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21.07.2006
 

Theodor Ickler
Noch nicht einmal der Duden hält sich an den Duden

In diesem Sommer erhielten die Buchhändler ein Rundschreiben vom Verlag Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus.

»Zum 1. August 2006 wird die neue deutsche Rechtschreibung endlich überall verbindlich. Die Rechtschreibreform kann damit nach langen Jahren teils heftiger Auseinandersetzungen als abgeschlossen betrachtet werden.« Zugleich wurde den Lehrern ein Prüfstück des neuen Duden angeboten, verbunden mit der »Hoffnung auf entsprechende Klassensatz-Bestellungen für Ihre Buchhandlung«. (Duden: Die deutsche Rechtschreibung. 24., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, hg. von der Dudenredaktion. Dudenverlag, Mannheim u. a. 2006. 1216 S. geb., 20,- Euro)

Werbeprospekte betonten auch sonst die »Endgültigkeit« und »Abgeschlossenheit« der nunmehr »definitiv« gültigen Neuregelung, die am 1. August 2006 »für Schulen und Behörden verbindlich« werde. Dies mußte jeden Sachkundigen und nicht zuletzt die Mitglieder des Rates für deutsche Rechtschreibung erstaunen. Die Arbeit des Rates war auf Wunsch der Kultusminister im Februar 2006 unterbrochen, aber keineswegs beendet worden. Von den sechs Bereichen der Reform waren bis dahin erst dreieinhalb bearbeitet: Getrennt- und Zusammenschreibung, Zeichensetzung, Silbentrennung und von der Groß- und Kleinschreibung diejenigen Teile, die auch die Getrennt- und Zusammenschreibung berühren. Der Ratsvorsitzende Zehetmair hatte jedoch erklärt: »Der Rat wird es sich nicht nehmen lassen, sich auch mit anderen Bereichen der Rechtschreibreform zu beschäftigen, um auch hier evidente Ungereimtheiten zu beseitigen.« Damit meinte er die Groß- und Kleinschreibung sowie die Laut-Buchstaben-Beziehungen, insbesondere die schon frühzeitig ins Auge gefaßte Fremdwortschreibung; schließlich den Bindestrich, ein Kapitel von geringerer Bedeutung.

Daß der Rat auch diese Bereiche behandeln »darf«, bestätigte die KMK-Präsidentin Johanna Wanka brieflich: »Sie bitten darum, dem Rat für deutsche Rechtschreibung Freiheit und Zeit zu geben. Freiheit hat er in der Tat, da er keine Vorgabe bekommen hat hinsichtlich seiner Themenwahl. Auch die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz und der Kultusministerkonferenz aus dem vergangenen Jahr sind nicht als thematische Einengung anzusehen, sondern als thematische Prioritätensetzung. In diesem Zusammenhang hat der Rat auch Zeit, denn er ist nicht gebunden, zu einem bestimmten Termin Vorschläge zu unterbreiten.«

Der Behauptung, daß die Neuregelung »für Behörden« oder gar »überall« verbindlich sei, steht das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 14. Juli 1998 entgegen, das die Verbindlichkeit auf die Schulen beschränkt.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat in mühevollen Beratungsrunden die genannten Teile der Rechtschreibreform so weit repariert, daß zahlreiche sinnvolle Schreibweisen zumindest wieder zugelassen sind. Allerdings sollen die Reformschreibweisen von 1996 großenteils weiterhin nicht falsch sein. Dadurch ist eine Unmenge von »Varianten« entstanden, die der Duden nun durch dreitausend »Empfehlungen« wieder einzudämmen versucht.

Der Verlag versichert, mit diesen gelb unterlegten Empfehlungen zu einer einheitlichen Rechtschreibung beizutragen – was natürlich nur dann der Fall wäre, wenn jedermann sich danach richtete. Einige Zeitungsverlage und Nachrichtenagenturen haben bereits zu Beginn des Jahres 2006 und noch ohne inhaltliche Kenntnis der Empfehlungen versichert, daß sie dazu bereit seien. Der Ratsvorsitzende suchte die Zeitungsverlage persönlich auf, versicherte ihnen, etwa achtzig Prozent des Anstößigen seien beseitigt, und warb mit der versprochenen Neufassung dessen, »was der Duden empfiehlt«. Mit einer gemeinsamen »Hausorthographie von der Stange« sollte den Verlagen und Agenturen die kostspielige Ausarbeitung einer eigenen Hausorthographie erspart werden.

Das Zeitalter der Hausorthographien war eigentlich um 1900 beendet, erst die Rechtschreibreform hat es wieder heraufbeschworen. Sichtbarer Ausdruck ist der Vierfarbendruck des neuen Duden. Er wird im Vorwort und in der Werbung als Vorzug herausgestellt, als wenn die Kunden Kinder wären, die sich an Buntem erfreuen und nicht wissen, daß Buntheit in diesem Fall nur das Ende der deutschen Einheitsorthographie signalisiert. Bei Zusammensetzungen mit wohl- zum Beispiel schwelgt der Duden in Schwarz, Rot und Gelb, weil er zwar die neuen Getrenntschreibungen (nicht weniger als 32 Beispiele!) in Rotdruck anführt, aber in Gelb die herkömmlichen Zusammenschreibungen empfiehlt. Nur bei wohlfühlen wird die neue Zusammenschreibung auch gleichzeitig zur Vorzugsschreibung erhoben. Das Ergebnis ist ein verwirrendes Bild, wie man es bisher von Rechtschreibwörterbüchern nicht kannte.

Ebenso wie im neuen Wahrig sind die Neuerungen der revidierten Reformschreibung von 2006 gegenüber den nichtreformierten Schreibweisen von 1991 markiert. Die gesamte Reform von 1996 bis zur Revision von 2004 wird ebenso mit Stillschweigen übergangen wie die ruhmlos entlassene Zwischenstaatliche Kommission. Die seit zehn Jahren in den Schulen gelehrten Reformschreibweisen sind also nicht verzeichnet. Die KMK hat jedoch im März 2006 beschlossen: »Bis zum 31. Juli 2007 werden Schreibweisen, die durch die Amtliche Regelung (Stand 2006) überholt sind, nicht als Fehler markiert und bewertet.« Folglich ist der Duden für die Schule nicht geeignet. Ein Schüler, der Leid tun, abwärts fahren, auseinander halten oder lahm legen schreibt, muß damit rechnen, daß ihm sein Lehrer, auf den neuen Duden gestützt, einen Fehler anrechnet - zu Unrecht, denn diese Reformschreibungen sind für mindestens ein ganzes Jahr noch hinzunehmen, und nach dieser Zeit kann die Reform schon wieder ganz anders aussehen.

Für den Rechtschreibrat und seinen Vorsitzenden Zehetmair muß der neue Duden eine große Enttäuschung sein. Die Dudenredaktion, die selbst an der Revisionsarbeit im Rat mitgewirkt hat, unterläuft dessen Bemühungen, indem sie in kritischen Fällen meistens die ursprünglichen Reformschreibungen empfiehlt und in vielen Fällen sogar hinter die amtliche Revision von 2004 zurückfällt. Einige Beispiele sollen diese Eigenmächtigkeit verdeutlichen.

Der Rechtschreibrat hat die Zusammenschreibung von Verben wie stehenlassen, sitzenbleiben wieder möglich gemacht, in vielen Fällen sogar über die Vorreform-Schreibweisen von 1991 hinaus. Zehetmair war glücklich, als er der Öffentlichkeit verkünden durfte, zwischen sitzenbleiben (in der Schule) und sitzen bleiben (auf dem Stuhl) werde nun wieder unterschieden. Die Dudenredakteure schlagen das in den Wind: »Die Grundregel, nach der zwei Verben getrennt geschrieben werden, ist so eindeutig und einfach, dass wir ihre Anwendung auch bei übertragenem Gebrauch empfehlen.«

Eine beifällig aufgenommene Leistung des Rechtschreibrates bestand darin, endlich die Zusammenschreibung von Verben mit Ergebniszusätzen wiederhergestellt und sogar eindeutiger als im alten Duden formuliert zu haben: kleinschneiden und ähnliches. Der Duden empfiehlt hier durchweg Getrenntschreibung. Begründung: »Auch bei der Verbindung von Adjektiv und Verb ist bei nicht übertragener Bedeutung die Getrenntschreibung immer die einfachste Lösung.« Dies betrifft Hunderte von Fällen wie kaputt machen, blank putzen, glatt streichen.

