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18.03.2006
 

„Es gibt da ja schlimmere Sprachfehler“
Heinz Bouillon soll Belgien im Rechtschreibrat vertreten

Zwar ist vorerst nichts mehr zu beraten, aber wenigstens bei der nächsten Rechtschreibreform will Belgien dabeisein.

Das Eupener Grenz-Echo berichtete über die Berufung von Heinz Bouillon zum Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung und fragte den Professor an der Universität Louvain-la-Neuve nach seinen Ansichten zur Orthographie.



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Kommentare zu »„Es gibt da ja schlimmere Sprachfehler“«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.03.2006 um 06.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3630

Wer schreiben kann, neigt manchmal zu einer gewissen Geringschätzung der Orthographie. Wenn man sich in der Weltgeschichte umschaut, sieht man, daß alle schriftkundigen Kulturvölker nicht bloß irgendwie schreiben, sondern orthographisch. Die kleinen Jungen in Griechenland und Rom lernten von Anfang an rechtschreiben. Im chinesischen Kulturkreis kann man überhaupt nicht schreiben, wenn man nicht rechtschreibt. Daher nimmt das Schreibenlernen in den ersten Schuljahren verhältnismäßig viel Raum ein. Das wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder als besonders schlimm dargestellt, weil die Rechtschreibung vom "eigentlichen" Ziel des Deutschunterrichts abhalte. Ich kann das nicht verstehen. Neben dem Schreibenlernen geht es doch zuerst hauptsächlich um die gemeinsame gesprochene Hochsprache. Beides ist eng miteinander verbunden. Und dafür soll keine Zeit sein? Jeder weiß, daß gerade im Deutschunterricht sehr viel Zeit vergeudet wird. Das genannte Kerngeschäft ist jede Mühe wert.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.03.2006 um 17.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3629

Die Rechtschreibung ist eben nicht nur ein Werkzeug zum richtigen Schreiben, sondern auch zum richtigen Leseverstehen. Minderwertige Rechtschreibung erschwert dieses und verursacht Leseverständnisfehler. Das ist von bedeutenderen Leuten schon oft gesagt worden, aber noch nicht von mir.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 20.03.2006 um 15.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3628

Herr Lachenmann hat mich offenbar mißverstanden. Das liegt wohl am 2. Satz, der ja auch hätte ungeschrieben bleiben können. Daraus, daß die Mehrheit der Bevölkerung sich gegen die Reform, wie sich ihr dargestellt hat, ausgesprochen hat, wo immer es ihr möglich war, schließe ich, daß es auch der Wunsch der Zeitungsleser ist, Texte in normaler Rechtschreibung zu lesen, ohne jede moralische Wertung.


Kommentar von WL, verfaßt am 20.03.2006 um 15.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3627

Hoffentlich hilft der neueste "Ickler", aber mich plagen Zweifel.

Nein, nein - der wird schon helfen. Im übrigen ist Ihre Kritik an der Moralität der KMK usw. selbstverständlich gerechtfertigt, aber darunter wird's schon schwieriger. Natürlich wünschen wir uns, daß die großen Zeitungen sich der Reformschreibung verweigert hätten, aber wenn sie sich anders entschieden haben oder sich jetzt anders entscheiden, dann ist deshalb nicht die ganze Zeitung eine unmoralische und verachtenswerte Bande von Feiglingen und Verrätern. Zum einen scheint es, so unbegreiflich uns das erscheinen mag, des Schreibens kundige Zeitgenossen zu geben, die die Reform nach wie vor für eine gute Sache halten. Dann ist es folgerichtig, ja geradezu ein moralisches Muß, daß sie ihr folgen. Irren ist menschlich. Und es scheint zum anderen Situationen von sehr dramatischem Druck zu geben, und da steht so mancher vielleicht vor Entscheidungen, die zu verantworten eben ein Abwägen verlangt, das möglicherweise auch den glühendsten Reformgegner in große Bedrängnis führen würde. Unter den Journalisten und Verlegern, die sich jetzt der neuen Rechtschreibung befleißigen, gibt es zwar ziemlich viele, denen das recht oder gleichgültig ist, aber auch nicht wenige, die das voller Zorn so halten, denken Sie an Schul- und Kinderbuchverlage oder -autoren. Moralisieren hilft nichts, aufklären ist besser.

Nicht oft genug kann man wiederholen, was Herr Prof. Dr. Matthias Huhn aus Hannover in einem Leserbrief an die FAZ geschrieben hat:

»Die ganze Rechtschreib-Posse läßt hier ein Grundproblem dieser Republik offen zutage treten: die Ent-Demokratisierung und Ent-Professionalisierung in allen Bereichen des politischen Lebens und das Ersetzen des Diskurses mit dem Volk durch simulakrumartige Spektakel.«

Diesem Grundübel müßte man entgegenwirken, wo immer es geht. Der Fisch stinkt vom Kopf her, die Flosse kann nichts dafür.


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 20.03.2006 um 14.25 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3626

Moralische Wertungen, verehrter Herr Lachenmann, sind aber sehr wohl angezeigt, wenn es um die Vorgehensweise der KMK und ihrer Helfershelferschaft geht! Dies ist weithin völlig ungenügend wahrgenommen worden, und das trotz jahrelangen Andauerns eines Verhaltens, das die Öffentlichkeit in keinem anderen Felde der Politik dulden, sondern schon beim ersten Versuch abstrafen würde. Wie das möglich ist, bedarf noch weiterer Untersuchung. Gerade auch das ungerührte Mitläufertum ist eigentlich beunruhigend. Hoffentlich hilft der neueste "Ickler", aber mich plagen Zweifel.


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 20.03.2006 um 13.51 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3625

Zeitungen, die "reformiert" schreiben, verweigern ihren Lesern die bestmögliche Produktqualität; sie mißachten also ihre wichtigsten Kunden. Wer sich so verhält, ist wahrscheinlich auch sonst nicht glaubwürdig.

Mit solchen Äußerungen sollte man vorsichtig sein, denn es handelt sich um eine Wertung, die durchaus nicht für jedermann einleuchtend ist. Es gibt sowohl glaubwürdige Institutionen (z.B. Kirchengemeinden) und Journalisten als auch überhaupt glaubwürdige Menschen, die sich bei der Verwendung der neuen Rechtschreibung keines unrechten Tuns bewußt sind, und es ist auch kein unrechtes Tun.
Ich begehe ja auch keine Verfehlung, wenn ich einen Opel fahre, erst recht, wenn man ihn mir als Dienstwagen hingestellt hat und mir seine Eigentümlichkeiten nichts ausmachen, obwohl es viel gescheiter wäre, einen Mercedes zu fahren.
Die Koppelung moralischer Wertungen mit der Orthographiefrage ist in dieser allgemeinen Form ziemlich verfehlt und hat etwas sowohl Pharisäerhaftes als eben auch völlig Abwegiges. Wir sollten dies endlich aufgeben, es ist ungerecht und wir machen uns damit nicht sympathischer.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 20.03.2006 um 13.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3624

Zu Herrn Eversbergs Liste möchte ich folgenden Punkt zugefügt sehen:

Zeitungen, die "reformiert" schreiben, verweigern ihren Lesern die bestmögliche Produktqualität; sie mißachten also ihre wichtigsten Kunden. Wer sich so verhält, ist wahrscheinlich auch sonst nicht glaubwürdig.


