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02.06.2006
 

Immer die herkömmliche Variante
Ergebnisse der Schweizerischen Orthographischen Konferenz

Führende Schweizer Verlage haben sich auf eine gemeinsame Verfahrensweise in Rechtschreibfragen verständigt.

Die gestern auf Einladung des SKD und der Jean Frey AG erstmals abgehaltene Orthographische Konferenz hat zunächst die Devise ausgegeben, bei der Wahl zwischen zwei Varianten für die herkömmliche zu optieren, berichtet die SDA.



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Kommentare zu »Immer die herkömmliche Variante«
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Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 06.06.2006 um 18.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4176

http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4157
Zur Journalistenkritik charakterloser Kritiker:
"Wer heute öffentlich schreibt und dabei die zehn Jahre lang verlachten Primitivschreibungen aus Gerhard Augsts Wortfamilienwörterbuch benutzt, handelt geradezu charakterlos." Jochems (#4147)
"... die Germanisten und Journalisten, Studierte, Leute vom Fach also, die da bei dieser Sache nicht mitdenken, die sind ebenfalls schuld." (#4155)

Lieber Freund Ballistol, Ihre Kritik an den Kritikern der Germanisten und Journalisten ist berechtigt. Und Sie heben mit Recht hervor: "Wir alle arbeiten fürs Brot und nicht für den Ehrenhain." Ich selbst hatte gedacht, mit dem Relativsatz "die bei dieser Sache nicht mitdenken" (und gemeint ist natürlich "sachgerecht mitdenken"), genau die Gruppe guter Journalisten aus der großen der Mitmacher jeder Mode auszusondern. Ebenso habe ich in der Diskussion unseres Themas leider erfahren müssen, zu welchem Grade unsere Schullehrer abhängig sind von "amtlichen" Entscheidungen, auch wo's offensichtlich ist, daß die Entscheider keine Ahnung von der Wissenschaft haben, der die Lehrer doch hoffentlich auch verpflichtet sind. (Hier wird mir immer noch immer mehr verständlich, wieso eine "Bewegung" wie die der Nazis ein ganzes Volk erfassen konnte! — Im SZ-Forum wurden einige Beispiele zu den offenen Drohungen an Lehrer durch unsere Kultusministerien und deren Handlanger angesprochen.) Auch hier verstehe ich, daß wir alle fürs Brot arbeiten. Aber ich bin sehr böse, und da natürlich vor allem auf die Entscheider, die ihrem Schwur entsprechend eigentlich nur dem Volke nützende Entscheidungen treffen müssen (also Ministerpräsidenten, die die Kultusminister ernennen; Ernannte, die das Amt doch hoffentlich nur annehmen, wenn sie auch fähig sind, es sachgerecht zu verwalten, und die dann eben sachgerecht arbeiten und nicht parteigerecht oder selbstgerecht damit Schindluder treiben).
Auch Prof. Jochems' "geradezu charakterlos" ist cum grano salis zu lesen. Auch er schreibt mit Hilfe seines Subjektsatzes so, daß jemand wie Sie in Ihrem Fall sich nicht angegriffen oder gar beleidigt fühlen sollte. Er meint sicher nicht die Journalisten, die hier zwar sachgerecht mitdenken, deren Texte aber von Vor-Gesetzten bedenkenlos verändert werden. Sein "geradezu charakterlos" ist akzeptabler Sprachgebrauch in einer Seminarsitzung zu unserem Thema; und Lernende sollten ihn zu hören bekommen, — hier geht es um Fragen des Charakters nicht nur am Rande! Und richtig angegriffen werden von ihm zu Recht "die zehn Jahre lang verlachten Primitivschreibungen aus Gerhard Augsts Wortfamilienwörterbuch", — und das ist schon sehr deutliche Sprache für einen Mann seines Stils. Da ist wahrlich keinste kollegiale Verbeugung jedwelcher Art auch immer festzustellen, — um's mal ganz einfach zu sagen.
Noch zu meinem "Na und? fragen diese Charakterlosen geradezu": Ich meine die, die einer Diskussion eines offensichtlichen Problems der Öffentlichkeit dadurch aus dem Wege gehen, daß sie einem direkt ins Gesicht schauen, weil sie wissen, daß sie von Vorgesetzten gedeckt werden, nicht, weil sie etwas vom Problem verstehen. Die sind nicht mal Funktionäre.
Aber greifen wir mal charakterfest Herrn Schichtl unter die Arme (http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=470#4114), und schreiben auch wir Briefe in seiner Sache an den Bundespräsidenten.



Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 06.06.2006 um 09.31 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4158

Apropos „freischreiben“

Ich denke, daß es einen Unterschied gibt zwischen den Begriffen (einen Text) „frei schreiben“ und (sich) „freischreiben“. Das eine ist eine Zustandsbeschreibung; das andere ein Vorgang. Das eine geschieht reell ohne jegliche Hilfe von etwas; das andere dient der Selbstverwirklichung in fortdauernder Reibung an etwas ...

Jenes widerständige Etwas kann man spezifizieren als „Staatsraison“.
Wenn sich heutzutage ein der deutschen Sprache kundiger Mensch freischreiben will, dann muß er sich nämlich hauptsächlich mit dieser Staatsraison auseinandersetzen, die es ihrerseits darauf anlegt, daß die Menschen so schreiben, wie sie selbst es vorgibt.

Durchleuchtet man den Charakter eines „Freischreibers“, dann ist zunächst festzustellen, daß dieser Mensch seine eigene Vernunft über die Raison des Staates erhebt, und dies zeugt schon im Anfangsstadium des Kampfes von gewaltiger Selbstsicherheit, wenn nicht gar von Arroganz. Sollte letzteres zutreffen, dann erweist sich selbiger Freischreiber allerdings schon deshalb als unvernünftig, weil er es mit der Übervernunft aufnimmt, wobei es dann keineswegs wünschenswert wäre, daß die Unvernunft über die Vernunft siegt.

Andererseits stellt der selbstsichere Freischreiber sehr wohl fest, daß die Unvernunft gerade in Sachen Rechtschreibung schon mehrmals über die Vernunft triumphiert hat. Eingedenk der Worte der Reform-Missionars Zehetmeir („Wir hätten die Rechtschreibreform nicht machen sollen!“) erhebt sich nämlich der Verdacht, daß die Neuschreibung etwas Unvernünftiges ist –
ein Verdacht, der sich bestätigt, wenn man all die zielorientierten unvernünftigen Handlungsweisen der staatlichen Raison zusammenlistet. Unvernunft kann aber schlechterdings die Vernunft nicht begründen.

Somit ist es absolut rechtens, die eigene Vernunft ins Spiel zu bringen, sich abzuwenden von der gestrengen Vorschrift neuer Wörterlisten und künftighin wieder frei zu schreiben.



Kommentar von Ballistol, verfaßt am 06.06.2006 um 09.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4157

Ich möchte hier auf zwei Punkte eingehen, die mich entweder als Dudenbenutzer oder als Journalist unmittelbar betreffen.

An der Universität, an der ich studiert habe, war und ist es üblich, abweichend von der Dudenregelung Straßennamen, die einen Personennamen beinhalten, aus ästhetischen Gründen nicht komplett durchzukoppeln, sondern den Bindestrich zwischen Vor- und Nachnamen wegzulassen. Das leuchtet mir bis heute ein, es hat auch etwas mit Respekt gegenüber der jeweiligen Person zu tun. Nichtsdestoweniger habe ich von meinem verehrten Professor im Hauptfach mehr als einmal gehört, daß man sich im Zweifelsfall nur an den Duden zu halten braucht.

Und dieser Kompromiß macht es eben aus: Der Duden bis einschließlich 1991 war sicher nicht perfekt, aber er war für alle brauchbar und bei Unsicherheiten ein anerkannter und sehr verläßlicher Bezugspunkt. Abgesehen davon haben sich ganze Redaktionsgenerationen damit auch unsagbar viel Mühe gegeben. Das muß auch einmal anerkannt werden, auch wenn diese Mühen gelegentlich zu weit gingen. Ja, wie auch sonst, wenn man es richtig machen will? Sollten die Mannheimer Quadratschädel etwa überall dazuschreiben, daß es eigentlich dem Benutzer überlassen bleibt? Das machen die Autoren von Führerscheinprüfungen doch auch nicht, und auch im Straßenverkehr gibt es immer wieder Ermessenssituationen, die nicht nur nach einem vorgegebenen Regelschema bewältigt werden können. Oder nehmen Sie die tägliche Praxis im Pflegedienst eines öffentlichen Krankenhauses: Da läuft praktisch gar nichts mehr so, wie es in der Krankenpflegeschule unterrichtet worden ist.

Der zweite Punkt betrifft die angebliche "Charakterlosigkeit" von Journalisten, die in neuer Rechtschreibung veröffentlichen. Von mir ist im Internet und in gedruckten Quellen jede Menge in Reformschreibung zu finden. Das liegt aber nicht daran, daß ich auch so schreibe. Vielmehr habe ich bis jetzt immer so geschrieben, wie ich es gelernt habe und wie es die große Mehrheit der Leser zu lesen wünscht. Eine kleine Branchenfachzeitschrift, die in der VVA erscheint, legte mal kurz Wert auf Reformschreibung, das habe ich dann auch mal gemacht und sehr schnell wieder gelassen.

Bitte bedenken Sie bei Ihrer Journalistenkritik, daß vor einem Journalisten noch ein Redakteur sitzt, und dann kommt gelegentlich noch ein Korrektorat (meist nur noch per EDV). Da wird alles kleingeschreddert, was ich in langen Stunden bedachtsam zusammengeschrieben habe. Wir alle arbeiten fürs Brot und nicht für den Ehrenhain. Sie ahnen nicht, was in manchen Redaktionen für Kompetenzen in Sachen Zeichensetzung zu finden sind. Oft sind Texte vorher einwandfrei und hinterher vollkommen fehlerhaft, und dann steht peinlicherweise mein Name darunter und nicht der des Verantwortlichen.