Zur Verbindung von Adjektiv und Verb behauptet der Duden unter K 56: »Ebenso gilt Getrenntschreibung bei intransitiven und reflexiven Verben.« Daraus soll die Schreibweise sich bloß strampeln und kalt werden folgen. Die Regel ist frei erfunden, das amtliche Regelwerk kennt die Begriffe des intransitiven und des reflexiven Verbs überhaupt nicht. Man sollte die Lehrer davor warnen, bei Korrekturen den neuen Duden mit solchen wunderlichen Sondervorschriften zugrunde zu legen; sie könnten disziplinarische Schwierigkeiten bekommen. (Das Wörterbuch selbst hält sich übrigens nicht an die eigenen Regeln. So bleibt sich wundliegen weiterhin zulässig, wird aber nicht empfohlen.)

Für Verbindungen von Verben mit den Ergebniszusätzen fest, tot und voll wird durchgehend nur Zusammenschreibung zugelassen (festdrehen, totschlagen, vollpumpen); das Wörterbuch verweist auf die Regel K 65, aus der aber wie aus dem Paragraphen 34 (2.1) der amtlichen Regelung das Gegenteil folgt.

Die Getrenntschreibung von zugrunde gehen wird damit begründet, daß zugrunde auch in zwei Wörtern geschrieben werden kann (zu Grunde); dies soll aus § 55 (4) des amtlichen Regelwerks hervorgehen. Dort steht aber nichts Einschlägiges. Die Redaktion scheint sich in der Rabulistik der amtlichen Regeln verheddert zu haben.

Die berüchtigte Reformvorschrift, Verbindungen mit sein stets getrennt zu schreiben (§ 36), wird durch das Wort dagewesen in Frage gestellt, eine neu ins amtliche Verzeichnis aufgenommene Ausnahme. Unter K 49 lehrt der Duden die ausnahmslose Getrenntschreibung mit sein und führt auch die Form da gewesen ausdrücklich an; das Gegenbeispiel dagewesen wird also ebenso wie im Wörterverzeichnis unterdrückt. Auch dies ist eine Verfälschung der amtlichen Regeln. An ganz versteckter Stelle findet man sogar noch zwei weitere Ausnahmen: beisammengewesen und bekanntgewesen.

Die Empfehlung von recht haben (gegenüber dem immer noch zulässigen, grammatisch falschen Recht haben) wird man begrüßen, aber daneben stehen die schwerfälligen Händchen haltenden und Not leidenden Menschen (beides ausdrücklich empfohlen; Kredite sollen allerdings nur notleidend sein dürfen). Diese Maßnahmen seien Erfolg versprechend für richtiges Deutsch und sogar besonders zu empfehlen. Warum das nicht geht, wußten frühere Auflagen der Dudengrammatik noch. Heute empfiehlt die Redaktion ohne Sinn für die sprachliche Härte: Sie sah sich Hilfe suchend um.

Sogar die ganze Reihe mit selbst- (selbst ernannt usw.) wird laut Dudenempfehlung wieder wie im Reformjahr 1996 getrennt geschrieben, ebenso die Zusammensetzungen vielbeschäftigt/viel beschäftigt sowie eine Reihe einzelner Fälle wie wild lebend. All dies geht nicht auf Beobachtung des Schreibgebrauchs zurück, sondern entspringt dem Wunsch, die frühen Einfälle der Reformer doch noch durchzusetzen. Semantik und Grammatik müssen zurückstehen.

Vollends absurd ist die Behandlung der Zusammensetzungen mit halb. Hier gibt der Duden zusammengeschriebenes halbautomatisch (und siebzehn weitere Beispiele) mit Betonung auf der ersten Silbe und die getrennt geschriebene Wortgruppe halb automatisch mit der Betonung auf dem zweiten Teil an. Folglich sind es gar keine orthographischen Varianten, sondern ganz verschiedene Ausdrücke, und die zusätzlich ausgesprochene Empfehlung, stets die Getrenntschreibung zu wählen, geht ins Leere. Der neue Wahrig stellt die Sache richtig dar, und noch im Duden von 2004 war sie korrekt im Sinne der Reform geregelt. Ebenso wären auch die Einträge unter hoch- zu korrigieren: Das empfohlene hoch kompliziert mit Betonung auf der letzten Silbe ist keine Schreibvariante von hochkompliziert mit Betonung auf der ersten. Hier kommt noch hinzu, daß bei intensivierender Bedeutung von hoch- eigentlich zusammengeschrieben werden müßte. Im Infokasten wird hochanständig als »Partizip« bezeichnet.

Derselbe Fehler wie bei halb und hoch verzerrt die Verben mit wieder-. Hier werden, in gleichfalls irreführendem Schwarzdruck, als wäre das im Duden schon immer so gewesen, die unterschiedlich betonten Ausdrücke wiedereröffnen (das Geschäft wird wiedereröffnet) und wieder eröffnen (wieder wurde ein Geschäft eröffnet) als bloße Schreibvarianten nebeneinandergestellt. Ein Kasten legt den Irrtum bloß, und dabei unterläuft noch die Inkonsequenz, wiedereinführen als vermeintliche Neuschreibung rot auszuzeichnen, während es im laufenden Verzeichnis schwarz angeführt ist. Andererseits werden wieder einfallen und wieder tun ausschließlich in neuer Getrenntschreibung zugelassen, sicherlich zu Unrecht. Kurzum, die seit 1996 herrschende Verwirrung um die mit wieder- zusammengesetzten Verben ist immer noch nicht behoben.

Während die Handvoll und ähnlich gebaute ehrwürdige Wörter, denen die Reform den Garaus gemacht hatte, wiederauferstanden sind, will der Duden die seit fünfhundert Jahren Übliche Zeitlang nicht anerkennen, sondern empfiehlt weiterhin die Zerreißung: eine Zeit lang.

Hunderte von Einträgen wie Kohle führend widersprechen dem Grundsatz, daß ein Wörterbuch zunächst einmal Wörter und nicht Wortgruppen als Stichwörter anführt. Die Wortgruppen stehen an der Stelle, an der bisher die Wörter ihren Platz hatten, und dieser heimliche Blick auf die bisherige Rechtschreibung ist es, was die neue Anordnung rechtfertigt. Ob das Wörterbuch sich auf die bloße Anordnung beschränkt (neue Getrenntschreibung in Rot an erster Stelle) oder die Getrenntschreibung zusätzlich noch durch gelbe Unterlegung als Vorzugsschreibung empfiehlt - die Getrenntschreibung wird dem Benutzer in jedem Fall als Lösung erster Wahl aufgedrängt. Insgesamt gibt es 655 über das ganze Werk verstreute Empfehlungen, die auf Getrenntschreibung hinauslaufen, wo auch Zusammenschreibung zulässig und oft besser wäre. Der Rechtschreibrat scheint vergeblich gearbeitet zu haben.

Der Duden empfiehlt die archaisierende Neuschreibung aufs Schönste, auf das Beste usw., und wieder lautet die Begründung: »Die Großschreibung erspart eine Unterscheidung zwischen ,ihre Wahl fiel auf das Beste aus dem Angebot' und ,sie hatte auf das Beste gewählt'.« Anders gesagt: man kann nicht mehr unterscheiden, was die Sprachgemeinschaft seit wenigstens 150 Jahren für unterscheidenswert hielt. Noch krasser ist die vom Duden empfohlene, erst 2004 eingeführte Großschreibung in sehr häufig gebrauchten Wendungen wie bei Weitem, seit Langem, ohne Weiteres – insgesamt ein rundes Dutzend artikellose Scheinsubstantive. Damit wird der textsemantische Sinn der Groß- und Kleinschreibung vollends auf den Kopf gestellt. Es geht offenbar nicht um die Qualität schriftlicher Texte, sondern immer noch um Vereinfachung für die vielberufenen »Anfänger und Wenigschreiber«. Diese Zielgruppe der Reform wird ja auch durch die neue Silbentrennung angesprochen. Die Dudenredaktion scheut sich nicht, bei Anal-phabet, Urin-stinkt, Frust-ration (aber nicht Lust-ration) jeweils in einer Fußnote in schamhaften Andeutungen vor den heiklen Trennungen zu warnen. Sonst werden aber zur Silbentrennung keinerlei Empfehlungen gegeben, Subs-tanz erscheint als vollkommen gleichberechtigt neben Sub-stanz, und so in Tausenden von Fällen. Dieselbe Senkung des Niveaus findet man vor allem seit der 22. Auflage (2000) bei den Ausspracheangaben: Die französische Soiree und der englische Service sollen nach Duden mit stimmhaftem s gesprochen werden, und auch sonst wird durchgehend eine möglichst vulgäre Aussprache kanonisiert. Food in Fast Food wird nach Duden fu:t gesprochen (unter Slow Food allerdings fu:d), Code erscheint als ko:t, Love(story) als laf-, Pay-TV als pe:ti:vi:. Warum sollen Nexus oder Sojus mit langem u gesprochen werden?

