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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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05.11.2006
 

Claudius Seidl
Der Zwiebelfisch stinkt vom Kopf her

Und genau darin offenbart sich das Prinzip Bastian Sick und womöglich auch das Geheimnis seiner Popularität:
Er zeigt mit dem Finger auf Leute, liefert jene dem Gespött aus, die sich eh schon schwertun, er appelliert, ausgerechnet auf dem Gebiet der Sprache, die (um es ein bißchen altmodisch zu formulieren) uns doch zu Höherem befähigen sollte, eher an die niedrigen Instinkte. Und insofern scheint die Arbeitshypothese über Sicks Wirkung nicht ganz zu stimmen, auch wenn man fairerweise erwähnen muß, daß sich in Sicks Kolumnen schon die eine oder andere Gebrauchsanweisung für korrekt zusammengeschraubte Sätze findet: Sicks Publikum scheint weniger aus jenen Leuten zu bestehen, die vor ihren Reisen die „Visas“ beantragen und „leckere Pizza's“ auf die Tafeln ihrer Imbißbuden schreiben. Vielmehr scheinen es die zu sein, denen der Unterschied zwischen dem Dativ und dem Genitiv bekannt ist, normal gebildete Mittelschichtsbewohner, denen Sicks dumme Späße die angenehme Gewißheit verschaffen, daß es zu denen da unten noch ein ganzes Stück Wegs weit ist.



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Kommentare zu »Der Zwiebelfisch stinkt vom Kopf her«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2015 um 05.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#10095

Vom Sick seinem Dativ ist nun schon die 6. Folge erschienen.Warum auch nicht - solange es den Leuten gefällt.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.11.2008 um 11.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#7419

Die kürzeste Geschichte allen Lebens (Buchtitel Piper 2008)


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 08.03.2007 um 19.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5756

Des Sickens Pyrrhussieg

"Wider besseren Wissens" dürfte Sickens linkes Auge lachen, sein rechtes indes weinen lassen, denn nach Sick müßte es heißen "wider besseres Wissens". Der Sprachpädagoge hat es halt schwer mit dem Sprachvolk deutscher Zunge und seinem wie dessen Genitiv.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 08.03.2007 um 18.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5754

"Wider besseren Wissens" finde ich in letzter Zeit häufiger, [...]
Ich finde es auch immer öfter, und ich finde das interessant. Einmal zeigt es, daß "dem Genitiv sein Tod" bloßes Dahergerede ist, das jedoch jedem, der's zitieren kann, die Lacher auf seine Seite zieht, und zum andern sehe ich, daß so manche Präposition den Fall des Nominalausdrucks durchaus nicht absolut und für alle Zeiten "regiert". Dazu kommt hier, daß "wider" eben nicht gerade häufig gebraucht wird und sich Unsicherheit aus Vorbildmangel in den Sprachgebrauch schon einschleichen kann. Beim bedeutungsgleichen "gegen" fängt das schon an; da weiß jeder, daß man "gegen besseres Wissen" sagt. Aber schon, wenn wir "gegen" gegen "entgegen" austauschen, hätten wir ...? Zu sagen "entgegen" ist doch keine Präposition und sei "schlicht falsch", zieht nicht so ganz; denn wenn's nun einer doch als Präposition benutzt (schließlich hat ja "gegenüber" auch mal als Adverb angefangen!), — wer soll's ihm verbieten? Wenn Goes "dank seiner Sprachkenntnisse" schreibt, also "dank" mit Genitiv hat, wo wir doch ausschließlich dem Dativobjekt danken und dankbar sind, — wer soll's ihm verbieten? Wenn jemand "zufolge" ("unbestätigten Berichten zufolge") benutzt, wo gar kein "Folgen" eine Rolle spielt ("dem Vertrag zufolge werden nun große Mengen Rohöl geliefert"), — wer will's verbieten? Es ist doch schon vom Sprachgebrauch akzeptiert! (Die Regeln der "reformierten" Schreibung sind jedoch nicht vom Schreibgebrauch akzeptiert. Und wer sie wider besseren Wissens oder wider besserem Wissen oder wider besseres Wissen anwendet, macht sich doch nur lächerlich.)


Kommentar von Christoph Kukulies, verfaßt am 08.03.2007 um 15.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5753

"Wider besseren Wissens" finde ich in letzter Zeit häufiger, sowohl in gesprochenen Beiträgen (Rundfunk) wie auch in unserem Sonntagskäseblatt. (Super Sonntag - Postwurfzeitung hier im Rheinland).

Ich fürchte fast, daß dies schon eine Folge der Sickschen Anti-Dativ-Kampagne ist, frei nach dem Motto: "Der rheinländische Genitiv ist den Akkusativ sein Tod". Ich würde nicht so weit gehen und es bereits als Sprachgebrauch betrachten. Es ist schlicht falsch.


Kommentar von Red., verfaßt am 26.02.2007 um 00.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5724

Die hier Mitlesenden möchten sicher nicht in erster Linie sehen, wie die hier Mitschreibenden vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Und deshalb steht hier bei der Kommentareingabe schon lange die Ermahnung: Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung. Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 25.02.2007 um 22.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5722

Ehrlich, ich bin etwas erstaunt über die "Verschiebung" von vier Beiträgen nach www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=112#1523, die dieser Verwarnung folgt (#5715). Sick ist ja nicht der einzige, der diese Mähre reitet, d.h. kurzschlüssig auf unrichtige Terminologie und falsche Beobachtung hereinfällt und dann aber und deshalb seine Kenntnis zur Unterhaltung verkaufen kann. Was er tut und wie er es tut, ist symptomatisch. Das verschobene Material mag zwar ein interessantes neues Diskussionsthema abgeben ("Mundart und Hochsprache"), aber vorzuwerfen, daß es nichts mit der zitierten Nachricht zu tun habe, geht des Diskussionsleitens wohl doch etwas zu weit. Auch lesen hier sicher mehr Leute mit als mitreden, und auch die möchten vielleicht sehen, auf welche Gedanken einige von uns während und wegen der Diskussion kommen.
Sick versucht laut Icklers Beitrag (#5691), seine Kenntnis auch des richtigen Gebrauchs bei Verbformen unters Volk zu bringen, und Ickler stellt dazu die richtige Frage: "Woher wissen die Leute das alles so genau?"
Die vier verschobenen Beiträge befassen sich — m. E. wenigstens — hinreichend mit dieser Frage, die auch durch das im Seidl-Artikel angesprochene "Prinzip Bastian Sick" aufgeworfen wird und mit "dem Sprachverständnis von Bastian Sick" der Red., dem man eben nicht immer gerade genaue Beobachtung dessen nachsagen kann, was in der deutschen Sprache vor sich geht. Selbst sein Dativ, der doch dem Genitiv sein Tod sein soll, stimmt übrigens nicht mit meinem Erstaunen zusammen, wenn ich im 21. Jahrundert im Berliner Bus einen schnoddrigen Teenager erstaunt fragen höre: "Trotz solchen Wetters?" (weshalb ich aufmerkte, — zeigt mir der Ausdruck doch, daß solcher/-e/-es hier die Form eines normalen Adjektivs angenommen hat, also nicht in der pronominalen Form erscheint). So tot ist der Genitiv im allgemeinen Sprachgebrauch gar nicht. Aber jeder "normal gebildete Mittelschichtsbewohner, [dem] Sicks dumme Späße die angenehme Gewißheit verschaffen, daß es zu denen da unten noch ein ganzes Stück Wegs weit ist" kann den Titel seines Buchs zitieren und nachplappern. (Zuerst hatte ich im vorausgehenden Satz: "den Titel von Sicks Buch"; das habe ich dann aber korrigiert, weil ich den Genitiv "Sicks" nicht überlasten wollte.)