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 20.03.2006 um 13.22 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3622

Öffentlichkeit herstellen wird immer schwerer wegen des allgemeinen und weitverbreiteten Überdrusses. Wichtig bleibt es gleichwohl, z.B. für diese Punkte, die alle bei weitem nicht genügend im öffentlichen Bewußtsein vorhanden sind:

1. Es lohnt nicht, eine neuen Duden oder Wahrig zu kaufen.
2. Die Orthographie ist auch nach der ReformReform kein Gesetz.
3. Verfahrensweise und Durchführung der Reform sind vollkommen inakzeptabel und womöglich unrechtens, wenn nicht gar verfassungswidrig.
4. Wie "man" jetzt schreibt, beruhte früher auf Konsens, heute ist es eine Behauptung, ohne jede Verbindlichkeit.
5. Es nützt den Kindern NICHT, nur die neue Rechtschreibung zu lernen, sondern im Gegenteil, die klassische muß Unterrichtsgegenstand bleiben.
6. "Klassisch schreiben muß richtig bleiben", auch an den Schulen. Lehrer sollten auf der Hut sein beim Anstreichen von klassisch richtigen Formen, es könnte rechtliche Folgerungen wegen Diskriminierung geben.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 20.03.2006 um 12.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3621

Lieber Herr Glück, man kann sicher zu Recht beklagen, daß aus all den Beiträgen in diesem Forum unmittelbar keine Wirkung folgt. Aber wie denn auch? Die Schaltstellen sind anderswo. Unsere Aufgabe - wie sie in vorbildlicher Weise von Prof. Ickler und Herrn Markner wahrgenommen wird - bleibt zuvörderst Aufklärung und die Herstellung von Öffentlichkeit. Ich möchte gern einmal wissen, wer alles in diesem Forum mitliest. Auch das wäre schon ein beachtlicher Effekt unserer mehr oder weniger substantiellen Beiträge. Um es deutlich zu sagen: Diese Seiten sind zur Zeit der wichtigste Versammlungsort der Reformgegner. Dank an die Betreiber und die Redaktion! - Die "wirklichen" Gegner - wo bleiben sie? Haben sie resigniert, weil sie hier keine Chance sehen? Liegt es nicht vielmehr daran, daß sie längst ihr Pulver verschossen (allerdings nicht erfunden ) haben? Denken Sie nur an die peinlichen Auftritte gewisser Leute in letzter Zeit. Die Gefahr des gegenseitigen Schulterklopfens und der ständigen Selbstbestätigung besteht durchaus. Andererseits ist das Thema so unerschöpflich, daß es immer wieder neu beleuchtet werden kann und muß. Allein schon die neuen Dessins, die ab und zu auf den Tisch kommen, sorgen dafür, daß uns der Diskussionsstoff nicht ausgeht. Bleiben Sie dran!


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 20.03.2006 um 10.36 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3620

An den hier geführten Diskussionen mag ja so mancherlei zu kritisieren sein, aber an effizienten Taten hat es die FDS in der Vergangenheit gewiß nicht mangeln lassen. Hier muß insbesondere unserem Vorsitzenden Reinhard Markner, selbstverständlich ebenso Herrn Prof. Theodor Ickler, unser größter Dank ausgesprochen werden. An deren Engagement, uneigennützigem Fleiß und wissenschaftlicher Redlichkeit können sich alle anderen, die sich für die eingetretene Situation zu verantworten haben, ein Beispiel nehmen.

Selbstverständlich wird die FDS ihre Verantwortung für den gewissenhaften Umgang mit der deutschen Sprache und Rechtschreibung weiterhin wahrnehmen.

Eine wichtige Hilfe für unsere Arbeit sind die Meinungsäußerungen auf dieser Seite, sie fließen in alle unsere „strategischen“ Überlegungen ein. Diese selbst allerdings breiten wir aus wohl verständlichen Gründen nicht vor aller Augen aus.


Kommentar von Alexander Glück (letzter Beitrag) www.glueck., verfaßt am 20.03.2006 um 09.57 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3619

Die Debatten hier sind in vielen Fällen äußerst interessant und auch kurzweilig und manchmal erfrischend. Andererseits fällt mir aber -- auch im Blick auf meine eigene Beteiligung -- auf, daß die Sache gelegentlich ihr Ziel aus den Augen verliert und zum Selbstzweck wird:

1. Pluralistischer "Streit" im positiven Sinne findet nur unter Gleichgesonnenen statt. Wirkliche Gegner haben in diesem Kreis keine Chance.

2. Die Erörterungen unter Brüdern bauen zwar Herz und Gemüt auf, führen hier jedoch in den seltensten Fällen in eine (durchgehaltene) Operation. Ich meine, man kann sich angesichts der Lage schon ein Weilchen gegenseitig auf die Schulter klopfen, aber wenn daraus keine Taktik, keine Strategie wird, keine Tatgruppe, kein Plan -- dann schmurgelt alles nur im eigenen Saft.

3. Gleichzeitig werden für mich als Nichtlinguisten die einen Stränge zu wissenschaftlich (das ist das Problem des Lesers), während andere Stränge durch mich und andere Laien zu weltlich werden (das ist das Problem des Schreibers). Wenn dieses Problem unaufgelöst bleibt, dann muß das zwangsläufig dem Forum insgesamt schaden.

Um selbst einen Beitrag zu leisten, die von mir beklagten Punkte zu beheben -- wobei ja jeder einmal den Ergebniswert der verschiedenen Diskussionen hier und insbesondere die Stäublein vor der eigenen Türe begutachten kann --, möchte ich anregen, die Sachfragen hier weiterhin in der bisherigen und auch künftig wünschenswerten Tiefe auszuloten, dabei aber nicht aus den Augen zu verlieren, daß der Diskurs in Taten münden soll, wenn wir ein Ziel erreichen wollen. Engagement ohne Ziel ist jedoch vertane Zeit, akademisches Geplauder. Das Tagebuch selbst verfolgt ein sehr klares und wichtiges Ziel -- das Gemurmel der Jünger nur selten.

Ich wünsche mir und uns, daß sich aus den hier geführten Debatten Handlungsideen und Taten entwickeln, daß Leute wie Herr Kliegis mehr Unterstützung und weniger Defätismus um die Ohren weht, daß diejenigen, deren Beiträge sich manchmal genauso lesen, wie die Polowetzer Tänze klingen, hier weniger Mißmut spüren, und daß Leute von der anderen Fraktion hier keinen Anlaß finden, unsere Seite für unfair zu halten.

Angeblich soll Schweigen Gold sein -- in unserer Sache ist das sicher falsch. Es kommt gleichwohl darauf an, ob man sich nur noch innerhalb des Bunkers äußert oder auch (zugleich oder stattdessen) versucht, diejenigen zu erreichen, die es zu erreichen gilt. Weil ich das aber so sehe, gilt es auch die Konsequenzen zu ziehen.

