar schreiben | älteste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 16.03.2007 um 15.40 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5778

Wermke nach Wilhelm Busch: Die Zeit wird die Wunden heilen

Ja, sicher! Nur wer hat sie denn wem geschlagen? Konrad Duden lag an Einheitlichkeit. Der "Duden" von Wermke hat entgegen dem mehrere Tausend Varianten installiert, damit sie sich "in den nächsten Jahrzehnten abschleifen" und Vereinheitlichung entsteht.

Eine großartige Leistung der Variantenausdenker und -verteidiger aus dem Hause "Duden" und eine strahlende Zukunft für die Schreiber des Deutschen. Warum fragt nie jemand die Verantwortlichen, wozu das ganze Horrorszenario geschrieben wurde? Zur Vereinheitlichung ja wohl nicht!

Warum fragt man die unschuldigen Kleinen immer ganz pädagogisch (brutal-suggestiv), ob sie gern noch eine Reform der Deform hätten? Warum darf auch der Lehrer am Jenaer Gymnasium nicht frei heraus sagen, was er von der "revolutionären" (Wermke) Schreibung hält? Druckst er herum, weil er seine Arbeit liebt und der Staatsanwalt schon am Bildrand steht?

Das Ganze ist also wieder einmal propagandistisch nach den sattsam bekannten Mustern des 20. Jahrhundert gestrickt: Wer nach den Ursachen des Ist-Zustandes fragt, ist ein Nestbeschmutzer und wird belangt.


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 06.03.2007 um 11.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5749

Bei YouTube ist ein Video zur Rechtschreibreform aufgetaucht (ZDF-Mittagsmagazin).


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 14.01.2007 um 18.53 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5618

Fachwissen in der Presse nicht gefragt

Texte, in denen die Rede von der Sprache und ihrer Schreibung ist, stellen relativ hohe Anforderungen an die Leser, die auch die sog. "anspruchsvoll(er)e" Presse den ihren nicht stellen will. Das Lesen von Texten über literarische "Sprache" (sprich: Texte) im Feuilleton dagegen gibt deren Lesern das Gefühl, in höheren Regionen sprachlicher Reflexion zu (lust)wandeln, statt in den Niederungen von Grammatik, Schreibung und anderem Profanen zu vegetieren. Abgesehen davon, daß die Journaille auch im "Kultur"teil so furchtbar gern mit Sensatiönchen epatiert (noch mehr Blut, Schande und Schändlichkeiten in Wort und Bild), ist sie außerstande, kritisch die sprachlichen Prozesse zu verfolgen, die das Denken und die Literatursprache von morgen mitbestimmen (auch wenn die Autoren hier heftig protestieren). Linguisten kann sie sichtlich nur gebrauchen, wenn diese bereit sind, sich bei ihr als claque zu verdingen und das Kuschen der Journaille vor der Staatsgewalt bzw. vor den Landesbildungsfürsten schönzureden.

Als geradezu dekadenten Ersatz für die Reflexion der in Texten vor sich gehenden sprachlichen Prozesse und als Feigenblatt für die eigene Anspruchslosigkeit bzw. Abstumpfung hat sich die Journaille das Eintagsblümchen "Unwort des Jahres" und ein paar ähnliche Spielchen als "Bildungs"-Happenings ausgedacht. Karl Kraus meinte einst, daß große Übel u.a. mit sprachlicher Nachlässigkeit oder Sprachverachtung beginnen.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 14.01.2007 um 13.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5616

Vielen Dank, Herr Holst. Diese Episode bringt es auf den Punkt. Über ein Gemisch von Blut und Kot auf der Bühne berichtet jedes Feuilleton, das ist nämlich Kunst oder jedenfalls Kultur. Aber ein Sprachwissenschaftler, von dem zu erwähnen wäre, daß er die Rechtschreibreform ablehnt? Da bekommt der öffentliche Rundfunk richtig Angst.