Kommentar von Red., verfaßt am 24.02.2007 um 19.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5715

Wer Bemerkungen zu machen hat, die nichts mit dem Sprachverständnis von Bastian Sick zu tun haben, möge dies bitte im Forum tun.


Kommentar von R. M., verfaßt am 24.02.2007 um 01.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5707

Richtig, die genannten Formen sind auf ihre Weise auch regelmäßig. Man spricht von der 3. Ablautreihe. Für einen Bastian Sick ist so etwas natürlich zu hoch.


Kommentar von R. H., verfaßt am 24.02.2007 um 00.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5704

Google zu Wolfram Metz (#5695):

für "wohlgesinnt" - 40'000, dagegen
für "wohlgesonnen" - 112'000 Belege


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 23.02.2007 um 23.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5703

»Die Formen von "winken" werden wie die Formen von blinken, hinken und schminken regelmäßig gebildet.« (Sick, zitiert in #5691)
Ich finde die Formulierung "werden regelmäßig gebildet" immer sehr lustig. Als ob sinken/sank/gesunken, finden/fand/gefunden, winden/wand/gewunden, singen/sang/gesungen, springen/sprang/gesprungen nicht auch Regelmäßigkeit zur Schau trügen! Wenn Leute wie Sick genau hingucken würden und in der Schule aufgepaßt hätten, dann brauchten sie nichts nachträglich aus Büchern von Leuten mit beschränkter oder überholter Sicht zu übernehmen, um damit hausieren zu gehen. Natürlich ist in der Sprache nicht alles gleich nach dem "einfachsten" System (so à la Esperanto) strukturiert, aber werfen/wirft/warf/geworfen, helfen/hilft/half/geholfen, stechen/sticht/stach/gestochen und selbst nehmen/nimmt/nahm/genommen zeigen doch wohl hinreichend deutlich die ihnen eigene Regelmäßigkeit. Und sogar zu werden/wird/wurde/geworden singt man in der Dreigroschenoper sehr schön stark: "Jenny Towler ward gefunden / mit 'nem Messer in der Brust." Wer sagt denn den Leuten, die so etwas interessiert, daß die heutige Singularform "wurde" eine "schwache" Endung angenommen hat? Und daß solche Übergänge in der Sprache eben durchaus drin sind. Warum ist denn "wurde" nicht auch "streng genommen ein Irrtum"? Ist ein "frug" für "fragte" in Theodor Storms Novellen auch "streng genommen ein Irrtum"?
Zu "Spaß-Deutsch": Fungizid unterscheidet sehr richtig zwischen schlechtem Deutsch und Dialekten (#5696). Und wo die Muttersprache aufhört und der Standard anfängt, das überlasse ich der gegebenen Situation und guten Sprachwissenschaftlern, — und auf keinen Fall mehr dem Duden und anderen, die sich da vorschreiberisch erhaben gehaben. Das Deutsche hat noch finden/fand/gefunden, wo sich im Englischen der Vokal des Imperfekts dem des Perfektpartizips angeglichen hat. Derartige Angleichungen sind Resultat natürlicher Entwicklung, und nicht weil einer mal mir nichts, dir nichtsdestotrotz witzig sein wollte.

Ich höre hier im Mittelwesten auch "brung/brung" zum Präsensstamm "bring", und das von Leuten, die mich im Winter mit ihrem Traktor freundschaftlich aus dem Straßengraben ziehen; und auf solche Leute blicke ich doch nicht herunter! Und wenn der Schwimmcoach meiner erfolgreich schwimmenden Töchter fürs Imperfekt zu "dive" — wie alle anderen Schwimmtrainer hier auch — "dove" sagt, obwohl ich das ja viel besser weiß und bisher noch niemals einer vom 1-Meterbrett "*diven" ist, da korrigiere ich doch nicht herum, sondern freue mich über die Siege der Heimmannschaft und erkenne an, daß hier ein Verb aus einer Klasse teilweise in eine andere getreten ist, und sage anerkennend zu unseren Springerinnen: "Man, the way you were diving, — that was simply elegant!" Und wie die das freut! Im Unterricht spreche ich allerdings über "hyperkorrekte" Formen, aber auch die sind keine Spaß-Formen, sondern spiegeln etwas anderes.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 23.02.2007 um 19.52 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5702

Herrn Schultz: In der sog. PC-Bibliothek (Sat_Wolf, Bayern) finde ich im zehnbändigen Duden-Wörterbuch zwar nicht das Lemma wohlwollend, aber im Lemma-Artikel zu - wer hätte es gedacht - leutselig wird man fündig: [... = den Leuten gefallend, dann = den armen Leuten wohlgesonnen; selig]: wohlwollend, von einer verbindlichen, anteilnehmenden Freundlichkeit im Umgang mit Untergebenen u. einfacheren Menschen. Soviel sozial Erbauliches in diesem kurzen Text. Es zeigt sich darin, daß man Wörter mit Wörtern erklärt, die es gar nicht gibt.


Kommentar von Konrad Schultz, verfaßt am 23.02.2007 um 19.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5701

Herrn Metz (#5695): In meinem CD-Duden von 1996 steht zwar nicht "wohlgesonnen", wohl aber "wohl" und "gesonnen". Reicht das nicht?


Kommentar von R. H., verfaßt am 23.02.2007 um 16.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5700

Alle drei genannten Partizipien - gewúnken, geschónken, gekróg[e]n - sind übrigens im heutigen Jiddisch standardsprachlich (klal-jidisch) korrekt, ein fast untrügliches Zeichen dafür, daß es sich um früher auch im Deutschen übliche Formen handelt.


Kommentar von Ballistol, verfaßt am 23.02.2007 um 15.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5699

Sick, sackte, gesunken.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 23.02.2007 um 14.49 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5698

R.M. (#5697) beruhigt mich etwas. Nach Sick hätte ich mehr als 30 Jahre lang völlig irreführend beide Partizipformen als zulässig dargestellt bzw. toleriert. In Sachsen funktioniert übrigens noch heute scherzhaft "Sie haben ihn umgebrungen". Das kann Sick nicht passieren, ich meine, ein solcher Scherz. Ein Schneider ist der Sick nicht, aber leider erfolgreicher.


Kommentar von R. M., verfaßt am 23.02.2007 um 13.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5697

„Ehedem ging dieses Verbum irregulär, und im Oberdeutschen hat es diese Form noch, ich wunk, Particip. gewunken. Im Hochdeutschen ist die reguläre Form jetzt ohne Ausnahme üblich." (Adelung) Letzteres läßt sich heute nicht mehr behaupten, so einfach ist das. Sick weiß nicht, wie man mit Wörterbüchern umgeht, und die in Mannheim wissen nicht, wie man Wörterbücher macht.


