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28.07.2006
 

Opfer der Fürsorge
Zehetmair versteht den Duden nicht mehr

Fassungslos zeigt sich der Vorsitzende des Rechtschreibrats angesichts der verwirrenden Duden-Empfehlungen, welche die Beschlüsse des Rats unterlaufen.

Mit dem düpierten Hans Zehetmair sprach Joachim Peter von der Welt.

Die F.A.Z. wiederum bekundet ihre Unzufriedenheit mit der neuesten Rechtschreibung nun auch ganz offiziell, meldet die Netzeitung.



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Kommentare zu »Opfer der Fürsorge«
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Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 31.07.2006 um 20.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4694

Stunde Null - oder: Die Karten werden neu gemischt

Auf die "Fassungslosigkeit" des Ratsvorsitzenden darf man nicht allzuviel geben. Sollte er allerdings wirklich ahnungslos darüber gewesen sein, was da in Hinterzimmern ausgekocht wurde, so wäre es höchste Zeit für seinen Abschied.

Einen bloßen Racheakt des DUDEN anzunehmen, erscheint mir doch zu einfach. Ob da nicht doch Fernsteuerung von politischer Seite im Spiele war? Es gibt immer noch Kräfte, die die reine Lehre erhalten sehen möchten. Da ist der Weg über den DUDEN naheliegend. Aber wahrscheinlich hat man dessen verbliebene Autorität überschätzt. Was wird die KMK dazu sagen? Sie kann ja nicht gleichzeitig die Empfehlungen des Rechtschreibrates und die abweichenden DUDEN-Schreibweisen für gültig und verbindlich erklären.

Wenn die FAZ jetzt nicht umstellt, wird sie es nie mehr tun.


Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 31.07.2006 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4690

Wenn man sich die Äußerungen von Herrn Zehetmair während der letzten Monate ansieht, so muß man feststellen, daß der Ratsvorsitzende leider noch nicht einmal verstanden hat, was eine Schreibvariante ist.

Er behauptet beispielsweise immer wieder, die Varianten bei sitzen bleiben/sitzenbleiben wären notwendig, weil man schließlich zwischen dem übertragenen und dem wörtlichen Gebrauch unterscheiden müßte. Nun, dies war (wenn auch teilweise vom alten Duden unzulänglich dargestellt) schon immer der Fall. Man schrieb eben das eine so und das andere anders. Die Festlegungen im Duden für den einen bzw. anderen Fall waren jedoch eindeutig. Insofern handelte es sich nicht um Schreibvarianten, sondern darum, daß Unterschiedliches unterschiedlich geschrieben wurde.

Das Vorhandensein von Schreibvarianten bedeutet aber, daß Gleiches unterschiedlich geschrieben werden kann, also kann man nun auch in der Schule sitzen bleiben und nicht mehr nur sitzenbleiben, wenn man nicht versetzt wird.

Diese ganz einfache Unterscheidung versteht der Vorsitzende des Rechtschreibrates bis heute nicht.

Auch sonst greift Zehetmair oft zu Beispielen, die teils unpassend und teils sogar schlicht falsch sind. Man denke nur an die ewige Diskussion über Urin-stinkt, krank_schreiben u. v. a. m.

Die Beispiele würden sich beinahe beliebig vermehren lassen; ich breche aber an dieser Stelle ab.

Daß es Wermke nun leichtfällt, jemanden, der so schlecht informiert ist, hereinzulegen, muß nicht weiter verwundern.


Kommentar von Presseschau, 31. 7. 2006, verfaßt am 31.07.2006 um 17.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4689

Netzeitung.de, 31. 7. 2006

«Die neue Rechtschreibung ist un[er]lernbar»

Prominente Gegner der Rechtschreibreform warnen: Es werde lange dauern, die «Folgeschäden» der Reform zu überwinden. Die Empfehlungen der Duden-Redaktion «treiben die Verunsicherung auf die Spitze».

Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache in Jena hält die Rechtschreibreform acht Jahre nach ihrem Start für einen Fehlschlag. Sowohl das amtliche Regelwerk als auch die jüngst erschienenen Wörterbücher Wahrig und Duden böten ein verwirrendes Bild, teilte die Forschungsgruppe am Montag mit.

Die Gruppe versteht sich als Zusammenschluss von Reformgegnern. Dazu zählen neben Sprachwissenschaftlern wie Horst Haider Munske und Christian Stetter auch die Schriftsteller Reiner Kunze, Sten Nadolny und Adolf Muschg.

In ihrer Mitteilung kritisert die Forschungsgruppe die Empfehlungen der Duden-Redaktion scharf. Dadurch würde die «sprachliche Verunsicherung auf die Spitze» getrieben. Die neuen Regeln seien «völlig willkürlich und unerlernbar».

Nach Meinung der Reformgegner wird es lange dauern, «die Folgeschäden der gewalttätigen staatlichen Eingriffe in das funktionierende System der deutschen Sprache» zu überwinden. «Die Sprache kann sich nur regenerieren, wenn die Politiker von ihr ablassen.» Diese Voraussetzung sei jedoch noch nicht erfüllt.(nz)

(Link)


Spiegel online, 31. 7. 2006

RECHTSCHREIBREFORM
"Willkürlich und unerlernbar"

"Allgemeinbildend", aber nicht unbedingt "allgemein verständlich": Von morgen an treten die Änderungen der umstrittenen Rechtschreibreform endgültig in Kraft. Doch deren Gegner kritisieren das "Durcheinander" in den neuen Duden.