Kommentar von Jan Henrik Holst, verfaßt am 12.01.2007 um 20.02 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5615

Pt behauptet (drei Einträge tiefer), daß "die Mehrheit der Sprachwissenschaft entweder auf Seiten der Reform steht oder ihr zumindest gleichgültig gegenübersteht". Ich würde gern kurz dieser Aussage widersprechen. Meiner Erfahrung nach ist die Gegnerschaft in der Sprachwissenschaft erheblich. Bloß darf diese nicht in den etablierten Medien sprechen. Einmal fragt ein Journalist vom NDR an, ob er einen Beitrag über mich bringen könne. Ich sagte, klar; Bedingung sei aber, daß er erwähnt, daß ich Gegner der Rechtschreibreform bin. Daraufhin bekam ich eine e-mail, die Redaktion habe jetzt beschlossen, über mich doch keinen Beitrag zu machen.
Zu meinen eigenen Stellungnahmen zur Rechtschreibreform (kompromißlos ablehnend) s. diese Seite:

http://www.janhenrikholst.de/indey3.htm

Zu Pt und R. M. wegen "Zerstörung des Wirtschaftsstandorts Deutschland": Zerstörung nicht gleich, aber Schädigung schon. Wer sich Diskussionen mit Verlagen und Fachzeitschriften sparen will, weicht lieber auf die Wissenschaftssprache Englisch aus.


Kommentar von K.Bochem, verfaßt am 09.01.2007 um 00.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5614

... wollten uns weismachen, daß die Rechtschreibung in erster Linie für den Schreiber wichtig sei. ...

... und gleichzeitig ist an den Schulen auf Veranlassung derselben Leute richtliniengemäß adressatengerechtes Verhalten einzuüben – aber wohl nicht bei der Schrift bzw. beim Schreiben!?


Kommentar von R. M., verfaßt am 08.01.2007 um 17.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5611

Die Zerstörung des Wirtschaftsstandorts Deutschland? Hätten Sie's etwas kleiner?


Kommentar von Pt, verfaßt am 08.01.2007 um 16.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5610

Genau da ist das Problem: Wenn die Mehrheit der Sprachwissenschaft entweder auf Seiten der Reform steht oder ihr zumindest gleichgültig gegenübersteht, wer soll denn dann die entsprechenden Untersuchungen durchführen? Wer ist unbefangen? Außerdem gab es vor Jahren schon eine solche Untersuchung, das Ergebnis bestätigte unsere Position, aber der ''Wissenschaftler'' meinte sinngemäß, daß, wenn man erst einmal begonnen hat, sich an das unsinnige Doppel-s zu gewöhnen, daß man das dann nicht mehr wieder zurücknehmen sollte. Er stand offensichtlich auf der Seite der Reformer. Die Ungeheuerlichkeit war und ist offensichtlich, schon seit über zehn Jahren. Daraus kann man nur einen Schluß ziehen: Sie ist gewollt. Natürlich kann man dann die Augen vor den Tatsachen verschließen und den Verantwortlichen Dummheit o. ä. unterstellen. Meinetwegen auch Ideologie oder Machtstreben oder Geldgier. Das ziehlt alles in dieselbe Richtung: Die Zerstörung des Deutschen und, da Sprache und Denken einander bedingen, letztlich auf lange Sicht die Zerstörung des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
Auch sind die Schäden schon seit Jahren sichtbar. Aber offenbar erschaudert dieser unkontrollierte Umgang mit der Macht niemanden – es gibt ja Wichtigeres –, auch mit nüchternen, unabhängigen Untersuchungen. Natürlich könnten die Reformgegner selbst eine solche Untersuchung in Auftrag geben oder gar selber durchführen, aber dann bekämen wir sicher auch Befangenheit vorgeworfen.


Kommentar von Michael Schuchardt, verfaßt am 08.01.2007 um 16.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5609

Sehr geehrter Herr Eversberg,

ich stimme Ihnen aus meiner persönlichen Erfahrung voll zu. Ich führe Rechtschreibungskenntnisse hauptsächlich auf das viele Lesen zurück. Ich habe zwar in der Schule meine liebe Not mit Interpretationen gehabt und mir ist auch manchmal der Stil vorgehalten worden, aber die Rechtschreibung war kaum betroffen.

Da kommt ja auch eine generelle Frage auf: Wie lernen wir eigentlich? Die häufige Wiederholung von Wissen allein führt zum Lernergebnis.