Kommentar von Fungizid, verfaßt am 23.02.2007 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5696

Vom Hunsrück runter Richtung Saarland begegnet auch "gebrungen" für "gebracht". Und wenn einer stirbt, sagen sie, er sei "dodgeblibe". Im Westerwald sagt man "Wäller" für "Westerwälder" und "Blasderschisser" für "Pflasterscheißer" (dortige Bezeichnung für Stadtmenschen, vornehmlich Wiesbadener), und im halben Taunus heißt die "Kerb" "Kerw".

Liebe Leute, wir arbeiten gegen schlechtes Deutsch, aber doch wohl nicht gegen die Dialekte!


Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 23.02.2007 um 12.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5695

Da, wo ich herkomme (vielleicht spielt das ja eine Rolle), in Hamm/Westfalen, werden Kinder von ihren Eltern berichtigt, wenn sie „gewinkt“ statt „gewunken“ sagen. Ich habe das unzählige Male erlebt, und zwar in durchaus nicht „bildungsfernen“ Familien. Deshalb empfinde ich „gewinkt“ als falsch. Natürlich ist mir seit langem bekannt, daß der Duden die Form „gewunken“ ablehnt. Aber welche Konsequenz soll ich daraus ziehen? Der Duden lehnt auch die Schreibung „Tolpatsch“ ab. Und er hält auch daran fest, daß es das Wort „wohlgesonnen“ nicht gebe, obwohl kaum ein Mensch die „korrekte“ Form „wohlgesinnt“ verwendet.

Mag sein, daß Herr Salzburg recht hat. Dann wäre „gewunken“ etwa so entstanden wie „nichtsdestotrotz“ und hätte ursprünglich bei den Hörern die gleiche Wirkung entfaltet wie wohl heute noch die Juxkonstruktion „geschonken gekrochen“. Aber mit der Sprache wandelt sich eben auch das Sprachempfinden, gleichviel aus welchem Grund die jeweilige Veränderung sich vollzogen hat oder gewaltsam vollzogen worden ist (!) und ob sie einem gefällt oder nicht. Wenn irgendwann alle „in keinster Weise“ für gutes Deutsch halten sollten, dann ist es gutes Deutsch – ein etwas anderes Deutsch vielleicht als das, das wir kennen und mögen, aber ein gutes anderes Deutsch. Wer die Sprache liebt, so, wie er sie kennt, wird unter mancher Veränderung leiden, weil er sie für eine Verschlechterung, eine Verarmung hält, und er wird sich dagegen wehren, aber aufhalten kann er die Entwicklung nicht. Bei der Rechtschreibung liegt die Sache etwas anders, weil hier der Sprachgemeinschaft eine Veränderung, die selbst von ihren Durchsetzern längst als Verschlechterung erkannt worden ist, von außen aufgezwungen wurde. Die schlimmsten Eingriffe sind an der Intuition der Masse gescheitert und mußten rückgängig gemacht werden. Aber die vielen kleinen Verschlechterungen, die geblieben sind, haben gute Chancen, von ebendieser Masse akzeptiert und verinnerlicht zu werden. Dagegen anzukämpfen erscheint mir geboten und ist sicher aller Mühen wert.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.02.2007 um 11.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5694

"geblunken" und "geschmunken" sind Spaß-Deutsch.
Aber die Googel-Mehrheit für "gewunken" zeigt das grundsätzliche Problem auf, ob eine vorübergehende Mode oder eine dauerhafte Sprachentwicklung vorliegt und ob dauerhafte derartige Sprachentwicklungen als "Umgangssprache" und daher als Fehler abgeurteilt oder letztlich als Mehrheitsform anerkannt werden sollten, jedenfalls wenn sie nicht gegen grundsätzliche Grammatikregeln verstoßen. Das einzige mir bekannte ähnliche Verb ist das (ziemlich seltene) "dingen, dingte, gedungen".


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 23.02.2007 um 10.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5693

„Gewunken“ ist oft Jux von Leuten, die es besser wissen. Das bestärkt andere im Glauben an die Richtigkeit.
Das ist nicht selten. Ursprünglich wohl ein reiner Witz war die Wendung „in keinster Weise“. Heute sind viele davon überzeugt, daß das gutes Deutsch sei.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2007 um 18.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5691

Sick: „Das Verb "winken" wird regelmäßig konjugiert: ich winke, ich winkte, ich habe gewinkt. Die Form "gewunken" ist landschaftlich verbreitet, aber streng genommen ein Irrtum. Zwar heißt es "sinken, sank, gesunken" und "trinken, trank, getrunken", doch nicht "winken, wank, gewunken". Die Formen von "winken" werden wie die Formen von blinken, hinken und schminken regelmäßig gebildet.
Dasselbe gilt für Zusammensetzungen: Der Lastwagen wurde durchgewinkt. Sie hat ihm noch lange nachgewinkt. Sogleich wurde ein Sanitäter herbeigewinkt.“

Aus einem Bericht über die Neubearbeitung von Duden: Richtiges und gutes Deutsch (2007): „Das zweite Partizip von "winken" heißt standardsprachlich "gewinkt". Die beliebte Form "gewunken" ist umgangssprachlich.“

Woher wissen die Leute das alles so genau?

Google:
„gewinkt“ – ca. 30.000 Belege
„gewunken“ – ca. 80.000 Belege


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2007 um 06.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5654

In der Werbung für das Buch "Sprechen Sie Gegenwart?" zitiert der Goldmann-Verlag Bastian Sick, als sei dieser die höchste Autorität in Sprachfragen. Es erinnert an die TV-bekannten "Orientexperten", gegen die sich die wirklichen Orientalisten vergeblich zur Wehr setzen. Gegen den Sog der Medien (und der Verkaufszahlen) hat man einen schweren Stand und kann eigentlich nur auf die vergehende Zeit hoffen, die all dies mit in den Orkus spülen wird.
Schon Platon wußte, wie sich Kinder entscheiden, wenn sie vor die Wahl "Arzt oder Zuckerbäcker?" gestellt werden …


Kommentar von K.Bochem, verfaßt am 08.02.2007 um 03.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5652

MDR-Sendung "Fröhlich lesen", 5.2.07, 23.40, mit Bastian Sick:
Man spricht u.a. über Scrabblen und darüber, was bei diesem Spiel erlaubt ist zu legen/schreiben und was nicht. Sick ganz fröhlich, aber mit der typischen Basta-Geste: "Wenn ich früher mit meiner Oma Scrabble gespielt habe, kam immer der Duden daneben. Was im Duden steht, ist richtig!"
Sichtbar (!) ins Schwitzen kam Sick dann, als ein Gesprächspartner um Rat fragte. Er könne seinem Au-pair-Mädchen nicht begreiflich machen, weshalb "die Frau" in dem Zusammenhang "mit der Frau" den 'Artikel wechsle', wie sie es umschreibe. Sick blieb ihm den Rat schuldig.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 07.02.2007 um 19.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5650

Naja, da haben wir eben den Unterschied zwischen deskriptiver und präskriptiver Grammatik. Und leider gefallen sich Halbwissende darin, aufgrund ihres ganzen Wissens andern vorzuschreiben, was die doch wissen müßten. Aber seien wir ehrlich: Davon lebt nicht nur Sicks Humor, sondern letztlich auch der Große Duden. Und so manches Präskriptive ist ja auch guter Rat. Aber viele bei uns nehmen das als alleinseligmachende Heilsvorschrift von oben und zeigen so eben in aller Unschuld ihre ihnen ganz eingefleischte Unmündigkeit. Sie haben sogar vom Unterricht behalten: Sprache ändert sich; aber wirklich Freude macht ihnen nicht die sachgerechte Beobachtung der Wirklichkeit, sondern daß sie sich besser als andere fühlen dürfen und aufgrund von irgendwas denen gerechtfertigt vorschreiben können. So erklären sich Punkt, basta und andere abschließende Grüße aus gar nicht so vergangenen Zeiten.
P.S.: Hieß Sick eigentlich schon immer mit Vornamen "Bastian"?
"Für mich ist Sebastian Sick ein Sprachgott." (www.bol.de/shop/home/rezensent/?rezensent=21798)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2007 um 17.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5649

In der SZ vom 7.2.2007 „beweisen“ zwei Leser, daß diesen Jahres falsch ist ... Beide berufen sich auf „Regeln“ oder auf die schlichte petitio principii: dieser wird nicht schwach dekliniert, weil es stark dekliniert wird.