Die Großschreibung von festen Begriffen wie Erste Hilfe, Schwarzes Brett war im Deutschen schon viel weiter fortgeschritten, als der Duden 1991 es dokumentierte. Die Reform erzwang hier überall Kleinschreibung. Der Rechtschreibrat hat in weitem Umfang die Großschreibung wieder möglich gemacht, aber der neue Duden beschränkt sie auf eine »überschaubare Anzahl von Fällen« (die Erste Hilfe, aber das ewige Licht), ganz eindeutig gegen die wirkliche Entwicklung des Deutschen und gegen die Intention des Rates. Duden empfiehlt andererseits Hundert und Aberhundert Sterne – eine durch nichts zu begründende Großschreibung. Die Ersetzung von Nummer Sicher durch Nummer sicher hat keine Grundlage im amtlichen Regelwerk.

Noch immer führt der Duden heute Früh als mögliche Schreibweise an. Die Streichung dieses Fehlers liefe allerdings auf das Eingeständnis hinaus, daß auch die Reformschreibung heute Abend usw. unberechtigt ist, weil hier einfach kein Platz für ein Substantiv ist. Auch der Duden läßt offen, ob es neulich Abend heißen soll, denn das Adverb neulich fehlt in der geschlossenen Liste der Zeitangaben, die mit Großschreibung der Tageszeiten einhergehen sollen. Auf diese Lücke ist jahrelang hingewiesen worden. Unverzeihlich ist die Beibehaltung des Reformfehlers Not sein, von dem sich die amtliche Regelung endlich verabschiedet hat.

Bei den Fremdwörtern werden manchmal eingedeutschte Schreibweisen empfohlen (Delfin, Paragraf, auch das hybride Orthografie), manchmal gerade nicht (Piccolo, Handicap).

Kein Gegenstand von Empfehlungen, weil immer noch unverändert, sind die variantenlos vorgeschriebenen Neuerungen von 1996: Gämse, Stängel, einbläuen, Quäntchen, rau, Zierrat, Tollpatsch, ferner das Verbot von Allerweltswörtern wie jedesmal und vieles andere, was seit Beginn der Reform die Kritik von Fachleuten und Praktikern hervorgerufen hat. Wie seit den Anfängen der Reform werden selbstständig und selbständig als orthographische Varianten desselben Wortes behandelt, während es in Wirklichkeit zwei verschieden gebildete, wenn auch gleichbedeutende Wörter sind, und das erste wird nachdrücklich empfohlen und vom Duden selbst benutzt. Der Rechtschreibrat ist inzwischen zu selbständig zurückgekehrt.

Man muß den Duden von 1991 zur Hand nehmen, um sich bewußt zu werden, wie sehr die Reform das Aussehen und den ganzen Charakter der Rechtschreibwörterbücher verändert hat. Sie stellen nicht mehr Tatsachen dar, sondern manipulieren die Sprache und versuchen den Wörterbuchbenutzer in eine bestimmte, politisch gewollte Richtung zu drängen. Verstimmt legt man das Buch zur Seite.

Franfurter Allgemeine, 21. 7. 2006



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Kommentare zu »Noch nicht einmal der Duden hält sich an den Duden«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.08.2012 um 06.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#9050

Wikipedia vermerkt unter "Saxophon" (Fußnote 1):

Wie die Patentschrift ausweist, hat Adolphe Sax sein Instrument selbst als „Saxophon“ bezeichnet. Der Duden gibt die Schreibweise Saxofon als „eindeutschende Schreibweise“, das Wiktionary (http://de.wiktionary.org/wiki/Saxophon) als „alternative Schreibweise“ an. Unter dem Stichwort „Saxophon“ wird jeweils kommentiert „nach dem belg. Erfinder A. Sax“. Da es sich aber bei der Schreibweise mit „ph“ eben nicht um eine nachträglich eingeführte Bezeichnung, sondern um eine vom Erfinder selbst gewählte originäre Produktbezeichnung handelt (im Gegensatz beispielsweise zum Begriff „Metallophon“ als neutraler Gattungsbezeichnung), ist die Schreibung mit „f“ zumindest als fragwürdig, wenn nicht als unzulässig zu betrachten.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 01.11.2007 um 18.17 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#6211

Wolfram Metz teilt uns Erfreuliches mit:
"Heimlich, still und leise hat die Dudenredaktion die Schreibung Not sein kassiert!".
Offenbar sind der Duden-Redaktion ein paar sog. Proben wieder eingefallen, mit denen man Substantive von Prädikativpartikeln und Adverbien unterscheiden kann.

Das läßt Millionen (von der RSR Drangsalierte) aufatmen und zugleich ganz heimlich hoffen, daß man gegenüber von Ludwigshafen zunehmend eine gewisse Einsicht zeigen wird.

In einem weiteren Schritt zur (Rück-)besinnung könnte der Duden-Redaktion die syntaktische Idee kommen, die bei Adverbien möglichen Attribute (kreativ) neu zu ermitteln oder (unkreativ) einfach Altbekanntes zu memorieren. So (oder mit dem Zahnstocher durch die Frankfurter Allgemeine) kriegt sie möglicherweise verspätet heraus, daß Adverbien keine Nomina ohne "Fügewort" (Präposition) als Attribute annehmen. Von dieser (neuen oder alten) Erkenntnis aus wird es dann nur eine leichte geistige Gratwanderung bis zu der Einsicht brauchen, daß "heute Abend" grammatisch verdummende Schreibung ist.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2007 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#6209

In meiner Besprechung zum letzten Duden hatte ich geschrieben: "Unverzeihlich ist die Beibehaltung des Reformfehlers 'Not sein', von dem sich die amtliche Regelung endlich verabschiedet hat." Anscheinend hat der Verlag die Gelegenheit benutzt, diesen peinlichen Fehler zu beseitigen.


Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 13.10.2007 um 22.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#6208

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Heimlich, still und leise hat die Dudenredaktion die Schreibung Not sein kassiert! In der in diesem Jahr erschienenen dunkelblauen Weltbild-Sonderausgabe der 24. Auflage des Rechtschreibdudens hat sich ein not sein in den Textkasten zum Stichwort „Not“ eingenistet, wobei not in unschuldigem Schwarz daherkommt, ganz so, als ob es die Reform nicht gegeben hätte. Wenn die Verlagswerbung stimmt („alles 100% Duden – ungekürzt!“), dann geht diese Abweichung von der gelben Originalausgabe aufs Konto der Dudenredaktion. Jetzt dürften nach und nach auch die anderen Produkte aus Mannheim korrigiert werden, beginnend mit den Nachdrucken der aktuellen Auflagen.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 11.03.2007 um 13.55 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#5763

Wolfram Metz sollte die erbauliche Devise "Altes 'not' gilt es zu zwingen" der Duden-Redaktion als Leitspruch überlassen (gegen entsprechendes Entgelt freilich). Eventuelle Becher-Assoziationen könnten nebenher noch ihre subversive Wirkung entfalten.


Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 10.03.2007 um 23.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#5761

Die Minuskel war als Anspielung auf den Kampf der Dudenredaktion gegen die Schreibung not sein gedacht. Ich wollte Bechers Text wenigstens klanglich unversehrt lassen. Alternativ hätte ich noch im Angebot: »Altes ›not‹ gilt es zu zwingen«.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 10.03.2007 um 18.03 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#5760

Anders als Wolfram Metz reminsziere ich Bechers kaum je richtig bekanntes hymnisches Gedicht eher in der Schreibung "Alte Not gilt es zu zwingen" ein, weil ohne Nomen nichts zu zwingen (gewesen) wäre.


Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 09.03.2007 um 11.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#5759

Alte not gilt es zu zwingen

Vor einigen Monaten überraschte uns der Duden mit einem eklatanten Verstoß gegen die neueste Schulorthographie: Die Schreibung Not sein ist mit dem revidierten Regelwerk nicht vereinbar. Das amtliche Wörterverzeichnis widmet dem Fall sogar einen eigenen Eintrag und ordnet das Wort „not“ in dieser Fügung der nunmehr offenen Liste des § 56 (1) zu. Sieht man einmal vom gerade erschienenen neuen ALDI-Wörterbuch (Karl-Heinz Göttert) ab, so steht der Duden mit dieser Abweichung vom Regelwerk allein auf weiter Flur. Sogar das neueste Österreichische Wörterbuch verzeichnet nur die Schreibung not sein. Auch der neue Schweizer Schülerduden (dazu später einmal mehr) kennt einzig die Kleinschreibung – in auffälligem Gegensatz übrigens zum deutschen Original aus Mannheim, auf dem das Werk ja basiert.

Auch in anderen aktuellen Produkten aus dem Hause Duden wird ungerührt an der Schreibung Not sein festgehalten, und zwar so konsequent, daß man an ein Versehen nicht glauben mag. „Auf der Grundlage der neuen amtlichen Regeln“ (Duden), „Mit den gültigen Schreibweisen“ (Göttert) – was heißt das eigentlich? Auf einer festen Grundlage läßt sich mancher Tanz aufführen, und gültig ist vieles. Wie ist das offenkundige Unbehagen der Dudenredaktion an der Schreibung not sein zu erklären? Ist es die Angst vor einem Dammbruch, nach dem Motto „Wo not sein ist, ist leid tun nicht mehr weit“? Will man der schleichenden Aushöhlung des Reformergrundsatzes „Groß und getrennt oder klein und zusammen“ entgegenwirken?

Die Not mit der Not illustriert nicht nur anschaulich das Scheitern der Reform als Ganzes, sondern auch, wozu es führt, wenn man wider besseres Wissen ganze Bereiche der Rechtschreibung für unstrittig und damit indirekt für unproblematisch erklärt. Beim Blick in die verschiedenen Auflagen des Österreichischen Wörterbuchs überkommt einen das kalte Grausen: not tun, not sein, (etw.) not haben (1990) > Not tun, Not sein, (etw.) Not haben (1997) > nottun, not sein, (etw.) Not haben (2006). Soll das wirklich der Weisheit letzter Schluß sein?

In der Tat, wo not sein ist, ist leid tun nicht mehr weit. Und auch neulich abend, gestern nacht und heute morgen drängen mit Macht zurück auf die Bühne. Man streiche den Zusatz „auf -s und -ens“ in § 56 (3), und schon sie sind wieder mit von der Partie.

Bei im allgemeinen, im einzelnen und im übrigen fällt die Prognose – zumindest auf kurze Sicht – weniger günstig aus, denn hier dürfte die Großschreibung der Intuition der meisten viel weniger stark zuwiderlaufen. Anders als bei heute Abend oder wie Leid es ihm tut schweigt in diesen Fällen auch das grammatische Gewissen. Daher nimmt sich die Kritik hier vergleichsweise subtil aus, und je subtiler die Kritik, um so schlechter standen bisher die Chancen auf Rehabilitierung herkömmlicher Schreibweisen. Wir dürfen die orthographische Dickfelligkeit vieler – ich behaupte: der meisten – unserer Mitmenschen nicht unterschätzen. Es muß schon ziemlich schlimm kommen, damit sich Widerstand regt. Reformer und Politiker haben ein sehr feines Gespür dafür bewiesen, was gerade noch geht. Und im Allgemeinen geht eben gerade noch. Das Argument vom Artikel als Indiz für den substantivischen Charakter des zweiten Teils der Fügung erscheint vielen plausibel. Das Gegenargument, der Artikel lasse sich gar nicht sinnvoll auflösen (*in dem Allgemeinen), so daß das Allgemeine hier nicht gemeint sein könne, kann leicht mit dem Hinweis auf Fügungen wie zur Not gekontert werden, bei denen eine Auflösung ebenfalls nicht möglich ist (*zu der Not) und bei denen die Fügung desgleichen durch ein bloßes Adverb ersetzt werden kann, z. B. notfalls.
Wenn man dann dagegenhält, Not sei nun mal, im Gegensatz zu allgemein, ein klassisches Substantiv, dessen Großschreibung man nicht besonders zu begründen brauche, ist man auf genau der Diskussionsebene angelangt, von der die Reformer uns alle gern herunterholen möchten. Tatsächlich haben die meisten Gesprächspartner spätestens in diesem Stadium der Unterhaltung keine Lust mehr, sich weiter anzustrengen. Ein letztes Aufbäumen vielleicht, etwa in Gestalt der Frage, was denn dann an der Schreibung Not sein so schlimm sei, und es ist vorbei mit dem Interesse an dem doch allzu komplizierten Thema.

Es gibt aber keinen Grund zur Resignation. Mehr als einmal ist in dieser Debatte der jeweils erreichte Zustand für endgültig gehalten oder erklärt worden. Über Nacht wird man nichts erreichen können. Es geht nur mit Geduld und Spucke.



Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 04.08.2006 um 15.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4698

Die ADAC-Motorwelt ist mir seit vielen Jahren als eine Zeitschrift bekannt, die besonders häufig hyperkorrekt und besonders oft fehlerhaft schreibt.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2006 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4697

Hier noch einmal das Zitat, das ich schon mehrmals verwendet habe, um die "motorwelt" (die auflagenstärkste Zeitschrift Deutschlands) zu charakterisieren:
»Ab dem 31.07.2005 ist die neue Rechtschreibung Pflicht und die bisherige Schreibweise nicht mehr zulässig. Insofern haben selbstverständlich weder wir als motorwelt noch irgendeine andere Institution die rechtliche oder faktische Möglichkeit diese Reform rückgängig machen.« (Brief vom 24.8.1999)


Kommentar von ADAC motorwelt, verfaßt am 04.08.2006 um 12.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4696

»Wir geben jetzt dem Duden recht

REGELWERK. Beim Lesen dieser motorwelt werden Sie auf Wörter stoßen, deren Schreibweise sich Ihnen seit der Rechtschreibreform anders eingeprägt hatte. Das liegt daran, dass jetzt auch die Reform der Reform abgeschlossen ist und ab August gelten soll. Vor allem bei der Zusammen- und Getrenntschreibung hat sich einiges geändert, aber auch bei der Groß- und Kleinschreibung und Zeichensetzung. In zahlreichen Fällen sind zwei Schreibungen zugelassen, sodass man sich für eine entscheiden muss. Mit eindeutigen Empfehlungen leistet hier der neue Duden Hilfestellung. Um in allen Publikationen eine einheitliche Linie einzuhalten, hat sich der ADAC entschlossen, künftig diesen Empfehlungen zu folgen – auch wenn sie manchmal unlogisch erscheinen sollten.

Ruth Goblirsch, Stellvertretende Chefredakteurin«

Quelle: ADAC motorwelt (Heft 8/2006), S. 3.


Kommentar von borella ;-), verfaßt am 29.07.2006 um 10.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4663

Die ÖBB sind weder eine Schule noch ein Amt.
Daher kann man schreiben wie man will!
Die Inanspruchnahme dieser Freiheit ist heute insgesamt sehr weit verbreitet ...


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 29.07.2006 um 09.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4662

Reich an Variationen

Speisenkarte im Schnellzug nach Wien – schön aufgemacht, aufwendig gedruckt, in allen Speisewagen der ÖBB ausliegend - Überschriften sind in großen Lettern gesetzt – keine Versalien:

„Süsse Speisen“
Im Text darunter mehrmals „süß“.

Weinkarte: „G’spritzter Weisser“
Erklärende Zeile gleich darunter: „Weißwein“. Dann wieder „Weissweine“.

Wann wird diese Art der Variantenschreibung in den Duden Eingang finden? Und was wird Duden farbig unterlegen?