Das ist ja gerade das Problem mit der RSR. Die Protagonisten wollten uns weismachen, daß die Rechtschreibung in erster Linie für den Schreiber wichtig sei. Die vielen Stilmittel, die man durch das Auseinderreißen von Wörtern vernichtet hat, beschädigen das Verständnis des Geschriebenen. Das wäre doch genauso, als wenn der Verfasser einer Bedienungsanleitung für ein technisches Gerät gehalten wäre, einen möglichst geringer Aufwand zu betreiben. Dabei gilt doch für jeden professionell Schreibenden, daß er möglichst gut verstanden werden möchte. Das hat Martin Luther auch schon gewußt und deshalb ist seine Bibelübersetzung auch so erfolgreich gewesen. Denn angeblich soll es ja davor schon (wenig erfolgreiche) Übersetzungen gegeben haben.


Kommentar von B. Eversberg, verfaßt am 08.01.2007 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5608

Wenn die das selber machen, dann nicht. Aber sie machen NICHTS, das ist ja ein Teil des Problems! Keine Evaluierung, keine noch so fadenscheinige "Kontrolle" des Erfolgs, nur Geschwiemel und Geschwätz. Diese Ungeheuerlichkeit muß überführt werden, indem man unbestreitbare, nachgewiesene Fakten dagegenhält. Freilich gibt's schon genug, und es hat alles nichts genützt. So wird das Ganze zu einem abschreckenden Exempel des unkontrollierten Umgangs mit Macht, das noch Generationen erschaudern lassen wird. Aber erst wenn die Schäden ins öffentliche Bewußtsein dringen, und dies gilt es zu beschleunigen. Z.B. mit nüchternen, unabhängigen Untersuchungen.


Kommentar von Pt, verfaßt am 08.01.2007 um 15.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5607

Glauben Sie, daß bei einer solchen ''wissenschaftlichen'' Untersuchung etwas anderes herauskommt als das, was die Reformbetreiber wünschen?


Kommentar von B. Eversberg, verfaßt am 08.01.2007 um 13.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5606

Richtig schreiben lernt man passiv. Was in der Schule an Regeln gepaukt werden mag, davon bleibt fast nichts hängen. Am besten schreiben die, die viel gelesen haben, denn was man 50-60mal gelesen hat, schleift sich ein, bleibt hängen, ganz nebenbei, ohne Pauken. Diese wunderbare Leichtigkeit des Lernens wurde von den Reformern nicht erkannt. Jetzt ist sie zerstört. Denn man liest nicht mehr zwangsläufig 50-60mal dasselbe, sondern unterschiedliche Formen, und das in immer mehr Fällen, weil ja die neuen Fehler und Varianten den Mischmasch noch verschlimmern. Das unbewußte Sortieren der Dinge in den grauen Zellen ist gestört. Das zunehmende falsche dass mag dafür symptomatisch sein.
Wichtig wäre, diesem diffusen Eindruck wissenschaftlich nachzugehen, z.B. in einer Studie die Unterschiede zwischen dem Stand der Rechtschreibleistungen in bestimmten Gruppen heute und vor 10 Jahren zu analysieren und zu schauen, ob es eindeutig "reformogene" Mißbildungen gibt. Da könnte man etwa archivierte Klassenarbeitshefte heranziehen. Eigentlich müßte es auch Lehrer geben, die sich für die Frage interessieren.


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 06.01.2007 um 18.30 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5605

Zu Germanist (2.1.07): Frau Schavan handelt nach dem Politiker-Grundsatz "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern ...". Ich frage mich allerdings, womit sie die "Elite-Universitäten", für die sie sich jetzt so ins Zeug legt, eigentlich bestücken möchte. Mit Leuten, die "das" und "dass" nicht auseinanderhalten können?

Es ist zwar schon einige Jahre her, aber ich werde es nicht vergessen, daß Frau Schavan den Empfang meines Buchgeschenks "Regelungsgewalt" – versehen mit passenden Randmarkierungen – weder bestätigt noch sich dafür bedankt hat.