Ich verabschiede mich daher als aktiver Teilnehmer an diesem Forum, stehe jedermann gerne per Email zur Verfügung und wünsche unserem gemeinsamen Anliegen weitere tragfähige Erfolge und am Ende die komplette Abschaffung des Reformunsinns. Es prüfe jeder, an welchem Platz er die größte Wirkung entfalten kann. Von mir weiß ich es und werde weiterhin danach handeln.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2006 um 09.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3618

Meiner Ansicht nach könnte man sich auf einige Punkte einigen, aus denen dann auch eine Handlungsanweisung folgt:

1. Die noch allgegenwärtige herkömmliche Rechtschreibung ist unvergleichlich besser als jede Version der reformierten und auch etwas besser als ihre Darstellung im Duden von 1991.

2. Die Empfehlungen des Rates sind zwar in ihren Auswirkungen etwas besser als die Reformschreibungen von 1996ff., aber sie sind nicht in allen Bereichen akzeptabel oder gar gut gelungen. Hinzu kommt, daß die Empfehlungen regeltechnisch ziemlich schlecht sind.

3. Das Verfahren der Einführung und Durchsetzung der Reform ist völlig unannehmbar. Das reicht von der Geiselnahme an den Schülern über die Erpressung vieler Autoren und die Lügengeschichten einiger Ministerien bis zu den skandalösen Aktivitäten der verschiedenen Gremien, zuletzt des Rechtschreibrates und seiner Leitung.

4. Es gibt, all dies zusammengenommen, keinen Grund, sich die Restbestände des von Anfang an gescheiterten und anstößigen Unternehmens aufdrängen zu lassen. Besonders unbeachtlich ist die vielbeschworene Rücksichtnahme auf die Schüler, die vor weiterem Umlernen zu schützen seien, und auf die Interessen der Verlage. An der ständigen Entwertung des Gelernten und Gedruckten sind die Reformbetreiber selbst schuld. Ein schnelles Ende der Reform wäre das kleinere Übel.

5. Daraus folgt, daß es unsere vorrangige Aufgabe sein muß, weiter über die genannten Tatsachen und Zusammenhänge aufzuklären. Geduldige Analyse der Dokumente und Erforschung der Hintergründe sind das Mittel der Wahl.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 20.03.2006 um 07.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3617

Professor Jochems: Davon geht die Welt nicht unter.

Natürlich geht davon die Welt nicht unter. Man kann damit leben, natürlich. Man hätte auch schon mit der noch schlechteren Rechtschreibreform von 1996 leben können, und man kann auch mit einer noch viel schlechteren Rechtschreibreform oder Rechtschreibung leben. Jeder hat da seine Maßstäbe, wieviel er aushält, bevor er vom Weltuntergang spricht oder sich umbringt. Aber was sind denn das für Maßstäbe in einer Diskussion unter Leuten, die sich um die Lösung von Problemen bemühen, um die bestmögliche Lösung, wie es vernünftigen und gesunden Menschen eigen ist? In fast jedes Forum, in fast jede Diskussion könnte man sich als überlegener Beschwichtiger einmischen und sagen: "Was seid ihr für Dogmatiker! Seht das doch mal locker: Davon geht die Welt nicht unter." Ich bin der Meinung, daß diese Haltung eine sehr gute private Strategie ist, wenn man selbst nichts mit der Lösung eines Problems zu tun haben will, zum Beispiel weil es einen einfach nicht interessiert oder weil man selber keinen großen Unterschied empfindet zwischen sehr guten, guten, mäßigen, schlechten und sehr schlechten Lösungen. Oder weil man die Arbeit als zu mühsam empfindet. Oder weil man sich nicht so genau auskennt. Deshalb haben wir ja schon genug Leute, die unser Thema so kommentieren: Desinteresse, Unempfindlichkeit, Faulheit, mangelnde Kenntnisse. Aber diese Leute hoffen doch dann, wenn sie einigermaßen normal ticken, daß irgendwelche anderen, denen das Thema näher am Herzen liegt, sich stellvertretend für eine möglichst gute Lösung einsetzen, und stören sie nicht, indem sie ihr Engagement mit der Bemerkung torpedieren, man brauche sich doch nicht so hineinzusteigern; wie gut die Lösung ausfalle, sei doch mehr oder weniger gleichgültig. Dies sagen in unserem Fall vorzugsweise die Betreiber der Rechtschreibreform, die weitere Blamagen und Demontagen fürchten müssen, und die Politiker, die sowieso immer nur beschwichtigen und Probleme wegreden wollen. Man muß ihren Maßstab nicht anpreisen, man muß sie nicht nachahmen. Und es gibt nun wirklich noch bessere Lösungen als die Fortschreibung des jämmerlichen Zustands 2006 – was vor allem Professor Ickler und Reinhard Markner detailliert dargestellt haben.

An Herrn Achenbach: Bei meinem Beitrag über "Geisterfahrer" handelte es sich nicht um Überlegungen zum Straßenverkehr, sondern um einen Vergleich, der die Auswirkungen der Rechtschreibreform veranschaulichen sollte. Ich hielt ihn als Gegendarstellung für nötig. Es ist übrigens doch relativ egal, an welchem Aufhänger (hier: ein Herr Bouillon aus Belgien, zugegeben relativ uninteressant) sich eine Besprechung aufhängt. Aber Sie haben recht: Es gäbe sicher Wichtigeres zu tun, als solche Diskussionen wie hier zu führen (oder führen zu müssen). Was wäre aus Ihrer Sicht jetzt am ehesten zu tun? Vielleicht teilen Sie uns dies mit?


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 19.03.2006 um 23.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3615

Es darf auch nicht vergessen werden, daß die Rechtschreibreform mittels einer nicht für möglich gehaltenen Diskriminierungsoffensive durchzusetzen versucht wurde und wird (vgl. "Krawallmacher"). Durch die Reform ist die Orthographie genau das geworden, was die Reformer ihr immer vorgeworfen hatten, nämlich ein Disziplinierungsinstrument ersten Ranges. Anhand der Schreibweisen läßt sich im täglichen Schriftverkehr feststellen, wer sich unterwirft und wer nicht. Wer sich dem Unsinn verweigert, gilt als unbotmäßig, mithin als unzuverlässig.