Einer schließt: „'Diesen Jahres' ist falsch. Punkt, basta.“ Genau derselbe apodiktische Ton wie bei Bastian Sick und beim „Grammatischen Telefon“. Man spekuliert und dekretiert, und der Sprachgebrauch zählt überhaupt nicht.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.12.2006 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5568

Sogar das "Grammatische Telefon" (RWTH Aachen) gibt die folgende Auskunft:

Frage: Heißt es "im Mai diesen Jahres" oder "im Mai dieses Jahres"?
Antwort: "Im Mai dieses Jahres" ist richtig. Das Demonstrativpronomen "dieser, diese, dieses" wird nämlich stark gebeugt, nicht schwach. Daher lautet die Form für den Genitiv Singular bei sächlichen und männlichen Substantiven "dieses" - auch wenn man in den Medien (sogar von Herrn Wickert) zunehmend die verkehrte Version hört. Sie beruht wahrscheinlich auf einer falschen Analogiebildung zu "im Mai nächsten/letzten Jahres". Jedoch würde keiner "eine Scheibe diesen Brotes" und "der Rahmen diesen Bildes" sagen.



Zuerst wird einfach die fragliche Erscheinung noch einmal wiederholt, denn um die starke oder schwache Deklination geht es ja gerade. Dann folgt der Salto mortale mit der "falschen Analogie". Analogien sind immer falsch – oder nie. Und wie es auch bei Sick steht: "diesen Bildes" würde niemand sagen, aber "diesen Jahres" sagen eben sehr viele. Und man hört auch nicht "zunehmend die verkehrte Version", denn so neu ist das nicht.


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 20.11.2006 um 14.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5430

"Erosion des allgemeien Sprachbewußtseins" – gutes Thema. Wird oder wurde es schon irgendwo wissenschaftlich behandelt? Ist es, mal sine ira et studio betrachtet, wirklich ein großes Problem – wenn ja, aus welchen Gründen? (Die Existenz des Phänomens Sick scheint dafür zu sprechen, aber vielleicht verdankt es sich mehr dem Spaßfaktor.)
Ich meine, es gibt Kreol- und Pidginsprachen, und die Leute kommen damit klar … Sprachkultur, gut und schön, aber in einer Demokratie ist das allein kein Argument. Und wo das Geld herrscht, zählen nur die halbwegs monetär bezifferbaren Schäden. Wobei allerdings die Langzeitfolgen der R-Reform gleichfalls noch einer wissenschaftlichen Einschätzung harren. Will das oder darf das keiner untersuchen?
Ist das Problem in anderen Sprachkreisen virulent, und wie wird es eingeschätzt?


Kommentar von Nikolaus Lohse, verfaßt am 20.11.2006 um 14.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5429

"... Dann kann auch ein knappes Prozent als Unmenge imponieren." (Wolfgang Wrase)

Ein Prozent Fehler bei einem solchen Wort halte ich allerdings auch für alarmierend. Weniger gut nachprüfbar, aber durchaus mal einer Untersuchung wert sind die sprachlichen Fehlleistungen in mündlichen Äußerungen. Man muß nur das Radio oder Fernsehgerät einschalten, um zu erleben, welchen Grad an Verwahrlosung die Sprache im öffentlichen Gebrauch mittlerweile erreicht hat.

Allgegenwärtig (wenn auch vergleichsweise harmlos) sind etwa die nicht-standardsprachlichen Kasusbildungen in Verbindung mit Präpositionen oder Verben: "seit der 70er Jahre, entgegen meines Willens, ungeachtet dem Umstand, daß..., dem Kriegsende gedenken" (schweizerdeutsch üblich), "sich dem Fall annehmen, auf eine Antwort bestehen". Kaum noch Anstoß erregen auch Formulierungen wie "meines Wissens/Erachtens nach" oder "das wurde uns langsam gewahr", ebenso der Gebrauch des Adverbs als Attribut ("das insgeheime Streben") oder als konzessive Konjunktion ("gleichwohl er Angst hatte"). Zunehmend häufig anzutreffen sind falsche Verb- bzw. Flexionsformen: "Sie hat sich in Sicherheit gewogen, er hat den Pullover abgestriffen, das rot-grüne Projekt wird geschliffen, das Kriegsrecht verhangen, ein Truppenkontingent gesendet" (statt: entsandt) und "die Indizien nähern den Verdacht". Vielfach sind es nur kleine Unaufmerksamkeiten, aber sie sind bezeichnend, und in der Summe entfalten sie eine beträchtliche Wirkung. Der Wetterbericht prognostiziert: "Das Tief verlagert sich weiter südlich" (statt: südwärts), die Koalitionspartner bestätigen, daß sie "gut miteinander umkommen", und warnen "eindrücklich" (statt: nachdrücklich) vor dem Scheitern der Verhandlungen. Im Wahlkampf versucht jeder, "sich den Schwarzen Peter zuzuschieben", ein Parlamentarier wettert: "Das haben wir doch nicht notwendig", während ein anderer resigniert: "Es ist keine Lösung in Aussicht, das macht mich ein wenig betrüblich." Der Nachrichtensprecher meldet: "Die Konferenzteilnehmer kommen aus allen Herren Ländern" (oder Herrenländern?!), das Kulturradio wirbt für eine "Sammlung von über 300 jüdischer Witze", findet die Lektüre des Buches "sehr lohnenswert" und sagt zur Erhöhung des Kulturetats: "Die Forderung kann nichts anderes als Utopie bezeichnet werden." Und der Quizmaster fragt den Kandidaten: "Sitzen Sie in Ordnung?"

Großer Beliebtheit erfreuen sich derzeit krude Passiv-Konstruktionen, die manch einem offenbar leichter über die Lippen gehen als die aktivischen Entsprechungen: "Das ist zum ersten Mal der Fall geworden, es müssen sich Gedanken gemacht werden, es wird sich an die Empfehlung gehalten, und Respekt muß sich verschafft werden". Oder "etwas hat Sinn, bewahrt zu werden". Der Innenminister erklärt: "Die Ermittlungen sind vom Generalbundesanwalt an sich gezogen worden" und beruhigt die alarmierte Öffentlichkeit: "Keine Sorge, da wird sich drum gekümmert" und "die Lage scheint gut im Griff zu sein". Und der Bundestrainer erklärt: "Die Schiedsrichter sind angeordnet, strenger zu pfeifen." Er gibt sich aber flexibel: "Unsere neue Spielphilosophie ist es wert, beizubehalten." In einem (durchreformierten) Kinderbuch, das meine 8jährige Tochter auf Empfehlung der Lehrerin kürzlich aus der Schule anschleppte, fand ich den Satz: "Millie hat wohl schon ordentlich ausgeschimpft bekommen." Und etwas weiter heißt es: "Ein Junge wird am Flughafen vergessen abzuholen."


