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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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14.03.2006
 

Quantités négligeables
Statistisches zur Rechtschreibreform

In einer ersten Schätzung hatten wir angegeben, daß die vom Rechtschreibrat beschlossenen Regeländerungen es ermöglichten, in einem durchschnittlichen Text bei etwa jedem tausendsten Wort wieder die Zusammenschreibung zu wählen.

Eine Überprüfung am Gesamttext des Feuilletons der F.A.Z. vom 13. 3. 2006 legt es nahe, diese Schätzung nach unten zu korrigieren. Bei insgesamt fast 20000 Wörtern erlauben die neuesten Regeln in vier Fällen optional die Zusammenschreibung; in weiteren vier Fällen wird diese vorgeschrieben, wobei in einem dieser Fälle im Ausgangstext (gemäß der alten Dudennorm) keine Zusammenschreibung vorliegt. Die quantitativen Auswirkungen der ersten Reform der Reform sind etwa doppelt so hoch anzusetzen. Die 2004 wieder zugelassenen Zusammenschreibungen gelten allerdings sämtlich (auch weiterhin) nur als Varianten.

Von 19752 Wörtern (ohne Autorennamen) sind maximal 288 von der Reform betroffen (mögliche Übergeneralisierungen – siehe Anhang – nicht eingerechnet), also 1,46%. Die Schreibung dass macht allein ein Drittel der Änderungen aus.

Kommasetzung und Silbentrennung sind in der folgenden Aufstellung nicht berücksichtigt, da sich hier durch die Ratsbeschlüsse gegenüber der bisher von reformgemäß schreibenden Agenturen und Zeitungen gepflegten Praxis nichts ändert.



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Kommentare zu »Quantités négligeables«
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Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 18.03.2006 um 08.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3576

Wie Fr. Denk kann man es gar nicht oft genug sagen: Die sogenannte reformierte oder neue Rechtschreibung ist in Wirklichkeit eine verunstaltete, nicht mehr funktionierende herkömmliche. Man muß also den Benutzern und Verfechtern klarmachen, daß sie nicht etwas Altes, Überholtes gegen etwas Neues, Fortschrittliches eingetauscht haben, sondern sich eines mutwillig untauglich gemachten Werkzeugs bedienen. Die "neue" Rechtschreibung ist also nicht einmal neu, sondern nur schlecht. Diese Einsicht - und nicht das fruchtlose Einpauken absurder, kurzlebiger Regeln - den neu lernenden Schülern zu vermitteln, wäre die eigentliche pädagogische Aufgabe und Herausforderung - aber dazu brauchte es die konzentrierte Kraft ungezählter Lehrer mit Mut und Stehvermögen..


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 18.03.2006 um 02.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3575

Wo es gerade um Statistiken geht: Frühe OCR-Programme (Texterkennungssoftware) rühmten sich damit, daß sie eine Treffergenauigkeit von 99 % hatten. Im Klartext bedeutete dies, daß jeder hundertste Buchstabe falsch erkannt wurde und sie damit kaum brauchbar waren. Die Lage ist heute nicht sehr viel besser, und die Überprüfung durch das menschliche Auge und Gehirn ist nach wie vor recht zeitaufwendig.

Übertragen auf die Reformschreibung bedeutet dies: solange die Änderungen nicht mit unvermeidbaren Tippfehlern oder Zwiebelfischen vergleichbar sind, also vermutlich jenseits des Promillebereichs, stellen sie einen erheblichen Eingriff in die Schriftsprache dar.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 18.03.2006 um 01.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3574

Herr Denk und ich, wir widersprechen uns nicht. Mißverständlich war vielleicht meine Formulierung "Das war und ist die falsche Botschaft". Ich meinte damit nicht "sachlich nicht zutreffend", sondern "argumentativ ungünstig".