Eine Orthographiereform als Mittel der Sozialdisziplinierung - das ist Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 19.03.2006 um 21.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3613

Es gibt das unabweisbare Bedürfnis nach einer verbindlichen Rechtschreibung. Schlicht gesprochen: Wer schreibt, besonders wer für andere, im weitesten Sinne: öffentlich, schreibt, will wissen, wie man richtig schreibt - damit er ebenso schreibt. Neben der Hochsprache ist eine gemeinsame Schreibung ein identitätsstiftendes Moment einer Gesellschaft. Auch in einer übereinstimmenden Orthographie versichern wir uns unserer Zusammengehörigkeit, ähnlich wie in der Befolgung gewisser Umgangsformen. Daran ändert die Tatsache der unterschiedlichen Beherrschung dieser Norm nichts. Da alle mindestens die Pflichtschule absolviert haben, ist jedem mehr oder weniger bewußt, daß es so etwas wie richtiges Schreiben gibt. Allerdings wird die Orthographie in Leben und Alltag des einzelnen eine höchst verschiedene Bedeutung haben, je nach Bildung, sozialer und beruflicher Stellung usw. (Dabei ist zu bemerken, daß oft sogenannte einfache Leute fast fehlerfrei richtig schreiben können, zumindest konnten sie das in früheren Zeiten). Die richtige Schreibung sucht man im Zweifelsfall im Wörterbuch. Dieses genießt wie das Grundbuch "öffentlichen Glauben". Den normalen Benutzer interessiert dabei wenig, woher die Norm stammt, die das Wörterbuch verkündet. Er wird wohl stillschweigend voraussetzen, daß sie die Art und Weise widerspiegelt, in der die "Fachleute" schreiben. - In jüngster Zeit hat sich nun eine neue Lage ergeben, wie sie bisher noch nicht aufgetreten war. Ich brauche hier den Weg oder, wie viele meinen, Irrweg, der zur gegenwärtigen Rechtschreibmisere führte, nicht noch einmal nachzuzeichnen. Nicht nur die Legitimität der Normsetzung ist zweifelhaft geworden, die Rechtschreibung selbst, die doch als Norm (Verhaltens-) Sicherheit vermitteln sollte, ist ins Rutschen geraten. Ein solcher Zustand ist aber nicht lange auszuhalten. Ich denke, daß die Alternativen "Anarchie" und "neuer Rigorismus" nicht die einzigen Optionen sind, die zur Wahl stehen. Wenn es den Reformern ursprünglich um eine "Antidiskriminierungsoffensive" ging, so waren sie nur insofern irregeleitet, als sie auf Vereinfachung und Erleichterung einer Kulturtechnik setzten, die sich solchen Bemühungen aus vielerlei Gründen widersetzt.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 19.03.2006 um 18.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3612

Liebe Freunde, worum geht der Streit denn eigentlich? Die abgespeckte Neuregelung von 1996 hat die Schreibung einfacher, unzusammengesetzter Wörter bzw. der Wortstämme unserer Sprache gelassen, wie sie ist. Herrn Augsts Volksetymologien und forcierte Fremdworteindeutschungen sind so marginal, daß sie in den Texten keine Rolle spielen. Auffällig ist zwar jetzt die ss-Schreibung am Silbenende, die aber nur den Mittelweg geht zwischen der Schweizer ß-Losigkeit und den traditionellen Adelungschen Schreibungen. Echte Substantive werden weiterhin groß geschrieben. Nennenswerte Veränderungen gibt es lediglich bei der Schreibungen der Univerbierungen und der Substantivierungen. Herrn Zehetmairs Rat hat im ersten Fall die Wahl zwischen der Getrennt- und Zusammenschreibung so generös freigegeben, daß Schreiber mit einem feinen Empfinden für Differenzierungsmöglichkeiten keinen Unsinn mehr schreiben müssen, ungeübte Schreiber sich dagegen nicht pedantischer Kritik aussetzen. Es wäre gut, wenn der Rat ähnlich mit der Groß- und Kleinschreibung verfahren wäre. Dann hätten wir jetzt tatsächlich Rechtschreibfrieden - eine "Qualitätsorthographie" für das professionelle bzw. das gebildete Schreiben, eine "Gebrauchsorthographie" für jedermann. Herrn Augsts Warnung vor dieser Lösung ging davon aus, daß sich die schlichten Schreiber deklassieren würden. Das ist aber doch eher eine Frage des gesellschaftlichen Konsenses und der Toleranz seitens der Privilegierten. Am Ende würde die Schreibgemeinschaft zwar erkennbar in zwei Lager zerfallen, dies aber lediglich aufgrund von "daß" oder "dass". Davon geht die Welt nicht unter. Der Staat hat sich mit der Rechtschreibreform so schrecklich die Finger verbrannt, daß er sich einer freiheitlichen Weiterentwicklung unserer Rechtschreibung nicht in den Weg stellen wird. Nach wie vor sind aber unsere Schulen gefordert. Ohne einen intelligenten Unterricht ist unsere dann immer noch sehr komplizierte Rechtschreibung nicht zu erwerben und zu beherrschen. Wäre in dem Punkte nicht in der Vergangenheit geschlurrt worden, gäbe es die heutigen Probleme nicht. Im übrigen sollte es sich herumsprechen, daß nur ein Narr sich noch einmal einen Duden oder einen als Wahrig getarnten Bertelsmann kauft.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 19.03.2006 um 18.30 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3611

Schon erstaunlich, daß eine Drei-Zeilen-Meldung über einen gewissen Herrn Bouillon so viele Beiträge hervorruft - einschließlich einer in anderem Zusammenhang vielleicht interessanten Diskussion über "Geisterfahrer".
Gibt es nicht Wichtigeres zu tun?


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 19.03.2006 um 18.19 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3610

Der unvoreingenommene Leser wird die zugrunde gelegten richtigen Schreibungen jedoch kaum ermunternder finden.

Die Zehetmair-Reform macht das Desaster der Regelgläubigkeit nun an dieser Stelle offenkundig. Weiteres wird folgen. Die Emanzipation ist in Fahrt geraten, freilich anders, als sich die linkslastigen Reformer das vorgestellt hatten.

Wie soll man sich den unvoreingenommenen Leser vorstellen? Entweder hat er vor der Reform Lesen und Schreiben gelernt, dann wird er die damals „richtigen“ Schreibungen weder ermunternd noch enttäuschend, sondern einfach normal finden. Oder er hat nur die reformierte Rechtschreibung gelernt, dann wird er sich schwer tun, etwas anderes als „richtig“ erkennen zu sollen.

Das Desaster der Regelgläubigkeit mag offenkundig geworden sein. Oder ist es nicht eher das Desaster der Regulierungsanmaßung? Der Wunsch nach geregelter Orthographie wird durch das Desaster, so oder so, aber nur umso deutlicher werden. Der Emanzipation von Rechtschreibregeln ist auf den Vorgängerseiten in den Jahren um 2000 schon einmal das Loblied gesungen worden, wenn ich es richtig erinnere (leider sind die entsprechenden Beiträge nicht mehr auffindbar). Es sollte sogar ein Wörterbuch geben für mündige Rechtschreibbürger, die gar keines brauchen, weil sie von alleine richtig schreiben. Wie soll eine solche „mündige“ oder „emanzipierte“ Schreibkultur entstehen? In der Schule lernen die Kinder Lesen und Schreiben und lernen dabei, was „falsch“ und was „richtig“ ist. Das geht nur, wenn eine orthographische Grundsubstanz einvernehmlich vorhanden ist, ein orthographischer Wortschatz und Rechtschreibbräuche, ob das nun „Regeln“ sind oder nicht. Erst wenn dieses orthographische Grundwissen vorhanden ist, kann eine Emanzipation stattfinden, und nur sehr wenige Menschen werden ein Bedürfnis nach einer solchen Emanzipation verspüren, Menschen meinetwegen wie Thomas Mann oder Wibke Bruhns, von denen ich mir nicht einmal so sicher wäre, daß sie bewußt eigene Schreibweisen praktiziert haben. Solche „Emanzipationen“ werden sich auch immer nur in sehr kleinen Dosen in Texten nachweisen lassen. Jeder von uns hat, vermute ich, sich schon immer seine kleinen orthographischen Freiheiten genommen und sie liebgewonnen, ich jedenfalls schon.