Kommentar von SZ online, verfaßt am 06.01.2007 um 04.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5604

Lehrer sehen „Resignation“

Berlin. Fast fünf Monate nach Einführung ist die Rechtschreibreform nach Ansicht von Experten in den Schulen angekommen. „Es ist endlich die Ungewissheit weg, wie man denn nun schreibt und die Gefahr, dass man schreibt, wie man will“, sagte der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair. Uneingeschränkte Zufriedenheit herrscht aber nicht: Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, sieht „eine gewisse Resignation“ in den Schulen, die irgendwann „in Beliebigkeit“ mündet. Probleme gebe es vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie der Groß- und Kleinschreibung. Mit Blick auf die Variantenvielfalt würden laut Kraus die Lehrer künftig „relativ liberal“ an Korrekturen herangehen. „Man hat sich mit der Realität abgefunden, dass die große Erleichterung nicht kommt“, so der Vorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger. (ddp)

(Sächsische Zeitung, 6. Januar 2007)


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 04.01.2007 um 18.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5602

Auf der Seite des Tagesspiegel-Artikels ist folgender Kommentar von mir erschienen:

Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich

Zitat (Zehetmair): »Ihm komme es jedoch darauf an, "dass die Sprache ihre Sinnhaftigkeit wieder erhält".«

Hier führt die Getrenntschreibung "wieder erhält" Zehetmairs Anliegen ad absurdum, denn gemeint ist "wiedererhält". Sprache kann Sinnhaftigkeit nicht erhalten (= bekommen – sondern sie hat sie [oder nicht]), und also kann sie sie auch nicht erneut erhalten (= wieder erhalten).
Fazit: Es kommt nicht darauf an, wie man schreibt, sondern auf das, was man liest. Leider will uns die Rechtschreibreform ersteres glauben machen.
___

Zitat (Überschrift): »Fast fünf Monate nach Einführung ist die Rechtschreibreform nach Ansicht von Experten in den Schulen angekommen.«

Das kann nicht ernst gemeint sein, denn die Reformschreibung gibt es seit 1996 und ist spätestens seit 1998 alleiniger Maßstab für den Unterricht, zwischenzeitliche Korrekturen hin oder her. Interessant wäre aber zu erfahren, worauf die Experten ihre Ansicht stützen – haben sie irgendwelche Untersuchungen dazu angestellt? Wie können sie das belegen, sind diese Aussagen belastbar? Das geht aus dem Text nicht hervor.
___

Zitat 1: »Kraus betonte, man habe sich in Unsicherheiten "eingerichtet" [...]«
Zitat 2 (Meidinger): »Er glaube jedoch, "dass kein Politiker die Sache noch mal anfassen wird".«
Zitat 3 (Zehetmair): »Es ist nicht zu verantworten, noch mal Unsicherheit zu verbreiten.«

Nanu: Es wurde also laut Zitat 3 mit der Reform Unsicherheit verbeitet, die laut Zitat 1 weiterhin besteht, aber laut Zitat 2 werde sich keiner der Verantwortlichen mehr darum kümmern, das wieder in Ordnung zu bringen. (Anders ausgedrückt: Ein politischer Eingriff, der sich als schädlich herausstellt, braucht nicht korrigiert zu werden, da dies ein weiterer schädlicher Eingriff wäre.)
Kommentar überflüssig?

Jan-Martin Wagner (3.1.2007 19:33 Uhr)


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 04.01.2007 um 17.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5601

Benennungen als "Einordnungen"

Rechnen und schreiben (zu) können sind keinesfalls (Sekundär)tugenden, sondern ganz brauchbare, im neueren Deutschland und seinen Schulen als Tugenden verteufelte und von Firmen gesuchte Fertigkeiten. Indem man Fertigkeiten Tugenden nennt, um so an Buschs tugendhaften Hund zu erinnern, erledigt man fast alles vorab, denn Tugenden gelten heute in diesem Lande als etwas höchst Überflüssiges.

An der Sprache werdet ihr sie erkennen!


Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.01.2007 um 11.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5599

Mit der Einstellung, Rechtschreiben (und Kopf- und Dreisatzrechnen) seien weniger wichtige "Sekundärtugenden", kann man wohl ein Hochschulstudium, aber keinen Einstellungstest für eine Lehrstelle bestehen. Sorgfalt und Genauigkeit sind die einzigen Gründe, Fertigungsarbeitsplätze in Deutschland zu belassen und nicht nach Korea zu verlagern. Die Mehrzahl der Deutschen sind keine Literatur- oder Mathematikprofessoren, denen man solche "Kleinigkeiten" nachsehen kann.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 03.01.2007 um 17.48 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5598

Egalität kommt von egal

Die Konstatierung des Ist-Standes scheint mir auch etwas zu wenig zu sein. Wie Frau Morin schreibt, kam es zu diesem, indem die Schüler in den staatsbeaufsichtigten Schulen jahrelang nicht nur in dem, sondern zu dem Bewußtsein erzogen wurden, Schreibkorrektheit sei eine bürgerliche Nebensächlichkeit.

Die Griechen meinten noch, man solle einem Wort kein Jota rauben. Heute darf man einem Satz jedes Komma klauen.


Kommentar von Herrmann Müller, verfaßt am 03.01.2007 um 17.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5597

Sehr richtig. Aber genau deswegen haben sich viel zuwenig Leute gegen die EInführung der unsinnigen Reform in den Schulen gewehrt. Der Lehrer, die es gewagt haben, wirklich Stellung gegen die Reform zu beziehen, gab es ja auch viel zuwenig.

Unlängst habe ich einer Zeitung gelesen, daß in Neuseeland seitens der Politik entschieden wurde, daß die Verwendung der sogenannten SMS-Sprache im Schulunterricht, etwa in Aufsätzen, nicht mehr als Fehler gewertet werden dürfe. Als Beispiel war angeführt (siehe hier):

„2 b or not 2 b.“

Die Lehrer sollten zwar auch weiterhin die Schüler dazu anhalten, korrekt zu schreiben, doch man könne sich dem Zeitgeist nicht widersetzen, hieß es.

Gerade der letzte Satz bringt eines der Hauptprobleme unseres Bildungswesens zum Ausdruck. Die Lehrer sollen den Schülern selbstverständlich Bildung vermitteln, sie aber nicht mit „langweiligem Pauken“ drangsalieren. Natürlich sollen die Schüler schreiben können, wenn sie aus der Schule kommen, aber die Rechtschreibung sollte eigentlich nicht bewertet werden, denn sie ist ja nur eine völlig willkürliche, von Menschen gemachte Vorgabe …

In Kurzform: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß.“


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 03.01.2007 um 17.01 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5596

Herr Müller, natürlich ist den Schülern die Rechtschreibung und Zeichensetzung egal. Das hat man ihnen ja jahrelang in der Schule gepredigt und kommt auch der natürlichen Faulheit von Schülern entgegen.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 02.01.2007 um 12.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5592

Politikern, die im Zusammenhang mit der Rechtschreibreform Lügen verbreitet haben, darf das nicht einfach vergeben und vergessen werden, auch wenn diese selbst nur über ein Kurzzeitgedächtnis verfügen. Wir haben für so etwas ein Elefanten-Langzeitgedächtnis und müssen Leute wie Frau Annette Schawan immer an ihre Lügen erinnern, gerade weil diese trotz oder vielleicht sogar wegen ihrer Fähigkeit zum Lügen jetzt in Berlin Karriere macht.


Kommentar von Walther Stodtmeister, verfaßt am 02.01.2007 um 09.59 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5591

