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01.10.2006
 

„Erdölverarbeitend“ oder „Erdöl verarbeitend“?
„Grammatisches Telefon“ bietet Hilfe an

Für den Anrufer geht es um den Gewinn einer Wette. Er will wissen, ob man ´erdölverarbeitend´ oder ´Erdöl verarbeitend´ schreibt. «Ich kann nur sagen: Beides ist nun richtig», sagt Cathérine Blaszkiewicz vom Grammatischen Telefon der RWTH Aachen. Richtig zufrieden ist der Anrufer mit der Antwort nicht.

Aachen (ddp-nrw). Für den Anrufer geht es um den Gewinn einer Wette. Er will wissen, ob man ´erdölverarbeitend´ oder ´Erdöl verarbeitend´ schreibt. «Ich kann nur sagen: Beides ist nun richtig», sagt Cathérine Blaszkiewicz vom Grammatischen Telefon der RWTH Aachen. Richtig zufrieden ist der Anrufer mit der Antwort nicht. «Was soll ich machen?», fragt die 27-jährige Beraterin bei der in Deutschland am häufigsten konsultierten Sprachberatung: «Die neuen Rechtschreibregeln sind leider nicht immer eindeutig. Und die Regelformulierungen versteht kein Mensch.»

Zum 1. August ist die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung in Kraft getreten, maßgeblich vorangetrieben durch den im Dezember 2004 eingerichteten Rat für deutsche Rechtschreibung. «Das ist bloß der vorläufige Abschluss der Rechtschreibreform», ist sich Peter Mießen sicher. Der 27-jährige Student ist seit vier Jahren wissenschaftliche Hilfskraft beim Grammatischen Telefon und hat das Wirrwarr der Reformschritte hautnah erlebt. «Es besteht eine generelle Verwirrung. Nach dem jüngsten Reformschritt sind viele Schreibvarianten hinzugekommen. Dann ist eben vieles richtig.»

Das Problem kennt auch seine Kollegin Blaszkiewicz. Die Studentin der Kommunikationswissenschaft kennt sich mit den Regeln aus, und wenn es Zweifelsfälle gibt, dann stehen da ja noch die 50 bis 60 Nachschlagewerke in den Regalen hinter den beiden Schreibtischen: Neben dem obligatorischen Duden auch Rechtschreibwörterbücher anderer Hersteller, fremdsprachige Lexika, auch das Handelslexikon der Medizin.

Das Telefon steht während der Beratungszeiten selten still. Rund 20 Anrufe sind es täglich, macht etwa 3000 Anfragen im Jahr. Vor 25 Jahren haben die Aachener Linguistikprofessoren Ludwig Jäger und Christian Stetter das Grammatische Telefon gegründet. Stetter, Dekan der Philosophische Fakultät und Autor zahlreicher Fachbücher zur korrekten Schreibung, steht der Rechtschreibreform seit langem kritisch gegenüber: «Wir werden in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten mit einer gespaltenen Rechtschreibung zu leben haben», lautete bereits 2004 seine Warnung.

Und tatsächlich ist der Beratungsbedarf beim Grammatischen Telefon ungebrochen. «Die meisten Anfragen haben wir von professionell Schreibenden: von Journalisten, Lektoren, Lehrern, Werbeleuten, Sekretärinnen, Autoren, Wissenschaftlern oder Studenten. Es rufen aber auch Eltern an, die mit einer Korrektur in einer Klassenarbeit ihres Kindes nicht einverstanden sind», weiß Mießen. Manche der Ratsuchenden seien echte Stammkunden, die mit den Beratern einen quasi-akademischen Dialog führten, beispielsweise über den richtigen Gebrauch von «selbst» und «selber».