Frankfurt/Main - Mit einem Jahr Verspätung wird am 1. August die überarbeitete Rechtschreibreform verbindlich für Schulen und Behörden eingeführt. Von Dienstag an müssen Schüler dann beispielsweise wieder mit "Blauen Briefen" statt "blauen Briefen" rechnen. Acht Jahre nach der ursprünglichen Einführung der Änderungen beteiligen sich nun alle Bundesländer an der Reform, auch Bayern und Nordrhein-Westfalen, die 2005 zunächst ausgeschert waren. Um Schülern genug Zeit zu geben, sich an die Regeln zu gewöhnen, werden die Neuerungen in einer einjährigen Übergangsfrist bei der Notengebung noch nicht berücksichtigt werden.

Reformgegner wie Springer- und SPIEGEL-Verlag haben dagegen entschieden, sofort wieder in den reformierten Schreibweisen zu erscheinen. Lediglich die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) will zunächst weiter an der "klassischen" Rechtschreibung festhalten. Man werde einige Monate abwarten und die unterschiedlichen Wörterbücher vergleichen, bevor eine Entscheidung gefasst werde, hieß es bei der Tageszeitung.

Nachdem der nach jahrelangem Streit eigens dafür eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung Änderungsvorschläge an der Reform ausgearbeitet hatte, hatte die Kultusministerkonferenz im März deren Inkrafttreten zum 1. August beschlossen. Die Änderungen betreffen Bereiche der Groß- und Kleinschreibung, der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Zeichensetzung und die Worttrennung am Zeilenende. Keine Änderungen gibt es dagegen in den Bereichen Laut-Buchstaben-Zuordnungen sowie bei der Schreibung mit Bindestrich. Ab sofort schreibt man nun beispielsweise wieder "abwärtsfahren" und "eislaufen" statt bisher "abwärts fahren" und "Eis laufen"; feste Verbindungen aus Adjektiv und Substantiv können wieder groß geschrieben werden ("Gelbe Karte" statt bisher "gelbe Karte"), und in Briefen darf es wieder "Du" und "Ihr" heißen. Bei der Reihung von Nebensätzen, die durch "und", "oder", "beziehungsweise", "entweder - oder", "nicht - noch" oder durch "weder - noch" verbunden sind, ist es erlaubt, kein Komma mehr zu setzen. Die Abtrennung von Einzelvokalen am Wortanfang oder -ende - wie E-sel, Feiera-bend, Bi-omüll - wird in Zukunft prinzipiell ausgeschlossen.

Gegner monieren "gravierende Mängel"

Trotz der teilweisen Rücknahme der neuen Regeln, sind die Gegner der Reform alles andere als zufrieden: "Die Rechtschreibreform hat in zehn Jahren nichts gebracht als Milliardenkosten, dauerhafte Verwirrung und ständigen Ärger beim Schreiben und Lesen", sagt Friedrich Denk, Deutschlehrer aus Weilheim und Initiator der "Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform" vom Oktober 1996. Die Reform entwerte alle Bücher in der bisherigen Rechtschreibung, die Schülern ab jetzt verboten sei.

Auch die Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) kritisierte den Rat für deutsche Rechtschreibung. Ihm habe es "an Mut und Willen gefehlt", unbrauchbare Regeln aufzuheben. "Die neue Orthografie des 'Sowohl-als-auch' kann allenfalls in einem langwierigen Lernprozess wieder zu durchgängig sprachrichtigen, intuitiv beherrschbaren und damit auch allgemein akzeptierten Schreibweisen führen", erklärte die FDS, der Schriftsteller wie Walter Kempowski, Adolf Muschg und Reiner Kunze angehören.

Auf massive Kritik bei den Reformgegnern stoßen auch die neuen Wörterbücher, in denen das Regelwerk umgesetzt wurde. Bei der FDS hieß es nach deren Prüfung: "Auf dieser Grundlage ist der vorschnell ausgerufene Rechtschreibfrieden nicht zu gewinnen". Die Empfehlungen der Duden-Redaktion trieben die sprachliche Verunsicherung auf die Spitze, so die FDS weiter. Sie seien "willkürlich und unerlernbar". Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt begrüßte zwar die Überarbeitung der Reform, monierte aber, dass das Ergebnis noch "so viele gravierende Mängel" enthalte, dass auf ihrer Basis die Wiederherstellung einer überwiegend einheitlichen Schreibung nicht gelingen könne. Reformgegner Denk empfahl, "die unendliche Geschichte Rechtschreibreform nach Möglichkeit zu ignorieren" und bei der klassischen Rechtschreibung zu bleiben. Sie sei viel stabiler und brauchbarer als das "Reformdurcheinander".

hoc/AP/dpa


Neues Deutschland, 1. 8. 2006

Die Reform der Rechtschreibreform
Ab heute wird nach neuen und alten Regeln geschrieben – der Streit geht weiter