Wenn ich nun wegen jeder dieser Verunstaltungen einen Ritt auf Windmühlen reiten würde, dann würde ich sicher nicht mit Mitte Dreißig im eigenen Haus sitzen und meine Familie ernähren können. Und erreichen würde ich damit auch nichts. Wenn ich einen Beitrag abliefere und dafür gelegentlich auch sehr gutes Geld bekomme, dann muß ich auch respektieren, daß die Redaktion damit nach ihren eigenen Vorstellungen arbeiten können will. So einfach ist das. Und trotzdem biedert man sich nicht mit der Idiotenschreibung an, sondern bleibt unbeugsam und beharrt auf Normalorthographie, auch wenn der Herr Mario P. aus K. glaubt, die neue Rechtschreibung habe Gesetzesrang.

Es gibt auch Kunden, die Wert darauf legen, daß man mit einem unbeschädigten Sprachgefühl ausgerüstet ist.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 06.06.2006 um 01.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4155

Zur Frage nach einigem Heil:
Lieber Martin Gerdes, auch ich will mich mal im Stil der höflichen akademischen Auseinandersetzung bemühen. Wenn Prof. Jochems von "der gegenwärtigen heilsamen Krise" schreibt, dann meint er (nach allem, was ich von ihm in den Diskussionen hier gelesen habe), daß die aktuelle Rechtschreibwirrnis eben doch zu einiger Diskussion, ja, sogar zu einiger Diskussion in einiger Öffentlichkeit, ja, zu einiger solider Diskussion von Fragen zur Verschriftung des Deutschen geführt hat. Und diese Diskussion — wo sie denn ehrlich stattfindet — ist doch zu begrüßen. In der Germanistik, wie ich sie als Student kennengelernt habe, wurden solche Fragen doch nie diskutiert; der Duden schrieb vor, und wir schrieben das mit. Aber echte — wissenschaftliche — Einsicht zur Verschriftung, davon wurde uns doch nicht die Bohne vermittelt. Ich habe erst als einer der Herausgeber einer amerikanischen Deutschlehrerzeitschrift eingesehen, daß da mehr ist als der Duden zu wissen vorgab. Bei dieser Herausgeberarbeit und dem Nachdenken über die Probleme dabei bin zu einer, wie Ickler es hier nennt, "wohlverstandenen, also nicht immer dudenkonformen Schreibung" gekommen, die jedoch unerwarteterweise oft einfacher war als die nach Duden-"Regelung". An "der aktuellen Rechtschreibwirrnis", die auch Prof. Jochems nicht begrüßt, sind nicht nur die Kultusminister schuld (auch wenn ich ihnen als Demokrat den Hals umdrehen möchte, so daß sie endlich sehen, was auf der Tafel des Volkes steht), — die Germanisten und Journalisten, Studierte, Leute vom Fach also, die da bei dieser Sache nicht mitdenken, die sind ebenfalls schuld. Prof. Jochems sieht hierbei — auch das zeigt seine Bezeichnung "heilsam" — jedoch weit in die Zukunft: Weil wir jetzt real den Rechtschreibirrsinn par excellence haben, kann es ja gar nicht so weitergehen. Und das ist auch richtig. Wir finden uns also in eine Situation geworfen, in der wir gefordert sind, alles neu zu durchdenken. Und das ist auch richtig. Und unter den gegebenen Umständen wird sich nur durch geduldige und endlich gut begründete Diskussionen etwas zum besseren ändern. Und auch das ist richtig. Ungehalten bin ich nur, weil hier ohne jeden Grund, aber eben wegen vom Zaun gebrochener geschichtlicher Gegebenheiten ganze Generationen neuer Deutschschreibender einfach verpfuscht werden; denn es geht halt um weit mehr als ein paar wissenschaftlich nachweisbare Unebenheiten im alten Rechtschreibduden. Aber das ist Wasser den Fluß hinunter, hören wir immer wieder, auch von Prof. Jochems, — und ich will meiner Kinder wegen und wegen solches öffentlichen Schludrians böse nicht zugeben, daß das auch richtig ist.


Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 05.06.2006 um 21.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4154

| In dieser Gesprächsrunde geht es ja nicht
| um Rechtbehalten, sondern um den Weg aus der
| gegenwärtigen heilsamen Krise.

Aus der /heilsamen Krise/?

Herr Jochems, was halten Sie an der aktuellen Rechtschreibwirrnis für "heilsam"?


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 05.06.2006 um 19.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4153

Zur real existierenden Unmöglichkeit des Sich-Freischreibens:

"Trotzdem möchte ich Sie bitten, bei Aufträgen für den deutschen Markt nach den hier geltenden Regeln zu schreiben ..." (#4139)

"[In den] Erlanger Nachrichten[:] Sein Leserbrief wurde an die Reformschreibung angepaßt, ebenso mein Buchtitel: 'Die so genannte Rechtschreibreform'. Dagegen ist nichts zu machen, die Zeitungen tyrannisieren den mündigen Schreiber ohne jede Rücksicht." (#4150)

Dazu auch die offensichtlich politische Entscheidung der SZ, ihr Forum "Rechtschreibung - die deutscheste aller Dampfschif(f)fahrten" einfach nicht mehr weiter zu führen und derart also nicht mehr weiterzuführen. So ist da (nur ein Beispiel) ein Beitrag von mir seit dem "13/11/2005 10:06" maschinell angekündigt, aber eben noch nicht eingesetzt worden. Auf mehrere Anfragen dazu habe ich keine Antwort bekommen. Dabei war dieses SZ-Forum mal ein ganz lebhaftes Forum, mit dessen Qualität die SZ durchaus hätte zufrieden sein können, — wäre sie denn an einer Weiterführung der Diskussion dieses Kulturthemas interessiert.

Unser Kollege Jochems redet hoffnungsvoll, als ob's in diesem politischen Gerangle wie in einer idealen Universität zuginge. Seine Konjunktive sind beachtlich: "Jetzt käme es darauf an, den Rechtschreibsouverän wieder in seine Rechte einzusetzen", "Schriftsteller und Journalisten sollten den Mut haben, sich auf diesen Feldern von alten oder neuen Zwängen zu befreien." Doch die Verhältnisse, die sind nicht so. "Wer heute öffentlich schreibt und dabei die zehn Jahre lang verlachten Primitivschreibungen aus Gerhard Augsts Wortfamilienwörterbuch benutzt, handelt geradezu charakterlos." Na und? fragen diese Charakterlosen geradezu, – wenn sie überhaupt reagieren. — Aber ich bin auch mal mit Idealen in die Geisteswissenschaften gegangen, Ideale, die mich heute noch leiten. Genaue Beobachtung dessen, was ist, gehört jedoch auch dazu.

Zu "akademischer Streiterei", die da manchmal offiziell zum lächelnden Abtun jeder Kritik an der Rechtschreibreform angeführt wird: Wie Jochems und Ickler miteinenander umgehen, das ist eine akademische Auseinandersetzung, respektvoll, durchaus mit guten Begründungen, mit kollegialen Verbeugungen, — wobei allerdings von der Sache her doch sehr klar ist, wer näher am Objekt arbeitet. Daß auf genauer Forschung beruhende Einsicht jedoch nicht den geringsten Einfluß auf die hat, die sie verbreiten sollen, und zwingende Einsicht eben mit "akademischer Streiterei" abtun, das geht uns alle an. Aber leichter ist natürlich, wie in einem schweren Traum versinkend, das Gesicht auf die Brüstung zu legen und zu weinen, ohne es zu wissen.


Kommentar von borella, verfaßt am 05.06.2006 um 19.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4152

Entweder ist hier - ausschweifend formuliert - von einer Sache der Kategorie 2x2=4 die Rede, oder ist's ein Provokationsballon, um Reaktionen auszuloten, oder ist es gar ... ? Man darf gespannt sein ...


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 05.06.2006 um 18.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4151

Prof. Ickler bestätigt, was ich schon kritisch zum Wunschbild einer "demokratisch" entstehenden verbindlichen Rechtschreibung angemerkt habe. Die Reformbetreiber sind eine geschlossene, wenn auch nicht förmlich organisierte Truppe, eine geballte Macht. Dagegen sind die "mündigen" Verweigerer, Kritiker, Gegner im Grunde Einzelkämpfer, bestenfalls Partisanen. Sie können sich als Brüder im Geiste fühlen, was ihnen selbst wahrscheinlich guttut und sie bestärkt, für eine Außenwirkung aber ganz belanglos ist. Als Rechtschreibung gilt im öffentlichen Bewußtsein das, was die Leute in Zeitungen, Büchern usw. lesen. Dazu noch im Zweifelsfall, was im Wörterbuch steht. Wo bleibt da die Demokratie? Wegen dieses extremen Ungleichgewichtes ist es eine vergebliche Hoffnung, daß sich das Richtige auf die Dauer schon durchsetzen werde. Die so hochgepriesene Einheitlichkeit allerdings stellt sich ganz von selbst her. Wer sich damit zufriedengibt – bittesehr. Dann sollten wir aber auch sofort die Bude zumachen. — Für die anderen stellt sich die Frage nach der richtigen Strategie. Ohne mächtige, einflußreiche Verbündete geht es nicht. Diese gilt es zu suchen, zu gewinnen und zu pflegen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2006 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4150

Warum sollte man die Zusammenkunft der Schweizer Verlagsvertreter „mysteriös“ nennen? Sie war nicht öffentlich, aber das sind die meisten anderen Versammlungen auch nicht.

Daß „es vor 1996 keine andere Rechtschreibung als die des amtlichen Duden gab“, trifft nicht zu, sonst hätte ich mein Wörterbuch nicht zu machen brauchen.
Weder die eingedeutschte Schreibweise („Zentrum“) noch die Beseitigung des th in deutschen Wörtern waren amtliche Eingriffe, sondern es wurde nur eine längst angebahnte, vielerorts schon fast abgeschlossene Entwicklung mit amtlichem Segen versehen, bei der Fremdwortschreibung als allgemeine Absichtserklärung, den längst begonnenen Weg fortzusetzen.
Die überraschende Einführung der Heyseschen s-Schreibung war in keiner Weise angebahnt, und sie funktioniert auch nicht so besonders, Ubiquität hin oder her. „Wenn sich eine neue Zeit ihre eigene orthographische Physiognomie verpassen will, kann man sie nicht daran hindern.“ „Eine neue Zeit“? – Ein Dutzend Reformer! Es ist doch nicht so gewesen, daß die Gesellschaft unserer Zeit nach einer neuen orthographischen Physiognomie gerufen hätte.
Richtig ist, daß „Tollpatsch“ und „belämmert“ schon lange vorkamen, „schnäuzen“ kaum oder gar nicht. Das Ärgerliche sind die Willkür, die skurrile Begründung nach Augst – und die Obligatorik der reformierten Schreibweisen!