Wie gesagt, mit Rechtschreibung hat das nichts zu tun. Ich würde aber die Symptome nicht allzu weit entfernt voneinander ansiedeln. Wir beobachten derzeit eine geradezu paradoxe Entwicklung: Je größer der Informations- und Kommunikationsbedarf unserer hochorganisierten Gesellschaften wird, desto nachlässiger, undisziplinierter und gleichgültiger wird der Sprachgebrauch. Das ist ein genereller Trend, dem auch die Rechtschreibreform insofern folgt, als sie ein hochentwickeltes, in Einzelfällen vielleicht überdifferenziertes, aber insgesamt außerordentlich leistungsfähiges System der Verschriftung bedenkenlos und nachhaltig um eines vordergründigen pädagogischen Effektes willen beschädigt. Daß sie von Fachleuten ersonnen und von "Volksvertretern" in offenkundigem Amtsmißbrauch verordnet wurde, macht die Sache besonders bedrückend. Aber ohne die fortgeschrittene Erosion des allgemeinen Sprachbewußtseins hätte sie keine Chance gehabt, in dieser Weise durchgesetzt zu werden.


Kommentar von nos, verfaßt am 20.11.2006 um 12.41 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5428

Für jeden Fünfzigsten „merk“-würdig

Ich bin manchmal versucht, „Rieße“ anstatt „Riese“ zu schreiben.
Zwei Beweggründe sind dafür verantwortlich:
1. Die Assoziation zu „reißen“.
2. Die Tatsache, daß das „ß“ ein herausragender, überlanger Buchstabe ist.
Google findet für „Rieße“ 13400 Belegstellen, für „Riese“ 3.070.000. Für „rießig“ werden 104.000 und für „riesig“ 5.050.000 Belege registriert. Im Fall „Rieße“ bestätigt Google meine zweifelhafte Intuition mit einer Quote von 4,3 Promille; im Fall „rießig“ sind es dagegen ganze zwei Prozent.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 20.11.2006 um 04.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5427

Ein knappes Prozent sind emotionslos betrachtet keine "Unmassen", das stimmt. Aber man sollte es kaum für möglich halten, daß jemand hochnäsig nicht mit Nase in Verbindung bringt oder gar hochnäßig schreibt, weil er auch Naße schreibt. Warum kommt hochnäßig überhaupt vor? Ich vermute, es werden Assoziationen zu Wörtern wie unmäßig oder übermäßig geweckt, inhaltlich, klanglich und nicht zuletzt vom Schriftbild her. Trotzdem will man doch glauben, daß nichts selbstverständlicher ist, als hochnäsig wie Nase zu schreiben. Dann kann auch ein knappes Prozent als Unmenge imponieren.


Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 20.11.2006 um 00.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5425

| Unmassen der Schreibung "hochnäßig" bei Google.

Na ja, so viele sind es nun auch wieder nicht. Schlichte 735 "hochnäßig" stehen über 109.000 "hochnäsig" gegenüber, also etwa 0,5% Falschschreibungen. Ich halte das für unbedeutend. Etwa 25%(!) Falschschreibungen "Häckchen" beim Wort "Häkchen" sind da schon eher bemerkenswert, 1,7 Millionen "vorraus" gegenüber etwa 8 Millionen "voraus" auch. Es dürfte wohl keine Falschschreibung geben, die Google nicht verzeichnet.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2006 um 19.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5424

Man könnte soviel zur wirklichen muttersprachlichen Bildung tun!

Heute las ich in einem (übrigens trostlosen) aus dem Schwedischen übersetzten Jugendbuch ("Die Tochter der Diebin", Ravensburger 1997, in neuer Rechtschreibung) neben anderen Erbaulichkeiten: hochnäßig. Ich dachte, das wäre ein einmaliger Ausrutscher, aber bei Google gibt es Unmassen davon.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.11.2006 um 15.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5423

Die neugriechische Volkssprache hat für philología die Bedeutungen Philologie, Literatur, Faselei und für philólogos die Bedeutungen Philologe, Literat, Literaturwissenschaftler; sowie für Sprachwissenschaft das Wort glossología und für Sprachwissenschaftler das Wort glossológos. Das paßt auch besser.


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 18.11.2006 um 01.28 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5422

Nun ja, der Marsch durch die Institutionen ist halt geglückt, und es sind leider nicht unbedingt die Gescheitesten, die ans Ziel gekommen sind. Aber darum kann ich mich nun wirklich nicht kümmern, das mag deren Problem bleiben.


Kommentar von David Weiers, verfaßt am 17.11.2006 um 07.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5421

"...wie ein Zimmermann, der versucht, eine kunstvolle Holzstruktur zu errichten".

Sie dürfen dabei ja nicht vergessen, Frau Morin, daß ein jedwedes Argument, was auch nur irgendwie ein ästhetisches Moment hat – wenn auch nur scheinbar –, höchst "unsachlich" und daher verwerflich ist, nicht wahr?

Ich weiß nicht recht, wo der Haß der (und ich drücke mich jetzt mal ein wenig überspitzt aus) doch so aufgeklärten Gesellschaft auf die Philologie herrührt. Ich vermute aber, daß es eng mit dem Haß auf alles vermeintlich Elitäre zusammenhängt, der besonders in der Bildungspolitik geradezu neurotische Auswüchse hervorbringt, wie wir hier ja wissen.
Ne?


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 16.11.2006 um 22.59 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5420

Genau das ist der "Knackpunkt" – nämlich die Wortstellung. Im Deutschen kann ich im Prinzip einen Satz beliebig umbauen, der Zusammenhang ist durch die Endungen und die Großschreibung von Substantiven weiterhin gegeben. Und genau das macht auch den Reiz des Deutschen aus – deswegen sitze ich so gerne am Computer und baue meine deutschen Sätze und fühle mich dabei wie ein Zimmermann, der versucht, eine kunstvolle Holzstruktur zu errichten (oft gelingt es ja nicht). Ich kann daher überhaupt nicht verstehen, weshalb man als Deutscher diesen offensichtlichen Vorteil einfach verschenken will, denn gewinnen läßt sich dabei nichts.

Wie "Germanist" betont, ist der Satzbau im – ach so einfachen und angeblich leicht zu erlernenden – Englisch gegeben, da nur die Wortstellung den Bezug zwischen den (endungslosen) Wörtern herstellen kann. Dennoch gelingt es vielen, die sich gerne als "Englischkönner" hervortun wollen, nicht einmal, einen korrekten englischen Satz zu bauen. Bei "deutschem" Englisch, das für mich besonders leicht zu identifizieren ist, wird häufig – und völlig unnötigerweise – der deutsche Satzbau nachgeahmt, was zu wahrlich haarsträubenden Konstruktionen Anlaß gibt.