Kommentar von Prof. Sauerbuch, verfaßt am 23.07.2006 um 16.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4557

Wenn sich der Duden nicht mehr an den Duden hält, so zeigen sich daran die krankhaften Züge der Rechtschreibreform. Es handelt sich um eine Art orthographischer Schwindsucht, die das Land seit ihrer Einführung heimsucht – wohlbemerkt eine Krankheit, die es vorher überhaupt nicht gab. Tückisch an der Orthographieschwindsucht ist, daß sie auch Auswirkungen auf den Geisteszustand hat, die Infizierten davon jedoch nichts bemerken. Auf absehbare Zeit gibt es leider keine Therapiemöglichkeit, da diejenigen, die die nötigen Gegenmittel hätten, die Krankheit ja selbst eingeschleppt haben und inzwischen nicht mehr mitbekommen, wie stark sie selbst betroffen sind (und wenn doch, dann erst recht zu ihrer Krankheit stehen).


Kommentar von Zeilon, verfaßt am 23.07.2006 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4556

»Der Duden empfiehlt die archaisierende Neuschreibung aufs Schönste, auf das Beste usw., und wieder lautet die Begründung: »Die Großschreibung erspart eine Unterscheidung zwischen ,ihre Wahl fiel auf das Beste aus dem Angebot' und ,sie hatte auf das Beste gewählt'.« Anders gesagt: man kann nicht mehr unterscheiden, was die Sprachgemeinschaft seit wenigstens 150 Jahren für unterscheidenswert hielt.«

Ist ja großartig, daß dem Leser künftig eine Unterscheidung »erspart« werden soll. Wir alle müssen sparen und warum nicht auch bei den sprachlichen Ausdrucks- und Unterscheidungsmöglichkeiten?!
Ersparen wir uns also zu fragen, ob wir vom Duden künftig Äpfel oder Birnen vorgesetzt bekommen – Hauptsache, unsere Pausbäckchen sind in permanenter Bewegung und schlucken den Sprachbrei, der durch die Planierung solcher Unterscheidungsmöglichkeiten entsteht, willfährig herunter.
Aber ohne mich! Ich bin nicht gewillt, diesen Matsch zu schlucken und statt mit dem Skalpell nur noch mit dem Vorschlaghammer oder einer Neandertalerkeule zu operieren. Ich bleibe bei der alten Rechtschreibung, und zwar nicht, weil sie ›älter‹, sondern weil sie besser und mit ihr mehr möglich ist.
Der neue Duden ist ein ökologischer Raubbau der besonderen Art: die Bäume, die für seine Drucklegung abgeholzt werden mußten, sind ›unehrenhaft‹ und sinnlos gestorben.


Kommentar von Börsenblatt, 21. 7. 2006, verfaßt am 22.07.2006 um 19.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4551

Folgen der revidierten Rechtschreibreform

Nachdem der Erlanger Sprachwissenschaftler Theodor Ickler in der gestrigen Ausgabe der "FAZ" das neue Wörterbuch des Wahrig-Verlags besprochen hat, prüft er heute den Duden, der am morgigen Samstag erscheint. Fazit: "Im direkten vergleich von Wahrig und Duden zeigt sich, daß die beiden wichtigsten Wörterbücher eklatant voneinander abweichen."

"Vollends absurd ist die Behandlung der Zusammensetzungen mit halb. Hier gibt der Duden zusammengeschriebenes halbautomatisch (und siebzehn weitere Beispiele) mit Betonung auf der ersten Silbe und die getrennt geschriebene Wortgruppe halb automatisch mit der Betonung auf dem zweiten Teil an. Folglich sind es gar keine orthographischen Varianten, sondern ganz verschiedene Ausdrücke, und die zusätzlich ausgesprochene Empfehlung, stets die Getrenntschreibung zu wählen, geht ins Leere. Der neue Wahrig stellt die Sache richtig dar, und noch im Duden von 2004 war sie korrekt im Sinne der Reform geregelt. Ebenso wären auch die Einträge unter hoch zu korrigieren: Das empfohlene hoch kompliziert mit Betonung auf der letzten Silbe ist keine Schreibvariante von hochkompliziert mit Betonung auf der ersten. Hier kommt noch hinzu, daß bei intensivierender Bedeutung von hoch- eigentlich zusammengeschrieben werden müßte. Im Infokasten wird hochanständig als ‘Partizip’ bezeichnet."

(Link)


Kommentar von borella ;-(, verfaßt am 22.07.2006 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4549

»Die Grundregel, nach der zwei Verben getrennt geschrieben werden, ist so eindeutig und einfach, dass wir ihre Anwendung auch bei übertragenem Gebrauch empfehlen.«

Ist das so zu verstehen, daß, obwohl sinnrichtige Zusammenschreibungen jetzt wieder regelkonform sind, aus Formalgründen (und gegen den Sinn) immer Getrenntschreibung empfohlen wird?

Die Regel ist es also, worauf es ankommt und nicht der Sinn des Geschriebenen ...

Folgerichtig wäre, in Zukunft die Schreibkenntnisse von Schülern nicht mehr nach dem Sinn ihrer Schreibergüsse zu bewerten, sondern nach der Fähigkeit Dudenregeln fehlerfrei aufzusagen ...


Kommentar von Peter Müller, verfaßt am 22.07.2006 um 15.25 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4547

An anderer Stelle im 4. Bericht der Kommission:

„Die Kommission schließt nicht aus, daß in Zukunft auf manche Variantenschreibungen verzichtet werden kann. Das wird vor allem solche Varianten betreffen, die lediglich ein Zugeständnis an gespeicherte Schreibschemata der alten Rechtschreibung darstellen.“


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.07.2006 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4537

"Eine Änderung der Orthographie, die, von einer Übergangszeit abgesehen, darauf gerichtet sein sollte, in der Rechtschreibung große Bereiche der Variabilität zu etablieren, dürfte wenig erfolgversprechend sein." (Dieter Nerius in Nerius/Scharnhorst, Hg.: Theoretische Probleme der deutschen Orthographie. Berlin 1980, S. 50)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.07.2006 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4536

Aus dem 4. Bericht der Kommission: "Die Anführung der progressiven (integrierten) Variante an erster Stelle unterstreicht den Wunsch, dass diese Form sich durchsetzen möge, ohne eine ausdrückliche Verwendungsempfehlung auszusprechen."

Obwohl der neue Duden es nicht ausspricht, ist dies noch immer die geheime Maxime, die hinter der Anordnung der Stichwörter steht. Ein Fall von Manipulation.


Kommentar von Peter Müller, verfaßt am 22.07.2006 um 03.47 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4535

Mit einer gemeinsamen »Hausorthographie von der Stange« sollte den Verlagen und Agenturen die kostspielige Ausarbeitung einer eigenen Hausorthographie erspart werden.

Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen haben Anfang Juni zwei Entscheide bekanntgegeben: Erstens werden sie aufgrund des eindeutigen Ergebnisses ihrer Kundenbefragung bei Varianten überwiegend die klassischen Schreibweisen verwenden, und zweitens soll ihre Hausorthographie eine möglichst große Übereinstimmung mit den von den Wörterbuchverlagen vorgelegten Hausorthographien aufweisen und damit durch Korrekturprogramme „von der Stange“ unterstützt werden.

Die Empfehlungen des neuen Duden, also dessen Hausorthographie, zeigen nun, daß die beiden Entscheide zueinander im Widerspruch stehen. Der eine oder der andere ist folglich fallenzulassen.


Kommentar von Münchner Merkur, 22. 7. 2006, verfaßt am 22.07.2006 um 01.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4534

Schwarz-rot-gelbes Durcheinander
Von Wilhelm Christbaum

München - Das also ist das - vorläufige - Ergebnis des jahrelangen hartnäckigen Versuchs, die deutsche Rechtschreibung zu reformieren. Der "Duden 2006" liegt vor: Die amtlichen Regeln und Beispiele, nach denen Kinder in der Schule schreiben lernen, nach denen sie geprüft werden und deretwegen sie möglicherweise durchfallen. Nach dem erbitterten Streit zwischen Reformern und Gegnern soll endlich Frieden werden, alle sollen zu einer einheitlichen Orthographie finden.

Der Band dokumentiert mit deprimierender Wucht, wozu deutsche Politiker, Ministerialbeamte und weltfremde Fachwissenschaftler fähig sind, wenn man sie nur gewähren lässt. Der neue Duden ist farbig. Rote Farbe kennzeichnet die Änderungen gegenüber den Normen vor 1996. Gelten alte und neue Formen nebeneinander, gibt die Duden-Redaktion oft durch gelbe Unterlegung eine Empfehlung, die auf der Hausorthographie des Verlags beruht.