Herr Jochems übertreibt die Schwierigkeiten der herkömmlichen (wohlverstandenen, also nicht immer dudenkonformen) GKS und beschwört wie Zabel und Götze das Gespenst vom deutschen Sonderweg herauf. Was soll es denn bedeuten, daß wir „die Annäherung an die Gepflogenheiten anderer Kultursprachen“ verpaßt haben? Wäre für die deutsche Sprache ein Gewinn an Kultursprachlichkeit zu verbuchen, wenn wir die fortschrittliche Großschreibung aufgäben? Würde es der europäischen Einigung im geringsten nutzen?

Was die GZS betrifft, so bilde ich mir ein, eine ziemlich gute Lösung gefunden zu haben, und brauche sie hier nicht noch einmal vorzustellen. Sie ist einfach, wird dem Usus gerecht und überfordert gewiß niemanden. „Die naheliegende Lösung, alles zusammenzuschreiben, was sich durch die zentrierende Betonung als einheitliches Wort zu erkennen gibt, hat bei uns eben keine Chance.“ So naheliegend ist das nicht. Die Probleme sind hier in dem Begriff des „einheitlichen Wortes“ versteckt, da es unzählige Phraseologismen und sonstige Gruppen gibt, die man wohl kaum zusammenschreiben möchte („schlangestehen“, „stellungnehmen“, „gewaltantun“ usw.).
(Wie ist das mit der Menschenfreundlichkeit der englischen und französischen Schreibweise gemeint?)
Um Deutsch richtig zu schreiben, braucht man kein Regelwerk. Man braucht, wenn man anspruchsvollere Texte veröffentlichen will, ein Wörterbuch, genau wie im Englischen und Französischen – oder eine enorme Leseerfahrung, eben das „durch die Lektüre mustergültiger Texte geschulte Sprachgefühl“ (Jochems). Die Aufforderung, Sprachgefühl und Intuition Raum zu geben, ist also eigentlich die Aufforderung, mehr zu lesen ... (Ums Wörterbuch kommt man aber auch dann nicht herum, sobald für die Öffentlichkeit geschrieben werden soll.)

„Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache sollte sich vornehmen, mündige Schreiber des Deutschen mit allen Mitteln zu ermutigen, von der Möglichkeit orthographischer Selbstbestimmung Gebrauch zu machen.“ Das Problem ist, daß diese mündigen Schreiber keine Gruppe sind, die man ansprechen kann. Die FDS kann noch so oft auf ihre Netzseite setzen: „Schreiben Sie, wie Sie es für richtig halten!“ – Das ist völlig irrelevant. Wenn auf der anderen Seite die Schulen und die gesamte Presse sowie fast alle Verlage an einem Strang ziehen, dann ist besiegelt, was als Norm zu gelten hat, und der mündige Schreiber hat keine Chance mehr. Seine Texte werden nicht gedruckt, seine Bewerbungsschreiben sind von vornherein erledigt.
(Kürzlich lobte ein mir unbekannter Reformgegner mein Schildbürgerbüchlein in den Erlanger Nachrichten. Sein Leserbrief wurde an die Reformschreibung angepaßt, ebenso mein Buchtitel: "Die so genannte Rechtschreibreform". Dagegen ist nichts zu machen, die Zeitungen tyrannisieren den mündigen Schreiber ohne jede Rücksicht.)

Die Kritik habe sich bisher auf die Unzulänglichkeiten der Reform beschränkt? Das lese ich natürlich ungern, nachdem ich mir soviel Mühe gegeben habe, einen konstruktiven Beitrag zu leisten. Wie bringt man die Mächtigen dazu, sich einmal ernsthaft damit zu befassen? Die einzige Reaktion von dieser Seite war bisher wohl jene Interviewäußerung der Kultusministerin Hohlmeier, mein Wörterbuch sei „umstritten“ (oder so ähnlich, wie es ihr halt von Dr. Krimm vorgesagt worden war). Es gab einen vom IDS bestellten Verriß von Schoebe und die kleinliche Detailkritik von Läuter, dazu vielleicht noch die Kongreß-Äußerungen von Kürschner, die aber auf ungenauer Lektüre beruhten. Naturgemäß hat mich das alles nicht beirren können und auch auf die Besucher dieser Seiten wenig Eindruck gemacht. Die Grundidee erschien vielen (auch der DASD) plausibel, aber diskutiert worden ist sie von den Verantwortlichen aus verständlichen Gründen nicht. Sie zieht nämlich den Reformern den Boden unter den Füßen weg.

„Mit bloßer Polemik ist jetzt nichts mehr zu erreichen. Rechtschreibung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Wir haben alle schmerzhaft erfahren, daß in dieser Angelegenheit der Staat nicht für uns handeln kann. Also tun wir es selbst.“
Das haben wir doch längst getan, ich kann die „bloße Polemik“ nicht erkennen. Es scheint mir übrigens auch ungerecht, immer nur auf dem alten Duden herumzuhacken. Als notorischer Dudenkritiker darf ich das wohl mal sagen. Herr Jochems bekämpft auch immer noch den Popanz des strikten Duden-1991-Anbeters, der auf diesen FDS-Seiten noch niemals gesichtet worden ist.

„Nicht vergessen: Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist der Beschluß der Schweizer Orthographischen Konferenz, Widerstand zu leisten – soweit die deutschen Kultusminister es gestatten.“ – Das klingt nun schon ein wenig anders als in der ersten Darstellung von Herrn Jochems, wo es ja eher so schien, als hätten die Schweizer die Unterwerfung beschlossen und nicht den Widerstand. Aber es stimmt immer noch nicht. Die Schweizer haben nämlich auch eine Arbeitsgruppe beschlossen, die sich des unleidigen Restes annehmen soll. Sie erfüllt damit genau das Programm von Herrn Jochems: Aus Einsicht in die Unmöglichkeit, eine völlige Ablehnung der Reform durchzusetzen, haben die Schweizer diesen indirekten oder zweigleisigen Weg gewählt, sie loszuwerden.


Kommentar von Biertrinker, verfaßt am 05.06.2006 um 17.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4149

ohne die Stützung durch zuverlässige Wörterbücher oder Rechtschreibprogramme nicht mehr beherrschbar. Daran hat sich auch nach zehn Jahren vergeblicher Rechtschreibreform nichts geändert.

Auch Herr Jochems ruft also immer lauter nach einem verläßlichen Wörterbuch der normalen deutschen Rechtschreibung. Dieses Wörterbuch muß und wird kommen. Ich wage die Behauptung, daß der "Ickler" nicht singulär bleiben wird.

Bleibt nur zu hoffen, daß sich diese Sache nicht an dem völlig ramponierten Namen "Duden" festmachen wird, sondern an einer anderen Metonymie. Aber welche wären das dann?


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 05.06.2006 um 16.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4147

Jan-Martin Wagner widerspricht mir in einigen Einzelheiten und stimmt mir im Endeffekt zu. Auch wenn es nicht so wäre, würde ich seine Beiträge gerne lesen. In dieser Gesprächsrunde geht es ja nicht um Rechtbehalten, sondern um den Weg aus der gegenwärtigen heilsamen Krise. Nicht vergessen: Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist der Beschluß der Schweizer Orthographischen Konferenz, Widerstand zu leisten – soweit die deutschen Kultusminister es gestatten.

Wir stehen alle noch unter dem Eindruck der ausführlichen Stellungnahmen, mit denen Professor Ickler ein Jahr lang die Arbeit des Rats für deutsche Rechtschreibung begleitet hat. Ich würde mich nicht wundern, wenn einige der hier Diskutierenden vor dem Schwierigkeitsgrad seiner Darlegungen kapituliert hätten. Niemand außer Professor Ickler hat zur Zeit ein derart vertieftes Verständnis der deutschen Rechtschreibung in ihren großen Zügen und im Detail. Es ist in der Tat ein imposantes, außerordentlich komplexes orthographisches System, das teils spontan, teils durch lexikographische Entscheidungen im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Dies hat jedoch eine Kehrseite: Unsere Rechtschreibung ist ohne die Stützung durch zuverlässige Wörterbücher oder Rechtschreibprogramme nicht mehr beherrschbar. Daran hat sich auch nach zehn Jahren vergeblicher Rechtschreibreform nichts geändert.

Jetzt käme es darauf an, den Rechtschreibsouverän wieder in seine Rechte einzusetzen. Die Gelegenheit dazu ist günstig, denn die Einheitlichkeit unserer Orthographie ist bekanntlich dahin, und mehr oder minder gesteuerte Konvergenzbewegungen allein werden die Krise nicht lösen. Den bedeutenden Zeitungsredaktionen hierzulande und anderswo im deutschsprachigen Ausland fehlt offenbar der Mut, aktiv in den Vorgang einzugreifen. Auf das Mitmachen auf niedrigem Niveau sollten sie jedoch verzichten. Wer heute öffentlich schreibt und dabei die zehn Jahre lang verlachten Primitivschreibungen aus Gerhard Augsts Wortfamilienwörterbuch benutzt, handelt geradezu charakterlos. Über diesen Unsinn braucht nicht mehr geredet zu werden, er muß weg. Im Bereich der Groß- oder Kleinschreibung von Substantivierungen und der Getrennt- oder Zusammenschreibung von Univerbierungen könnte sich aber in der gehobenen Schreibpraxis eine akzeptable Einheitlichkeit herausbilden. Schriftsteller und Journalisten sollten den Mut haben, sich auf diesen Feldern von alten oder neuen Zwängen zu befreien.