Doch die meisten Anfragen kommen nach wie vor zu den großen Zweifelsfällen: Getrennt- und Zusammenschreibung, Kommasetzung, Klein- und Großschreibung. «Und das ist jetzt ja auch nicht eindeutiger als vor der letzten Reform 2004», betont Mießen. «Am meisten tun mir die Schüler leid», sagt Blaszkiewicz, die auch Nachhilfelehrerin ist. Leid - oder leid? «Ja, leid. Kleingeschrieben!» Der Duden lässt in der aktuellen Auflage nur diese Schreibung zu. In der 23. Auflage waren noch beide Schreibungen möglich, also «Es tut mir Leid» oder «Es tut mir leid.» Empfohlen wurde damals noch: «Es tut mir Leid.» Blaszkiewicz lächelt leicht gequält: «Tja, das ist wieder ein Beispiel für den Variantenreichtum der deutschen Sprache.»

Das Grammatische Telefon des Germanistischen Institutes der RWTH Aachen ist montags bis freitags von 10.00 bis 12.00 Uhr unter Telefon 0241/8096074 zu erreichen.

(Freie Presse, 1. 10. 2006; auch Tagesspiegel, 1. 10. 2006)



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Kommentare zu »„Erdölverarbeitend“ oder „Erdöl verarbeitend“?«
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Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 04.10.2006 um 19.13 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=511#4952

Für die Entscheidung des Schreibers, und nicht für die Entscheidung der `regulatores rerum omnium´ kann das Kriterium der Begrifflichkeit eingesetzt werden, wobei der "Dornseiff" auch heute noch in gewissen Grenzen hilfreich ist. Wenn der Begriff der Industriezweige heute als volksläufig gelten kann, ist es in der die Sprachentwicklung zum Teil spiegelnden Schreibung opportun, Begriffsnamen für Unterbegriffe zu installieren (also etwa "erdölverarbeitend, stahlverarbeitend, holzverarbeitend, dienstleistend, naturschützend" etc.). Damit werden Schreibungen wie "Erdöl verarbeitend" keinesfalls hinfällig, denn in entsprechendem Kontext, der die Industrien als Gesamt z.B. hinsichtlich des von ihr Verarbeiteten in bestimmte ökonomische, strategische usw. Oppostionen bringt, ist es sicher besser, zu schreiben daß die Erdöl verarbeitendenden Industriezweige einen entschieden stärker vorgezogenen Kapitalaufwand tragen müssen als die Holz verarbeitenden. Die begriffsbildende Zusammenschreibung von Partizipien mit Adjektiv-, Adverbial- und Objektattributen ist schließlich keine Eigenheit des kompositafreudigen Deutschen. Die permanente begriffliche Bewältigung der Welt und ihrer physischen wie mentalen Neuheiten durch die Sprecher wird immer weitere solcher attributiv zu einem Nomen gesetzten Komposita zeugen bzw. fordern, die zusammen mit dem Nomen eben das ergeben, was Russel "Kennzeichnungen" nannte, also syntagmatische Begriffsnamen.


Kommentar von Rhein-Main-Presse, 5. 9. 2006, verfaßt am 04.10.2006 um 11.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=511#4950

"Es gibt doch Wichtigeres"

AZ-Umfrage zum Inkraftreten der Rechtschreibreform

Von Julia Schilling

OPPENHEIM

Am 1. August trat die korrigierte Rechtschreibreform in Kraft. Nach einer einjährigen Übergangszeit wird die neue Version der Rechtschreibung im August 2007 für alle Ämter und Schulen verbindlich. Ab dann gelten in allen Bundesländern und an allen Schulen wieder die gleichen Rechtschreibregeln. Aber sind solche Reformen der Reform überhaupt nötig und macht es Sinn, wieder einmal alle Schul- und Wörterbücher zu überarbeiten? Die AZ fragte Passanten im Oppenheimer Gewerbegebiet nach deren Meinung.