Etliche Verhunzungen wurden korrigiert

Daraus erkennt man schon: Der Rechtschreibrat, der die Auswüchse der Reform ausmerzen und allgemein anerkannte Schreibweisen durchsetzen sollte, hat einen sprachlichen Steinbruch hinterlassen. Die Bereitschaft, den Empfehlungen zu folgen, dürfte schon des ständig notwendigen Nachschlagens wegen denkbar gering sein.

Zugegeben, etliche besonders ärgerliche Sprachverhunzungen der Reformer wurden korrigiert. Vor allem in der Getrennt- und Zusammenschreibung. So hieß es noch im Duden 2004: "Man schreibt ,auseinander’ immer getrennt vom folgenden Verb." Daraus ergab sich die Form "sich mit jemandem auseinander setzen". Als würde der Lehrer zwei geschwätzige Schüler räumlich auseinander setzen.

Die Forderung der Reformer, bisher zusammengeschriebene Wörter zu trennen, führte in der Schriftsprache zu abenteuerlichen Verballhornungen. Im Duden 2006, allen sei's verkündet, steht jetzt: "Man schreibt ,auseinander’ mit dem folgenden Verb in der Regel zusammen, wenn es den gemeinsamen Hauptakzent trägt." Für alle, die ohne Akzent denken, werden als Beispiele angeführt: auseinanderbrechen, auseinandersetzen.

Hier kann es nicht um eine wissenschaftliche Analyse des faulen Reformkompromisses gehen. Ebensowenig um eine erneute Abhandlung der politischen Stümperei im Umgang mit dem Volksgut Sprache und Schrift. Einzelne Beispiele sagen genug.

Erfreulicherweise gibt es etliche Klarstellungen. Es heißt wieder eindeutig "schwerfallen" (Mühe machen) im Gegensatz zu schwer (auf den Kopf) fallen. Und wenn es sich um einen Ausdruck mit übertragener Bedeutung handelt, ändert sich die Schreibweise. Etwa ein "hoch fliegender" Segler, aber "hochfliegende" Pläne.

Gut, denkt man. Aber dann findet man zahllose Beispiele, in denen sich der Rechtschreibrat offenbar nicht einigte und zur Gesichtswahrung der Reformer einfach beide Varianten anerkannte. Etwa "sitzenbleiben" und "sitzen bleiben" für: eine Klasse wiederholen. Unsinnigerweise empfiehlt der Duden auch noch die getrennte Version (die man eigentlich verwendet, wenn einer auf dem Stuhl "sitzen bleiben" darf).

Es wäre vergeudete Zeit, in der reformierten Reform Systematik zu suchen. Eigentlich wollten die Urheber entgegen dem Trend zur Zusammenschreibung, der auch auf Sprechgewohnheit beruht, wieder mehr auf Getrenntschreibung setzen. So machten sie aus "hierzulande" ein langatmiges "hier zu Lande", wie man es bei "zu Wasser und zu Lande" benutzt. Aber absonderlicherweise wurde, haarsträubend, aus "zu Lasten" (des Angeklagten) ein "zulasten", das man eigentlich sprechen würde wie "zuschütten". Andererseits wurde aus "zugunsten" ein "zu Gunsten". Immerhin bleibt es dem Schreiber überlassen, welche Variante er wählt. Der eine so, der andere anders. Das erschwert natürlich das Lesen von Büchern und Zeitungen, weil sich kein gewohntes Schriftbild einstellt.

Die Reformer trampelten wie eine Herde Elefanten durch den Porzellanladen von in Jahrzehnten gewachsenen Schreibregeln und -gewohnheiten. In dem daraus folgenden Streit sind die erworbenen Sprachgefühle verlorengegangen. Da wundert einen nicht mehr, dass für "zur Zeit" künftig das verstümmelte "zurzeit" verwendet werden soll, obwohl man im Deutschen doch dabei die erste Silbe betonen würde (wie bei derzeit). "Zur Zeit" gibt es nur noch im Sinne von "zur Zeit Karls des Großen".

Leider ließ sich die Duden-Redaktion von der allgemeinen Verunsicherung anstecken. So empfiehlt sie anstatt "zu Rate ziehen" die Variante "zurate ziehen". Sprachfluss und Rhythmus? Fehlanzeige!
Immerhin hat der Rechtschreibrat das unsägliche "Leid tun" der Reformer zu "leidtun" verändert. Richtig war traditionell "leid tun". Und, man glaubt es kaum, die "Experten" haben tatsächlich die Ein-Silben-Trennung wieder abgeschafft. E-sel und Sitze-cke sind falsch. Auch im Reformer-Deutsch.

Man mache sich nichts vor. Viele, die beruflich Texte verfassen, halten die neuen orthographischen Varianten, auch wenn es sich um Verfälschungen handelt, für schick und modern. Da laut Standardwerk Duden sowohl "den Pudding kalt stellen" als auch "kaltstellen" richtig ist, obwohl "kaltstellen" doch einflusslos machen bedeutet, ist es hoffnungslos, auf solchem Niveau über Sinn und Inhalt von Sprache zu diskutieren.


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 22.07.2006 um 00.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4533

Zum SZ-Interview:

Die Reform beim "ß" war zum Beispiel sehr hilfreich, dadurch fallen Fehler weg.

Wie kommt es, daß in Zeitungsinterviews immer Lehrer zu Wort kommen, die diese Meinung äußern? In meinem Umfeld verfluchen inzwischen selbst ehemalige Reformbefürworter in der Lehrerschaft diesen Teil der Reform heftigst und berichten übereinstimmend, daß gerade hier die Orthographie für die Schüler wesentlich schwieriger geworden sei, daß die Fehler sich auffällig häuften, und zwar vor allem durch reforminduzierte Übergeneralisierungen, und daß sich bei der s-Schreibung viel stärker als zuvor die "Spreu vom Weizen trenne". Dazu muß man freilich auch wissen, daß viele Lehrer wenig mehr als Pseudo-Heyse, ein bißchen Getrenntschreibung (-ig, -isch, -lich wird teilweise immer noch gelehrt!), Großschreibung und Kommaweglassen übernommen haben. Darunter nimmt die s-Schreibung, nach allem, was man hört, einen überproportional hohen Stellenwert ein.

Man gewinnt fast den Eindruck, daß in den Zeitungsredaktionen das Scheitern der Reform längst erkannt ist, man aber mit der Pseudo-Heyse-Schreibung wenigstens den Anschein von "Fortschrittlichkeit" bewahren möchte. Und das, obwohl es sich hierbei doch eher um ein typographisches Problem handelt.

Interessant sind übrigens auch Berichte, denenzufolge sich die Übergeneralisierungen auch auf andere Bereiche der Konsonantenschreibung ausgeweitet haben: vorraus (dies vor allem), herraus oder Berreich, während Kehrricht auch schon vor der Reform eine große Fehlerquelle gewesen sein dürfte. Eine Folge des Einübens von "Zierrat"?


Kommentar von F.A.Z., 22. 7. 2006, S. 1 f., verfaßt am 22.07.2006 um 00.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4532

Zahlreiche Widersprüche
Der neue Duden unterläuft vielfach die Beschlüsse des Rechtschreibrates/Von Heike Schmoll

MANNHEIM, 21. Juli. An diesem Samstag wird die 24. Auflage des Rechtschreibdudens vorgestellt. Während der Duden bis zur Rechtschreibreform Sprachentwicklung beobachtet und in seinen Nachschlagewerken nachvollzogen hat, werden in dieser Auflage zum ersten Mal klare Empfehlungen gegeben. Der Leiter der Duden-Redaktion, Matthias Wermke, ist der Überzeugung, damit einen "wichtigen Beitrag zur Vereinheitlichung der neuen Rechtschreibung zu leisten". Die sogenannten Empfehlungen, die vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung häufig nicht den Beschlüssen des Rates für deutsche Rechtschreibung folgen, sind gelb unterlegt und als solche erkennbar. Zu Recht stellt Wermke im Gespräch mit dieser Zeitung fest, daß es noch nie so viele Varianten gab.

"Wir wollen diese Varianten nicht so stehenlassen", begründet er die 3000 Empfehlungen des Duden und verweist darauf, daß der Rat kein Regelwerk beschlossen habe. Doch damit ist eine sprachbeobachtende Rolle des Rechtschreibrates ausgeschlossen. Er sollte ursprünglich nachvollziehen, was sich im Schreibgebrauch der kommenden Jahre unter den Schreibern durchsetzt. Nun hat die Duden-Redaktion versucht, das Ergebnis im voraus festzulegen. Offenkundig geht es darum, die Absichten der Reformer doch noch durchzusetzen.