Nachlese zu den Jahresrückblicken an Silvester:
Im Deutschlandfunk („Kultur heute“, 27. Minute) konstatiert Moderator Christoph Schmitz: „Der Staat hatte mit einer Reform in die Rechtschreibung eingegriffen, nach heftigen Protesten die Reformen mehrfach reformiert, bis zuletzt die Einheitlichkeit stark beeinträchtigt war und vieles komplizierter ... ist als je zuvor.“
Die Schriftstellerin Ulrike Draesner kommentiert die Rechtschreibreform in einem O-Ton: „Ich denke, was sich abzeichnet und was hinter der vorgehaltenen Hand auch in den obersten Riegen zugegeben wird, ist, dass die Rechtschreibreform kein Erfolg war und dass es eigentlich eine sehr gute Lösung gäbe, nämlich die alte Rechtschreibung.“ Von einer Demokratie erwartet Draesner eigentlich die Fähigkeit, Fehler zu korrigieren. (Auf ihrer Homepage sind die Kreuzfahrten einer schreibenden Zeitgenossin durch diverse Orthographien des letzten Jahrzehnts dokumentiert.)
Der interviewte Präsident des Deutschen Bundestages, Norbert Lammert, bekennt: „Ich persönlich habe nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich die Rechtschreibreform für ... formal und inhaltlich misslungen halte.“ Sein Fazit: „Politik ist nicht für Sprache zuständig, aber mitverantwortlich, was aus der Sprache eines Landes wird. Und was passiert, wenn man das eine mit dem andern verwechselt, die Verantwortung und die Zuständigkeit, dafür ist die Rechtschreibreform leider ein trauriges Beispiel. Sie hat am Ende Probleme erzeugt, die wir gar nicht hätten haben müssen, wenn wir nicht diese Zuständigkeit ohne Not reklamiert hätten.“


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 02.01.2007 um 06.47 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5590

Meidinger hält es für unrealistisch, dass sich die Fehlerquote in den Schulen wie erhofft um 50 bis 70 Prozent reduzieren werde.

Herr Meidinger hat offensichtlich zehn Jahre Kritik an der „Reform“ verschlafen und befindet sich auf dem Entwicklungsstand eines spät Erwachenden, der gerade beginnt, den Glauben an den Weihnachtsmann zu verlieren.


Kommentar von bbv-net.de, 1. 1. 2007, verfaßt am 01.01.2007 um 23.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5589

Umstrittene Neuerungen
Rechtschreibreform wird in Schulen akzeptiert

Berlin (RPO). Die lange Zeit hitzig und emotional geführte Debatte um die Rechtschreibreform scheint zu einem Ende gekommen zu sein. Nach Einschätzung des Philologenverbandes werden die reformierten Regeln an den Schulen akzeptiert.

"Man hat sich mittlerweile mit der Realität abgefunden, dass die große Erleichterung nicht kommen wird", sagte Hans-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbandes der Nachrichtenagentur ddp. Sowohl die alten als auch die neuen Regeln hätten Widersprüche. Er glaube jedoch, "dass kein Politiker die Sache noch mal anfassen wird".

Meidinger hält es für unrealistisch, dass sich die Fehlerquote in den Schulen wie erhofft um 50 bis 70 Prozent reduzieren werde. Die meisten Fehler würden bei der Groß- und Kleinschreibung gemacht und diese Unterscheidung sei auch durch die Reform nicht aufgehoben worden. Deutschland sei europaweit das letzte Land, das noch die Groß- und Kleinschreibung habe, kritisierte der Verbandschef, der sich für diesen Bereich noch "eine bessere Lösung" wünschte.

Seit 1. August gelten bundeseinheitliche Regeln für die deutsche Rechtschreibung. Um die Reform, die eigentlich seit 1996 beschlossene Sache war, war lange gerungen worden. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hatte zahlreiche Korrekturen angemahnt.

(Link; desgl. bei RP online und TeachersNews)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.01.2007 um 18.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5588

Herr Meidinger, dessen Philologenverband zur "Verbändeallianz" der Schulbuchverleger gehört, verkündet, die Rechtschreibreform sei in den Schulen akzeptiert, und die Zeitungen tragen das kritiklos in alle Welt. Natürlich hat Meidinger keinerlei Untersuchungen angestellt, genau wie sein Kollege Eckinger, der dasselbe behauptet. Man kann es ihnen nicht verdenken, aber warum ist die Presse so unempfindlich gegen diese skandalösen Vorgänge? Jede erotische Eskapade igrendeines Prominenten wird monatelang breitgetreten, aber die Rechtschreiblügen und die Milliardenverschwendung bewegen rein gar nichts.