Das Englische bietet zudem ganz andere Fallgruben als das Deutsche. Dazu gehören beispielsweise die Präpositionen, bei denen sich gerade die Deutschen gerne vertun. Auch der recht beachtliche Grundwortschatz muß erst einmal erlernt sein.

Aber – das hat mir ein englischer Kollege neulich bestätigt – es gibt ja immer noch die Möglichkeit, sich mit "Simple English" zu verständigen – vielleicht hat das der Unternehmer im Gespräch mit Frau Pfeiffer-Stolz gemeint. Der Engländer, darauf angesprochen, hatte sich mit diesem Primitiv-Englisch im Laufe der Jahre abgefunden (glücklich war er darüber nicht).

Vielleicht sollten wir der (von mir hochgeschätzten) englischen Sprache einen Dienst tun und uns nur im äußersten Notfall an ihr vergreifen.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.11.2006 um 16.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5419

Wenn man schon über Substantiv-Kleinschreibung nachdenken will, darf man auf keinen Fall das Englische als Vergleich heranziehen, weil das eine ganz strenge Wortstellung hat (dasselbe Wort kann je nach Stellung im Satz Substantiv, Verb, Adjektiv usw. sein), sondern höchstens das Niederländische, weil das eine dem Deutschen ähnliche Wortstellung im Satz hat. Ich behaupte aber, daß im Niederländischen die Wortart eindeutiger erkennbar ist und es weniger Wortart-Doppeldeutigkeiten gibt, als im Deutschen durch Substantiv-Kleinschreibung entstehen würden. Da muß man aber tiefer einsteigen.


Kommentar von David Weiers, verfaßt am 16.11.2006 um 12.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5418

… aller Kanone. Aber das ist bei vielen der Fall, die für die Abschaffung des Deutschen zugunsten des Englischen plädieren. So wirklich haben die nämlich von keiner Sprache Ahnung, und auch eine Sprache fließend sprechen zu können reicht nicht aus, um den Nutzen – und vielleicht auch den Wert – sprachlicher Eigenheiten beurteilen zu können, da braucht man schon ein bißchen mehr Einblick in die Struktur und die Funktionen.

Ich glaube aber, daß dieser "Hype" vorübergeht. Das wird sich totlaufen.


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 15.11.2006 um 21.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5417

Leute, die gerne das Deutsche an das Englische anpassen möchten, z.B. durch die Abschaffung der Großschreibung von Substantiven, haben zumeist von beiden Sprachen nicht viel Ahnung.

Wie weiter unten demonstriert, wäre die Kleinschreibung von Substantiven von einem Muttersprachler gerade noch zu verkraften, aber bei einem Ausländer sieht es schon ganz anders aus, der findet sich dann in einem deutschen Satz kaum noch zurecht. Die Abschaffung der Großschreibung würde zur Anpassung an das Englische (!) auch nicht genügen, sondern würde dann noch anderes bedingen: den Wegfall der Kasusänderungen (daran arbeiten unsere Medienleute allerdings schon fleißig) und demzufolge dann auch die Aufhebung des freien Satzbaus ...

Ich kann, ehrlich gesagt, das Gerede nicht mehr hören, man müsse das Deutsche irgendwie an das Englische oder die anderen europäischen Sprachen anpassen. Hat schon jemand einen Franzosen gehört, der seine Sprache an das Englische anpassen möchte? Wahrscheinlich sind die Deutschen das einzige Volk, das seine Muttersprache nicht respektiert. Und woher kommt die Vorstellung, das Englische sei irgendwie besser oder einfacher? Letzteres trifft durchaus nicht zu, wie ich jeden Tag an den schlechten Vorlagen sehen kann, die ich zur Übersetzung bekomme und die ich dann erst mühsam durch ein deutsches "Präzisionsfilter" laufen lassen muß.

Gutes Englisch bekommt man da nur selten zu sehen – sondern z.B. deutsches Englisch, französisches Englisch, koreanisches Englisch usw. Wenn man die zugrundeliegende Muttersprache kennt, geht es noch einigermaßen. Bei koreanischem Englisch wird es schon etwas schwieriger mit der Übersetzung. Jetzt warte ich nur noch auf chinesisches Englisch … und darauf, daß Herr Oettinger endlich Englisch lernt. Seine Aussprache ist unter aller …


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2006 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5416

Wenn man sich für eine ordentliche Form von Seminararbeiten usw. ausspricht, stößt man oft auf Unverständnis, und der Versuch, eine korrekte Sprache und Rechtschreibung oder gar ein formgerechtes Zitieren, ordentliche Bibliographien usw. durchzusetzen, hat allmählich etwas vom Don Quijote. Das Internet trägt auch hier zur Beschleunigung und Verwahrlosung bei. Vor diesem Hintergund wird man nur belächelt, wenn man etwas so Marginales wie die Rechtschreibreform kritisiert. Es ist doch sowieso alles egal, nicht wahr? Die ausgewachsenen Akademiker machen es vor. Vor ein paar Tagen las ich einen Aufsatz über Interjektionen:

Conghe Li: „A Cognitive-pragmatic Account of Interjections“. US-China Foreign Language, Sep. 2005, Volume 3, No. 9 (Serial No. 24); PDF-Datei siehe hier.

Der Text kam mir bekannt vor, und tatsächlich ist es nur ein Abschnitt aus dem zwei Jahre früher veröffentlichten Aufsatz von
Tim Wharton: „Interjections, language, and the ‘showing/saying’ continuum“. Pragmatics & Cognition 11:39–91 (PDF-Datei siehe hier).

Shanghai ist weit weg, aber durch das Internet rückt alles zusammen und steht nun friedlich nebeneinander.

Ich habe schon mehrere Magisterarbeiten ablehnen müssen, weil die Kapitel aus allen Teilen der Welt zusammengesucht und -kopiert waren, aber welche sinnlose Mühe, das alles aufzuspüren und nachzuweisen!


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 15.11.2006 um 05.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5415

Spaßpädagogik: Das heißt auch, alles nicht ganz so ernst meinen. "Gleichwertigkeit" unter den Lerngegenständen. Und dadurch bedingte Orientierungslosigkeit erzeugt Gleichgültigkeit mit unangenehmen Begleiterscheinungen. Wir wissen, Unruhen, Anfeindungen, Mobbing – all das entsteht dort, wo eine klare Ordnung fehlt und Menschen um einen "Platz" rangeln. Eine Rangordnung wurde in der Schule vormals hergestellt durch klare Leistungskriterien. Diese geschieht durch "Diskriminierung", was ja nichts anderes bedeutet als "Unterscheidung" zwischen wünschenswert und nicht wünschenswert, also zwischen "besser" und "schlechter". (Das Gleichstellungsgesetz läßt grüßen.)
Seit wir die Leistungspädagogik zugunsten der Spaßpädagogik abgeschafft haben, gibt es an Schulen vermehrt Mobbing, was gerade jene am lautesten beklagen, welche dafür die Grundlagen durch Abschaffung der Leistung bereitet haben.

Und weshalb das alles? Weil die Masse der handelnden Menschen nicht nachdenkt. Da wird Dümmliches dahergeredet und nachgeplappert, was das Zeug hält. Da wird für unumgänglich gehalten, was von oben herunter verordnet wird.