Von Hanno Harnisch

Als am 1. Juli 1996 eine Expertenkommission aus Vertretern deutschsprachiger Länder eine Erklärung zur Rechtschreibreform unterzeichnete, fing ein über zehnjähriger Streit an. Wir erinnern uns: Schon 1996 auf der Frankfurter Buchmesse plädierten 100 namhafte Schriftsteller mit der »Frankfurter Erklärung« für einen Stopp der Reform. Am 1. August 1998 trat die Rechtschreibreform in Kraft – allerdings mit einer Übergangszeit von sieben Jahren. Im Jahre 2000 appellierte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung an Zeitungen, Verlage und andere Einrichtungen, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. 64 Prozent aller Deutschen lehnten damals die Reform ab. Im Dezember 2004 konstituierte sich noch ein »Rat für deutsche Rechtschreibung«, der Empfehlungen zu strittigen Punkten geben sollte. Er plädierte für eine teilweise Rücknahme der Reform.

Seit heute nun ist die Rechtschreibreform in ihrer reformierten Fassung, die im Frühjahr von den Kultusministern und den Ministerpräsidenten abgenickt wurde, in Deutschland in Schulen und Behörden gültig. Für Schüler gilt eine Übergangsfrist von einem Jahr, in dem unterschiedliche Schreibweisen nicht als Fehler gewertet werden. Seit einer Woche liegt auch der neueste Duden vor, der erstmals Empfehlungen der Duden-Redaktion bei mehreren möglichen Schreibweisen gibt – in 3000 Fällen. Grund genug für den bayerischen Kultusminister und Vorsitzenden des Rates für deutsche Rechtschreibung, Hanz Zehetmair, zu einer geharnischten Kritik an der Duden-Redaktion. Er befürchtet durch die Duden-Empfehlungen ein »Unterlaufen« der Empfehlungen der Rates, um den »Monopolanspruch« des Dudens geltend zu machen. Diesen Streit gibt es in Österreich und in der Schweiz nicht. Auch dort tritt die neue Schreibweise ab heute in Kraft. An den Schulen gilt in Österreich noch eine Übergangsfrist von zwei Jahren, in der die alte Reformschreibweise nicht als Fehler gerechnet wird. Das neue »Österreichische Wörterbuch« liegt auch schon vor – ohne Empfehlungen der Redaktion. In der Schweiz wird die alte Schreibweise noch drei Jahre lang toleriert. Dort soll erst im Herbst eine Neuauflage des Schülerdudens erscheinen. »Die jetzt gefundenen Regelungen sind eine gute Basis für einen Rechtschreibfrieden«, verkündete die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz der Länder, Ute Erdsiek-Rave (SPD), Bildungsministerin aus Schleswig-Holstein. Warten wir’s ab ...


Kommentar von AP, 31. 7. 2006, verfaßt am 31.07.2006 um 15.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4688

Der "blaue Brief" wird wieder der "Blaue Brief"

Vom 1. August an müssen Schüler wieder mit "Blauen Briefen" statt "blauen Briefen" rechnen: Acht Jahre nach Einführung der Rechtschreibreform tritt die Rücknahme der strittigsten Punkte für Schulen und Behörden verbindlich in Kraft. Während einer einjährigen Übergangsfrist sollen die Neuerungen bei der Notengebung noch nicht berücksichtigt werden. Reformgegner wie Springer- und Spiegel-Verlag werden dann wieder in den reformierten Schreibweisen erscheinen, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) hält zunächst weiter an der "klassischen" Rechtschreibung fest.

Nachdem der nach jahrelangem Streit eigens dafür eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung Änderungsvorschläge an der Reform ausgearbeitet hatte, hatte die Kultusministerkonferenz im März deren Inkrafttreten zum 1. August beschlossen. Die Änderungen betreffen Bereiche der Groß- und Kleinschreibung, der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Zeichensetzung und die Worttrennung am Zeilenende. Keine Änderungen gibt es in den Bereichen Laut-Buchstaben-Zuordnungen sowie bei der Schreibung mit Bindestrich.

"Am Feier- abend gehst Du eislaufen"

Ab Dienstag schreibt man nun beispielsweise wieder "abwärtsfahren" und "eislaufen" statt bisher "abwärts fahren" und "Eis laufen"; feste Verbindungen aus Adjektiv und Substantiv können wieder groß geschrieben werden ("Gelbe Karte" statt bisher "gelbe Karte"), und in Briefen darf es wieder "Du" und "Ihr" heißen. Bei der Reihung von Nebensätzen, die durch "und", "oder", "beziehungsweise", "entweder - oder", "nicht - noch" oder durch "weder - noch" verbunden sind, kann man kein Komma mehr setzen. Die Abtrennung von Einzelvokalen am Wortanfang oder -ende - wie E-sel, Feiera-bend, Bi-omüll - wird in Zukunft prinzipiell ausgeschlossen.

Reformgegner weiter unzufrieden

Die FAZ wird auch nach dem 1. August weiter in der alten Rechtschreibung erscheinen. In den nächsten Monaten werde sich definitiv nichts an den Schreibweisen in der FAZ ändern, teilte die Tageszeitung, die im Jahr 2000 zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt war, der AP mit. Man werde einige Monate abwarten und die unterschiedlichen Wörterbücher vergleichen, bevor eine Entscheidung gefasst werde. Dagegen erscheinen die Medienerzeugnisse der bisherigen Reformgegner Axel-Springer-Verlag und Spiegel-Verlag künftig in den Schreibweisen der modifizierten Reform.