Der Arzt, der Akne selbstverständlich soweit möglich behandelt, auch wenn die Symptome nur 1 Prozent der Hautfläche oder nur 0,001 Prozent des Körpergewichts betreffen, oder der Genetiker, der weiß, welche verheerenden Folgen schon eine einzige Mutation unter Millionen Buchstaben der DNA haben kann, der Mediziner, der weiß, daß winzige Schädlinge riesige Organismen und ganze Ökosysteme bedrohen können - solche Fachleute sollten und werden sich auf den Ernst des Problems und die Lösung konzentrieren. Der Arzt wird nicht gleichzeitig zu dem Patienten oder zu seinen Angehörigen sagen: "Das betrifft doch nur 1 Prozent der Köperoberfläche - absolut lächerlich! Das ganze Thema rechtfertigt keine größeren Anstrengungen!" Sonst werden die Angesprochenen unweigerlich denken: "Wieso betont er das? Er hält das Problem offenbar für vernachlässigbar und will uns sagen, daß wir uns darum gar nicht kümmern sollten."

Also, das "Argument" der statistischen Geringfügigkeit widerspricht dem Hauptanliegen und der Erkenntnis des Fachmanns, daß das Problem ernst zu nehmen ist. Wir sollten es daher möglichst oder nur sorgfältig verwenden. Es ist und bleibt in erster Linie das "Argument" der Reformbetreiber, die es mißbrauchen, um das Engagement der Fachleute gegen ihr destruktives Unternehmen gegenüber einer naiven Öffentlichkeit ins Lächerliche zu ziehen.


Kommentar von Friedrich Denk, verfaßt am 17.03.2006 um 20.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3571

Pickel im Gesicht

Herr Wrase „warnt ... davor, vorrangig auf der statistischen Belanglosigkeit der Revision von 2006 herumzureiten. Nach derselben Methode kann man auch die Reform selbst harmlos erscheinen lassen, vgl. im Text: Von xxx Wörtern ... sind maximal yyy von der Reform betroffen ..., also 1,46%.. So hat zum Beispiel auch Friedrich Denk von Anfang an argumentiert: Die Reform sei quantitativ lächerlich. Das war und ist die falsche Botschaft!“

Dazu vier Anmerkungen:
1. Auf dem Flugblatt „Stoppt die überflüssige, aber milliardenteure Rechtschreibreform!“, mit dem wir auf der Buchmesse 1996 zur Frankfurter Erklärung aufgerufen haben, war die statistische Geringfügigkeit der Änderungen eines von 10 Argumenten. Das Argument stimmt auch noch heute: 1996 habe ich die Buchstaben gezählt, später die Wörter und – wie in der neuesten Statistik – immer wieder festgestellt: Etwa eines von 100 Wörtern ist von der ss-Regel betroffen und eines von 300 von einer anderen Regel. Das heißt: Bei 300 Wörtern sind insgesamt etwa 1,4 Prozent betroffen (die Silbentrennungen und neuen Kommas nicht mitgezählt). „Und dafür sollen wir über eine Milliarde DM bezahlen?“ So hieß es in dem Flugblatt, und das war weit untertrieben. Und wegen dieser „Geringfügigkeit“ war und ist diese sog. Reform auch total überflüssig.
2. Die statistische Geringfügigkeit der Änderungen widerlegt zudem zwei sehr erfolgreiche Propagandalügen, die eine von 1995 bis etwa 1997 wirksam, die andere noch heute: Die Rechtschreibreform verringere die Fehlerzahl um 40 Prozent (da die ss-Regel bekanntlich gar nichts vereinfacht, müßten 0,3 Prozent veränderte Wortschreibungen diese fabelhafte Wirkung haben!). Und: Die Schüler würden eine „neue Schreibung“ lernen. Die „neue“ Schreibung ist zu 98,6 Prozent die „alte“ und bewährte, die an den verschiedensten Stellen verändert und verschlechtert wurde.
3. Warum die Änderungen trotz ihrer statistischen Geringfügigkeit äußerst gravierend sind, hat je nach Perspektive verschiedene Gründe:
Für den Schreibenden sind die Veränderungen deshalb schwierig, weil Augst und Co. an den verschiedensten Stellen herumgebastelt haben. Sie haben sozusagen an einer recht gut funktionierenden Maschine „nur“ ein paar Schrauben verdreht – jetzt stottert die Maschine, und wir sollen wissen wo.
Für den Lesenden gibt es ständig Stolpersteine, was Jean Paul schon 1812 erkannt hat:
„Wider Erwarten bahnen neue Schreibungen der Wörter sich schwieriger als diese selber den Eingang, wie Klopstock, Schlözer und andere (und in Frankreich Voltaire) mit ihrem Verunglücken beweisen; vielleicht darum,
weil neue Buchstaben nicht, wie neue Wörter, etwas Neues aussprechen;
- weil das neue Zeichen, ungleich den neuen Wörtern, lästig verdunkelt;
- weil die öftere Wiederkehr den Unmuth des Auges erregt;
- weil das Zeichen mit einer unnützen Wichtigkeit die Aufmerksamkeit auf das Bezeichnete stört.“
(Jean Pauls sämmtliche Werke. Dritte vermehrte Auflage, 31. Band, Berlin 1862, S. 43).
Die größte Katastrophe aber bedeutet die Rechtschreibreform für die Verleger literarischer Bücher. Denn da reicht bekanntlich eine einzige Änderungen auf 8 Seiten, um den ganzen Bogen neu drucken zu müssen. So wurden sogar Fibeln für Erstkläßler vernichtet und neu gedruckt, weil ein einziges Wort – nämlich „naß“ – angeblich „falsch“ war. (Jetzt werden sie natürlich kein einziges Buch neu drucken - denn jetzt ist ja alles ganz anders als 1996!)