Gespräch in Wien während der Pädagogik-Messe. Mein Gesprächspartner: ein älterer Unternehmerkollege, der von sich sagte: "Ich bin Radikalliberaler“. Da dachte ich, dieser Mann ist bestimmt gegen die Rechtschreibreform und lenkte das Gespräch auf diese Ebene. Zu hören bekam ich sinngemäß folgendes:
Unglaublich, auf welche Weise die Reform durchgedrückt worden sei, so ginge das nicht. Er wünsche jedoch, daß die Rechtschreibung mit Bedacht geändert werde – es müsse in Anpassung an andere Sprachen (Gleichstellung??) die Kleinschreibung her.
Meinen Einwand, dies sei schlechter zu lesen, wischte der wackere Mann mit dem Hinweis vom Tisch, das Englische käme seit Jahrhunderten gut damit zurecht. (Daß das Deutsche nicht das Englische sei, das schien ihm nie zuvor in den Sinn gekommen.) Und vor allem wünsche er, daß seine Enkelkinder es einmal leichter hätten beim Englischlernen.

Soweit ein "radikalliberaler" Deutscher am 11. November 2006 in Wien.


Kommentar von David Weiers, verfaßt am 14.11.2006 um 23.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5414

Soll man tatsächlich akzeptieren, daß einem andere Leute auf diese Weise die Zeit stehlen? An wem soll man sich da nun schadlos halten? An den Reformern, an den Spaßpädagogen der 80er Jahre, an unseren überaus inkompetenten Kulturpolitikern?

Ich finde, an allen. Wobei "Spaßpädagogen" ein wirklich schönes Wort ist; ich habe bislang immer "Kuschelpädagogen" benutzt. Spaßpädagogen paßt aber fast noch besser.

Das, was die Reform und ihre Nachfolger am besten beweisen, ist, daß in vielen Zeitgenossen der kleine "Besserwisser vom Amt" steckt und dort immer feste an den Gitterstäben des Verstandes rüttelt. Und jetzt kann er raus, weil Sprache ja nun endlich amtlich geregelt wird.
Ob Sick, seit jeher tief in seinem Innern auf ähnlicher Welle reitend, sich diese "bürokratistische" Befreiungsaktion zunutze machen konnte?


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 14.11.2006 um 00.39 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5413

Hier noch ein Nachtrag, der vielleicht erklärt, weshalb mir bei Bastian Sick und ähnlichen Spaßmachern das Lachen im Halse steckenbleibt. Nachstehend ein Auszug aus einer größeren Dokumentation, die mein Kollege gerade vom Deutschen in seine Muttersprache Schwedisch übersetzt.

"Das Signal bereitet das schließen der Beladentüren das spannen der Vorrichtung und und das quittieren vor. Die Kontrolle ob Werkstücke beladen wurde erfolgt nach dem Spannen der Vorrichtung."

"Das Signal meldet, das jemand die Tür im Schutzzaun öffnen …"

So geht das weiter, Seite rauf und Seite runter. Wie man sieht, ist die "gemäßigte Kleinschreibung" schon weitgehend eingeführt. Auch der Unterschied zwischen "dass" und "das" wird gerade aufgehoben – ja und die Kommasetzung entstammt zweifellos dem Schulunterricht der letzten Jahre, in dem die armen Kleinen ja nicht mit solchen mühsamen Dingen gequält werden sollten.

So wie die Heucheleien des Bastian Sick ein Produkt der Rechtschreibreform sind, so ist dieser Text das Resultat des zehnjährigen Reformierens und der schon früher einsetzenden Spaßpädagogik, die vielleicht einigen Schülern das Leben erleichtert hat, uns Übersetzern aber nun das Leben vergällt. Für mich als Muttersprachler ist der Text durchaus noch verständlich, aber mein ausländischer Kollege hat inzwischen beim mühsamen Diktieren schon einige Wutausbrüche hinter sich. Soll man tatsächlich akzeptieren, daß einem andere Leute auf diese Weise die Zeit stehlen? An wem soll man sich da nun schadlos halten? An den Reformern, an den Spaßpädagogen der 80er Jahre, an unseren überaus inkompetenten Kulturpolitikern?

Vielleicht hat Herr Oettinger ja recht, wenn er meint, daß Englisch die Arbeitssprache sein wird und man Deutsch nur noch im Kreise der Familie verwenden sollte. Dazu taugt es gerade noch, als Arbeitssprache ist Deutsch offensichtlich kaum noch zu gebrauchen, denn seine Präzision, die wiederum den freien Satzbau gestattet, ist leider dahin.

Der hier gezeigte Text ist keine unrühmliche Ausnahme, sondern nunmehr schon fast Standard-Orthographie bei Leuten unter 30. Bei Späßen über die deutsche Sprache hält sich daher mein Humor nunmehr sehr in Grenzen.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.11.2006 um 14.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5410

Wer für die vom Volk gewünschte bewährte Rechtschreibung eintritt, wird demnächst von Herrn Müntefering "Störenfried" genannt werden.

Alle sind jetzt Störenfriede, die feststellen, daß die Rechtschreibreform nur das erste Beispiel dafür war, daß Reformen auch der allergrößte Mist sein können und dann erst recht mit voller Sturheit durchgesetzt werden. Es häuft sich.


Kommentar von Red., verfaßt am 07.11.2006 um 23.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5409

Hinweis: Ein weiterer Beitrag zu dieser Diskussion findet sich hier.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 06.11.2006 um 19.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5406

Ganz gegen Brecht, den rechten

Dem Brecht Bertolt schwebte nachweislich vor, nicht das Theater zum tumben Volke hinabzu"leveln", sondern (ganz im Gegentum) dieses – wie einst Marianne den Johann Wolfgang G. – hinaufzuläutern zum (reformierten) Theater.

Offenbar wollten die Reformer den dem bürgerlichen Bildungsterror am schutzlosesten Ausgelieferten (aus der Untersexta und so) und vielleicht auch deren Lehrern Rettung bringen, indem sie die (eh bürgerliche und so) deutsche Schriftkultur in allen ihren Dimensionen über Bord warfen. Teils beriefen sie sich dazu geradezu aberwitzig auf eine Etymologie (oder so) von ihrer Gnaden.

Die eigentliche Katàstrophé beginnt erst jetzt, nachdem sich zeigt, daß man dafür auch bis dato einer gewissen Bildung nicht Unverdächtigte aller politischen Längengrade für die Durchpeitschung der wohldurchdachten [nicht: wohl durchdachten!] Destruktion eines wesentlichen Elements der Verankerung deutscher Kultur gewann.


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 06.11.2006 um 18.36 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5405

Vielleicht sollte ich mich noch genauer ausdrücken – dann würde ich wohl nicht immer mißverstanden …

R.M.: Wie Sie selbst sehen an Ihrem Beispiel, verwendet man "Schadenfreude" im Englischen als Fremdwort (eines der wenigen aus dem Deutschen) – eben gerade, weil man kein eigenes Wort dafür hat. Das muß nicht bedeuten, daß ein Amerikaner nicht auch mal Schadenfreude fühlen kann, aber daß es kein eigenes Wort dafür gibt, ist schon bezeichnend.