Dieser Versuch, schreibend die deutsche Rechtschreibung aus der Sackgasse herauszuführen, sollte nicht an "heute Abend", "Schifffahrt" und "Schluss" scheitern. Mit bloßer Polemik ist jetzt nichts mehr zu erreichen. Rechtschreibung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Wir haben alle schmerzhaft erfahren, daß in dieser Angelegenheit der Staat nicht für uns handeln kann. Also tun wir es selbst.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 05.06.2006 um 13.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4146

Zahlenspiele

Wie reagierte doch jüngst der amerikanische Verteidigungsminister, als es um die Massaker der US-Truppen im Irak ging? »US Defense Secretary Donald Rumsfeld said on Friday that 99.9% of US forces conducted "themselves in an exemplary manner".« (http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/middle_east/5042036.stm) Ja, schön, aber darum ging's nicht. So auch hier: Wenn es darum geht, zu beurteilen, was die Rechtschreibreform angerichtet hat, kann man nicht die wenigen Reformschreibungen gegen die vielen unverändert gebliebenen Wörter aufrechnen – unabhängig vom Inhalt der Reform kommt dabei natürlich immer heraus, daß es sich um Belanglosigkeiten handelt. Statt dessen muß man sich auf die von der Reform betroffenen Fälle beschränken und fragen, wie hoch darunter der Anteil derjenigen Änderungen ist, die zu einer Verbesserung geführt haben, und welcher Anteil Murks dem gegenübersteht.

Ferner muß man sich fragen, was eben diese Änderungen in der Praxis bewirkt haben: Haben sie genau dort, wo sie vorkommen, zu mehr oder weniger gut lesbaren Texten geführt? Auch hierbei ist diese Beschränkung auf die tatsächlichen Änderungen wichtig, denn weil sich der Rest des Textes durch die Reform nicht geändert hat, hat sich natürlich auch dessen Lesbarkeit nicht geändert und erlaubt somit keine Aussage über den Effekt der Reform. (Ich erinnere an den berühmt-berüchtigten Fall, wo jemand einen Artikel oder Kommentar veröffentlicht hat, in dem keine Neuschreibungen vorkommen, aber im Nachgang anmerkt, der Text sei nach den neuen Regeln geschrieben, und fragt, ob der Leser das gemerkt habe ... eklige, billigste Pro-Reform-Propaganda!)

Genauso auch beim Schreiben: »Der geringfügige Eingriff hilft weder den Schreibschwachen noch behindert er die orthographischen Ausdrucksmöglichkeiten der Schreibpraktiker.« (Jochems) Es kommt aber bei einer Bewertung der Reform nicht auf die Geringfügigkeit des Eingriffs an – mit dieser Zahlenspielerei könnte man jeden beliebigen Mist rechtfertigen, auch den allergrößten! Also zum Inhalt: Die Reform war für die Schreibschwachen gedacht, hat ihnen aber nicht geholfen – was hat sie dann gemacht? Kann sie ihnen vielleicht auch zusätzliche Probleme beschert haben? Daß das tatsächlich der Fall ist, wurde schon vielfach belegt, ich weise nur auf die Kommasetzung und die „Worttrennung am Zeilenende“ hin: Völlig konform mit den neuen Regeln kann inhaltlich und grammatisch völlig Unsinniges geschrieben werden bzw. demonstriert man Unkenntnis der Zusammenhänge (vgl. den Leserbrief „Benachteiligung rechtschreibschwacher Schüler“ von H.-Ch. Weißker in den „Schweizer Monatsheften“, Heft 2/3, 2004, S. 66).

Lieber Herr Jochems, ich weiß Ihre Mahnung, die Kritik an der Reform nicht zu überziehen, sehr zu schätzen, denn das bewahrt einen vor dem Verlust der Glaubwürdigkeit. Andererseits scheinen Sie die Probleme der Reform nicht ganz ernst zu nehmen und insofern mit Ihrer Abwiegelung ebenfalls über das Ziel hinauszuschießen. Ich schlage daher vor, daß wir dieses Thema zurückstellen und uns darauf konzentrieren zu überlegen, wie es mit der deutschen Orthogrpahie weitergehen könnte.

Sie schreiben: »Nein, der Rechtschreibreform ist es nicht gelungen, "den Murks aus dem alten Duden zu entfernen." Aber sie hat den amtlich sanktionierten Mummenschanz mit unserer Rechtschreibung an den Tag gebracht und Denkprozesse angeregt, die jetzt für Remedur sorgen könnten. Ein paar Jahrzehnte geduldiger Aufräumarbeit an den wenigen defizienten Stellen kann eine fest etablierte Rechtschreibung wie die unsrige ja wohl vertragen. Aber Vorsicht: Wer wieder nach dem Staat und den Experten ruft, tut der Sache einen Bärendienst.«
Man braucht gar nicht nach dem Staat und den Experten zu rufen, denn die sind alle noch da, und statt eines Dudenprivilegs haben wir jetzt ein staatliches Rechtschreibprivileg! Fazit: Der „amtlich sanktionierte Mummenschanz mit unserer Rechtschreibung“ hält sich unverdrossen, seine Bloßlegung hat ihm nicht geschadet, im Gegenteil, es geht ihm besser denn je.

Es kommt also darauf an, dem Staat das Rechtschreibprivileg wieder zu entreißen, aber dazu ist der einzelne zu schwach (außer vielleicht vor Gericht). Wie aber kann es erreicht werden?


Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.06.2006 um 12.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4145

Das Englische und das Französische hat gar nicht die Möglichkeit, Bedeutungsschattierungen orthographisch auszudrücken, man muß dort unterschiedliche Wörter wählen: Ein Rätsel lösen und einen Vertrag lösen oder in der Schule sitzenbleiben und in der U-Bahn sitzen bleiben verlangt dort ganz unterschiedliche Wörter. Engländer und Franzosen müssen viel mehr Wörter lernen. Das Deutsche hat viel weniger deutsche Grundwörter, die aber sehr oft mehrere unterschiedliche Bedeutungen haben. Getrennt- und Zusammenschreibungen erleichtern dem Leser diese Unterscheidungen. Das deutsche Wortbildungssystem ist völlig anders als das der romanischen Sprachen und des Englischen als halbromanische Sprache. Ähnlich ist höchstens die schwedische und die altenglische (weil altsächsische) Wortbildung. Ganz extrem ist die Schreibung des Sanskrit, wo ganze Sätze wie ein Wort zusammengeschrieben werden.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 05.06.2006 um 12.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4144

Befürwortende wie kritische Texte zur Rechtschreibreform enthalten nicht nur eine inhaltliche Botschaft; ebenso aussagekräftig ist ihre schriftliche Gestalt. Wolfgang Wrases neuester Beitrag enthält vier Wörter mit "ß", die in der Schweiz seit 1938 und von Neuschreibern seit 1996 mit "ss" geschrieben werden: bewußt, müßte, paßt, daß. Er ist also in klassischer Rechtschreibung verfaßt. Dem stehen aber 681 Wörter gegenüber, die die Neuregelung unverändert überstanden haben, also auch für reformierte Texte verbindlich sind. Fazit: Wegen 6 Promille der laufenden Wörter ist dieser Text als traditionell einzustufen. Dies zeigt die tatsächliche Größenordnung an, um die der Streit geht. Der geringfügige Eingriff hilft weder den Schreibschwachen noch behindert er die orthographischen Ausdrucksmöglichkeiten der Schreibpraktiker. Er zerstört auch nicht die deutsche Sprachkultur und wird nicht die Analphabetisierung der deutschschreibenden Völker zur Folge haben. Die Rechtschreibreform war weiter nichts als ein Scherz, mit dem renommeesüchtige Germanisten auf sich aufmerksam machen wollten - was im übrigen seit zehn Jahren bekannt ist und nur deshalb folgenlos geblieben ist, weil die düpierten Politiker ihren Anteil an der Köpenickiade nicht eingestehen wollen.

Wer sich an die Jahre vor 1996 erinnert, weiß natürlich, daß die damals gültige Dudenrechtschreibung als verflixt kompliziert galt und Kuriosa wie die heutigen Ebay-Texte weit verbreitet waren. Solange es noch keine Rechtschreibprogramme auf dem Computer gab, pflegten selbst hochgebildete Schreiber fleißig im Duden nachzuschlagen - wegen Lächerlichkeiten zumeist, aber wer wollte sich schon wegen "ums ganze", "im Ganzen" oder "ist rechtens" dem Gespött der Beckmesser aussetzen. Natürlich gab es auch damals schon aufrechte Naturen wie Wolfgang Wrase, die ihrem Sprachgefühl folgten und "nochmal" schrieben, obwohl der amtliche Duden es anders wollte. Mein Appell läuft darauf hinaus, daß möglichst viele in der jetzigen Pattsituation seinem Beispiel folgen sollten. Wo das Wörterbuch nicht weiterhilft, mußte man immer schon seine Intuition bemühen. Auch dafür finde ich ein schönes Beispiel in Wolfgang Wrases Text (meine Hervorhebungen):

Das sind viele, viele Milliarden Irritationen. Zigmillionenfaches Nachschlagen, zigmillionenfache Rückfragen zum Beispiel beim Kollegen am Schreibtisch gegenüber, zig Millionen Diskussionen, ob diese Schreibung wirklich gilt, zig Millionen Grübeleien, was diese Schreibung eigentlich soll.

Man mache sich also die Regel zu eigen: "Im Zweifelsfalle verlasse ich mich auf mein Sprachgefühl." Dann braucht man keine "Grübeleien" anzustellen, aber Nachdenken spielt schon eine Rolle. Wer dazu nicht willens oder in der Lage ist, sollte sich auf das Schreiben von Einkaufzetteln beschränken.

Nein, der Rechtschreibreform ist es nicht gelungen, "den Murks aus dem alten Duden zu entfernen." Aber sie hat den amtlich sanktionierten Mummenschanz mit unserer Rechtschreibung an den Tag gebracht und Denkprozesse angeregt, die jetzt für Remedur sorgen könnten. Ein paar Jahrzehnte geduldiger Aufräumarbeit an den wenigen defizienten Stellen kann eine fest etablierte Rechtschreibung wie die unsrige ja wohl vertragen. Aber Vorsicht: Wer wieder nach dem Staat und den Experten ruft, tut der Sache einen Bärendienst. Die Kritik hat sich bis jetzt auf die Abwegigkeit der Rechtschreibreform und der zaghaften Revisionsversuche konzentriert. Jetzt sollte sie das Ruder herumwerfen und die deutsche Rechtschreibung der Zukunft mitgestalten helfen.