In Fahrt geraten kann eine Emanzipation, nach der sich niemand sehnt, schwerlich (die Sehnsucht nach der orthographischen Anarchie, die manche schon begeistert meinten ausrufen zu sollen, dürfte ebenso selten anzutreffen sein). In Fahrt geraten ist vielmehr eine orthographische Verunsicherung und Gleichgültigkeit, und dieser Zustand wird mehr denn je den Ruf nach einer Regulierung laut werden lassen.

Wir dürfen uns also auf weitere Flickschustereien gefaßt machen, solange die orthographische „Regelungsgewalt“ nicht in staatsferne, kompetente Hände kommt. Und danach sieht es vorläufig nicht gerade aus.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 19.03.2006 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3609

Wir hatten eine weitgehend einvernehmliche, gut funktionierende Rechtschreibung von hervorragender Qualität. Der Staat hat mit seiner schwachsinnigen und destruktiven Rechtschreibreform ein riesiges Durcheinander angerichtet. Manche kommentieren von vermeintlich überlegener Warte aus, indem sie sich weigern, in der Auseinandersetzung Position zu beziehen: "Ist dieses absurde Durcheinander nicht großartig? Keine Partei hat jetzt mehr recht. Jetzt müssen beide Seiten von ihrer dogmatischen Engstirnigkeit ablassen, aufeinander zugehen und eine gemeinsame Lösung finden." Ich kann das Durcheinander überhaupt nicht großartig finden und finde auch solche Kommentare weder besonders überlegen noch ermunternd.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.03.2006 um 16.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3608

Nein, lieber Herr Jochems, Kürschner hat nicht recht. Nur wenn man die bisherige Rechtschreibung mit ihrer Darstellung im Duden gleichsetzt, kann ich als Neuerer erscheinen. Da ich mich von den willkürlichen Einzelwortfestlegungen und gewissen sonderbaren Annahmen der Dudenredaktionen (wie der graphischen Kennzeichnungen des übertragenen Wortgebrauchs - in einigen Fällen) abgewandt habe, was überhaupt keiner Bemerkung wert wäre, wenn es nicht die fatale Amtlichkeit des Duden gegeben hätte, sondern einfach das Gegebene etwas genauer beschrieben habe, kann von einer Reform, gar einer radikalen, überhaupt keine Rede sein. Der beste Beweis ist die orthographische Unauffälligkeit von Texten, die nach meinem Wörterbuch geschrieben sind.

Radikal ist nur meine Ablehnung einer staatlichen Privilegierung bestimmter Darstellungen und Normierungen. Diese Ablehnung beruht auf der Achtung vor der gewachsenen Sprache.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.03.2006 um 14.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3606

Wer die Reform von Anfang an verfolgt hat, weiß, daß die Schreigemeinschaft zunächst durchaus gewillt war, die versprochenen Verbesserungen und Erleichterungen anzunehmen, und daß die Stimmung erst umkippte, als die Auswirkungen in den Zeitungen sichtbar wurden. Erst als Schreibgemeinschaft feststellte, daß die bisherige Rechtschreibung einfach besser war, und deswegen an ihr festhielt, kamen von den Reformern die Beschimpfungen vom Festhalten an alten Gewohnheiten usw.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 19.03.2006 um 14.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3605

Danke für die Blumen. "Schreibspontaneität" meint natürlich nicht die saloppe Art der digitalen Jugendkultur, sondern die orthographische Souveränität gebildeter Schreiber wie Katja Mann und Wibke Bruhns.

(vgl. http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#228, http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=237#1047, http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=145#486, http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=275#910).

Bisher wurden bei uns die Rechtschreibreformer als "Geisterfahrer" angesehen, nun fühlen sich Mitstreiter angesprochen. Kann der Wirrwarr größer sein? Prof. Ickler hat in den letzten Tagen minutiös nachgewiesen, was im neuen Regelwerk alles falsch ist. Der unvoreingenommene Leser wird die zugrunde gelegten richtigen Schreibungen jedoch kaum ermunternder finden. Dabei kennt er wahrscheinlich nicht einmal Prof. Icklers Wörterbucheinträge mit dem Bindebogen. Prof. Kürschner hat in diesem Zusammenhang von einer radikalen Rechtschreibreform gesprochen. Er hat recht. Bei den Univerbierungen ist die Rückkehr zur alten Haarspalterei verbaut. Die Zehetmair-Reform macht das Desaster der Regelgläubigkeit nun an dieser Stelle offenkundig. Weiteres wird folgen. Die Emanzipation ist in Fahrt geraten, freilich anders, als sich die linkslastigen Reformer das vorgestellt hatten. Sieht das bei einigen unserer Mitstreiter anders aus?



Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 19.03.2006 um 12.35 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3603

Das gerade amtlich beglaubigte Desaster der Rechtschreibreform ist im Grunde das Ende aller Versuche, die quirlige Schreibspontaneität der deutschen Sprachgemeinschaft in die Zwangsjacke voluminöser Regelwerke und offiziöser Rechtschreibwörterbücher zu stecken.

»Amtlich beglaubigt« wurde nicht das Desaster der Rechtschreibreform, sondern im Gegenteil ein »Rechtschreibfrieden«, den das Zehetmairsche Flickwerk angeblich herbeigeführt haben soll. Politiker und Presse preisen dieses Halbfertigfabrikat als gelungenes Versöhnungswerk, auch wenn die Originalreform sogar nach eigenem Bekunden des Ratsvorsitzenden nur von den »schlimmsten Auswüchsen« befreit worden sein soll. Die zweitschlimmsten und alle weiteren schlimmen Auswüchse dürfen jetzt Bestandteil der amtlichen deutschen Rechtschreibung werden, auch wenn dies, wie Herr Zehetmair einräumt, » für die Sprache vielleicht nicht das Beste ist«.

Diese Aussage des Ratspräsidenten sollte als Präambel in die Titelseiten aller künftigen deutschen Sprachlehrbücher und Wörterbücher in großer, staatstragender Antiquaschrift eingedruckt werden, per ministeriellem Dekret. Denn leider werden derartige Zwangsjacken eben doch weiterhin ihren Einfluß auf die Sprach- und Schreibpraxis ausüben, und die quirlige Schreibspontaneität dürfte außerhalb der E-Mail-Kindereien kaum einen Lebensraum finden. Und was sie dort anrichtet, hat mit Sprachkultur eigentlich nur als merkwürdige, etwas alberne Nebenerscheinung etwas zu tun.