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Rechtschreibreform ist staatlich verordnete Akne. Die Reformschreibungen sind wie Pickel im Gesicht. Sie sind klein, aber auffällig und häßlich, und die Behandlung, die die Kultusminister uns aufs Auge drücken, ist extrem teuer und verlängert die Misere nur.



Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 17.03.2006 um 10.24 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3567

Weit sichtiges Bayern

Im Freistaat Bayern geht das Verbindlichmachen der Neuschreibung in schöner Regelmäßigkeit einher mit einer organisatorischen Erneuerung des dreigliedrigen Schulsystems.
Im Schuljahr 1996/97 waren noch die Umstellung des Lehrplanes in den Hauptschulen und die Schaffung neuer Fächerverbindungen (GSE und PCB) dafür verantwortlich, daß neue Bücher (selbstverständlich in Neuschreibung) gedruckt werden mußten.
2002/03 bedingte die Einführung der sechsstufigen Realschule eine Bücherschwemme (selbstverständlich in Neuschreibung).
Und nun im Schuljahre 2006/07 ist die Verkürzung der Gymnasialzeit (G8) für den Druck neuer Lehrmittel verantwortlich. Dabei sind sich alle einig, daß diese Lehrmittel in der einzig amtlichen und verbindlichen Neuschreibung zu erscheinen haben.

Das Lamento der Druck-Erzeuger währt nun ein ganzes Jahrzehnt, doch was Bayern betrifft, fehlt dem Geschrei eine einwandfreie Rechtfertigung. Die sogenannte Rechtschreibreform kann nämlich allenfalls als Sekundärmotiv herhalten. Hauptsächlich veranlaßt sind die Neuerscheinungen hingegen durch Lehrplanänderungen, welche – in wohltuendem Nebeneffekt – einen großen und gesicherten Absatzmarkt für die Zukunft schaffen.

Vom buchhalterischen Standpunkt aus ist die Sache höchst interessant und brisant. Da man jede Aktion nämlich nur einmal abbuchen kann, gibt es in Bayern keine Kosten für die sog. Rechtschreibreform. Konsequent durchgedacht heißt das: Wo keine Zahlen, dort keine Argumente; wo keine Argumente, dort kein Kläger; wo kein Gericht, dort ist Recht gleich recht.