Die übrigen Gegner der Reform sind mit den Änderungen alles andere als zufrieden. "Die Rechtschreibreform hat in zehn Jahren nichts gebracht als Milliardenkosten, dauerhafte Verwirrung und ständigen Ärger beim Schreiben und Lesen", sagte Friedrich Denk, Deutschlehrer aus Weilheim und Initiator der "Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform" vom Oktober 1996, der AP. Die Reform entwerte alle Bücher in der bisherigen Rechtschreibung, die Schülern ab jetzt verboten sei. Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) kritisierte den Rat für deutsche Rechtschreibung, dem es an Mut und Willen gefehlt habe, unbrauchbare Regelungen aufzuheben.

(Zu finden z. B. in Neue Epoche online, 31. Juli 2006)


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 31.07.2006 um 15.15 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4687

Retter aus Mannheim?

In der letzten orthographischen WELT steht folgender Leserbrief von Michael Rettberg aus Mannheim:

Mit einem "Geschmäckle" auf der Ersatzspielwiese

Zu, "Hans Zehetmair:.,Duden unterläuft Beschlüsse des Rechtschreibrats; WELT vom 28. Juli
Und schon wieder Zehetmair: Es scheint schwer zu sein, sich mit der Bedeutungslosigkeit abzufinden, in der man versinkt, wenn man in der Politik nicht mehr aktiv ist. Da sucht sich der rüstige Politrentner eine Ersatzspielwiese und spielt foul. Zehetmair hat das Vorwort zum neuen "Wahrig" verfaßt und schießt gegen den neuen Duden – wenn das mal kein "Geschmäckle" hat. Zudem ist das, was er sagt, sachlich falsch: Der Duden hat das Regelwerk genau umgesetzt, gibt den Menschen aber bei Schreibvarianten eine unverbindliche Empfehlung, die sie sich wünschen. Außerdem hilft das auch allen beruflich Schreibenden, die nach einer Hausorthographie streben.

Offensichtlich der gleiche Rettberg hat den Duden bei "amazon" einer kritischen Wertung unterzogen, gibt ihm 5 von 5 möglichen Sternen und bemerkt (u.a.):

"Zuerst habe ich gedacht, was soll ich schon wieder mit einem neuen Duden, aber was nützt einem ein Wörterbuch, das nicht mehr aktuell ist? Jedenfalls finde ich gut, dass jetzt z. B. auch afrodeutsch im Wörterbuch steht und dass der Duden die weiblichen Personenbezeichnungen nicht mehr als überflüssige oder mit den männlichen Bezeichnungen mitgemeinte Wörter ansieht.

Mit den neuen Farben wirkt der Duden nicht mehr so dröge wie früher, und sie helfen ja auch gut bei der Orientierung.

Die Empfehlungen finde ich super. Die Dudenredakteure haben jahrzehntelange Erfahrung mit dem Sprachgebrauch und sind sicher alles andere als inkompetent. Jetzt muss man nicht immer selber grübeln, ob man lieber Mikrofon oder Mikrophon schreiben soll."


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 31.07.2006 um 14.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4686

Man darf jetzt gespannt sein, was Microsoft abliefern wird, angeblich ist man dort plötzlich aufgewacht und hektisch aktiv.:
http://focus.msn.de/digital/pc/microsoft_nid_32820.html
Welche der Varianten wird Word empfehlen – oder wird es gar jeweils alle erlaubten zur Wahl stellen? Eine Rezension des MS-Elaborats und Vergleich mit der Duden-Software wird vermutlich wichtiger sein als die der Papierprodukte. Denn es gilt hier auch, der Technikgläubigkeit einen Dämpfer aufzusetzen. Dazu ein Vergleich mit der qualitativen Leistung der klassischen Version.


Kommentar von AH, verfaßt am 31.07.2006 um 14.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4685

Zu #4684 tagesschau
Glückwunsch an alle Beteiligten der FDS! Wie haben Sie es bloß geschafft, die Tagesschau zu infiltrieren? Es ist deren erster Artikel seit langem, in dem Befürworter und Gegner einigermaßen ausgewogen zu Wort kommen. Eine ziemliche Ohrfeige auch für Duden und Springer.
Die Darstellung der Regeln ist allerdings in der Verkürzung wenig erfreulich, an erster Stelle die s-Regel. Genau nur diese eine Regel "nach kurzem Vokal -ss-" ist bisher in der breiten Öffentlichkeit und auch in der Schule angekommen. Bei den vier gegenübergestellten Schreibungen überzeugen "Feed-back" und "Kommunikee" des Wahrig keineswegs.


Kommentar von tagesschau.de, verfaßt am 31.07.2006 um 13.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4684

Reform mit Tücken
Wenn falsch trotzdem richtig ist

Seit einigen Tagen liegen die neuen Wörterbücher in den Buchhandlungen. Wer wollte, konnte sich bereits mit dem überarbeiteten Regelwerk der deutschen Rechtschreibung vertraut machen, das von morgen an für die Schulen verbindlich wird. Nach langem Hickhack hatte der Rat für deutsche Rechtschreibung Korrekturen an dem Reformwerk vorgenommen, die insbesondere die Getrennt- und Zusammenschreibung betreffen. Viele Bereiche wie etwa die Regelungen zum Doppel-S bleiben dagegen unangetastet.