Übrigens halte ich persönlich es nicht für völlig ausgeschlossen, daß jemand die hier hauptsächlich vertretenen Meinungen nicht in vollem Umfange teilt und dennoch ein sowohl intelligenter, sachkundiger und charakterlich integrer Mensch sein kann.


Kommentar von R. M., verfaßt am 19.03.2006 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3602

Geistreich gibt sich, wer kenntnisarm ist – das ist ein Gesetz des die Mühen der Recherche scheuenden Feuilletons. Aus der Distanz der Ahnungslosigkeit findet sich immer etwas, was mit mildem (oder altersmildem) Spott bedacht werden kann. Wozu die Aufregung? Wenn einem zuviel Verkehr entgegenkommt, nehme man einfach die nächste Ausfahrt und fädele sich in der Gegenrichtung wieder ein. Immer mit dem Verkehrsstrom schwimmen, dann ist man auf der sicheren Seite. Unverdorbene Politiker und unverbrauchte Experten weisen den Weg.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 19.03.2006 um 11.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3601

Etwas geistreicher ist Toma Tasovacs letzter Satz wohl doch. Er beruht auf einem Wortspiel, und zwar gleich doppelt: "to spell" und "to predicate" besorgen mit ihrer Mehrdeutigkeit den Abschied von unserem leidigen Thema und einen Hinweis auf die allgemeine Stimmungslage hierzulande. Ich halte mich eher an diese beiden Sätze:

Germany is changing its orthography for the second time in 10 years. Politicians are praising the revised set of rules, but it is unlikely that the second-hand reform will put an end to German spelling woes. [...] Spelling is a conventional set of rules, and it is definitely not set in stone. But it requires consistency and should not be changed every few years.

Ich freue mich übrigens über den paradoxen Ausgang des Rechtschreibstreits: den Sieg der deutschen Rechtschreibung über Alt- wie Neuregulierer. Die einen wie die anderen sind hier die Verlierer. Manche haben es nur noch nicht gemerkt. Das gerade amtlich beglaubigte Desaster der Rechtschreibreform ist im Grunde das Ende aller Versuche, die quirlige Schreibspontaneität der deutschen Sprachgemeinschaft in die Zwangsjacke voluminöser Regelwerke und offiziöser Rechtschreibwörterbücher zu stecken. Wir sollten uns an den Rat der Lüneburger Oberverwaltungsrichter an unsere Jean d'Arc aus Elsfleth halten - was können die Beckmesser mit oder ohne Rotstift dem souveränen Schreibvolk schon antun? Die Streithähne der beiden Seiten sollten sich nun zusammenfinden, nicht an einem Runden Tisch zur einvernehmlichen Arrondierung des Regelgestrüpps, sondern zu gemeinsamem Gelächter. Es kann nicht herzhaft genug sein.



Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 19.03.2006 um 10.13 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3599

But the overall course of the spelling reforms spells trouble for the German nation because it shows that the ability to change is predicated upon the ability to give up old habits. And it is in the department of old habits that Germany is showing its greatest weakness.

Mit diesem Schlußsatz wirft der Autor sozusagen seinen ganzen vorhergehenden Text selbst in den Papierkorb. Schildert er doch völlig plausibel und korrekt die Problematik der Rechtschreibreform, ihre eigene Unzulänglichkeit und die tolpatschigen Bemühungen der Politiker, sie gegen den Willen der Mehrheit und kompetenter Kritiker durchzusetzen. Warum soll denn dann eine Unfähigkeit, alte Gewohnheiten aufzugeben, Deutschlands größte Schwäche sein? Außerdem stimmt das ja im Falle Rechtschreibreform gar nicht. Erstaunlich viele Deutsche sind ja bereit, ihre Abneigung gegen die Reform zu überwinden, alte Rechtschreibgewohnheiten aufzugeben, und schreiben und lesen nolens volens reformierte Rechtschreibung. Nur wie!

Ein Sieg der deutschen Rechtschreibung über alle? Es strampeln momentan zwar alle, aber einen Sieger gibt es hier wohl so wenig, wie nach einem Gewittersturm. Jetzt muß man halt aufräumen, so gut es geht, retten, was noch heil ist – das ist glücklicherweise noch eine ganze Menge – und aufpassen, daß aus den Trümmern nicht vorschnell untaugliche Neubauten zusammengezimmert werden.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 19.03.2006 um 05.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3597

Geisterfahrer?

Ich weiß nicht genau, wie die Parallele zwischen dem Autobahnverkehr mit Geisterfahrer(in) und den Kontrahenten in der Rechtschreibreform-Debatte aussieht, die Professor Jochems sich vorstellt. Es scheint für ihn einen "Geisterfahrer" auch bei den letzteren Parteien zu geben, die gegeneinander antreten bzw. "fahren", sonst wäre die Übertragung des blamablen Niveauverlusts vom Bild auf den Gegenstand nicht möglich.

Aber wer ist denn der Geisterfahrer? Zunächst einmal gibt es auf der Autobahn nur zwei Richtungen, während die Rechtschreibung, in welcher Fassung oder Verfassung auch immer, aus einer Fülle von Schreibweisen und Regeln besteht, die in praktisch jeder Kombination gemischt vorkommen, wobei diese Millionen verschiedenster Mischungen aufeinandertreffen. Eine solche Richtungsvielfalt könnte man vielleicht bei der Beobachtung eines Bienenschwarms feststellen, nicht aber auf einer Autobahn. Man muß schon sehr stark vergröbern (im Prinzip für oder im Prinzip gegen "die" Rechtschreibreform), um zu einer Vergleichbarkeit zu gelangen.

Zweitens gibt es dann immer noch auf einer Autobahn in aller Regel höchste Übereinstimmung – und nur ganz selten mal einen einzelnen Verirrten, der genau entgegengesetzt fährt. Die Einheitlichkeit bei der Richtungswahl auf einer Autobahnschiene beträgt vielleicht hundert Millionen zu eins. Damit läßt sich der Zustand der deutschen Rechtschreibung nun wirklich nicht vergleichen, denn hier fährt derzeit alles wirr durcheinander, so daß es überaus schwierig für den einzelnen ist, die "richtige" Richtung zu wählen; man kann von einer richtigen Richtung hier kaum mehr sprechen.

Drittens ist die Geisterfahrt auf der Autobahn mit Lebensgefahr und dem eindeutigen Verschulden eines einzelnen Verkehrsteilnehmers verbunden, der im Prinzip aus dem Verkehr gezogen gehört, eben weil er sich und andere mangels Eignung in Lebensgefahr bringt. Wiederum entfällt die Vergleichbarkeit mit den Schäden durch die Rechtschreibreform, bei der es nicht um Lebensgefahr geht und bei der es vielleicht hundert Hauptverantwortliche gibt, wenige tausend gewichtige Mitverantwortliche (ich denke in erster Linie an Politiker und Journalisten), aber auch Millionen, die teils unwissend, teils zynisch ihren kleinen Teil zur Beförderung des Unglücks beigetragen haben.