Kommentar von Ballistol, verfaßt am 05.06.2006 um 11.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4143

Die Nachricht ist vom 26.8.05. Eine genaue Benennung, was man bei dieser Redaktion unter neuer Rechtschreibung versteht (bzw. unter "Rechtschreibfehlern"), ist nie erfolgt.

Auch auf der Internetseite ist darüber nichts zu erfahren.

Für weitere Recherchen siehe hier.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.06.2006 um 11.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4142

Das Eindeutschen von neuen internationalen Fremdwörtern mittels k oder z für c wird schon seit einiger Zeit nicht mehr praktiziert und kann für frühere Eindeutschungen als reichsdeutscher Nationalismus angesehen werden, der heute die gesamteuropäische Verständigung erschwert.


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 05.06.2006 um 10.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4141

An Ballistol: Interessant wäre zu erfahren, was die Redaktion unter "Fehlern" bei der Getrennt- und Zusammenschreibung versteht und von wann ihr Schreiben datiert.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 05.06.2006 um 10.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4140

>>1901 katapultierten sich die Deutschen mit Verhunzungen wie "Zentrum" leichtfertig aus der westeuropäischen Schreibgemeinschaft, und selbst Luthers "That" und "thun" wurden amtlich verändert – nach fast fünfhundert Jahren bewährter Praxis. Sage nun niemand, an "Fluß" und "Schluß" dürfe man aber nicht rütteln, denn diese Schreibungen seien noch älter. Wenn sich eine neue Zeit ihre eigene orthographische Physiognomie verpassen will, kann man sie nicht daran hindern. Wir mögen die Reformer für noch so deppenhaft halten, an dieser Stelle hatten sie das richtige Gespür – wie die Ubiquität der vielen neuen ss-Schreibungen beweist.<< Jochems, #4135

1901 waren da bei der Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung wirkliche Könner am Werk. Das Wissen und die Integrität, das diese Leute zur Verschriftung des Deutschen mitbrachten, bringt doch heute kein noch so politisch ernannter Rat mehr mit, vom großen und sich großgebenden Druckmedienkapital ganz zu schweigen. Das mit der neuen Zeit klingt ja ganz gut, nur sind wir doch hoffentlich noch eine Demokratie, und diese hohle Phrase ist eben bei der großen Mehrheit des Volkes nicht angekommen. Jochems' wirklich recht naïve Hingabe ans Postmoderne in der Verschriftung kostet die Gemeinschaft zuviel, weit mehr als ein paar Prozent staatlich verlangte Kunst am Bau. Zur "Ubiquität der vielen neuen ss-Schreibungen": Eben! Auch da, wo sie reformiert nichts zu suchen haben! Wobei eben viele jetzt auch außerhalb der Schweiz einfach ihr aufoktroyiertes Problem durch Weglassung des "ß" nach Schweizer Hausart zu lösen suchen. Und muß deshalb auch gleich übersehen werden, daß alle diese lebhafte und geisttötende Sucherei zu Schlimmerem als nur ästhetischer Störung führt? Wolfgang Wrase bringt es auf den Punkt: "Man muß sich vergegenwärtigen, daß nur eine Sprachgemeinschaft seit circa zehn Jahren wirklich 'spelling trouble' hat." Mann, wie stehen wir denn da mit solch freudigem Aufruf, uns doch endlich freizuschreiben!


Kommentar von Ballistol, verfaßt am 05.06.2006 um 09.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4139

Aus einer Email an einen Journalisten:

"Noch ein paar Bemerkungen zum Skript: Inhaltlich hat es mir sehr gut
gefallen, ...

Sowohl mir als auch der Schlusslektorin sind in Ihrem Skript
überdurchschnittlich viele Rechtschreibfehler aufgefallen (Schwerpunkte: relativ oft bei der Getrennt- und Zusammenschreibung, dass mit "ß" statt "ss"). Ich weiß nicht, ob eventuell in Österreich im Detail andere Regeln gelten, nach denen Sie schreiben. Trotzdem möchte ich Sie bitten, bei Aufträgen für den deutschen Markt nach den hier geltenden Regeln zu schreiben (falls es in Österreich keine anderen Regeln gibt, gilt diese Bitte natürlich auch!).

Ansonsten bleibt mir, Ihnen für die gewohnt unkomplizierte
Zusammenarbeit zu danken. Die Vertragsergänzungen sind in Arbeit. Mehr
dazu Anfang kommender Woche.

Viele Grüße aus Köln,
schönes Wochenende
Mario P......"

(Kommentar: Es handelt sich um eine Redaktion, die sogenannte "Servicedokumente" auf Fernseh-Teletextseiten anbietet und über Mehrwertrufnummern vertreibt. Die Redaktion geht sicher davon aus, daß die Leserschaft für die ca. 4-9 Euro, die für die sechs Seiten eines Dokuments zu bezahlen sind, die Schülerschreibung erwartet. Wer gerade zum Thema "Serviceredaktionen" recherchiert, kann von mir ergänzendes Material bekommen.)


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 05.06.2006 um 03.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4138

Ich stimme besonders Walter Lachenmann zu. Die Vorstellung, die deutschen Schreiber sollten und könnten in dem jetzigen Durcheinander Freiräume nutzen, bewußt Schreibweisen wählen und endlich eine neue, einvernehmliche Rechtschreibung mitgestalten oder vorbereiten helfen, ist leider unrealistisch. Der allermeisten haben die Haltung: "Sag mir einfach, welche Rechtschreibung gilt, und dann werde ich so zu schreiben versuchen." Dem entspricht in der Berufswelt die schlichte Anweisung: "Bei uns gilt die neue Rechtschreibung." Über Einzelheiten denkt dabei niemand nach. Bei theoretischer Wahlmöglichkeit lief es meistens auf die neue Variante hinaus (selbstständig, aufwändig, Orthografie, Delfin usw.). Warum? Es ist für Hans Müller viel zu mühsam, nachzufragen, ob die neue Schreibung vielleicht nur eine Variante ist. (Hans Müller kann auch ein Lehrer sein oder ein Journalist.) Kaum sieht Hans Müller eine neue Schreibweise, denkt er: "Aha, neue Schreibung, übernehme ich ab jetzt."

Nun gut, es geht seit einiger Zeit rückwärts, und sowohl die Orthographische Konferenz in der Schweiz als auch der neue Duden werden die Abkehr von einigen Bestandteilen der Reform verfestigen. Jedenfalls geht die Vorstellung, die Schreiber könnten und sollten dabei demokratisch mitwirken, an der Wirklichkeit weit vorbei. Seit 1996 bis heute wurde nie beachtet, was das Volk will. Damit das eintreten kann, was Professor Jochems sich wünscht, müßte zuerst die Kultusministerkonferenz offiziell laut verkünden: "Ab sofort gilt die alte wie die neue Rechtschreibung; darüber hinaus kann jeder schreiben, wie er will, wenn ihm weder die alte noch die neue Schreibung zusagt." Das ist nicht der Fall und ist auch nicht zu erwarten.

Außerdem bleibe ich dabei: Beschwichtigungsformeln wie "Es wurden doch nur zwei Prozent der Wörter verändert" oder "Die schriftliche Kommunikation hat nicht gelitten" sind höchst unangemessen, auch wenn sie der Mentalität der meisten Deutschen entsprechen könnten. Es sind Formeln für Leute, die ein einziges Bedürfnis haben: Sie wollen mit dem ganzen Thema nicht behelligt werden. Es paßt ihnen deshalb, wenn die Bedeutung heruntergeredet wird.

Eine Reform bei zwei Prozent (wahlweise: ein Prozent oder fünf Prozent) der Schreibungen, das ist sehr wohl eine relevante Größenordnung. Es bedeutet: Immer wenn diese Begriffe verwendet werden, entsteht Irritation bei denjenigen Lesern, die auf eine andere Schreibung eingestellt sind. Und in vielen Fällen entsteht auch schon Irritation beim Schreiber selbst: "Wie schreibt man das nochmal? Gilt das Bisherige noch? Muß ich, soll ich, darf ich?" Das sind viele, viele Milliarden Irritationen. Zigmillionenfaches Nachschlagen, zigmillionenfache Rückfragen zum Beispiel beim Kollegen am Schreibtisch gegenüber, zig Millionen Diskussionen, ob diese Schreibung wirklich gilt, zig Millionen Grübeleien, was diese Schreibung eigentlich soll. Laut Professor Jochems ist das alles belanglos.

Die schriftliche Kommunikation hat sehr wohl gelitten, und sie leidet weiterhin. Jedenfalls wenn man sich darauf konzentriert, worum es doch gehen sollte: das Schreiben. Professor Jochems leitet die Belanglosigkeit der Änderungen immer aus dem Befund ab, wie sich reformierte Texte lesen lassen, und zwar professionelle reformierte Texte. Wie heute wirklich geschrieben wird, sieht man ohne Mühe in Internetforen, das ist hier gerade beispielhaft in Erinnerung gerufen worden. Legasthenie ist das! Das Lesen wiederum ist fehlertolerant, natürlich. Ohne weiteres könnte ich in diesem Absatz zehn Buchstaben weglassen oder hinzufügen – der Text wäre nach wie vor lesbar. Aber das widerlegt doch nicht die Mühe und die Verwirrung bei den Schreibern!

Dazu gehört auch die irrige Vorstellung, die Reform sei dazu geeignet, den Murks aus dem alten Duden zu entfernen. Dazu kann man nur sagen, das ist nach dem Motto: Wieso einfach, wenn es auch unendlich kompliziert geht? Einfach wäre folgendes gewesen: Dem Duden wird sein Privileg entzogen. Die Kultusminister geben bekannt, daß man Wettbewerb bei der Darstellung der Rechtschreibung brauche, weil der Duden sie nicht mehr gut abbilde. Dazu hätte es Debatten in den Medien geben können, bei denen tatsächlich so etwas wie eine Beteiligung der aufmerksamen Schreibgemeinschaft an der Bereinigung des Duden hätte stattfinden können. Nach einiger Diskussion hätte ein Modellwörterbuch wie das von Professor Ickler weitgehende Zustimmung finden können. Es ist wirklich nicht notwendig, dem tausendfach komplizierteren Krampf namens Rechtschreibreform ein positives Potential zuzuschreiben, nur weil "einige der gröbsten Irrtümer", wie es treffend heißt, doch noch irgendwie überwunden werden können – nach einem intellektuellen Aufwand, der ausreichen könnte, große Teile der nationalen Politik in einen idealen Zustand zu bringen.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 04.06.2006 um 23.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4137

H. Jochems: »Sprachgefühl und Intuition sollten die Grundlage eines verantwortungsbewußten Umgangs mit dem Schriftdeutschen bilden, auch wo pedantische Vorschriften der Vergangenheit oder unsinnige neue Regeln etwas anderes dekretieren.«

Lieber Herr Jochems, hier liegt die Crux der Rechtschreibreform – und darauf hat Herr Weißker meisterhaft hingewiesen (siehe hier [„Warum die Rechtschreibreform gefährlich ist“] und insbesondere hier [„Die Rechtschreibreform und einige ihrer Argumente“], außerdem seinen Beitrag im „Wundergarten der Sprache“): Weil die neuen Schreibungen der Reform in ihrer 1996er Fassung dem Sprachgefühl und der Intuition der Schreiber zuwiderliefen, ist deren Sprachgefühl beschädigt worden. Was meinen Sie denn, warum es das einhellige Fazit gibt, daß seit der Reform der Griff zum Wörterbuch viel häufiger erforderlich ist, als er es zuvor war?

H. Jochems: »Kein des Lesens mächtiger Deutschsprachiger hat die geringsten Schwierigkeiten, sich mit ihrer [= der Reformschreibungen] Hilfe das jeweils gemeinte Wort zu vergegenwärtigen. Funktional hat sich nichts geändert, wohl aber ästhetisch.«

Es mag ja sein, daß die schriftliche Kommunikation nicht zusammengebrochen ist, aber sie hat nachhaltig gelitten, und das liegt auch an der Grundkonzeption der Reform, die Orthographie aus der Perspektive des Schreibers zu vereinfachen. Dabei wurde gegen den einfachen Grundsatz verstoßen, daß man alles so einfach wie möglich machen soll – aber nicht noch einfacher. Letzteres ist der Reform jedoch „gelungen“, sie schert Dinge über einen Kamm, welche nichts miteinander zu tun haben (ich erinnere an die famose -ig/-isch/-lich-Regel). Daß sich funktional nichts geändert hätte, stimmt einfach nicht: Sprachlich-semantisch begründete Wortartkategorien wurden und werden beispielsweise durch unsinnige Großschreibungen mißachtet, was dem logischen Denken widerspricht („im Voraus“ – vgl. § 1932 BGB). Und es gibt immer noch Fälle, in denen ohne Not der Bedeutungsunterschied verschleiert bleibt: „gräulich“, „von neuem/Neuem“.

H. Jochems: »Wären uns "Tollpatsch", "belämmert" und "schnäuzen" aber so verachtungswürdig, wenn wir nicht wüßten, daß Gerhard Augst hier mit Hilfe erzdummer Kultusbürokraten sein obskures Hobby zu amtlicher Geltung gebracht hat?«

Unabhängig von Herrn Augst sind die genanten Einträge mit ihren „Erklärungen“ in Herkunftswörterbüchern falsch. Es gab und gibt keinen Grund, diese Wörter anders zu schreiben und obendrein zu behaupten, sie würden ganz woanders herkommen, als es in Wirklichkeit der Fall ist.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, was das grundsätzlich bedeutet, wird mir mulmig zumute: Die Rechtschreibreform hat in diesen Fällen in die Sprache eingegriffen und Bedeutungen umdefiniert. Es ist zwar ein ganz normaler Vorgang, daß sich bestimmte Wörter von ihrer Herkunft bzw. der ursprünglichen Bedeutung entfernen und verselbständigen (wer weiß denn beispielsweise, woher der Bestandteil „Schatten“ in Schattenmorellen stammt?), aber dazu hat man ja ein etymologisches Wörterbuch, daß diese Entwicklungen dokumentiert werden. Die reformierten Herkunftswörterbücher dagegen informieren ihren Benutzer nicht, sie belügen ihn.

In einem Staat, in dem solche Dinge möglich sind, zu denen die allermeisten Betroffenen schweigen und über die die Presse nicht unabhängig berichtet, sind auch noch ganz andere Dinge möglich.



Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 04.06.2006 um 23.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4136

"Rechtschreibungen, die nur mittels umfangreicher Regelwerke und sprachwissenschaftlicher Kommentare zu beherrschen sind"

Prof. Jochems sieht dies sowohl in der traditionellen wie der reformierten Rechtschreibung als gegeben. Aber so ist es eben nicht. Bis zu Reform waren die Regeln induktiv aus der Praxis gewonnen, sie waren gewissermaßen die Theorie dazu (nach Prof. Ickler). Zum richtigen Schreiben brauchte kein Mensch ein Regelwerk oder gar wissenschaftliche Beratung. Die Reformer wollten die Rechtschreibung deduktiv aus Regeln erlernbar und praktizierbar machen, Regeln, die nicht aus der Praxis gewonnen, sondern man darf wohl sagen: frei erfunden wurden. Erst von da an erlangte das Regelwerk seine überragende Bedeutung bis hin zu den zahllosen Auslegungsschwierigkeiten. Wer hat sich davor mit dem Regelwerk des DUDEN befaßt? Es war nicht mehr als eine vielleicht ganz interessante Lektüre. Genau dieser Bruch ist es, der das Reformwerk scheitern läßt. – Aber das alles ist ja tausendmal gesagt worden.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 04.06.2006 um 21.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4135

Nun falle ich wirklich aus allen Wolken. Eine mysteriöse Zusammenkunft unter dem Baldachin eines anspruchsvollen Namens beschließt, die vorübergehend letzte Version der Rechtschreibreform gehorsam in Presse und Literatur umzusetzen, und zwar einheitlich unter Bevorzugung solcher traditioneller Schreibungen, gegen die die deutsche Kultusministerkonferenz keine Bedenken hat. Welche Varianten das sind, hängt von der Auslegung des nach Ansicht der Reformkritiker nicht gerade klaren und eindeutigen Regelwerks ab. Da es vor 1996 keine andere Rechtschreibung als die des amtlichen Duden gab, geht es also um eine teilweise Rehabilitierung der inzwischen nicht unumstrittenen Entscheidungen der früheren Dudenredaktionen. Dazu paßt, daß die Mannheimer Lexikographen gerade an einer reformierten Einheitsrechtschreibung für die Nachrichtenagenturen und die Zeitungsredaktionen arbeiten. Die Freude über diesen Stand der Dinge kann ich nicht teilen. Wenn wir schon davon ausgehen, daß nach mehreren Revisionsschüben das amtlich hoch gelobte Regelwerk nur noch eine Trümmerlandschaft bietet, sollten wir uns eigene Gedanken über die Zukunft machen.

Dazu gehört vor allem eine nüchterne Bestandsaufnahme. Beginnen wir mit der Feststellung, daß die deutsche Rechtschreibung im wesentlichen das Ergebnis einer geschichtlichen Entwicklung darstellt, regulierende Eingriffe von außen aber zumindest in den letzten 150 Jahren eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben. 1901 katapultierten sich die Deutschen mit Verhunzungen wie "Zentrum" leichtfertig aus der westeuropäischen Schreibgemeinschaft, und selbst Luthers "That" und "thun" wurden amtlich verändert – nach fast fünfhundert Jahren bewährter Praxis. Sage nun niemand, an "Fluß" und "Schluß" dürfe man aber nicht rütteln, denn diese Schreibungen seien noch älter. Wenn sich eine neue Zeit ihre eigene orthographische Physiognomie verpassen will, kann man sie nicht daran hindern. Wir mögen die Reformer für noch so deppenhaft halten, an dieser Stelle hatten sie das richtige Gespür – wie die Ubiquität der vielen neuen ss-Schreibungen beweist.

Konzentrieren wir uns also auf die nach amtlicher Zählung zwei Prozent deutscher Schreibungen, die 1996, 2004 und 2006 anderweitig verändert wurden. Kein des Lesens mächtiger Deutschsprachiger hat die geringsten Schwierigkeiten, sich mit ihrer Hilfe das jeweils gemeinte Wort zu vergegenwärtigen. Funktional hat sich nichts geändert, wohl aber ästhetisch. Viele Leser reagieren darauf, wie sie es immer schon beim Anblick von "nähmlich" getan haben – mit Hohn und Spott und neuerdings sogar mit Verbitterung. Wären uns "Tollpatsch", "belämmert" und "schnäuzen" aber so verachtungswürdig, wenn wir nicht wüßten, daß Gerhard Augst hier mit Hilfe erzdummer Kultusbürokraten sein obskures Hobby zu amtlicher Geltung gebracht hat?

Eigentliches Reformanliegen waren die Groß- und Kleinschreibung bzw. die Getrennt- und Zusammenschreibung. Mit der Substantivkleinschreibung sollte gleichsam mit einem Federstrich der schlimmste Problemkomplex unserer Rechtschreibung aus der Welt geschafft und zugleich die Annäherung an die Gepflogenheiten anderer Kultursprachen gefunden werden. So konsequent zu sein trauten sich die staatlichen Regelungsgewaltigen freilich nicht zu, und es kam zu einer vermehrten Großschreibung, die alles außer der grammatischen Funktion dieses Phänomens über Bord warf. In dem zweiten Problembereich widersetzt sich unsere quirlige Univerbierung bis auf den heutigen Tag einer einleuchtenden Regelung. Der Duden behalf sich mit Einzelfallentscheidungen, die Reformer setzten sich über die Schreiberintuition hinweg und vereinheitlichten die Regelung grammatisch, Peter Eisenbergs Revision rehabilitiert nun die Semantik – und überfordert die meisten Schreiber einschließlich der Wörterbuchredaktionen. Die naheliegende Lösung, alles zusammenzuschreiben, was sich durch die zentrierende Betonung als einheitliches Wort zu erkennen gibt, hat bei uns eben keine Chance. Die Anhänger der Differenzschreibung sind weiterhin bereit, in solchen Fällen kontraintuitiv getrennt zu schreiben, um dem Leser ein Signal zu geben, das er überhaupt nicht benötigt.

Da auf dieser Webseite monolinguale Germanisten entschieden die Ausnahme sind, kann ich zu folgendem Experiment raten: Man lese eine Weile irgendeinen englischen oder französischen Text und stelle dann erstaunt fest, wie einfach und menschenfreundlich Rechtschreibung sein kann. Im Französischen hat man auch Endungen zu schreiben, die man nicht hört, aber das ist schlichtweg nur eine grammatische Frage. Historische Schreibungen seien per se schwierig? Papperlapapp. Jede Einzelwortschreibung ist für sich zu lernen, das ist auch im Deutschen nicht anders. Im Englischen und im Französischen gibt es aber nicht die Notwendigkeit, Bedeutungsschattierungen orthographisch auszudrücken, was angeblich zu den Positiva der deutschen Rechtschreibung gehört, in Wirklichkeit aber eine Quelle unnötiger Schwierigkeiten ist. Jede Sprache funktioniert seit Menschheitsbeginn ohne den Beistand der Sprachwissenschaft, das gilt auch für ihre Orthographie. Bei Rechtschreibungen, die nur mittels umfangreicher Regelwerke und sprachwissenschaftlicher Kommentare zu beherrschen sind, ist etwas schiefgelaufen. Das ist im Deutschen traditionell und reformiert der Fall. Nun sind also die Schreiber des Deutschen aufgerufen, diesem blamablen Zustand ein baldiges Ende zu bereiten.

Wir sind das Rechtschreibvolk. Dazu Walter Lachenmann: Eine Chance könnte das schon sein, damit nicht wie die Süddeutsche Zeitung (und andere) mit pragmatischer Lässigkeit umzugehen, und einfach mal so und dann wieder mal so zu schreiben (nur bloß nicht mehr richtig oder gar so wie vor der Reform!), sondern es als „emanzipierte Schreiber" so zu halten, wie wir es für richtig finden. Da stellt sich die Frage, angesichts derer den meisten von uns die Verlegenheitsröte ins Gesicht steigen dürfte: was ist denn jetzt, nach zehn Jahren der Verwirrung, richtig? So sollte man nicht fragen. "Was rät mir mein durch die Lektüre mustergültiger Texte geschultes Sprachgefühl?" wäre angemessener. Darin liegt keine Aufforderung zur Lässigkeit, ganz im Gegenteil. Sprachgefühl und Intuition sollten die Grundlage eines verantwortungsbewußten Umgangs mit dem Schriftdeutschen bilden, auch wo pedantische Vorschriften der Vergangenheit oder unsinnige neue Regeln etwas anderes dekretieren. Walter Lachenmann wendet ein: ... niemand will selbst bestimmen, wie er schreibt, schon gar nicht diejenigen, die dazu kompetent wären und auch die Möglichkeit hätten. Genau dies ist unser deutsches Problem. Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache sollte sich vornehmen, mündige Schreiber des Deutschen mit allen Mitteln zu ermutigen, von der Möglichkeit orthographischer Selbstbestimmung Gebrauch zu machen.



Kommentar von Zwei Ebay-Fundsachen, verfaßt am 04.06.2006 um 19.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4134

"Der Muntionskasten ist mit einem Gummiring ihnen versehen ob er noch Wasserdicht ist weis ich nicht"

Und das hier ist besonders schön:

"Munitionskasten (klein) - ältere Version wurde Zweck entfremdet"

(Kommentar: Heute heißt sowas noch "Chancengleichheit", morgen wird es das allgemeine Bildungsniveau.)


Kommentar von borella, verfaßt am 04.06.2006 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4133

Einheitlichkeit vor Richtigkeit?

Ich frag mich, warum soll man künstlich, aus Einheitlichkeitsgründen, sinnfalsch schreiben - warum? Was hat vor allem der Leser davon?

Ich verstehe unter Einheitlichkeit nicht, aus "allein stehend" und "alleinstehend" eines der beiden als alleinige Variante für alle Fälle zu fixieren, sondern einheitlich "allein stehend" zu schreiben, wenn "allein stehend" gemeint ist, und einheitlich "alleinstehend" zu schreiben, wenn "alleinstehend" gemeint ist.

Wo sinnrichtig Varianten möglich sind, überall dort sollen die Varianten auch schreibbar sein.

Man kann nur hoffen, daß die genannte Arbeit der Wörterbuchmacher für Profischreiber diese Zielrichtung hat.

Das genannte "sich Freischreiben" betrifft auch nur die Profischreiber (die privaten tun das ohnehin immer schon) und wird bedeuten, daß man sich freiwillig den Vorschlägen des Dudens unterwirft und froh ist, daß jemand Entscheidungen getroffen hat; oder was sollte es sonst sein?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2006 um 17.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4132

Was mich betrifft, so hat mich die Meldung über die Schweizer Konferenz nicht nur nicht in Verlegenheit gebracht, sondern ich habe mich sehr darüber gefreut, daß die Konferenz tatsächlich stattfinden konnte und dann einen sehr erfreulichen Verlauf genommen hat. Kluge Leute haben dort gesprochen und schließlich einen Pflock eingeschlagen. Nun muß man abwarten, was daraus noch werden mag.
Wenn man die Reform inhaltlich aushöhlt, indem man bei Varianten immer die herkömmlichen wählt, bleibt nur noch ein so kümmerlicher Rest, daß man mit viel Hoffnung die Frage aufwerfen darf, ob dieser Rest (heute Abend und dazu ein paar Augstsche Etymogeleien) nicht auch noch übergangen werden sollte.
Ein weiterer Rückbau wird sowieso stattfinden, man muß ihn nicht groß ankündigen. Es ist auch nicht entscheidend, ob die FAZ darüber berichtet; wichtiger ist, daß die FAZ überhaupt dabei war und ihren eigenen Kenntnisstand erweitert hat.
Insgesamt glaube ich, daß eine Anzahl bedeutender und einflußreicher Menschen nun noch klarer sieht, daß sie von all diesen albernen Kommissionen und Räten bloß an der Nase herumgeführt worden ist und daß man sich das nicht gefallen lassen sollte.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.06.2006 um 17.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4131

"vernünftig" (phrónimos, rationalis) ist nicht automatisch "richtig" (orthós, rectus). "Fiat iustitia, et pereat mundus." (Es möge Recht geschehen, und sollte die Welt daran zugrunde gehen.) "vernünftig" gilt absolut, "richtig" gilt abhängig von der jeweiligen Gesetzeslage, die morgen anders sein kann. "Sapere aude!" (Wage es, weise zu sein!) (Horaz)


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 04.06.2006 um 16.57 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4130

Das Stattfinden der Schweizer Orthographischen Konferenz ist jedenfalls, wenn kein fulminanter Erfolg für die Reformgegner, so doch eine weitere und dicke Blamage für die Reformer und die politischen Kräfte, die sich durch kein noch so vernünftiges Argument davon abhalten ließen und lassen, die Reform auf Biegen und Brechen und in welchem jämmerlichen Zustand auch immer durchzuziehen.

Sie zeigt ein weiteres Mal, daß dieser jämmerliche Zustand selbst bei friedfertigen Gemütern als solcher erkannt wird. Friedfertige Gemüter zeigen der Obrigkeit nicht das Vögelchen und kümmern sich einen Dreck um deren Verfügungen, sondern nutzen artig „Freiräume“ aus, und das ist bei der Reform nie etwas anderes, als das, was vom zitierten Schily über die NZZ, künftig auch Springer, das Wörterbuch „Was der DUDEN empfiehlt“, viele Buchverlage und nunmehr eben auch die Schweizer Verlage in die Praxis umsetzen: „wo immer es geht“ (eigentlich ginge es ja immer!), Beibehaltung der bisherigen Schreibungen. Und die Arbeit des Rechtschreibrates führt, trotz aller noch so verzweifelten Bremsversuche, genau in dieselbe Richtung.

Hat man schon mal etwas darüber vernommen, daß all dies den Reformern oder den involvierten Politikern irgendwie peinlich ist? Nein, das wäre ja total unprofessionell!


Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 04.06.2006 um 16.54 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4129

„Schreibt Euch frei!“

Lieber Herr Prof. Jochems!
Ihrem ®Evolutionsaufruf leiste ich gerne Folge, trage diese Botschaft gerne unter die Mitmenschen und bin auch bereit, meine Beckmesserei gänzlich abzulegen, selbst wenn mein Ansprechpartner so anfangen sollte zu schreiben, wie ich es unter keinen Umständen lehren würde.
Wie aber kommt meine Botschaft an bei der zur Loyalität verpflichteten Beamtenschaft? Wie wirkt sie bei meinem Nachbarn, der noch schulpflichtige Kinder hat? Und wie reagiert mein Autohändler, der Privatbriefe an mich hübsch in vorreformierter Schreibweise verfaßt und als Dreingabe den neuesten Prospekt des Automobilkonzerns in Neuschrieb beilegt?
Soll ich denen vielleicht ein Plakat vor die Nase halten mit der Aufschrift: „Ihr müßt zur Einheit streben! Findet Euren persönlichen Weg! Schreibt Euch frei!“
Und was passiert, wenn sie vom Konzern eines auf die Kappe kriegen, wenn ihnen der Dienstherr mit Disziplinarmaßnahmen droht, oder wenn ihr Kind schlechte Noten bekommt?
Bekomme ich dann die freie Schreibe zu spüren?