Die wichtigsten Regeln:

S-Schreibung: Bei kurzem Vokal wird das Wort mit Doppel-S geschrieben - Kuss, Fluss oder bisschen. Bei langen Vokalen bleibt es dagegen beim 'ß' - Gruß, Spaß oder Straße. Mit Doppel-S wird auch die Konjunktion 'dass' geschrieben, die das vorher geltende 'daß' ersetzt.

Drei gleiche Buchstaben: Wenn bei Zusammensetzungen drei gleiche Buchstaben aufeinandertreffen, wird keiner davon gestrichen - Schifffahrt, Sperrriegel oder Zooorchester. Alternativ ist auch die Schreibung mit Bindestrich möglich - Zoo-Orchester.
Getrennt- und Zusammenschreibung: Ist der erste Teil eines Wortes ein Verb wird in der Regel getrennt geschrieben - wie 'spazieren gehen'. Auch Verbindungen mit dem Wort 'sein' wie zum Beispiel 'da sein' oder 'dabei sein' werden getrennt geschrieben. In einzelnen Fällen ist die Zusammenschreibung wieder möglich. Sie gilt für übertragen gebrauchten Verbindungen von zwei Verben, die als zweiten Bestandteil die Verben 'bleiben' oder 'lassen' haben - zum Beispiel 'in der Schule sitzenbleiben'. Der Duden hält aber auch in diesem Fall die getrennte Schreibweise 'sitzen bleiben' für sinnvoller.
Groß- und Kleinschreibung: Tageszeiten nach den Adverbien wie 'gestern' oder 'heute' werden großgeschrieben - heute Mittag, gestern Abend. Nach den überarbeiteten Vorschlägen des Rechtschreibrates werden einzelne Begriffe wie 'pleitegehen' nun wieder klein und zusammen geschrieben.

Zeichensetzung: Mit der Reform werden die Kommaregeln vereinfacht. Bei Hauptsätzen, die mit 'und' beziehungsweise 'oder' verbunden sind, kann zur Gliederung des Satzes ein Komma gesetzt werden - dies muss aber nicht sein - "Andreas löst ein Rätsel (,) und Sabine malt ein Bild." Bei Infinitivgruppen muss ein Komma nur gesetzt werden, wenn diese mit als, anstatt, außer, ohne oder um eingeleitet wird. Dies gilt zum Beispiel für den Satz: "Sie öffnete das Fenster, um frische Luft hereinzulassen."

Das Anliegen des Rats für deutsche Rechtschreibung, endlich für "Ruhe an der Rechtschreibfront" zu sorgen, dürfte auch mit dem aktualisierten Reformwerk nicht gelingen. Ist es doch der Ratsvorsitzende, Hans Zehetmair, selbst, der massive Kritik am Duden-Verlag übte. In der neuen Duden-Ausgabe würden die Ratsbeschlüsse insbesondere in der Getrennt- und Zusammenschreibung durch die Variantenempfehlung bewusst unterlaufen, lautet Zehetmairs Vorwurf. Dabei habe der Verlag alle Sitzungen des Rates verfolgt und alle Beschlüsse mitgetragen. Die Duden-Redaktion versteht dagegen ihre gelb markierten Empfehlungen als Angebote und Entscheidungshilfen.
Das Wahrig-Wörterbuch hält sich dagegen laut Zehetmair konsequent an die Beschlüsse des Rechtschreibrates. Je nach Quelle bleibt es also dem Schreiberling überlassen, ob er "sitzen bleiben" (Duden) oder "sitzenbleiben" (Wahrig) schreibt. Eklatante Unterschiede gibt es auch bei folgenden Beispielen:
• Fast Food (Duden) und Fastfood (Wahrig)
• Feedback (Duden) und Feed-back (Wahrig)
• Kommuniqué (Duden) und Kommunikee (Wahrig)
• sauber machen (Duden) und saubermachen (Wahrig)

Wie trennt man Frustration?

Die Gegner der Rechtschreibreform sehen in dem Durcheinander der neuen Wörterbücher einen weiteren Beleg für die Mängel des neuen Regelwerks. Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) warf dem Rat für deutsche Rechtschreibung wiederholt Mutlosigkeit vor, weil es ihm nicht gelang, unbrauchbare Regelungen aufzuheben. Zudem sei die Wiederherstellung einer Einheitsorthografie in weite Ferne gerückt.
Der Sprachwissenschaftler und FDS-Mitarbeiter, Theodor Ickler, der im Februar 2006 seine Mitgliedschaft im Rat aus Protest aufgab, zweifelt in seinem Buch "Falsch ist richtig" die Sinnhaftigkeit einzelner Regelungen an. Als Beispiel für die Worttrennung nennt er "Frust-ration" und für die Getrenntschreibung "Er sah mich viel versprechend an".

Wie schreibt tagesschau.de?

tagesschau.de wird sich auch in Zukunft an die Schreibweisen der Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen halten, in der neben AP auch dpa, AFP, APA, ddp, Dow Jones, epd, KNA, Reuters und sid vertreten sind. Danach wird künftig bei Varianten überwiegend die klassische Schreibweise gewählt. Derzeit prüfen die Agenturen die Orthografien samt zugehörigen Korrekturprogrammen, die auf dem Markt erhältlich sind. Eine Umstellung wird frühestens zum Jahreswechsel erfolgen.


Kommentar von Schwäbische Zeitung, 31. 7. 2006, verfaßt am 31.07.2006 um 12.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4683

Rechtschreibfrieden herrscht noch nicht
Zehn Jahre lang gab es Zoff, morgen tritt nun das auf Vorschlag des Rates für Rechtschreibung modifizierte Regelwerk für Deutsch in Kraft. Aber von endgültiger Ruhe an der Front kann noch keine Rede sein.

Von unserem Redakteur Rolf Waldvogel

Als vor drei Jahren auf Betreiben der Kultusminister ein 39-köpfiger Rat für Rechtschreibung eingesetzt wurde, kam das nicht von ungefähr. Zu heftig tobte der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der Reform von 1996. In der Folge hat dieses Gremium Wildwuchs beschnitten und bei der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Groß- und Kleinschreibung sowie der Zeichensetzung das Rad zurückgedreht. Dabei war leider nicht zu vermeiden, dass durch die gemischte Besetzung des Rates auch viele Variantenschreibungen in das Regelwerk einzogen. Nach und nach wollte man allerdings beobachten, welche Variante im Sprachgebrauch die Oberhand gewinnt.

Nun hat der Duden diesen Plan durchkreuzt. Um wieder die alleinige Lufthoheit über Schulbänken und Schreibtischen zu gewinnen, preschte er werbeträchtig vor und sprach bei Varianten eigenmächtig rund 3000 "Empfehlungen" aus. Während sich der etwas später erschienene Wahrig eher an die Korrekturen des Rates hält, schlägt der Duden diese meist in den Wind und folgt der strittigen Reform. Kontrollen zeigen, dass sich zudem durch den enormen Zeitdruck viele unsinnige Entscheidungen eingeschlichen haben, aber auch Fehler. Was nun? Jetzt bleibt der ersehnte Schulterschluss zwischen Rat und Wörterbuchverlagen im Sinn einer langsamen Vereinheitlichung vorerst ein Traum. Durch die unterschiedliche Gewichtung der Varianten wird noch mehr Verunsicherung produziert, die schnell in Gleichgültigkeit oder Willkür umschlagen kann. Warum soll ich mich bei diesem widersprüchlichen Wust noch an klare Regeln halten, fragt sich Otto Normalschreiber - und schreibt, wie er gerade Lust hat. So aber verludert die Sprache.

Medienhäuser haben hier ein Prob-lem: Sie müssen sich entscheiden. Denn der Leser nimmt verschiedene Varianten in einem Blatt nicht hin. Die Nachrichtenagenturen wollen jetzt in aller Ruhe die Lage prüfen und Wörterlisten für ihre Korrekturprogramme erarbeiten. Nach einer Kundenumfrage geht die Tendenz bei Varianten eher hinter die Reform von 1996 zurück. Gegen Jahresende sollen dann die Modifikationen in die Textproduktion einfließen. Auch unsere Zeitung wird diesen Weg mitgehen.


Kommentar von Welt am Sonntag, 30. 7. 2006, verfaßt am 30.07.2006 um 22.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4676

Die Reform, die keine ist

Die Nachricht: Am 1. August tritt die Reform der Rechtschreibreform endgültig in Kraft. Viele umstrittene Neuschreibungen bleiben bestehen, es werden aber auch viele zusätzliche Schreibvarianten erlaubt.

Der Kommentar: Das einzig Gute an der überarbeiteten neuen Rechtschreibung ist die Tatsache, daß endlich ein Schlußstrich gezogen wird unter die quälende, seit 1996 andauernde Debatte um die korrekte Schriftsprache. Inhaltlich aber ist die Reform der Reform, die ab übermorgen gilt, ein Murks.

Über Jahre haben sich Schriftsteller, Journalisten, Politiker und Sprachwissenschaftler im Rat für deutsche Rechtschreibung munter über sitzenbleiben und sitzen bleiben, Delfine und Delphine, Ski laufen und eislaufen gestritten. Leider haben sie im Eifer der Selbstdarstellung versäumt, sich zu einigen. Und so warten die rund 100 Millionen Deutschsprachigen weiterhin vergebens auf die Einheitlichkeit der Rechtschreibung. Statt klare Regeln aufzustellen, hat der Rat den Wirrwarr zum Prinzip erhoben und kurzerhand fast alle Schreibvarianten für zulässig erklärt. Der neue Duden versucht immerhin, mit neu eingeführten Empfehlungen, die gelb markiert sind, Orientierung zu bieten. Diese Duden-Initiative wiederum stört den Ratsvorsitzenden, Bayerns früheren Kultusminister Hans Zehetmair, der zugibt, es sei gar nicht das Ziel gewesen, für einheitliches Schreiben zu sorgen. Gut zu wissen, daß Zehetmair das Vorwort für den Duden-Konkurrenten Wahrig schrieb.