Soll einer sagen, die Politiker in Bayern würden nicht planen. Fast scheint es so, als planten sie "weit sichtig" - für den gesamten Rest der Republik mit.




Kommentar von W.L., verfaßt am 16.03.2006 um 08.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3556

Aus einem Börsenblatt-Interview mit vier Schulbuchverlegern:

Börsenblatt:
»Zu allem Überfluss beschert Ihnen die Kultusministerkonferenz aller Voraussicht nach Anfang März noch eine Reihe von Änderungen bei der Rechtschreibung ...«

Schell (Westermann Schroedel / Diesterweg Schöningh / Winklers):
»Wenn es nur das wäre! Ein gravierenderes Beispiel ministerieller Fehlplanung ist die überstürzte Einführung der verkürzten Gymnasialzeit (G8), nachdem man kurz zuvor neue Lehrpläne für das neunjährige Gymnasium (G9) in Kraft gesetzt hatte. In mehreren großen Bundesländern mussten deswegen die frisch überarbeiteten Lehrwerke bereits nach einem Jahr wieder neu bearbeitet werden. Dies ist für die Verlage ein sehr teurer Spaß, und außerdem führt es zu Irritationen bei den Lehrern. Aber wir haben auch dies geschultert ...«


Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.03.2006 um 08.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3555

Wenn die Abweichungen wirklich so gering sind, warum ist den Schülern angeblich ein Umlernen unzumutbar? Es wird ihnen direkt Angst gemacht vor Zurückänderungen.


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 16.03.2006 um 01.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3552

Wie schwerwiegend die Veränderungen tatsächlich sind, habe ich selbst schmerzlich erfahren müssen, nachdem ich vor längerer Zeit zugestimmt hatte, einen Fachtext von mir in reformierte Rechtschreibung übertragen zu lassen. Ich schäme mich nach wie vor dafür, daß so etwas unter meinem Namen veröffentlicht wurde. Dies war im übrigen auch einer der Hauptgründe für mich, von Gleichgültigkeit gegenüber diesem Unfug zur entschiedenen Gegnerschaft zu wechseln. Man muß es wirklich einmal am eigenen Leibe erlebt haben und sehen, wie die eigene Arbeit durch die Reformschreibung der Lächerlichkeit preisgegeben wird und man selbst als Stümper erscheint, um den Widerstand vieler Autoren zu verstehen.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 16.03.2006 um 01.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3551

Von 19752 Wörtern (ohne Autorennamen) sind maximal 288 von der Reform betroffen (mögliche Übergeneralisierungen – siehe Anhang – nicht eingerechnet), also 1,46%.

Der Unterschied im genetischen Code zwischen Menschen und Schimpansen ist noch etwas größer: 1,6 Prozent; die DNA ist wie das Feuilleton der F.A.Z. laufender Text.

Nun wird man keine Schwierigkeiten haben, Menschen und Schimpansen eine Übereinstimmung von über 98 Prozent anzusehen. Doch folgt daraus, daß es egal ist, ob man Menschen in beliebiger Zahl und an beliebigen Stellen durch Schimpansen ersetzen könnte, "weil es sowieso praktisch keinen Unterschied gibt"? Natürlich nicht.

Wirklich bemerkenswert ist, daß die Propagandisten der Reform (bis hin zu allen möglichen Journalisten und zum Verfassungsgericht) im Anfang die geringen Prozentsätze der Unterschiede zwischen bewährter und experimenteller Rechtschreibung beschworen, um daraus die verachtenswerte totale Reformunwilligkeit der Gegner abzuleiten ("faule Säcke", "alte Herren"). Gleichzeitig wurde die Reform als unbedingt erforderliche Lösung eines gewaltigen orthographischen Reformstaus hingestellt. Ein eklatanter logischer Widerspruch, da sich doch nur vernachlässigbar wenig ändern sollte. Mit demselben Argument könnten nun erst recht Verlage, Zeitungen und die Politik veranlaßt werden, auf das angeblich läppische bißchen Restreform vollends zu verzichten, um Frieden und Einheit wiederherzustellen. Nun heißt es plötzlich genau umgekehrt, jede Umstellung sei eine ungeheure Zumutung, ein Wahnsinn an Investitionen usw.