Die Menschen um mich herum schreiben alle frei. Aber sie haben sich eine gewisse Schizophrenie zugelegt. Privat schreiben sie so, wie sie es gelernt haben. Geschäftlich hingegen schreiben sie so, wie es verlangt wird. Das heißt: Im eigentlichen Sinne schreibt ja dann der Computer, weshalb sie selbst behaupten können, bekennende Altschreiber zu sein – ohne dabei zu lügen.
Diese situationsspezifische Schreibtaktik erspart natürlich jegliche Auseinandersetzung mit der Rechtschreibthematik, mit den Kontrollinstanzen und mit sich selbst. Andererseits benennen Psychologen derartige Praktiken meines Wissens als „Persönlichkeitsauslagerung“.
Soll ich also Ihren Aufruf dahingehend verstehen, daß sich die Leute ihre Persönlichkeit zurückholen sollten; d.h. den Glauben an sich selbst und ihre kommunikativen Fähigkeiten?

Ich habe enorme Schwierigkeiten letzteres zu verkünden, weil ich meine, den Glauben der vielen Menschen dort draußen ein bißchen zu kennen. Er heißt ziemlich durchgängig: „Der Obrigkeit (dem Staat, der Religion, dem Dienstherrn, der Presse, dem Lehrer, den Eltern, ...) widerspricht man nicht. Denn sie haben immer Recht.“
Ich muß wohl noch einmal die Pfingstbotschaft lesen, um herauszufinden, wie sich die revolutionären Jünger Christi und das obrigkeitsgläubige Volk seinerzeit verhalten haben.

Frohe Pfingsten einstweilen!


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 04.06.2006 um 16.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4128

Prof. Jochems hält unverdrossen an seiner Sicht auf die Reform als historische Chance zu mehr Freiheit und Emanzipation von rigiden, oft willkürlich anmutenden DUDEN-Regeln fest. "Einheitlichkeit vor Richtigkeit" – das tönt gar nicht unvernünftig. Schließlich ist ein vorrangiges Ziel jeder Orthographie die Herstellung von Einheitlichkeit im schriftlichen Austausch. Nun sind wir ja zur Zeit von Einheitlichkeit (immer nur als anzustrebender Zustand gedacht) so weit entfernt wie in den letzten hundert Jahren nicht. Aber die Richtigkeit hat davon nicht profitiert, vielmehr ist beides schwer gestört. Zwar ist die Kommunikation nicht zusammengebrochen, das hat ja wohl auch von den Kritikern niemand ernsthaft erwartet. Woher soll denn die neue Einheitlichkeit kommen? Das ist doch die entscheidende Frage. Einheitlichkeit ist ohne Richtigkeit nicht zu denken. Selbstverständlich führt dies wieder zur Diskussion der Normsetzung. Wenn ich an frühere Beiträge von Prof. Jochems denke, so setzt er wohl auf eine Art "demokratischen" (wenn auch nicht förmlichen) Verfahrens. Aber auch in demokratisch abstimmenden Gremien fallen die Vorlagen nie vom Himmel, sondern werden von Initiatoren, Autoritäten im besten Wortsinne, eingebracht.
Vergessen wir nicht Ausgangs- und Endpunkt der ganzen Geschichte: die Schule. Der korrigierende Lehrer muß nach richtig und falsch unterscheiden können, solange Rechtschreibung zu bewerten ist. Nun kann man natürlich sagen: Ja, die Schüler...aber als Erwachsener solte ich mich doch von dieser subalternen Haltung gegenüber orthographischen Normen freigemacht haben. Sind nun alle, die wissen wollen, wie man richtig schreibt, Opfer ihrer Autoritätsgläubigkeit? Oder handelt es sich nicht vielmehr um ein legitimes, unabweisbares Bedürfnis?


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 04.06.2006 um 14.38 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4127

Helmut Jochems: „Begreift denn niemand, daß mit der gegenwärtigen Beliebigkeit den Deutschschreibenden zum erstenmal die Möglichkeit eingeräumt wird, selber über eine nach ihren Vorstellungen vernünftige Rechtschreibung zu bestimmen? […]“

Tatsächlich ist, wie Jochems weiter schreibt, die schriftliche Kommunikation hierzulande in den letzten zehn Jahren nicht zusammengebrochen, aber sie ist formal auf eine historisch wohl niemals dagewesene Weise beschädigt worden, und wie gut sie in Zukunft funktionieren wird, kann heute niemand voraussagen. Was ist in diesem Zusammenhang „gut“? Etwa die „pragmatische Lässigkeit“ im Umgang mit der Orthographie, wie Gustav Seibt den lieblosen Schlendrian der Süddeutschen Zeitung, bei der er in Lohn und Brot steht, gutmütig hätscheln zu müssen meint (Valerio 3/2006), obwohl er zugleich das jetzt als Rechtschreibfrieden angepriesene Ergebnis in aller Deutlichkeit benennt als „Schein von Reform“, als „armseligen Fetzen, der nichts besser macht und den wir mit heilloser Verwirrung erkauft haben“ (ebd.)?

Mit dieser Qualifizierung reiht sich der sich sonst so besonnen gebende Seibt (dem doch „das Meiste an dieser Reform herzlich egal“ ist) leichtsinnigerweise weit in die Schar der bei Valerio ansonsten mit leichtem Naserümpfen bedachten bekennenden aktiven Reformgegner. Dabei wäre es sicherlich übertrieben, den jetzigen Zustand der real existierenden deutschen Orthographie als „heillose Verwirrung“, als „Chaos“ oder als „Scherbenhaufen“ zu bezeichnen. Dafür sind die Eingriffe der Reform denn doch wieder zu geringfügig und werden in der Praxis auch nur unzulänglich umgesetzt. Aber sie ist nachhaltig gestört und verworren. Eine Chance könnte das schon sein, damit nicht wie die Süddeutsche Zeitung (und andere) mit pragmatischer Lässigkeit umzugehen und einfach mal so und dann wieder mal so zu schreiben (nur bloß nicht mehr richtig oder gar so wie vor der Reform!), sondern es als „emanzipierte Schreiber“ so zu halten, wie wir es für richtig finden.

Da stellt sich die Frage, angesichts derer den meisten von uns die Verlegenheitsröte ins Gesicht steigen dürfte: was ist denn jetzt, nach zehn Jahren der Verwirrung, richtig? „Emanzipierte Schreiber“, die jetzt die Gymnasien verlassen, schreiben dann eine in ihrer Erinnerung wie auch immer haftengebliebene Reformschreibung, die ältere Generation eine durch Verunsicherung verwässerte Altdudenschreibung, die Generationen dazwischen werden es bei der „pragmatischen Lässigkeit“ bewenden lassen und weiterschludern bzw. sich auf die Korrekturfunktion ihres PC hinausreden.

Das Sich-frei-Schreiben der Schreiber aller deutschsprachigen Länder würde ein ähnliches Schicksal erleben, wie das Sich-Vereinigen der Proletarier aller Länder.

Die Proletarier aller Länder wollten sich niemals wirklich vereinigen, und niemand will selbst bestimmen, wie er schreibt, schon gar nicht diejenigen, die dazu kompetent wären und auch die Möglichkeit hätten. Das erleben wir doch jetzt seit über zehn Jahren.



Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 04.06.2006 um 12.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=471#4123

Selten hat eine Nachricht die Kritiker der Rechtschreibreform so in Verlegenheit gebracht wie die Meldung der sda über eine Tagung der "Schweizer Orthographischen Konferenz" in Zürich. Die fleißigen Suchmaschinen kennen nur diesen Text, wissen also weiter nichts über die ansonsten völlig unbekannte Einrichtung zu berichten. Außer den Zeitungen in der Schweiz und in Liechtenstein hat niemand die Meldung aufgegriffen. Selbst die FAZ, die doch angeblich vertreten war, hüllt sich in Schweigen. Immerhin gibt es jetzt eine Arbeitsgruppe mehr und vorweg schon eine Empfehlung, wie bei Zeitungen und "Verlägen" mit der reformierten Rechtschreibung verfahren werden soll. Dabei greifen die Konferenzteilnehmer eine Regelung auf, über die der damalige Bundesinnenminister Schily am 2. 2. 1999 den Deutschen Bundestag unterrichtete:

Im Bereich der Rechtsetzung ist eine einheitliche Schreibweise wünschenswert. Anders als im amtlichen Schriftverkehr soll deshalb in der Normsprache die Verwendung der Varianten festgelegt werden. Wenn nach der Neuregelung mehrere Schreibweisen zulässig sind, sollen in Gesetzen und Verordnungen die bisher gebräuchlichen Varianten verwendet werden.

Seit der Entmachtung der Zwischenstaatlichen Kommission mit ihrem Privileg der Auslegung des neuen Regelwerks sind viele der angeblichen Varianten Zufallsprodukte mehrerer unabhängig voneinander operierender Wörterbuchredaktionen. Schlimmer noch: Unter "bisher gebräuchlichen Varianten" verstehen Minister Schily und die Schweizer Orthographische Konferenz offenbar den letzten Stand der vorreformierten Dudenschreibungen. Daß diese in zahlreichen Fällen auf willkürlichen Entscheidungen beruhten, ist nach den Diskussionen der letzten Jahre heute allgemein bekannt.

Demnächst wird man erfahren, was der Duden den Nachrichtenagenturen und den Zeitungsredaktionen in Form eines revidierten Rechtschreibprogramms vorgibt. Die Generallinie wird auch hier sein, daß Einheitlichkeit vor Richtigkeit geht. Begreift denn niemand, daß mit der gegenwärtigen Beliebigkeit den Deutschschreibenden zum erstenmal die Möglichkeit eingeräumt wird, selber über eine nach ihren Vorstellungen vernünftige Rechtschreibung zu bestimmen? Die schriftliche Kommunikation ist hierzulande in den letzten zehn Jahren nicht zusammengebrochen und wird auch in Zukunft gut funktionieren. Die Angst vor Beckmessern und staatlichen Sanktionen steckt aber den meisten Zeitgenossen immer noch in den Knochen. Jetzt haben wir die einmalige Gelegenheit, unsere Emanzipation auf einem gesellschaftlichen Randgebiet voranzutreiben. Schreiber aller deutschsprachigen Länder, schreibt Euch frei!




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