Noch einmal zum zweiten Punkt. Das Bild vom Geisterfahrer ist nach meinem Eindruck vor allem deshalb schief, weil sich bei der Rechtschreibung nicht hundert Millionen Teilnehmer gegen einen einzigen erratischen Abweichler bewegen, sondern es gibt zwei starke Parteien. Wie sähe das auf der Autobahn aus? Zunächst fahren alle in dieselbe Richtung. Dann kommt die Reform. Die von besonderen Sanktionen bedrohten Busse (Schulen) folgen der Anweisung, plötzlich umgekehrt zu fahren; von den dicken, auffälligen Lkw kehren knapp die Hälfte (Zeitungsverlage, mit Ausnahmen) um, eine Hälfte der Lkw (Buchverlage) fährt teils so, teils so; während sich von den privaten Pkw nur ca. zehn Prozent umstellen, die anderen fahren weiter wie gehabt. Mit der Zeit steigt die Zahl derjeigen Privat-Pkw, die umdrehen, auf gut zwanzig Prozent. Von den Geschäfts-Pkw fahren mehr umgekehrt, zwar zunächst zögernd, aber mit der Zeit handelt es sich um eine Mehrheit. Nach Altersgruppen aufgeschlüsselt, fahren die Jüngeren zu einem ansehnlichen Anteil umgekehrt, während die älteren die früher übliche Richtung mit großer Mehrheit beibehalten. Die erfahrensten Berufs-Pkw-Fahrer (Schriftsteller) fahren mehrheitlich in der früheren Richtung weiter. Sie sagen: Die Reform ist Unsinn, da mache ich nicht mit.

Wie sieht die Diskussion sonst aus? Von den Pkw-Fahrern sagen die meisten: "Ich fahre so, wie es mir paßt." Oft bedeutet das: "Ich wähle die Richtung mal so und mal umgekehrt." Fast alle Fahrer sagen, daß sie mit der Richtungsreform nicht einverstanden sind. Zumindest, daß der Beschluß "unnötig" war und keine erkennbaren Vorteile gebracht habe. Sehr viele ärgern sich auch, die meisten nehmen aber die neuen Verhältnisse achselzuckend hin und versuchen sich im Durcheinander irgendwie durchzuwursteln. Dazwischen stehen einige Verkehrspolizisten (Lehrer), die nur für die Busse zuständig sind und die sich bemühen, ihre Busse in die neue Richtung zu dirigieren. Auch von ihnen sagen die meisten: "Der Beschluß ist sehr problematisch, und mir ist es inzwischen persönlich egal, wie sonstige Verkehrsteilnehmer fahren; ich vergebe eben die Strafpunkte an die Busse so, wie ich muß, winke aber auch oft ab." Nur eine kleine Minderheit, nämlich die Geschäftsführer der Transportfirmen mit den Bussen und Lkw, sagt: "Wir müssen leider den Beschluß umsetzen, also fahren wir in die neue Richtung. Es kann nur eine richtige Richtung geben, und das ist diejenige, die zuletzt von der Politik für die Busse angeordnet wurde."

So könnte man den Vergleich weiter ausspinnen, und es zeigt sich: Von einem Geisterfahrer kann überhaupt nicht die Rede sein. Vielmehr tritt überdeutlich hervor, daß der Beschluß, es sollten plötzlich alle andersherum fahren, unüberbietbar absurd ist, weil er nicht einheitlich umgesetzt werden kann und ungeheure Anstrengungen sowie viel höhere Kollateralschäden mit sich bringt, ohne daß Aussicht auf irgendeinen Vorteil besteht. Zwangsläufig entsteht die unerfreuliche Debatte. Den Teilnehmern ist also nicht grundsätzlich Niveaulosigkeit vorzuwerfen, vielmehr sind sie an dem ganzen Streit fast alle unschuldig.

PS: Der Verkehr ist keineswegs "unregulierbar", wenn die Politik auf solche krassen Fehlleistungen wie die Reform verzichtet – oder, alternativ, wenn sich die Verkehrsteilnehmer darauf einigen, der destruktiven Anordnung die Gefolgschaft zu verweigern. Eine weitere Lösung des Durcheinanders ist schwer vorstellbar, es sei denn, man setzt einen Zeitraum von Jahrzehnten an und ist bereit, viel höhere Schäden in Kauf zu nehmen, als bislang schon unnötigerweise entstanden sind.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 18.03.2006 um 21.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3596

Gestern stand in der Zeitung zu lesen, eine Geisterfahrerin habe per Handy der Polizei gemeldet, ihr kämen lauter Geisterfahrer entgegen. Auf dem Niveau ist die Diskussion über den neuesten Schwenk der Rechtschreibreform angekommen. Wohltuend hebt sich davon ab, was ein Kommentator der Deutschen Welle mit dem urdeutschen Namen Toma Tasovac am 5. März seinen Hörern in der englischsprachigen Welt zu sagen wußte (siehe hier.

Freuen wir uns doch über den Sieg, den die deutsche Rechtschreibung über alle errungen hat: Sie ist unregulierbar. Vielleicht kann ein unverbrauchter Experte wie Heinz Bouillon das auch dem Hohen Rat zu Mannheim vermitteln.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.03.2006 um 19.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3595

Herr Bouillon, dessen Name mir bisher unbekannt war, hat nichts Schlimmes gesagt, sondern läßt außer Höflichkeiten nur erkennen, daß er noch nicht weiß, was ihn erwartet - wie könnte er auch! Falls der Rat überhaupt noch einmal etwas Inhaltliches besprechen sollte (ich zweifele aber sogar an dem Septembertermin), werden andere das erledigen; die Vertreter der Minderheiten hatten bisher nichts zu sagen und haben auch in der Tat nichts gesagt.


Kommentar von W.L., verfaßt am 18.03.2006 um 19.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3593

„Die Menschen sehen, was vor Augen ist, der HErr aber sieht das Herz an.“

„An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.“

Wobei hinzuzufügen ist, daß Prof. Bouillon auch als orthographischer Heiland wenig ausrichten können würde in dieser konspirativen Organisation, die ein Interesse jedenfalls nicht hat: die angemessene Pflege der deutschen Orthographie. Und schon gar nicht die Kompetenz dazu.

Auf den Seiten der FDS wird niemand vorverurteilt oder mit abfälligen Bemerkungen bedacht, schon gar nicht, wenn man so gut wie nichts über ihn weiß.

Übrigens braucht es kaum die Untugend der Selbstüberschätzung, um sich kompetent genug zu fühlen für diesen Rat für deutsche Rechtschreibung, dessen Vorsitzender sich nicht scheut, glänzende Beispiele peinlichster Ignoranz der Materie in der Öffentlichkeit von sich zu geben. Wenn der Neuling nur unvoreingenommen und neugierig sein sollte, wäre schon viel gewonnen. Der wissenschaftliche Ehrenkodex des ausgehenden 19. Jahrhunderts dürfte heute in keinem Lebensbereich mehr anzutreffen sein, warum ausgerechnet hier?