Kommentar von Herrmann Müller, verfaßt am 01.01.2007 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5587

Zitat:

„Markt und Volk haben seit 1996 keine Entscheidungsgewalt mehr über die veröffentliche Schreibweise, denn die dafür Verantwortlichen richten sich nach beiden nicht, sondern entscheiden wie Diktatoren und Zensoren.“

Hier möchte ich Ihnen am liebsten zustimmen, lieber Germanist. Aber es stimmt einfach nicht so ganz. Das allergrößte Problem ist, daß heute vielen jungen Menschen die Rechtschreibung mehr oder weniger egal ist. Ich möchte hier niemanden gezielt schlechtreden, aber mal ehrlich:

Die meisten Schüler, die ich kenne, vertreten die Auffassung, daß es „nur“ darauf ankäme, daß man Texte noch lesen könne. Vielen ist es schlicht und ergreifend egal, ob sie „daߓ, „dass“ oder „das“ bzw. ob sie „Straße“, „Strasse“ oder „Strase“ schreiben sollen. Häufig werden in längeren Textpassagen keinerlei Satzzeichen gesetzt. Man schreibt am besten so, wie es gerade aus der Feder fließt. Ein und dasselbe Wort auf derselben Heftseite einmal so, einmal anders usw.

Gewiß – es denken nicht alle so. Aber das richtige Schreiben hat heute nicht mehr einen so hohen Stellenwert wie früher. Und das, obwohl unserer modernen Kommunikationsgesellschaft eigentlich viel an einer sauberen und präzisen Anwendung ihrer Sprache liegen sollte.

Doch ganz nebenbei bemerkt: Lassen Sie die Kultusminister mal wieder den Samstagsunterricht predigen. Dann werden Sie schnell erleben, wie ein (junges) Volk sich tatkräftig für seine Rechte bzw. liebgewonnenen Freiheiten einsetzt (die Lehrer natürlich auch). Viele junge Leute, die am liebsten sieben Tage in der Woche rund um die Uhr „shoppen“ gehen möchten, wären überhaupt nicht mehr bereit, am Samstag morgen ein paar Stunden die Schulbank zu drücken.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.01.2007 um 12.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5586

Josef Kraus setzt darauf, daß "Markt und Volk entscheiden", wie langfristig geschrieben werde.

Markt und Volk haben seit 1996 keine Entscheidungsgewalt mehr über die veröffentliche Schreibweise, denn die dafür Verantwortlichen richten sich nach beiden nicht, sondern entscheiden wie Diktatoren und Zensoren.

Noch nie hat das Volk die Dummheit der Regierenden so klar vor Augen geführt bekommen wie durch die Rechtschreibreform, und seit ihr ist das Wort "Reform" negativ besetzt. Unheilbar dumm sind nur die, die ihre Dummheit nicht erkennen wollen.


Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 31.12.2006 um 22.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5585

Ja, ja, es ist schön, daß die Sprache ihren Sinn wieder hat und 80% der Reformschreibweisen nun wieder abgeschafft sind. Jetzt muß das die Presse nur noch beachten.

In Spiegel-online, dem viel gelesenen Medium mit viel beachteten Rechtschreibschwächen stand gestern (siehe hier):

Dabei betonen die beiden "Wedding-Out"-Damen, dass es keinesfalls darum gehe, "die Ehe schlecht zu machen".

Wieso? In den meisten Fällen ist doch Voraussetzung für eine Scheidung, daß man seine Ehe schlecht gemacht hat.

Ich zähle mich zu der Minderheit, die im obigen Fall das Wort "schlechtmachen" lieber unzerrissen hätte lesen wollen. Die Trennschreibung bedeutet hier mal wieder ziemlich genau das Gegenteil des eigentlich Gemeinten.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 31.12.2006 um 17.41 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=527#5583

Eine "Empfehlung" hätte genügt

Was das deutsche Schreibvolk gegen die RSR besonders aufgebracht hat, wurde entweder bereits klammheimlich zurückgenommen oder wird sich nicht durchsetzen können. Die Rückkehr zur Silbenenden schlecht kennzeichnenden Heyseschen s-Schreibung hätte man per "Empfehlung" der Kultusministerien durchdrücken können. Die Kosten wären selbst für die Briefmarkenkasse eines Kleinunternehmens lächerlich gewesen. Ergo: Außer Spesen (und großem Getöse) nichts gewesen?



nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail: (Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz:   Hier bitte die Zahl einhundertvierundfünfzig (in Ziffern) eintragen.
 


Zurück zur vorherigen Seite | zur Startseite


© 2004–2017: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM