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29.12.2006
 

Stefan Stirnemann
Das letzte Wort hat die Sprache

Im Sommer dieses Jahres wurde die «Schweizer Orthographische Konferenz» gegründet; sie versucht, «mit vernünftigen Vorschlägen zu überzeugen.»

Die «Schweizer Orthographische Konferenz» (SOK), eine einfache Gesellschaft, wurde vor einigen Monaten in Zürich gegründet. Unter den Gründungsmitgliedern sind Filippo Leutenegger, CEO der Jean Frey AG und Nationalrat, Peter Zbinden, Präsident des Sprachkreises Deutsch (SKD) und Robert Nef, Leiter des Liberalen Instituts und Herausgeber der Schweizer Monatshefte. Unterdessen sind der SOK zahlreiche Führungskräfte aus literarischen und Zeitungsverlagen und Agenturen beigetreten, auch aus Deutschland. Ziel der SOK ist es, in der Presse und Literatur der Schweiz eine einheitliche und sprachrichtige Rechtschreibung zu fördern.

Einheitlichkeit und Sprachrichtigkeit gingen verloren, als 1995 der «Internationale Arbeitskreis für Orthographie» seine Neuregelung der Rechtschreibung vorlegte. Bis heute sind die Fehler dieses Werks nur zum Teil behoben worden. Im Februar legte der Rat für deutsche Rechtschreibung den neuesten Verbesserungsversuch vor, das mittlerweile dritte amtliche Regelwerk. Sein Merkmal ist die Variante. Die Reformer und die Wörter- und Schulbuchverlage, die den Rat beherrschen und gegen zu weitgehende Änderungen sind, verhinderten es in vielen Fällen, dass die falschen Schreibweisen der Neuregelung einfach gestrichen wurden; man behielt sie wenigstens als Variante bei. Indem aus diesen so zahlreichen Möglichkeiten unter verschiedenen Gesichtspunkten gewählt wird, bilden sich die unterschiedlichsten Hausorthographien. Solche Hausorthographien waren im 19. Jahrhundert nötig und üblich; sie sind Zeichen ungeordneter Verhältnisse. Unordnung verursacht Kosten. Es war seinerzeit eine echte Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, dass man sich in verschiedenen Anläufen auf eine gemeinsame Rechtschreibung verständigte.

Heute muss diese Arbeit noch einmal getan werden. Allerdings stellt sich die Schwierigkeit, dass auch das dritte amtliche Regelwerk nicht nur Schreibweisen verändert, sondern auch Bedeutungen. Als eigentlich orthographische Variante verhält sich «Delfin» zu «Delphin»; «wohlbekannt» jedoch ist keine Variante zu «wohl bekannt». Schon 1996 verwies der Literaturkenner Friedrich Denk auf den ersten Satz von Franz Kafkas Erzählung «In der Strafkolonie»: «‹Es ist ein eigentümlicher Apparat›, sagte der Offizier zu dem Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermassen bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat.» «Den ihm doch wohl bekannten Apparat» meint etwas anderes. Trotzdem hielt der Duden bis Januar 2005 daran fest, dass es nur «wohl bekannt» gibt; nach der Revision des Rates führt er seit diesem Sommer die Zusammensetzung wieder auf, freilich fälschlich als Variante. Das Beispiel zeigt auch, wie quälend langsam und halbherzig die nötigen Verbesserungen, in Wahrheit die Wiederherstellung der zerstörten Ordnung, ablaufen.

Neben den zahlreichen Fällen, wo eine falsche Wahl ermöglicht wird, stehen die nicht minder zahlreichen, in denen nach wie vor keine Wahl möglich ist. Im neuen Schweizer Schülerduden zum Beispiel werden die Schüler dazu angehalten, zwischen «Bohle» und «Bowle» zu unterscheiden, für «greulich» und «gräulich» aber gibt es nur noch die Einheitsschreibung «gräulich». In einem nach den neuen Regeln gedruckten Schulbuch lesen wir: «gräuliche Häuser» (Nietzsche), «gräuliches Linnen» (Brecht), «gräuliches Toben des Wildbachs» (Thomas Mann), «gräuliches Gewässer» (Stefan Andres), «gräulich schwarze Fliege» (Heinz Erhardt) – und wissen nicht, was gemeint ist. Der Handlungsbedarf ist also gross.

Man muss das amtliche Regelwerk und seine Auslegung in den verschiedenen Wörterbüchern Wort für Wort prüfen und einen Entscheid fällen. Diese Prüfung ist ergebnisoffen, und das letzte Wort hat die Sprache. Die SOK hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, welche diese Prüfung durchführt. Sie besteht aus Dr. Urs Breitenstein (Verleger des Schwabe Verlags und Präsident des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes), Stephan Dové (Chefkorrektor der NZZ und Mitglied des Rates für deutsche Rechtschreibung), Peter Müller (Direktor der Schweizerischen Depeschenagentur, SDA), Prof. Dr. Dr. Rudolf Wachter (Sprachwissenschafter, Université de Lausanne/Universität Basel) und Stefan Stirnemann (Sprachkreis Deutsch). Erste Ergebnisse hat die SOK an zwei Tagungen vorgestellt; Wörterlisten, Empfehlungen und weitere Unterlagen sind zugänglich unter www.sok.ch.

Die SOK versucht, mit vernünftigen Vorschlägen zu überzeugen. Sie wendet sich unabhängig von Bekenntnis und Parteibuch an die, denen die Sprache am Herzen liegt und die Verantwortung für sie tragen. Wir haben alle unsere eigenen Meinungen. Die Sprache ist das Mittel, mit dem wir uns unsere Uneinigkeit um die Köpfe schlagen. Einig sollten wir darin sein, dass dieses Mittel, die Sprache, unantastbar ist.


(Schweizer Monatshefte Nr. 11/12, 2006)



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Kommentare zu »Das letzte Wort hat die Sprache«
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Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 31.12.2006 um 18.57 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=526#5584

Leicht erlernbar

Recht hat Herrmann Müller damit, daß es "pädagogisches" Programm war, die Schriftsprache leichter erlernbar zu machen (was immer das heißen mag). Das mußte nicht notwendig mit einer argen Nivellierung der schriftlichen Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen einhergehen, obwohl man – wie bei den meisten pädagogischen Großvorhaben – einen solchen "Betriebsunfall" als gewissermaßen integralen Bestandteil hätte voraussehen müssen. Das antiautoritäre Spielend-Lernen-Programm der Systempädagogen hat auch auf anderen Gebieten zu schweren Einbrüchen geführt, die man erst im nachhinein sieht, obwohl sie – wie sich an der RSR zeigt – von vornherein zu gar nichts anderem führen konnten.


Kommentar von Herrmann Müller, verfaßt am 30.12.2006 um 14.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=526#5579

Zitat:

„Im nachhinein hat es den Anschein, als habe den Reformern der Schreibung des Deutschen vorgeschwebt, durch Volksetymologie, rigorose Getrenntschreibung und brutale Großschreibung möglichst viele graphemische Differenzierungen zu eliminieren.“

Hmmm, warum hat es diesen Anschein erst im nachhinein? Im Grunde wurde das doch von Anfang an schon offen gesagt. Die Schriftsprache solle so leichter erlernbar werden, hieß es. Ich habe heute noch das Singen und Jubeln vieler (Grundschul-)Lehrer im Ohr, das inzwischen, so meine ich, eher der Nüchternheit gewichen ist.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 30.12.2006 um 10.00 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=526#5578

Differenzierungen eliminieren

Im nachhinein hat es den Anschein, als habe den Reformern der Schreibung des Deutschen vorgeschwebt, durch Volksetymologie, rigorose Getrenntschreibung und brutale Großschreibung möglichst viele graphemische Differenzierungen zu eliminieren. Die Differenzierung von Greuel und Grauen und ihrer Adjektive wurde unter Berufung auf die gemeinsame Herkunft liquidiert. Diese liegt aber als der heutige Sprachstand vor. Deutlich wird das an der Distribution der beiden Nomina (in nicht übertragener Bedeutung): Greuel werden verübt, Grauen wird empfunden. Im ersten Fall liegt also der Name für eine (agentive) Handlung vor, im zweiten indes der für ein (patientives) Empfinden. Wenn derartige Unterscheidungen mit dem Argument der gemeinsamen Herkunft weggeräumt werden, ergibt sich in aller Konsequenz, die deutsche Schreibung nach einem von der (nicht immer gewissen) Etymologie noch erfaßbaren früh(er)en Sprachstand einzurichten.
Und welchen Sinn sollte das für das Funktionieren der heutigen deutschen Schriftsprache haben?



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