"Natürlich bekommt man in den Nachrichten mit, dass wieder einmal unsere Rechtschreibung reformiert werden soll", erzählt Bettina Hofrichter aus Bobenheim-Roxheim. "Aber man informiert sich nicht mehr wirklich bis ins Detail über die Neuerungen." Die 45-Jährige arbeitet zurzeit in Oppenheim als Saftverkäuferin und muss in ihrem Beruf nicht ganz so viel schreiben. Privat erledigt die korrekte Rechtschreibung das entsprechende Programm auf ihrem Computer und wenn Bettina Hofrichter mal etwas von Hand schreibt, dann richtet sie sich nach der alten Rechtschreibung.

Das tut übrigens auch Gerhard Läpple. Der 53-Jährige Osthofener findet nämlich: "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier." Trotzdem muss sich der Vater von zwei jungen Kindern mit der neuen Rechtschreibung auseinandersetzen: "Meine Kinder lernen gleich die neueste Version der Rechtschreibreform und da kann man beim Hausaufgaben kontrollieren schon mal in Schwierigkeiten kommen." Als Bezirksschornsteinfeger der Stadt Oppenheim muss Gerhard Läpple viel schreiben und darum ist auch er dankbar für das Rechtschreibprogramm auf dem PC: "Das erinnert mich dann immer an die richtige Schreibweise, man hat ja doch nie Zeit, sich mal richtig mit den Neuerungen zu befassen."

Alle Befragten sind sich außerdem einig, dass die neue Rechtschreibung nur für Schulkinder gut und einfach zu lernen ist. "Für ältere Menschen ist das doch eine zu große Umstellung", plaudert Sandra Steudtner aus dem Nähkästchen. Die 17-Jährige Oppenheimerin macht gerade eine Ausbildung zur Altenpflegerin und spricht darum aus Erfahrung. "Natürlich finde ich richtige Rechtschreibung wichtig, aber wer weiß bei dem ganzen Hin und Her denn eigentlich noch, was jetzt überhaupt richtig ist?", fragt sich Sandra Steudtner.

In ihrer Meinung bekommt die Schülerin Unterstützung von Gert Dörfler. Der 66-Jährige Oppenheimer findet es zum Beispiel unwichtig, ob man "Schifffahrt" nun mit drei "f" schreibt oder nicht: "Die Menschen, die noch nichts von Rechtschreibung gehört haben, die haben es doch schon immer mit drei `f` geschrieben." Auch Gert Dörfler findet es für Menschen seiner Generation sehr schwierig, sich noch einmal an eine korrigierte Rechtschreibreform zu gewöhnen: "Natürlich werde ich mir irgendwann einmal einen neuen Duden kaufen und einzelne Dinge übernehmen, aber es gibt doch Wichtigeres, mit dem man sich befassen kann."


(Allgemeine Zeitung, 5. September 2006)


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 03.10.2006 um 16.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=511#4948

Die Frage, ob man 'erdölverarbeitend' oder 'Erdöl verarbeitend' schreibt, ist ebenso wenig klar, wie die Antwort des "Grammatischen Telefons“ hilfreich ist:
– "Man schreibt", rein deskriptiv betrachtet, natürlich beides und auch mit Bindestrich: "Erdöl-verarbeitend".
– "Man sollte" so schreiben, wie "man", also die Schreibgemeinschaft, seit rund einem Jahrhundert mehrheitlich schreibt; diesen Schreibusus sollte das "Grammatische Telefon“ als "sprachrichtig" weitergeben.
– Als Schüler ist man genötigt, ein unwissenschaftliches, unfertiges, unakzeptiertes und kaum verständliches Regelwerk der Kultusminister zu befolgen; für die verordnete Schreibung aber sollte sich das "Grammatische Telefon" nicht zuständig erklären (hat es seinen Entschluß von Oktober 2004 geändert?).
– Unklar ist schließlich auch, was denn überhaupt gemeint ist: "erdölverarbeitend" im quasi klassenbildenden Sinne, etwa einer Industriesparte - oder im Sinne einer aktuellen Tätigkeit, vielleicht der eines Bakteriums, das gerade den Boden einer verseuchten Industriebrache reinigt? Hierzu hätte sich das "Grammatische Telefon“ äußern können und müssen.



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