Wer die Beschlüsse des Rates für deutsche Rechtschreibung kennt, wird leicht feststellen, daß sich der Duden in der Mehrzahl aller Fälle wenig darum kümmert, obwohl Redaktionsleiter Wermke im Rat mitgearbeitet hat. Wer sich die Duden-Orthographie zu eigen macht, muß wissen, daß er sich damit nicht auf der Grundlage der Beschlüsse des Rechtschreibrates bewegt. Denn der Rat hat es immer als wichtigsten Erfolg seiner Arbeit betrachtet, eine Vielzahl durchtrennter Wörter wieder zusammengefügt zu haben (bekanntmachen, halbtot). Dazu zählt auch die häufig genannte Unterscheidung zwischen "sitzenbleiben" in der Schule und auf dem Stuhl "sitzen bleiben". Das sei eine Privatmeinung des Vorsitzenden, sie entspreche nicht dem Rechtschreibrat, war bei der Duden-Redaktion zu hören. Zehetmair sagte dazu, wenn der Duden so argumentiere, weiche er nicht nur vom Rechtschreibrat ab, sondern schreibe auch falsch. Der Duden empfiehlt etwa bei der Getrennt- und Zusammenschreibung von Verben immer die Getrenntschreibung. "Die Grundregel, nach der zwei Verben getrennt geschrieben werden, ist so eindeutig und einfach, dass wir ihre Anwendung auch bei übertragenem Gebrauch empfehlen." Diese von der Duden-Redaktion offenbar in der Annahme formulierte Regel, daß einfache Regeln das Erlernen der Orthographie erleichterten, hat erhebliche Auswirkungen auf die Wörterliste. Beispiele dafür sind "hängen bleiben", "sitzen bleiben", "kleben bleiben", "laufen lassen", "spazieren gehen", "springen lassen", "verloren geben", "wissen lassen".

Dasselbe gilt aber auch für die Verbindung von Adjektiv und Verb, bei der die Getrenntschreibung fast durchgehend empfohlen wird. Allerdings wird diese selbst im Duden nicht immer konsequent durchgehalten: "frei machen" steht neben "freikratzen", "nichtssagend" neben "nichts ahnend", "Leben spendend" neben "todbringend", "wohlriechend" neben "übel riechend". Während "alleinerziehend" zusammengeschrieben werden soll, will die Duden-Redaktion "allein selig machend" getrennt schreiben, während "allgemeinbildend" ebenfalls in einem Wort empfohlen wird, soll "allgemein verständlich" in zwei Worten geschrieben werden. Im neuen Duden finden sich viele Widersprüche.

Offenbar haben weder der Vorsitzende des Rechtschreibrates, Zehetmair, noch andere Ratsmitglieder von den Entscheidungen der Duden-Redaktion gewußt. Kritik am neuen Duden äußerte etwa ein österreichisches Ratsmitglied, das den Rechtschreibrat aufforderte, öffentlich zu erklären, daß er seine Absichten im Duden nicht wiedergegeben sehe. Jedenfalls trifft Zehetmairs Zusage an Zeitungen und Verlage, es werde eine Art "Hausorthographie von der Stange" geben, nicht zu, wenn es darum geht, die Beschlüsse des Rates zu verwirklichen. Ob sich die Duden-Empfehlungen gegen die unvollständigen Reparaturversuche des Rates durchsetzen, hängt entscheidend davon ab, welche Orthographie Eingang in die automatischen Schreibhilfen, in Korrekturprogramme findet. Der Springer-Verlag, der schon zum 1. August umstellt, und die "Süddeutsche Zeitung" werden nicht den Beschlüssen des Rates, sondern den Vorschlägen der Duden-Redaktion folgen und damit reformhöriger schreiben denn je.

Die Beschlüsse des Rates jedoch sind laut Beschluß der Kultusminister vom 2. März dieses Jahres vom 1. August an verbindliche Grundlage des Unterrichts an den Schulen. Das gültige Wörterverzeichnis sei im Internet zugänglich, hieß es damals bei der Kultusministerkonferenz (KMK). Bis zum 31. Juli 2007 werden Schreibweisen, die durch die Neuregelung (Arbeit des Rechtschreibrates) überholt sind, nicht als Fehler markiert und bewertet. "In Zweifelsfällen werden Wörterbücher zugrunde gelegt", heißt es dazu im Beschluß der KMK. Doch die Auswahl des in den Schulen benutzten Wörterbuchs wird zu einem Politikum. Denn mit der Wahl des Wörterbuchs ist die Entscheidung für eine eher am Rechtschreibrat angelehnte Schreibweise (Wahrig) oder eine dem Willen der Rechtschreibreformer folgende Orthographie (Duden) verbunden.

Vor allem die Deutschlehrer sind nicht zu beneiden. Weder im neuen Duden noch im Wahrig werden sie die 1996 eingeführten und dann - teilweise klammheimlich in neuen Auflagen - korrigierten und bis 2004 geltenden Schreibweisen finden. Sie wurden in den Schulen zehn Jahre lang gelehrt. Diese Episode der Rechtschreibgeschichte wird ebenso totgeschwiegen wie die Entlassung der Zwischenstaatlichen Kommission. Die Lehrer sind deshalb darauf angewiesen, vorhergehende Wörterbücher (Duden in 23. Auflage oder Vorgänger des Wahrig) zu konsultieren, um in der Übergangsfrist zutreffend zu korrigieren.

Noch nie war der Variantenreichtum in der deutschen Rechtschreibung so groß wie nach der Reform der Reform, die daran krankt, daß der Rechtschreibrat seine Arbeit nicht abschließen konnte und etwa das wichtige Kapitel der "Laut-Buchstaben-Zuordnung" nicht abhandelte. Für Rechtschreibanfänger und Ausländer, die sich tatsächlich dazu entschlossen haben, Deutsch zu lernen, bergen die Varianten kaum lösbare Schwierigkeiten. Denn die Beherrschung der Rechtschreibung gründete schon immer auf Analogiebildung. Dieses Prinzip versagt völlig, zumal niemand mehr weiß, welche Rechtschreibung nun gilt. Die des Rates, die des Duden, die des Wahrig?

Das Rechtschreibwörterbuch "Wahrig" bildet die von den Kultusministern verordnete Schulorthographie und damit auch die Beschlüsse des Rechtschreibrates zuverlässiger ab als der Duden. Bei der Frage, wie zusammengesetzte Verben geschrieben werden, entscheidet sich die Redaktion des Wahrig eher für die Zusammenschreibung als für zwei Worte, das gilt übrigens für zweihundert Fälle, die selbst vor der Reform nicht in einem Wort geschrieben wurden (spielenlassen, platzenlassen, setzenlassen, steigenlassen, vermissenlassen). Aber auch der Wahrig kann die halbherzigen Schritte des Rates nicht besser machen, als sie sind. Jetzt rächt sich, daß der Rat sich nicht auf Empfehlungen einigen konnte und von der KMK unter Zeitdruck gesetzt wurde. Die Auslegung der Beispiele war den Wörterbuchredaktionen überlassen. Abweichungen waren deshalb unausweichlich. Die Arbeit des Rates ist auf Wunsch der Kultusminister nur unterbrochen worden, von einem Abschluß kann keine Rede sein, vielmehr hat der Vorsitzende wiederholt angekündigt, der Rat werde sich weiter mit strittigen Bereichen befassen. Im September findet die nächste Ratssitzung in München statt.


Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 21.07.2006 um 16.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4528

jms: Die ausführlichen Veröffentlichungen lassen den Schluß zu, daß sich die FAZ nicht auf den faulen Kompromiß einlassen wird.