B. Eversberg: Ich halte Sick für einen Heuchler. Wahrscheinlich wurden seine ganzen Aktivitäten vom Spiegel angezettelt, um von der katastrophalen Zersetzung der deutschen Sprache abzulenken. Dieses Muster entspricht genau dem, das auch der Duden benutzt und alle anderen, die ständig beteuern, es würde sich bei der Reform um kaum merkbare Änderungen handeln und es ginge eigentlich nur um Kleinigkeiten wie Schifffahrt oder Gämse. Daß dem nicht so ist, kann man leicht beim Durchblättern konformer Tageszeitungen sehen. Die Reformer haben sehr klug an den wichtigsten "Knackpunkten" der deutschen Sprache angesetzt, und es ist ihnen gründlich geglückt, nicht nur die Wenigschreiber zu verwirren, sondern auch Journalisten usw., was täglich zu betrachten ist und auch Herrn Sick nicht entgangen sein dürfte. Angesichts dieser desolaten Situation sich als "Sprachlehrer der Nation" aufzuführen und Petitessen zum Inhalt seiner Auftritte zu machen, halte ich für eine kaum zu übertreffende Heuchelei – und man ist da inzwischen ja einiges gewöhnt.

Ob man einen Menschen, der Formulierungen gebraucht wie z.B. "Mögen Sie lieber halbe Sachen als Ganze?" und auf meine Nachfrage hinsichtlich der Bedeutung des Substantivs "Ganze" nicht einmal zu antworten weiß, wirklich als Autorität in Sachen Sprache ansehen sollte, halte ich doch für sehr zweifelhaft.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.11.2006 um 18.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5404

Unser Thema ist die Rechtschreibung und weniger die Grammatik. Weil es bestimmte Grammatikformen des Hochdeutschen wie das Präteritum und den Genitiv in manchen deutschen Dialekten nicht gibt, sind diejenigen, die im Dialekt denken und das dann ziemlich wörtlich ins Hochdeutsche übersetzen, noch lange nicht ungebildet oder Unterschicht. Vermutlich wegen solcher scheinbaren Grammatikfehler sind die Dialekte zur Spaßliteratur abgesunken. Mich würde interessieren, warum diese Grammatikformen, die im Althochdeutschen, in dem es auch noch keine normierte Grammatik gab, noch wesentlich ausgeprägter waren, zum Beispiel bei Stoffbezeichnungen und beim Nichtvorhandensein von etwas, in den Dialekten ganz fehlen. In anderen Sprachen (Französisch, Polnisch) sind sie bis heute sehr lebendig.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.11.2006 um 17.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5403

… wenn jemand weiß, wie in Hamburg das Brötchen, die Semmel, die Schrippe usw. usw. heißt? Und wie heißen diese beispielsweise in Ostfriesland, Hintertupfingen oder Siebenbürgen?

Also en Hintertupfinga hoißts dr Wecka, ond mr secht Wegga mit em g, et mit em k. Des woiß i abr au bloß, weil i do härkomm.


Kommentar von T.P., verfaßt am 06.11.2006 um 17.40 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5402

Wenn das Sein das Bewußtsein bestimmt, sind wir alle Produkte der Rechtschreibreform. Wenn das Bewußtsein das Sein bestimmt, tragen wir alle Verantwortung für den Zustand der Rechtschreibung. So, wie sie sich heute darstellt, ist sie unser Produkt. Wenn wir nicht mit ihm zufrieden sind, haben wir noch nicht genug getan, damit es besser wird.


Kommentar von Meg Ryan, verfaßt am 06.11.2006 um 17.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5401

Frau Morin muß, wenn sie Bastian Sick als Produkt der Rechtschreibreform bezeichnet, fairerweise gelten lassen, daß auch Theodor Ickler ein Produkt der Rechtschreibreform ist.


Kommentar von B. Eversberg, verfaßt am 06.11.2006 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5400

Zumindest schadet’s wohl nicht, was Sick tut, und es mag vielen einen nicht ganz unnützen Anstoß zum Aufmerken geben. Orthographie ist sein Thema freilich nicht, da haut er leicht daneben und ist williger Reformvollzieher, sondern Wortwahl, Idiomatik und Satzbau. Da spießt er eben auf, was immer er findet und was einem breiten Publikum vermittelbar ist, in einem Stil, der „das Publikum da abholt, wo es steht“, wie es Sozialpädagogen gerne sagen.
Das apostrophierte Genitiv-s ist übrigens schon vor 100 Jahren aufgetreten. In einem Bildband vom alten Breslau fand ich in einer Geschäftszeile insgesamt 4 Namens-Genitive mit s, allesamt mit Apostroph. Das läßt vermuten, daß es üblich war.


Kommentar von T.P., verfaßt am 06.11.2006 um 16.19 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5399

Seidls Artikel hat mich trotz der Polemik, die den Verfasser nicht gerade über den hebt, dessen er spottet, nachdenklich gemacht. Durch Sicks Taktik, bei niemandem anecken zu wollen, fehlt tatsächlich die gesellschaftskritische Stoßrichtung der Sprachkritik. Vielleicht ist das Sicks Erfolgsgeheimnis? Die Frage ist dann aber: Was bleibt?


Kommentar von R. M., verfaßt am 06.11.2006 um 15.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5398

Doch, gibt es: schadenfreude.


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 06.11.2006 um 15.18 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5397

Bastian Sick ist ein Produkt der Rechtschreibreform(en) und als solches nicht nur bezeichnend für die Spiegel-Heuchelei, sondern für das Wesen der Reform(er) insgesamt: Arroganz gepaart mit Inkompetenz. Arroganz, weil man in schön sozialistischer Manier gemeint hat, der sogenannten Unterschicht etwas Gutes tun zu müssen, Inkompetenz, weil es offensichtlich nicht geglückt ist.

Daß er damit Erfolg hat, ist wohl einer typisch deutschen Eigenschaft geschuldet: der Schadenfreude (für die es im Englischen z.B. gar kein Wort gibt).


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 05.11.2006 um 18.07 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=516#5396

Sick und der Genitiv

Natürlich kann von Bastian Sick nicht erwartet werden, daß er irgendetwas weiß über die sprachhistorisch recht späte Ankunft des Genitiv im Deutschen (ähnlich verspätet wie die Ungarn in Europa), d.h. über seine systematische Randständigkeit.
Daß Sick nun aber als selbstberufener großer Grammatik-Präskriptor statt reduzierter Genitivendungen in bestimmten Nominalphrasen wieder volle Genitivendungen installieren könnte, droht zum Glück nicht, denn das Deutsche bewegt sich nachweislich in die entgegengesetzte Richtung. Auch die Duden-Grammatik ist mit ihrem plötzlichen "nur noch mit bayrischem dunklem Bier" gescheitert, weil sie ihrerseits in offensichtlicher Wahrnehmungsverweigerung die verschiedenen Hierarchien adjektivischer Attribute nicht zur Kenntnis nehmen will.
Zudem deucht es Bastian Sick sichtlich, daß die Kenntnis einzelner Wörter aus diatopischen oder diastratischen Varietäten des Deutschen etwas Signifikantes über deutsche Sprachkenntnis eines Sprechers aussagt. Was – um der Sprache willen – besagt es, wenn jemand weiß, wie in Hamburg das Brötchen, die Semmel, die Schrippe usw. usw. heißt? Und wie heißen diese beispielsweise in Ostfriesland, Hintertupfingen oder Siebenbürgen?



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