Diese Art von beschwichtigender Statistik wurde also vor allem von Reformbetreibern ins Feld geführt und von Anfang an mißbraucht. Heute, wo es um die Änderung von Teilmengen der Reform geht, ist diese Argumentation noch unangemessener. Wenn, dann kann die Statistik in zweierlei Hinsicht verwendet werden:

1. Die Behauptung, die 2006er Reform der Reform führe schon weitestgehend zur bewährten Rechtschreibung zurück (Zehetmair), ist falsch. Ich verstehe Herrn Markners Untersuchung so, daß er genau dies vorführen wollte.

2. Den Spieß umdrehen: "Ihr habt in der Einführungsphase selbst immer gesagt, daß die Änderungen insgesamt lächerlich gering sind, jeder könne sie verkraften. Dann wird das jetzt erst recht gelten! Somit kann in jedem einzelnen Fall, Regeln und Schreibungen betreffend, die beste Lösung bestimmt und umgesetzt werden. Der Umfang ist jeweils und insgesamt geringer als das, was ihr selbst als völlig harmlose Menge bezeichnet habt."


Kommentar von Carsten Zander, verfaßt am 15.03.2006 um 09.08 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3534

Da nun hinter jedem Wort ein Zweifel steckt, wird jeder Text, den man verfaßt, zu einer Art "Minenfeld".
Das gilt unabhängig von der genauen Prozentzahl der geänderten Wörter.



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.03.2006 um 05.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3533

Ich möchte Herrn Wrase nachdrücklich unterstützen. Statistik ist nur in einer Hinsicht sinnvoll: Sie beweist, daß die Rechtschreibreform, in welcher Version auch immer, die versprochenen Erleichterungen nicht bringen kann. Man kann das noch durch Probediktate zusätzlich beweisen, aber ich würde nicht allzuviel Wert darauf legen.
Im übrigen sind aber auch die verbliebenen Dummheiten ärgerlich genug, um die Reform grundsätzlich abzulehnen. Dazu kommt das nicht hinnehmbare Verfahren der Einführung und Durchsetzung.
Niemand bestreitet, daß die Reform erstens ihr pädagogisches Ziel nicht erreicht hat, zweitens den Zustand der Texte verschlechtert und drittens von fast der gesamten Bevölkerung abgelehnt wird. Und nun sollen die Zeitungen uns erklären, warum sie dennoch nachgeben wollen. Es bleibt nur der Hinweis auf das bißchen, was die Schüler nach all den Jahren ständig wechselnder Schreibweisen allenfalls noch behalten haben und nun angeblich wieder zu verlernen unfähig sein sollen.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 15.03.2006 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3532

Diese Befunde konfrontieren vor allem von Hans Zehetmair mit der Wirklichkeit, der diverse Zeitungsbosse mit der frohen Botschaft geködert haben soll, durch sein Revisionswerk von 2006 sei die bewährte Rechtschreibung zu 90 Prozent wiederhergestellt.

Es ist tatsächlich skandalös oder, je nach Betrachtungsweise, ein Witz, daß ausgerechnet die Leute von der Presse sich in der Not an den Ratschlag von Politikern klammern. Als ob es nicht zehntausendfach erwiesen wäre, daß Politiker das Blaue von Himmel herunterplappern, wenn es nur ihrer Mission entspricht oder auch wenn es ihnen von irgendwelchen "Beratern" vorgeplappert worden ist, die den Kompetenzhohlraum im Kopf des Politikers mit den ihnen nützlichen Parolen füllen. Schlechte Zeiten für Information und Aufklärung, zumal die an der Leine der Reformer zappelnden Zeitungen natürlich nun ihren Holzweg weiterhin als leuchtenden Pfad interpretieren.