Kommentar von R. M., verfaßt am 18.03.2006 um 18.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3591

Theodor Ickler hat verschiedentlich auf den Niveauverlust hingewiesen, der erkennbar wird, wenn man Äußerungen aus der orthographischen Debatte zwischen 1876 und 1901 neben solche aus der jüngeren Vergangenheit stellt. Über den Wilhelminismus und über den Gelehrten alter Prägung ist viel gespottet worden. Aber es ist kaum vorstellbar, daß sich ein Germanist des ausgehenden 19. Jahrhunderts in ein »Expertengremium« hätte berufen lassen, das mit Fragen befaßt ist, von denen er eingestandenermaßen nicht viel versteht. Professor Bouillons Bescheidenheit hat eine Kehrseite, es ist die unbekümmerte Selbstüberschätzung.


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 18.03.2006 um 18.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3590

Auch wenn das zum „hochkompetenten Philologen“ nicht so recht passen will: vielleicht hat Herr Prof. Bouillon einfach die Situation noch nicht in ihrer ganzen Dimension erfaßt und freut sich ganz unschuldig über die „Ehre“, zu diesem Rat berufen worden zu sein. Jedenfalls gibt es allein aufgrund der Nachricht im „Grenz-Echo“ meines Erachtens keine Veranlassung, sich über ihn abfällig zu äußern. Er hat sich ganz eindeutig bisher mit der Rechtschreibreform nur beiläufig befaßt, sie wohl auch nicht weiter ernst genommen, weil sich französischsprachige Studenten vorrangig mit ganz anderen Themen beschäftigen, wenn sie deutsche Philologie studieren. Dies bestätigen mir auch Bekannte, die in Paris französische Studenten in deutscher Sprache und Literatur unterrichten. Man weiß, daß es eine reformierte Orthographie gibt, kümmert sich aber so gut wie gar nicht darum, macht sich jedenfalls keine Mühe, in deren Geheimnisse einzudringen.

Nun kommt Herr Prof. Bouillon in die für ihn vorläufig hauptsächlich interessante und ehrenvolle Situation, dem Rat für deutsche Rechtschreibung anzugehören, und verspricht sich davon, daß er „von den vielfältigen Vorstellungen“ seiner Kollegen einiges lernen kann. Das ist doch höchst sympathisch! Ein Professor, der noch einiges lernen will!

Ich weiß nicht, wieviele Professoren der deutschen Sprachwissenschaft es gibt, aber klar ist ja, daß sich davon wohl bestenfalls eine „Hand voll“ für Orthographie interessieren bzw. alle anderen die Rechtschreibreform für eine eher harmlose und eben allenfalls etwas gewöhnungsbedürftige Angelegenheit halten. Das muß einen anderen Grund haben, als den, daß es sich hier um lauter charakterlich defizitäre Zeitgenossen handelt. Vielleicht liegt es an deren Bildungsweg, bei dem Rechtschreibung nicht als Bestandteil der Sprachkultur, sondern lediglich als eine Art „Vehikel“ vermittelt und verstanden worden ist.

Nur so ist auch zu begreifen, daß es Sprachwissenschaftler gibt, die die „SMS-Sprache“, die ja nichts anderes ist, als eine kindliche Masche, in einem Atemzug mit der Schreibpraxis im Mittelalter oder eben der „offiziellen“ Schreibpraxis nennen. Unvergeßlich ist mir ein Seminar eines Münchner Professors über diese „SMS-Sprache“. Er beschrieb zunächst einige in E-Mails unter Freaks gängige Zeichen, bewunderte die Kreativität der jungen Leute, die sich diese haben einfallen lassen, und fand dann allen Ernstes, diese Smileys seien eine bemerkenswerte Erweiterung der zwischenmenschlichen Kommunikationsmöglichkeiten, könne man damit doch nunmehr ganz persönliche Gefühle mitteilen, wie das bisher nicht der Fall gewesen sei.

Wie ahnungslos Herr Prof. Bouillon vorläufig noch ist, zeigt folgende Äußerung: „[...] die deutsche Sprache [...] ist nicht die Standardsprache eines Zentralstaates. Sie ist die Sache von allen geblieben. Für mich ist schon allein die Diskussion um die Rechtschreibung ein großer Reichtum. Die Tatsache, dass eben diese Frage nicht zentral gesteuert wird, ist für mich ein Positivum.“

Nun wird er Gelegenheit haben, seine Vorstellungen von den Verhältnissen in Deutschland zu korrigieren. Gönnen wir ihm diese Erfahrung.



Kommentar von R. M., verfaßt am 18.03.2006 um 17.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3589

In Johann Baptist Zehetmairs Heimat gibt es für Gestalten wie den bescheidenen Gelehrten Bouillon eine schöne Bezeichnung: man nennt sie Adabei.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 18.03.2006 um 17.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3588

Aus dem Interview:

»Welche Erwartungen knüpfen Sie an Ihre Arbeit in diesem Gremium?

Ich verspreche mir, dort von den vielfältigen Vorstellungen meiner Kollegen zu lernen und aktiv an Vorschlägen mitzuwirken. International an der Kodifizierung gewisser Aspekte der deutschen Sprache teilnehmen zu können ist schon eine motivierende Aufgabe.«

Lieber Herr Ickler, vielleicht schicken Sie Ihren Abschiedsbrief vom 24. Februar auch noch an den belgischen Kollegen, so daß er eine Vorstellung davon gewinnt, woran es im Rat mitzuwirken gilt; mal sehen, ob er das weiterhin motivierend findet.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 18.03.2006 um 15.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=441#3583

Heinz Bouillon, der demnächst die Deutsche Gemeinschaft/Belgien im Rat für deutsche Rechtschreibung vertreten wird, verstärkt dort die Gruppe der Professoren. Was er gerade zu unseren Problemen sagt, wird hierzulande die Kritiker nicht begeistern:

Ich wende persönlich die neuen Regeln an, zögere wie die meisten Deutschsprachigen des Öfteren und bemerke bei mir selber manchmal den Pawlowschen Reflex der alten Rechtschreibung. Die neue Rechtschreibung ist ein bisschen wie der Euro: Man geht damit um, weil alle sich darauf einigen. Im Kopf rechnet man aber noch mit den alten Franken oder der alten Mark, damit man sich den Wert genauer vorstellen kann.

Für Franzosen liegt das alles ganz klar. Sie haben die Académie française, deren Aufgabe seit Richelieu darin besteht, Hüter der französischen Sprache zu sein. Für die deutsche Sprache sieht das ganz anders aus. Sie ist nicht die Standardsprache eines Zentralstaates. Sie ist die Sache von allen geblieben. Für mich ist schon allein die Diskussion um die Rechtschreibung ein großer Reichtum. Die Tatsache, dass eben diese Frage nicht zentral gesteuert wird, ist für mich ein Positivum. In Frankreich und England wäre eine tief greifende Rechtschreibreform nicht denkbar.

Diskussion ist übrigens das ernsthafte Ringen um Wahrheit. Eigentlich ein demokratisches Grundprinzip, aber auch Rosa Luxemburg meinte ja wohl mit ihrem Diktum über die Freiheit nichts anderes.



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