In der Summe verdient das Regelwerk des Rechtschreibrats die Note "mangelhaft". An diesem faulen Kompromiß werden sich Schüler, Schreiber und Leser manchen Zahn ausbeißen. Und von "Reform" kann schon gar keine Rede sein: Das Wort bedeutet laut Duden nämlich eine "Verbesserung des Bestehenden", doch hier ist das Gegenteil der Fall.

Sönke Krüger

(Welt am Sonntag, 30. Juli 2006)


Kommentar von Münchner Merkur, 29. 7. 2006, verfaßt am 29.07.2006 um 16.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4667

"Duden-Monopol erschüttert"
Ratsvorsitzender Zehetmair kritisiert neu erschienenes Wörterbuch

Die neue Rechtschreibung gilt ab 1. August verbindlich. Der neue Duden mit den Korrekturen des Rechtschreibrates ist bereits erschienen, allerdings mit einigen Überraschungen: So empfiehlt der Duden im Zweifelsfall die Getrenntschreibung - ein klarer Widerspruch zum Rechtschreibrat, der oftmals wieder die Zusammenschreibung erlaubt. Der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair übt daher deutliche Kritik an der Wörterbuchredaktion.

Sind die Duden-Empfehlungen ein Affront gegen den Rechtschreibrat?

Hans Zehetmair: Ich weiß nicht, ob ein Affront geplant war. Auf jeden Fall kann ich die Logik des Dudens nicht nachvollziehen. Es ist eindeutig ein Rückschritt, wenn jetzt wieder die Getrenntschreibung proklamiert wird. Damit hat der Duden selbst sein Monopol erschüttert. Schließlich gibt es noch andere Wörterbücher, die die Ratsbeschlüsse konsequenter umgesetzt haben.

Österreichs Vertreter im Rat fordert bereits eine öffentliche Distanzierung vom Duden.

Zehetmair: Ich werde das Thema auf der nächsten Ratssitzung am 22. September ansprechen. Ich bedauere auf jeden Fall die Irritationen, die der Duden mit seinen Empfehlungen ausgelöst hat. Allerdings macht es keinen Sinn, einen neuen Kampf zu eröffnen. Wir brauchen endlich Ruhe an der Rechtschreibfront.

Wussten Sie, dass der Duden mit seinen Empfehlungen die Ratsbeschlüsse unterlaufen würde?

Zehetmair: Ich hatte keine Ahnung. Der Verlag war in allen Sitzungen des Rates vertreten und hat die Beschlüsse mitgetragen.

War es ein Fehler, dass der Rat oft zwei Varianten zugelassen hat?

Zehetmair: Der Rat hat sich bewusst dafür entschieden, teils zwei Varianten zu erlauben. Beim Wort "sitzen bleiben" brauchen Sie zum Beispiel beide Schreibweisen: Zusammengeschrieben bedeutet es, eine Klasse zu wiederholen. Und getrennt wird es geschrieben, wenn man auf einem Stuhl "sitzen bleibt".

Das Wörterbuch "Wahrig" gibt andere Empfehlungen als der Duden. Ist jetzt das Durcheinander perfekt?

Zehetmair: Um Klarheit zu schaffen, ist geplant, einen 16-seitigen Sonderdruck mit den wichtigsten Änderungen allen Lehrern zur Verfügung zu stellen. Ich gehe aber nicht davon aus, dass es ein größeres Durcheinander gibt.

Der Rat tagt wieder im September. Was gibt es noch zu tun?

Zehetmair: Wir kommen jetzt unserer eigentlichen Aufgabe nach, die Sprache sorgfältig zu beobachten. Wir werden sicher noch die eine oder andere Regelung hinterfragen. Grundsätzlich ist der Rat mit diesen Mitgliedern bis Ende 2010 eingesetzt.

Stehen Sie bis dahin auch als Vorsitzender zur Verfügung?

Zehetmair: Ich schließe nichts aus. Aber ich kann mir vorstellen, dass ich im Laufe der Jahre zur Ansicht komme, dass meine Aufgabe erledigt ist.

Macht Ihnen denn die Arbeit im Rat noch Spaß?

Zehetmair: Die Aufgabe habe ich damals nicht aus Freude übernommen, sondern ausschließlich aus Liebe zur deutschen Sprache.

Das Gespräch führte Steffen Habit


Kommentar von Oberbayerisches Volksblatt, verfaßt am 29.07.2006 um 13.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4665

Was heißt hier "verbindlich"?

Am Dienstag also findet eines der unrühmlichsten Kapitel deutscher Kulturgeschichte seinen Abschluss: Die Rechtschreibreform tritt in Kraft - "verbindlich", wie ihre Erfinder, eitle Sprachbürokraten und überforderte Kultusminister, triumphierend hinzusetzen. Nur: Verbindlich ist hier gar nichts.

Denn erstens müssen lediglich Schulen und Behörden die neue "Recht"-Schreibung zwangsweise übernehmen; dem Rest der Bevölkerung ist es freigestellt, an den alten Regeln festzuhalten. Und zweitens findet sich in den einschlägigen Wörterbüchern eine solche Vielfalt an parallel gültigen Schreibweisen, dass von einer "verbindlichen" im Sinne von "einheitlichen" deutschen Rechtschreibung ab sofort ohnehin nicht mehr die Rede sein kann.