Insofern ist die Statistik aufschlußreich. Ich warne jedoch davor, vorrangig auf der statistischen Belanglosigkeit der Revision von 2006 herumzureiten. Nach derselben Methode kann man auch die Reform selbst harmlos erscheinen lassen, vgl. im Text: Von xxx Wörtern ... sind maximal yyy von der Reform betroffen ..., also 1,46%.. So hat zum Beispiel auch Friedrich Denk von Anfang an argumentiert: Die Reform sei quantitativ lächerlich.

Das war und ist die falsche Botschaft! Denn auch prozentual geringe Änderungen ergeben aufgrund der vielen Millionen Betroffenen über Zeiträume von vielen tausend Tagen enorme Schäden in den entscheidenden Dimensionen der Rechtschreibung: Einheitlichkeit, Übereinstimmung mit dem bisherigen und tatsächlichen Schreibgebrauch usw. Richtig interpretiert, ist der Reformschritt 2006 ein gewaltiger Einschnitt im Vergleich zum vorigen Stand der Reform: Wieder muß jede Menge umgelernt, umprogrammiert, verworfen werden, wieder veralten Wörterbücher, Schulbücher usw. Und dennoch ist ein befriedigender Zustand noch lange nicht wiederhergestellt. Auf diesen letzteren Gesichtspunkt weist die Auswertung hin, denn es zeigt sich: Die meisten Störungen, die die Reform bisher über die Schriftsprache gebracht hat, wurden noch nicht beseitigt. Quantitativ betrifft dies vor allem die neue, wesentlich fehlerträchtigere ss/ß-Schreibung, aber auch jede Menge andere Wörter und Schreibweisen.




Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 14.03.2006 um 22.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3529

Damit nicht jemand die Aussage über die statistische Signifikanz, die ich im ersten kommentar dieses Strangs machte, versehentlich in einer Diskussion verwendet: Die dort zugrunde gelegte Statistik ist natürlich völlig irrelevant. Allein die hohe Anzahl von Wörtern, die von keiner Revision der Rechtschreibreform betroffen sind, macht die hohe Zahl von 20000 Wörtern allenfalls für andere Fragestellungen zu einer sinnvollen Grundgesamtheit.

Ich bitte um Entschuldigung für den Unernst meines obigen Beitrags. SCNR


Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 14.03.2006 um 14.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3527

Oder hier:

http://sprachforschung.org/public_doc/liste.pdf

Davon abgesehen, war der intellektuelle Schlagabtausch wirklich kurzweilige und frische Kost. Danke.


Kommentar von R. M., verfaßt am 14.03.2006 um 13.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3526

Eben drum! -- Die Vergleichsliste ist immer noch hier.


Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 14.03.2006 um 13.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3525

Wo ist denn der Link zur vergleichenden Wörterliste normal-1996-2006 hingekommen (der man die Ursache für die kleine Quantität der Änderungen entnehmen kann)?


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 14.03.2006 um 13.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3524

Zu einer derartigen Nullhypothese kann man keine statistische Signifikanzaussage machen. Sie wäre mit einem einzigen Gegenbeispiel widerlegt.


Kommentar von R. M., verfaßt am 14.03.2006 um 13.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3523

Eine Nullhypothese wäre die Annahme, daß sich gar keine Veränderungen ergeben.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 14.03.2006 um 13.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3522

Nullhypothese ist in diesem Kontext die Annahme, es sei bei jedem tausendsten Wort wieder die Zusammenschreibung zu wählen. Wurde sie nicht aufgestellt?


Kommentar von R. M., verfaßt am 14.03.2006 um 12.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3521

Die Nullhypothese war hier nicht zu widerlegen, weil sie niemand aufgestellt hatte.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 14.03.2006 um 12.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=438#3520

Mit 8 Treffern (bei 20 erwarteten) ist die Nullhypothese auf dem 3-Promille-Niveau widerlegt.



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