Das wäre zu hoffen. Die „aktuelle“ Rechtschreibung, wie sie sich in den neuesten Auflagen von Duden und Wahrig manifestiert, ist nicht praxistauglich. Sie enthält noch zu viele Unsinnig- und Unstimmigkeiten. Ob daran aus Überzeugung oder aus Prinzipienreiterei festhalten wird, muß der FAZ egal sein. Wenn sie jetzt diesen unbefriedigenden Standard übernimmt, begibt sie sich der Möglichkeit, die Entwicklung weiter in ihrem Sinne zu beeinflussen. Vielleicht ist man des Themas in Frankfurt überdrüssig, das wäre zu verstehen. Doch nachdem nun bekannt ist, welche Ergebnisse die Auslegung der jüngsten amtlichen Norm durch die Redaktionen in Mannheim und Gütersloh gezeitigt hat, ist es doch mit Händen zu greifen: dieses Regelwerk hat keinen Bestand. Die Aussichten, es Schritt für Schritt von den verbliebenen Mängeln zu befreien, sind um so besser, je länger sich die Verantwortlichen bei der FAZ in Geduld üben und sich von denen, die dazu am wenigsten berufen sind, kein schlechtes Gewissen einreden lassen. Wenn die Herausgeber schlau sind, kündigen sie eine Übergangsfrist an (andere haben das ja auch gekonnt). In dieser Zeit könnte man die Entwicklung weiter beobachten – spätere Übernahme oder weitgehende Übernahme der dann hoffentlich deutlich verbesserten Norm nicht ausgeschlossen. Das mag zwar etwas divenhaft wirken, aber im Kampf gegen die sich ausbreitende Schlußstrichmentalität ist die Bedeutung eines solchen Signals nicht zu unterschätzen.


Kommentar von jetzt.de, 20. 7. 2006, verfaßt am 21.07.2006 um 15.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4526

"Auch wir sind unsicher" - Lehrer setzt auf Gelassenheit und Hilfe per Internet

Deutschlehrer Berthold Metz hilft seinen Kollegen mit einer Internetseite www.lehrerfreund.de über die Klippen der neuen Rechtschreibung. Der 35-jährige Pädagoge aus Freiburg ist froh, dass nach den hitzigen Debatten über die Reform wieder Ruhe in den Schulen einkehrt.

SZ: Wie schreiben Sie "kahl fressen" - zusammen oder getrennt?
Berthold Metz: Zusammen.

SZ: Und Saxofon?
Metz: Saxophon.

SZ: Ihre Versionen sind erlaubt, der neue Duden empfiehlt aber - gelb markiert - die andere Schreibweise. Was werden Sie Ihren Schülern raten?
Metz: Sind die Vorschläge des Duden nicht erst ab 1. August gültig? Jetzt ernsthaft: Ich finde die Idee gut, solche Empfehlungen zu geben. Das wird hoffentlich zu einer größeren Einheitlichkeit in den Schreibweisen führen. Bei einigen Wörtern werde ich mich aber erst daran gewöhnen müssen.

SZ: Sollen sich Ihre Schüler nach den Empfehlungen richten?
Metz: Ja, im Interesse der Einheitlichkeit würde ich dazu raten. Aber wenn es zwei erlaubte Varianten gibt, ist es kein Drama, wenn Schüler das Wort unterschiedlich schreiben. Als Lehrer muss man da gelassen reagieren. Wir müssen ja jetzt alle öfter einmal nachschlagen. Entscheidend sind ohnehin nicht die gern zitierten Sonderfälle, sondern die Grundregeln zur Rechtschreibung, mit denen sich schon viele Schüler schwer tun.

SZ: Wie ist die Stimmung an den Schulen, ist die Rechtschreibreform noch ein Thema?
Metz: Immer weniger. Die Streiterei findet nun allmählich wirklich ein Ende, glücklicherweise.

SZ: Wenn Lehrer auf Ihrer Internetseite diskutieren, zeigt sich aber immer wieder eine Verwirrung, welche Schreibweise nun richtig ist.
Metz: Es gibt schon noch Unsicherheiten, bei Schülern wie Lehrern. Im Alltag begegnen uns ja ganz unterschiedliche Schreibweisen. Deshalb finde ich es gut, wenn die Verlage zu einer gemeinsamen Linie finden. Viele Jüngere lesen allerdings auch viel im Internet; da gibt es ein großes Durcheinander und auch viele Fehler, die mit der Rechtschreibreform nichts zu tun haben.

SZ: Die Schüler machen heute mehr Fehler als früher, sagen Forscher.
Metz: Ja, aber das ist nicht direkte Folge der Rechtschreibreform. Die Reform beim "ß" war zum Beispiel sehr hilfreich, dadurch fallen Fehler weg. Die Schüler haben heute Probleme mit der Groß- und Kleinschreibung. Das hängt sicher mit der neuen Medienkultur zusammen. Denken Sie an Handy-Nachrichten und E-Mails, bei denen viele Jugendliche alle Wörter klein schreiben.

SZ: Der Duden hat eine Reihe neuer Begriffe aufgenommen. Zum Beispiel "Pisa-Schock".
Metz: Nun, die Sprache wandelt sich, es gibt laufend neue Wörter. "Pisa-Schock" ist so ein Wort - wir können es nicht ignorieren.

Interview: Tanjev Schultz


(jetzt.de, 20. Juli 2006)


Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.07.2006 um 13.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4525

Wir werden uns an den freien Wettbewerb auch beim Wörterbuchprodukt "Rechtschreibung" gewöhnen müssen: Jeder Wörterbuch-Herausgeber versucht, sein Produkt "Rechtschreibung" als das einzig richtige am Markt durchzusetzen. Der Anwender hat die freie Auswahl, das muß ihm nur bewußtgemacht werden. Die Schweizer sollten bei ihrer beschlossenen "Schweizer Qualitätsrechtschreibung" schreiben, wir Deutsche haben ja noch das "ß" als eigenes Merkmal.


Kommentar von jms, verfaßt am 21.07.2006 um 13.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4524

Die ausführlichen Veröffentlichungen lassen den Schluß zu, daß sich die FAZ nicht auf den faulen Kompromiß einlassen wird. Allen, die gedacht haben, jetzt wäre Ruhe an der Rechtschreibfront, dürfte klar sein, daß dem nicht so ist. Zwei uneinheitliche und sich widersprechende Rechtschreibwörterbücher, die behaupten, nun sei die Reform endgültig, führen selbst das gesamte Unterfangen ad absurdum. Eigentlich müßten sich die Verantwortlichen schämen, aber gemeinsam mit der schnarchenden Restpresse wird man weiterhin so tun, als sei alles in Ordnung. Fassungslos verfolgt man die Realsatire.


Kommentar von F.A.Z., 21. 7. 2006, Seite 1, verfaßt am 21.07.2006 um 13.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4522

Neue Wörterbücher sind für die Schule nicht geeignet

igl. Frankfurt, 20. Juli. Die beiden wichtigsten deutschen Wörterbücher, die den aktuellen Stand der deutschen Rechtschreibung dokumentieren, sind für die Schule ungeeignet. Wenn die revidierte Rechtschreibreform am 1. August in Kraft tritt, steht Lehrern und Schülern kein zuverlässiges Nachschlagewerk zur Verfügung. Zu diesem Ergebnis kommt der Erlanger Sprachwissenschaftler Theodor Ickler, der den neuen Duden und Wahrigs neues Wörterbuch einer gründlichen Prüfung unterzogen hat. Beide Wörterbücher weichen in zahlreichen Fällen deutlich von einander ab. Die von den Kultusministern versprochene Einheitlichkeit der Rechtschreibung ist somit noch immer in weiter Ferne. Erstmals in seiner Geschichte spricht der Duden in Zweifelsfällen Empfehlungen aus. Es sind nicht weniger als dreitausend. Viele dieser Empfehlungen laufen den Beschlüssen des Rates für Rechtschreibung zuwider, wie Ickler feststellt: "Der Rat scheint vergeblich gearbeitet zu haben." (Siehe Feuilleton.)



Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 21.07.2006 um 11.56 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=492#4521

In keinem Stadium dieser Rechtschreibreform hat es jemals ein verläßliches Wörterbuch gegeben - von den reformierten Erstauflagen aus Mannheim und Gütersloh an bis heute. Die zweiten Auflagen waren konsistenter als die ersten, aber eben konsistent falsch. Die aktuellen Ausgaben von Wahrig und Duden liegen offenbar weiter voneinander entfernt denn je.
Noch hätte der Springer-Konzern die Gelegenheit, seine Entscheidung, einfach mal lieb Kind spielen zu wollen, zu revidieren. Es wäre dringend geboten.
Wenn die FAZ nach der Veröffentlichung dieser zwei Ickler-Aufsätze zum zweiten Mal die Fehlentscheidung träfe, diese Chose mitzumachen, würde sie ihren eigenen Anspruch aufgeben und ihre Leser verprellen.



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