Der deutsche Sprachraum liegt in Trümmern, und nichts wird die Fragmente in absehbarer Zeit wieder kitten können. Den vorerst letzten Hieb hat ihm ausgerechnet die Redaktion des Duden versetzt, selbsternannter Wächter über die deutsche Rechtschreibung. Der Duden empfiehlt - in krasser Missachtung der Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung - in fast allen Fällen parallel gültiger Schreibweisen die konsequente Getrenntschreibung ("sitzen bleiben" also auch bei Verwendung im übertragenen Sinne für Schulwiederholer!); damit werden auch die zaghaften Versuche des Rechtschreibrates, die eklatantesten Fehler der Rechtschreibreform zu korrigieren, konterkariert.

Dabei verheddert sich der Duden heillos in einem Gestrüpp neuer Widersprüche, wenn er Adverb-Verb-Verbindungen willkürlich mal zusammen, mal getrennt schreibt ("wohlriechend" und "übel riechend", "Leben spendend" und "todbringend"). Ja, was denn nun?

Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen haben angekündigt, nach einer Phase der Überarbeitung der Rechtschreibprogramme bis zum Jahreswechsel bei Varianten wieder zu den klassischen Schreibweisen zurückzukehren, also zu jenen Schreibweisen, die vor der Reform gültig waren. Auch diese Zeitung wird diesen Weg mitgehen.

Georg.Anastasiadis@merkur-online.de

Originaltext hier.


Kommentar von David Weiers, verfaßt am 28.07.2006 um 09.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4652

Vermutlich sieht er in sich selbst immer noch denjenigen, unter dessen Aufsicht die Sprache irgendwie dann doch gerettet worden ist. Deshalb reagiert er jetzt auch "fassungslos" angesichts dieser Neuauflage des Reformumsetzungschaos. Und da muß er natürlich seinen Ruf wahren und den Leuten vorgaukeln, daß das jetzt ja nun aber überhaupt nicht im Sinne des Erfinders wäre.
Er hat ja irgendwo auch recht damit, aber der ganze Mist war doch vorhersehbar; 1996 war ja nicht erst gestern.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 28.07.2006 um 08.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4650

Zunächst einmal lag ja auch nichts Schwerwiegendes gegen Fr. Güthert vor. Nun, nach ihrer offenen Kompetenzüberschreitung, zusammen mit der inhaltlichen Sabotage, könnte und müßte Z. das anders sehen, jedenfalls wenn er mit seinen Worten in diesem Interview übereinstimmt.

Ehrlich gesagt, ich kann mir keinen Reim auf Z.s Gelaber machen. Warum hält er nicht einfach den Mund?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2006 um 08.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4649

Als der Rechtschreibrat erstmals zusammentrat und sich einen Vorsitzenden wählte (Gegenkandidaten waren nicht in Sicht und nicht vorstellbar, da es ja ein Mann der KMK sein mußte), stellte er fest, daß er auch schon eine Geschäftsführerin hatte. Frau Güthert war gerade am IDS angestellt worden. Entlassen werden kann sie nicht, höchstens von der Geschäftsführung entbunden, aber auch das ist praktisch nicht möglich. Im übrigen ist sie für die Reformgegner ein Geschenk des Himmels, um nicht zu sagen der "Vorsehung".


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 28.07.2006 um 08.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4648

Wenn das Zehetmairs ehrliche Meinung ist, warum verlangt er nicht die Entlassung von Fr. Güthert?


Kommentar von C. Schardt, verfaßt am 28.07.2006 um 08.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4647

Bezeichnend ist, daß er auf die letzte Frage der WELT ja nicht antwortet. Die Frage, ob er den "Einsatz für die Rechtschreibreform bereut hätte", bezog sich ja nicht auf seinen Job im Rat sondern eigentlich auf den als Kultusminister. Und die ehrliche Antwort wäre wohl von ähnlicher Brisanz wie damals die Äußerungen von Frau Wanka im Spiegel.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2006 um 05.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=497#4646

WELT: Sie haben das Vorwort für das Wahrig-Wörterbuch geschrieben. Wie werden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand vorwerfen sollte, sie seien ein Lobbyist dieses Verlages?

Zehetmair: Der Duden-Verlag hat bei mir nicht angefragt, ob ich ein Vorwort schreiben wolle. Ich wäre ganz sicher nicht abgeneigt gewesen. Aus heutiger Sicht kann man nun wohl aber von Vorsehung sprechen, daß es dazu nicht gekommen ist ...



Weiß Zehetmair, was er da ausplaudert? Wenn man ein Vorwort schreibt, sollte man das Buch kennen, zu dem man sich äußert – noch dazu so enthusiastisch. Dazu bedarf es keiner Vorsehung, Vorwortschreiben ist doch kein Glücksspiel. Zehetmair wäre also "ganz sicher nicht abgeneigt gewesen", auch dem Duden ein rühmendes Vorwort zu schreiben, ohne sich das Werk selbst anzusehen. Das paßt zum Beschluß der KMK, ein Wörterbuch schon auf die bloße Versicherung des Verlages hin, es sei korrekt, für gültig zu erklären. Die Unlust, sich mit der Sache selbst zu beschäftigen, treibt immer neue Blüten.



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